Kapitel 4: Was bisher geschah
Ich betrachte den Bildschirm eines Laptops. Auf ihm ist ein kleiner Raum zu sehen, und in dem Raum befindet sich eine einfache Tischplatte. Chloe liegt gefesselt darauf. Sie wirkt, als wäre sie nicht ganz bei Sinnen, verkrampft und die Haare wild verstrubbelt. Ihr Oberteil ist ein zerrissener Fetzen auf dem Fußboden. Neben ihr steht eine junge Frau mit einem Messer in der Hand. Rotes Blut tropft von der Klinge.
Neben meinem fixierten Handgelenk ist eine Ablagefläche mit einem Handy darauf. Von ihm geht eine tiefe, leicht nasale Männerstimme aus, die mich auf seine selbstgefällige Weise zu züchtigen sucht.
„Sie enttäuschen mich, Miss Caulfield. Schon wieder eine Lüge. Miss Derrick?"
„Nein!", bettle ich ihn an, „Ich schwör's, nein, bitte, tut ihr nicht mehr weh. Ich flehe euch an, Ich tue ja schon alles, was Sie von mir wollen, ich schwör's ja schon…"
„Ein Strich für jede Lüge."
Die Klinge beginnt, in ihr Fleisch zu schneiden, sie hinterlässt eine weitere, tiefe Linie aus dunklem Rot. Chloes herzzerreißende Schreie lassen mir das Blut in den Adern gefrieren und martern meine geschundene Seele. Sie versucht noch sich zu beherrschen und sie zu unterdrücken, schafft es aber nicht. Ich würde alles, alles dafür geben, damit sie endlich aufhören.
„Bitte! Bitte nicht, ich schwör's ja schon… ich habe genug davon, gegen Sie anzukämpfen…"
„Werden Sie fortan auf etwaige Affronts gegen meine Wenigkeit verzichten?"
„Ja! Ja, ich verzichte. Ich schwöre es hoch und heilig…"
„Sie lügen ja immer noch, Miss Caulfield."
„Nein! Bitte! Sie haben ja gewonnen, ich kann nicht gegen Sie ankämpfen, ich sehe es ja ein! Ich flehe Sie an, so hört doch auf damit, bitte! Ich werde ja alles tun, was Sie von mir verlangen."
„Ein Strich für jede Lüge, Miss Derrick."
„Aufhören! AUFHÖREN! Fass sie nicht an, ich bring' dich um, du dreckiges Miststück!"
Meine Handgelenke bluten bereits vom ständigen Ankämpfen gegen die Fesseln. Meine Zeitreisekräfte lassen mich all dies nicht länger ungeschehen machen. Er weiß, was ich tun kann, und er kann mich davon abhalten. Wie in einem Fiebertraum beobachte ich Chloe, wie sie schreit und weint und diesem Miststück mit dem Messer einen Fluch nach dem nächsten an den Kopf wirft. Sie sind irgendwo anders. Irgendwo, wo ich sie nicht erreichen kann. Was ich fühle ist eine Verzweiflung, wie ich sie noch nie zuvor erlebt habe.
„Also doch noch ein klein wenig Wahrheitsgehalt, Miss Caulfield. Sie tragen ja solch einen Trieb in sich, zu schade, dass Sie mein großzügiges Angebot so vorschnell ablehnen mussten. Sehr bedauernswert, dass wir den … Rubikon mittlerweile überschritten haben, so zu sagen. Nun stellen Sie sich nur einmal vor, wenn Sie doch gleich zu Beginn der Stimme der Vernunft gehorcht hätten."
„Du verficktes Arschloch…"
„Miss Caulfield, ich würde es bevorzugen, wenn Sie Ihre Zunge zügelten. Ich wiederhole mich nur ungern."
„…Entschuldigung. Es tut mir leid, ich gebe ja schon auf, in Ordnung? Sie haben Ihren Standpunkt klargemacht, Sie haben gewonnen, ich werde tun, was immer Sie verlangen. Aber bitte tut ihr nicht mehr weh…"
„Wiederholen Sie nach mir: „Ich werde tun, was immer Sie verlangen, mein Herr."
„Ich… ich werde tun, was immer Sie verlangen. Mein Herr."
„Brechen Sie ein gegebenes Wort etwa sofort wieder? Ich kann es nicht ausstehen, belogen zu werden. Miss Derrick?"
„Nein! Nein, tut mir leid, hört auf! Bitte!"
Mach, dass es endlich aufhört. Ich halte es nicht mehr aus. Mach, dass ihre Schreie endlich aufhören.
Noch niemals zuvor spürte ich einen solch unbändigen Hass in mir.
„Lassen Sie es uns erneut versuchen, Miss Caulfield."
„Du widerwärtiger alter Kotzbrocken, wie kannst du jemandem bloß so etwas antun…"
„Sie sind abermals dabei, sich zu vergessen, Miss Caulfield."
„Hör mir mal gut zu, du Arschwichser! Ich arbeite ja schon für euch, ich mein's ernst. Ich bin euch schutzlos ausgeliefert und das ist mir auch bewusst. Aber wenn ich hier jemals rauskommen sollte, dann werde ich jeden einzelnen von euch bis ans Ende aller Zeit jagen und eigenhändig umbringen—und je mehr ihr ihr wehtut, desto entschlossener werde ich dabei vorgehen und desto befriedigender wird euer aller Tod am Ende für mich sein. Nichts von dem, was ihr jetzt noch tut oder sagt, wird mich jemals davon abhalten können, hörst du? Na los doch, sag mir halt, ist das nun die gottverdammte Wahrheit oder nicht!"
Es folgt eine Weile lang nur Stille, unterbrochen nur von Chloes leisen und jämmerlichen Schluchzern.
„Das ist sie," räumt die Stimme schließlich ein. „Diesmal sprechen Sie tatsächlich die Wahrheit. Mister Jefferson, seien Sie doch bitte so freundlich und geleiten Sie sie zurück in ihre Zelle. Kümmern Sie sich bis morgen früh um sie, derart eigenwillig ist sie mir hier nicht von Nutzen."
Ein Schatten erhebt sich hinter mir. „Es wird mir ein Vergnügen sein."
Der nüchtern graue Raum um mich herum verschwindet und wird ersetzt durch einen mit mehr schwarz-weiß Anteil. Hartes, kaltes Licht, Lagerkisten, eine schneeweiße Fotokulisse… dieses unerträglich abscheuerregende Ding von einem Sofa.
„Eine Zeitreisende," erklingt Jeffersons Stimme in meinen Ohren. „Kein Wunder also, dass du mir so einfach entwischen konntest. Aber das macht jetzt auch nichts mehr, habe ich nicht Recht, Max? Ich bin ja ohnehin schon längst ein Teil von dir geworden. Für immer und ewig in unserer Dunkelkammer."
Das ist nicht real.
„Du kannst mir keine Angst mehr einjagen."
Er beugt sich zu mir herunter, ich spüre ein Kribbeln auf meinem Nacken. Sein Atem neben meinem Ohr jagt einen Schauder durch mein Rückenmark.
„Das wird sich schon noch zeigen, Max. Mister Prescott will dich gebrochen haben, und der Mann soll auch bekommen, was er will. Ich bin gespannt, was du ihm noch zu sagen hast, sobald ich mit dir fertig bin."
Er löst meine Fesseln. Ich will sofort aufspringen und ihm an die Gurgel gehen, doch meine Muskeln gehorchen mir nicht länger, sie zucken nichts als schwächlich auf den Armlehnen.
„Wie gefällt dir meine neue Mixtur? Du wirst die ganze Zeit über gerade noch ausreichend geistig bei der Sache sein. Bei Bewusstsein, jedoch durchweg hilflos."
Er hebt mein Kinn und blickt mir in die Augen. Jede einzelne Faser meines Körpers will einfach nur noch weg von diesem krankhaften Eckel. Ich kann aber nicht, und es treibt mich in den Wahnsinn.
„Sieh sich einer diese Pupillen an. Einfach perfekt. Ein Jammer, dass wir letztes Mal gar nicht erst dazu gekommen sind, richtig Spaß miteinander zu haben, nicht wahr, Max? Nur Arbeit und gar kein Vergnügen. Ein Glück, dass wir das heute endlich ändern können."
Er nimmt beide meiner Hände und hebt sie hinter meinen Kopf, wo er sie mit Klebeband erneut zusammenknebelt. Als er sich näher heranlehnt, kriecht mir diese widerwärtige Empfindung der Schmach und Entblößung in die Hirnschale. Sie erstickt jeden noch so banalen Anflug eines rationalen Gedankens im Keim. Offene Furcht gesellt sich bald schon dazu und mein Atem und Herzschlag beschleunigen sich, hämmern schneller und schneller gegen Brustkorb und Kehle.
„Lass mich los, du abscheuliches Häufchen Elend…"
„Oh, bei so einem befehlenden Ton, wie sollte ich dir da widersprechen können? Obwohl, ich muss zugeben, Max, ich bin beeindruckt. Du bist ein ganz schöner Kämpfer. Ganz im Gegensatz zu deiner lieben Freundin hier. Wenn du mich fragst—und ich weiß doch, wie sehr du meine eloquente Meinung zu schätzen weißt—sie war kaum den Dreck wert, auf dem du gehst."
Über meine drogenvernebelten Sinne hinweg kann ich Chloe wahrnehmen, direkt vor mir auf dem Fußboden. Aus dem Einschussloch, welches ihre Stirn ziert, fließt langsam ein einzelner Tropfen Blut.
„Chloe… nein! Chloe, ich habe dich doch gerettet. Das ist nicht wahr, ich habe dich gerettet."
Ihre Augen öffnen sich. Sie starren einfach gerade aus ins Leere, gläsern und leblos. Mit ferner, monotoner Stimme beginnt sie zu sprechen.
„Du hast überhaupt niemanden gerettet. Wegen dir ist meine Mom tot, Max. Meine Familie. Meine ganze Heimatstadt. Wie krank ist das bitte?"
„Wie…?"
Nichts davon ist real. Einfach nicht hinhören, nichts hiervon ist real.
„Ich dachte, du wolltest sie alle retten. Ich hätte es selbst getan, doch die Kraft dazu lag nicht in meiner Hand, sondern in deiner. Warum, Max? Warum nur solltest du ihr den Rücken kehren? Warum hast du mir das angetan? Glaubtest du wirklich, ich könnte leben mit solch einer Last auf meinem Gewissen? Ich mag zwar atmen, doch innerlich bin ich schon tot."
Ich kneife meine Augen zu. Das ist nicht echt—es ist einfach nicht real. Ich wiederhole es wieder und wieder in meinem Kopf, doch trotz besseren Wissens versuche ich verzweifelt anzukämpfen gegen die Fesseln, ihnen meine Freiheit mit all meiner Kraft zu entreißen. Ich will treten und um mich schlagen wohin ich nur kann. Doch diese hoffnungslose Lähmung in meinen Gliedern hält unvermindert an, nichts will mir helfen ihrem eisernen Griff zu entrinnen. Nichts, während schwarze Ranken eindringen in meinen Schädel und damit beginnen, mich von innen heraus zu erfüllen mit ihrer ewigen Dunkelheit…
Und dann streichen warme, sanfte Finger durch mein Haar, ganz sachte und weich. Ihre Gegenwart steht im Tag-und-Nacht Unterschied zu Jeffersons ekelerregender Präsenz oder diesem übelriechenden Leichnam von einer Frau vor mir.
„Schhhh."
Ich fühle, wie mich jemand leicht am Nacken anhebt und langsam hin- und herwiegt. Wärme und Trost vertreiben das Dunkel gleich einer gleißend goldenen Lanze des Lichts, welche die brodelnden Sturmwolken durchbricht.
„Schlaf weiter, Max. Niemand kann dir wehtun. Du bist hier in Sicherheit."
Die Stimme ist ein hauchzartes Flüstern, behutsam, besonnen und liebevoll. Klar übertönt sie all die anklagenden Schreie um mich herum und bannt sie in jenes finstere Verlies am Ende der Zeit, welchem sie dereinst entsprangen. Sie hebt meinen erschöpften Geist empor über das donnernde Tosen des gewaltig fluchenden Wirbelsturms unter mir.
„Du bist in Sicherheit, hier bei mir."
Ich klammere mich an ihre Worte mit all meiner verbleibenden Kraft, auf dass jenes allessehende Auge dieses endlos wütenden Strudels mich doch noch nicht gänzlich hinabschlingen möge.
Als meine Augen sich öffnen, ist das erste, was ich wahrnehme, dieses warme, goldgelbe Leuchten um mich herum. Ein erfrischend fruchtiger Geruch liegt in der Luft—Kirsche? —und eine angenehme Melodie erklingt dezent von der Stereoanlage. Sanfte Finger kraulen durch mein Haar, ganz sachte und beruhigend.
„Chloe?"
„Hey, kleine Schlafmütze." Sie legt etwas beiseite—ihr Handy vermutlich. Ich kann ganz klar ein Lächeln aus ihrer Stimme heraushören. „Du warst 'ne ganze Weile lang weggetreten. Ich hab' mir schon langsam Sorgen gemacht."
Mein Kopf liegt auf ihrem Schoß. Meine Arme umschlingen eines ihrer Beine, als wäre sie ein Kuscheltier. Ein wohl durchtrainiertes, unbekleidetes Bein, wie ich feststellen muss.
Ich fühle mich nicht unbedingt geneigt, alsbald wieder loszulassen. „Wie lange?"
„Ein paar Stunden. Am Anfang warst du noch völlig geplättet. Später hattest du, glaube ich, 'nen Albtraum, hast dich dann aber nach einer Weile wieder beruhigt."
„Warst du das? Hast du mich gehalten? Geflüstert?"
„Ja… Ja, das war ich. War nicht meine erste Übernachtungsparty."
Ich drücke ihr Bein dankbar an mich. „Danke."
„Immer."
Ich bemerke, dass es Message to Bears sind, die da auf der Stereoanlage spielen. Eines ihrer neueren Lieder. Offenbar weiß sie genau, dass ich ihre Musik liebe. Und woher kommt eigentlich dieser Geruch? Es riecht hier absolut himmlisch. Duftkerzen vermutlich. Zumindest ist der ganze Raum erfüllt von Kerzenschein. Alles würde sich so verdammt perfekt anfühlen, wären doch nur nicht diese grausigen Überbleibsel der albtraumhaften Erscheinung in meinem Kopf oder dieser widerlich metallene Nachgeschmack, den sie in meinem Mund hinterlässt.
„Es war schrecklich, Chloe."
„Willst du erzählen, was passiert ist?"
„Es war noch viel schlimmer als ich es normalerweise gewohnt bin. Hat Sean Prescott uns wirklich gefangen genommen?"
„Das hast du gesehen?"
„Ja! Ist es echt so passiert? Haben sie dich wirklich gefoltert? Bitte sag's mir einfach."
„Na ja… ja und nein. Für mich zumindest ist es nicht passiert. Für BetaMax allerdings schon. Sie konnte diesem Wahnsinnigen erst nach Wochen entkommen. Sie ist durch ein Foto gesprungen und hat dafür gesorgt, dass es niemals stattfinden würde."
Ich bin fassungslos, dass sie meine Befürchtung so einfach bewahrheitet. Wie entsetzlich, so etwas durchmachen zu müssen. Ich kann den schieren Hass noch immer in mir spüren, all diesen ohnmächtigen Zorn. Kein Wunder, dass ich den Typen umbringen wollte.
„Und Jefferson? Ist der etwa noch am Leben?"
„Nein. Das Arschloch könnte toter nicht sein. Während des Sturms hat es 'nen Sattelschlepper in die Polizeiwache geschleudert, genau dort, wo seine Zelle war. Das einzig Gute, was dieser Tornado je angerichtet hat."
„Er ist garantiert tot? Wurde seine Leiche auch sicher gefunden?"
„Das wurde sie. Was davon übrig war zumindest. Ich verspreche dir, Max, er wird niemals wieder irgendjemandem ein Leid zufügen können."
Ich bedenke ihre Worte einen Augenblick lang. „Er hätte noch weit Schlimmeres verdient," sage ich ihr.
„Exakt meine Rede. Max, was ist los mit dir? Du dürftest eigentlich gar keine Erinnerungen behalten. Bisher war es doch auch noch nie so."
„Keine Ahnung. Vielleicht wirken sich Träume irgendwie… anders aus? Woher soll ich denn wissen, wie das alles funktioniert?"
„Kannst du dich an sonst noch was erinnern? Irgendwas?"
„Nein. Ehrlich. Nur dieser schreckliche Albtraum. Vielleicht kriege ich ja noch mehr davon. Auch wenn ich alles andere als begeistert bin von dieser Aussicht."
„Och Menno, was für'n Scheiß. Ich hatte gehofft, du könntest jetzt vielleicht endlich mal ruhig schlafen, aber offenbar war das zu viel verlangt. Ist echt Kacke, dich ständig so übermüdet zu sehen."
„Ach, komm schon, so schlimm kann's doch kaum sein. Nicht solange du da bist und mich vorm Klabautermann beschützt."
„Schön wär's. Aber manchmal hilft echt nichts anderes als dich einfach aufzuwecken. Du meintest schon öfters, ich solle dich einfach sein lassen, damit wenigstens ich mal gescheit durchpennen kann, aber das kannst du dir natürlich schön wieder abschminken."
Ich betrachte sie aus dem Augenwinkel. „Du bist die ganze Zeit hier bei mir gewesen?"
„Quatsch. Nachdem ich sichergegangen war, dass du es auch bequem und gemütlich hast, bin ich raus, hab' meine Runde Sport getrieben und danach erstmal geduscht. Ich habe erst wieder nach dir gesehen, als ich fertig war, und dann meine Maxflüsterer-Tricks zu Besten gegeben. Und danach hab' ich noch ein paar andere Haus—ähm… Bus-Arbeiten erledigt. Es macht nur Sinn, diese Sachen abzuhaken, solange du schläfst, weil ich dann mit Sicherheit weiß, dass du sie nicht alle wieder rückgängig machen kannst. Hier rumsitzen tue ich erst seit… etwa zwanzig Minuten oder so."
„Warte… Warte. 'Tschuldigung, aber habe ich da eben richtig gehört? Du und Sport?"
„Jaja, lach nur, du Nerd. Mal sehen, wer zuletzt lacht, wenn ich deinen bewusstlosen Hintern das nächste Mal aus der Scheiße ziehen darf, weil unser kleines Fräulein Orakel hier mal wieder eine ihrer Visionen hat."
„Miau. Noch lange kein Grund, gleich die Krallen auszufahren."
„Oh-ho doch!" Sie kneift mich in den Oberarm. „Ich verarsche dich doch jeder Zeit gerne."
„Echt jetzt? Ist mir ja noch überhaupt nicht aufgefallen… Oh Mann, ich müsste dich eigentlich noch tausend andere Sachen fragen, aber ich komme mir bloß vor wie ein Volldepp, weil ich von nichts eine Ahnung habe."
„Was redest du denn, ist doch lustig. Normalerweise bin immer ich diejenige mit chronischer Chrono-Amnesie. Endlich darf ich auch mal die unverbesserliche Besserwisserin sein."
„Stimmt auch wieder. Dann bekommst du vielleicht mal zu spüren, wie es ist, wenn man immer wieder alles tausendfach bis ins kleinste Detail erklären muss."
„Oh, das überaus beschwerliche Leben einer Zeitreisenden: Kann es etwas ermüdenderes geben?" Sie seufzt tief und lang und übertrieben, lässt ihre Schultern einmal kurz kreisen, bevor sich in die extraweichen Plüschkissen sinken lässt. „Ist manchmal schwierig, aber man kann sich schon damit abfinden."
Wir verfallen erneut in Stille. Ich lasse meine Sinne einfach treiben in der superbequemen und entspannten Atmosphäre. Ihre Finger durchkämmen noch immer ganz regelmäßig meine Strähnen, ich spüre immer mal wieder, wie ihre Fingernägel mich sachte am Haaransatz kraulen. Ihre andere Hand streichelt derweil langsam meinen Arm. Ganz leicht nur, rauf und runter, rauf und runter. Es fühlt sich gut an. Sehr gut sogar. Damit könnte ich mich tatsächlich abfinden.
Mmmh, und wenn ich ganz ehrlich bin, irgendwie fühle ich mich auch ein bisschen, na ja, ihr wisst schon… in Stimmung? Langsame Musik, Kerzenschein, Chloe, wie sie mich so streichelt und liebkost… Es scheint alles wie dafür gemacht, mich in Fahrt zu kriegen, und ich bin nicht gerade aus Stein.
Ich reiße meine Augen auf. Blitzartig schieße ich neben ihr in die Höhe und grinse wie ein Vollidiot. „Oh mein Gott. Du willst mich gerade sowas von verführen."
Es ist gerade mal für den winzigsten Bruchteil einer Sekunde lang zu sehen, doch es ist eindeutig eine plötzliche Panik, die da in Chloes Gesicht geschrieben steht.
„Was! Was redest du denn, komm mal wieder runter! Du hattest 'nen Albtraum. Ich wollte nur… ich weiß halt, was dir guttut, und ich wollte, dass du dich auch wohlfühlst, wenn du aufwachst, und…"
„Mh-hmm…"
„Stimmt doch! Das hier ist praktisch ein neues Leben für dich und ich wollte halt, dass du dich fühlst, als würdest du hier auch hingehören, also habe ich…"
„Ich habe dich sowas von auf frischer Tat ertappt, Chloe, gib's einfach zu." Ich schaue an ihr runter. „Übrigens, wo ist eigentlich deine Hose abgeblieben? So warm ist es hier drin auch wieder nicht."
„Hey! Was willst du eigentlich von mir? Da will ich dir mal was Gutes tun und was bekomme ich als Dank dafür? Fick dich doch selber!"
Ich neige meinen Kopf zu Seite, völlig außerstande das breite Grinsen auf meinem Gesicht zu unterdrücken. Ein guter Teil von mir weiß sehr wohl, wie fies ich gerade zu ihr bin, doch eine peinlich verlegene und sich verhaspelnde Chloe ist doch immer wieder zum Totlachen. Ich hole zum entscheidenden Schlag aus: „Ich glaube, die bessere Frage lautet, was willst du eigentlich von mir?"
Die kurze Panik ist zurück, ihre Wangen laufen noch röter an—wer hätte gedacht, dass das überhaupt möglich ist? „Kacke…", seufzt sie schließlich. „Bin ich echt so offensichtlich?"
„Eigentlich… hast du dich ziemlich geschickt angestellt. Und es hat auch sogar funktioniert."
„Echt jetzt?" Ihr Gesicht leuchtet erneut auf, doch sofort wieder fährt sie zusammen. „Sieh mich an! Ich hatte versprochen, ich würde mich nicht an dich ranmachen, und jetzt tue ich's sogar noch während du schläfst. Ich habe keine Ahnung, wie ich damit umgehen soll, O.K.? Heute Morgen noch bist du voll auf mich abgefahren und jetzt plötzlich stehen wir beide wieder ganz am Anfang. Also… dachte ich mir halt… wenn du schon was anfangen wolltest, dann könnte ich es dir auch genauso gut leichtmachen. Ich schwör dir, ich habe keinerlei Erwartung an dich, wir müssen—"
Ich lehne mich zu ihr hinüber und noch bevor sie richtig reagieren kann, findet meine Hand ihre Wange und meine Lippen die ihren. Nach außen hin mag es impulsiv und unüberlegt erscheinen, doch wenn ich ganz ehrlich bin, ich wollte das schon machen in dem Moment, als ich heute hier aufgetaucht bin.
Ach, was rede ich denn, schon weit früher davor. An jedem einzelnen Tag, der verstrichen ist. In jeder einzelnen Minute seit unserem letzten Kuss oben auf der Klippe beim Leuchtturm. All die Zeit habe ich geschmort über der Glut dieser einen schicksalhaften Erinnerung. Ich habe sie geschürt und genährt, bis sie mein anderes Leben als Tote zu jener Asche verbrannte, die sie heute ist. Wäre ich überhaupt gesprungen, wenn wir uns nicht geküsst hätten? Hätte ich sie so sehr vermisst, wenn ich den Geschmack dieser verbotenen Frucht niemals schmecken hätte dürfen?
Ihre Reaktion ist… heftig. Nach nur einem winzigen Augenblick der Überraschung schlingen sich ihre Arme vertraut um meine Hüfte und bringen mich noch näher an sie heran. Ihre Lippen suchen die meinen, begierig und unersättlich. Sie atmet mich tief ein, als bekäme sie nicht genug Sauerstoff in ihre Lungen.
Ich habe das nur zwei Male zuvor gemacht; sie schon hunderte und das merkt man. Sie kennt jede einzelne meiner Neigungen und Vorlieben. Es ist etwas merkwürdig und furchteinflößend, aber auch umso aufregender und schaurig-schöner und einfach nur wunderbar.
Unsere Münder trennen sich voneinander und wir blicken einander an. Ein erregtes Flattern macht sich breit in meiner Brust und auf ihren Lippen formt sich das wunderhübscheste kleine Lächeln, das ich je gesehen habe. „Du bist sowas von abgefahren, Max."
Die Verlockung, mich direkt wieder auf sie zu stürzen, scheint schier überwältigend, doch ich kann mich noch einmal am Riemen reißen. Zu viele Fragen in meinem Kopf schreien noch immer nach Antwort. Ich küsse sie trotzdem noch einmal, nur ganz flüchtig diesmal, und schenke ihr meinerseits ebenfalls ein Lächeln. Und dann lege ich mich wieder hin und mache es mir erneut in ihrem Schoß gemütlich. „Nur damit du auch weißt, dass ich wirklich ernsthaftes Interesse daran habe, was du sonst noch so zu bieten hast."
„Wow, ähm… Na gut." Sie ist etwas kurzatmig. „Zeigst, wo's langgeht, oder, du Luder?"
„Ha! Ich bin ja schließlich auch der Käpt'n."
„Ich weiß zwar, dass du nur Kacke laberst, aber du bist halt echt irgendwie der Käpt'n in dem ganzen Laden hier. Meistens bist du grundsätzlich allen anderen um dich herum mindestens zwanzig Schritte voraus. Gegen sowas lässt sich nur schwer Einwände erheben."
„Irgendwie bezweifle ich trotzdem, dass dich das jemals davon abhält, es zu versuchen."
„Nö, tut's echt nicht. Du kennst mich zu gut."
Ich möchte auf ewig in diesem Moment bleiben. Das Gespräch zur Ruhe kommen lassen und sie für immer als mein Kissen benutzen. Wo wir hier sind, was wir hier machen, und was alles geschehen sein muss, dass wir hier überhaupt erst gelandet sind; das alles interessiert mich doch einen Scheißdreck. Ich denke mal, wenn ich wollte, könnte ich tatsächlich für immer hierbleiben, wenn ich diese Minute nur immer und immer wieder zurückspulte. Aber dann würde es sich schon bald nicht mehr besonders anfühlen, nicht wahr?
Sei es wie es sei, die Fragen winden sich weiterhin unaufhörlich in meinem Kopf, niemals geraten sie zu weit in den Hintergrund. Das Mindeste, was ich tun sollte, ist, mich meinen Tatsachen zu stellen.
„Also… du weißt, was ich fragen muss, oder?"
Ihr Körper spannt sich kurz an. Sie weiß es.
Ich halte ihre Hand, in der Hoffnung, das könnte es mir einfacher gestalten. „Hat irgendjemand überlebt?"
Sie atmet langsam aus. „Ja. Ein ganzer Haufen Leute hat überlebt."
Nur nicht meine Mutter, kann ich heraushören in der nachfolgenden Stille. „Es tut mir so unglaublich leid, Chloe."
„Muss es nicht. Wir haben das alles schon mal durchgekaut."
„Ich meinte ja auch nur… es tut mir leid, dass es so ablaufen musste. Dass wir nicht beides haben konnten."
„Ich weiß genau, wie du es meintest." Sie drückt meine Hand auf beruhigende Weise. „Mir tut es ja auch leid. Aber wir sollten besser nach vorne blicken. Ich war ihr eine beschissene Tochter. Ich habe für sie alles immer nur noch schwieriger gemacht, aber daran ist jetzt auch nichts mehr zu ändern. Alles, was ich jetzt noch tun kann, ist, sie stolz darauf zu machen, was aus mir wird."
Mir ist bewusst, dass dies noch ein Gespräch sein muss, welches wir bereits geführt haben. Ich frage mich, wie lange es wohl für sie gedauert haben mag, bis Trauer sich gewandelt hat in Akzeptanz.
„Keine Ahnung, ob es was hilft, aber… sie war am Boden zerstört, dich zu verlieren. Das war auch… einer der Gründe, weshalb ich—"
„David hat es übrigens überstanden. Und Victoria Chase, die dumme Zicke, weil sie zu dem Zeitpunkt nicht mal in Oregon war."
Also gut, diesen Wink mit dem Zaunpfahl, kann sogar ich noch erkennen: Fresse halten, was Joyce angeht. „Das ist echt cool. Freut mich zu hören, dass David da heil rausgekommen ist."
„Die Schule hat es bis auf die Grundmauern verrissen. Er hätte es also wahrscheinlich nicht geschafft, wenn er sich nicht 'nen Tag frei genommen hätte, um zu helfen, Jefferwichsers Unterschlupf zu räumen. Und erst später hat er dann über meine Mom herausgefunden… aber selbst dann hat er es noch geschafft, das erstmal zurückzustellen und sich voll und ganz auf die Such- und Rettungsaktionen zu konzentrieren. Ist'n richtiger Held, der alte Mann. Ich war so ein dummer Vollidiot, ihm nie eine gescheite Chance zu geben."
„Und… wir haben nicht mitgeholfen?"
„Wir hatten es versucht. Wir hatten es ehrlich versucht. Aber wir sind nicht damit klargekommen. Wir sind von dem Hügel runter und ich musste mitansehen, wie du zusammengebrochen bist und mit bloßen Händen die Trümmer durchwühlt hast. Du hattest es nicht gepackt, wir mussten von da weg. Es… war einfach zu viel."
„Also haben wir Arcadia Bay einfach so zurückgelassen?"
„Für eine Weile lang ja. Na ja, offiziell sind wir genau genommen noch immer nicht zurück, aber wir haben trotzdem schon mehr getan als viele andere, wenn du verstehst. Du weißt schon, die ganze Kohle, die du wert bist? Du hast Arcadia Bay praktisch ertränkt mit 'ner ganzen Flutwelle davon… Eigentlich könnten sie die Stadt gleich umbenennen in Max' ‚Kohlefeld'." Unverschämt dreist, wie sie ist, wartet sie noch darauf, dass die Pointe zündet. „Kapiert? Wegen deines Namens? Caulfield? …Kohlefeld?"
„Du bist echt unmöglich, Chloe, weißt du das eigentlich?"
„Unmöglich ist mein zweiter Vorname, wie du weißt. Und es hat sowieso kein Mensch eine Ahnung, dass du dahintersteckst. Wir arbeiten über unzählige Umwege aus dem Hintergrund. Alles anonym, durch Spendenaktionen und Organisationen für Wohltätigkeit und so weiter."
„Klingt… kompliziert."
„Ja schon, ist es auch manchmal. Du hattest einmal deine Zeitreisekeule ausgepackt und dir selbst Unmengen Wissen in Rekordzeit eingeprügelt. War echt gruselig irgendwie. Du bist morgens aufgewacht, hast für vielleicht eine Minute oder so mit mir abgehangen und dann diese absolut wahnwitzigen Telefonate geführt. Und dann warst du plötzlich auch schon wieder todmüde. Hattest mich noch gefragt, ob ich ein paar Dinge erledigen könnte, während du dich wieder aufs Ohr haust und weiterschläfst—wenn man das überhaupt Schlaf nennen kann, was du da immer machst mit all deinen beschissenen Albträumen und dem ganzen anderen Scheiß, der sonst noch so in deinem Kopf herumspukt. Du hattest dabei sogar ständig noch geflüstert, von Finanzanlagen und irgendwelchen Kleinaktien und so'n Zeug. Unser Essen ist zuhauf aus dem Kühlschrank verschwunden, ganze drei Tage war es, als wohnte man mit 'nem gottverdammten Gespenst zusammen."
„Ach Menno…, und jetzt habe ich all das gesammelte Wissen einfach wieder überspielt, nicht wahr? Echt toll gemacht, AlphaMax…"
„Hörst du jetzt vielleicht endlich mal mit dieser pausenlosen Selbstgeißelung auf? Du bist doch der ganze Grund, weshalb wir überhaupt erst hier sind und schon so weit kommen konnten. Davon abgesehen hast du mir auch so einiges beigebracht. Ich kenne alle Passwörter und du hast dir das Wichtigste in deinem Tagebuch aufgeschrieben, ist also nicht alles futsch. Uns war sehr wohl bewusst, dass es so kommen würde, O.K.? Wir haben dafür vorausgeplant. Vertrau deiner getreuen Handlangerin doch mal."
„Wohl eher meiner Babysitterin. Klingt fast so, als müsstest du andauernd auf mich aufpassen."
„Wir passen gegenseitig aufeinander auf, glaub mir. Wie heißt es so schön? Auf große Macht…"
Ich gebe ein leichtes Kichern von mir. „…Folgt noch größere Blödheit."
„Exakt! Und genau deshalb haben wir uns auch dazu entschieden, ganz offiziell tot zu bleiben."
Ich brauche einen Augenblick, um zu registrieren, was sie gerade gesagt hat. Ich sitze auf und blicke sie an mit gerunzelter Stirn. „Wir haben was?"
„Uns wurde bald klar, dass es so am sichersten ist für alle. Man hat es auf dich abgesehen, Max. Jeder, den du je kanntest, wird dadurch automatisch auch zum Ziel."
„Wer? Sean Prescott? Ich dachte, der wüsste ohnehin schon längst, wer ich bin, wozu also—" Ich verliere plötzlich den Faden. Auf einmal läuten alle Alarmglocken in meinem Kopf. Ich greife nach ihrem Arm. „Chloe, geht es meinen Eltern eigentlich gut?"
Sie tätschelt leicht meine Hand. „Keine Sorge, es geht ihnen gut. In dieser Zeitlinie. Weil du's wieder in Ordnung gebracht hast. Weil wir nicht zu ihnen gerannt sind. Verstehst du, was ich dir sagen will?"
„Sie… man hat ihnen wehgetan? Wegen mir?"
„Nein, wegen Prescott. Aber es geht ihnen jetzt gut, O.K.? Sie wissen sogar Bescheid, was los ist, dafür hast du schon gesorgt." Sie seufzt und schüttelt den Kopf. „Ich glaube, ich sollte jetzt echt mal damit loslegen, dir die Geschichte von Anfang an zu erzählen. Oder, ich denke mal, du könntest auch genauso gut dein Tagebuch lesen und es so hinter dich bringen. Wie du willst."
„Moment, warte. Sie wissen Bescheid? Also… über alles?"
„Ja doch, Max. Sie wissen bereits, dass ihre Tochter lesbisch ist wegen ihrer besten Freundin. Auch wenn es mein armes altes Herz schmerzt, mit anzusehen, wie bestürzt du bist über diese Tatsache."
„Du weißt, was ich meine! Sie wissen Bescheid?"
„Dass du auf deine Schulausbildung geschissen hast und jetzt ohne jegliche Karriereperspektive auf der Straße lebst? Jup, das wissen sie auch."
„Chloe!"
„Uuund dass du durch die Zeit reisen kannst, ja. Kann gut sein, dass du sie auch davon vollständig überzeugt hast."
Ich sitze einfach nur da, sprachlos. Versuche mir vorzustellen, wie meine armen Eltern erfahren müssen, dass ihre Tochter jetzt wie eine Gesetzlose durchs Land zieht. Mit Superkräften, noch zu allem Überfluss. Ich kann sehen, wie all die Hoffnungen und Träume, die sie stets für mich gehegt hatten, vor ihren Augen zu Staub zerfallen. Dads herzhaftes Lachen würde zu Sorge, zu Ungläubigkeit, zu kaum zurückgehaltenen Tränen. Mom wäre zunächst noch verärgert, dann zu Tode verängstigt. Sie würde anfangen zu weinen, bis ihre Augen nachgäben unter Tränen.
Und dann fällt die Erkenntnis auf mich zurück. Ich selbst hatte mir noch vorgestellt, gemeinsam mit Chloe für eine Zeit lang bei meinen Eltern unterzukommen. Ich hatte gedacht, wir würden dort versuchen, Verlust und Trauer zu verarbeiten, dann über unser weiteres Leben nachdenken, vielleicht die Schule in Seattle abschließen und mich dann irgendwann der Fotografie widmen. Vor allem aber hatte ich immer angenommen, schlau genug zu sein, diese unseligen Zeitreisekräfte nie wieder anzurühren.
Chloe bringt einen feinfühligen Arm um meine Schultern. Sie stützt mich, als fürchtete sie, ich könne unter einer unsichtbaren Last zusammenbrechen. „Dir dämmert es langsam, hab' ich Recht? Für uns gibt es kein normales Leben, Max. Und weißt du, was? Besser isses. Würdest du dich ehrlich für den Rest deines Lebens um Miete, Arbeitsstress und Rentenversicherung kümmern wollen? Eine Ausbildung machen, um dich dann von der ewigen Tretmühle des Arbeitsmarktes ausquetschen zu lassen? Du kannst durch die verfickte Zeit reisen! Mehr noch, was du alles Abgefahrenes anstellen kannst ist reiner Superheldenstoff. Du kannst so etwas unmöglich einfach wieder wegwerfen und zu deinem langweiligen alten Hipsterleben zurückkehren."
„Chloe, ich habe alles kaputt gemacht mit diesen Kräften."
„Na und? Nur noch ein weiterer Grund, dich jetzt noch mehr anzustrengen. Sie richtig zu nutzen. Du hattest dich damals so sehr darauf konzentriert, meine albernen kleinen Problemchen zu lösen, dass du dabei kein einziges Mal an das große Ganze dachtest. Du besitzt die Fähigkeit, die Welt zu verändern, SuperMax."
Ich schnaube ein argwöhnisches Lachen aus. „Ja klar, oder sie gleich in Stücke zu zerfetzen. Du trägst deinen Kopf doch manchmal echt in den Wolken."
„Kann nichts dafür, wenn ich jeden Tag miterleben darf, wie du das Unmögliche vollbringst. Du wirst es schon noch einsehen, da habe ich keinen Zweifel. Also gut, was darf's denn sein? Tagebuch lesen oder Geschichte erzählen?"
„Oh, ähm... Ich würde eigentlich lieber deine Stimme hören, wenn es dir so oder so nichts ausmacht. Ich lese das Tagebuch dann später trotzdem noch."
„Ist mir gleich, macht für mich buchstäblich keinerlei Unterschied. Lass mich nur eben noch eine rauchen gehen und dann können wir loslegen. Du kannst dich hier ja schon mal umschauen, solange ich weg bin. Ich weiß doch, wie sehr es dich schon in deinen langen Fingern jucken muss, hier alles zu durchwühlen und anzugucken."
„Also das ist ja unerhört! Willst du etwa behaupten, ich stecke meine Nase in anderer Leute Angelegenheiten?"
„Nein. Ich behaupte, du bist 'ne schamlose Rumschnüfflerin bist du. Bin gleich wieder zurück." Sie lehnt sich herüber und küsst mich kurzerhand auf die Lippen, als wäre nichts dabei. Dann, gerade im Begriff aufzustehen, wird ihr erst bewusst, was sie soeben getan hat. Sie sieht auf mich zurück, als wäre sie gerade vom Schuldirektor persönlich auf frischer Tat ertappt worden. „Oh, Scheiße… 'Tschuldigung, ich hab' nicht mal drüber nachgedacht…"
Ich blinzle sie nur an, mein Mund wird zu einer schmalen Linie. „Schön, dass du dir bei dieser Sache schon so sicher bist, Chloe. Könntest dir aber vielleicht schon ein bisschen mehr Mühe dabei geben, findest du nicht?"
„Ich schwöre dir, das war wirklich nicht mit Absicht! Ist mir einfach so rausgerutscht! Tut mit echt voll leid, ich bin nur immer noch so sehr gewohnt, das andauernd zu machen!"
Es kostet mich jedes einzelne bisschen Selbstbeherrschung, bei ihrer erneuten Panik ein ernstes Gesicht aufrecht zu erhalten. Irgendwie habe ich das Gefühl, ich bin ein ganz schön fieser Sadist.
„Chloe, du wirst mich nur dann küssen, wenn ich dir vorher auch explizite Erlaubnis erteilt habe." Ich deute auf den Fußboden. „Und jetzt auf die Knie vor deinem Herrn und Meister."
Ihre Augen werden groß wie Spiegeleier. Doch anstelle ihres ganzen Körpers fällt lediglich ihre Kinnlade zu Boden. Ihr Anblick ist einfach zu köstlich. „Du mieses, verzogenes Gör!" Sie schubst mich zurück in die Kissen, schnappt sich Handy und Mütze von der Armlehne und stampft davon Richtung Ausgang, wobei sie auf Schritt und Tritt begleitet wird von meinem schallenden Gelächter. „So also dankt einem die Jugend von heute für seine Rücksichtnahme! Undankbares Pack, diese miese, kleine—" Die Fronttüre öffnet sich und als sie wieder zufällt, wird schließlich auch den Rest ihrer in der Distanz immer leiser werdenden Beschwerdepredigt vollends erstickt.
Ich glaube, mir ist echt nicht mehr zu helfen. Ich weiß, dass sich schon unsäglich schreckliche Dinge ereignet haben. Und auch, dass wir uns schon längst in alle möglichen grausamen Spinnereien verstrickt haben, und doch… in mir kann ich diese tiefsitzende Freude am Leben fühlen. Sie schenkt mir Hoffnung, Zuversicht und eine begeisterte Lust auf jene Zukunft, die mich schon bald erwartet. In meiner Vergangenheit habe ich Ungeheuerliches getan, damit ich jetzt und heute hier sein darf. Ungeheuerliches, das ich einfach nicht bereuen will. Seit Monaten ist dies das erste Mal, dass ich wieder aufrichtig sagen kann… ich fühle mich glücklich.
Macht mich das zu einem Ungeheuer?
„Macht dich wahrscheinlich nur völlig plemplem im Kopf," spreche ich vor mich in den leeren Raum hinein.
Ich wische mir die verbleibenden Freudentränen aus den Augen und sehe mich um in der kerzenerleuchten Dunkelheit. Die Uhr auf der Mikrowelle zeigt kurz nach dreizehn Uhr an—diese Jalousien und getönten Fenster leisten wirklich ganze Arbeit. Auf dem Stuhl neben dem Sofa bemerke ich Mantel und Halfter, welche ich beide vorhin noch getragen habe, und muss unweigerlich anfangen zu kichern bei der Vorstellung, wie Chloe mühsam an mir herumwerkelt, um diese Dinger inklusive Waffe von meinem vollkommen bewusstlos schlafenden Leichnam zu schälen. Doch der Gedanke, dass ich damit tatsächlich Menschen erschossen haben soll, lässt mich auch ebenso schnell wieder ernüchtern.
Ohne also viel darüber nachzudenken, strecke ich mich hinüber und ziehe den Mantel näher an mich heran, um dessen Taschen—oder genauer gesagt deren Inhalte— genauer unter die Lupe nehmen zu können. Ist schließlich kein Herumschnüffeln, solange ich mir nur meine eigenen Sachen angucke.
Mal sehen… eine dieser Plastiktütchen mit luftdichtem Druckverschluss; leer. Ein Handy, welches ich noch nie zuvor gesehen habe; ausgeschaltet. Eine sonderbar anmutende Magnetstreifenkarte—„Prism" ist darauf als Logo aufgedruckt, eingerahmt von einem schwarz stilisierten Würfel; merkwürdig. Eine Packung Erdbeerkaugummi; zuckerfrei. Ein nicht tödlicher Taser; ach du heilige Scheiße. Und in einer der zahlreichen Innentaschen befindet sich derselbe alte und heruntergekommene Klettverschlussgeldbeutel, den ich nun schon seit meinem dreizehnten Geburtstag benutze. Das Klett haftet schon lange nicht mehr richtig, doch ich werde all die kleinen Fächlein mit ihren mittlerweile ebenfalls kaputten Reißverschlüssen sowie die versteckten, aber raffiniert ausklappbaren Seitentaschen für alle Zeit in Ehren halten. So kompakt und dennoch so praktisch.
Ich reiße das nicht haftende Klett auseinander und werde begrüßt von einem Foto von Chloe. Sie schläft, ihre blauen Haare stehen in alle Richtungen zu Berge, ihr Mund steht etwas offen und eine Backe wird von ihrem Kissen, welches entfernt einen Sabberfleck erahnen lässt, leicht nach oben aufgebauscht. Ihr Anblick ist zum Niederknien, aber gleichzeitig auch ehrlich und aufrichtig und schlichtweg rundum perfekt.
In seinem gewohnten Fach befindet sich auch mein Führerschein, nur, es ist überhaupt nicht mein eigener. Nicht wirklich. Zum einen wurde dieser hier ausgestellt in Oregon, nicht in Washington wie noch mein alter. Außerdem zeigt mich das Passbild darauf mit langen dunklen Haaren und… Lippenstift? Igitt. Ich bin neugierig, unter welchem Name er wohl ausgestellt wurde, muss ungläubig noch ein zweites Mal hinsehen, und rolle dann übertrieben mit den Augen, während ich mir voller Selbstscham mit der Handfläche auf die Stirn patsche.
Offenbar lautet mein offizieller Name von nun an Lauren Frost. Ganz genau so heißt auch meine Level achtundfünfzig Untoten-Magierin von Tirisfal. Ein… ziemlich cooler Name, wie man ihr unweigerlich zugestehen muss.
„Jup… damit ist es amtlich. Du bist ein unwiderruflich hoffnungsloser Nerd, Max."
Ansonsten scheint alles beim Alten geblieben zu sein. Fünfzehn Dollar in bar—und ich dachte, wir wären jetzt reich? —und ich entdecke sogar noch meinen alten Blackwell-Schülerausweis ganz hinten im allerletzten Fach. Ein schmerzhafter Anflug der Nostalgie, nehme ich an.
Ich stecke den Geldbeutel weg und starte das Handy. Bin mal gespannt, mit wem BetaMax nebst Chloe noch so alles verkehrt hat. Das… klang jetzt irgendwie ganz falsch in meinem Kopf.
Wie dem auch sei, wird vorerst wohl sowieso nichts damit. Offenbar hat mein anderes Ich in den letzten Monaten irgendwann entschieden, dass ein vierstelliger PIN ganz sinnvoll wäre. Na toll. Vielen Dank auch, BetaMax.
Ich lege das Handy wieder beiseite und stehe auf, stets auf der Suche nach neuen Zielen, die es zu erforschen gilt. Chloe braucht wohl noch ein Weilchen. Ich würde ja rausgehen und sie suchen, kann aber gut auf Zigarettengeruch verzichten. Könnte mich derweil natürlich auch mit anderen Dingen bei Laune halten, nicht wahr? Was wir wohl zu Essen dahaben? Ich schlurfe hinüber in den Küchenbereich und öffne wahllos einen der Schränke.
„Uuuh, Kekse."
Ich wühle in der Verpackung und fische ein paar davon heraus. Cremige Vollmilch Schokofüllung mit Kokosnussflocken obendrauf, mjam. Keksmampfend wie das Krümelmonster, das ich bin, stoße ich also tiefer vor in den Bauch der Bestie. Leisen, sockengedämpften Schrittes fühle ich mich wie magisch angezogen vom Durchgang in Betsys Heck sowie diesem überdimensionierten Bett, welches jenseits sein Unwesen treibt.
Neben mir auf dem Tresen fällt mir ein Laptop ins Auge und ich überlege kurz mal reinzuschnuppern. Aber, nein, lieber nicht. Ihn hochzufahren würde ohnehin zu lange dauern, und außerdem könnte es genauso gut Chloes sein und ich respektiere schließlich ihre Privatsphäre. Doch wirklich.
Ich betrete das Schlafzimmer und bin für einen kurzen Augenblick der festen Überzeugung, dass da schon jemand steht und mich mit diesem dümmlichen Starren aus dem Spiegel anglotzt. Die Person trägt ein langärmliges tiefschwarzes Oberteil, hauteng, mit entsprechend passender Hose. Dazu fingerlose Handschuhe—absolut supergeheimagentenmäßig, wenn ihr mich fragt—und ich kann mir sogar perfekt vorstellen, wie Chloe mir diesen dunkelblauen Nagellack feinsorgfältig aufträgt. Außerdem goldblonde Haare; etwa schulterlang und so lange von eifrigen Fingern zerzaust, dass sie jetzt in alle möglichen Richtungen abstehen. Ein seltsam befremdlicher Anblick in meinen Augen. Ich hoffe wirklich, dass die Farbe wieder rausgeht, wie sie es versprochen hat.
Ich wirke so… klein. Hager regelrecht. Habe ich womöglich eine Essstörung entwickelt? Nur um sicher zu gehen, nasche ich besser noch einen dieser Kekse. Für die gute Sache.
Während ich den Raum weiter erkunde, benutze ich den Haargummi, welcher sich praktischerweise schon um mein Handgelenk befunden hat, um meinen Pferdeschwanz neu zu binden. Ein großer Wandschrank, eine Schlafkoje mit zwei entsprechenden Nachtkasten und Lampen darauf sowie ein kleiner Schreibtisch mit einem weiteren Laptop. An der Wand neben dem Fenster hängt eine wunderschön gestaltete Akustikgitarre, allzeit griffbereit. Das Bett selber ist fein säuberlich gemacht und sieht superschick und gemütlich aus: So wie es in der Ecke steht und mit seiner bunten, abgerundeten und kissenbeladenen Matratze in den Raum hineinragt, wirkt es beinahe wie der Rumpf eines farbenfrohen Piratenschiffes, welches nur darauf wartet, unter vollen Segeln in See zu stechen. Am Kopfende zwischen den Kissen sitzt sogar ein süßer Teddy mit Augenklappe, der meinem alten Kapitän zum Verblüffen ähnlichsieht. Und—ah-ha, na also, da ist sie ja, meine Chloe wie sie leibt und lebt: Leere Bierflaschen und getragene, alte Kleidung bilden ein Meer aus Krempel und Kram, einfach auf so den Boden gepfeffert, verstreut und behelfsmäßig, um geradeso nicht darüber zu stolpern, an die Bordwand des Bettes geschoben, wie eine wild schäumende Gischt aus Unrat. Irgendetwas sagt mir, dass das nach Monaten des Zusammenlebens bei weitem kein so liebreizender Anblick mehr sein wird.
Ich mache mich daran, meine eigene Kommode als Prise aufzubringen, und öffne die oberste Schublade. Haarbänder und –spangen, Minzbonbons, Taschentücher, Gummibärchen, eine Uhr, keine falschen Golddublonen?
„Uuuh, Fotos."
Ein Selfie von uns vor der Silhouette Seattles im Abendrot, müde lächelnd—auf diesem hier sehen wir beide noch genauso aus wie ich uns in Erinnerung habe. Chloe in irgendeinem Stadtpark mit hochrotem Kopf, während sie sich in Klimmzügen versucht. Ein Schnappschuss von Chloe auf ebendiesem Bett hier. Sie liegt auf dem Bauch und benutzt ihren Laptop. Ihr Haar, nass und glattgekämmt, eine einzige Wasserkaskade aus blauen Strähnen, die ihr den Nacken hinab in Richtung Schultern fließen; sieht frisch gefärbt aus. Und oh, sie trägt nichts als ihren Schlüpfer.
Ich spreche hier strikt aus der Person einer Künstlerin, wenn ich feststelle, dass die Konturen ihrer Schulterblätter ein faszinierend verführerisches Schattenspiel auf der makellosen Haut ihres durchgestreckten Rückens inszenieren. Ich bin der festen Überzeugung, dass dies der einzige Grund ist, weshalb ich dieses Foto überhaupt erst geschossen habe.
Und dann dieser Po.
Ich lege die Bilder wieder zurück und öffne die zweite Schublade. Ein einzelner, gewaltiger Ordner füllt das gesamte Fach darin aus, es ist kaum mehr Platz übrig für die paar Stifte und Farbmarker daneben. Auf seinem schwarzen Einband stehen nur zwei Worte in silberner Schrift: Selfie Archiv.
„Keine Chance, dass ich noch an einem Portfolio gearbeitet habe, mit all dem Mist, der hier sonst so abgeht."
Das Ding wiegt locker satte fünf Kilo. Ich hieve es hinüber aufs Bett, setze mich daneben und klappe den Buchdeckel auf. Jede Seite besteht aus sehr dickem, fast schon kartonartigem Papier und bietet Platz für ein Fünf-mal-fünf-Raster aus durchsichtigen Plastikfächlein. Und jedes Fächlein enthält ein Selfie mitsamt zugehöriger Beschriftung. Manchmal wir beide, manchmal nur ich allein. Auf jedem Foto stehen Uhrzeit und Datum geschrieben auf den weißen Rand: Die allerersten stammen noch aus Oktober und von da an jeden Tag ungefähr eines, meistens irgendwann am Abend. Mit nur sehr wenigen Ausnahmen sind sie alle vollständig ohne jegliche Freude oder Inspiration geschossen, so als wären sie Teil irgendeiner Routine.
Ich wähle eines zufällig aus und fummele es aus seinem Fach. Meine eigene Handschrift ziert seine Rückseite: Vorm ins Bett gehen. Ich versuche noch ein paar weitere mit dem exakt selben Ergebnis, dann suche ich eines, in welchem auch Tageslicht zu sehen ist. 14ter Dezember. Auf diesem hier verdreht Chloe gerade großzügig die Augen. Bevor wir unsere falschen Identitäten bekommen.
Aha. Großartig.
Ich blättere weiter bis ans Ende, etwa zur Hälfte des gesamten Ordners. Das letzte Bild ist jenes, durch welches ich heute Morgen erst gesprungen bin, datiert als 7ter März, 9:35 vormittags. Es war Chloe, die auf dieses hier geschrieben hat; ihre große, krakelige Handschrift nimmt fast den ganzen Rahmen ein: Bevor es Zeit wird, Lebewohl zu sagen.
„Arme Chloe…"
Ob ich sie wohl schon jemals verdummbeutelt habe damit? Einen dieser Tage, wenn wir gerade ein neues Foto gemacht haben, sollte ich so tun, als sei ich aus der Zukunft, und ihr auftragen, sich um die Wäsche und das ganze dreckige Geschirr zu kümmern, oder die Bude geht uns sonst mitten in der Nacht in Flammen auf. Keine Zeit für Diskussionen, Chloe! Das ist unsere einzige Möglichkeit!
Ich bin noch unentschlossen, ob es wohl lustig oder einfach nur hundsgemein und hinterfotzig wäre. Gut möglich sogar beides.
Dynamische Schritte bringen unser Wohnschiff kaum merklich ins Wanken, und ich kann Chloes Herannahen schon spüren, noch ehe ich sie überhaupt höre. „Max?"
„Hier drin."
Die Schritte pausieren. Die Musik geht erst aus und wechselt dann zu einer anderen Band, deren Namen ich nicht kenne; sie erklingt nun auch aus Lautsprechern irgendwo hier in diesem Raum. Mir gefällt, wie sie allmählich einsetzt: Milde Streicher spielen zu gefühlvoll kräftigen Sängerinnen, welche erst nach und nach immer mehr in Fahrt kommen. Von draußen kann ich Glas aneinander klirren hören, was wohl bedeutet, dass Chloe gerade den Kühlschrank geöffnet hat. Es sind zwei verschieden klingende Fumps zu hören, einer nach dem anderen, gefolgt vom schäumenden Geräusch einer sprudelnden Flüssigkeit. Dann geht die Kühlschranktüre wieder zu.
Ihr Tempo erhöht sich, Schlagzeuger gesellen sich hinzu und sorgen für tiefen Bass und taktvollen Rhythmus. Ich frage mich, ob sie diese Musik nur um meinetwillen spielt, ich bin hier gerade dabei, mich zu verlieben.
Heh. Ein echt komischer Gedanke. Gut möglich, dass ich inzwischen neue Lieblingsbands habe, die ich noch nicht einmal kenne. Was Musik angeht, bin ich nicht gerade auf dem Laufenden geblieben, während meiner fünfmonatigen Depriphase.
Ihr Kopf erscheint im Spalt der Türe. Schwarze Haare, von ihrem Beany bedeckt, reichen ihr bis über die Schultern. Sie wirkt allzu amüsiert über etwas. „Jup. Ich hatte keine Sekunde gezweifelt an dir und deiner Unfähigkeit stillzuhalten, wo es hier doch allerlei geheimnisvolle Schubladen zu durchwühlen gibt."
Ich zeige ihr den letzten meiner Kekse. „Du hast mir ja auch die ganze Zeit was vorenthalten. Ich war also gezwungen, die Dinge selbst in die Hand nehmen."
„Ha!" In einer Hand hält sie eine offene Bierflasche und in der anderen ein Glas voll Lila. Sie stellt das Glas auf der Kommode ab, welche offensichtlich meine ist. „Traubensaft für die Spießerin," verkündet sie.
„Danke. Dir ist hoffentlich bewusst, dass dein Geburtstag erst nächste Woche ist, oder? Solange du also noch minderjährig bist, ist es technisch gesehen illegal, wenn ich dich als deine Vorgesetzte Alkohol konsumieren lasse."
„Ich schreib's auf deine Liste. Gleich unter deine diversen anderen Delikte gegen die Staatsobrigkeit sowie die Gesetze der Raumzeit." Chloe lässt sich neben mich und dem Fotoalbum aufs Bett plumpsen, wo noch etwas nachfedert, ehe sie im Schneidersitz zur Ruhe kommt, dann nimmt sie einen demonstrativ großzügigen Schluck aus ihrer Flasche, rülpst einmal herzhaft und nickt seitlich in Richtung des Albums. „Eine sehr ertragreiche Schnüffelaktion, wie ich sehe."
„Und eine langwierige noch dazu. Du hast mich ganz schön warten lassen."
„Ich chill' halt auch mal, na und? Und gönn' mir 'nen Minzkaugummi, da ihre Madam Hochwohlgeboren Maxine von und zu Stock-im-Arsch sich gar fürchterlich über den Geruch beklagt." Sie grinst schelmisch. „Und den Geschmack."
„Ernsthaft? Das hatte mich eigentlich nie so sehr gestört. Ich dachte immer, es wäre in der Verpackung mit inbegriffen, gemeinsam mit den Tattoos, den Manieren und der zügellosen Zunge."
„Mh-hm, sag das nochmal, nachdem du fünf Monate mit ebendieser Zunge zusammengelebt hast. Ich will sowieso bald damit aufhören. Bin schon runter auf zwei am Tag."
„Wow. Und alles nur für mich? Ich muss dich ja sowas von unter der Fuchtel haben."
„Leck mich, Caulfield. Ich hatte damals eh nur mit dem Rauchen angefangen, um meiner Mom und David eins auszuwischen. Seitdem komme ich mir immer vor wie ein Vollidiot, jedes Mal, wenn ich mir eine anstecke."
„Oh." Ups. Fettnapf. „Das… ich hab' nur rumgeblödelt, entschuldige."
„Uuund ich bin auch sowas von unter deiner Fuchtel, stimmt wohl, na und? Ist mir nicht peinlich. Bis vor kurzem durfte ich selbst auch ganz schön rumfuchteln, wirst schon sehen." Sie wedelt ihre Hand vor mir in der Luft herum. „Diese Hand wird auch schon sehr bald an dir rumfuchteln, versprochen."
Sie hält plötzlich inne und blinzelt verdutzt, während sie ihre Wortwahl überdenkt. „Das… klang irgendwie viel versauter als es sich noch in meinem Kopf angehört hatte."
Ich sehe sie einfach nur sprachlos an, verzweifelt auf der Suche nach einer passenden Antwort. Wie antwortet man bitte auf das, was sie gerade gesagt hat? Wir sind wahrscheinlich das erste Paar in der Menschheitsgeschichte in solch einer Situation.
Auch nicht gerade hilfreich, dass ich mich genau in diesem Augenblick fürchterlich von ihrer Nähe zu mir abgelenkt fühle. Sie sieht einfach so verdammt hinreißend aus, wie sie da hockt, in ihrer knappen Unterhose, ihrem ausgeleierten Oberteil und ihrer niedlichen Mütze. Seit wann nur hat sie diesen Effekt auf mich? Wir haben doch schon oft nebeneinander im selben Bett geschlafen und das hat mir auch nichts gemacht. Es ist fast so, als ob ihr fortwährendes Herumturteln mich super empfänglich gemacht hätte für ihre körperlichen Reize…
„Also… was zur Hölle hat es damit auf sich?", frage ich und gestikuliere in Richtung des Ordners neben mir. Ablenken, ignorieren und weitermachen, solide Strategie.
Chloe schmunzelt und sieht mich an, als wüsste sie ganz genau, was gerade in meinem Kopf vor sich geht. „Ist das nicht offensichtlich?"
„Doch, schon. Das einzig wahre Necronomicon, und es war die ganze Zeit über in meinem Nachtkasten."
Sie lacht. „Alter, du bist ja so dramatisch. Ich sollte dir einfach endlich die ganze Geschichte erzählen, sonst sitzen wir morgen früh noch hier und werfen uns gegenseitig Fragen und Antworten an den Kopf. Nicht, dass es mir was ausmachen würde, da du am Ende sowieso alles davon rückgängig machen wirst."
„Was? Warum?"
„Warte. Warte, lass mich noch eben schnell den Marker aufstellen." Sie streckt sich über die Länge des Bettes, schnappt sich den Teddybären vom Kopfende und platziert ihn stattdessen auf der Kommode, sodass er dort aufrecht zum Sitzen kommt. „Da. Schon wieder zurück?"
„Öhm… Was?"
„O.K., alles klaro. Also, pass gut darauf auf, wo sich unser erster Maat Bongo hier befindet, wenn du das hier alles nachher ungeschehen machst. Halte an, sobald er wieder auf seinen vorherigen Platz wechselt, in Ordnung? Versuche dabei möglichst nicht über die Markierung hinauszuschießen. Ich hab' dir sogar extra noch eine ganze viertel Stunde als Puffer gelassen, falls du's doch tun solltest, ich war so frei und habe schon mal entsprechend vorausgeplant."
„Häh, warum willst du so dringend, dass ich das alles ungeschehen mache? Ist die Geschichte echt so schrecklich?"
„Quatsch, du Dummbeutel. Na ja, gut doch, sie ist schon ziemlich beschissen, aber das ist nicht der Grund. Irgendwie müssen wir doch deine Kräfte testen, nur um zu sehen, ob sich was verändert hat. Und irgendwas wird dabei zwangsläufig dran glauben müssen, von daher… ab in die Tonne mit dieser endlosen Exposition."
„Aber… das würde doch dann bedeutet, dass du dich nicht mehr dran erinnern kannst. Macht dir das denn nichts aus? Fühlt sich doch irgendwie… falsch an."
Chloe zuckt nur mit den Schultern. „Du hattest schon immer weit größere Hemmungen damit als ich. Aus meiner Perspektive macht es buchstäblich überhaupt keinen Unterschied. Allerhöchstens bekomme ich Mitleid mit dir, die du immer gleich so ein schlechtes Gewissen hast deswegen."
„Es ist halt, als würde ich dir deine Erinnerungen klauen! Ich weiß noch, wie ich das am Anfang andauernd einfach so gemacht habe. Fast so, ‚Haha, mal gucken, wie sie wohl reagiert, wenn ich etwas anderes sage.' —Ich hätte das nicht tun dürfen. Ich fühle mich immer noch dreckig, wenn nur daran denke."
„Ich behaupte ja auch nicht, dass dein Herz nicht am rechten Fleck wäre. Nur… dass es nicht so schlimm ist, wenn du's trotzdem tust." Sie nickt zur Seite in Richtung Teddy. „Deshalb gibt dir unser Maat Bongo hier auch Hilfestellung. Weil's mir echt lieb wäre, wenn ich zumindest den abgefahrenen Kuss von vorhin behalten dürfte. Um es in Worte zu fassen, die selbst dir noch geläufig sein sollten… es war einfach sowas von Wowsers."
Mein Lachen überkommt mich derart plötzlich, dass ich dabei unwillentlich durch die Nase pruste wie der allerdümmste Dummdepp. Ach, zum Teufel, wen juckt's. „Also gut. Ich gebe dir mein Bestes. Versprochen."
„Alles klar, damit wäre das ja wohl geklärt. Dann lass uns die Vorstellung endlich über die Bühne bringen." Sie nimmt einen weiteren großzügigen Schluck Bier. „Also. Was ist das Letzte, an das du dich noch erinnern kannst? Oben auf der Klippe? Die Realität um uns herum rastet vollkommen aus, während wir uns gegenseitig unsere Gefühle ins Gesicht schreien?"
Allein der Gedanke daran schaffte es für gewöhnlich schon, mir die Tränen in die Augen zu treiben. Doch die Art, wie sie es ausdrückt, lässt mich stattdessen einfach nur kichern. „Ja, so ungefähr ist's passiert. Du hattest mir das Schmetterlingsfoto gegeben, und gemeint… du sagtest mir, es wäre die einzige Möglichkeit."
„O.K., und in diesem Moment holst du also dein Tagebuch hervor und zeigst mir die Seite. Absolut verrücktester Augenblick meines Lebens, sage ich dir."
Chloe rutscht auf dem Bett zurück und lehnt sich gegen die Kissen am Kopfende. Mit der flachen Hand klopft sie einladend auf eines der Kissen neben sich.
„Mach's dir lieber bequem. Das könnte 'ne ganze Weile lang dauern."
