Kapitel 5: Chloes Stimme

Ich hab' da draußen nachgedacht über alles, was im letzten halben Jahr so passiert ist, und auch darüber, wie ich dir am besten davon erzähle, und es ist ziemlich eindeutig, dass ich ganz von Oktober anfangen muss, von Anfang an und mit allem, woran ich mich noch erinnern kann. Dir bloß ein paar Eckpunkte zu geben würde am Ende wahrscheinlich mehr schaden als nutzen—und dann müsstest du mich wahrscheinlich sowieso noch bis morgen früh Löcher in den Bauch fragen. Und mal ganz ehrlich… ich möchte sogar, dass du das alles erfährst. Damit du dich hineinversetzen kannst in… na ja… dich halt. Damit du verstehst, warum manche Dinge so abgelaufen sind wie sie es nun einmal sind. Damit du… stolz sein kannst. Auf mich und auch auf dich selber. Auf das, wozu du fähig bist.

Also… das könnte tatsächlich ein Weilchen dauern. Bereit?

Na gut… Du holst also dein Tagebuch raus und zeigst mir die Seite. Und ich bin einfach nur so, ach du Scheiße. Du bist sowas von angespannt und ernst, wie du mir in die Augen siehst, als hätte ich gerade versucht, dich mit 'nem Messer abzustechen. Du nimmst meine Hand und hältst sie dir über dein Herz, und dann sagst du mir… Ich werde dich niemals wieder im Stich lassen, Chloe.

Das hat mich sowas von fertiggemacht. Ich bin zusammengebrochen und habe angefangen zu flennen wie eine Heulsuse. Also einfach so richtig meine Seele an deiner Schulter ausgeplärrt. Ich weiß, wir hatten schon vorher öfter so Zeug zueinander gesagt, aber… in diesem Moment hat es mir einfach alles bedeutet. Ich hatte es damals zwar noch nicht so direkt wahrgenommen, aber das war, glaube ich, der Augenblick, in dem es Klick gemacht hat in meinem Kopf. Ich hatte es bis zu diesem Zeitpunkt einfach nie so richtig wahrhaben wollen.

Jetzt komm schon, da musst du noch fragen?

Na, wie sehr du mich liebst, Einstein. Die Tatsache, dass ich dich liebe und du mich tatsächlich auch zurückliebst. Es war natürlich das beschissenste Timing mit 'nem magischen Riesentornado, der gerade drauf und dran war, die Stadt zu verschlingen, aber es war trotzdem kein bisschen weniger bedeutsam für mich. Der Gedanke hat sich bei mir festgesetzt und mir später oft die nötige Kraft gegeben, durchzuhalten in all dem ganzen Scheißdreck, der danach so passiert ist.

Das meinst du jetzt nicht ernst, oder? Ich habe dich inmitten der Nacht zu einem gemeinsamen Bad entre nous angestiftet. Ich habe dich so ganz nebenbei dazu überredet, in meinem Bett zu schlafen. Ich habe dich dazu herausgefordert, mich zu küssen. Hätte ich dir vielleicht noch die Gebrauchsanweisung vorlesen sollen? Oder mir 'nen Aufkleber auf die Stirn pappen sollen, auf dem steht, Ja, ich würde schon sehr gerne eine romantische Beziehung mit dir eingehen, und zwar bitte gleich, wenn es geht?

Ja, hast du, und ich hab' gekniffen, tut mir auch leid, in Ordnung? Ich hatte halt nicht gedacht, dass du es tatsächlich tun würdest, und ich war noch immer so sehr auf Rachel fokussiert, dass es sich plötzlich so angefühlt hatte, als würde ich sie betrügen—was auch immer das geheißen haben mochte mit ihr. Ich weiß bis heute nicht, was genau sie überhaupt jemals in mir gesehen hat.

Du kannst dir gar nicht vorstellen, was in meinem Kopf abgegangen ist damals. Der Moment, als du dich in meinen Truck geschwungen hast und wir wieder angefangen haben, miteinander zu reden, da war ich einfach nur, Jup, immer noch dieselbe alte Max. Ich bin gearscht. Ich war schon mit vierzehn ziemlich hart in dich verknallt, musst du wissen.

Natürlich hattest du es damals nicht geschnallt, du warst wie immer völlig blauäugig, fast schon so schlimm wie bei dein Freund Waldo oder wie dieser Nerd hieß—obwohl ich dazusagen sollte, ich war jetzt nicht unbedingt in dich… verliebt oder sowas. Wohl eher… na ja, du weißt schon… 'ne pubertierende Jugendliche, die an ihrer Sexualität zweifelt und auf einmal komische Tagträume von ihrer besten Freundin bekommt. Du wärst voll ausgeflippt, wenn ich irgendwas erwähnt hätte. Und dann bist du eh abgehauen… und dann wieder zurückgekommen und ich war wütend auf die ganze Welt…

Nein, lass doch gut sein jetzt. Wieso reden wir überhaupt darüber? Das hier sollte nicht mal eine richtige Konversation sein, du hast eigentlich nur deine Futterlucke zu halten und gefälligst zuzuhören!

Oh ja, ganz richtig. Ich bin jetzt der Käpt'n hier, also Klappe zu jetzt.

Wir stehen also oben am Leuchtturm und liegen uns in den Armen und heulen rum und all die andere Gefühlsduselei… und dann drehst du dich um und zerreißt einfach das Foto. So ganz einfach frei nach dem Motto, Fick dich, Sturm, ich habe jetzt das Sagen hier. Wir stehen einfach nur da, sehen zu, wie es im Wind davongeweht wird. Und da wird uns erst richtig bewusst, dass es von jetzt an kein Zurück mehr geben wird.

Alles fühlt sich so richtig unwirklich an. Wie der Tornado so über die Stadt hinwegfegt, geradewegs auf Blackwell zu, fast schon… zielstrebig. Als wäre er ganz bewusst darauf aus, die Schule niederzureißen. Das Two Whales liegt zwar nicht auf seinem direkten Pfad, aber… wir können schwarze Rauchsäulen beobachten, die von dort aufsteigen. Es hat dort eine Explosion gegeben, wie du mir später erzählst. Immerhin… immerhin war es schnell vorbei für sie.

Mmh, danke. Ich weiß doch. Es geht mir gut, ist schon in Ordnung. Mach dir keine Sorgen.

Wie dem auch sei. Wir sind wie in Trance, zwingen uns schon hinzusehen. Es ist einfach nur schrecklich, es ist… ein Albtraum. Wahrscheinlich hätten wir nicht zugucken sollen, aber jetzt im Nachhinein bin ich doch froh, dass wir es getan haben. Denn als der Sturm Blackwell erreicht… hält er dort einfach an. Wie als wäre er auf eine Wand gestoßen. Für mehr als zehn Minuten verschlingt er Ziegel für Ziegel und spuckt die Einzelteile kilometerweit über der ganzen Stadt aus. Und danach flaut er einfach wieder ab, und zwar genauso schnell wie er sich zusammengebraut hatte. Ich finde, das ist der aller abgedrehteste Teil. Im einen Moment noch läuft da dieses gewaltige, übellaunige Monstrum in der Stadt Amok, und im nächsten löst es sich in Nichts auf. Die Blitze hören auf, der Strudel verlangsamt sich, kommt zum Stillstand und die Gewitterwolken klaren einfach auf und verziehen sich dann wieder. Keine fünf Minuten später und wir stehen wieder in strahlendem Sonnenschein. Das Einzige, was noch daran erinnert, ist diese gewaltige, widerwärtige Narbe, die da frisch mitten durch Arcadia Bay gepflügt wurde.

Ja ich weiß! Das war kein gewöhnlicher Sturm, Max. Kein irdisches Wetter. Der Tornado ist wegen Blackwell gekommen, hat die Schule auf den Kopf gestellt und sich dann schön wieder verpisst. Genau wie du auch, hab' ich Recht?

Gern geschehen.

Na gut, also… Du bist erstmal wie betäubt, starrst einfach auf das angerichtete Chaos hinab. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich da mit dir gestanden habe, all die Zerstörung gesehen und mich einfach nur… erschöpft gefühlt habe. Und dann habe ich dich gesehen und konnte hautnah miterleben, wie sehr es dich getroffen hat, und es war einfach so herzzerreißend für mich. In diesem Augenblick warst das einzige, woran ich denken konnte, nur du. Dass ich mich jetzt um dich kümmern muss. Dich beschützen muss und zusehen, dass es dir gut gehen würde. Wenn ich wenigstens das hinkriegen sollte, dann wäre mein Leben vielleicht nicht ganz so wertlos.

Nein, natürlich, das weiß ich doch. Ich behaupte ja auch nicht, dass es wahr ist. Es war nur… wie ich mich damals gefühlt habe.

Wir sind patschnass und zittern am ganzen Leib. Ich ziehe dich also mit mir und versuche dich in mein Auto zu kriegen, damit wir uns zumindest ein wenig aufwärmen können…

Eigentlich—könnten wir vielleicht diesen ganzen anfänglichen Tornadoscheiß überspringen? Der Rest ist sowieso buchstäblich nichts weiter als zum Heulen, so lange bis ich dich endlich eigenhändig von den ganzen Trümmern wegschleife und wir von dort abhauen. Ich meine… du hattest nicht mal gemerkt, wie sehr deine Hände bluten. Ich will dich niemals wieder so erleben müssen, es war einfach nur… es war—

'Tschuldige… Tut mir leid, ich… ich werd' schon wieder. Es ist nur… sind einfach ein paar unschöne Erinnerungen, die da wieder hochkommen. Ich bin echt heilfroh, dass du dich da nicht mehr dran erinnern kannst, ganz ehrlich.

Wir fahren also weg, ganz egal wohin, einfach immer geradeaus weiter. Ich will so unbedingt mit dir reden, habe aber keine Ahnung, was ich sagen soll—ich glaube ehrlich gesagt, es gab überhaupt nichts, was wir hätten sagen können. Nichts, um es besser zu machen, jedenfalls. Deine Hände sind ziemlich verletzt, also versuche ich mich erstmal nur darauf zu konzentrieren. Ich wanke also immer noch völlig benommen wie ein Zombie in die nächstbeste Tankstelle und besorge uns was zu essen, Bandagen und Pflaster und was wir sonst noch so an Lebensmitteln brauchen können. In diesem Moment muss ich auch feststellen, dass wir praktisch nichts mehr besitzen bis auf die Klamotten, die wir am Leib tragen… aber wenigstens sind wir noch immer mehr als nur flüssig—„Behindertenkasse" am Arsch, dieser Geldumschlag aus Wells' Büro war mir von Anfang an suspekt.

Was?

Ehrlich?

Nö… du warst zwar nicht gerade begeistert von der Idee, hast ihn mich dann aber trotzdem mitgehen lassen. Merkwürdig. Ob wohl sonst noch was anders gelaufen sein mag?

Ist ja jetzt auch erstmal ganz egal. Ich kehre zu dir zurück und mache mich erstmal daran, deine Hände sauberzumachen und ordentlich zu versorgen. Wie sich herausstellt, waren es zum Glück nur ein paar Schrammen, nichts weiter Ernstes. Ist es seltsam, dass ich mich noch immer an jede einzelne Sekunde davon erinnern kann? Wie ich da gehockt bin neben dem Beifahrersitz und deine Hände saubergemacht habe, jeden einzelnen Zentimeter deiner Handflächen gründlich nach Splittern abgesucht und sie dann so sorgfältig wie möglich verbunden habe… und auch daran, wie du mich dabei die ganze Zeit angesehen hast. Ein Seelenklempner würde wahrscheinlich behaupten, dass da irgendwo was Therapeutisches dran war.

Irgendwas hat es auf jeden Fall in dir ausgelöst, denn danach bist endlich in Tränen ausgebrochen, wie jeder normale Mensch auch. Wir liegen uns also wieder eine ganze Weile lang in den Armen und du wiederholst andauernd, dass es dir leidtut und ich sage dir immer wieder, dass ich dich vollkommen verstehen kann. Dass das alles absolut beschissen ist und niemand jemals sowas Beschissenes durchmachen sollte.

Mittlerweile läuten unsere Handys praktisch pausenlos. Ich finde heraus, was aus David geworden ist, und schreibe deinen Eltern zurück, dass es dir soweit gut geht… den Umständen entsprechend.

Auf jeden Fall fangen wir endlich an, miteinander zu reden. Erst nur düsteres Zeug, zum Beispiel wie viele wohl überlebt haben und wie lange es dauern könnte, bis Hilfe eintrifft, aber immerhin reden wir. Und schließlich kommen wir auch zur alles entscheidenden Frage: Wie zur Hölle soll es jetzt weitergehen mit uns?

Du willst nicht zu deinen Eltern nach Seattle und ich will alles, nur nicht wieder zurück nach Arcadia Bay. Kalifornien oder Portland oder all die anderen Blödeleien, die wir uns immer erträumt hatten, klingen uns in dieser Situation bescheuert und auch ziemlich naiv. In dem Moment wird es uns eigentlich erstmals wirklich bewusst: Unsere Leben sind völlig im Arsch. Und ich spreche von… uns ist praktisch nichts mehr geblieben bis auf unser beider Identitäten. Und irgendwie sind wir auch nicht mal mehr dieselben Leute wie noch eine Woche zuvor, es hat sich einfach so viel geändert. Du verstehst, was ich meine, oder?

Ja, genau. Also fahren wir einfach erstmal weiter, bis wir abends an irgendeinem heruntergekommenen Motel am Straßenrand anhalten und erst einmal dortbleiben. Die erste Nacht ist sogar noch die am ehesten erträgliche. Wir sind beide so sehr am Ende, dass wir praktisch sofort einpennen, sobald wir auch nur die Betten berühren, noch komplett angezogen und alles Drum und Dran. Richtig schlimm wird es erst wieder am nächsten Morgen, als wir beide aneinander gekauert, wach daliegen und über all die Leute nachdenken, die sterben mussten. Irgendwann fangen wir dann einfach an, laut Namen aufzuzählen, und dann ja oder nein oder vielleicht. Fühlt sich im Nachhinein ziemlich makaber an, dass wir das gemacht haben, ich weiß, aber in dem Moment schien es uns richtig, keine Ahnung warum.

Neineinein, ich… Ich will dir ja davon erzählen. Ich will, dass du weißt, wie wir damit umgegangen und schließlich fertiggeworden sind. Du solltest diese Dinge wissen.

Den nächsten Tag hängen wir eigentlich die ganze Zeit nur rum. Wir setzen uns nach draußen in die Sonne und versuchen den ganzen Scheiß zu verarbeiten. Wir reden ewig miteinander, enthalten uns gegenseitig nichts vor und versuchen einfach herauszufinden, wie und was exakt wir fühlen—ich habe das vorhin schon mal erwähnt, hab' ich Recht?

Na ja, es ist ja auch nicht nur grausamer, düsterer Scheißdreck. Irgendwann sind wir fertig mit der Reue und den Schuldgefühlen und reden endlich über… na, du weißt schon… uns halt. Was genau wir eigentlich füreinander sind, was wir uns bedeuten, und auch was wir uns voneinander erwarten oder… erhoffen. Dir ist mittlerweile sowieso gefühlt alles ganz egal, nichts ist dir mehr zu peinlich oder zu offen oder was auch immer. Du erzählst mir, das einzige, was du jemals bereuen wirst, ist, dass du dich all diese Jahre nicht bei mir gemeldet hast. Und dass du alles andere ohne ein Zögern noch einmal ganz genauso wieder von vorne machen würdest. Du erzählst mir, dass ich dir alles wert bin, die ganze Welt, einfach alles. Dass ich trotz allem, was passiert ist, das Beste bin, was dir jemals in deinem Leben widerfahren ist, und dass… dass du dich wie dein bestes Selbst fühlst, wenn ich bei dir bin. Und—riesen Überraschung—du bringst mich schon wieder zum Heulen. Und das ist dann auch der Moment, in dem ich dir geradeheraus gestehe, dass ich vollkommen, bis über beide Ohren in dich verliebt bin.

Es schien mir so offensichtlich damals. Ich dachte mir, natürlich hat sie es schon bemerkt. Natürlich weiß sie das alles schon längst. Aber stattdessen wirkst du so… erleichtert. Du schenkst mir dein süßestes Lächeln und—Woah, hey.

Hallo, du.

Mh-hm, Kuscheln im Bett. Das kann ich nur befürworten. Wird aber auch höchste Zeit, dass du endlich—

Ich…

Ich liebe dich auch, Max.

Ach, Menno. Kacke. So viel dazu. Schau her, was du schon wieder angerichtet hast. Ich wollte hierbei eigentlich nicht so sentimental werden. Du hast aus mir einen sowas von bemitleidenswert sensiblen Waschlappen gemacht, einfach nur ekelhaft.

Pff! Fang an, mich zu kitzeln, und du bist des Todes, ich sag's ja nur. Ich wische mir dir den Boden auf, du Giftzwerg, also wag es ja nicht.

Oh ja, ganz richtig! Ich bin deine Chefin. Dieses ganze Geschmuse hier findet nur statt, weil ich es auch dulde. Also könnten wir jetzt vielleicht endlich zurückkehren zu den Chroniken des Unglückseligen Ungemachs?

Danke schön.

O.K., wir labern also über Liebe und all diesen anderen Kitsch und je mehr wir reden, desto weniger grausam scheint uns alles nach einiger Zeit. Also ich meine, es wird nicht wirklich besser, aber immerhin… erträglicher. Das ist schließlich auch der Grund, weshalb wir uns überhaupt erst für diesen Weg entschieden haben. Um zusammen zu sein und füreinander da zu sein und uns zu lieben. Wir machen noch nichts weiter als Händchenhalten, weil… so weit sind wir dann doch noch nicht, aber… wir können beide schon spüren, dass wir es wollen. Und das reicht uns fürs Erste.

Du gibst sogar das süßeste kleine Kichern von dir, als ich dir verrate, wie verrückt ich nach deinen Sommersprossen bin. Haha! Ja, genau so.

Doch natürlich meine ich's ernst, was redest du denn? Max, du hast so ein superhübsches Gesicht, angle mir jetzt bloß nicht auch noch nach Komplimenten, das ist unter deiner Würde.

Mh-hmm, wie du meinst.

Am Ende entscheiden wir uns jedenfalls, doch zu deinen Eltern zu fahren—oder vielmehr, ich bearbeite dich so lange, bis du mir endlich zustimmst. Es ergibt nun mal einfach am meisten Sinn. Sie machen sich solche riesen Sorgen um dich, dauernd läutet dein Telefon. Du rufst sie zurück und dann geht das Geheule schon wieder von Neuem los. Aber natürlich würden sie mir Unterkunft gewähren, eine Unverschämtheit, dass wir das überhaupt erst infrage stellen.

Selbst ohne Zwischenstopps dauert es ganze acht Stunden bis nach Seattle, und mit meiner klapprigen alten Schrottmühle wahrscheinlich sogar zehn, also wollen wir erst am nächsten Morgen aufbrechen. Die Nacht bis dahin… ist nicht unbedingt die angenehmste. Wir liegen im Bett und reden miteinander, bis wir schließlich nicht mehr wach bleiben können. Wir haben beide Angst davor, zu schlafen, weil wir dann alleine sein werden in der Dunkelheit. Deine Worte.

Und, na ja, du weißt ja mittlerweile selbst schon alles über die Albträume, nicht wahr? Da gibt es nicht mehr viel zu erklären. Sie fangen etwa zu dem Zeitpunkt an und lassen nur ganz selten mal nach. Und bei mir selber ist auch nicht gerade alles rosig und flauschig pink, nicht, dass du das am Ende noch denkst. Ich habe Rachel an 'nen scheiß Psychopathen verloren und meine Mom an 'nen scheiß Tornado, aber du… du hast Menschen sterben sehen, du wurdest praktisch gefoltert von diesem widerlichen Arschloch. Kacke, mein anderes Ich wollte von dir, dass du meinen querschnittsgelähmten Arsch mit 'ner beschissenen Überdosis kaltmachst, wie krank ist das bitte? Und was seitdem alles passiert ist kommt ja erst noch. Manchmal frage ich mich echt, wie du überhaupt noch ganz bei Trost sein kannst, mit all dieser Scheiße in deinem Kopf.

Du bist'n echt knallhartes Stück, Max, dass du mir das nicht eine Sekunde lang anzweifelst.

Als wir dann am nächsten Morgen losfahren, machst du das Radio an und suchst die Sender nach Nachrichten über Arcadia ab. Ich erkläre dir noch, dass das wahrscheinlich eine schlechte Idee sei, aber du willst einfach nicht auf mich hören. Es ist fast so, als wolltest du dich bestrafen. Als wolltest du dir damit nur selber wehtun. Ich kann natürlich genau verstehen, warum du das tust, weil, hallo? Selbstzerstörerisches Verhalten nach einer Tragödie? Praktisch genau mein Spezialgebiet. Aber da ist auch noch was Anderes dran, so wie du dich aufführst. Du benimmst dich den ganzen Morgen schon so eigenartig, so als ob du nicht richtig anwesend wärst, nicht ganz bei der Sache oder so.

Wie zu erwarten ist der Tornado natürlich der heiße Scheiß in den Nachrichten. Der größte jemals gemessene seit Aufzeichnung der Wetterdaten, wird ständig behauptet. Sie werfen mit den Zahlen aller Toten und Vermissten um sich und quatschen endlos über all die angerichtete Zerstörung. Willst du… willst du es überhaupt wissen? Die endgültigen Zahlen meine ich. Ich bin mir zwar eh schon fast sicher, dass du sie sowieso wissen willst, aber…

Also gut. Zweihundertundsechszehn tot, als alles vorüber ist. Mehr als sechshundert verletzt.

Immerhin… die Meisten haben es überlebt. Richtig?

Hör zu, ich weiß, das mag jetzt gerade auch nicht viel helfen, aber die Stadt erholt sich schon wieder. Und wir leisten unseren Beitrag dazu, wir haben wirklich schon viel dafür getan. Am Ende werden wir die Bucht wahrscheinlich mit mehr Zaster überschwemmt haben als sie es zuvor überhaupt jemals wert war. Oder es auch nur verdient hätte, wenn du mich fragst. Arcadia Bay ist noch lange nicht am Ende. Und das Beste, es ist gleichzeitig auch noch ein riesen Mittelfinger in Prescotts hässlicher Fratze und seinem überteuertem Pan Estates. Mit den Massen, die in Versorgung und Wiederaufbau fließen, wird kein Mensch jemals diese überteuerten Bauruinen kaufen wollen.

Nö, ziemlich unwahrscheinlich, diese ganze Angelegenheit läuft über eine Unmenge an Stellvertreterfirmen. Ich kann dir unser System ja mal zeigen. Wir haben da ein paar gute Leute auf unserer Seite, das Arschloch hat keinen blassen Schimmer, dass wir dahinterstecken… soweit wir wissen, jedenfalls, es deutet nichts darauf hin. Hast du übrigens schon 'nen Blick in deinen Führerschein geworfen?

Haha! Ich liebe den Namen, ganz ehrlich. Ist nur einer von vielen, aber es ist dein primärer, so zu sagen. Niemand weiß, wer sie ist, diese mysteriöse Lauren Frost, Schutzpatronin aus der Unterwelt zum Wohle der Menschheit. Du wirst immer gleich voll zum Obergeek, wenn irgendwo von dir die Rede ist.

Mein Name? Öhmm…

Elizabeth… Deckard.

Ja, Lisbeth, wasauchimmer.

Lach nicht! Ist halt mein mittlerer Name, na und? Was kann ich denn dafür, dass es zufälligerweise auch derselbe ist wie… Ach, Klappe zu, jetzt! Ist echt unmöglich mit dir, sich einfach mal an 'ne simple Geschichte zu halten, echt wahr.

Überhaupt nix hab' ich gemacht! Alles nur deine Schuld mit deinem andauernden Abgelenke. Ruhe jetzt, wir kommen bald zu der Stelle, wo die Kacke so richtig anfängt zu dampfen.

Wo war ich? Ach ja—du hörst dir also all das beschissene Zeug im Radio an und es braucht keinen Hellseher, um zu bemerken, dass es dir absolut beschissen geht. Ich versuche dir zu erklären, dass das jetzt auch niemandem weiterhilft, aber du lässt einfach nicht mit dir reden. Du sagst mir noch—und ich zitiere—ich solle endlich meine bescheuerte Fresse halten und dich einfach nur zuhören lassen… Du bist nicht wirklich sauer… oder wütend, sondern einfach nur… traurig und… verbittert? Ich bin schon drauf und dran, dir gleich die Retourkutsche zu geben, kann mich aber noch mal zusammenreißen. Stattdessen sage ich dir nur, dass du doch einfach tun und lassen sollst, was immer dich glücklich macht, und das war dann auch das Ende der Konversation für die nächsten paar Stunden.

Um Mittag herum halte ich es schließlich nicht mehr aus und schalte endlich das scheiß Radio aus. Ich versuche mit dir zu reden, aber offenbar bist du von nun an nur noch im Einzelne-Wörter-antworte-Modus. Ich konnte es zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen, aber das war ganz einfach einer deiner berühmt-berüchtigten Max Caulfield Beleidigte-Leberwurst-Tage, nur noch schlimmer gemacht durch all die andere Kacke, die sonst noch so abging. Du verschließt dich ganz einfach und döst immer mal wieder weg und ich darf dich dann wachschütteln, sobald du wieder anfängst, im Schlaf zu weinen oder zu winseln. Ein rundum spaßiger Ausflug also.

Pah, wie du es sagt, klingt es ja fast so, als wäre ich irgendein runzliges altes Eheweib, das ihren Partner terrorisiert! Ich tue das doch nicht grundlos, nur um dir damit auf die Nerven zu gehen. Ich tue es, um zu verstehen, welche kranke Scheiße sich in deinem Kopf abspielt.

Hey, was soll ich sagen, die Wahrheit tut halt manchmal weh. Glaub bloß nicht, dass es mir immer viel bessergeht. Was wir uns manchmal schon alles beschimpft und angekeift haben, häufig schon wegen der dümmsten Kleinigkeiten.

Keine Ahnung… mein Verhau zum Beispiel? Dass du meine verfickte Zahnbürste benutzt, wann immer dir mal danach ist. Ich meine, was bist du? Zwölf? Ich schwöre dir, wenn ich noch einmal meine Zähne putzen gehe und das Ding ist schon ganz nass und eklig… ich raste aus, kapiert? Ich warne dich nur vor.

Ne, aber mal ganz ehrlich, normalerweise lassen wir uns einander eine fast schon lächerliche Menge an Blödsinn durchgehen, aber irgendwann wird eine von uns dann halt doch mal wegen etwas stinkig. Wir sind nun einmal auch nur Menschen, sowas kommt halt mal vor. In gewisser Weise fühlt es sich sogar… gut an? Weil wir wissen, dass wir am Ende doch zusammenhalten, ganz egal was passiert. Von daher… nur her mit dem Gekreische, lass einfach alles raus, wen juckt's? Irgendwie lässt sich das Problem schon wieder lösen, wir haben da unsere Mittelchen und Wege. Ergibt was ich da rede überhaupt irgendeinen Sinn?

Ach, scheiß drauf, der Versöhnungssex ist absolut gottgleich, also da hast du's—Wie dem auch sei… Nach mehreren Zwischenstopps, um zu tanken, was zu essen oder einfach nur aus Mitleid zu meinem armen, tauben Po, nähern wir uns gegen Abend endlich unserem Ziel. Du hast dich schon längst für deine miese Laune entschuldigt und erzählst mir davon, wie es ist, in Seattle zu leben. Wir machen noch eine letzte Pause auf irgendeinem Hügel vor der Stadt und beobachten den Sonnenuntergang genau hinter der Skyline. Ich hole deine Kamera raus und überrede dich dazu, mit mir ein Selfie zu knipsen. Wollen doch mal sehen, was dabei herauskommt, wenn ich eines schieße, nicht wahr? Ich will dich einfach nur so unbedingt um alles in der Welt aufheitern.

Und obwohl ich es in diesem Augenblick noch nicht ahnen konnte… dieses Foto war unsere Lebensrettung.

In dem Moment, als ich den Auslöser drücke, verschwindest du einfach von meiner Seite. Ich kann gerade noch eines dieser geisterhaften Nachbilder von dir sehen, wie du dich blitzschnell zu meinem Truck bewegest, und dann plötzlich tauchst du auch schon wieder vor mir auf. Du hältst dein altes Tagebuch in Händen, aber dein Gesicht… Gott, ich glaube, ich werde niemals im Leben dein Gesicht aus diesem Moment vergessen können. Du bist einfach eine komplett andere Person, extrem angespannt, konzentriert und aufmerksam gegenüber einfach allem in deiner Umgebung. Ganz anders als normal halt, du Null-Checker.

Du drückst mir das Tagebuch in die Hände, greifst nach meinem Arm und bestehst darauf, dass wir Seattle unbedingt sofort wieder verlassen—und zwar am besten noch Vorgestern, oder sie werden deine Eltern umbringen und uns beide entführen. Dreizehn Tage hat es gedauert, bis du endlich das Foto in die Finger kriegen konntest, um damit zurückzuspringen und uns zu warnen. Genaue Details und Anweisungen stehen im Tagebuch, aber jetzt erstmal auf der Stelle weg von hier. Du treibst mich buchstäblich vor dir her—schiebst mich regelrecht hinters Lenkrad, ploppst dann urplötzlich wieder neben mir auf dem Beifahrersitz auf und sagst, wir sollen gleich die nächste Ausfahrt nehmen. Einfach weiterfahren, nirgendwo anhalten und bloß niemandem unsere Namen geben. Außerdem unsere Handys ausschalten, den Truck irgendwo stehenlassen und auch sonst keine Gegenstände benutzen, die man auf irgendeine Weise mit uns in Verbindung bringen könnte. Und ich soll dich auf jeden Fall—unter allen Umständen—dazu bringen, deine Zeitreisekräfte wieder zu benutzen, weil du die früher oder später garantiert wieder brauchen wirst.

Nichts von alledem ergibt irgendeinen Sinn, aber zum Glück bin ich mittlerweile schlauer als dass ich dich in solchen Situationen auch noch hinterfrage. Also tue ich erstmal wie mir geheißen, starte das Auto und bringe uns schleunigst weg von dort. Du hältst noch meine Hand und küsst sie, als hinge dein ganzes Leben davon ab—was tatsächlich auch nicht mal allzu weit von der Wahrheit entfernt liegt—und dann sagst du noch, Wir sehen uns in zwei Wochen. Bitte, pass ja gut auf uns auf.

Ich werde dich für immer lieben, und dann ist Zukunfts-Du auch schon wieder weg.

‚Heilige Scheiße' trifft es wohl recht gut. Übrigens—bevor ich's vergesse: Wehe dir, solltest du mich jemals verdummbeuteln mit sowas. Ich meine es todernst! Wenn du dich in irgendeiner Weise direkt nach einem Foto verändern solltest, muss ich dem, was als nächstes deinen Mund verlässt, absolut blind vertrauen können. Wenn du auch nur einmal mutwillig falschen Alarm schlagen solltest, zerstörst du dieses Vertrauen. Ich werde nicht lachen und du, junges Fräulein, wirst ein Riesenproblem mit mir kriegen. Haben wir uns da verstanden?

Oh, ich weiß ganz genau, dass dir das schon durch den Kopf geschossen ist. Mir ist wohl bewusst, wie hinterfotzig du sein kannst, aber nicht mit mir, hörst du? Wir hatten schon den übelsten Streit deswegen, weil du hergegangen bist und tatsächlich genau das getan hast. Ich glaube, ich war noch nie zuvor so stinkig auf dich. Und mir hat es dann am Ende auch leidgetan, weil du wirklich einfach nur ein wenig rumalbern wolltest und dir nicht klar war, wie sehr mir das gegen den Strich gehen würde. Also versprich mir einfach gleich, dass du das niemals tun wirst.

Also schön. Sehr gut. Und wieder mal einen Streit vermieden, sind Zeitreisen nicht großartig?

Na ja, manchmal muss ich halt streng mit dir sein. Ist alles eine Lektion des Chloe Price'schen Ausbildungsprogramms für angehende Zeitreisende. Gefällt dir der Name?

C-PAaZ!

Na gut, dann eben nicht. Ich bin offen für neue Vorschläge. Also zurück ins Land des Unbegrenzten Martyriums. Zukunfts-Du ist Vergangenheit, Gegenwarts-Du sitzt wieder am Drücker und hat natürlich erstmal keinen Plan, was in den letzten paar Minuten alles passiert ist, oder auch nur warum sie plötzlich wieder im Auto hockt. Du hast schon beinahe eine kurze Panikattacke, weil du denkst, aus Versehen die Zeit zurückgespult zu haben, oder dass du gleich ganz den Verstand verloren hast. Ich versuche dir also so gut ich kann zu erklären, was passiert ist, und schlage vor, mal im Tagebuch nach dieser Nachricht zu schauen, die du uns angeblich hinterlassen hast. Stellt sich heraus, dass da gleich so um die zehn Seiten vollgeschrieben sind, mit weit ausschweifenden Flüchen, Beschuldigungen und Beleidigungen über einen gewissen Mister Sean Prescott. Vieles davon wieder durchgestrichen, so als ob du mehrfach neu angefangen hättest, weil du all den Zorn und die Wut nicht aus deinem System bekommen hast.

Lange Rede, kurzer Sinn: Der Typ weiß, dass zu die Zeit manipulieren kannst, und will dich als Gefolgsfrau oder am besten gleich als Lakaiin oder sonstwas. Er hat höchst persönlich am Haus deiner Eltern auf dich gewartet. Zuerst hat er dir noch 'nen Job angeboten, den du natürlich abgelehnt hast, weil du genau weißt, was für'n Arschloch der Typ ist. Das Ganze ist schnell aus dem Ruder gelaufen, wir wurden geschnappt, deine Eltern ohne auch nur mit der Wimper zu zucken ermordet und dann hat er mich solange gefoltert, bis du schließlich eingewilligt hast, für ihn zu arbeiten. Er hat auch noch andere Leute mit übernatürlichen Fähigkeiten, die für ihn arbeiten, und eventuell hat er sogar selber irgendwelche Kräfte, wir wissen aber leider nichts Genaueres.

Ich weiß! Uns hat das damals auch voll überrascht. Aber denk doch mal drüber nach: Macht doch Sinn, dass du nicht der einzige Freak mit Superkräften bist. 'Tschuldigung… Entschuldigung… „Krafterkorene", von mir aus, wenn du willst. So hat er dich jedenfalls genannt. Du meintest, er scheint weit mehr über dieses ganze Zeug zu wissen als wir, aber er hat dir nicht gerade Rede und Antwort gestanden, als du mit ihm gesprochen hast.

Ich habe absolut keinen blassen Schimmer. Wir dachten uns, dass es am wahrscheinlichsten ist, dass er dich auf irgendwelchen Überwachungskameras in Jeffersons Bunker gesehen haben muss, wie du dich in der Gegend herumteleportierst, und daraus hat dann er seine Schlüsse gezogen. Er hatte nur darauf gewartet, dass du zu deinen Eltern gehst, Max—er war darauf vorbereitet. Und er muss auch schon vor dem Sturm von dir gewusst haben—wir sind uns ziemlich sicher, dass er sogar über den Sturm selber Bescheid wusste. Erinnerst du dich noch an all die E-Mails und Briefe, die wir in Arcadia gefunden haben?

Mh-hm, also entweder hat er die Vorzeichen erkannt oder dieser Kerl hat selbst sein ganz eigenes Orakel.

Er hat dich benutzt, um in kürzester Zeit Unsummen schnellen Geldes zu machen, aber auch durch irgendeine albtraumhafte Trainingstortur hat er dich gejagt, dich auf irgendwelche abscheuliche Scheiße getrimmt, zu der es zum Glück niemals kam, bevor du von dort abhauen konntest. Er hat dir irgendeine Droge verabreicht, um dich am Zeitreisen zu hindern, immer wenn er es nicht wollte, aber du konntest noch immer durch Fotos springen und so bist du ja schließlich auch entkommen. Wir sind uns ziemlich sicher, dass er noch immer nicht weiß, dass du das kannst.

In deinem Tagebuch hast du geschrieben, wir sollten deinem Dad eine Nachricht schicken, dass wir uns dazu entschieden hätten, doch noch nicht zu ihnen zu fahren, und dass wir jetzt stattdessen in Richtung Portland unterwegs wären. Chloe hätte ein wenig Geld zusammengespart und kennte dort ein paar Leute, sie sollten sich keine Sorgen um uns machen und blablablabla—und du schreibst noch, wir sollen danach auf jeden Fall unsere Handys ausschalten, weil diese Dinger sich viel zu leicht orten lassen. Ganz einfach klassischstes Verschwörungstheorie-Aluhut-Gedöns, aber du hast mir einen solchen Schrecken eingejagt, dass wir uns dennoch an das Meiste davon halten: Haare färben, neue Klamotten, falsche Brillen, die ganze Palette. Und nur unter allergrößter Trauer lasse ich sogar meine geliebte, alte Schrottmühle in irgendeiner Tiefgarage in Bellevue zurück. In deiner endlosen Tagebuchtirade hattest du zwar strikt angeordnet, ein neues Auto zu besorgen, „koste es, was es wolle", aber wir entscheiden uns dann doch lieber für Bustickets bis in die nächste Stadt. Schließlich sind wir noch keine gänzlich hoffnungslosen Kriminellen oder so... Noch nicht, wohlgemerkt.

Es gibt da nur eine einzige Sache, bei der du stur bleibst: Du wirst niemals wieder deine Zeitreisekräfte anrühren. Und damit basta. Und ich kann es dir auch beim besten Willen nicht verübeln. Um die Wahrheit zu sagen… ich habe nicht mal richtig versucht, dich davon zu überzeugen. Nach allem, was du schon durchmachen musstest aufgrund dieser Kräfte, wollte ich ganz genauso wenig, dass du sie benutzt. Also dachten wir uns, wenn wir alles andere, was du geschrieben hast, ordnungsgemäß befolgen und weiter auf der Straße und in Bewegung bleiben, dann wird schon alles gut gehen. Der Typ kann seine Augen schließlich nicht überall im ganzen Land haben, nicht wahr?

Tja, denkste. Später finden wir heraus, dass er nicht einmal alles im Blick haben muss, nur um uns folgen zu können. Alles, was es dazu braucht, ist die richtige „Krafterkorene" auf seiner Gehaltsliste. Gut möglich wären wir ihnen sogar noch länger einen Schritt voraus geblieben, hätten sie nur meine Schrottmühle nicht gefunden. Aber im Anschluss erweist es sich nun einmal als recht schwierig, von der Jägerin unbemerkt zu bleiben, wenn diese die Fährte ihrer Beute wie auf dem Silbertablett serviert wahrnehmen kann.

Helen Briar, ehrwürdigste Auserwählte von der Begabung des Wolfes. Die Alte ist einfach nur zum völlig Kotzen, aber immerhin spielt sie mittlerweile ganz inoffiziell auf unserer Seite. Dazu komme ich später noch.

Das Ende vom Lied ist jedenfalls, dass Prescotts private Einsatztruppe unser abgeranztes Motelzimmer am vierten Tag nach dem Tornado in aller Herrgottsfrühe angreift und stürmt. Und das ist auch der Tag, an dem ich zum ersten Mal hautnah miterlebe, wozu du wirklich fähig bist.

Es sind immer noch ein paar Stunden bis zur Morgendämmerung, ich döse gerade noch so halbwach im Bett und denke darüber nach, wie zur Hölle wir heil aus diesem ganzen Schlamassel rauskommen sollen. Draußen in der Entfernung kann ich gerade noch irgendeine Autotüre zufallen hören und im einen Moment noch liegst du direkt neben mir, dicht an mich rangekuschelt… und im nächsten stehst du plötzlich neben dem Bett, vollständig angezogen, und schüttelst mich wach, während du mir mit einer Hand den Mund zuhältst—und von Kopf bis Fuß bist du einfach nur ein einziges Beben, komplett außer Atem, so als wärst du für ganze Stunden gerannt und schon nahe der Ohnmacht. Deine Finger riechen auch irgendwie widerlich, so ein stechend metallischer Geruch.

Keuchend flüsterst du mir zu, ich solle exakt tun, was du sagst. Du erklärst, dass du das Ganze schon zu viele Male wiederholt hättest, um noch mitzählen zu können, und dass du gleich vor Erschöpfung nicht mehr weiterkannst, also falls wir es beim nächsten Versuch nicht hinkriegen sollten, ist es aus mit uns beiden, dann sind wir erledigt. Und dann drückst du mir noch 'ne Pistole in die Hände.

Ich erinnere mich noch immer glasklar an jedes einzelne Wort, das du als Nächstes zu mir gesagt hast, hastig und mit stockendem Atem. Es ist fast so, als ob sie sich in mein Hirn gebrannt hätten. So als hättest du sie hundertmal wieder und wieder auf mich eingeredet.

Steh jetzt ganz leise auf und zieh deine Schuhe an. Renn zur Türe hinaus, sobald ich schreie. Draußen drehst du dich nach links und erschießt den Mann direkt vor dir—schieß bloß nicht daneben, mach dich auf den Rückstoß der Waffe gefasst. Und höre nicht auf zu schießen, bis er am Boden liegt. Spring dann über ihn drüber, klettre über das Geländer und bieg ein in die Gasse zu deiner Linken. Die rennst du dann einfach entlang, ich werde dort auf dich warten. Verkack's nicht, Chloe. Ich kann das nicht ohne dich machen.

Ich starre dich erstmal einfach nur an, kann in der Dunkelheit jedoch gerade nur so deinen Umriss erkennen. Ich versuche also fürs Erste richtig aufzuwachen und irgendwie zu kapieren, was zur Hölle überhaupt los ist. Du gehst hinüber zum Fenster, wo das Licht der Straßenlaternen durch die Vorhänge hereinfällt, und erst jetzt bemerke ich all das Blut in deinem Gesicht, wie es dir die Wange hinunterläuft und schon von deinem Kinn tropft. Du spuckst sogar noch etwas davon aus, während ich dich so entgeistert anglotze. Dir klafft da diese fiese, offene Wunde an der Schulter und dein ganzer linker Arm ist rot vor Blut. In deiner Jackentasche steckt ebenfalls eine Pistole und in einem plötzlichen Moment der Erleuchtung wird mir klar… du hast diese Waffen von ebenjenen Leuten, die uns jetzt gleich jeden Augenblick angreifen werden.

Ich mache echt keine Witze, Max, das alles ist wirklich so passiert. Warte, gib mir mal deine Hand. Fühl mal… da, genau die Stelle. Spürst du die Narbe?

Ja, ich weiß, dass das immer noch empfindlich ist. So schnell verheilt das halt nicht, wenn man da eine Glasscherbe so groß wie mein Daumen drinstecken hatte—die ich dann später auch noch herauspulen durfte!

Du schaust also zu mir zurück und zischst noch einmal, Schuhe, Chloe. Jetzt! Möglichst leise, aber auch umso eindringlicher, also bringe ich endlich meinen verschlafenen Hintern in Bewegung. Zum Glück sind diese Motelbetten so eklig, dass wir immer angezogen in unseren Klamotten schlafen, also muss ich das schon nicht mehr erledigen und nur noch meine Schuhe anziehen. Du versuchst noch immer, zu Atem zu kommen, während du aufmerksam das Fenster beobachtest, Hände ausgestreckt, so als würdest du nur darauf warten, dass jeden Moment irgendwas hereingeflogen kommt, und genau das passiert dann schließlich auch. Viel später erst erklärst du mir, dass das Tränengas war, aber ich kriege nicht einmal die Gelegenheit irgendwas davon mitzubekommen. Die Fensterscheibe wird eingeschlagen und du bist sofort zur Stelle und wirfst die Granate wieder zurück, von wo sie hergekommen ist. Und dann schreist du mir zu, ich soll losrennen.

Ich sprinte also los und alles um mich herum passiert unfassbar schnell. Die Türe wird eingetreten und du ploppst sofort davor auf, zielst deine Waffe auf den Kopf des Typs, der da reinkommt, und drückst ohne ein Zögern ab. Der Schuss ist ohrenbetäubend laut und der Mann fällt zu Boden wie ein nasser Sack. Fast im selben Moment passiert es, dass der Rest der Scheibe regelrecht explodiert, aber du bist schon wieder zur Stelle und schießt erneut auf wer auch immer da gerade reinsteigen will. Während das noch passiert, stürmt diese Frau zur Türe herein, dicht gefolgt von ihrem Kollegen, und richtet ihren Taser genau auf mich.

Keinen Augenblick später stehst du wieder neben mir mit deiner Hand ausgestreckt und ich schwöre dir, ich schwör's, ich kann die elektrischen Projektile schon in meinem Gesicht sehen—doch es passiert nie. Stattdessen sehe ich dich neben ihr, wie du ihr deine Waffe an den Kopf hältst, den Lauf an ihre Schläfe gepresst, und dann abdrückst. Das folgende Bild ist immer noch viel zu lebhaft in meiner Erinnerung, wie ihr Blut zur Seite auf die ganze Wand spritzt. Aber noch in derselben Bewegung schiebst du ihren leblosen Körper mir aus dem Weg, also renne ich weiter zur Türe und während die Frau noch zu Boden sackt, bist du schon wieder ganz woanders.

Ja natürlich ist das schrecklich. Es ist sogar grauenhaft und vollkommen abscheulich. Aber später, als ich versuchte zu verarbeiten, was dort passiert ist, da war ich einfach nur… in Ehrfurcht vor dir. Vor dem, was du getan hast… ich kann perfekt verstehen, warum du so skrupellos warst. Zu diesem Zeitpunkt musstest du schon zum wiederholten Male mitansehen, wie diese Leute mich niedermachen, Max. Unzählige Male. Du hast diese Arschlöcher nicht kaltblütig ermordet—du hast nur versucht zu überleben. Du hast für unsere Rettung gekämpft. Ich kann diesen Gedankengang, der dich damals angetrieben haben muss, ohne Probleme nachvollziehen. Ich wünschte nur, ich könnte dich ganz genauso beschützen, wie du mich an diesem einem Morgen beschützt hast.

In diesem Moment ist aber erstmal alles ganz egal. Vor lauter Adrenalin wird nicht viel nachgedacht und nur getan was getan werden muss—und deshalb drehe ich mich auch an der Türe vorbei nach links, hebe die Waffe, die du mir gegeben hast, mit beiden Händen auf Anschlag und ballere den Typ, der dort schon wartet, voll mit Kugeln. Im selben Augenblick kann ich von hinter mir auch noch mehr Kampfhandlungen hören, komme aber nie dazu, mich umzudrehen. Das warst natürlich du, wie du dich um das vierte Mitglied aus ihrer Truppe kümmerst.

Ich springe über den Typen, klettere über das Geländer und biege mit eingezogenem Kopf in die Seitengasse, wo ich einfach erstmal immer weiter renne. Mit all den Glasscherben und Splittern überall wären meine Füße mittlerweile völlig zerschnitten ohne die Schuhe.

Zu dem Zeitpunkt weiß ich es noch nicht, aber in der Umgebung war sogar noch ein weiterer Vierertrupp postiert, um alle Fluchtwege abzuriegeln. Du hattest dich bereits um drei davon gekümmert, als du plötzlich wie aus dem Nichts hinter dem letzten Typen auftauchst, den ich direkt vor mir in der Dunkelheit nicht einmal sehen konnte.

Ein letzter, markerschütternder Schuss löst sich, der Mann geht zu Boden… und du stehst einen Moment lang einfach nur da und siehst mich aus glasigen Augen an. Du gibst echt den mordsmäßigsten Anblick ab, den ich je zuvor gesehen habe, voller Blut und erschöpft bis zum geht nicht mehr. Als ich einen Schritt auf dich zu tue, da kann ich schon sehen, wie du zu straucheln beginnst, und halte dich noch schnell fest, bevor du endgültig in meinen Armen zusammenbrichst.

Jetzt bin ich diejenige, die vor Anstrengung bebt. Ich wiederhole immer wieder deinen Namen, aber du antwortest nicht mehr. Einen Moment lang ist es das absolut schrecklichste Gefühl auf der ganzen Welt, als ich schon fürchte, du könntest tot sein oder im Sterben liegen. Du bist nur noch dieses leblose Häufchen Elend in meinen Armen, während ich dich zu Boden setze und gegen diesen Müllcontainer neben uns lehne.

Aber du atmest noch. Und dein Puls ist auch noch zu spüren, also muss ich unbedingt so schnell wie möglich die Blutung stoppen… aber zu allererst müssen wir weg von hier—und zwar weit weg—doch du bist nicht einmal mehr annähernd bei Bewusstsein und wo zur Hölle soll ich dich bitte hinbringen? Wir flüchten hier von einer bewaffneten Kampfhandlung—einer verfickten Schießerei. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis hier alles voll ist mit Blaulicht und Bullerei. Selbstverteidigung hin oder her, wir haben diese Menschen umgebracht. Und der Typ von der Rezeption kann garantiert beschreiben, wie wir aussehen. Ich habe auch schon genug Filme gesehen, um zu wissen, dass wir in diesem Fall statt im Krankenhaus auch genauso gut gleich hinter schwedischen Gardinen landen könnten.

Und ich sehe dich an… und raste erstmal so ziemlich aus in meinem Kopf. Ich bin schon so kurz davor, einfach loszuschreien wie eine Wahnsinnige, aber dein Leben liegt jetzt in meinen Händen. Und dann leuchtet es mir ein: Ganz genau so musst du dich fühlen, wann immer du mit ansehen musst, wie ich verletzt werde. Dieses Gefühl ist der Grund, warum du immer und immer wieder durch die Hölle und wieder zurückgegangen bist, nur um mich zu retten. Alles andere verschwindet in der Bedeutungslosigkeit und das Einzige, was jetzt noch zählt, ist Ich muss dich in Sicherheit bringen. Ich bemerke, dass du dir die Mühe gemacht hast, deine Tasche mitzunehmen. Ich denke mir also, dass du ja eigentlich schon ein recht cleveres Mädel bist, und durchsuche sie nach irgendetwas Nützlichem, und deine Jackentaschen auch. Und siehe da, dort sind unsere Handys, Ladekabel, Geldbeutel, der Rest unserer Knete, praktisch alles, was man irgendwie mit uns in Verbindung bringen könnte… und außerdem noch ein Autoschlüssel, den ich noch nie zuvor gesehen habe.

Ich starre auf den Schlüssel und versuche die einzelnen Puzzleteile zusammenzusetzen. Ich muss davon ausgehen, dass du den Schlüssel von denselben Leuten hast, von denen auch die Waffen sind. Ich konnte mindestens fünf von ihnen sehen und die wollten dich lebend mitnehmen, also müssen sie irgendwo in der Nähe eine Art Kleinbus oder Truck stehen haben. Und da es eine unauffällige Nacht-und-Nebel-Aktion sein sollte, müsste auch das Fahrzeug unscheinbar sein und irgendwo außer Sichtweite unseres Zimmers geparkt sein, aber immer noch nahe genug, um anschließend zwei bewusstlose Personen schnell dorthin schaffen zu können. Der nächstbeste Ort, der mir in den Sinn kommt? Direkt geradeaus, am anderen Ende dieser Gasse. Und so stehe ich auf und spurte erneut los.

Dort auf der ganzen Straße steht nur ein einziger, einsamer Bus. Ich renne hinüber, teste den Schlüssel—und tatsächlich, er passt. Ich hatte nicht einmal darüber nachgedacht, dass da vielleicht noch jemand sein könnte, der das Auto bewacht, aber zum Glück ist die Luft auch wirklich rein, also ist erstmal alles gut. Im hinteren Bereich des Fahrzeugs sind Unmengen an Ausrüstung und Gerät, Platz genug, dich hinzulegen, und garantiert ist da auch Erste-Hilfe-Material dabei, denn diese Leute mussten schließlich darauf vorbereitet sein, potentiell im Einsatz verletzt zu werden, hab' ich Recht? Es passt einfach alles perfekt. Ich beeile mich, so schnell wie möglich zu dir zurückzukommen, dich da rauszukriegen und mit dir schleunigst die Kurve zu kratzen.

Kraft meiner übermenschlichen Stärke schwinge ich dich also über meine Schulter und… bin natürlich viel zu schwach dafür. Hast du jemals im Leben probiert, eine Person zu tragen, die null mithilft und nur rumhängt wie ein nasser Sack? Ist viel schwieriger als sie es in den Filmen immer zeigen. Du magst zwar ein winziges Persönchen sein, ein richtiges Leichtgewicht sogar, aber das sind trotzdem noch gute fünfzig Kilo, die da einfach auf dem Boden rumliegen, und ich war nicht gerade in Topform zum damaligen Zeitpunkt. Ich habe ehrlich keine Ahnung mehr, wie ich es am Ende geschafft habe, dich doch noch auf meinen Rücken zu hieven. War höchstwahrscheinlich dem ganzen Adrenalin und der schieren Verzweiflung zu verdanken. In jeden Fall war es nicht gerade der würdevollste oder auch nur angenehmste Akt zwischen uns beiden, so viel kann ich dir sagen.

Ich lege dich so vorsichtig ich nur kann in den Bus und klemme mich selbst hinters Lenkrad. Und erst als ich den Motor starte und wir uns schon in Bewegung setzen, sehe ich dann auch den ursprünglichen Fahrer vor uns in den Scheinwerfern auf der Straße liegen. Also… ja. Du hattest auf jeden Fall schon so weit vorausgedacht.

Wir sind in den Außenbezirken der Stadt und ich habe absolut keinen Schimmer, wohin ich eigentlich fahre, also versuche ich erst einmal nur, woanders hinzukommen und unterzutauchen. Die Sirenen heulen schon in der Distanz und kommen immer näher; ich stehe schon kurz davor, einfach das Gaspedal durchzutreten und jede rote Ampel zu überfahren, aber ich kann mich noch mal zusammenreißen und mich zwingen, langsam und vorsichtig zu fahren, Geschwindigkeitsbegrenzung und Straßenschilder zu beachten und so weiter und so fort. Schließlich parke ich uns einfach in irgendeiner x-beliebigen Seitenstraße in der Vorstadt, nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt. Ich muss mich einfach um dich kümmern.

Du bist ein komplettes Wrack, wie du da liegst, und ich erinnere mich noch genau daran, wie ich für einen Augenblick lang einfach dasaß und mir gedacht habe… Gott im Himmel, sie ist doch gerade erst achtzehn, wir sind beide noch Teenager. Du wirkst so zerbrechlich und klein, einfach nur dieses hilflose, verletzte Häufchen Elend von einem Mädchen, das da bewusstlos im Ladebereich eines Kleinbusses liegt. Ich mache mich an die Arbeit und suche irgendeinen Erste-Hilfe-Koffer, der auch zum Glück leicht zu finden ist; in dem Bus war ein riesiger Kasten voll mit Bandagen, Schmerzmitteln, Wasserflaschen, Desinfektionsmittel, Nähwerkzeug und sogar eine kleine Tasche mit chirurgischem Werkzeug. Ich denke einfach gar nicht erst viel darüber nach und konzentriere mich zunächst ausschließlich darauf, dich sauber zu kriegen und zu sehen, wie groß der Schaden tatsächlich ist. Nicht gerade wie ich mir immer fantasiert habe, dir zum ersten Mal die Kleider vom Leib zu schälen.

Jede Menge Schnittverletzungen und Schürfwunden und du hast dir wohl irgendwann ziemlich arg auf die Zunge gebissen, doch das Allerschlimmste ist tatsächlich dein Arm. Darf ich dich darauf hinweisen, wie absolut unlustig es war, dir diese riesengroße Scherbe aus der Schulter zu pulen und dich anschließend auch noch zu nähen, und das mit nichts weiter als einer beschissenen Google-Suche als Hilfestellung? Ich hatte keinen Plan, was ich zu tun hatte, ich wusste nur, dass ich etwas tun muss. Kacke, mich schaudert's noch immer, wenn ich nur daran denke. Du hast da eine echt superfiese Narbe am Arm, und die hast du nur mir zu verdanken. Grenzt fast an ein Wunder, dass sie sich nicht entzündet hat.

Was? So ein Blödsinn! Max, die haben uns angegriffen, wir wollten damit nichts zu tun haben. Du hast nur getan, was du tun musstest, um zu überleben. Glaubst du, du hättest dich später nicht wie der letzte Dreck gefühlt? Es hat dich fertiggemacht, Max, Tausend-Meter-Weitstarren für Tage ohne Ende. Du wusstest sehr wohl, dass du keine andere Wahl hattest, aber trotzdem hast du dich im Anschluss andauernd selber gequält deswegen, so als wärst du plötzlich zur Serienmörderin geworden. Manchmal müssen die Guten nun mal schreckliche Dinge tun, um zu überleben. Mehr gibt es dazu echt nicht zu sagen.

Es hat einen guten Grund, warum ich dir das hier alles in so vielen Details erzähle. Ich selbst habe an diesem Tag so manche Dinge verstanden, während ich dich wieder gesundpflegen durfte, und ich will, dass du sie genauso verstehst.

Erstens, du wirst mich beschützen, selbst wenn es dich umbringen sollte, und es gibt auch nicht viel, was ich dagegen tun könnte. Ich glaube, du kannst einfach nicht anders, so bist du eben, das ist nun mal deine Art. Falls du dachtest, ich hätte zuvor schon ein Problem mit Heldenidealisierung gehabt, dann war das nichts im Vergleich zu jetzt. Ich bin dein allergrößter Fan und Cheerleader Nummer eins, Baby.

Zweitens, ich bin nichts weiter als Ballast für dich, sobald irgendetwas schiefgehen sollte, ein totaler Klotz am Bein, der dich nur zurückhält. Wenn ich dir auch nur eine halbwegs brauchbare Handlangerin sein will, dann muss ich daher auch entsprechend was draufhaben. Doch selbst wenn ich von heute auf morgen irgendwie eine absolute Überlebenskünstlerin oder Draufgängerin sein sollte, dann wäre deine beste Überlebenschance noch immer, indem du mich ganz einfach von dir fernhältst. Und da kannst du auch sagen, was immer du willst, es ist die Wahrheit. Es wäre für dich ein totaler Klacks gewesen, zu entkommen, wenn du mich nicht dabeigehabt hättest. Ist doch so.

Und drittens… einfach nur davonlaufen reicht nicht. Wir müssen uns aktiv wehren. Wir müssen Sean Prescott loswerden. Das hast du mittlerweile auch erkannt, hab' ich Recht?

Ja, ich weiß... ich weiß, dass du niemanden umbringen willst. Aber irgendwas wir müssen gegen den Kerl unternehmen, irgendwas Gravierendes. Er wird uns nicht einfach so in Ruhe lassen, Max. Und es dreht sich hier auch nicht mal mehr nur um uns. Du hattest dich die ganze Zeit über selbst dafür fertiggemacht, dass du deine Kraft missbrauchen könntest, aber kannst du dir vorstellen, was passieren würde, falls sie jemandem wie ihm in die Hände fällt? Wir dürfen es auf keinen Fall soweit kommen lassen.

Oh Mann, jetzt rede ich hier schon seit fast einer Stunde und dabei wir haben gerade erst fünf Tage hinter uns gebracht. Ab jetzt dürfte es aber hoffentlich schneller vorangehen, zumindest so lange bis—Mh? Was ist los?

Ha! Klar, du Dumpfbacke. Meine epische Erzählung von Überlebenskampf und Heldenmut kann leicht auf deine Pipipause warten. Das Klo ist hinter der schmalen Türe da links, du musst sie aufschieben. Furz nicht zu hart, falls du musst, die Wände hier sind hauchdünn.

Was denn? Kann ich was dafür, dass wir zusammen in 'nem beschissenen Wohnmobil wohnen? All der abenteuerliche Zauber fliegt buchstäblich mit Vollgas zum Fenster raus, sobald eine von uns einen abseilen geht. Und mit diesem wundervollen und romantischen Bild verabschiede ich uns in die Werbepause.

Nichts zu danken.

Gern geschehen.