Kapitel 6: Zwischenakt: Déjà-vu
Händewaschen klingt mir gerade irgendwie nach Wunschdenken. Halb erwarte ich schon, dass sich das Wasser jede Sekunde rot färbt.
Überteuertes Luxusmobil hin oder her, das winzige Bad ist der Notwendigkeit geschuldet ein eingeengter Quader, bei dem Funktion über Form geht. Waschbecken, Spiegelschrank, Klo und Mülleimer, eingepfercht auf etwa einem mal zwei Meter. Die Einrichtung und Möbel mögen da noch so geschwungen und elegant gestaltet sein, doch dieses bedrückende Gefühl der Eingeschnürtheit können sie mir nicht nehmen. Ist zwar noch nicht ganz so schlimm, es mit einer Flugzeugtoilette zu vergleichen, erinnern tut sie mich aber trotzdem an eine.
Ich weiche dem Blick meines Spiegelbildes aus und bemerke dabei die zwei Zahnbürsten in dem Becher neben dem Waschbecken. Blau und grau. Auf dem Griff der blauen steht in fetten schwarzen Buchstaben CHLOE geschrieben. Ich glaube, das Ironischste daran ist, dass es mir inzwischen völlig egal wäre, wenn sie meine Bürste benutzte. Hach, wie Menschen sich doch ändern…
Mittlerweile nehme ich mir hierfür wahrscheinlich mehr Zeit als es wirklich notwendig wäre. Ich musste zwar schon ziemlich nötig, doch ich brauchte auch mal eine Minute, um all das verrückte Zeug zu verarbeiten, das meine unzähligen anderen Ichs durchgemacht haben. Na gut, machen wir zehn Minuten daraus.
Was sie gesagt hat ist wahr. Ich hatte wirklich nicht groß eine andere Wahl als diese Leute umzubringen. Dieses Privileg war schon für zweihundertundsechszehn ehemalige Einwohner Arcadia Bays reserviert. Und dennoch, es macht schon einen gewaltigen Unterschied, oder nicht? Einen Sturm seinen Lauf nehmen lassen. Jemandem eine Pistole an die Schläfe halten und abdrücken. Da ist etwas in mir, was nicht eine Sekunde zögern würde, beides zu tun.
„Das ist nichts, was du nicht schon vorher gewusst hast," murmle ich zu mir selber.
Auf dem Schrottplatz habe ich doch auch nicht gezögert, oder? Ich hätte Frank einfach so an Ort und Stelle erschossen, wenn in dem Revolver noch Patronen gewesen wären. Es ist stets die dieselbe grundlegende und unumstößliche Maxime, die jeder meiner Handlungen und Entscheidungen vorzuliegen scheint: Chloe geht über alles und jeden, keine Ausnahmen. Ich werde alles in meiner Macht Stehende tun, um für ihr Wohl zu sorgen, ganz egal wie fragwürdig oder brutal.
Ich bin stolz darauf. Ich fürchte mich davor.
Ich lasse das Wasser laufen und blicke meinem Spiegelbild jetzt ganz bewusst in die Augen. Meide sie nicht. Dies ist wer du bist. Ich könnte mir hundert Schimpfwörter an den Kopf werfen, doch niemals, jemals wieder will ich mich einen Feigling nennen.
…So langsam könnte ich mich aber schon mit der goldenen Mähne anfreunden. Auch wenn mein Pferdeschwanz inzwischen völlig zerzaust und meine Strähnen so langsam fettig werden. Und offenbar schlage ich mich auch noch immer mit diesem Hauch Kajal und der Nuance an Lidschatten herum. Es waren schon immer meine beiden einzigen Zugeständnisse an die moderne Schminkkultur. Mein Gesicht wirkt ohne schlicht noch farbloser und aufgequollener als ohnehin schon.
Obwohl gewisse Personen die Ansicht zu vertreten scheinen, ich hätte ein superhübsches Gesicht. Sie geben doch allen Ernstes vor, sie wären verrückt nach meinen Sommersprossen.
„Glaub ihr ja kein Wort," warne ich meine Reflexion, „sie will dir nur an die Wäsche."
Es hat sich aber so unglaublich gut angefühlt, sie das sagen zu hören. Ich will fast schon die Augen verdrehen über mein eigenes Verhalten. Ich bin puterrot angelaufen, nur weil meine Freundin behauptet hat, ich sei hübsch. Ich schüttle ungläubig den Kopf, drehe endlich das Wasser ab und fange damit an, meine Hände abzutrocknen.
Sie ist jetzt meine feste Freundin, nicht? Wir haben eben erst das L-Wort zueinander gesagt, das macht es ziemlich sicher offiziell, falls es das nicht sowieso schon vorher war. Der Gedanke allein löst schon das aufgeregteste Flattern in meinem Bauch aus. Ach du Kacke, ich war doch noch nie im Leben auch nur in einer Beziehung mit irgendjemandem und jetzt plötzlich lebe ich schon für ganze fünf Monate mit meiner festen Freundin in unserem gemeinsamen Wohnmobil. Herzlich willkommen im Liebesleben einer Zeitreisenden…
Der Wechsel vollzieht sich direkt vor meinen Augen, unmittelbar, jedoch fließend, und auch ohne meine Sinne in irgendeiner anderen Weise zu betreffen. Der Hintergrund auf der anderen Seite des Spiegels wandelt sich und nimmt einen grauen Farbton an. Vor mir sehe ich noch immer mich selbst, wie ich in einem farblosen Raum sitze, auf einem grauen Stuhl. Ich höre eine Stimme von der Seite zu mir sprechen, von außerhalb des Rahmens, wo ich die Person nicht sehen kann.
„Ich kapier' nicht, warum dir ‚Maxine' nicht gefällt. Ist doch ein cooler Name, ich mag ihn wirklich sehr."
Eine Frau, ihre Stimme klingt etwas zu hoch, fast schon schrill und… jung? Wie versteinert starre ich mich an, ich bin aber noch immer im Badezimmer. Ich hebe eine Hand und meine Reflexion versucht dasselbe, wird jedoch von den Fesseln daran gehindert.
„Aber in Ordnung, wie du willst. Ich versteh's halt nur nicht, warum nicht einfach für ihn arbeiten? Mich behandelt er mit Respekt und die Bezahlung ist gut, du musst nur tun, was man dir sagt, und keine Fragen stellen. Ist doch ein guter Kompromiss, nicht wahr? Was hat die Welt denn jemals für uns getan, Max? Was versuchst du überhaupt noch zu erreichen?"
Mein Spiegelbild sieht die Person geradewegs an, wer auch immer das sein mag, Augen überkochend vor Feindseligkeit. Ich folge meinem eigenen Blick, doch auf dieser Seite sind einfach nur nackte Fliesen zu sehen.
„Hör auf. Mit meinen. Gedanken zu spielen."
Die letzten Worte sind ein zähneknirschendes Fauchen aus ihrem (meinem) Mund und dann wechselt das Bild auch schon wieder zurück, genauso schnell wie es auch erschienen war. Der Spiegel ist nur ein Spiegel. Alles ist wieder wie vorher.
Was zur Hölle ist da gerade passiert?
„Chloe?"
„Was gibt's? Bist du ins Klo gefallen?"
„Würdest du vielleicht nur mal kurz hier reinkommen?"
„Ich hab's kommen sehen, dein Po ist inzwischen so schmal geworden, dass du einfach durch die Klobrille geflutscht bist."
„Ich bin nicht ins Klo geflutscht! Jetzt komm einfach mal kurz her…"
„Ich bring' trotzdem besser mal den Pömpel mit. Man kann ja nie wissen."
Ich starre weiterhin entgeistert auf mein Spiegelbild und höre, wie sie sich draußen bewegt. Nichts tut sich mehr.
Sie schiebt die Türe auf. In ihrer Hand befindet sich doch tatsächlich eine Gummisaugglocke. Chloe macht keine halben Sachen, wenn es ums Witzereißen geht.
Ich deute auf den Spiegel. „Hab' ich jemals irgendwelche Visionen bekommen, wenn ich da reingeschaut habe?"
Sie stellt das Teil zu Boden, ihr zunächst bescheuertes Grinsen wird sofort verdrängt von Besorgnis. „Nein, nicht, dass du es jemals erwähnt hättest zumindest." Sie berührt meinen Arm. „Was war los? Geht's dir gut, hat's dir wehgetan?"
„Es hat überhaupt gar nicht wehgetan…"
Ich erzähle Chloe exakt, was ich gesehen habe. Noch bevor ich das Ende erreiche, verhärtet sich ihr Gesicht zur finsteren Miene.
„Samantha Derrick. Wir haben sie in dieser Zeitlinie noch nicht getroffen, aber du kannst dir vielleicht vorstellen, dass BetaMax noch die ein oder andere Rechnung mit ihr zu begleichen hatte."
„Miss Derrick…"
Ein Strich für jede Lüge. Ich kann ein Schaudern nicht unterdrücken. „Sie hörte sich fast noch an wie ein Kind."
„Du hattest erzählt, sie wäre in etwa in unserem Alter. Insofern ist sie ganz genauso noch ein Kind wie wir auch, nehme ich an."
„Ist sie etwa auch… ‚krafterkoren'?"
„Glaub' schon. Habe aber keinen Schimmer, von welchem Tiergeist genau. Sie beherrscht irgendwelche telepathischen Fähigkeiten. Gedankenkontrolle oder zumindest… suggestive Beeinflussung oder Auslösen bestimmter Emotionen oder sowas in der Richtung. Wie schon gesagt, niemand wollte dir Fragen beantwortet, während du bei ihnen warst."
„Boah Mann, über wie viele von diesen Leuten müssen wir uns denn noch Sorgen machen?"
„Vier, von denen wir sicher wissen. Na ja, drei, wenn du Helen nicht mitzählst, obwohl die im Moment gerade ziemlich angepisst ist. Prescott selber ist noch immer ein großes Fragezeichen."
„Warum, was ist passiert, dass sie angepisst ist? Können wir dieser Frau überhaupt trauen?"
„Die Abmachung war eigentlich, dass wir heute unseren Part erfüllen. Sie hatte uns für genau diesen einen, bestimmten Zweck geholfen. Die dumme Zicke hat mich vorhin schon auf Skype zusammengeschissen, während du noch geschlafen hast. Aber, eigentlich ja, wir können ihr trotzdem schon ziemlich sicher vertrauen, dafür hast du schon gesorgt." Chloe berührt leicht meinen Arm und lehnt sich näher an mich heran, ihre Augen voll Sorge. „Max, mal ernsthaft, was ist los mit dir? Es ist, als ob Erinnerungen von deinem anderen Ich zu dir durchdringen. Das ist vorher noch nie passiert, sonst verlierst du immer alles."
„Ich hab' doch auch keine Ahnung, Chloe…"
In meinem Kopf kann ich meine eigenen Worte widerhallen hören. Mach dich besser darauf gefasst, kranke Scheiße zu sehen. Hatte sie das damit gemeint? Oder ist das hier wieder etwas ganz Neues?
Egal was es ist, ich bin nicht gerade allzu entzückt darüber.
„Lass uns einfach davon ausgehen, dass es was Gutes ist," sage ich ihr. „Es könnte doch was Gutes sein, oder nicht?"
„Mhm, klar. Genauso lief's bisher schließlich auch schon für uns."
„Ich kann doch sowieso nichts dagegen machen, oder? Also können wir auch genauso gut optimistisch bleiben."
Als Antwort schürzt Chloe nur ihre Lippen. Also lehne ich mich zu ihr hinüber und küsse sie, nur ganz flüchtig und beiläufig.
„Mach dir keine Sorgen, feste Freundin."
Die Art und Weise, wie sich ihr Schmollmund zu einem Lächeln umformt, lässt mich wünschen, ich hätte meine Kamera zur Hand. Ich will jedes winzige Bisschen spontanen Glücks, das ihr Gesicht erhellt, auf Bild einfangen und für alle Zeiten am Herzen tragen. Außerdem mag ich ihr neues Piercing wirklich sehr.
„Eigentlich…" Chloe greift nach unten und hält meine Hand, ihre Finger schmiegen sich sachte zwischen die meinen. „Ich war bisher vorsichtig, es nicht aus Versehen zu erwähnen, weil ich genau weiß, wie du reagiert hättest, aber… ‚feste Freundin' trifft es inzwischen nicht mehr ganz. Genau genommen ist es ‚Ehefrau', mittlerweile. Wir haben uns vor drei Wochen in Seattle das Ja-Wort gegeben."
Die Zeit um mich herum kommt vollständig zum Erliegen—und das ohne jegliches Zutun meinerseits. Ich kann spüren, wie meine Augen sich vor Erstaunen weiten und mir der Atem vor Schock im Halse steckenbleibt. Ich bin versteinert, starre sie an, als wäre ihr gerade ein zweiter Kopf gewachsen.
Mit der Hand, die sie hinter dem Türrahmen hatte, hält Chloe meine Kamera auf Augenhöhe, richtet sie auf mich und drückt den Auslöser. Sie lässt meine Hand los und schüttelt gelassen das frisch entstandene Polaroid, bevor sie es mir präsentiert.
„Außerdem bin ich schwanger. Und du der Vater."
Ich sehe das sich entwickelnde Foto. Die Konturen des dümmlichsten Gesichtsausdruckes, der jemals auf Bild festgehalten wurde, nehmen darauf schon langsam Gestalt an. Ich blicke sie wieder an und sie grinst mir mit ihrem absolut bescheuertsten und selbstgefälligsten breiten Grinsen entgegen.
„Rache ist süß, hab' ich nicht Recht? Das hast du jetzt davon, dass du immer so frech zu mir bist."
„Du bist so eine fiese Lügnerin! Ich hab' dir voll geglaubt!"
Sie fängt an zu lachen. Ich haue sie auf die Schulter, viel zu schwach nur, denn ich kann nicht einmal so tun, als wäre ich ihr wirklich böse. „Dafür machst du mir jetzt was zu essen. Als Entschädigung."
Sie strahlt mich an, als hätte ich ihr gerade die beste Nachricht des Tages überbracht. „Du hast Hunger?"
„'Nen Bärenhunger sogar. Hatte ich heute überhaupt schon was zum Frühstück?"
„Nein, und ich mache mir auch schon den ganzen Tag lang Sorgen deswegen. Du willst gar nicht wissen, was ich von deinen derzeitigen Essgewohnheiten halte." Chloe sieht nach unten und hakt einen Finger in meine Hosentasche, um das Foto hineinschieben zu können. Sie zwinkert mir zu. „Versprich mir, dass du mir das später nochmal zeigst, nachdem du für heute das letzte Mal die Zeit zurückgedreht hast, ja?"
„Ach Kacke, stimmt ja. Wir machen das hier ja alles wieder ungeschehen. Bist du sicher?"
„Zum quadrillionsten Mal, ja doch. Ist echt keine große Sache."
„Aber… ich hab' dir gesagt—wir beide haben zueinander gesagt, dass…"
„Dann sag es mir halt später einfach nochmal. Wird für mich garantiert voll abgefahren sein, das einfach so aus heiterem Himmel zu hören. Es sei denn… warte, hast du etwa keine ‚Ich liebe dich's mehr auf Lager? Gibt's davon nur eine begrenzte Stückzahl, ist das das Problem?"
„Lach nicht, das war so ein wundervoller Augenblick vorhin."
„Jeder einzelne Tag mit dir ist voller wundervoller Augenblicke." Sie bringt meine Hand an ihre Lippen und küsst meine Finger, genüsslich und sanft. „Ich bin da nicht gierig."
Oh mein Gott, dieser Blick. Dieses Aufblitzen in ihren Augen. Ich kann einfach nicht wegsehen. Sie erfüllt mich urplötzlich mit einer ganz anderen Sorte von Hunger, flutet mein Kopf mit einem guten duzend alles andere als sittsamer Verlangen. Ich fürchte, mein Gesicht hat gerade Feuer gefangen.
An einer Hand führt sie mich hinüber in die Küche. Wie ein Zombie folge ich ihr nach.
„Klassisch mit Speck oder Gemüseomlett?", fragt sie. „Du wirst eh beides lieben. Garantiert."
„Öhm, ja, ääh…" Immer diese Entscheidungen. Entscheidungentreffen ist schwer. „Klassisch mit Speck klingt echt super."
Ich hätte sie gleich nochmal geküsst, hätte sie nur das Thema nicht so schnell gewechselt. Ach was, ich hätte noch weit mehr mit ihr gemacht als nur das. Reiß dich mal zusammen, Max, du warst jetzt noch nicht mal einen ganzen Tag hier, was ist bloß los mit dir?
Die Playlist spielt immer mal wieder andere Musik, die ich nicht kenne, aber augenblicklich liebe, und auch altbekannte Favoriten von Syd Matters und Alt-J. Chloe muss sich die Mühe gemacht haben, eine ganze Reihe von Liedern nur mir zuliebe auszusuchen. Wie süß von ihr.
Sie organisiert sich eine Bratpfanne aus dem Regal und befeuert den Herd. „Setz dich einfach schon mal und ruh dich aus, Baby. Ich kümmre mich um alles."
„Wow, verwöhnst du mich eigentlich immer so sehr?"
„Nur wenn ich dir auch an die Wäsche will. Also ja, eigentlich immer."
„Ich hab's gewusst."
Ich beobachte sie vom Sofa aus, wie sie in der ganzen Küche herumwerkelt: Jalousien hochziehen, Kerzen auspusten, unsere halbleeren Getränke aus dem Schlafzimmer holen, alle Zutaten vorbereiten… das alles hat etwas sehr Beruhigendes an sich. Chloe findet ihren inneren Frieden in ihrem Reich, wie sie zur Melodie von I Might Float summt, während der Speck in der Pfanne munter vor sich hin brutzelt. Es ist alles so friedlich und harmlos. Ganz genau so könnte sich ein normales Leben mit ihr anfühlen.
Sie bemerkt, dass ich sie beobachte, und schmunzelt über ihre Schulter. „Ich will doch schwer hoffen, dass du Pfannkuchen-Mampf-Max nicht vergessen hast da, wo du herkommst."
„Mir ist schon im Spiegel aufgefallen, ich wirke etwas… knochiger als gewohnt."
„Na also! Danke schön! Endlich gibst du's mal zu, nachdem du mich immer wieder vertröstet und behauptet hast, es wäre schon nicht so schlimm. Ich weiß, dass an manchen Tagen einfach alles schmecken kann wie Asche, mir doch scheißegal. Iss dein verdammtes Essen trotzdem, an dir war eh noch nie viel dran."
„Hah. Du bist ja wirklich meine Mom."
Chloe schwenkt die Pfanne bedrohlich in meine Richtung. „Vorsicht, junges Fräulein. Noch ein Widerwort und heute Abend gibt's nur Rosenkohl für dich."
Der Duft alleine lässt mir schon das Wasser im Munde zusammenlaufen. Ich kann es kaum erwarten, endlich reinzuhauen in ihren hausgemachten, speckigen Leckerbissen. Gut eine Minute später serviert sie mir einen gewaltigen Sandwichbeladenen Teller und pflanzt sich selbst mit ihrem eigenen direkt neben mich, was eine riesen Erleichterung ist, denn ich bin nicht gerade erpicht darauf, mich vollzustopfen, während sie mir nur dabei zuguckt. Sie schnappt noch die halbleere Chipstüte von der Armlehne und platziert sie griffbereit zwischen uns auf dem Esstisch.
„Danke, Chloe. Sieht echt super aus."
„Alles ist super, wenn Speck mit von der Partie ist. Los, hau rein."
Ich gehorche ihr ohne ein weiteres Widerwort. Mir gefällt diese fürsorgliche Seite in ihr. Es fühlt sich gut an, sich hin und wieder mal verwöhnen zu lassen.
„Mmm…mm, dasch' lecka."
„'Türlich ist es das, ist schließlich ein uraltes Geheimrezept aus der Familie Price, weitergereicht von Generation zu Generation seit unzähligen Jahrhunderten. Die geheime Spezialzutat lautet…"
„Haufenweise Speck?"
„Erraten." Sie gönnt sich selbst einen herzhaften Bissen und spricht dann einfach mit vollem Mund weiter. „Also, wo waren wir mit der Geschichte?"
„Eigentlich… könnten wir vielleicht für eine Weile pausieren mit der Geschichte und stattdessen was Anderes machen? Einfach 'nen Film gucken oder so?"
Sie wirft mir einen verständnisvollen Blick zu. „Das alles ist ganz schön viel auf einmal, hab' ich Recht?"
„Das kann man wohl sagen. Ich glaube, ich bin fürs Erste an Fragen erschöpft, und ich hätte echt nichts dagegen, mein Hirn mal für ein paar Stunden abzuschalten."
„Du machst es klingen, als wäre es überhaupt jemals an."
Ich knuffe sie halbherzig mit dem Ellbogen in die Seite. „Witzbold."
„Ich denke mal, nachdem heute dein erster Tag ist, kann ich das zulassen. Wir sind momentan zwar ein wenig unter Zeitdruck, aber ein klein bisschen Freiraum dürfte schon drin sein."
„Du machst Witze, oder? Ich bin eine wandelnde Zeitmaschine, da können wir uns ja wohl hoffentlich auch mal ein wenig Ruhe und Frieden gönnen…"
„Hat ja echt nicht lange gedauert und du nimmst den Mund ganz schön voll—und ich rede hier nicht vom Essen. Apropos, du hast da etwas… nein, andere Seite. Ja, genau da. Was ich sagen will, du kannst nicht dieselben vier Stunden immer und immer wieder zurückdrehen, SuperMax. Irgendwann sind deine Kräfte einfach erschöpft, und selbst wenn sie dich nicht auslaugen würden, schlafen musst du trotzdem auch noch irgendwann. Wenn alles nach Plan läuft, wirst du in der finalen Zeitlinie aus meiner Sicht noch topfit sein bis zur Markierung, und dann plötzlich wieder todmüde. Gut möglich darf ich dich dann schon wieder schlafen legen um zwei Uhr nachmittags." Sie kichert etwas und beißt nochmal ab. „Dein Tag-Nacht-Zyklus ist übrigens ein einziges Tohuwabohu."
„Aber warum die Eile? Sind wir hier etwa nicht sicher?"
„Bisher waren wir das schon. Aber heute Morgen, bevor du aufgetaucht bist, sind wir Prescott sehr nahegekommen. Das wird nicht für lange unbemerkt bleiben und dann geht die Hetzjagd wieder von Neuem los. Helen meinte, sie könnte ihn höchstens bis zu drei Tage hinhalten, und vorher sollten wir noch unsere Lockvögel fliegen lassen und möglichst über alle Berge sein. Dieses Mal hat sie echt jedes Recht, auf uns beleidigt zu sein. Sie riskiert wirklich alles, um uns zu helfen—rein aus Eigeninteresse, versteht sich, aber trotzdem…" Chloe schiebt ihren Teller beiseite und steigt unversehens auf allen Vieren über den Tisch, um das DVD-Regal über unseren Köpfen zu erreichen. „Aber jetzt lass uns all das erstmal vergessen, einverstanden? Du hast schon Recht, wir haben uns echt 'ne gewisse Auszeit verdient." Ihr Finger fährt suchend über die Rücken der Filmhüllen und wählt schließlich einen davon aus. Ich glotze ihr dabei definitiv nicht auf den Hintern oder ihre freizügig zur Schau gestellte Taille, nope, überhaupt nicht. „Wir haben in letzter Zeit, wann immer wir dazu kamen, haufenweise Futurama geguckt. Und deshalb kann ich auch mit absoluter Gewissheit sagen, dass dir diese hier gefallen wird." Sie befreit die DVD aus ihrer Hülle und legt sie ein in das Laufwerk.
Sie kehrt zurück auf ihren Platz an meiner Seite, ausgerüstet mit allerlei Fernbedienungen. Musik aus, Fernseher an, Navigation durch die Menüs. Bender's Big Score flimmert über den Schirm uns gegenüber. Oh Mann, apropos toller Plasmafernseher. Platz doch vor Neid, Victoria.
Nebenbei kleckere ich mich komplett voll mit ihrer scharfen Soße. Hätte den Mund besser nicht so voll nehmen dürfen. Ich wische mir das Gesicht mit dem Handrücken ab. „Ich bin für alles offen, aber hättest du nicht vielleicht auch Fin—"
„Max." Chloe dreht sich zu mir und lehnt sich aufdringlich nahe an mein Gesicht heran. Ihre Augen stehen weit offen, fokussieren sich angestrengt auf mich. Ihrem Blick unterliegt der Hauch einer drohenden Warnung, ihren Zügen der Anflug einer bevorstehenden Verzweiflung.
„Wenn du jetzt sagst, ich soll schon wieder Spirits Within anmachen, dann kotz' ich dich voll."
Oh.
Na gut.
Dann halt doch Futurama.
