Kapitel 7: Versuch und Irrtum

Also gut, du liegst also bewusstlos im Ladebereich unseres gestohlenen Kleinbusses, während ich uns beide immer weiter gen Horizont fahre, klar soweit? Und ich merke schon so langsam, wie ich immer paranoider werde. Deshalb halte ich an, sobald wir in der nächsten Stadt ankommen, und im erstbesten geöffneten Baumarkt besorge ich ein paar Sachen und Utensilien und verpasse unserem Gefährt 'ne gründliche Generalüberholung. Ich verkünstle mich mit allen möglichen verschieden Farben, verbeule und verkratze die Karosserie und benutze Klebeband und schwarzen Filzstift, um das das Kennzeichen unkenntlich zu machen. Wie? Gesetzesflüchtige? Nope, alles, was ich hier sehe, sind irgendwelche abgedrehten Kunsthippies und deren hässlicher und beschissen demolierter Kleinbus. Sollte sich bald herausstellen, diese ganze Liebesmüh war am Ende völlig für den Arsch, aber dazu komme ich noch.

Während dieser ganzen Zeit bist du noch immer völlig geplättet, stundenlang liegst du einfach nur ohnmächtig flach. Bis du endlich wieder zu dir kommst, haben wir schon lange die Grenze nach Idaho passiert. War der glücklichste Moment meines Lebens, als ich dich noch ganz leise und schwach meinen Namen von hinten rufen höre. Sogar in diesem Zustand willst du noch als allererstes wissen, ob ich verletzt wurde, du bist einfach nur unglaublich. Ich bringe dich dazu, ein paar Schmerzmittel zu schlucken und dir erstmal um nichts Sorgen zu machen, und da du immer noch ziemlich am Ende bist, widersprichst du auch nicht allzu sehr. Ich besorge uns noch ein wenig Zeug, damit wir im Bus übernachten können, und dann fahren wir einfach weiter, bis mir irgendwann schließlich die Augen vor Müdigkeit zufallen.

Spät am selben Abend noch findet uns dann Helen Briar, weil das ist halt, was sie so macht. Aber sie kommt allein, will nur mit uns reden.

Ich war ihr gegenüber nicht gerade die vertrauensvollste Person und hätte schon beinahe auf sie geschossen—was… uns womöglich eine Menge Plackerei erspart hätte? Vielleicht? Es wäre uns jedenfalls um einiges leichter, diesen Arschlöchern gleich mehrere Schritte voraus zu bleiben, wenn Helen nicht mit von der Partie wäre, aber wir sind ja schließlich keine skrupellosen Mörder, hab' ich Recht? Du musst wissen, Helen ist auch nicht weniger Prescotts Gefangene als wir es jemals sein könnten und sie sucht insgeheim schon verzweifelt nach einem Ausweg aus ihrer Lage… und dann kommst du daher und machst mal eben schnell ganze acht professionelle Privatsöldner innerhalb von nur ein paar Sekunden platt. Sie weiß, dass du zeitreisen kannst, und Prescott macht so ein riesen Tamtam darum, dich unter Kontrolle zu bringen, dass er ja wohl auch 'nen verdammt guten Grund für all das haben muss. Also… wenn irgendjemand ihr aus ihrer Situation helfen kann, dann wärst das wohl du.

Du wirkst kaum anwesend, also übernehme ich das Reden vorerst, während du bloß zuhörst. Ich stelle ihr ein paar Fragen und mein lieber Scholli, die legt vielleicht eine Haltung an den Tag für jemanden, der daherkommt und uns um Hilfe bittet. Sie sieht die ganze Zeit über bloß dich an, so als ob ich gar existierte—sie ist diese typische, alte Bissgurke, vom Leben enttäuscht, so zirka um die dreißig. Sie hat „unser Profil gelesen" und sie tut dauernd so, als wären wir nur irgendwelche ahnungslosen Teenies, die mit dem Feuer spielen. Sogar noch nach dem, was du mit diesem Greiftrupp angestellt hast, hat sie anscheinend keinerlei Sorgen, dass wir sie gleich hier und jetzt auf der Stelle loswerden könnten.

Sie behauptet, dass Prescott ihr zwar Bezahlung und Training bietet, dabei aber zu jedem Zeitpunkt „das Schwert Damokles'" über ihrem Kopf schweben lässt… oder vielmehr über den Köpfen der ganzen Familie ihrer Schwester. Sie hat im Laufe der Jahre ein ums andere Mal ihre Loyalität unter Beweis gestellt, deshalb stellt man sie nicht mehr so häufig infrage. Und wenn sie uns wirklich etwas anhaben wollte, dann hätte sie uns nicht einmal erst suchen müssen, denn unser geklauter Bus hatte die ganze Zeit über 'ne beschissene GPS-Ortung installiert und wie konnten wir bloß so bescheuert sein, den auch noch weiter zu benutzen. Bin mir selbstredend wie ein riesen Volldepp vorgekommen nach dieser Enthüllung.

Sie hätte den braven Schoßhund spielen können und sich von uns fernhalten, sie hätte auch mit vorgehaltener Waffe ankommen können, um irgendwelche Forderungen zu stellen… aber stattdessen erscheint sie bei uns in wohlwollender Absicht. Sie ist unbewaffnet und sie wird uns sogar verraten, wie wir ihre Kraft umgehen können, damit sie später auch wahrheitsgemäß behaupten kann, sie hätte unsere Fährte verloren. Sie will alles, was sie weiß, mit uns teilen und uns mit allem helfen, solange sie selbst dabei nicht auffliegt. Alles, was wir dafür tun müssen, ist, den Mann zu töten, sobald sich uns die Möglichkeit dazu bietet.

Ich muss zugeben… es braucht mich nur einen einzigen Blick auf dich und deinen Zustand und ich bin sofort dafür. Bin ich noch immer. Irgendjemand tut dir derart weh, und ich sehe rot bis dieser Jemand bekommen hat, was er verdient. Nicht mehr und nicht weniger.

Du sitzt einfach nur da, mit gesenktem Kopf, und hörst in aller Stille zu. Dann greifst du langsam nach deiner Tasche, holst deine Kamera raus und machst ein Foto von dir selber. Du wedelst es noch durch die Luft und legst es dann wieder weg, mucksmäuschenstill. Dann siehst du zu ihr auf, mit diesem gruseligen Blick… und verschwindest ganz einfach.

Und schon geht's wieder los, hab' ich Recht? Keine Sekunde später und du stehst hinter ihr und drückst ihr deine Pistole in den Rücken. Du sprichst zu ihr mit diesem tiefen, grimmigen Fauchen: Wir helfen dir, und du wagst es, uns zu hintergehen?

Ich sehe ihr schreckverzerrtes Gesicht und mein eigenes sieht dem wahrscheinlich ganz ähnlich. Meine Gedanken beginnen zu rasen, und ich sammle in meinem Kopf schon eine ganze Palette an Fragen, die ich Zukunfts-Dir stellen kann, aber du bist im Augenblick natürlich noch etwas beschäftigt. Du machst dich regelrecht über sie her, überwältigst sie von hinten mit irgend so einem abgefahrenen Karate-Kampfsportgriff und sprichst davon, dass wir sie wie eine Freundin behandelt hätten und doch hätte sie die ganze Zeit über nur ein doppeltes Spiel mit uns getrieben und uns schon beim ersten kleinen Rückschlag hintergangen. Dass du eine verfickte Zeitreisende seist, also natürlich hättest du ihren Verrat kommen sehen. Du warst angepisst wie ich dich noch nie zuvor erlebt habe—oder auch nur seitdem. Ich muss zugeben… es war ziemlich gruselig… aber irgendwie auch cool.

Ich kann mich noch so gut an deine Worte erinnern. Krieg das gefälligst in deinen Schädel, scheißt du sie an. Es gibt hier keinen Mittelweg, du kannst nicht für beide Seiten gleichzeitig spielen und dann sehen, wer am Ende gewinnt. Verrate uns… ne, ne, warte, warte, du warst mehr so, ich gebe dir noch eine weitere Chance. Verrate uns noch einmal, und ich werde zurückkommen und dich aus dieser Existenz radieren.

Du hast sie damit sowas von aus ihrem Konzept gebracht, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Obwohl man ihr wohl zugestehen muss, nach nur einer kurzen Weile Überdenkzeit nickt sie auch schon zustimmend. Helen fängt an, uns von allen möglichen Sachen zu erzählen, aber du bringst sie sofort wieder zum Schweigen und sagst ihr, sie soll einfach gleich zum Ende kommen, du hättest sowieso schon alles gehört, was sie uns zu sagen hat. Und offenbar besteht besagtes Ende daraus, ihr ins Bein zu schießen und dann auf ihrem Motorrad abzuhauen?

Neineinein, es war ihre Idee—sie meinte, es wäre keine große Sache und dass sie ohnehin schon viel Schlimmeres durchgemacht hätte. Sie weiß, wie man Schussverletzungen zu behandeln hat, wir sollen nur darauf achten, ihr nicht ihre Kniescheibe zu zertrümmern oder sowas Doofes. Wovor sie sich wirklich fürchtet, ist dabei erwischt zu werden, wie sie uns hilft. Sie würde viel lieber inkompetent erscheinen und behaupten, du hättest deine Kraft benutzt, um sie zu überraschen, nachdem sie dich unterschätzt hat und nachlässig geworden ist. Was… alles sogar der Wahrheit entspricht, jetzt, wo ich so darüber nachdenke.

Also… ich stelle mich dafür zur Verfügung. Du hast auch so schon auf genug Leute geschossen. Ich dachte zuerst, du würdest widersprechen, aber stattdessen nickst du ganz einfach, so als hättest du schon verstanden.

Es war jedenfalls alles andere als lustig, so viel kann ich dir verraten.

Als es vorüber ist, sammeln wir noch so viel Zeug zusammen wie wir tragen können und lassen sie in unserem geklauten Bus zurück, zusammen mit mehr medizinischer Ausrüstung als sie jemals im Leben brauchen könnte, bis sie von ihren Leuten gefunden wird. Wir laufen rüber zu ihrer affentittengeilen Harley—oder vielmehr, ich laufe und du lehnst dich auf mich, als könntest du jeden Augenblick wieder zusammenklappen. Ich will dringend noch ein paar Antworten bekommen, bevor Gegenwarts-Du wieder übernimmt, also flüstere ich dir im Gehen schnell noch ein paar Fragen zu. Du siehst zu mir auf und trägst dieses selbstgefällige, fiese Grinsen auf deinen Lippen.

Ich hab' das Foto gar nicht benutzt, verrätst du mir. Es war einfach nur offensichtlich, dass ich ihr 'nen gehörigen Schrecken einjagen muss. Bin mir recht sicher, dass es geklappt hat.

Jup.

Ganz genau! Das war überhaupt kein Fotosprung, sondern einfach nur erstklassige Schauspielkünste gewürzt mit haufenweise kleinen aber feinen Minizeitreisen. Für so etwas Unwichtiges wie Helen würdest du doch nie einen Fotosprung riskieren, die Konsequenzen wären einfach viel zu unberechenbar. Und so hast du ihr praktisch den Arsch versohlt.

Oh ja, du hast es echt faustdick hinter den Ohren. Du kannst ganz schön hinterfotzig sein, wenn du es nur sein willst, Max, und das weißt du auch. Dafür musst du dich nicht schämen, es ist was, worauf du stolz sein solltest. Aber jetzt erstmal weiter. Bis wir das Motorrad erreichen muss ich dich praktisch schon tragen—diese ganzen kurzen Zeitsprünge zusammen mit Helens wunderbar herzigem Gemüt haben dir mal wieder den Rest gegeben. Wir kramen noch durch die Satteltaschen ihrer Maschine nach irgendwas Verdächtigem und dann kratzen wir auch schon wieder die Kurve. Alles ist einfach nur noch so beschissen und surreal, aber ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass es sich nicht verdammt gut angefühlt hat, mit dir zusammen so auf dem Motorrad davonzurauschen und in die Nacht hinein.

Diese ganze Angelegenheit mit Helen verschafft uns aber endlich mal eine Atempause. Apropos, bevor ich es vergesse, der beste Trick, Helen und ihre Kräfte an der Nase herumzuführen, ist ‚Fährtensaturierung'. Wir müssen einfach nur möglichst viel von unserem Zeugs durchs ganze Land schicken und dabei nur darauf achten, dass es über Land transportiert wird. Je mehr wir damit in Kontakt waren, desto besser—ich hoffe also, dir ist diese Kluft noch nicht allzu sehr ans Herz gewachsen. Wir tragen immer Handschuhe und wir fassen auch nichts an, was nicht unbedingt sein muss. Und ich weiß, es ist eklig, aber du wirst ab sofort deine geschnittenen Fingernägel aufheben müssen, tut mir leid. Die sind perfektes Futter für unsere Lockvögel.

Um all das mussten wir uns zu Beginn aber erstmal keine Sorgen machen. Der Spürhund war erstmal für eine Weile außer Gefecht gesetzt und für reguläre Suchaktionen sind ihnen schlichtweg nicht mehr genug Hinweise geblieben, denen sie hätten nachgehen können. Also biegen wir ab Richtung Süden, weil warum zur Hölle eigentlich nicht, und fahren erstmal ein paar Tage lang weiter bis runter nach Nevada. Du bist die meiste Zeit ziemlich ruhig, klammerst dich während der Fahrt an mir fest und behältst deine Gedanken erstmal für dich, sortierst dich einfach mit allem, was passiert ist. Hier und da reden wir natürlich schon, wann immer wir 'nen Zwischenstopp einlegen, aber ich kann leicht erkennen, dass du… abgehärteter wirst. Verbitterter und irgendwie auch… verschlossener. Nicht gegenüber mir, das zwar nicht, aber… gegenüber allem anderen. Gegen all diesen unfairen Scheißdreck, mit dem wir uns herumschlagen müssen. Es ist ganz schön herzzerreißend, das mitansehen zu müssen, aber mir geht es ja irgendwie auch ganz genauso. Und auf gewisse Weise färben wir damit aufeinander ab, wenn du verstehst. Wir entwickeln beide so eine „Scheiß auf alles, immerhin sind wir zusammen"-Mentalität.

Wir konzentrieren uns ziemlich viel darauf, genau genommen. Wir machen immer alles zusammen. Wir berühren uns andauernd. Wir halten uns gegenseitig in der Nacht und knutschen tagsüber haufenweise rum, oft mehr aus Trost als wegen sonst was.

Und ein paar Tage später dann fragst du mich… was wohl mit dir passieren wird, wenn die Max, die gefangen genommen wurde, wieder übernimmt?

Mhm. Zu diesem Zeitpunkt dämmert es uns das erste Mal. Es ist nicht wirklich wie… sterben, das versteht sich beinahe schon von selbst. Aber was du in diesen wenigen Tagen alles vollbracht hast, diese Person, zu der du selbst in solch kurzer Zeit geworden bist, …sie wird für immer verschwunden sein, so als hätte sie niemals existiert.

Ein Teil von dir ist zunächst sogar erleichtert, weil natürlich bist du das, nach allem, was in dieser Nacht in Spokane passiert ist. Aber es ist trotzdem immer noch schrecklich, nicht wahr? Oder zumindest… extrem bizarr. Und wer weiß schon, welche anderen traumatischen Erlebnisse diese neue Max am Ende mit sich rumschleppen wird? Wer weiß, was sie vorhat, sobald sie wiederauftaucht? Und wie sollte ich denn überhaupt damit umgehen, sobald es soweit ist und sie dich ersetzt—sollte ich mich ganz einfach allem anpassen, was sie im Sinn haben könnte? Könnte ich sie jemals ganz genauso sehr lieben wie ich dich liebe? Nur mal zum Vergleich, denk doch mal zurück an unsere allererste Woche im Oktober. Das waren gerade mal fünf Tage, aber am Ende, als wir da rausgekommen sind und praktisch komplett andere Menschen waren? Und je mehr wir darüber diskutieren, desto mehr bist du nach und nach davon überzeugt, dass diese neue Max jemand ganz anderes sein wird.

Und so, mit allem, was sonst so passiert ist… rastest du irgendwie in gewisser Weise endgültig aus? Du wirst nicht verrückt oder drehst durch oder so, du gibst von da an schlicht keinen feuchten Furz mehr darauf was Abkürzungen angeht. Du hast einfach keinen Bock mehr, dir das Leben unnötig noch viel schwerer zu machen. Alles fühlt sich nur noch an wie ein einziger, riesengroßer Scherz, so als hätte das Schicksal persönlich seinen Spaß mit dir und lachte dir auch noch direkt ins Gesicht. Könntest also genauso gut auch einfach zurücklachen, hab' ich Recht? Das Universum will dich also unbedingt dazu zwingen, deine Zeitreisekräfte weiter zu benutzen? Na schön, wie du willst, da hast du. Wollen wir das Motorrad am Straßenrand stehen lassen und uns einfach 'ne neue Karre beschaffen? Scheiß drauf, hier, direkt vom Autohändler, null Kilometer drauf, keine monatlichen Raten oder sonst irgendwas, wer braucht schon Versicherung? Das Nummernkennzeichen von dem Auto da drüben tut's auch, das wird schon keiner vermissen, richtig? Und wer braucht überhaupt Geld für Lebensmittel? Ist wie'n Zaubertrick, wir stehen einfach auf irgendeinem Supermarktparkplatz und aus deinen Manteltaschen ploppen alle möglichen Sachen auf. Puff, literweise Schokomilch, puff, ganze Tüten voller Früchte, Knabberkram und Tampons, weil bei dir ist's bald wieder soweit, und ich kriege mich derweil schier nicht mehr ein vor Lachen. Uns geht das Geld aus? Wir sind in Nevada, Mädchen! Lass uns einfach mit Vollgas durch den Vegas Boulevard heizen, als gäb's kein Morgen mehr… was nicht mal allzu weit von der Wahrheit entfernt liegt, genau genommen. Und es ist auch mal eine ganz willkommene Abwechslung, in einem gescheiten Bett zu pennen, weil die Rezeption „vergessen hat", dass sie uns eingecheckt hat.

Na ja, es hatte sich in dem Moment noch gut angefühlt, auf diese rebellische, anarchistische und auch chaotische Weise, aber ganz ehrlich… ich glaube, das war unser absoluter Tiefpunkt bislang. In unseren Köpfen waren wir an diesem Punkt angekommen, an dem uns nichts mehr von Bedeutung war, außer wir zwei beide. Ich bin nicht stolz darauf, ich selbst habe mich dem viel zu leichtfertig hingegeben—ich hätte mich weit mehr dafür ins Zeug legen sollen, dass du dir selber treu bleibst und dir zu helfen, über diesem ganzen Scheißdreck, der dir offenbar aufgehalst wurde, drüber zu stehen und daran zu wachsen. Doch stattdessen habe ich mich selbst zurückfallen lassen zu einer Chloe, die ich eigentlich schon lange nicht mehr wirklich sein wollte.

Und in der Nacht… na ja, du kannst dir vielleicht vorstellen, was wir nachtsüber machen. Wir kommen schleunigst über all diesen „Es ist noch zu früh"-Schnickschnack hinweg. Wir reden nicht mal erst großartig darüber, zwischen uns ist diese… Zugkraft, die uns zueinander hinzieht, und wir wollen beide nicht mehr länger gegen sie ankämpfen. Null Zurückhaltung.

Und sicher, der Sex ist fundiert in Liebe, innigster und aufrichtigster Liebe sogar, aber… all dieser Zorn und der Frust, die sich innerlich so aufgestaut haben? Es ist wie eine Flut. Als wäre ein Damm gebrochen oder so. Es fühlt sich irgendwie verkorkst an, aber natürlich auch großartig und trotzdem… verkehrt? Du willst immer, dass ich dich so lange wie möglich wachhalte, es war so eine ungestüme Hemmungslosigkeit an dir. Fast schon eine… Verzweiflung. Es war einfach—ich weiß auch nicht… ich erinnere mich mit liebend gerne daran zurück, aber heute ist mir auch klar, dass es… es war irgendwie nicht gesund. Nichts daran konnte allzu gesund gewesen sein.

Wir sind wohl komplizierte Menschen, denke ich, und manchmal nur schwer zu durchschauen. Wir sind beide auf unsere ganz eigene Art und Weise mit allem umgegangen. Oder vielleicht hatten wir auch beide einfach die Schnauze voll davon, mit überhaupt irgendwas umzugehen, also haben wir es einfach für eine Weile lang bleiben gelassen.

Ich weiß! Überhaupt nicht romantisch oder so, tut mir echt voll leid. Ich wünschte, ich könnte von verträumter Musik bei Kerzenschein und neckischem Gekicher unter schmachtenden Blicken und all dem anderen Scheißdreck berichten, aber nein, wir haben uns einfach wild aufeinander gestürzt. Wir haben einfach alles aneinander rausgelassen. Wir haben Liebe gemacht, und dann gefickt, und dann alles davor und danach drunter und drüber—Oh Gott, entschuldige, das hört sich ja furchtbar an, wenn ich es so formuliere.

Kacke, war das etwa zu viel Information? Ich hab' schon wieder vergessen, dass du ja gar nicht mehr daran gewöhnt bist, mit mir über Sexy-Zeugs zu reden.

Hey, zu meiner Verteidigung, ich kann im Augenblick kaum an irgendwas Anderes denken, mit dir, die du hier praktisch direkt auf mir draufliegst. Ich glaube, dir ist noch gar nicht richtig bewusst, was das alles mit mir anstellt.

Nein, nicht weggehen! Das hab' ich damit nicht sagen wollen, bleib schön brav genau da, wo du bist. Es mag zwar ein grausam beschwerlicher Test meiner Willenskraft sein, doch dann werde ich halt die Zähne zusammenbeißen müssen.

Tatsächlich streiten wir uns am letzten Abend ziemlich heftig. Ich will dir ausnahmsweise irgendeinen längerfristigen Plan vorschlagen, wir sollten uns schließlich endlich mal Gedanken machen, was zur Hölle wir tun können, um diesem Kerl einen Schritt voraus zu bleiben und das Blatt letztendlich zu wenden. Aber du willst gar nicht erst darüber nachdenken, du bist einfach nur so, was geht mich denn dieser ganze Zirkus an, lass uns doch einfach so weitermachen. Soll sich doch die echte Max mit diesem Scheißdreck befassen. Und ich bin frustriert deswegen, weil ich mich schuldig fühle, ich muss an meine Eltern denken und auch daran, was sie wohl sagen würden, wenn sie sehen könnten, dass ich kein Stück gelernt habe aus den tausenden Fehlern, die ich in meinem Leben schon begangen habe. Du warst diejenige, die mir beigebracht hat, dass wir nicht auf die ganze Welt scheißen und erwarten sollten, dass sich alle Probleme von selbst lösen.

Aber offenbar war es ein Fehler, dir das auch genau so ins Gesicht zu sagen. Du behauptest, ich hätte doch gar keine Ahnung, was wahre Schuldgefühle sind. Also werfe ich dir wieder irgendwelchen anderen Mist an den Kopf, den ich überhaupt nicht so meine, und du tust dasselbe und so geht es dann erstmal hin und her. An diesem Abend hängen wir beide gerade noch so am seidenen Faden, weiß du? Es hat echt nicht mehr viel gefehlt zum vollständigen Nervenzusammenbruch. Haufenweise Rumgeschreie, jede Menge Tränen.

Nein, es war einfach nur irgendwelcher wütender Selbsthass-Scheißdreck, der niemandem irgendeine Hilfe ist, ich werde das jetzt garantiert nicht auch noch wiederholen. Wir waren ja nicht einmal aufeinander wütend, warum sollten wir auch? Wir haben einfach nur beide irgendein Ziel gebraucht. Kaum eine viertel Stunde später und wir liegen uns schon wieder in den Armen, flennen uns gegenseitig Entschuldigungen zu und fühlen uns beide wie Arschlöcher. Ich komme mir immer gleich wie das aller größte Miststück vor, wann immer ich böse auf dich bin.

Wir… na ja, du weißt schon, wir knutschen halt rum und versöhnen uns gleich wieder ziemlich gründlich, und so schlafen wir dann auch schließlich ein. Erschöpft. Aneinander gekuschelt. Wir dachten, wir hätten am nächsten Morgen noch Zeit, darüber zu reden, aber… der Wechsel passiert schon mitten in der Nacht. Ich schlafe noch und ich bin das große Löffelchen, weil so läuft der Laden hier halt—und plötzlich weckst du mich auf und du fällst mir so stürmisch um den Hals, dass du mich beinahe schon damit erdrückst, und du heulst und du lachst, wiederholst meinen Namen wieder und wieder und oh mein Gott, Chloe, wir sind ja nackig. Ich glaube, ich habe dich zuletzt so glücklich gesehen, da waren wir beide noch Knirpse, es war großartig.

Also… ja. Willkommen Zuhause, BetaMax. Du brauchst noch eine gewisse Weile, um wieder runterzukommen und erstmal puterrot anzulaufen, und ich brauche ebenfalls eine ganze Weile, um damit klarzukommen, wie absurd diese Situation eigentlich ist. Und so geht es dann auch los mit der heiteren Fragerunde.

Ich versuche dir von möglichst allem zu berichten und überraschenderweise bist du von alledem weit weniger schockiert als ich gedacht hatte. Helen ist eine positive Überraschung. Wiederum weniger positiv ist unser doch eher unschöner Exkurs in die Kleinkriminalität, aber du verstehst schon. Außerdem tut deine Armverletzung offenbar höllisch weh, was merkwürdig ist, weil du dich vorher noch nicht beklagt hattest.

Du gibst mir die Minimalzusammenfassung von dem, was auf deiner Seite passiert ist, und es ist so offensichtlich, dass du nicht darüber sprechen willst. Ich frage dich, wie du da rausgekommen bist. Du antwortest, du hättest getan „was immer dazu nötig war." Die Art und Weise, wie deine Stimme dabei abfällt… lass es mich so ausdrücken: Ich frage dich niemals wieder danach. Ich kann es mir selbst gut genug vorstellen und falls du es mir jemals erzählen wolltest, würdest du das schon machen. Was… du letztendlich dann aber nie getan hast—aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es im Tagebuch steht, falls dir der Sinn nach allen noch so kleinen oder grausigen Details stehen sollte.

Ich fange also wieder davon an, was uns alles widerfahren ist, und du rückst währenddessen ganz unauffällig immer näher und näher. Ich quassle so vor mich hin über Helen und ihr herziges Gemüt oder über dieses und jenes… und dann küsst du mich ganz einfach, komplett ohne Vorwarnung. Und das war auch definitiv kein „ich bin ja so froh, dich zu sehen"-Kuss, wenn du verstehst. Du siehst mich einen Moment lang an, du berührst meine Wange… und dann kommst du nochmal zu mir für noch mehr. Du bist sowas von nervös, dass du sogar noch dabei zitterst, aber es besteht absolut kein Zweifel daran, was genau du von mir willst.

Und ich bin nur so, heilige Scheiße, bist du dir sicher? Du bist gerade erst durch die Hölle gegangen, willst du dir nicht vielleicht erst, keine Ahnung, noch ein wenig Zeit nehmen, um wieder runter zu kommen und dich neu zu sortieren? Zwing dich nicht selbst dazu, irgendwas zu verfrüht anzugehen oder aus den falschen Beweggründen.

Du erzählst mir, was du in den letzten zwei Wochen durchleben musstest war ein einziger Albtraum, in dem Schmerz und Elend das einzige sind, was du die ganze Zeit über von mir zu hören bekommst, während dich die schiere Verzweiflung, mit mir zusammen zu sein, Stück für Stück langsam umbringt. Aber nun ist das alles nicht mehr real, es existiert schlicht nicht mehr länger. Du wachst auf zu einem wundervollen Traum. Und dieser Traum ist absolut alles, was du dir jemals erhofft hattest. Also wirst du jetzt auch gefälligst das Beste daraus machen, denn es könnte alles jeden Augenblick ganz genauso schnell wieder vorbei sein.

Worte der Weisheit, wenn du mich fragst.

Hey, was hätte ich denn sonst machen sollen, du liegst nackt und feixend wie ein Sukkubus neben mir im Bett und meine stets vorbildliche Genügsamkeit kennt nun mal auch ihre Grenzen.

Und das Lustigste daran… es war ganz anders. Voller Zärtlichkeit und... fast schon ehrfürchtig. Du bist so umsichtig und sanft, als könnte ich augenblicklich zerbrechen, solltest du mich nur auf die falsche Weise berühren. Und natürlich fummelst du jede Menge ungeschickt rum, weil es komplett von Neuem dein erstes Mal ist, was doch echt bekloppt ist, wenn man mal darüber nachdenkt.

Ich hatte erwähnt, dass es zuvor nicht gesund sein konnte, nicht wahr? Das hier war das genaue Gegenteil davon. Es fühlte sich an wie… als würdest du heilen. Als schenkte ich dir die ganze weite Welt. Alles, was ich dafür tun muss, ist da zu sein und glücklich zu sein und es zu genießen… und dann schenke ich dir die ganze Welt.

Katharsis durch Orgasmus.

Haha, jetzt komm schon, das ist nicht versaut, es ist tiefgründig! Ich bin hier gerade tiefgründig und einfühlsam. Was denn, wäre es dir vielleicht lieber, ich würde all die Sexy-Stellen einfach weglassen?

Mhm, das dachte ich mir.

Aber mal ganz ernsthaft, es war verfickt nochmal zauberhaft, ohne Witz jetzt. Immer wenn bei mir mal wieder die Selbstzweifel und Unsicherheiten zu Besuch sind und ich mich erst wieder daran erinnern muss, dass es nicht nur bloße Einbildung ist, dass du mich genauso sehr liebst wie ich dich liebe… dann denke ich zurück an diese Erinnerung. Ich denke an diese eine Nacht und daran wie glücklich du warst, wieder mit mir zusammen sein zu können.

Also schön, ich hab's doch gewusst, dass ich an dieser Stelle schon wieder ganz rührselig würde, genug jetzt davon.

Wir waren zuvor noch orientierungslos? Aber BetaMax spricht jetzt Klartext. Sie hat 'nen Plan und heilige Scheiße ist die Alte vielleicht auf Rache aus. Ich habe schon öfters Wut in dir miterleben können, aber noch nie zuvor habe ich in dir einen so abgrundtiefen Hass auf jemanden sehen können—sogar mit Jefferson warst du immer noch hin- und hergerissen. Bei ihm konntest du dich nie richtig entscheiden ob du dieses Arschloch hassen oder ihn doch vielmehr als den krankhaften Psychopathen, der er war, bemitleiden solltest. Ihn hinter Gitter zu bringen hat jedenfalls gereicht.

Sean Prescott aber… du willst ihn nicht einfach nur töten. Du willst ihn zerquetschen. Ihn in den Ruin treiben und rückstandslos vernichten.

Ich finde, das ist von allem sogar noch der seltsamste Teil: Ich kenne dich, es ist nicht deine Art—es entspricht nicht einmal deiner Natur, irgendjemanden so abgrundtief zu hassen. Dieser Mann hat etwas in dir gebrochen, Max. Er hat dich verändert. Von all den guten Gründen, die dafürsprechen, ihn aus dem Weg zu räumen, ist das die Nummer eins für mich.

Aber du warst in keiner Eile, es sofort hinter dich zu bringen—ähm, lass mich das lieber anders formulieren, denn am nächsten Morgen wurdest du sehr wohl wahnsinnig fokussiert darauf, sobald wir aufgestanden waren. Jede einzelne, gottverdammte Sekunde war plötzlich kostbar für dich. Was ich sagen will, du bist nicht einfach Hals über Kopf losgestürmt, ihn zu finden. Stattdessen machst du dich an die Arbeit, uns Möglichkeiten und Mittel zu beschaffen, um etwas zu bewirken. Irgendetwas Großes und Bedeutsames, damit wir mit ihm auf einer Augenhöhe stehen und endlich in seiner Liga mitspielen können. Du machst es zu nicht weniger als deinem heiligen Rachefeldzug, bei dem die Zeit konstant gegen dich spielt.

Komm schon. Du weißt, wen ich damit meine, hab' ich Recht? Dreimal darfst du raten.

Exaktamundo! Und gleich auf den ersten Versuch! Jup, es war dir schon ziemlich früh klargeworden. Ab irgendeinem unbestimmten Punkt in der Zukunft würden all deine Erinnerungen einfach so von jetzt auf gleich futsch sein—und es könnte sogar jeden Augenblick passieren, da jemand dummerweise vergessen hat, uns mitzuteilen, wie weit sie gesprungen ist, als sie ein gewisses Schmetterlingsfoto benutzt hat. Schon eine klitzekleine Unachtsamkeit, mhm?

Oh ja. Ich verlange gefälligst mehr Informationen, wenn du das nächste Mal in der Zeit zurückreist, um mein Leben zu retten. Also wirklich, das ist ja wohl das Mindeste.

Wie auch immer, am besten erledigen wir also so viel wie möglich so schnell wie möglich, denn AlphaMax könnte sich ja am Ende als nutzlos herausstellen, richtig? Was… du ja irgendwie auch getan hast. Nix für ungut.

Gut. Die ganze Angelegenheit wurde für eine Weile lang wieder ziemlich ruhig, fast schon langweilig sogar. Wir verschanzen uns in unserer temporären Operationsbasis in einem Hotel in Glendale und du fährst deine ganz großen Geschütze auf. Übrigens, du wärst überrascht, wie lächerlich einfach es ist, sich online ein paar neue Identitäten zu beschaffen. Ist irgendwie fast schon ekelhaft.

Was? Ich? Ich stand natürlich voll und ganz hinter dir. Du warst zwar ein bisschen gruselig, klar, aber es war schon auch ziemlich cool alles in allem, endlich mal wieder ein richtiges Ziel vor sich zu haben. Ich bin schon halb wahnsinnig geworden mit all diesem andauernden Wegrennen und Verstecken und nur darauf warten, dass uns das Desaster wieder einholt. Ich wollte mich aktiv zu Wehr setzen und zurückschlagen und genau das war schließlich auch dein Plan.

Also, was kann ich machen, um in diesem Plan auch von Nutzen zu sein? Tja, dieser Vorfall in Spokane war jedenfalls eine einzige Blamage, also fange ich an zu trainieren, bis ich dich gut und gerne ganze Kilometer am Stück tragen könnte, falls es denn sein muss. Ich habe nicht den Luxus, zur Not einfach alles nochmal von vorne zu probieren, so wie du, deshalb sollte ich also auch besser lernen, 'nen gescheiten Kinnhaken auszuteilen und 'ne Waffe richtig herum zu halten. Außerdem sollte ich auch alles verstehen, was du so machst, damit du dich nicht alleine um unsere Finanzen und den ganzen anderen Computerkram kümmern musst. Und weißt du noch was? Mich um dich zu kümmern und dich ordentlich zu verwöhnen, wann immer ich kann… das bereitet mir so ein warmes und molliges Gefühl ganz tief drin. So Sachen wie zum Beispiel ganz am Anfang, deine Hände bandagieren oder dich durch die Gegend kutschieren oder ganz einfach auf dich aufpassen, wenn du schläfst. Und offenbar steckt nach allem doch noch etwas von meiner Mom in mir, denn ich habe unglaublich große Freude daran, dich durchzufüttern und zu jeder Zeit satt zu halten. Ich kann sehr gut nachvollziehen, warum sie das immer so gerne für uns gemacht hat.

Na ja, irgendwer muss sich ja um dich kümmern, denn immer, wenn du nicht gerade dabei bist zu arbeiten, dann trainierst du. Dein höchst erholsamer Aufenthalt im Prescott Wochenendresort hat dir gezeigt, dass du noch viel, viel besser werden kannst mit deinen Kräften. Ich bekomme davon natürlich nicht allzu viel mit, weil du immer alles davon wieder zurückspulst. Aber du machst dir trotzdem immer die Mühe, mir alles zu erklären, wie es sich anfühlt und grob funktioniert. Aus deiner Perspektive geschieht offenbar nichts davon auch nur annähernd so flott und spektakulär, was? Du bist immer völlig im Eimer und schweißgebadet, sobald du die finale Zeitlinie erreichst, manchmal sogar noch richtig schummrig im Kopf vor Migräne.

Ääh… Du bist ein bisschen besorgt? Aber bei weitem nicht genug, um dich irgendeiner Weise davon abzuhalten. Nur mal fürs Protokoll: Seit dem Sturm ist in dieser Hinsicht absolut nichts Tödliches oder Desaströses passiert. Es ist, als wäre die Realität nur ein einziges Mal so richtig ausgerastet, verkraftet die Veränderungen durch all die Zeitreisen mittlerweile aber deutlich besser. So hast du es jedenfalls ausgedrückt.

Egal wie man es nimmt, uns bleibt ja eh nicht groß eine andere Wahl, oder? Entweder du nutzt alles, was du hast, oder wir werden ganz einfach geschnappt und deine Kräfte werden von ihm sowieso missbraucht. Deshalb haben wir auch angefangen, tägliche Sicherheitsfotos für unser Archiv zu machen, damit wir wenigstens immer einen letzten Ausweg haben und du notfalls in die Vergangenheit flüchten kannst, um uns rechtzeitig vor drohenden Gefahren zu warnen. Genau genommen warst du sogar so sehr auf deine Rache fokussiert, dass es dir nicht einmal in den Sinn gekommen war, Arcadia Bay zu helfen, bevor ich es irgendwann mal erwähnt habe.

Das kannst du aber laut sagen, dazu komme ich später nochmal. Es braucht keinen Hellseher, um zu bemerken, dass nicht gerade strahlender Sonnenschein herrscht in Maxland. Und wie könnte es auch? Diese Max hat es schlimmer erwischt als alle anderen, und anscheinend ist dein einziger Weg, um das alles zu kompensieren, pausenloses Schuften. Mehr als nur einmal übertreibst du es so weit, dass es jede Vernunftlinie überschreitet—und ich meine, du treibst dich so sehr an, bis du buchstäblich vor Erschöpfung zusammenbrichst. War echt nicht lustig, das mitansehen zu müssen.

Ich bringe es irgendwann mal zur Sprache und bereite mich innerlich auch gleich schon auf ein erneutes Streitthema vor. Aber stattdessen stimmst du größtenteils ganz einfach zu. Es mag zwar notwendig sein, wir können uns hier schließlich keine halben Sachen leisten und blablabla, aber du siehst selbst ein, dass da noch tiefere Probleme und Traumata hinter deinem Verhalten stecken. Auf diese Weise sei es am einfachsten, in einen traumlosen Schlaf zu fallen, erklärst du mir. Diese ganzen albtraumhaften Gedanken und Erinnerungen lassen dich viel eher in Ruhe, solange dein Körper nur genug wehtut vor Erschöpfung.

Es ist ja nicht so, dass du blöde oder uneinsichtig wärst oder so, von daher ist es für mich ein Einfaches zu argumentieren, dass du unmöglich so weitermachen kannst. Ob du es glaubst oder nicht, es war tatsächlich meine Idee, dass wir deswegen vielleicht mal zum Arzt gehen sollten. Ich meine, es bis zum Gehtnichtmehr treiben mag ja schön und gut sein und alles, aber andauernd kann ich dafür halt auch nicht zur Verfügung stehen, so gerne ich auch würde.

Hmm. Der kam irgendwie noch besser rüber, damals.

Tatsächlich hatte ich eigentlich zunächst an David gedacht. Der hatte für sehr lange Zeit selbst ganz schön was an Pillen zu schlucken. Deshalb habe ich ihn einfach mal angerufen und ihm von unserer Situation erzählt—nichts Übernatürliches, versteht sich. Einfach nur, dass es uns nicht allzu gut geht, ob ihm die Tabletten, die er immer genommen hat, geholfen haben, nachdem er aus Irak zurück war. Er hat mir erklärt, dass sie natürlich keine Wunder bewirkten, aber schon ein wenig helfen können, solange man die richtigen nimmt. Man müsse nur herausfinden, welche einem am ehesten bekommen. Außerdem hat er noch erzählt, dass ihm die Therapie, die ihm die Veteranenbehörde damals beschafft hatte, praktisch gar nichts gebracht hat, aber wir könnten sowas ja trotzdem auch mal versuchen. Jedenfalls sollten wir uns laut ihm auf keinen Fall vollständig verschließen und alles nur in uns aufstauen wie er es über Jahre hinweg getan hat, bevor er meine Mom kennengelernt hat. Angeblich war das Beste, was er jemals getan hat, mit ihr über seine Probleme zu sprechen.

Es war immer noch komisch, mit ihm so zu reden, ohne gleich loszuschreien. Wir haben noch länger über diese und jene Kleinigkeit weitergeschwatzt… ich hatte versucht, ihn so wenig wie möglich anzulügen, und insgesamt war er auch erstaunlich freundlich und verständnisvoll. Er verurteilt uns nicht, weil wir abgehauen sind. ‚Trauert ihr nur auf die Weise, die euch am besten zusteht', hat er mir gesagt. Er hat sich so richtig alt und verbraucht angehört. Ich habe ihm versichert, dass mir alles, was geschehen ist, leidtut, und er meinte, ihm würde es selbst genauso leidtun.

War ein gutes Gespräch, alles in allem.

Achso, ja, Tabletten. Blablabla, lange Rede, kein Sinn, das Ende vom Lied ist, ich laufe jetzt auf Fluvoxamin, was eigentlich nicht mal für Posttraumata gedacht ist, aber hey, es funktioniert halt irgendwie besser als der ganze andere Kram. Du hast eine Zeit lang selber auch Tabletten genommen, musstest aber schon bald wieder damit aufhören, weil sie deine Kräfte aus irgendeinem Grund nur verkorkst haben. Von daher bleibt dir wohl oder übel erstmal nichts Anderes übrig als viele lange und ausführliche Sitzungen mit Doktor Chloe und möglichst zu versuchen, bei positiven Gedanken zu bleiben. Mit der Zeit ging es dir nach und nach auch wieder besser, also, falls du keine Einwände hast, bin ich mal so frei und behaupte, dass das zumindest zum Teil auch mein Verdienst war.

Pff. Ist echt lieb von dir, das zu sagen, aber gleichzeitig auch 'ne dicke, fette Lüge. Mein Leben war schon vor dem Sturm ein einziges Fiasko, Max. Es wurde höchstens nur noch schlimmer seitdem. Ich habe jetzt zwar schon haufenweise über dich geredet, aber ich hatte die ganze Zeit über auch mit meinen ganz eigenen Problemen und Geistern in meinem Kopf zu kämpfen. Ich will es nicht so hinstellen, dass Medikamente alles besser machen, das wäre bescheuert—aber, wenn ich den Vergleich ziehen müsste zwischen vor den Glückspillen und danach…

Ich meine, dir fällt der Unterschied doch bestimmt auch selber auf, hab' ich Recht? Ich kann mir unmöglich vorstellen, dass es dir noch nicht aufgefallen wäre. Ich fühle mich einfach so viel besser, ich fühle mich, wie ich selbst. Ich muss nicht mehr ständig meinen eigenen Frust und Zorn zurückdrängen. Da ist nicht mehr diese Stimme in meinem Kopf, die mir andauernd einbläut, ich wäre ein hoffnungsloser Fall, ich wäre es nicht einmal wert überhaupt noch am Leben zu sein—keine richtige Stimme, du Schlaumeier, du weißt schon, was ich meine. Und ich komme auch viel besser mit all den bescheuerten Befürchtungen um deinetwegen klar. All die unbegründeten Vorstellungen davon, dass… na du weißt schon… von wegen, was, wenn du irgendwann wahnsinnig wirst oder dass sie dich schnappen oder umbringen. Oder im allerschlimmsten Fall, dass du dir plötzlich aus welchen Grund auch immer einbildest, der einzige Weg, mich zu beschützen, wäre, indem du mich zurücklässt oder dir gleich selber das Leben nimmst? Ich kann mir leider viel zu gut vorstellen, dass du sowas in der Richtung machst. Dass du eines Tages einfach so verschwindest als edle Geste der Selbstaufopferung, die niemand wirklich wollen kann.

Ich sage dir gleich hier und jetzt, Max: Lieber tot als ohne dich. Ich weiß, das klingt mega-abgedroschen und kitschig, aber es ist die Wahrheit. Warum sollten wir all das hier auf uns nehmen, wenn wir am Ende nicht heil und vor allem zusammen wieder da rauskommen?

O.K., ist ja schon gut. Ich äußere hier ja auch bloß meine Meinung.

Himmel, das klingt hier ja fast schon wieder wie eine unserer Therapiesitzungen. Doktor Chloe berechnet übrigens pro begonnene halbe Stunde, nur dass du's weißt. Über Bezahlmethoden reden wir später noch. Ich bevorzuge Naturalien.

Also, ja. Das ist im Groben soweit, was wir bis Neujahr so machen. Wir halten uns bedeckt, bleiben oft in Bewegung und sammeln möglichst viele Informationen über das Prescott Imperium. Du gibst dein Bestes, was Arcadia Bays Wohlbefinden anbelangt, wir trainieren, was das Zeug hält und testen aus, wie genau deine Kräfte funktionieren. Wir reden und sprechen miteinander, und dann labern wir nochmal etwas mehr und versuchen immer mal wieder ein wenig Sexy-Freizeit unterzubringen, wenn mal Raum dafür ist, weil—mal ganz ehrlich—wir können einfach nicht für lange die Pfoten voneinander lassen. Einmal warst du kurz unterwegs auf Einzelabenteuer, so kurz um Thanksgiving. Oh Mann, war das vielleicht nervenaufreibend, das kannst du mir aber glauben.

Ich wollte ja! Natürlich wollte ich mitkommen, aber du kommst schlicht viel schneller voran, wenn du für dich alleine bist. „Auto ausleihen", ein Stück weit fahren, es dann wieder zurückspulen, und dann wieder Schritt eins von vorne, niemand kriegt was davon mit. Es hat dich kaum einen Tag gekostet bis Seattle und wieder zurück.

Sie haben es aufgenommen… genau wie man eben erwarten würde, dass man so etwas aufnimmt. Aber hey, immerhin warst du noch am Leben, hab' ich Recht? Wenn die ganzen gefälschten Postkarten, die du ihnen in der Zeit zuvor geschickt hattest, nicht gewesen wären, dann hätten sie dich vermutlich schon längst vermisst gemeldet. Du musstest die ganze Angelegenheit gleich mehrmals wiederholen und dabei richtig kreativ werden, um auch wirklich jegliche potentielle Überwachungsmaßnahme zu umgehen. Es war echt hart für dich. Hat mir das Herz gebrochen. Ich konnte es kaum erwarten, dich endlich wieder in meinen Armen zu wissen und ganz feste an mich zu drücken, sobald du wieder zuhause bei mir warst.

Natürlich! Klar, wir sind praktisch permanent per Telefon in Kontakt geblieben, aber trotzdem war es total zum Kotzen. Ich bin zu 'ner richtigen Sorgenlisbeth geworden nur wegen dir, ist echt traurig.

Nein, nein, da hast du schon Recht. Wir sind die alten schon früh losgeworden und haben uns beide neue Handys beschafft. Das war nicht das Problem. Wir haben uns einfach alles neu beschafft, Miss Frost. Sogar einen Ort, wo wir auch längerfristig wohnen können, weil andauernd auswärts essen und jede Nacht ein anderes Bett kann ziemlich schnell ätzend werden. Wir hatten uns schon ziemlich früh dieses kleine, schnuckelige Wohnmobilchen zugelegt. Sehr… „Frank-esk", wie du unsere Betsy Eins-Punkt-Null damals genannt hast. Sie war aber wirklich eine ziemliche Kackmühle—deshalb haben wir zu Weihnachten auch auf unsere gute Zwei-Punkt-Null hier hochgerüstet. War irgendwie ein komisches Gefühl. Zu realisieren, dass wir uns praktisch alles leisten können, was wir uns nur vorstellen können.

Schön wär's. Tut mir echt leid, aber… Weihnachten war trotzdem beschissen. Genau wie jedes Weihnachten seit… du weißt schon. Mein Dad. Er hatte die Weihnachtszeit immer geliebt, weißt du noch? Das macht es mir noch immer schwierig. Und jetzt, mit meiner Mom auch noch fort… es war nicht lustig.

Danke. Ich schwör dir, ich selbst will noch am allermeisten darüber hinwegkommen, ich hab' sowas von die Schnauze voll von diesem ganzen Teenie-Emo-Scheißdreck. Ich will, dass unser nächstes Weihnachten wieder so richtig schön wird. Ich weiß, sie würden es nicht anders wollen.

Du bist damit zum Glück umgegangen wie ein Profi. Weder hast du mir ein schlechtes Gewissen bereitet, weil ich die ganze Zeit so ein Trauerkloß war, noch hast du irgendwelche dummen Witze gerissen, um mich damit aufzuheitern. Du hast mir einfach meinen Freiraum gelassen. Und als ich zu dir gekommen bin… da hast du mich gehalten. Das war alles, was ich wollte. Alles, was ich brauchte.

Ja, du hast die Zeit zurückgedreht. Du hast mir später verraten, dass ich es so wollte, nachdem ich dich angeschnauzt habe, nur weil du mich aufmuntern wolltest. Ausgerechnet an Heilig Abend war ich derart selbstsüchtig und wollte von dir, dass du die Regeln für mich brichst, und mir zuliebe du hast es natürlich auch noch getan.

Oh Kacke, Ich hab' dir ja noch gar nicht von unseren Regeln erzählt, oder? Ist nur eine Kleinigkeit, um die Dinge zwischen uns natürlich zu halten. Wir würden wahrscheinlich voll durchdrehen ohne sie. Ist eigentlich ganz simpel: Wir nehmen grundsätzlich weder Streit zurück, noch Tränen, noch Sex. Wenn du aus egal welchem Grund doch mal was davon zurückspulen solltest, gibst du mir anschließend Bescheid, verstanden? Die einzige Ausnahme ist, wenn wir entsprechend dafür vorausgeplant haben, so wie jetzt gerade.

Aber natürlich auch Sex, sogar ganz besonders den! Kannst du dir den Frust vielleicht vorstellen? Ich bin noch richtig scharf und kurz davor hochzugehen, aber bei dir ist die Bombenstimmung schon längst wieder verpufft—sowas ist einfach nur unmenschlich, sage ich dir. Es gab da dieses eine Mal, da—

Hör zu… glaub mir ganz einfach, wenn ich dir sage, es kann ein Mädchen in den Wahnsinn treiben.

Oh Kacke, schon fünf Uhr? Wir sollten uns so langsam echt mal an die Arbeit machen mit dir. Besser, ich lege noch mal einen Zahn zu. Ein wenig Zeug ist noch passiert zwischen Neujahr und heute, aber nichts wirklich viel Bedeutenderes als was du eh schon weißt—größtenteils mehr vom selben Lied. Obwohl…

Ja genau, das fehlt noch: die Visionen. Davon solltest du noch dringend wissen. Von denen hast du wieder jede Menge gekriegt. Es ist gerade noch Anfang Januar und wir sind runter nach Kalifornien, um in San Francisco eine Prism Niederlassung genauer unter die Lupe zu nehmen. Wir sind essen gegangen in diesem kleinen, niedlichen Barbecue-Grill, weil wir da halt Bock draufhatten, und plötzlich, wie vom Blitz getroffen, hörst du auf zu reden und verfällst in so eine seltsame Trance. Du starrst einfach geradeaus ins Nichts hinein, völlig katatonisch. Du bist nicht bewusstlos—sogar das genaue Gegenteil, könnte man fast sagen, dein Atem wird immer schwerer und schneller und du packst die Tischplatte vor dir, als würdest du sie jeden Augenblick umschmeißen wollen. Nach knapp einer Minute oder so kommst du dann endlich wieder zu dir, völlig aufgelöst und von den Socken.

Du hast erzählt, das Restaurant sei vor deinen Augen verschwunden und stattdessen wärst du in irgendeinem brennenden Gebäude umhergeirrt, überall waren Feuer und Rauch. Du konntest Schreie um dich herum hören, ganz laut und schrecklich, kreischende Kinder, so als würden sie bei lebendigem Leibe verbrannt. Es war wohl irgendein Bürogebäude, du bewegst dich auf diese Kindertagesstätte zu und wirst erwartet von einem grausamen Anblick von Kindern, die von innen gegen die Glasscheiben hämmern, während die Flammen alles um euch herum verzehren. Und bevor du auch nur irgendwas machen konntest, stürzt das ganze Stockwerk in sich zusammen und die Vision ist vorbei, genau in dem Augenblick, als alles über deinem Kopf kollabiert.

Jup.

Hat uns das Abendessen ganz schön verdorben, aber hallo.

Also selbstverständlich lässt du es gar nicht erst so weit kommen, hab' ich Recht? Es ist die Tornadogeschichte wieder ganz von Neuem, du hast zwar keine Ahnung, was du getan haben könntest, um dieses Feuer auszulösen, aber dieses Mal wirst du von vornherein alles ganz anders machen. Gleich zu Beginn versuchst du, einen brauchbaren Plan auszutüfteln, um herauszufinden, wo, wie und wann, und im besten Fall hast du vorher sogar noch mal eine Vision, in der du mehr über diesen Ort herausfinden kannst und so weiter und so fort… und dann fällt mir ein, dass du ja eigentlich ganz einfach das System austricksen kannst. Ich sage dir, „Mach doch einfach jetzt gleich ein Selfie und dann kann Zukunfts-Du herkommen und mir berichten, was zu tun ist."

Ja, ich bin selber schon auch etwas stolz auf mich deswegen. Wer hat behauptet, dass ich nicht mal auch in vier Dimensionen denken könnte? Nicht, dass ich von der Idee super begeistert gewesen wäre oder so. Jeder einzelne Fotosprung bedeutet auch eine weitere Max, die unweigerlich in Vergessenheit gerät, und es tut immer wieder aufs Neue weh, das mitansehen zu müssen.

Aber du machst es trotzdem… und es funktioniert. Der Wechsel, nachdem die Kamera losgeht, ist natürlich seltsam wie immer, aber immerhin bist du dieses Mal gelassen und sogar recht munter. Du erklärst, dass du eine Woche aus der Zukunft bist. Es handelt sich um ein Bürogebäude wie jedes andere auch in der Innenstadt, kaum einen Kilometer von weiter von wo wir uns gerade befinden, hier die Adresse—und rate mal was? Genau gegenüber auf der anderen Straßenseite ist der Ort, den wir sowieso ausspionieren wollten. Der Brand passiert also in drei Tagen, am Dienstag um Viertel nach elf vormittags. Keine Chance, das zu verhindern: Laut Feuerwehr gab es ein Gas-Leck tief im Untergrund in Kombination mit einem Kabelbrand, das Ganze hat sich entzündet, ist explodiert und als riesiger Feuerball die Aufzugschächte hinaufgeschossen. Soweit du es beurteilen konntest, hatten du und deine Kräfte rein gar nichts damit zu tun… aber wir werden diese Menschen trotzdem retten!

Unser bester Einfall ist eine gefälschte Bombendrohung etwa drei Stunden bevor der Unfall passiert. Solange wir nur glaubwürdig und detailliert genug sind, müssen sie praktisch alles evakuieren. Und deshalb hier Telefonnummer und Infos über 'nen Typen, der erst kürzlich aus einer der Kanzleien in dem Gebäude gefeuert wurde. Es sollte eigentlich alles reibungslos hinhauen, immer wieder gerne zu Diensten, also viel Glück und Küsschen, Küsschen, bis in einer Woche.

Na ja, deine nächste Vision tut erstmal weh wie Sau, aber zumindest kommen darin keine Kinder mehr vor, also das ist schon mal ein Erfolg. Aber du selbst bis immer noch da und es sind auch immer noch schreiende Leute zu hören. Ich werde jetzt einfach direkt zum Ende vorspulen und dir die schöne Spannung versauen: Am Ende bist es gar nicht du, die da reingeht, um diese ganzen Bälger und auch die restlichen Vollidioten, die die Evakuierung ignoriert haben, zu retten. Sondern ich. Du siehst mir nur durch eine Videoverbindung zu, spulst alle Fehler zurück, leitest mich an und sagst mir immer ganz genau, was ich wo, wann und wie zu tun habe. Versuch, Irrtum, Versuch, Irrtum. Immer und immer wieder, so lange, bis es endlich klappt. Wir schaffen es leider nicht alle zu retten, aber… genug, würde ich sagen. Viel, viel mehr als wenn wir gar nichts getan hätten.

Ach, komm schon, ist das wirklich so schwer zu glauben? So macht es doch weit mehr Sinn als wenn du reingingest. Entschuldige, dir das so offenbaren zu müssen, Max, aber wie willst du bitte irgendjemanden auch nur einen Meter weit schleppen wollen mit diesen zwei Spagetti, die du Arme nennst. Versuch doch mal eine verschlossene Türe einzutreten, wollen mal sehen, wie du dich dabei anstellst. Und was am wichtigsten ist: falls auch nur ein Trümmerteil oder Holzbalken oder was auch immer dich am Kopf treffen sollte und dich bewusstlos schlägt, dann war es das für immer. Spiel aus und vorbei. Ganz genau so müssen wir diese Dinge erledigen: Hohes Risiko oder Spionagemissionen? Ich bin dran. Verdeckter Diebstahl ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen? Dein Spezialgebiet. Unterm Strich machst du wenn möglich gar nichts selber, es sei denn deine Kräfte sind von essentieller Bedeutung für die Operation, um alles exakt genau so hinzukriegen, wie wir es brauchen.

Ja, natürlich hasst du es, diejenige zu sein, die aus sicherer Entfernung zugucken muss. So ein Pech aber auch, finde dich einfach damit ab. Was glaubst du, wie ich mich fühle, wenn du dich in Gefahr begibst. Ich muss jeden Tag mitansehen, wie du darunter zu leiden hast auf die eine oder andere Weise. Ich muss dich in Sicherheit wissen, Max, wenigstens das solltest du mir zugestehen. Ich weiß, wie hart es ist, zuzusehen, wenn ich verletzt werde, ich weiß sogar haargenau wie schrecklich sich das anfühlt. Du solltest einfach froh sein, dass du es zur Not immer wieder ungeschehen machen kannst. Ich besitze dieses Privileg nicht.

Du merkst, dass wir dieses Gespräch nicht zum ersten Mal führen, hab' ich Recht?

Und wie wäre es damit: In der finalen Zeitlinie, sobald alles vorüber und überstanden ist… da habe ich mich großartig gefühlt. All diese krasse Scheiße, die ich abgezogen habe, es war wie aus 'nem Superheldenfilm geklaut. Und all diese Leute werden bestimmt für immer diese hyperaktive, blauhaarige Teufelin, die ihnen in ihre armseligen Ärsche getreten hat, um sie da raus zu bekommen, in Erinnerung behalten. Wir haben so viele Menschenleben gerettet an diesem Tag… ich war niemals zuvor so stolz auf uns. Ist das nicht all den Schmerz wert?

Was meinst du?

Aber das ist doch genau was letzten Endes auch passiert ist, oder nicht? Du hattest deine Vision, weil es so passiert ist. Es ist so passiert, weil du deine Vision davon hattest. Und das war auch nicht das erste Mal, dass wir uns in einem derartigen Ei-Henne-Paradox verfangen hätten. Was denkst du, wären wir damals auch zum Leuchtturm hinaufgestiegen, wenn du uns nicht schon vor dem Sturm dort oben gesehen hättest?

Beiß dir mal die Zähne an dieser Kopfnuss aus.

Wie dem auch sei, die Moral von der Geschichte, du siehst immer wieder mal so kranke Scheiße. Auch wenn nichts davon auch nur ansatzweise an deine letzte größere Vision heranreicht. Das war vor etwa zwei Wochen. So bist du auch an diese Prism Karte in deinem Geldbeutel geraten.

Oh, ach ja, Prism ist übrigens die finstere Muttergesellschaft, die über jedem einzelnen Zweig von Prescotts Imperium ragt und über alles gebietet. Haufenweise Asche aus dem Immobiliengeschäft, aber die haben heutzutage schon in fast jeder Branche ihre Finger im Spiel. Das Familiengeschäft mag in Arcadia Bay seine Ursprünge genommen haben, aber inzwischen hat sich das Arschloch über die gesamte Westküste und den mittleren Westen der USA ausgebreitet. Ein Konzern, so böse, dass böser gar nicht mehr geht, glaub mir.

Aber zurück zu deinen Visionen. Die kommen und gehen immer mal wieder bruchstückhaft und oft nur in einzelnen Fetzen. Normalerweise kannst du dich dabei sogar noch umsehen oder sogar in der Gegend rumlaufen und so versuchen herauszufinden, was eigentlich abgeht. Aber manchmal sind es auch gerade mal nur einsekündige Augenblicke, plötzliche, schockartige und nur ganz kurze Einblicke in was passieren wird, manchmal auch in sehr schneller Abfolge. Geborstene Fensterscheiben und Glasscherben. Blut an deinen Händen. Du selbst, wie du zwischen totalem Stillstand und normalem Zeitfluss hin- und her-flackerst. Wie deine Kräfte versagen, dann wieder funktionieren, dann wieder versagen… und dann wieder du, wie du mitten in der Nacht aus dem zehnten Stock zum Fenster hinausstürzt.

Der Knackpunkt ist der, dass das im Vorfeld zu unserem großen Raubüberfall passiert. Diese Schlüsselkarte, die du da hast? Das ist der Generalschlüssel. Unsere Eintrittskarte zum Prism Hauptquartier sowie Prescotts Privatresidenz. Der Administrator dieses speziellen Büroablegers in der Innenstadt von Portland heißt Walter Hammond, Vizepräsident von Prism und Prescotts rechte Hand. Er ist sozusagen derjenige, der die ganze Drecksarbeit erledigt und sich um all die weltlichen und banalen Dinge kümmern darf. Er trägt zu jeder Zeit eine dieser Karten in seiner Tasche und verwahrt zusätzlich noch eine weitere Sicherheitskopie in einem Safe in ebenjenem Büro. Der Plan ist, dass wir uns diese Kopie schnappen, ohne dass irgendjemand jemals davon Wind bekommt.

Max… frag lieber erst gar nicht, wenn du die Antwort nicht wirklich wissen willst. Lass es mich einfach so ausdrücken: Viele Bothaner erlitten den Tod, um uns diese Information zu bringen.

Na gut, in Ordnung, wenn du unbedingt darauf bestehst… Du hattest ihn zuvor bei sich zuhause verhört. Es war nicht gerade einfach, ihn zum Reden zu bringen. Du hast getan, was dafür nötig war, bis er dir alles erzählt hat... und dann hast du die ganze Angelegenheit wieder ungeschehen gemacht. Du hast mir auch nicht viel mehr Details als das verraten, aber mal ehrlich… willst du überhaupt mehr darüber erfahren?

Ich habe vorhin keine Witze gemacht, Max. Die kurze Zeit, in der du ihnen ausgeliefert warst… das hat irgendwas in dir kaputtgemacht. Nichts konnte dich von deinem Rachefeldzug abbringen. Und willst du noch was wissen? Ich habe es dir nicht ein einziges Mal vorgeworfen, dass du dich so gefühlt hast. Wie sollte ich überhaupt urteilen können? Ich war zu einhundert Prozent darauf aus, Nathan zu töten, nachdem wir Rachel gefunden hatten—und ich wäre noch zu weit mehr bereit, wenn unsere Positionen vertauscht wären und es dabei um dich gegangen wäre. So viel weiß ich über mich selber.

Aber zurück zur Geschichte. Wir haben zwar einen Plan, aber deine Visionen machen ziemlich deutlich, dass dieser Plan irgendwie und von irgendwas durchkreuzt werden wird. Wir benutzen unseren altbewährten Selfietrick… aber nichts passiert. Was entweder bedeutet, dass das Endergebnis gut genug ist, oder aber, dass du… na ja, du weißt schon… zu tot bist, um das Foto noch benutzen zu können. Oder eventuell auch, dass das Foto irgendwie in der Zwischenzeit zerstört wurde. Ist jedenfalls nicht gerade das ermutigenste Omen.

Wir sollten die Mission also offensichtlich abbrechen, hab' ich Recht?

Nope. Erstens, die Zeit spielt noch immer gegen uns, glaub ja nicht, dass BetaMax dein Bevorstehen jemals vergessen hätte. Wir müssen das hier erledigt haben, bevor wir weitermachen können, und auf die Schnelle noch etwas Anderes planen ist zeitlich nicht mehr drin, wir saßen da einfach schon zu lange dran. Zweitens, wir nutzen deine Visionen ganz einfach zu unserem Vorteil aus. Wir wissen ja schon, dass einzelne Details nicht festgeschrieben sind und sich durchaus verändern lassen. Und drittens… bist du ganz einfach unglaublich neugierig darauf, was zu Hölle uns verraten haben könnte, denn keine Menschenseele außer uns beiden konnte wissen, was wir vorhatten.

Wir haben es leider niemals erfahren, was nur ein weiterer Punkt für unsere ‚Prescott hat höchstwahrscheinlich sein ganz eigenes Orakel'-Theorie ist. Sie scheinen aber auch immer nur sehr einzelne, ganz spezielle Dinge im Voraus zu wissen. Genau wie auch deine eigenen Visionen.

Also, trotz all der Vorzeichen. Auf, auf ins Gefecht und ohne Rücksicht auf Verluste. Ich muss zugeben, dass ich mehr als nur skeptisch war gegenüber dieser ganzen Aktion, und dafür werde ich mich auch jetzt im Nachhinein nicht entschuldigen.

Mitten in der Nacht, wir halten uns an deine altbewährte „Reinspreng-und-Rückspul"-Strategie—Patent bereits angemeldet—du zeitreise-teleportierst dich an ein paar Wachen vorbei, nimmst die Treppen nach oben, dann noch einmal eine letzte Rohrbombe und schon bist du drin. Ich bin übrigens so gut darin geworden, diese Dinger zusammenzumixen. Ich gäbe bestimmt eine absolut mördermäßige Heimwerkerterroristin ab. Du hast es also bis in den Lagerraum geschafft und öffnest schon den Tresor, aber genau in dem Moment, als du deine Hand hineinsteckst, um nach allem zu grabschen, was du in deine langen Finger bekommen kannst, bricht die Hölle um dich los. Die müssen sich alle irgendwo da drin versteckt haben. Keine Ahnung, wie sie das gemacht haben, der Raum schien uns völlig menschenleer.

Aber du erwartest sie natürlich schon und so schlägt deine Zeitreise blitzschnell ein, viel schneller als all ihre Betäubungspfeile und Taser dich erreichen können. Sie versuchen noch immer, dich lebend zu fassen, was wohl eher gut für uns ist, nehme ich mal an. Du gehst eine Stunde zurück, aber der Hinterhalt findet trotzdem noch ganz genau wie zuvor auch statt. Zwei Stunden also, dann drei, vier… sie sind immer schon da und du hast einfach nicht mehr die Kraft, um dich noch viel weiter in die Vergangenheit zu flüchten. Ich vermute mal, sie müssen irgendwie herausgefunden haben, wie du vorgehst auf deinen Missionen nach all diesen Monaten, in denen wir sie immer wieder ausgetrickst haben mit unserem Unfug.

Auf meiner Uhr ist es also elf in der Nacht und du bist gerade einfach so mitten im Satz aus dem Auto, das eine Straße weiter steht, verpufft. Das Meiste, was ich dir hier erzähle, ist also nur aus zweiter Hand von dem, was du mir später berichtest. Und bevor du fragst: Ja, es wird super-schnell super-öde, auf all die potentiellen Zeitsprünge gefasst zu sein, entsprechend vorauszuplanen und sich immer an plötzlich neue Situationen in der finalen Zeitlinie anpassen zu müssen. Es ist ein Leben voller Hindernisse und Stolpersteine, aber so ist nun einmal das Schicksal deiner getreuen Handlangerin.

Durch die Videoverbindung kann ich den ganzen Wirbel mitverfolgen. Deine Zeitreisekraft ist schon völlig aufgebraucht, du kannst also gerade noch so einen Stillstand aufrechterhalten und dich unter größter Mühe darin bewegen, was immer noch extrem anstrengend für dich ist, trotz all des Trainings. Es ist ein einziges Chaos, du musst buchstäblich über ihre Leichen gehen und auch deine Absolut-Zeitlupe gibt so langsam nach, also flackerst du ständig zwischen Stillstand und normalem Zeitfluss hin und her, du versuchst gerade noch so, ein Fenster zu erreichen. Sie versuchen schon längst gar nicht mehr erst, auf dich zu zielen, stattdessen schießen sie nur noch ungefähr in deine Richtung, dahin, wo du in ein paar Sekunden sein könntest. Du zerschießt selber die Glasscheibe vor dir, hältst geradewegs darauf zu, quer durch Raum und Zeit, die dich beide nicht halten können… und dann wirst du am Bein getroffen. Du taumelst, stolperst und brichst durch die geborstene Fensterfront, während fünfzigtausend Volt dir dein Hirn frittieren. Der Schrei, der dir dabei entweicht, klingt richtig verzerrt und unnatürlich, als hätte man dich in 'nen Mixer geworfen auf maximaler Stufe. Noch nie ist mir das Blut so sehr in den Adern gefroren, wie bei diesem Laut aus deiner Kehle.

Von wo wir geparkt haben bin ich so schnell ich nur konnte mit dem Auto um die Ecke gedüst, in die Straße, wo das Bürogebäude steht. Und ich kann dich sogar noch sehen, als du wie ein nasser Sack und mit wehendem Mantel oben aus dem zehnten Stock Richtung Straße stürzt. Ich schreie noch wie eine Wahnsinnige ins Funkgerät, damit du vielleicht beizeiten wieder zu dir kommst, und ich kann schon dieses widerwärtige Gefühl in meiner Magengegend spüren bei dem, was wohl gleich unweigerlich bevorsteht. Und dann—buchstäblich einen Augenblick bevor du auf dem Boden aufschlägst, bleibt dein Körper plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde mitten in der Luft stehen… und plumpst dann praktisch unbeschadet die letzten paar Zentimeter zu Boden. „Unbeschadet", wenn man mal großzügig davon absieht, dass du noch immer völlig entkräftet, nach wie vor hirnfrittiert, und natürlich alles andere als geistesanwesend bist. Ich steige so schnell ich kann aus dem Auto, kehre dieses elende Häufchen Max vom Bordstein auf—also mal ehrlich, was die Leute heutzutage alles so rumliegen lassen—und kratze dann so schnell wie möglich wieder die Kurve.

Auf dem Beifahrersitz angekommen verlierst du dann leider endgültig das Bewusstsein, von daher, gute Nacht, was unsere Option angeht, alles wieder rückgängig zu machen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Und natürlich haben sie hundertprozentig mitbekommen, dass du ihre Karte hast mitgehen lassen, sie müssen also ganz einfach nur ihr System aktualisieren und das Ding wird sofort obsolet. Die Schlüsselkarte ist absolut nichts mehr wert, bis auf das Stück Plastik und Magnetstreifen, aus dem sie gepresst ist.

Uuund… deshalb hast du dich später am Wochenende einfach nochmal reingeschlichen und dabei ganz unauffällig 'nen USB-Stick in seinem Computer platziert.

Bäm! Plot-Twist! War er gut? Hast du's kommen sehen?

Ha! Na, in deinen Visionen war doch immer nur Nacht, kapiert? Also haben wir uns einfach kurzerhand was Anderes überlegt. Wir brauchen überhaupt nicht zu verheimlichen, dass wir die Karte geklaut haben, solange wir sowieso vollständige Administratorrechte auf einem ihrer zentralen Computernetzwerke haben. Der Stick installiert ganz unmerklich einen Trojaner auf ihrem System. Alles, was wir dann noch zu tun haben, ist, uns einfach aus sicherer Entfernung einloggen und tun, wozu immer wir lustig sind. Wir könnten ihnen einfach alles kaputthacken, wenn wir nur wollten.

Du hast deine Zeitreisen bis auf die Sekunde genau abgestimmt. Auf jeder Überwachungskamera in dem Büro würdest du gerade mal für einen winzigen Augenblick aus dem Nichts aufploppen, das Ding reinstecken, und dann wärst auch schon wieder verpufft. Selbst wenn sich jemand die Aufnahmen angucken sollte, würde ihm das wohl kaum auffallen.

Ja, ich weiß. Das ist echt eine scheiß-verzwickte Angelegenheit. Wenn du ein Objekt in der Hand hältst, bleibt es auch während der Zeitreise in deiner Hand, richtig? Wie sonst solltest du währenddessen all deine Klamotten am Leib behalten? Aber wenn du ein Objekt liegenlässt und dann die Zeit zurückdrehst, dann landet es auch wieder zurück in deiner Hand… beziehungsweise Tasche oder wo auch immer es zuvor war. Die einzige Ausnahme ist alles, was ein Teil von dir selbst ist. Alles was irgendwie deine DNS enthält oder so. Keine Ahnung, zum Beispiel deine Haare, Fingernägel… alle möglichen Körperflüssigkeiten und-oder Feststoffe, du weißt schon. All diese Dinge bleiben von deinen Zeitreisen unbeeindruckt. Zumindest solange, bis sie alt oder verbraucht oder zersetzt genug sind, dass sie faktisch nicht mehr zu dir gehören.

Darauf kannst du aber deinen Arsch verwetten, dass wir das getestet haben. Du hast sogar dein eigenes Geschäft im Klo beobachtet, während du die Zeit zurückgedreht hast—war wirklich überaus interessant und wissenschaftlich.

Ja, lass uns vielleicht lieber wieder über was Anderes reden. Der USB-Stick steckt also im Computer, und weil es schließlich sowas von offensichtlich war, was wir mit dem Safe und der Schlüsselkarte vorhatten, haben sie dabei auch nicht mal den geringsten Verdacht geschöpft. Ta-da!

Oh, es juckt mich immer mal wieder so sehr in den Fingern, einfach mal so richtig auf die Kacke zu hauen und links und rechts Aktien und Immobilien zu verhökern, bis ihnen Hören und Sehen vergeht, und dann jeden einzelnen Cent zu wohltätigen Zwecken zu spenden und am besten noch die Computersysteme so richtig schön auf den Kopf zu stellen… aber dabei würden wir leider auch unser größtes Ass verspielen. Wir haben bislang lediglich die Schlüsselkarte reaktiviert, als gerade niemand hingesehen hat, und das Teil seitdem in Ruhe gelassen. Alles ist miteinander verknüpft und ferngesteuert zugänglich, es sollte also ein Kinderspiel sein, da jederzeit wieder ranzukommen, wenn wir es wollten.

Wir könnten sie damit wahrscheinlich sowieso nicht in den Ruin treiben. Wir sprechen hier von einem riesen Konzern, da lässt man nicht alles von einem einzigen gehackten PC abhängen, das wäre total wahnsinnig, selbst noch nach Prescott-Maßstäben. Ein bisschen Schaden anrichten, klar, aber nichts fürs lange Spiel bedeutsames. Und das ist es, worauf wir schließlich aus sind. Das lange Spiel.

Und das bringt uns auch schon zu… heute Vormittag, auf dem Weg nach Olympia und zur Prism Zentrale. Prescott hält sich gerade persönlich dort auf, laut Helens Informationen. Heute Morgen erst haben wir unsere Absprache mit ihr ungeschehen gemacht, in der sie uns seinen exakten Aufenthaltsort über den gesamten Vormittag mitgeteilt hat. Du warst gerade schon drauf und dran, den Typen in deine Finger zu bekommen, und du hättest absolut jedes noch so dunkle oder grausame seiner Geheimnisse aus ihm herausgekitzelt, das kannst du mir aber glauben.

Und dann hättest du ihn umgebracht.

Wie wir schon allzu ausführlich erörtert hatten… dein Zeitpunkt, um heute hier aufzutauchen, war eher suboptimal gewählt…

Haha! Ich verarsch' dich doch bloß! Max, hör mir mal zu… Ich weiß haargenau, was du jetzt gerade denkst, genau dasselbe ist mir schon die ganze Zeit über im Kopf herumgegeistert. Es ist schon in Ordnung. Es muss dir überhaupt nicht leidtun, ich bin nicht mal im Geringsten von dir enttäuscht.

Max, ernsthaft jetzt: Ist schon gut. Ich verstehe dich. Du trägst diese fast schon an Wahnsinn grenzende Gier nach Rache nicht mehr in dir. Ich erwarte auch gar nicht, dass du dich so fühlst—ehrlich gesagt will ich sogar gar nicht, dass du das tust! Glaub mir, ich bin echt heilfroh, dass du nicht mehr so kaputt bist im Kopf. Es ist wirklich eine riesen Erleichterung für mich.

Aber dennoch bringt es eine ziemlich wichtige Frage auf den Plan, findest du nicht? Die vielleicht sogar alles entscheidende Frage.

Wie soll es von hier aus weitergehen mit uns?