Kapitel 8: Die Rückspulmechanik

Ihre Frage weilt über unseren Köpfen wie die Rauchschwade einer Zigarette. Sie dringt ein in meine Lungen und treibt mir Tränen in die Augen. Mein allererster Gedanke ist zu sagen, dass wir alles zurücklassen sollten und gemeinsam davonlaufen.

So viel also dazu, niemals wieder ein Feigling sein zu wollen.

„Du fragst dich gerade, ob wir einfach weglaufen könnten, hab' ich Recht?"

Ich hebe meinen Kopf von ihrer Schulter und sehe sie ungläubig an. Haben wir jetzt etwa auch schon telepathische Fähigkeiten? Denn ich würde inzwischen nicht mal mehr mit der Wimper zucken, wenn das der Fall wäre. Sie sollte ihre ganz eigenen Superkräfte haben…

Chloe grinst mir entgegen. „Ist ganz einfach offensichtlich. Du wolltest niemals irgendwas hiermit zu tun haben. Alles, was du die ganze Zeit nur wolltest, war, mich wieder in deinem Leben zu haben."

Wir liegen im Bett, dicht aneinander gekuschelt. Sie riecht frisch geduscht und trägt ein Deodorant—irgendein blumiger Lavendelduft, der überraschend gut zu ihr passt. Das hier fühlt sich an wie unser ganz natürliches Liegearrangement: Chloe auf ihrem Rücken und ich auf meiner Seite eng an sie angeschmiegt. Es hatte mich einige Überwindung gekostet, mein Bein um ihren Oberschenkel zu schlingen, aber das war es sowas von wert. Sie hält es fest an Ort und Stelle, seitdem ich angedroht hatte, mich von ihr zu lösen.

Ich umfasse ihre Hüfte noch fester und ziehe sie näher an mich heran. „Aber ich war es doch auch, die all das erst angezettelt hat. Das Mindeste, was ich uns jetzt schulde, ist, dass ich nun auch die Konsequenzen dafür trage."

„Du bist überhaupt niemandem auch nur irgendetwas schuldig."

„Du würdest wirklich mit mir davonlaufen?"

„Ich selber habe schon häufig darüber nachgedacht, das kann ich nicht leugnen. Einfach alles stehen und liegen lassen und ganz weit weggehen. Nach Sidney oder irgendwohin anders. Selbst wenn uns dieses kranke Arschloch hinterherfolgen sollte, wir hätten alles Geld der Welt, wir könnten uns eine Festung bauen und Leute anheuern, die uns beschützen, genau wie er es macht. Wir könnten es jederzeit so machen."

„Haben wir aber nicht."

„Ich hatte es schon mal vorgeschlagen—ein einziges Mal, vor ein paar Monaten. Du sagtest, dass du all das niemals im Leben vergessen könntest. Dass er aus dem Weg geräumt sein muss, bevor wir unser Leben jemals wieder in Frieden leben oder auch nur von neu anfangen könnten. Dem konnte ich nur beipflichten und damit war das Thema auch schon wieder vom Tisch."

„Du beantwortest meine Frage nicht, Chloe. Wie tief steckst du in der Sache wirklich drin? Würdest du das alles einfach so zurücklassen und abhauen, wenn ich das wollte?"

„Ich würde dir überallhin folgen. Das sollte dir mittlerweile klar sein."

„Das… hab' ich doch auch gar nicht infrage gestellt. Was ist es, das du machen willst?"

Ich kann das schleichende Unbehagen, das sich so langsam in ihrer Brust aufbaut, schon deutlich spüren. „Ich will nur… ich will einfach nur was immer dich glücklich macht, Max. Das ist was ich wirklich will."

„Ach, komm schon, was ist das denn für eine lahme Ausrede!"

„Es ist die Wahrheit!"

Ich stütze mich auf meinem Ellbogen auf, damit ich sie richtig ansehen kann. „Du willst behaupten, dass es dir alles gleich ist? Jemanden umbringen oder davonlaufen, du wirst tun, was ich entscheide, und es ist dir ganz egal?"

Sie fährt unter mir zusammen und weicht meinem Blick aus. „Nein, das ist nicht was ich sagen will…"

„Na was denn dann?"

„Ich will sagen, dass ich so oder so zufrieden sein werde, solange ich mit dir zusammen sein darf. Warum giftest du mich denn gleich so sehr an deswegen?"

„Tue ich ja gar nicht, ich bin nur von mir selbst angewidert! Ich meine bloß, was zur Hölle, war ich irgendwie eine Tyrannin zu dir? Habe ich mir überhaupt jemals die Zeit genommen, dich zu fragen, was du willst?"

Ich treffe damit einen Nerv. So eng an sie hingeschmiegt kann ich die unangenehme Anspannung fühlen, die immer mehr ihre Brust erfüllt. „Wir treffen Entscheidungen gemeinsam," nuschelt sie kurz und knapp. „Du musstest mich nie zu etwas zwingen."

„Das klingt in meinen Ohren aber nicht so. Es hört sich für mich eher so an, als wäre ich mit meinem ganzen wahnsinnigen Scheißdreck einfach so hereingerauscht und rücksichtslos davon ausgegangen, dass du es in Ordnung findest, jemanden umzubringen."

Chloe stößt mich zwar nicht gerade weg, doch sie rollt sich blitzartig unter mir heraus und setzt sich ebenfalls halbwegs vor mir auf, um mit mir auf Augenhöhe zu sein. „Wir sprechen hier nicht von irgendjemandem, O.K.? Sean Prescott muss verfickt nochmal dafür bezahlen, was er uns angetan hat. Ich war voll und ganz bei dir, ihn zu töten. Heute Morgen noch war ich begierig darauf. Unser Leben war ein einziger konstanter Schauer aus Pech seit dem Sturm und kein Mensch darf dir auch nur ein Leid zufügen und damit ungeschoren davonkommen, gar keiner. Verstanden?"

Ich weiche reflexartig vor ihrem plötzlichen Ausbruch zurück. Sie lehnt sich mir entgegen, steif angespannt mit kaum zurückgehaltener Energie und Wut. „Du willst wissen, wie tief ich in dieser Sache drinstecke? Bis zu meinen verdammten Augenbrauen stecke ich da drin, es ist mein verficktes Leben. Das ist es nämlich. Ich rede hier andauernd über deinen Hass, als wäre es eine solch einseitige Sache, als hätte ich nichts damit am Hut und hätte nur Mitleid mit dir, aber das stimmt nicht. Ich will ihn ganz genauso sehr tot sehen. Aber ich kann es nicht alleine machen. Du bist diejenige, die es tun muss. Und es reißt mich innerlich in Stücke, weil das nämlich bedeutet, dass ich dich dazu überreden muss, jemanden umzubringen. Wie krank ist das bitte, Max? Wie krank muss man im Kopf sein, um so etwas tun zu wollen? Nach Monaten schleppst du endlich nicht mehr all diese Last mit dir rum, da kann ich doch jetzt nicht allen Ernstes daherkommen und dich wieder ganz von Neuem mitreinziehen in diese gottverdammte Scheiße…"

Ich schüttle den Kopf und strecke meine Hand leicht nach ihrem Arm aus. „Chloe…"

Was auch immer sie in meinem Gesicht erkennt, es scheint sie wieder erheblich zu beschwichtigen. Im Schneidersitz setzt sie sich gänzlich vor mir auf, ihr Blick ein geistesabwesendes Starren, das tiefe Löcher in die Matratze zwischen uns bohrt. Ihre Lippen sind zur schmalen Linie zusammengepresst, so als versuchte sie ihre Verbitterung möglichst für sich zu behalten.

„Tut mir leid…", murmelt sie schließlich. „Ich gebe hier echt mein Bestes, ruhig und gefasst zu bleiben, aber… du weißt ja selbst, wie schwer mir das manchmal fällt, hab' ich Recht? Wir haben schon so lange darauf hingearbeitet, wir haben dafür Menschen umgebracht, Max. Ihnen gegenübergestanden und sie einfach erschossen, verdammte Scheiße. Diese Leute hätten nicht sterben müssen, sie haben nur einen Auftrag ausgeführt. Ihr Blut klebt damit genauso sehr an seinen Händen. Aber das alles rechtfertigt noch lange nicht, dass ich hier sitze und so tue, als wäre es in Ordnung, dich zu fragen, jemanden—" Sie atmet frustriert aus und blickt nur kurz zu mir auf. „Gott, was für eine Scheiße." Sie fährt sich mit den Fingern durch ihr schwarzes Haar, schiebt sich dabei die Mütze vom Kopf. Ihre Hand packt ein paar einzelne Strähnen in ihrem Nacken, sie wiegt ihren Kopf hin und her in innerer Zerrissenheit. „Gottverdammt nochmal…"

„Ist schon gut, Chloe. Ernsthaft. Ich bin froh, wenn du mir mitteilst, wie du dich fühlst."

„Nein, du kapierst es nicht. Ich übe damit nur Druck auf dich aus. Ich wollte dir nur die Fakten geben und dich dann deine eigene Meinung bilden lassen. So ist es echt unfair für dich…"

„Es ist unfair für uns beide. Es ist nun mal, was es ist. Und du gibst mir damit doch auch die Fakten. Wie du dich fühlst, ist geradezu von entscheidender Bedeutung für mich."

Meine Worte entlocken ihr sogar ein widerwilliges, kleines Lächeln. Sie sieht zu mir auf, ein Teil ihrer Zärtlichkeit kehrt zurück in ihre Augen. „Ich bin total beschissen darin, wenn es um Feinfühligkeit geht, hab' ich Recht?"

„Ich liebe das an dir. Feinfühligkeit wird völlig überbewertet."

Sie reicht nach meiner Hand, bringt sie in ihren Schoß und streichelt ihren Rücken mit beiden Daumen.

„Ich würde wirklich mit dir davonlaufen, wenn es das ist, was du willst. Du bist mein Leben, nicht all das hier."

Ihre Augen verlieren sich auf mittlerer Distanz. Ihre Schultern hängen schlaff, so als befände sich keinerlei Luft mehr in ihren Lungen. Sie lügt mich nicht an, aber…

Ich befeuchte meine Lippen. Ein unangenehmer Schauder breitet sich aus in meiner Magengegend.

„Ich werde dir ein paar Fragen stellen, Chloe. Du musst sie mir ehrlich beantworten. Kein Filter und keine Verhätschelungen. Einverstanden?"

Sie bleibt für einen Moment lang still, dann nickt sie. „O.K. Einverstanden."

„Also schön."

Ich setze mich vor ihr auf und ahme ihren Schneidersitz nach. Ich halte ihre Hände in den meinen.

„Glaubst du, wir könnten all dem hier entkommen? Einen sicheren Ort finden und irgendwann all das einfach vergessen?"

Sie nimmt sich noch einen Moment, bevor sie mir antwortet. „Ich bin mir nicht sicher. Vielleicht ja. Wenn wir uns nur genug Mühe geben, alle Spuren zu verwischen. Aber… er will dich nach wie vor lebendig fangen, selbst noch nach allem, was wir angerichtet haben, um ihm in die Parade zu fahren. Schon allein diesen Vorfall in Spokane vor der Öffentlichkeit zu vertuschen, muss ihn ein kleines Vermögen gekostet haben. Gibt einem ganz schön zu denken."

„Was meinst du?"

„Ich glaube nicht, dass du einfach nur ein weiteres Werkzeug oder ein neuer Handlanger für ihn sein sollst, Max. Ich glaube, dass du Teil seines großen Endspiels bist, auf welches Ziel auch immer er es am Ende abgesehen hat. Er wird nicht so ohne Weiteres aufgeben." Sie tut einen tiefen Atemzug, bevor sie ihn wieder herauslässt. „Und selbst wenn… könnten wir dann jemals wirklich Ruhe finden? Ich weiß nicht so recht…"

Ich nicke zu ihren Worten, nehme sie in mir auf.

„Würdest du es mir jemals vorhalten? Wenn wir uns einfach so davonmachten?"

„Nein. Das schwöre ich dir. Ich meine… ich könnte wahrscheinlich für Jahre nicht richtig schlafen, aber… ein Teil von mir will ja ganz genauso entkommen. Ich würde es dir niemals vorwerfen." Der Hauch eines Lächelns erhellt ihre Lippen. „Du müsstest dir aber wahrscheinlich eine Million Mal ein ‚ich hab's dir ja gleich gesagt' anhören, falls es am Ende doch nicht hinhauen sollte."

„Das glaube ich dir aufs Wort."

Ich versuche mir den Pfad vorzustellen, den wir wählen müssten. Flugtickets unter einem neuen Alias, um dann irgendwo weit abgeschieden von jeglicher Zivilisation zu enden und dort wie Einsiedler zu leben. Lockvögel zurücklassen und solange durch die gesamten Vereinigten Staaten fliegen lassen wie sie nur können. Vielleicht könnten wir sogar noch welche hinterherschicken, von wo auch immer wir Zuflucht gefunden hätten, sodass noch regelmäßig neue in Umlauf gelangen. Wir müssten ständig über unsere Schultern zurückblicken, stets wachsam, allzeit auf der Hut. Immerzu unter einem Deckmantel leben, auf die stete Gefahr hin, zu wenig getan zu haben oder zu viel, und dadurch entdeckt zu werden. Es wäre ein Leben in Furcht vor unseren eigenen Schatten.

Nein, es wäre überhaupt gar kein Leben. Wir müssten gleich eine ganz andere Richtung einschlagen, die Distanz als unser Bollwerk nutzen und alles Geld, das uns zur Verfügung steht, dafür aufbringen. In Übersee ein ganz eigenes Imperium aufbauen. Eines, das sich mit dem seinen messen kann, ihm ebenbürtig ist, vollständig, mit unüberlistbaren Sicherheitsnetzwerken, um uns vor jeglicher Gefahr durch Attentate und Entführung zu schützen. Und irgendwann genug Macht und Einfluss gewinnen, dass er schlicht davon überwältigt sein wird. Wir müssen uns nicht zwangsläufig in den USA aufhalten, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen.

Ich habe nicht die geringste Ahnung, wie all das funktionieren soll, aber ich könnte es lernen, sie könnte es mir beibringen. Zumindest solange meine Kräfte bis dahin noch nicht die Grundfesten der Raumzeit zertrümmert haben.

Und doch…

Dieser Mann hat einfach alles kaputt gemacht. Über gleich mehrere Realitäten hinweg hat er meine Eltern ermordet, Chloe gefoltert, meinen Verstand gebrochen hin zu irgendeiner Art hyperaktiver Geistesgestörtheit. Meine Traumerinnerung lodert noch immer schwarz glühend vor meinem inneren Auge, ein flüchtiger Einblick dessen, was uns erwartet, sollten wir jemals unachtsam werden und straucheln. Und mal ganz abgesehen von dieser sehr persönlichen Abneigung und Feindschaft… dieser Kerl führt offensichtlich zutiefst unheilvolle Absichten im Schilde. Etwas sagt mir, dass das Resultat dieser Absichten nicht gerade zum Wohle der gesamten Menschheit wäre. Mit dem Wissen, was ich tun kann, wozu ich in der Lage bin… liegt es da nicht in meiner Verantwortung, mich dem zu widersetzten? Ist es da nicht meine Pflicht, ihn aufzuhalten?

Abscheu und Hass sind beide reichlich in mir vorhanden, genug, um sie geradezu mit den Händen zu greifen. Doch werden sie auch genug sein, um mich über die gesamte Länge dieser blutgesprengten Straße zu tragen, bis hin zur allerletzten ihrer tödlichen Konsequenzen?

Zwei Wege erstrecken sich vor mir, sie beide führen in zwei vollkommen verschiedene Zukünfte.

„Gibt es denn keinen anderen Weg?", frage ich sie. „Könnten wir ihn nicht… in den Bankrott treiben oder so? Ihm einfach Macht und Einfluss wegnehmen?"

Sie schürzt ihre Lippen und sieht zur Seite. „Der Name Prescott ist uralter Geldadel mit locker einer Million einflussreicher Beziehungen und auf dem ganzen Finanzmarkt diversifiziert zu fast schon ekelerregendem Ausmaß. Ist, als wollte man sich mit Oscorp anlegen; Superschurken, Weltherrschaft, alles Drum und Dran. Ich denke, dass es zwar schon möglich wäre, aber es wäre ein endlos langer Wirtschaftskrieg zwischen zwei Unternehmen, und irgendwann würde man uns zwangsläufig fragen, wo eigentlich unsere ganze Kohle herstammt. BetaMax hätte das alles einfach zu lange gedauert, für sie war es niemals eine ernsthafte Erwägung wert. Für uns vielleicht schon."

„Aber du hältst es für keine gute Idee."

„Es erscheint mir einfach sehr gewagt und mit wenig Aussicht auf Erfolg. Und da ich schon mal ausnahmsweise ehrlich zu dir bin, allein der Gedanke gibt mir schon das Grausen. Ich konnte schon mehr als genug davon sehen, um zu wissen, dass ich lieber als Einsiedlerin am Ende Welt leben würde als mich mit dem ganzen Papierkram herumzuschlagen. Mal ganz ohne Witz, Bürokratie ist ihre ganz eigene Art von Hölle auf Erden."

Zwei Wege verbleiben also, so viel ist sonnenklar.

„Was, wenn ich… einfach aufgebe? Wenn ich ganz einfach für ihn arbeite?"

Blanker Horror befällt ihre Züge. Eine Hand fährt ihr zur Brust, so als wären meine Worte irgendeine ansteckende Seuche. „Das kann nicht dein Ernst sein. Ein Pakt mit dem Teufel?"

„Wenn du dadurch dann sicher wärst…"

„Das ist keine Option, hörst du? Niemals. Lieber wäre ich tot."

„Ist ja gut, in Ordnung… hab's ja verstanden."

Zwei Alternativen vor mir. Meine Hand auf einem Weltuntergangsschalter. Links oder rechts, beide Pfade vor meinen Füßen führen ins voraussichtliche Verderben. Die Wahl der Qual.

Es ist ein mir allzu wohlbekanntes Gefühl.

„Glaubst du, ich sollte Sean Prescott umbringen, Chloe?"

Wenn meine vorigen Worte eine Krankheit waren, dann sind diese hier ein Dolch in ihrer Brust. „Scheiße, Max, frag mich das bitte nicht."

„Sag es mir einfach. Bitte."

„Würdest du diesen Mann wirklich kaltblütig ermorden?"

„Wenn… wenn du mich darum bitten würdest. Wenn du glaubst, dass es unsere beste Möglichkeit ist. Dann würde ich es für dich tun. Für uns."

„Ich kann dich nicht darum bitten, jemanden umzubringen!"

„Ich glaube… ich glaube, das müsstest du aber. Ich glaube, andernfalls würde ich im letzten Moment kneifen. Die Fakten alleine sind nicht genug."

Sie blinzelt wiederholt, ihr verzweifelter Blick springt hierhin und dorthin, ganz im Einklang mit ihren aufgewühlten Gedanken. Ich kann die Tränen in ihren Augen anschwellen sehen, bevor sie ihr Gesicht mit einer Hand vor mir bedeckt.

Meine Finger ruhen leicht auf ihrem Knie. „Du weißt, was ich getan habe, um nun hier zu sein."

„Na und?", schnieft sie. „Das war nicht mal annähernd dasselbe."

„Nein, das war es nicht. Die Menschen, die dem Sturm zu Opfer gefallen sind, waren unschuldig. Ich bin mir sicher, es waren auch Kinder darunter."

Sie antwortet nicht.

„Ich bereue es trotzdem nicht. Ich würde alles für dich tun. Alles."

„Das is' doch echt alles sowas von bescheuert…"

„Willst du, dass ich Sean Prescott töte?"

Sie blickt wieder auf und sieht mir direkt ins Gesicht, die Tränen ihrer Augen glitzern im Zwielicht der getönten Fenster. Sie weiß, warum ich sie so direkt fragen muss. Chloe sieht die beiden Pfade vor uns, doch diesmal kann es nicht meine Entscheidung allein sein, die unsere Richtung weist. Ihre Hand liegt nun auf dem Schalter, sie überdeckt die meine.

Es ist unser Schicksal. Unsere Entscheidung.

„Das will ich," flüstert sie heiser. Die Tränen quellen über aus ihren Lidern, sie fließen frei ihre Wangen hinab. „Das will ich, Max. Bitte bereite dem allen endlich ein Ende. Das ist, was ich will."

Ich bin überwältigt von ihrem Anblick. Wie von Geisterhand bewegen sich meine Finger und streichen ihr über die Wange, mein Daumen fängt ihre Tränen auf. Sie lehnt sich in meine Berührung, Augen geschlossen. Ihr schaudernder Atem entweicht ihren Lippen.

Ich kann nicht sprechen aufgrund des schmerzhaft schweren Kloßes in meinem Hals. Meine Stimme ist ein hauchdünn seidener Faden, der meine Worte kaum mehr aneinanderzubinden vermag und jeden Augenblick zu reißen droht. „Das ist alles, was ich zu hören brauche, Chloe."

Sie bringt meine Hand an ihre Lippen, küsst ihre Innenfläche und hält sie fest an Ort und Stelle.

Ich weiß, dass irgendwo in dieser Entscheidung ganz tief zugrundeliegend eine Gerechtigkeit zu finden sein muss. Irgendeine aufrichtige und edle Rechtschaffenheit, für die es sich zu kämpfen lohnte. Wenn ich an ihrem Ende angelangt sein werde, dann wird diese Welt ein besserer Ort sein…

Wenn ich nun behauptete, dass diese Welt für mich im Moment auch nur im Entferntesten von Bedeutung wäre, ich müsste lügen. Sie ist es. Es ist alles nur sie. Ich werde kämpfen, werde niemals ruhen, werde alles geben, um Chloe am Ende das Leben zu schenken, das sie von Anfang an verdient hat…

Und wenn dies bedeutet, dass nur noch mehr Blut an meinen Händen klebt… dann sei es, wie es sei.

Wir sitzen schweigend und in Stille. Ich lausche ihren Schluchzern. Ich stimme ihr mit meinen eigenen ein.

Was genau wir eigentlich betrauern, das kann ich nicht wissen.


Ich betrachte meine rechte Hand, zögerlich nur. Obwohl… „unwillig" trifft es wohl noch eher, genauer betrachtet.

„Ist es jetzt nicht gegen die Regeln, das jetzt noch zu machen?"

„Nope. Beiderseitig im Vorfeld eingewilligt. So einfach windest du dich mir nicht aus der Sache raus."

„Ich will mich ja auch gar nicht winden! Es ist nur… das war ein ziemlich emotionaler Moment vorhin, wir haben zusammen geheult und uns gegenseitig getröstet und all das. Willst du dich denn gar nicht daran erinnern?"

„Ganz ehrlich? Nicht wirklich. Ich kann sehr gut leben, ohne mich daran erinnern zu müssen, wie ich dich geradeheraus dazu überredet habe, meine größten Widersacher für mich zu ermorden."

Wir sind zurück auf dem Bett, sitzen uns gegenüber. Wir haben gemeinsam geweint, wir sind uns in den Armen gelegen, wir haben uns bemitleidet, wir haben eine Weile lang unsere Hände gehalten und uns bei einem Abendspaziergang die Füße vertreten. Obwohl sie nach wie vor stur darauf besteht, dass es keine Zeit zu verlieren gäbe, so hat es sich doch falsch angefühlt, direkt an die Arbeit zu gehen, ohne zuvor all das Drama abzuschütteln.

„Erzähl mir einfach davon in der finalen Zeitlinie," spricht sie weiter. „Das wird die Sache schnell aufklären und mich beruhigen. Ich bin nicht blöde, Max—ich wusste schon im Vorhinein, dass wir über ein paar heikle Angelegenheiten sprechen würden. Es wird eine Erleichterung sein, zu hören, dass alles gut gegangen ist."

„Wie kannst du damit nur so lässig umgehen? Es würde mich in den Wahnsinn treiben, wenn ich die ganze Zeit immer wieder alles vergessen würde."

„Deine ewig währende Frage. Wäre es dir lieber, ich würde dir dauernd in den Ohren liegen deswegen und dich zur Schnecke machen jedes Mal, wenn du die Zeit zurückdrehst?"

„Nein, so meine ich das doch gar nicht…"

„Ich weiß haargenau, wie du es meinst, meine Liebe. Aber sieh mal her, folgende Situation ist der Fall: Dummerweise habe ich mich nun mal in eine Zeitreisende verliebt. Was wäre ich dir für eine beschissene Freundin, wenn ich mich nicht damit abfinden könnte, auch mal loszulassen. Ich liebe es an dir, dass du so rücksichtsvoll und zartfühlend bist. Ich werde anfangen, mir Sorgen zu machen, falls du irgendwann mal kein schlechtes Gewissen mehr haben solltest deswegen, in Ordnung?"

Statt einer Antwort schürze ich nur meine Lippen und sehe sie möglichst verdrossen an, woraufhin ihr liebevolles Lächeln sich nur noch weiter verbreitert. Sie scheint es wirklich aufrichtig zu meinen. Ich frage mich, wie oft sie mich wohl schon mit ebendiesen Worten hierzu ermutigt haben mag, nur um dann anschließend wieder vollkommen zu vergessen, dass sie sie jemals gesagt hat.

Ich kann mir leicht vorstellen, dass es ein willkommener Trost sein könnte, wie sie mir immer und immer wieder auf die exakt selbe Weise Mut zuspricht und dabei niemals bemerkt, dass sie sich wiederholt.

„Lass uns fürs Erste klein anfangen," sagt sie. „Es ist jetzt schon… gute fünf Stunden her seit der Markierung, du wirst sie also sowieso nicht mehr erreichen können, fürchte ich, das ist einfach schon zu lange her, so weit reicht deine Kraft nicht. Zunächst sollten wir testen, ob du wieder zum Anfang dieses Satzes springen kannst. Du wirst höchstwahrscheinlich übers Ziel hinausschießen, aber kein Problem—ich bin rückwärtskompatibel."

„Öhm… wissen wir denn auch wirklich sicher, dass es garantiert keine Gefahr birgt, meine Kräfte zu benutzen? Haben wir irgendwelche Schäden bemerkt?"

„Mein Gott, du bist echt fest entschlossen, nur noch mehr Zeit zu schinden, anstatt sie endlich zurückzudrehen, oder?"

„Es ist eine ernstgemeinte Sorge!"

Chloe verdreht nur die Augen. „Natürlich, klar doch. Also gut, ich kann dir mitteilen, dass—soweit wir wissen—alles im grünen Bereich ist, was das angeht. Es ist nichts passiert, was ich als „Schaden" bezeichnen würde. Irgendwelches verrücktes Zeug kommt schon hin und wieder mal vor, wir haben es häufig damit beschrieben, dass die Realität nach einer Veränderung erstmal wieder richtig einrasten muss oder dass die Tiergeister mal wieder ihren Zirkus veranstalten."

„Irgendwelches verrücktes Zeug? Was für Zeug denn genau?"

„Es gibt da kein universelles Muster. Ganz einfach… Glitches im System, wie zum Beispiel… diese geisterhaften Nachbilder von dem, was passieren hätte können. Ist aber nur sehr selten."

„Ähh… O.K.?"

„Na ja, zum Beispiel halt, dass kleinere Gegenstände mal den Ort wechseln. Wir haben das schon mehrmals beobachten können. Und ich habe auch schon mal gleich zwei Stück von dir auf einmal gesehen—bin mir ziemlich sicher, dass ich nicht betrunken war. Da waren wirklich zwei Maxes auf einmal, nur für etwa fünf Sekunden lang oder so. Eine ist da drüben gestanden und hat sich angezogen und die andere war vor dem Spiegel und hat sich gerade Lidschatten aufgetragen. Ich rief deinen Namen und Anzieh-Max hat sich einfach in Luft aufgelöst."

„Und du findest das nicht besorgniserregend?"

Chloe zuckt mit den Schultern. „Nö. Außerdem tendieren Wildviecher dazu, dich ewig anzustarren. Kommt manchmal vor. Und dann wären da noch die Eichhörnchen. Die bringen uns dauernd Zeug, einfach irgendwelchen wertlosen Müll. Sie kommen angehoppelt, lassen ihren Krempel vor der Türe liegen und hauen dann einfach wieder ab. Alles Mögliche… von gebrauchten Schrotflinten-Hülsen bis hin zu alten, abgetrennten Puppenköpfen. Und hier ist immer irgendwo diese kleine Spinne unterwegs, sobald du ins Bett gehst. Allzeit zur Stelle, jede Nacht treibt hier drin so ein winziges Spinnchen ihr Unwesen—an der Wand, auf dem Tresen, irgendwo auf dem Boden rumkrabbelnd. Nie ist sie außer Sichtweite—frag mich bitte nicht, was es damit auf sich hat. Ich habe irgendwann mal damit angefangen, sie am Leben zu lassen, nur mal um zu sehen, was passiert, aber es macht offenbar so oder so keinen Unterschied."

„Chloe, verdummbeutelst du mich gerade?"

„Was? Nein! Oh, Mist, wieso ist mir das nicht eingefallen? Verpasste Gelegenheit, lass mich das noch schnell nachholen… Tintenfische! Sie regnen vom Himmel, schlingen sich um unsere Beine und schlabbern überall hin mit ihren Tentakeln und Saugnäpfen! Alle Vögel hocken sich ständig auf dein Fenstersims und kacken uns die Bude voll, ein einziges riesen Ärgernis, das kann ich dir aber sagen! Alter, das war ja sowas von schwach, warte eine Minute, ich kann mir was Besseres einfallen lassen…"

„Also schön, ich glaube, es wäre besser, wenn ich das hier jetzt wieder ungeschehen mache."

„Pff. Von mir aus, soll mir Recht sein. Gib mir vorher noch 'nen Abschiedskuss."

„Ist das etwas, was jetzt machen? Uns zum Abschied küssen?"

„Es ist, was ich jetzt haben will, also Schluss mit den Fragen und küss mich endlich."

Sie zieht mich ungeduldig am Ärmel, sodass ich mich auch ja zu ihr hinüberlehne und brav Folge leiste. Nicht dass es hierzu allzu viel Überzeugungsarbeit gebraucht hätte. Ich kann ihre Hand auf meiner Wange spüren, wie sie mich nachdrücklich ins Ziel leitet, voll Begierde und Leidenschaft empfängt sie meine Lippen.

Sie zu küssen lässt mich noch immer vor Nervenkitzel erschaudern, es erzeugt eine Gänsehaut auf meinem ganzen Körper. Doch so langsam fühlt es sich auch ganz natürlich an. Es bedarf keines expliziten Grundes und auch keiner kompliziert unterschwelligen Botschaft. Es ist einfach ein Kuss, nur ein weiterer Weg von vielen, zur Bekundung unserer unendlichen Liebe…

Als unsere Münder sich lösen, kneift sie mir verspielt ins Ohr und zwinkert mir zu. „Also los. Auf sie mit Gebrüll, Tiger."

Ich lächle zurück. „Ich… riech' dich vorher, Chloe."

„Dummdepp."

Ich hebe meine rechte Hand, doch Chloe packt sie noch bevor ich meines Amtes walten kann. „Ta-ta-ta! Keine Krücken. Nutze nur deinen Verstand, mein junger Pandawahn."

„Menno… wie wär's, wenn wir erst mal eins nach dem anderen versuchen?"

Sie erwägt meine Worte einen Augenblick lang und lässt dann von mir ab. „Also schön, von mir aus, du Riesenbaby. Ich schwöre, irgendwann muss ich echt mal damit aufhören, dich so sehr zu verhätscheln."

„Das schaffst du ja doch nicht."

Als Antwort knurrt sie mich nur an, doch dieses bezaubernde Leuchten in ihren Augen spricht eine ganz andere Sprache.

Ich konzentriere mich erneut auf das Bevorstehende. Es würde sich seltsam direktivlos anfühlen, wenn ich meine Hand dabei nicht ausstrecken dürfte. Aus irgendeinem unerfindlichen Grund halte ich meinen Atem an, während ich dem Universum auf bekannte Weise meinen Willen aufzuerlegen suche. Ich habe das seit Monaten nicht mehr gemacht, mit Ausnahme des kurzen Tests oben auf dem Leuchtturm heute Morgen.

Mein Sichtfeld biegt sich und verschwimmt, und sofort wird mir klar… irgendetwas ist anders. Dieser gewohnte Druck, der dabei auf meine Sinne presst, ist vielmehr wie ein gewaltig aufragender Berg, der mit all seiner Macht auf meinen Gedanken lastet. Der Widerwille der Raumzeit, dem Folge zu leisten, was ich ihr befehle, scheint unüberwindbar. Ich höre und sehe, wie Worte und Bewegung sich im Schneckentempo rückwärts ereignen, jede einzelne Sekunde in die Vergangenheit gleicht einer einzigen, quälenden Mühsal. Einer Mühsal, die mir alles, was ich habe, abzuverlangen scheint.

Sie erdrückt mich unter ihrer Last, ich muss loslassen.

„Warte eine Minute, ich kann mir was Besseres einfallen… Oh, ääh… Alles in Ordnung bei dir?"

Ich komme wieder zu mir, völlig außer Atem, meine schwitzigen Hände sind an ihr Knie geklammert, um mich aufrecht zu halten.

„Chloe…"

„Kommt eine Vision? Hier, leg dich hin, Ich hab' dich."

„Nein, Chloe, irgendetwas stimmt nicht. Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, es klappt nicht mehr wie früher…"

Erneut strecke ich meine Hand aus ehe sie auch nur antworten kann. Die malmende Qual erfasst mich augenblicklich, sie schnappt nach meiner Psyche wie eine rostige, alte Bärenfalle. Ich komme kaum einige Sekunden weit, bevor ich abermals aufgeben muss.

„Hier, leg dich hin, Ich hab' dich."

„Irgendetwas stimmt nicht, Chloe… irgendwas ist falsch, ich kann sie nicht zurückdrehen…"

Die Panik, die mich in diesem Augenblick erfasst, kommt schon an und für sich alleine als Schock: Ich will diese Kräfte doch gar nicht, sollte es also nicht eine Erleichterung sein, dass ich sie nicht mehr nutzen kann? Doch anstelle dessen fühlt es sich an, als hätten meine Beine, ein integraler Bestandteil meines Selbst, auf einmal aufgehört zu funktionieren.

„Oh. Ach so, na gut." Chloe scheint es völlig gelassen aufzunehmen. „Also. Was genau ist das Problem?"

„Es fühlt sich an, wie… als wäre ich am tiefsten Punkt des Ozeans. So als würde ich gegen eine übermächtige Strömung ankämpfen. Ich kann es kaum aufrechterhalten."

Trotz alledem bin ich schon wieder begierig darauf, es erneut zu versuchen. Unter Zittern strecke ich meine Hand aus, doch Chloe packt sie ganz genau wie zuvor auch. „Ta-ta-ta! Keine Krücken. Nutze nur deinen Verstand, mein junger Pandawahn."

Oh mein Gott, das hier wird super-schnell super-öde werden, nicht wahr? „Findest du nicht, dass ich die Stützräder fürs Erste ganz gut brauchen könnte?"

Sie schnaubt belustigt durch die Nase und zuckt mit den Schultern. „Na gut, wie du meinst. Aber Stützräder verlangsamen nur die wahren Profis."

Ich presse meine Lippen konzentriert zusammen und starte einen weiteren Anlauf. Es ist, als wolle man einen Fluss mit bloßen Händen dazu bewegen, stromaufwärts zu fließen. Ich werfe mich noch härter, mit meinem ganzen Gewicht hinein, drücke leibhaftig mit beiden Händen dagegen an, als könnte ich so ein Loch in das dichte Gewebe des Universums schlagen. Es ist ein unerträglich mühseliges Kriechen auf allen vieren, es ist ein einziger Todeskampf in die Vergangenheit, der unzählige Lebensalter zu fordern scheint, und so knicke ich schließlich erneut davor ein. Ich muss abermals kapitulieren.

„Nie ist sie außer Sichtweite, frag mich bitte nicht—hey, whoa. Geht's dir schlecht?"

Frustriert starre ich auf meine unfähige Hand. „Was ist bloß los mit dem Teil?"

„Was ist wie womit los? Oh, warte. Wir pfuschen schon mit der Zeit rum, hab' ich Recht? Wo genau liegt das Problem?"

„Es will kaum funktionieren! Ich habe keine Ahnung, was los ist…"

Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass ich bereits hyperventiliere. Wir konnten doch schon bisher nur um Haaresbreite überleben, selbst mit meinen Kräften. Hätten wir überhaupt irgendeine Chance ohne sie?

„Gib mir mehr Details, Max."

„Ich… ich weiß auch nicht, es ist ganz einfach viel, viel schwieriger als jemals zuvor, nahezu unmöglich."

„Aber du bist doch immerhin schon ein Stück weit gekommen. Wie weit genau aus der Zukunft kommst du?"

„Keine Ahnung, eine Minute vielleicht?"

„Und du bist schon jetzt so sehr aus der Puste?"

„Sag' ich doch!"

„O.K., alles klar, beruhige dich erstmal wieder…" Sie nimmt beide meiner Hände und hält sie auf halber Strecke zwischen uns. „Komm wieder zu Atem, vielleicht kann ich dir Hilfestellung geben."

„Und wie willst du das anstellen?"

„Na ja, ich kann natürlich nicht aus eigener Erfahrung sprechen, aber BetaMax hat mir gelegentlich sehr ausführlich erklärt, wie sie ihre Kräfte benutzt und was sie unternimmt, um sie noch weiter zu strecken. Sie… war ein bisschen besessen von der ganzen Sache, nur mal ganz unter uns. Du wirst ihr doch nicht verraten, dass ich das gesagt habe, oder?"

„Dein Geheimnis ist bei mir sicher, Chloe."

„Puh, nochmal Glück gehabt. Also gut, ganz zu Beginn, als sie sich erstmals so richtig damit befasst hat, da hat sie… du hast gesagt, die größte Hürde, die dich am allermeisten zurückhält, wäre die Art und Weise, wie du in deinem Kopf an die ganze Angelegenheit herangehst. Du hattest lange Zeit gedacht, dass du die Zeit als Ganzes um dich herum zurückdrehst—also… buchstäblich die Realität, das Universum und die gesamte Raumzeit mit deinen bloßen Händen krümmst und wieder zurücklenkst. Aber das ist nicht was du tust."

„Äh. O.K.?"

Du bist diejenige, die durch die Zeit reist, Max. Deine Kräfte lassen dich durch die Zeit flitzen, genau wie sich jeder normal Sterbliche auch durch den Raum bewegen kann. Du hattest erzählt, es auf diese Weise zu betrachten, hätte dir erst richtig die Augen geöffnet. Es hatte sich für dich wie eine komplett neue Art der Wahrnehmung angefühlt. Und mal ganz ehrlich, denk doch mal darüber nach: Was ist wohl eher wahrscheinlich? Dass sich das gesamte Universum deinem Willen unterwirft oder aber dass du ganz einfach selbst die zeitliche Dimension rauf- und wieder runterlatschst?"

Ich tue, wie mir geheißen, und denke wirklich ernsthaft darüber nach. Um ehrlich zu sein, ich hatte mich bislang überhaupt noch nie so richtig mit der tieferliegenden Semantik des Zeitreisens auseinandergesetzt. Ich habe immer einfach nur auf gut Glück meine Hand ausgestreckt und es geschehen lassen. Oder vielmehr… un-geschehen.

Ich vermute, was sie sagt ergibt Sinn…

„Aber wie genau soll mir das weiterhelfen?"

„Keine Ahnung. Vielleicht meditierst du nochmal eine Runde darüber nach oder so? Mehr fällt mir dazu auch nicht ein. Du könntest doch auch mal das Denken übernehmen—nur zur Abwechslung, wie wär's damit?"

„Oh mein Gott, wieso tue ich mir dich eigentlich immer noch an?"

„Es ist und bleibt ein Mysterium. Also los jetzt, mach die Augen zu und grübel mal scharf darüber nach, du Hirni. Befreie deinen Geist. Such einfach ganz tief in dir drin, in deiner Seele oder irgend so ein Rotz. Ich bleibe solange hier sitzen und aale mich ganz still und leise in meiner kosmischen Irrelevanz."

Hierzu also ist mein Leben nun verkommen: dilettantische Zeitreisetipps und fortwährende Unverschämtheiten von meiner alten besten, neuen festen Freundin. Ich versuche mich also zu entspannen und folge ihrem Rat. Vielleicht fällt es mir jetzt leichter, wenn ich die Sache mit dieser neuen Art der Herangehensweise in meinem Kopf betrachte.

Ich will meine Hand heben, doch sie hält sie wieder einmal fest an Ort und Stelle. „Halt, stopp! Ich habe genug davon, dich dauernd so sehr zu verhätscheln. Schluss jetzt mit den Stützrädern."

Ich öffne meine Augen und blinzle sie entgeistert an. „Woher weißt du, dass wir das vorhin gesagt haben?"

Chloes Grinsen ist so breit und süffisant wie eh und je. „Wie schon gesagt, ich habe mich nun mal in eine Zeitreisende verliebt. Ich denke viel darüber nach, wie sich unsere Gespräche wohl in der Zukunft abspielen." Sie drückt liebevoll meine Finger. „Ich halte mit all meiner Kraft und für alle Zeit an dieser Hand fest. Der einzige Weg, diesen Klauen deine Freiheit zu entreißen, führt zurück in die Vergangenheit. Also worauf wartest du?"

„Ich mach' ja schon, boah ey…"

Also schön. Noch einmal stürmt. Lasst uns besonnen und wohlüberlegt an die Sache herangehen. So schwer kann das doch nicht sein.

Augen geschlossen und Hand gesenkt, Chloe gibt endlich Ruhe und so sind es nur noch die Kraft und ich unter uns. Sie fühlt sich an wie eine Quelle der endlosen Möglichkeit in mir, eine angespannte Sprungfeder voll aufgestauter Energie, welche sich nicht nur über meinen Verstand, sondern über meinen ganzen Körper und noch weit jenseits darüber hinaus erstreckt. Und genau wie ich meinen Beinen befehlen kann, mich zu tragen, so kann ich auch diese Kraft dazu nutzen, die Welt um mich herum zu beeinflussen. Nein, vielmehr… mich durch die Zeit dorthin zu tragen, wohin ich es wünsche. Ich bewege den Berg nicht, ich bewege mich zu ihm.

Ich greife mit meinem Geist nach der Kraft, vorsichtig versetzte ich einen Teil dieser aufgestauten Energie in die Tat um. Und sofort dröhnt mein Schädel unter dem Druck, wie eingeklemmt in einen Schraubstock, der Widerwille der Realität, sich meinem Willen zu beugen, ist so grenzenlos wie eh und je. Oder… etwa nicht?

Ich bewege mich so langsam wie nur irgend möglich, entziehe dem Quell das kleinst mögliche Rinnsal meiner Kraft und konzentriere mich zunächst ausschließlich darauf, zu ertasten wie sie sich anfühlt. Ich achte bewusst nicht auf die Welt um mich herum, fokussiere mich ausschließlich auf mein Inneres: Wie genau fühlt es sich an, durch die Zeit zu reisen? Unter solch gewissenhafter Betrachtung blüht die Erfahrung erstmals in all ihrer vielschichtigen Finesse vor meinem inneren Auge auf. Sie ist eine vor sich hin flackernde Materie, ein außerweltliches Ebben und Fluten, welches in perfekt zyklischen Intervallen pulsiert und vibriert. Jene Last, die ich dabei stets spüre, schwillt an zu einem bebenden Pochen, intensiviert sich und flaut dann wieder ab, als tanzte sie zu einer entfernten, unbeschreiblichen und unhörbaren Melodie, welche von den Grenzen dieses Universums widerhallt, gleich einer unerreichbar weitenläufigen Zukunftsmusik.

Sie klingt atemberaubend schön. Sie trägt so viel mehr Nuancen, Facetten und Schattierungen in sich, als es mir je zuvor bewusst war, als ich es je auch nur hätte erahnen können, warum nur habe ich mir nie zuvor die Zeit genommen, diese grundlegendste Essenz meiner Wahnsinnssuperkräfte zu erforschen? Und es ist auch in diesem Augenblick der Erkenntnis, dass mir klar ersichtlich wird, was mich die ganze Zeit über behindert hatte. Etwas Anderes ist hier noch am Werk. Etwas, das ich nicht bemerkt hatte, bis zu diesem Zeitpunkt.

Da ist… eine Art Schwelle. Über den Druck und den Schmerz hinweg ertaste ich ihre Konturen, stoße mich an ihren Ecken und Kanten, die mir den Weg verwehren. Zurück in der alten, sturmfreien Realität, die ich vernichtete, fühlte sich die Kraft an, als wäre sie hinter einer Türe versperrt. Doch diese Schwelle—dieser Damm hier vor mir, wirkt vielmehr wie Narbengewebe, wie Wundschorf, welcher dort willkürlich gewachsen ist und mir den Weg zu blockieren sucht, enganliegend an den Rand einer frisch geschlagenen Wunde, deren Blutung gerade erst gestoppt hat. Mein Wille dringt nur mühsam durch sie hindurch und ich kann gerade mal wenige Tropfen der Kraft, die jenseits dieser Schwelle auf mich wartet, für mich schöpfen.

Warum ist sie hier? Ist sie etwas, das von einem meiner vergangenen Selbst geschaffen wurde? Etwas, das ich von ihnen übernommen habe? Ich kann mich nicht daran erinnern, dieses Problem oben auf dem Leuchtturm gehabt zu haben. Ist sie gar ein Nebeneffekt dessen, dass ich nun schon zum wiederholten Male meine eigene Psyche mit rundum neuen Erinnerungen überschrieben habe? Ist sie womöglich etwas, das BetaMax willentlich geschaffen hatte, ein Teil dieses zerrütteten Gehirns, welches sie mir vermacht hat? Oder hat sie ihren Ursprung am Ende gar an einem Ort oder einer Zeit, welche ich noch nicht einmal in meinen abgründigsten Träumen ahnen könnte?

Ich habe absolut keinen blassen Schimmer. Ich glaube, ihre Herkunft ist nun auch gar nicht von Bedeutung, fürs Erste. Ich kann jedenfalls deutlich spüren, wie die Schwelle ganz klar unter meinem fortwährenden Fühlen und Tasten nachgibt und leise zu wanken beginnt. Mit nur ausreichender Entschlossenheit und Willenskraft sollte es mir gelingen, sie zum Einsturz zu bringen.

Ich verschwende keinen weiteren Gedanken darauf. Ich werfe mich mit all meiner Kraft und Seele dagegen, getrieben vom überwältigenden Gefühl dieser neugewonnenen Erkenntnis und nicht zuletzt auch einer Prise purer Verzweiflung. Mein Wille kämpft gegen sie an, schmettert sich ihr entgegen mit einer Wucht, die beinahe schon physisch gegen meinen tatsächlichen Leib zurückprallt; ich kann fühlen, wie dieser Zweikampf anschwillt zum offenen Krieg, nicht mehr nur in meinem Kopf, sondern bis in jeden noch so kleinen Winkel meines Körpers, in jede Zelle; ein einziger, gedankenzerfetzend schmerzhafter Ansturm entbrennt in mir um die Oberhand über diese Quelle der Macht. Die Agonie meines Daseins nimmt derweil unentwegt zu, sie erwächst zu einem schier unerträglichen Ausmaß—und noch während ich von ihrem Feuer umhüllt und verzehrt werde, entgleitet mir langsam, Stück für Stück, mit jeder verstreichenden Sekunde, in der dieser Kampf anhält, allmählich jegliche Hoffnung, das letzte, was noch zwischen mir und meinem unausweichlichen Schicksal jenseits dieser nicht enden wollenden Todesqualen auf mich wartet—der Tunnel dieser Straße erstreckt sich bis in die Unendlichkeit vor meinen Füßen, endlos und so schwarz wie die Nacht—vor meinem inneren Auge bin ich die letzte Wacht dieses brennenden Hauses, umgeben von hoch aufragenden Säulen lodernder Flammen kämpfe ich mit blutigen Händen an gegen den Brand, blind und wild keuchend, da Rauch und Asche mir Lungen und Brustkorb innen wie außen verätzt, meine Tränen sind einsame Tropfen in der tosenden Glut—ich bin eine verlorene Seele, tief in den schwarzen Schächten dieser finsteren Mine schürfe ich allein und verlassen, mit nichts als Fingernägeln und Zähnen und ihrem Geschenk aus Silber und Gold bewaffnet, nach dem Licht meiner Sonne, deren zärtliche Wärme und sanftes Licht mich dereinst erfüllten—ich bin ein misslungener Zauberlehrling, hilflos zapple ich an gegen die endlosen Massen aus Wasser, ertränkt und zerquetscht im luftleeren Raum dieses schwarzen Tiefseegrabens zerre ich zwecklos an den Ketten meiner Zwangsjacke, sie hält mich verpuppt und konserviert mein Blut, während die Künstlerin meines Schicksals sich mir schon von oben herab auf allen achten nähert und dürstet nach meinem Fleisch…

Ich bin so sehr verstrickt in diesen Kampf, dass es mich wie ein Donnerschlag überkommt, als die Blockade urplötzlich vor mir nachgibt.

Ohne jegliche Vorwarnung breche ich hindurch, und wie als stemmte ich mich mit all meiner Kraft gegen eine verschlossene Türe, die sich ruckartig von innen öffnet, fühle ich, wie sich mein Körper schlagartig mit halsbrecherischer Geschwindigkeit in die Vergangenheit schleudert. Um mich herum verkommen rückwärts gesprochene Worte zu einem einzigen jaulenden Wortsalat. Ich öffne meine Augen und werde geblendet von einer überwältigend flimmernden Verkettung des dahinrasenden Ungeschehens: Da ist Chloe, dann ist sie wieder weg, dann auf einmal doch wieder da, alles im selben stundenlang währenden Augenblick. Von Panik ergriffen versuche ich mich irgendwie zu verlangsamen, wieder zum Stehen zu gelangen, doch ich kontrolliere diese Zeitreise längst nicht mehr—es ist, als ob ich mich selbst mit unbändiger Geschwindigkeit von der Gegenwart aus in die Vergangenheit katapultiert hätte und meine Kraft nun nicht mehr ausreichte, mich von dieser überwältigenden Schwerfälligkeit wieder abzubremsen. Ich bin ein Streber und die coolen Kids haben mich in eine Tonne gestopft und mich den Hügel hinuntergestoßen und alles, was mir noch bleibt, ist, mich festzuhalten für den unvermeidlichen Aufprall, der das Ende meiner Reise markiert…

Keinen Augenblick später und meine Zeitreise kommt krachend zum Stehen. Mit drehenden Sinnen, orientierungslos taumelnd, nach vorne gekrümmt kniend und atemlos bebend, so als hätte mir gerade jemand in die Brustgegend getreten, lässt sie mich endlich auf den Kissen unseres überdimensionierten Bettes zum Erliegen kommen.

„Whoa!" Chloes überraschter Aufschrei kommt irgendwo von draußen jenseits der Türe. Der Schwindel lässt meinen Kopf sich im Kreis um sich selbst drehen. Unsere Schlafkoje, wieder hell erleuchtet trotz der verdunkelten Fenster, da die Sonne draußen nun wieder hoch am Himmel steht, dreht sich um mich herum in einer einzigen, gewaltigen Spirale aus Formen und Farben. „Max? Wo bist du hin?"

Hier drin, will ich antworten, doch ich könnte in diesem Augenblick nicht einmal mit Gewissheit sagen, wo in meinem Gesicht sich überhaupt mein Mund befindet.

Eine Spur Sorge erfüllt ihre Stimme. „Max?" Ich kann sie den Flur entlangstiefeln hören bevor ihre Konturen verschwommen im Türrahmen erscheinen. Ihre schlanke Form und schwarzen Haare im Kontrast zum warmen Kerzenlicht aus dem Nachbarraum. „Oh, Scheiße, Max. Du hast mich zu Tode erschreckt. Eben noch passe ich auf dich kleine Schlafmütze auf und im nächsten Moment löst dich vor meinen Augen in Luft auf."

Ich versuche mich auf meine Hände gestützt halbwegs aufzurichten. „Scheiß… doch… die Wand an."

Die Wände um uns herum scheinen sich allmählich wieder zu beruhigen und ich komme auch langsam wieder zu Atem. Ich gehe sicher, dass ich auch kein Nasenbluten habe, und glücklicherweise weise bleiben meine Finger auch tatsächlich sauber.

Chloe setzt sich an meine Seite und legt eine Hand auf meine Schulter. „Was ist passiert?"

Wake Me spielt wieder auf der Stereoanlage, was schon mal ein furchtbares Vorzeichen ist. Ich sehe mich um, so langsam fühle ich mich wieder fast normal. Genau wie befürchtet sitzt unser erster Maat Bongo wieder teilnahmslos unbekümmert zwischen den Kissen.

„Verdammt, das war viel zu weit. Ich habe völlig die Kontrolle verloren, ich bin viel zu weit…"

„Oh, verstehe. Wir pfuschen also mit der Zeit rum, cool. Wie weit bist du—"

„Es ist überhaupt nicht cool. Verdammte Scheiße."

„Hey, jetzt komm schon, mach dich doch nicht selber fertig deswegen, du musst dich halt erst wieder daran gewöhnen. Gib mir einfach die Kurzzusammenfassung, dass ich mich nicht unnötig wiederhole."

„Nein, du verstehst nicht, die Markierung… ich bin darüber hinausgeschossen. Kacke, ich habe sogar unseren ersten Kuss weggenommen, ich habe alles weggenommen!"

„Ersten Kuss? Volltreffer! Ich wusste, dass es klappen würde."

„Oh mein Gott, Chloe, ich meine es ernst, du wolltest, dass ich ihn dir lasse…"

Sie lacht und rempelt mich seitlich gegen die Schulter, als könne sie mich so zur Besinnung bringen. „Du bist ja sowas von süß. Unmöglich, dass ich dir nicht gesagt habe, du sollst dir keine großen Gedanken darüber machen. Schenk mir doch einfach einen neuen ersten Kuss und die Sache ist gegessen."

„Aber es war so ein wundervoller Moment vorhin. Ich hatte mich über dich und deine übertrieben romantische Stimmung lustig gemacht und dir war es erst super-peinlich und mir wurde ganz duselig schon alleine davon, dich anzusehen, so als müsste ich explodieren, wenn ich dich nicht sofort und auf der Stelle küsse, und deshalb… deshalb habe ich es dann auch getan und du hast es geliebt und jetzt…"

Meine Augen füllen sich schon langsam mit Tränen. So schön sie auch gewesen sein mag, es geht mir hier nicht einmal nur um die Erinnerung an sich. Ich konnte ihr die eine Sache, um die sie mich gebeten hatte, nicht erfüllen. Ich habe sie enttäuscht und sie weiß es nicht einmal. Welch grausamer Gedanke.

„Hey, hey, du brauchst deswegen doch nicht gleich zu weinen, jetzt komm schon."

„Es war so wunderbar, Chloe. Du wolltest ihn behalten, und ich hab's auch ehrlich versucht. Es war unser Kuss und er war einfach perfekt…"

Sie streichelt mir sanft den Rücken. „Da, wo der herkam, gibt es noch viel mehr von der Sorte, weißt du? Ich sag's ja nur."

„Du bist echt unglaublich, wie kannst du nur so lässig damit umgehen?"

Sie gluckst über meine Worte. „Na ja, folgende Situation ist der Fall: Dummerweise habe ich mich nun mal in eine Zeitreisende verliebt."

„Verliebt," beende ich den Satz zeitgleich mit ihr. Es bringt sie erneut zum Lachen.

„Ganz genau." Sie bringt ihre Fingerspitzen an mein Kinn und hebt es an, genau wie sie es in den Filmen immer machen. „Hey," flüstert sie. Ich sehe zu ihr auf und unsere Blicke treffen sich. Sie lächelt mich an. „Schenk mir doch einfach einen anderen wunderbaren Moment, Max. Oder hast du vielleicht keinen mehr davon übrig? Hast du etwa nur eine ganz begrenzte Anzahl davon auf Lager, ist es das?"

Ein Schaudern fährt mir über die Haut, als wir uns so ansehen. In ihren Augen spiegelt sich so viel Liebe wider, als könne sie haargenau verstehen, warum diese Situation so schmerzlich für mich ist. Und dann kapiere ich es endlich. Natürlich tut es ihr leid, wenn sie ihre Erinnerungen verliert und ich die einzige bin, die ständig alles behält. Welche Person, die noch halbwegs bei klarem Verstand ist, würde das denn nicht stören? Doch es tut ihr noch weit mehr leid, wie es mich trifft. Sie weiß ganz genau, welche Schuld es mir bringt. Chloe hat sich beigebracht loszulassen, denn Festhalten würde nur bedeuten, mir Schmerz zu bereiten.

Die Verbindung zwischen uns fühlt sich an, als wäre sie geradezu greifbar—ich atme sie ein, ich schwimme in ihr. Ich nehme ihr Gesicht in beide Hände und bringe unsere innige Verbindung mit meinen Lippen zum Ausdruck. Ich schenke ihr alles was ich habe mit diesem Kuss. Ich will ihn so gut wie beim ersten Mal machen, ihn noch weit besser machen, ihn zu allem machen, was sie jemals möchte. Chloe empfängt ihn mit derselben heißen und hungrigen Glut wie zuvor auch schon, sie heißt mich willkommen in ihren Armen, die sich wieder vertraut um meine Hüften schlingen und mich nur noch näher an sie heranbringen.

Als sich unsere Münder diesmal trennen verschwende ich keinen weiteren Gedanken darauf und stürze mich gleich wieder auf sie, ich pirsche mich nur noch näher an sie heran. Ich bringe meine Arme um ihren Hals und lehne mich ihr unersättlich wie das Kussmonster, das ich bin, entgegen, genieße den verführerischen Geschmack ihres Atems auf meiner Zunge. Ihre Zunge fährt mir über die Lippen wie eine vorsichtig gemeinte Anregung, eine behutsame Frage nach meiner Zustimmung. Ich gewähre sie ihr mit meiner eigenen, nervös und eifrig. Ich werde immer gewagter und verwegener mit jeder weiteren Berührung. Während wir uns küssen, presse ich mich immer mehr gegen ihren Körper, suche so viel Kontakt mit ihr wie möglich. Sie lehnt sich auf dem Bett zurück, doch ich jage ihr ohne ein Zögern nach. Wohin auch immer sie gehen mag, ich werde ihr überallhin folgen.

Ich liege auf ihr, sie fühlt, wie mein Atem erschaudert, ich fühle, wie ihr Herz gegen meine Brust schlägt. Ihre Finger fahren durch mein Haar, ich küsse sie, ich kann gar nicht genug von ihr kriegen, ich will jeden einzelnen Zentimeter ihrer Haut nach deren Beschaffenheit und Geschmack erkunden. Ich knabbere leicht an ihrer Unterlippe, einfach um zu erfahren, wie sie sich wohl anfühlen mag. Sie gibt das leiseste und absolut erregendste, kleine Stöhnen von sich.

Ich verlasse ihren Mund und wende mich ihrer Wange zu, ich widme mich ihrem Kiefer, ich gebe mich ihrem Hals hin.

„Wow… wow, Max, hey."

Ihre Worte sind mehr ein atemloses Stöhnen. Ich kann ihren Sinn oder ihre Absicht nicht heraushören, ich presse nur immer weiter meine Lippen gegen die Wärme ihrer Haut, hier hin, dort hin und noch weiter. Ich verliere mich in ihr, ich versinke in ihren Armen, ich will ihr niemals wieder von der Seite weichen.

„Max, es… das wird hier langsam echt intensiv…"

Ich ziehe mich zurück und sehe sie an, meine Lider hängen schwer wie in Trance. Sie ist unter mir, fiebriges Herzklopfen, lechzend außer Atem. Niemals zuvor in meinem ganzen Leben habe ich etwas mit einem solch inbrünstigen Verlangen begehrt.

„Das war die ganze Idee dahinter," hauche ich und küsse sie von Neuem. Mein Bauch ist erfüllt von einem unbändig aufgeregten Flattern, so als könne er jedem Moment davonfliegen.

Sie spricht zwischen den Küssen. „Nein, ich weiß ja, ich… warte, Max… mach langsam…"

Es braucht mich eine ganze Weile bis ich begreife, was sie mir zu sagen versucht. Alles, was ich will, ist, sie nur wieder auf meiner Zunge zu schmecken. Ich will fühlen, wie ihre Lungen sich gegen meinen Brustkorb heben, und dem Flüstern ihrer Haut auf der meinen lauschen.

„Max, bitte… nein, stopp."

Ich stoppe. Wenn du im Bett bist und jemand will, dass du stoppst, dann stoppst du. So und nicht anders hat das Ganze schlichtweg zu laufen. Nein heißt Nein.

Doch sehe sie nur an, verwirrt. Warum stoppen? Ich will nicht, dass es stoppt, es soll nicht wieder aufhören. Und jede Silbe ihrer Körpersprache verrät mir, dass sie es ganz genauso wenig wollen kann.

„Hör mich an, in Ordnung?"

Ihr Ton lässt eine stechende Furcht in meine Brust fahren. „Du… willst nicht?"

Sie lacht wie aus heiterem Himmel, so als hätte ich ihr gerade die absurdeste Geschichte auf den ganzen weiten Welt erzählt. „Machst du Witze? Ich kann es gar nicht erwarten, an genau dieser Stelle weiter zu machen, liebend gerne auch bis ganz ans Ende—ich kann ja kaum jemals an irgendetwas Anderes denken. Aber wir haben leider immer noch scheiß-viel Arbeit zu erledigen und nicht gerade endlos viel Zeit dafür, selbst mit deinen Kräften. Und Sexy-Zeugs zurücknehmen ist bei uns ein eindeutiger Regelverstoß. Habe ich dir schon von unseren Regeln erzählt?"

„Ja schon, aber… wir haben doch bestimmt zumindest ein bisschen Zeit übrig. Richtig? Vielleicht… zwanzig Minuten? Oder… eine Stunde. Oder zwei."

Sie lacht wieder, doch das Bedauern steht ihr klar ins Gesicht geschrieben. Meine Worte klingen verzweifelt selbst in meinen eigenen Ohren. Wie konnte ich nur in diese Situation geraten? Es ist kaum zehn Minuten her, da war ich noch vollständig bedient mit unserem harmlosen hin-und-her-Geflirte. Vielleicht wäre irgendwann heute Nacht etwas zwischen uns passiert. Vielleicht auch erst in ein paar Tagen. Die Eventualität war eine permanente Konstante in meinem Hinterkopf, doch selbst noch beim besten Willen genoss sie niemals absolute Priorität.

Hier und jetzt jedoch, in diesem Moment, wird jeder einzelne meiner Gedanken nur davon beherrscht, wie nahe sie mir ist, und wie viel näher ich ihr noch sein will.

Sie schüttelt den Kopf in betroffener Ungläubigkeit. „Verfluchte Kacke, ist das jetzt beschissen. Schon die ganze Zeit über hatte ich mich weit mehr darauf gefreut, als du dir überhaupt vorstellen kannst. Ich kann echt nicht fassen, dass ich diejenige sein muss, die dich abweist." Sie rollt sich unter mir heraus, sodass wir beide auf unseren Seiten liegen, einander gegenüber. Ihre Hand findet wieder meine Schulter. „Max… ich hasse es, dich derart bevormunden zu müssen, aber die Wahrheit ist, wir sind nun mal nicht so weit gekommen, indem wir die ganze Zeit nur planlos rumgemacht haben, wenn es stattdessen Arbeit zu erledigen gab. Gut möglich können wir sogar ganze Tage entbehren, aber wir sollten uns erst an unsere Prioritäten halten und uns zunächst ausreichend vorbereiten. Ich brauche dich startklar und einsatzbereit, falls alles wieder ohne jegliche Vorwarnung zu Bruch gehen sollte und die Kacke wieder anfängt zu dampfen."

Sie sucht meinen Blickkontakt, geht sicher, dass ich auch verstehe. Ich kann spüren, wie jedes Wort, das ihren Mund verlässt, einen bitteren Beigeschmack auf ihrer Zunge hinterlässt. „Erst sollte die Arbeit kommen, danach haben wir noch immer genug Zeit fürs Vergnügen. Einverstanden? Obwohl… du wirst wahrscheinlich ziemlich ausgelaugt sein, wenn es soweit ist, also… Wir warten einfach ab und sehen dann von dort aus weiter, in Ordnung? Aber als allererstes sollten wir uns an die Arbeit machen."

Chloe befeuchtet ihre Lippen sogar noch während sie spricht. Die Art und Weise wie ihre Lippen glänzen macht mich gaga im Kopf.

„Nein."

Sie hebt eine überraschte Augenbraue. Mein Gesicht glüht wie eine Herdplatte.

„Das sehe ich anders," fange ich an. „Du wirst mich jetzt mal anhören."

Mach daraus zwei überraschte Augenbrauen.

„Ich durfte mir gerade stundenlang Erzählungen von unseren gemeinsamen Abenteuern anhören. Und willst du wissen, was davon am allermeisten bei mir hängengeblieben ist?" Es ist eine rhetorische Frage, daher warte ich gar nicht erst auf ihre Antwort, sie kennt sie ohnehin schon. „Ich stand in den letzten Monaten öfters vor Tod oder Gefangennahme oder beidem zugleich, als ich überhaupt noch mitzählen könnte. Unser Leben war ein einziger konstanter Schauer aus Pech und anderem Scheißdreck mit kaum nennenswerten Atempausen hier und da. Ist das soweit akkurat?"

„Ich hätte jetzt nicht unbedingt ‚einziger' gesagt, aber…"

„Nahe genug dran, oder nicht? Der springende Punkt ist… alles könnte den Bach runtergehen heute Abend, oder morgen, oder Gott weiß, wann sonst. Ich werde tun, was immer nötig sein wird, wenn es soweit ist. Aber wir beide gönnen uns hier und jetzt, in diesem Moment, ausnahmsweise mal eine gottverdammte Pause, und es existiert nicht eine unmittelbare Bedrohung in der Nähe, also warum sollten wir nicht einfach das Beste daraus machen?"

Sie schürzt ihre Lippen und sieht mich mit gerunzelter Stirn an. Ihre Augen wandern zu meinen Lippen, hinab in Richtung meines kaum vorhandenen Dekolletés und darüber hinaus…

„Chloe, ich will verdammt sein, ehe du mich als Jungfrau sterben lässt."

Ihr Lachen ist exakt worauf ich es abgesehen hatte—jäh, ungeschönt herrlich und aus vollem Halse, mit ebenso einem Hauch verlegener Empörung wie verwegener Arglist. Ihre Finger verlassen meine Schulter und wagen sich langsam auf ihren Pfad, den ihre Augen bereits ausgekundschaftet hatten. Verspielt fummelt sie mit dem Kragen meines Oberteils herum. „Ich bin mir sicher, dass es dich zutiefst schockieren wird, aber… du hattest diese exakt selben Argumente schon einmal vorgetragen. BetaMax war mitten in der Nacht aufgetaucht, sie musste feststellen, dass wir beide nackt waren, und…"

„Und es hat funktioniert, oder nicht?"

„Das hat es wohl, ja. Aber es hatte damals auch deutlich weniger gebraucht, um mich zu überzeugen."

„Aber du bist doch auch so schon längst überzeugt! Also schön, dann lass es mich eben so herum ausdrücken: Du hast ohnehin schon zugegeben, dass ich hier der Käpt'n bin, also wirst du auch gefälligst tun, was ich dir befehle."

„Oh-ho! Ist das so? Na los doch, da bin ich ja mal gespannt, das könnte gut werden."

„Es wird gut werden."

Die Worte, die sich schon drängen, meinen Mund zu verlassen, lassen mein Herz wie wild in meiner Brust pochen. Ihnen eine Stimme zu verleihen, klingt beinahe nach Wahnsinn, einer dummen, unvernünftigen Sache, der ich wohl nur jemals in einer kindischen Mutprobe Folge leisten würde.

„Folgendes wird hier gleich passieren, Chloe."

Sag es einfach, Max. Die Szene brennt schon ganz klar und deutlich in deinem Kopf. Sie ist leichtsinnig und unverantwortlich und sie ist exakt wonach es dir verlangt.

„Du wirst mich ausziehen…" Sag ihr alles, von vorne bis hinten. Halte ja ihren Augenkontakt. „Und dann…" Nicht zögern. Nun sag es schon, verfickt nochmal. „Und dann wirst du Liebe mit mir machen. Und du wirst damit weitermachen solange du kannst, bis wir beide zu müde und erschöpft sind, um sie noch weiter zu machen..."

Ihr bescheuertes und selbstgefälliges Grinsen ist ihr nichts als aus dem Gesicht gewichen. Ihre Augen stehen etwas weit geöffnet, ihr Atem ist flach und unregelmäßig. Ihre Wangen geziert von einer verführerischen Röte, die mir das Wasser im Munde zusammenlaufen lässt.

„Und dann werde ich in deinen Armen einschlafen," erkläre ich ihr zu Ende. „Und Kraft meines Amtes als AlphaMax weiß ich, dass es so und nicht anders passieren wird, und weil uns das Leben dieses eine Mal eine Pause gönnen wird… werden die Erinnerungen für immer unser sein..."

Sie starrt mich weiter an. Ihre verspielten Finger fangen wieder an, an meinem Oberteil herumzufummeln. Sie fährt sich erneut mit der Zunge über die Lippen.

„Hast du noch irgendwelche Fragen?"

Chloe hatte keine Fragen mehr, wie sich schnell herausstellte. Meine Instruktionen waren ihr Anweisung genug. Sie wusste haargenau, was sie zu tun hatte, und auch wie sie es zu tun hatte, und das gleich auf vielfältige Arten und Weisen.

Um genau zu sein, von diesem Punkt an vorwärts hatte sie zum allergrößten Teil das Kommando übernommen…

Aber nur weil ich es ihr erlaubt habe.