Akt 2: Lots of Time

Kapitel 9: Zwischensequenzen

Jeffersons Hand schließt sich um mein Genick, fest genug, um mir das Atmen zu erschweren. Seine grausame Fratze ist der meinen aufdringlich nahe.

„Max, ich glaube, du solltest ehrlich sein mit dir selber… ein Teil von dir muss doch Gefallen daran finden, mir auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Warum sonst solltest du ständig zu mir zurückkehren?"

Ich würde ihm seine verfickte Nase abbeißen, wenn ich nur könnte.

„Du bist Schnee von gestern, Arschloch. Ich habe größere Probleme als dich am Hal—"

Der Rest meiner Worte wird erstickt, als er überraschend mit seiner Hand zudrückt. Er dreht meinen Kopf grob zur Seite und schnüffelt an meinem entblößten Nacken. Ich liege im Bett, meine gesamte Kleidung ist fort, ich kann mich nicht bewegen.

„Da wäre ich mir an deiner Stelle nicht so sicher," zischelt er in mein Ohr. „Ich denke, dein größtes Problem steckt noch immer in dir selbst, Max. Ich hoffe, du wirst dich an mich und unsere gemeinsamen Gespräche erinnern, sobald du vor dein unweigerliches Ende trittst. Gut möglich wirst du mich sogar erwähnen, ehe du um deinen Tod bettelst. Das würde mir überaus schmeicheln."

Du bist gar nichts, du bist schon längst tot, will ich schreien, doch heraus kommt nur dieses hilflose und krampfhafte Röcheln nach Luft. Seine Daumen drücken noch fester in meinen Kehlkopf, sein schwarzer Schemen zeichnet sich bedrohlich über mir ab in der Dunkelheit.

„Bist du dir sicher, dass ich tot bin, Max?" Sein Schatten lehnt sich so nahe zu mir herunter, dass ich meine schreckentstellte Reflexion in seinen schwarzen Pupillen erkennen kann. „Bist du dir da ganz sicher?"

Ich kann nicht antworten. Ich kann nicht atmen.

„Oh, aber ich muss ja tot sein, nicht wahr? Deine über alles geliebte Chloe hat es schließlich selbst gesagt. Sie hätte doch bestimmt keinen Grund, dich anzulügen, oder, Max?"

Sein Gewicht erdrückt mich mit unerbittlicher Endgültigkeit. Er wird meine Luftröhre zermalmen, noch bevor ich ersticke. Ich kann nicht einmal mehr versuchen, dagegen anzukämpfen.

„Sag mir, Max, wenn ich tot bin, wer erwürgt dich dann hier gerade?"

Auf einmal erklingt Jeffersons Stimme von der Seite des Bettes. Jemand anders kniet über mir und zerquetscht mir die Gurgel mit all ihrer Kraft.

Ich kann mich endlich bewegen, doch es ist zwecklos, sie ist weit stärker als ich. In meiner Verzweiflung kratze ich ihre Hände und Arme blutig, ich schlage wild um mich und trete ihr in den Unterleib, sie reagiert nicht einmal. Ich flehe lautlos um mein Leben, winde mich in jede Richtung, außerstande zu auch nur einem Atemzug. Ich spüre, wie meine Sinne beginnen zu schwinden. Ihre teilnahmslos kalten Gesichtszüge werden dunkel und verschwimmen hinter einem strähnigen Vorhang aus Schwarz.

Chloes Gesicht ist eine emotionslose Maske, während sie den letzten Tropfen an Lebenskraft aus meinem hilflosen Kadaver herausquetscht.


Ich schrecke auf aus meinem Schlaf mit einem tiefen, keuchenden Atemzug. Für einen Moment lang kann ich nichts anderes tun, als atmen und mich darauf konzentrieren, etwas Sauerstoff in meine Lungen zu bekommen, während meine Sinne allmählich zurückkehren. Ich liege auf der Seite, durch die verdunkelten Fenster erkenne ich draußen gerade noch so das schwindende Tageslicht, der ganze Raum ist erfüllt vom schläfrigen Nachglühen der Sonne in meinem Rücken. Mein Kopf ruht auf ihrem Arm, Chloe schnarcht ganz leise und friedlich hinter mir.

Ich fühle mich abscheulich, viel zu warm und schweißgebadet, er klebt mir widerlich auf der Haut. Im Augenblick verspüre ich dieses unabsichtlich instinktive Bedürfnis, möglichst von ihr wegzukommen. Schon allein der Gedanke überwältigt mich mit einem unbändigen Gefühl der Reue, doch auch sie lässt diesen animalischen Drang in mir nicht weniger real werden. Scheiß Albtraum gottverdammter.

Ich schäle mich von ihrem Körper und den klamm durchnässten Bettlaken. Sie gibt nicht mal einen Mucks von sich. Ich setzte mich am Bettrand auf, presse die Handflächen gegen meine Lider und reibe bis es schmerzt. Die Digitaluhr auf meinem Nachtkasten zeigt 17:33 Uhr. Es war gerade erst vier, als ich das letzte Mal einen Blick darauf geworfen hatte, ich war also gerade mal für höchstens eine Stunde lang weggetreten. Ich fühle mich, als hätte ich ganze zwölf schaffen können. Der Schlaf hängt mir noch immer in den Augen, als wäre er ein Luxus, den ich mir nicht leisten kann, oder eine Annehmlichkeit, die ich nicht verdient habe.

Während ich mich noch an den Traum zurückerinnere, überrollt mich eine weitere Welle der Selbstabscheu. Jaja, ich hab's ja kapiert. Diese bedingungslose Hingabe zu Chloe wird mich am Ende noch mein eigenes Leben kosten. Fick dich, Unterbewusstsein. Du bist wie immer subtil wie ein Vorschlaghammer ins Gesicht.

Nur ein Blick über meine Schulter und die Erinnerung an den Albtraum versinkt augenblicklich in jener Bedeutungslosigkeit, der er entstammt. Sie liegt weit ausgestreckt über einen Großteil unseres überdimensionierten Bettes, nackt in all ihrer Pracht. Die Laken sind ein einziges lumpiges Knäuel und überwiegend auf dem Boden verteilt. Ich kann mich nicht einmal mehr erinnern, dass ich versucht hätte einzuschlafen. Das letzte Bild in meinem Kopf ist, wie ich hier liege, keuchend außer Atem, und ihre tätowierte Schulter küsse, als wäre sie das anbetungswürdige Abbild einer allmächtigen Gottheit…

Es ist gut möglich, dass uns das Zeitgefühl ein wenig abhandengekommen ist. Oder vielmehr… hoffnungslos verloren gegangen. Ich würde es nicht einmal im Geringsten bereuen, selbst wenn jetzt gleich jeden Moment die Fenster explodierten unter Kugelhagel und Maschinengewehrdonner. Um es in Worte zu fassen, die fortan für alle Ewigkeit verschollen sein werden zwischen den Zeiten: Es war verfickt nochmal zauberhaft.

Es erweist sich als gewisse Herausforderung, vom Bett hochzukommen, doch ich bestehe—auch wenn mich dabei ein plötzlicher Anfall von Schwindel überkommt und ich mich auf die Kommode aufstützen muss, um nicht wieder hintenüber zu kippen auf Chloes schlafende Form. Ich fühle mich schon wieder völlig ausgezehrt. Dabei waren es doch gerade mal… na gut, schon ganze sieben Stunden seit unserem gemeinsamen Mittagessen. Wie viele Mahlzeiten ich wohl an einem normalen Tag und über diese ganzen Zeitreisen hinweg zu mir nehme? Wie viele Stunden dauern meine Tage überhaupt so im Durchschnitt? Und wie soll man überhaupt den Überblick behalten bei so etwas?

Man muss sich nur einmal vorstellen: Es ist gerade erst März und ich könnte mittlerweile schon neunzehn Jahre alt sein. Ein seltsamer Gedanke.

Ich schlurfe in Richtung Durchgang zum Wohnbereich, vorsichtig darauf achtend, dabei nicht allzu viel Lärm zu machen. Auf dem Weg nach draußen kämme ich mir mit den Fingern durchs Haar, muss aber sofort wieder aufgeben. Es ist ein einziges heilloses Chaos da oben, ein hoffnungsloser Kampf. Ich bemerke mein Oberteil am Boden und erwäge es einen Augenblick lang—wer weiß, wo meine restlichen Klamotten wohl alle gelandet sein mögen—aber drauf geschissen, warum sich überhaupt erst die Mühe machen. Könnte mich genauso gut auch gleich ganz der Freikörperkultur hingeben.

Ich schließe so leise wie möglich die Schiebetür hinter mir und betrete die Küche. Am Waschbecken angekommen spritze ich mir als allererste Amtshandlung kaltes Wasser ins Gesicht und versuche, wenigstens halbwegs funktionstüchtig zu werden. Ich bemerke eine kleine Spinne in einer der Spülen. Ach, hallöchen und guten Abend, gruseliges Schlafspinnlein. Ist mir eine Ehre, endlich deine Bekanntschaft machen zu dürfen. Ich bin mir absolut sicher, an dir ist nichts im Geringsten Unheilvolles oder Bedrohliches dran…

Ich bespritze sie mit Wasser, bis sie in den Ausguss purzelt und hinuntergespült wird.

Ich trockne meine Hände ab und überprüfe den Kühlschrank auf potentiell essbare Inhalte, doch bald schon muss ich die Nase rümpfen ob des Angebotes. Äpfel, Mandarinen, Magerjogurt? Ich hatte gerade den absolut fantastischsten Sex überhaupt, ist da jetzt irgendwas Ungesundes und Fettiges etwa zu viel verlangt? Ist eine echt komische Vorstellung, dass eine von uns beiden auf geheime Einkaufsmission geht, um unsere geheime Geheimagenten-Speisekammer wieder aufzufüllen. Sehr geheimnisvoll. Ist das etwas, was wir jetzt machen? Gemeinsam einkaufen gehen? Es klingt so wunderbar bodenständig und banal im Vergleich zu all diesem abgedrehten Superheldengedöns.

Keine Minute später mache ich es mir auf dem Sofa gemütlich, stopfe mich wieder einmal mit Keksen voll und spüle sie mit einem von Chloes Bieren runter. Die Kombination der beiden Geschmäcker ist ganz schön ekelerregend, aber ich fühle mich heute Abend irgendwie rebellisch. BetaMax konnte Bier nicht ausstehen, war es nicht so? Tja, ich werde mich jetzt sowas von volllaufen lassen, wart's nur ab. Niemand schreibt mir vor, was ich zu trinken habe und was nicht. Passt bloß auf Missetäter-Max hier drüben auf, die Alte wird bald nicht mehr zu halten sein…

Ich stöbere durch meine Umhängetasche, die Chloe offenbar netterweise aus dem Auto geholt hat. Stifte, Notizblätter, Müsliriegel, ein kleiner Reisespiegel, …meine Kamera? Ich dachte, Chloe hätte die drüben auf der Theke liegen lassen, nachdem sie—

Nein, warte. Dieses dümmliche Foto im Badezimmer ist in dieser Zeitlinie ja niemals passiert. Oh je, all die Kopfschmerzen, die mich schon erwarten, sollte ich es jemals wagen, diesen Gordischen Zeitlinienknoten in meinem Kopf aufdröseln zu wollen, welch ein Spaß…

Und innerhalb seines gewohnten Faches befindet sich auch mein schwarzes Tagebuch des Todes. Darauf hatte ich es abgesehen. Könnte auch genauso gut gleich das ganze Gelese hinter mich bringen. Und um ehrlich zu sein, ich würde das sowieso viel lieber machen, solange ich für mich allein bin. Ich kenne mich, es gibt bestimmt einen Grund dafür, warum ich das alles privat gehalten habe. Auch wenn ich mir alles andere als sicher bin, ob ich diesen Grund auch tatsächlich erfahren will…

Ich nehme noch einen großzügigen Schluck Bier, hebe den Buchdeckel und—

Blargh, ernsthaft? Das ist ja widerlich, wer tut sich so etwas nur freiwillig an? Ich entsage mich deiner, Chloes Bier, und verdamme dich erneut in jene eisige Gruft, der du dereinst entsprangst. Also zurück in den Kühlschrank mit dir, aber dalli.

Ich besorge mir ein gutes, altes Glas Leitungswasser von der Spüle, kehre zum Sofa zurück, stopfte mir noch drei weitere Kekse in meinen unersättlichen Krümelmonsterschlund und fange endlich an zu lesen.

Oh ja, ich bin ja so eine Rebellin.


Hi, Max.

Ich bin's, dein Alter Ego aus der Unterwelt des Übernatürlichen. Ist das Leben nicht wundervoll?

Es hatte sich irgendwie falsch angefühlt, das alte Tagebuch fortzusetzen, wo doch der Inhalt so grundlegend verschieden sein würde, doch nun sitze ich hier und habe keine Ahnung, wie ich mit diesem hier überhaupt anfangen soll. Ich mache nun schon zum wiederholten Mal alles rückgängig, was ich geschrieben habe. Ich komme mir gerade vor, als läge ich auf meinem Sterbebett, müsste meine Memoiren niederschreiben, ehe meine Zeit hier abläuft und mein letztes Stündlein schlägt.

Scheiß drauf. Chloe meint, ich soll mich abreagieren, also werde ich das jetzt auch tun.

Fick dich. Fick dich dafür, dass du mir nie mitgeteilt hast, wie viel Zeit mir noch bleibt. Ein einfaches Datum in der Notiz ist alles, was es gebraucht hätte. Du wirst niemals die wahre Bedeutung des Wortes „Existenzangst" erfahren, bevor du dich einmal auf dieser Seite der Gleichung befunden hast.

Und ja, ich weiß, dass du bloß wolltest, dass ich Chloe rette, in Ordnung, ich hab's ja kapiert. Aber zur selben Zeit bist du auch der dumme Drecksack, der sie überhaupt erst weggeworfen hat, nicht ich. Ich habe deine scheiß Nachricht nicht gebraucht. Du hast dir den leichten Ausweg herausgesucht und mir die ganze Drecksarbeit gelassen, und jetzt willst du einfach hereingeschneit kommen und dir deine Belohnung abkassieren, nicht wahr? Also am besten lässt du dir noch etwas länger Zeit, denn hier drüben ist die Kacke nach wie vor am Dampfen. Ich melde mich bei dir, sobald ich alles erledigt habe, wäre das so zufriedenstellend für dich?

Mist. Jetzt schreibe ich hier schon wieder eine Entschuldigung nach der nächsten. Sich bei sich selber zu entschuldigen hört sich ziemlich plemplem an, findest du nicht auch?

Ich bin einfach nur so stinksauer. Das Schicksal hat mich mit Pech überschüttet und nun reibe ich dir auch noch alles davon unter die Nase. Ich weiß, ich rede hier nur Blödsinn. Ich weiß, dass wir zwei beide ein und dieselbe Person sind, und ich weiß auch, dass du unsere Chloe wirklich gerettet hast. Ich weiß sogar, dass du weißt, dass ich weiß, dass du das alles sowieso schon längst weißt AAAH!

Also schön. So langsam entwickelt sich hieraus so richtiges Klapsmühlen-Material. Kann gleich rüber in die Schizo-Abteilung. Aber ich glaube, ich sollte das trotzdem so stehen lassen, du solltest das lesen.

Also, was darf's denn als Erstes sein? Ein Einblick darin, wie schrecklich alles werden könnte, wenn es dir genehm ist? Oder doch besser zunächst eine belehrende Vorwarnung? Es ist zurzeit echt nicht lustig in meinem Kopf, wie du dir vielleicht denken kannst.

Ich erwarte hier kein Mitleid von dir, Selbstmitleid hilft niemandem etwas. Du solltest vielmehr um Chloes Willen ein schlechtes Gewissen haben. Sie ist diejenige, die mich und meinen Scheiß andauernd ertragen muss, und das kann weiß Gott nicht einfach sein. Sie hat schon genug eigene Probleme. Du weiß schon, diese ganze Angelegenheit mit dem Tornado, der ihre Heimat, ihr Zuhause und auch den Rest ihrer ohnehin schon zerrütteten Familie zerstört hat? Oder klingt es dir zu herzlos, wenn ich es so ausdrücke? Ich bin schon wieder ein Arschloch zu mir selber, nicht wahr? Manchmal bin ich schon der festen Überzeugung, dass sie mich jeden Augenblick verlassen könnte. Dass sie überhaupt nur noch bei mir ist, weil sie aus irgendeinem unerfindlichen Grund das Gefühl hat, sie würde mir nach allem, was ich ihr bereits angetan habe, auch noch etwas schulden.

Als ob wir all das nur ihr zuliebe getan hätten, nicht wahr? Es ging hier doch eigentlich nie wirklich um Chloe, habe ich nicht Recht? Es geht hier einzig und allein nur um uns. Dich und mich. Wir sind ein selbstsüchtiger Mensch, Max. Wir wollen Chloe um jeden Preis in unserem Leben, koste es, was es wolle, nichts anderes ist uns mehr von Bedeutung. Du musst wissen, ich verurteile dich nicht für was du getan hast, vermutlich hätte ich an deiner Stelle genau dasselbe gemacht. Schließlich… sind wir beide dieselbe Person und all das.

Heilige Scheiße, will ich was auch immer das hier eigentlich ist wirklich so beginnen?

Scheiß drauf


„Kann immer noch nicht fassen, dass du über fünf Stunden geschafft hast."

Chloe jongliert den Tennisball gedankenversunken zwischen den Händen. Wir sind draußen im Freien auf unserer Lichtung, gerade noch so erhellt vom letzten Sonnenlicht dieses Tages. Wir tragen beide nur Faullenzer-Pullis und Jogginghosen. Es ist für mich heute schon das zweite Mal Abend und trotz des sonnigen Frühlingswetters hält so langsam die Kälte der Nacht Einzug in unsere kleine, friedliche Waldzuflucht.

Ich stehe etwa fünf Meter von ihr entfernt und nicke. „Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich überhaupt nur zum Stehen gekommen bin, weil ich den Zeitpunkt erreicht habe, an dem ich noch geschlafen hatte. Keine Ahnung, wie weit ich sonst gekommen wäre."

„Ich wüsste echt zu gern, was mit dir los ist. Sicher, dass du nichts Komisches mit deinen Kräften angestellt hast da, wo du herkommst? Hast du sie überhaupt mal benutzt?"

Ich schüttle den Kopf. „Nur das eine Mal mit dem Foto, die fünf Monate zurück."

„Was hast du überhaupt in all der Zeit getrieben? Hast du mir davon schon erzählt?"

„Nein, aber da gibt es auch nicht viel zu berichten. Ich versuchte, mein Leben weiterzuführen, und bin gescheitert. Dann habe ich mich in einer Ecke verkrochen und jede Menge geweint. Das war's auch schon so ziemlich."

„Hah."

Ich habe außerdem, möglicherweise, eventuell, unter Umständen versucht, mich umzubringen, aber das sind unnötige Details, nicht unbedingt von Bedeutung…

Na gut, ich weiß, ich sollte ihr erzählen, dass ich vom Leuchtturm gesprungen bin, es steht auch schon auf meiner Liste. Aber nicht ganz an oberster Stelle. Sie würde nur wieder ausflippen, wir würden wahrscheinlich wieder beide depri werden und rumheulen… und ich glaube, ich bin für heute erstmal ziemlich Drama-saturiert, ganz besonders nachdem ich vorhin mein ganzes Tagebuch in einem Rutsch durchgeackert habe. So viel Trauma und Geisteskrankheit auf einmal sollte verboten werden. Fast schon gemeingefährlich sowas…

„Ich war bei deiner Beerdigung dabei," erwähne ich. „Sie fand am selben Tag statt, an dem auch der Tornado passiert wäre."

„Alter. Das is' ja sowas von pervers."

„Jap…"

„Warte! Du musstest zusehen, wie ich sterbe, und dann gleich darauf wie sie mich unter die Erde bringen? Noch am selben Tag?"

Ich kann dazu nur distanziert nicken. Warum habe ich dieses Fass überhaupt schon wieder aufgemacht? Ich war eigentlich der Meinung, wir hätten so langsam mal all diese Fässer voller Tränen durch, aber nein, Miesepeter-Max hat wie immer noch eines auf Lager.

Sie steht einfach da und kaut nachdenklich auf ihrer Unterlippe. „Hat sich außer dir überhaupt irgendwer die Mühe gemacht hinzugehen?"

„Was ist das denn für eine Frage? Die Zeremonie war ganz bewusst im kleinen Kreis gehalten, alle wichtigen Leute waren da." Ich muss gerade feststellen, wie sehr es mir eigentlich zuwider ist, über diesen Abschnitt meines Lebens zu sprechen. „Wirfst du vielleicht beizeiten nochmal oder was?"

„Oh, ja, klar doch. Auf los geht's los, bereit?

Chloe holt gekonnt aus und schleudert den Tennisball fachgerecht, einer Profiballschleuderin würdig, so fest sie nur kann in den Wald hinein. Er fliegt in flachem Bogen, trifft eine nahegelegene Birke, prallt ab von ihrer Rinde und landet im Dämmerlicht nur schwer erkennbar in irgendeinem Gebüsch im Unterholz.

„Schnaaarch!", quäkt sie und ordnet dabei ihre Halskette, die durch den Wurf nach hinten verdreht wurde. „Also ich hole den da bestimmt nicht wieder raus."

Es ist lustig, wie sie jedes Mal wieder ein bisschen was Anderes sagt.

Aber gut, zurück zur Feinkontrolle. Ich hebe bewusst nicht meine Hand und beginne die Zeit nur ganz langsam zurückzudrehen, so langsam ich nur kann. Chloes Worte verkommen wie immer zu einem unirdischen Wortsalat, ihre Bewegungen fließen auf schaurig anmutende Weise rückwärts. Ich richte meine Augen auf den Baum, den sie getroffen hat. Die Birke erscheint auf diese Entfernung nur noch undeutlich und verschwommen außer Fokus, doch ich kann gerade noch diesen gelben Punkt erkennen, wie er sich wieder langsam aus dem Gebüsch erhebt auf seiner verwackelten Parabelbahn durch den Raum zurück in der Zeit. Ganz gemächlich prallt er von der Rinde zurück und wandert gelassen in Richtung Chloes Hand.

Ich verlangsame die Zeit noch einmal etwas mehr, doch nicht genug, dass sie gänzlich zum Stehen kommt in ihrem Fluss. Zwar ist sie nun so langsam, dass sie sowieso auch genauso gut stillstehen könnte, doch es gibt dennoch einen kleinen aber feinen Unterschied zwischen den beiden: Ein absoluter Stillstand ist viel, viel schwieriger aufrecht zu erhalten. Es ist derselbe Unterschied wie bei einem fahrenden Auto, bei dem man entweder die Bremse betätigt, um die Geschwindigkeit sachte zu senken, oder einen tonnenschweren Anker auswirft, der es abrupt zum Stehen bringt—nein warte, Moment mal. So herum darf ich nicht denken. Die Zeit ist kein rasendes Auto, das ich anhalten will. Ich bin diejenige, die sich bewegt. Alles, was ich hier tue, ist, mich im Fluss der Zeit umzudrehen und ihn wieder hinauf zu schwimmen. Für einen perfekten Stillstand muss ich die Balance zwischen der Zeit und mir in exaktem Äquilibrium halten, weder vorwärts schwimmen noch rückwärts geschwemmt werden. Auf ein solches Gleichgewicht haben wir es bei diesem Training nicht abgesehen.

Was wir hier machen ist ein Ausdauercheck, und so fange ich an, noch während ich die Zeit zurückdrehe, zu gehen. Das ist nun schon das vierte Mal heute Abend und so langsam bin ich auch ganz schön ausgelaugt, aber doch noch nicht vollständig erschöpft. Jeder Schritt fühlt sich an, als wäre ich Unterwasser, die Luft um mich herum ist dick und träge, sie lastet zähflüssig auf meinem Körper und jeder meiner schwerfälligen Bewegungen. So als wäre es ein ganzer Ozean, der sich vor mich drängt, zwischen mich und diese kleine, gelbe Sphäre, die dort langsam aber zielstrebig ihrem Ursprung entgegen zurückschwebt… was schon wieder die falsche Art und Weise ist, darüber nachzudenken, wenn man meinem eigenen, endlosen Tagebuchgeschwafel Glauben schenken will. Was ich hier spüre, ist angeblich nichts weiter als die Anstrengung, sich auf allen vier Dimensionsachsen der Raumzeit auf einmal zu bewegen, anstatt entweder nur im Raum oder nur durch die Zeit. Hinzu kommt außerdem der Kraftaufwand, diesen mysteriösen Anker mit mir herumzuschleppen, der mich, wie Chloe es beschrieben hat, offenbar allzeit an unsere gute, alte Erde gekettet hält, während sie mit einhunderttausend Kilometern pro Stunde auf unsere Sonne zurast, und sie doch seit Urzeiten verfehlt… Ziemlich sicher hat BetaMax sich das alles nur aus dem Arsch gezogen. Ich meine, woher zur Hölle sollte sie dieses ganze Zeug denn bitte so genau wissen?

Ich erreiche den Ball und pflücke ihn aus seiner schwerelosen Wanderung. Als ich noch das erste Mal nach ihm gegriffen hatte, musste ich eine weitere, ganz neue Lernerfahrung machen: Es mag so aussehen, als ob er langsam und träge durch die Luft schwebte—und genau hier liegt auch das Problem: Er ist noch immer träge. Er trägt nach wie vor jedes einzelne bisschen seiner anfänglich Chloe-induzierten kinetischen Energie in seiner Flugbahn. Ihn zu berühren und ihn mir damit zu eigen zu machen, überträgt diese Energie ungehemmt auf meine Hand, was schlichtweg bedeutet, dass ich mich auf einen ziemlich heftigen Aufprall gefasst machen muss. Notiz an mich: Versuche niemals, jemals, tatsächlich fahrende Autos oder gar Kugeln im Flug zu berühren. Großes Aua.

Den Ball sicher in der Hand, kämpfe ich mich wieder durch den Rückweg, dorthin, von wo ich losgelaufen war. Ich bin komplett außer Atem bis ich ankomme, durchnässt mit kaltem Schweiß, meine Knie wollen schon bald unter mir nachgeben—doch dieser Schwächezustand entspringt nicht meinen Muskeln oder Gliedern; Die Kraftlosigkeit hat ihren Ursprung viel tiefer in mir, in meinem Geist, entlang meiner Nervenbahnen und meiner Wirbelsäule, im Mark meiner Knochen.

Ich lasse ab und gebe mich wieder dem normalen Zeitfluss hin, ploppe mich mit dem Hintern auf den grasbedeckten Boden, völlig fix und fertig.

„Jawoll! Puff und weg isser! Hast du ihn wieder gekriegt?"

Ich präsentiere ihr meine Beute, halte sie hoch zwischen Daumen und Zeigefinger.

„Ausgezeichnet! Bei dir noch alles im grünen?"

Meine Zunge weigert sich im Moment noch, eine adäquate Antwort zu artikulieren. Ein Nicken tut's vorerst auch.

„Tja, damit ist es offiziell. Du bist noch immer genauso gut, wie du es jemals warst. Vielleicht sogar besser."

Ihre Worte erfüllen meine Brust mit einer schier absurden Menge puren Stolzes. Gratulation, AlphaMax, du wurdest soeben von allerhöchster Stelle amtlich qualifiziert, das Gesetz der Allgemeinen Relativitätstheorie, einem Grundbaustein dieses Universums seit knapp vierzehn Milliarden Jahren, mit nicht einmal einem Fingerschnipsen zu außer Kraft zu setzen. Alles, was es dazu braucht, ist ein Tennisball und die coolste und obendrein sexyste, beste Freundin eben jenes Universums. Zufrieden?

„Meinst du, du schaffst noch eine Runde?"

Ich schüttle den Kopf, noch immer außer Atem. Sie bewegt sich zu mir herüber während sie weiterspricht. „Ist in Ordnung, besser du übernimmst dich nicht. Du siehst eh schon aus, als könntest du jeden Moment aus den Socken kippen. Wie lange bist du jetzt schon auf den Beinen?"

Darüber muss ich erstmal nachdenken. Etwa zwei subjektive Stunden, in denen wir alle möglichen Zeitkunststücke vollbracht haben, dann noch eine zurückgespulte Schusswaffen-Einweisung und entsprechende Schießübungen—ich trage die Knifte noch immer unter meinem Pulli, sollte mich schließlich an das Gefühl des Halfters um meine Schultern gewöhnen—plus ungefähr eine Stunde lang haben wir unsere Lockvögel abflugbereit gemacht, nachdem sie aus ihrem Sex-Koma auferstanden war. Dann noch ein ungeschehen gemachter Duschgang, den ich mir auch gleich in die Haare hätte schmieren können nach dieser schweißtreibenden Trainingseinlage, und nicht zuletzt noch die Zeit für BetaMax' überaus unterhaltsame Spaßlektüre. Macht dann… „zirka sechs Stunden?"

„Rechnest du etwa deine beiden Albtraumnickerchen als Schlaf ein? Das sind sie nämlich wirklich nicht. Wie lange seit du heute Morgen aufgestanden bist? In der anderen Realität."

„Na gut, dann halt…", ich rechne nochmal etwas länger, „zwölf, glaube ich. Aber ich werde schon nicht aus den Socken kippen, ich versprech's. Ich ruhe mich aus, wenn ich es brauche, ich bin nicht mehr wie früher."

Sie beäugt mich kritisch, scannt mich auf jedes noch so kleine Indiz, welches ihr verraten könnte, dass ich hier nur ein tapferes Gesicht aufsetze. Ich hebe meine rechte Hand, drei Finger nach oben. „Indianer-Ehrenwort."

„Na schön, wie du meinst. Aber ich werfe ein Auge auf dich, junges Fräulein, du bist kein vertrauenswürdiges Individuum. Ich kenne doch meine Pappenheimer."

„Irgendwie muss ich dich ja auf Trab halten." Ich werfe ihr den Ball zu. Überaus ungeschickt und schwächlich, wie ich bin, fällt er viel zu kurz und landet mit einem kümmerlichen Flopp irgendwo zwischen uns im Staub, sodass sie sich danach bücken muss. „Ups. Hoppala."

„Vielleicht überdenkst nochmal du deine Karriere als Profiballschleuderin."

Ich schnaube ihr belustigt zu. „Na gut, ich bin also nach wie vor die sagenumwobene Zeitreise-Meister-Max oder sonstwas. Also was jetzt? Können wir einfach wieder zurückfahren und dann… du weißt schon… beenden, was wir begonnen haben?"

Ich rümpfe die Nase über meine eigene Wortwahl. Sie sprechen hier von Mord, Miss Caulfield. Freunden Sie sich lieber an mit dem Gedanken, halten Sie ihn warm in Ihrem Bewusstsein. Sinnlose Euphemismen machen daraus kein weniger abscheuliches Verbrechen.

Chloe schüttelt den Kopf. „Wir hatten heute Morgen nur ein sehr kurzes Zeitfenster. Prescott wäre komplett für sich alleine gewesen in seinem Badezimmer. Keine Leibwächter, keine Augenzeugen und keine Videokameras auf der ganzen Etage, nachdem du vorher in der Sicherheitszentrale vorbeigeschaut hättest. Du hättest vielleicht zwanzig Minuten gehabt, ihn zu überwältigen und alles, was er weiß, aus ihm herauszukitzeln, dann die Tat zu vollbringen und wieder ausgeflogen zu sein, noch bevor irgendjemand auch nur den Hauch einer Ahnung hätte. Es darf absolut nichts darauf hinweisen, dass wir es waren, der ganze Plan muss darauf hinauslaufen, dass wir das alles ein für alle Mal hinter uns lassen können."

Ich überdenke ihre Worte für einen Moment. „Hatten wir echt vor, ihn zu schnappen, während er auf dem Klo sitzt?"

Sie grinst und zuckt mit den Schultern. „Schlag zu, wenn dein Ziel am verwundbarsten ist, hab' ich Recht? Noch mehr runtergelassene Hose geht nun wirklich nicht."

„Na ja, ich könnte mir schon noch mehr vorstellen…"

Chloe geht vor mir in die Hocke und verstaut den Tennisball in der Bauchtasche ihres Pullovers, Ellbogen auf ihre Knie gestützt. „Tatsächlich ist die mit Abstand größte Herausforderung, den richtigen Ort und Zeitpunkt zu finden, ihn zu erwischen. Das Hauptproblem ist, dass wir einen Ort brauchen, an dem er sich sicher fühlt, ohne seine ganzen Superleibwächter, und du musst in der Lage sein, da wieder heil rauszukommen, ohne versehentlich seinen Tod ungeschehen zu machen."

„Superleibwächter? Du hast mir nie etwas von Superleibwächtern erzählt!"

„Äh? Bist du sicher? Komm schon, ich muss doch garantiert mal die ganzen anderen Krafterkorenen erwähnt haben. Das war doch auch der Grund, weshalb wir so lange gebraucht haben, bis wir überhaupt erst soweit gekommen sind."

„Oh, öhm… hast's vielleicht mal nebenbei erwähnt?"

„Oder… vielleicht hast du auch nur nicht richtig zugehört, mh? Der Mann ist die personifizierte Paranoia. Für gewöhnlich hält er Helen immer an der kurzen Leine, und die wird dich hundertpro erschnüffeln, sobald du dich ihr auf einen Kilometer nähern solltest. Glaub nicht, dass sie das Risiko eingehen wird, still zu halten, wenn sie dich bemerkt, sie darf also auch nicht anwesend ein. Als extra Gorillas hat er außerdem immer die Oxen-Zwillinge dabei, die sind schon praktisch seine Schatten. Die beiden stecken Kugeln weg, als würden sie aus einer Luftpistole beschossen. Und um das ganze abzurunden, hat er noch zu jeder Zeit seine ganz persönliche Sicherheitseskorte."

„Die Oxen-Zwillinge?"

„Was, gefällt dir der Spitzname nicht? Ihre richtigen Namen sind Carlo und Remi Laurent. Lass dir einfach gesagt sein, die beiden sind viel stärker, als sie aussehen. Angeblich auch hervorragende Schützen, laut Helen."

„Na großartig. Und diese Derrick Tussi?"

„Niemals auch nur in seiner Nähe. Ich weiß nicht mal, wie sie überhaupt aussieht."

Das Bild dieser Frau, die sich über Chloes gefesselte und schluchzend wimmernde Form lehnt mit ihrem rot tropfenden Messer in der Hand, drängt sich in meinen Kopf. Die albtraumhafte Erinnerung allein reicht schon aus, um mich in weit mordlüsterne Stimmung zu versetzen. „Groß und schlaksig, kurze und hellblond gewellte Haare mit käsig weißer Haut, wie als stammte sie aus einer dunklen Gruft oder so..."

Chloe entgegnet nur ein planloses Schulterzucken.

„Na gut, also was dann? Was können wir denn sonst machen?", frage ich sie. „Wir sollten diese Schlüsselkarte benutzen, bevor sie bemerken, dass sie funktioniert, nicht wahr?"

„Ja genau. Wir werden jetzt erstmal einfach wieder unserem ursprünglichen Plan folgen. Olympia war genau genommen sogar ein Umweg, wir hatten das so weder geplant noch erwartet, und nur weil Helen uns vor drei Tagen den Hinweis zugespielt hatte, haben wir überhaupt erst diese Gelegenheit ergriffen, schon heute damit fertig zu werden. Ursprünglich hatten wir vor, uns ins Anwesen der Prescotts zu schleichen, dort ein wenig herumzuschnüffeln nach so viel Info wie wir nur kriegen können und anschließend die Fliege zu machen. Wir brauchen unbedingt mehr Information über all das übernatürliche Zeug und ich möchte wetten, dass der Typ tonnenweise davon bei sich rumliegen hat."

Ich nicke gedankenverloren. Das alles klingt nachvollziehbar genug: Wenn es da draußen jemanden gibt, von dem wir uns klare Antworten erwarten können, dann heißt diese Person Sean Prescott, teuflischer Großmeister der Supersklaven.

Auf der anderen Seite…

„Chloe…"

„Mmh?"

„Wollen wir es überhaupt wissen?"

„Was meinst du?"

„Was, wenn… was, wenn wir einfach darauf scheißen, Antworten zu bekommen? Reicht es nicht, wenn wir ihn einfach nur" TÖTEN „beseitigen und dann ab dafür? Wäre das nicht viel einfacher? Ich will nur sagen, er scheint ja jede Menge unterwegs zu sein, wir könnten ihn doch einfach zum Beispiel auf der Durchreise überraschen oder sowas. Irgendwo hingehen, wo er kürzlich noch war, dann die Zeit zurückdrehen, bis er wieder da ist, eine Pistole abfeuern und dann im Zeitstillstand schleunigst wieder raus da."

Sie blinzelt ein paar mal. „Willst du denn überhaupt nicht herausfinden, was zur Hölle hier eigentlich abgeht?"

„Ich glaube, ich habe mich so langsam damit abgefunden, dass ich das wohl niemals erfahren werde. Ich würde das alles viel lieber so schnell wie möglich hinter mich bringen, damit wir anschließend endlich irgendwo in aller Ruhe unser Leben aufbauen können."

„Ja schon, das kann ich nachvollziehen, mir geht es ja genauso, aber… wir sollten wirklich so viel Wissen sammeln, wie wir nur können, bevor wir uns um ihn kümmern. Dass wir Prescott und sein Imperium ausschalten, wird garantiert Konsequenzen nach sich ziehen. Darauf sollten wir vorbereitet sein. Wir müssen wissen, worauf wir uns da eigentlich einlassen. Und diese ganze übernatürliche Geisterwelt-Scheiße wird sich schließlich auch nicht einfach so mir nichts, dir nichts in Wohlgefallen auflösen, nur weil Prescott nicht mehr sein sollte. Du… du verstehst das doch sicher, oder, Max? Wir dürfen das nicht einfach so ignorieren und nur dorthin schauen, wo Regenbogen und Sonnenschein herrschen. Ich dachte eigentlich, das hättest du mittlerweile akzeptiert."

„Was ich akzeptiert habe, ist, dass ich diesen Mann bekämpfen muss, und nicht dass ich den Rest meines Lebens damit verbringen soll, die Realität auf den Kopf zu stellen…"

Sie neigt ihren Kopf zur Seite und runzelt verdrießlich die Stirn. Chloe kniet sich hin, damit sie eine Hand auf meine Schulter legen kann.

„Max…" Ihr Daumen streichelt mir sanft den Nacken. „Ich glaube, du solltest ehrlich sein mit dir selber."

Ich presse meine Lippen zur schmalen Linie und versuche meine Gereiztheit herunterzuschlucken. Ihre dämliche Bevormundung macht mich im Moment innerlich kochen. Ich bin doch schon längst ehrlich mit mir selber. Alles, was ich will, ist ein normales Leben an ihrer Seite, ohne mir ständig über völlig beknackte Paradoxa der Raumzeit oder von irgendwelchen bescheuerten Tiergeistern den Kopf verdrehen und zerbrechen zu lassen. Ist das denn zu viel verlangt, nach allem, was wir schon durchmachen mussten? Na los doch, nur her mit dem fiesen Fiskus und der haushohen Privathypothek. Nur her mit Berufsverkehr und der ewigen Tretmühle des Arbeitsmarktes. Ich würde diesen ganzen Superheldenscheiß doch ohne ein Wimpernzucken hergeben im Austausch für Sorgen über verstopfte Abflussrohre und romantische Dates an jedem zweiten Freitagabend.

Aber nein, Chloe will, dass ich mich auch noch wälze in diesem Mist, gemeinsam mit ihr und welcher bekloppten Superheldenfantasie sie auch immer in ihrem Oberstübchen zusammengebraut hat. Sie hat keinerlei Bedenken, dass ich mich am Ende entpuppen könnte als Max, Zerstörerin der Welten… Heiliger Bimbambino, welche Version der Zukunft ist wohl die realistischere, frage ich mich, ihre oder meine?

Ich bin schon drauf und dran, ihr mal ein Stück meiner ehrlichen Meinung an den Kopf zu werfen, als ich ein plötzliches Rascheln im Unterholz bemerke. Ich brauche einen Moment im Zwielicht der Abendsonne, um es zu erkennen. Dort zwischen den Zweigen ist ein Paar großer, schwarzer und kugelrunder Augen.

Es ist eine Hirschkuh. Sie starrt mich an.

Chloe folgt meinem Blick. „Was? Was ist denn? Oh."

Die Hirschkuh bricht Augenkontakt und springt zurück in den Wald.

„Jup," sagt sie nur mit einem erneuten Achselzucken, „das passiert manchmal."

„Ganz ehrlich, was zum Teufel ist eigentlich in diese verfluchten Wildviecher gefahren?"

„Verrat du's mir, SuperMax."

„Oh, da kannst du aber Gift drauf nehmen."

Ist es womöglich schon wieder so ein Tiergeist? Ich muss nicht einmal mehr darüber nachdenken: Die Zeitreise erfolgt auf meinen bloßen Instinkt, keinerlei bewusster Geistesaufwand. Ganz ernsthaft, wenn es sein muss und dieses dumme Mistvieh nicht gleich wieder im Gebüsch auftaucht, jage ich ihr noch eigenhändig durch den Wald hinterher.

Doch wie zu erwarten nähert sich die Hirschkuh erneut jenseits der Unschärfe in ihrem seltsamen Rückwärtsgalopp. Sie dreht sich um und starrt mir abermals ins Gesicht, genau wie zu vor.

Es ist einfach ein gewöhnlicher, alter Hirsch.

Chloe folgt meinem Blick. „Was? Was ist denn? Oh."

Die Hirschkuh bricht Augenkontakt und springt zurück in den Wald.

„Jup. Das passiert manchmal."

Das war ja mal wieder sowas von köstlich, Prinzesschen Maxine.

Die Stimme in meinem Kopf ist ganz eindeutig die meine. Sie ist anschuldigend, bissig und sarkastischer denn je.

Ich bin mir nicht sicher, ob du nun eine miese Heuchlerin bist oder doch nur ein jämmerlicher Angsthase. Wahrscheinlich sogar beides.

Ich starre der Hirschkuh hinterher und werde zurückerinnert an jene Panik, die ich heute verspürte, als ich kurz dachte, meine Zeitreisekraft funktionierte nicht mehr richtig. An die schier unendlich scheinende Frustration, als ich über Monate hinweg, tagaus tagein, in jenes nunmehr zerstörte Schmetterlingsfoto starrte, Schuld und Reue zerdrückten mir die Lungen wie meterdick Erde auf das Grab der Toten, die wir waren. An jene alles vernichtende Verzweiflung, welche mich unlängst zu meinem finalen Schritt ins Undenkbare trieben in einer vergangenen, sturmfreien Realität, und auch an dieses Gefühl des Stolzes, das mir bis vor einer Minute noch in der Brust geschwelt hatte.

Du bist gewillt, diese Kraft zu tragen, solange sie dir passt, und lässt sie fallen in dem Moment, da sie dir zu schwer wird. Du bist ja solch ein mieses und verräterisches Häufchen Dreck.

Stolz. Chloe war so stolz auf uns, als sie mir von der Geschichte mit dem brennenden Gebäude erzählt hatte, ihre Stimme war geradezu so erfüllt davon, sie war Feuer und Flamme. Sie lag unter mir und ihr ganzer Körper hatte praktisch gebebt vor wilder Begeisterung und Jubel. Wann mag das letzte Mal gewesen sein, das ich sie so erleben durfte? Habe ich sie überhaupt jemals zuvor schon so erlebt? Spontan fällt mir nichts aus unserer jüngeren Vergangenheit ein. Und auch garantiert nichts seit Williams Ableben.

Ja genau, der Mathetest! Sie war gerade in der achten Klasse, ich in der siebten. William war streng mit ihr geworden, weil sie ein paar schlechte Noten nach Hause gebracht hatte, also hat sie sich so richtig in Zeug gelegt und dafür eine Eins Plus gekriegt. Und natürlich musste sie mir dieses Testergebnis noch monatelang unter die Nase reiben, das Beste, was ich jemals in Mathe zustande gebracht habe, war eine Zwei. Wir beide haben dieses Fach immer so sehr verabscheut…

„Hey."

Chloe drückt meine Schulter und holt mich zurück in die Gegenwart. Sie schenkt mir ein vorsichtiges Lächeln. „Erinnerst du dich noch an all die Male, als du mir erzählt hattest, dass es Schicksal gewesen sein muss, dass wir uns wiedertreffen würden? Dass es irgendwie für dich vorbestimmt war, mein Leben zu retten?"

Ich verdrehe die Augen. „Was ein riesen bescheuerter Witz das war…"

„Aber du hast mich gerettet. Und zwar nicht nur vor dem Sterben—du hast mich sogar vor mir selber gerettet. Du warst es, die mich aus meinem Loch gezerrt hat und mich geliebt hat bis mir endlich mal ein Licht aufging. Du hast meinen ganzen dämlichen Verunsicherungen 'nen zünftigen Kinnhaken verpasst und mir gezeigt, dass ich tatsächlich 'nen Pfifferling wert bin. Du warst das. Ist das nicht etwas Gutes?"

„Natürlich ist es das, du bedeutest mir die ganze Welt…"

„Siehst du? Und du meinst das sogar tatsächlich ehrlich, das ist doch bekloppt! Du bringst mich dazu, dass ich dem auch tatsächlich gerecht werden will und alles, was ich nur kann, dafür gebe… Und hier kommt der springende Punkt: All das hättest du nicht erreichen können ohne deine Kräfte. Stimmen wir da überein?"

Sie schüttet echt ihr Herz aus für diese Motivationsrede, aber ich kann trotzdem selbst beim besten Willen die Verbitterung nicht aus meiner Stimme heraushalten. „Ja, schon klar. Die Kräfte machen mich großartig. Ich hab's kapiert. Toll."

„Neineinein, so ein Blödsinn, hör mich doch an. Was ich sage ist… du bist einfach unbeschreiblich, O.K.? Ich sage, du hast diese Kräfte, weil du unbeschreiblich bist, nicht umgekehrt."

Ich hebe ein eine skeptische Augenbraue in ihre Richtung. „Ich hab' nicht… ich bin nicht der Ursprung dieser Kräfte, wenn du das meinst. Ich kann so viel mit Sicherheit sagen."

Sie schüttelt den Kopf. „Nein, was ich meine ist…" Sie sieht einen Moment lang weg, Frustration steht ihr klar ins Gesicht geschrieben. Chloes Mund zuckt wiederholt in den Winkeln, ihre Lippen arbeiten subtil gegeneinander, so als lägen ihr die Worte schon auf der Zunge und sie versuchte sie nach Möglichkeit dort zu belassen.

Dann lässt sie endlich einen tiefen Atemzug frei. „Also schön, ich werde dir gleich etwas sagen, was ich BetaMax niemals gesagt hätte, weil ich genau weiß, dass sie mir nur ausgeflippt wäre. Aber ich habe in den letzten Monaten schon so viel darüber nachgedacht. Versuch einfach aufgeschlossen zu bleiben, in Ordnung?"

„Ich werd's versuchen, aber ich bin raus, sobald du mir mit Mutanten, der Speedforce oder Gammastrahlung daherkommst."

Ihr besorgter Blick bekommt klare Risse und sie schubst mich verspielt in die Schulter. „Es geht mir eigentlich um Aliens, du Witzbold. Du bist die heimliche Abgesandte von Planet Arschgesicht."

„Jetzt wird mir ja so vieles klar…"

Wie die Nervensäge, die sie ist, lehnt sich Chloe überflüssigerweise mir ihrem ganzen Gewicht auf mich, während sie ihren Hintern neben dem meinen platziert. Sie kommt neben mir sitzend zur Ruhe mit einem Arm um meine Schultern. Ich lasse sie zunächst stoisch über mich ergehen und kuschle mich dann etwas gegen ihre Seite. Es wird langsam frisch hier draußen.

„Max…"

Ihre freie Hand spielt nebenher leicht mit meinen Fingern. Chloes Nase findet ihren Weg zwischen meine Strähnen, die mittlerweile alles andere als gut riechen können. Ich warte geduldig, bis sie die richtigen Worte findet, und präge mir unterdessen im Stillen die Konturen der beiden Ringe ihrer rechten Hand ein.

Erst kürzlich wurde mir bewusst, dass das schwarz glänzende Schmuckstück, das sie schon Oktober getragen hatte, Williams alter Ehering war. Der andere aus schlichtem Gold, den sie jetzt noch zusätzlich trägt, gehörte Joyce. Offenbar ließ David ihr vor ein paar Monaten ein Päckchen zukommen mit einigen Kleinigkeiten, von denen Joyce gewollt hätte, dass sie sie bekommt.

„Weißt du, was ich wirklich, aufrichtig glaube?", beginnt sie schließlich.

„Ich sterbe ja schon vor Hochspannung. Wann verrätst du es mir endlich?"

„Ich will ja, wenn du dann vielleicht mal deine Beleidigte-Leberwurst-Nummer einstellst."

„Boa ey, wir sind heute aber empfindlich…"

Sie braucht noch immer eine Weile länger, ehe sie wieder anfängt zu sprechen.

„Also gut, die Sache ist die… ich glaube, dein eigentliches Schicksal ist etwas, das noch gar nicht stattgefunden hat. Du hast diese Kräfte aus einem guten, …einem wichtigen Grund. Das weiß ich ganz einfach. Ich meine, wie könnte all das nur reiner Zufall sein? Das kann—das will ich mir nicht vorstellen. Mich zu retten und alles, was bisher sonst so drum herum passiert ist als Konsequenz, war nichts weiter als… ein Vorspiel. Eine einzige, lange Verkettung aus Feuerproben, wenn du so willst."

Ich will ihre Gefühle nicht verletzen, doch ich komme nicht umhin, meinen Kopf zu schütteln. „Chloe, dieses ganze Gewäsch von wegen Schicksal ist ein einziger Haufen Unfug. Ich dachte immer, ich würde mich unserem Schicksal ergeben, doch am Ende habe ich dich einfach so ohne jeglichen Grund sterben lassen. Ich bin zurückgegangen und habe es schließlich doch genau andersrum gemacht. Ich will niemals wieder so denken. Für mich gibt es nur Entscheidungen und Konsequenzen."

„Ja genau! Und du bist diejenige, die diese Entscheidungen trifft, verstehst du das nicht? Nur du besitzt die Macht, sie zu treffen, und sonst niemand. Wer oder was auch immer dich für diese Kräfte auserkoren hat weiß ganz genau, wie genial du eigentlich bist. Und dass nur du die Richtige bist für den Job, als was auch immer sich das am Ende herausstellen mag."

Da liegt etwas erschreckend Beunruhigendes ihrem Gedankengang zugrunde. „Also… du meinst, ich bin ‚die Auserwählte' oder sowas? Bin ich die eine, die die Macht ins Gleichgewicht bringen soll? Wehe, ich kotze nämlich im Strahl, falls plötzlich auch noch eine verfluchte Prophezeiung auftauchen sollte."

„Nein, hör mir doch zu, alles was ich sagen will ist… vielleicht würde es dir nicht schaden, wenn du mit dir selbst mal etwas zufriedener wärst. Wenn du mal ein wenig Stolz zeigen würdest auf das, wozu du fähig bist. Allein schon der Fakt, dass du es soweit geschafft hast… vielleicht stellst du dich sogar ganz buchstäblich besser an, als es jeder andere auf dieser ganzen, gottverdammten Welt könnte, und zwar weil jeder andere Mensch schon längst unter der Last zusammengebrochen wäre oder der dunklen Seite verfallen oder sowas. Scheiße, ich will mir gar nicht vorstellen, was ich alles angestellt hätte mit deinen Zeitreisekräften. Wir wären alle des Todes."

„Du machst Witze, oder? Ich habe bei vollstem Bewusstsein hunderte Leute ermordet, Chloe. Wie könnte irgendjemand jemals stolz sein auf eine solche Entscheidung?"

„Ja, na und? Und was ist nach dieser Entscheidung passiert? Sie hat dich auf diesen Weg geleitet, oder etwa nicht? In eine Realität, in der du deine Kräfte zu meistern lernst und von diesem ganzen mystischen, übernatürlichen Scheißdreck erfährst. In der du die Ausgeburt des Bösen bekämpfst, anstatt alles einfach nur hinter dir zu lassen. Welch ein seltsamer Zufall aber auch, dass ausgerechnet deine schwierigsten Entscheidungen dich stets genau hierhergeführt haben." Sie bringt beide Arme um mich und drückt sich so fest an mich, als wolle sie mit mir zu einer Einheit verschmelzen. Ich weiß, dass sie es nur lieb meint, aber dennoch lässt es mir die Pistole und das Halfter unangenehm in die Seite stechen. Sie macht es mir etwas schwer, Luft in meine Lungen zu bekommen.

„Du bist etwas Besonderes, Max," haucht sie gegen mein Ohr. „Du bist etwas Einzigartiges—einmalig auf dieser Erde. Ich wünschte, du könntest es so sehen, wie ich dich sehe."

Oh mein Gott. Sie hatte ja zuvor schon von Heldenverehrung gesprochen. Ich hatte jedoch nicht gedacht, dass es ihr so ernst war damit.

„Chloe, du solltest nicht so über mich denken…"

„Warum nicht?"

„Es klingt fast schon nach… Verehrung? Glaubst du nicht, dass das super-ungesund sein könnte?"

„Ich verehre dich doch nicht, du Dumpfbacke. Ich glaube an dich. Wenn es schon sonst keiner tut…"

„Na ja, vielleicht… Ich… nghhh, Ich krieg' keine Luft…"

„Ups, 'tschuldige!"

Sofort lockert sie ihren Griff. Ich tue einige schwere Atemzüge, womöglich etwas theatralischer, als es tatsächlich vonnöten wäre. „Kacke, hast du mit Bären um die Wette gerungen, oder was?"

In ihrer Stimme liegt ein klares Lächeln. „Was soll ich sagen, ich nehme die Rolle als Handlangerin halt ernst." Sie streicht ein paar meiner Strähnen zur Seite und küsst meinen Nacken. „Dir gefällt es, mir beim Sport zuzugucken."

„Wahrscheinlich nur, weil ich es noch immer nicht fassen kann."

Sie kichert schelmisch. „Mh-hm, Anfassen gefällt dir hin und wieder auch ganz gut…" Die Art und Weise, wie sie mich ins Ohr zwickt, lässt mir keinen Zweifel, was genau ihr durch den schmutzigen Sinn geht.

„Schuldig im Sinne der Anklage."

Sie lacht leise und wir verfallen in eine angenehme Stille. Unser Gespräch spielt sich mir immer wieder von Neuem in meinem Kopf ab. Sie weiß es, sie gibt mir Zeit. Ihr ganzes dümmliches Arschgelaber und auch ihr freches Liebesgeplänkel ist alles Teil davon. Je mehr Zeit ich in ihrer Nähe verbringe, desto klarer verstehe ich, dass immer zwei parallele Konversationen gleichzeitig stattfinden, wenn ich mit Chloe zusammen bin: Da ist, was wir zueinander sagen, und da ist, was wir einander mitteilen ohne etwas sagen zu müssen.

Ich denke darüber nach, was wohl wäre, wenn ich meine Kraft verlöre. Ich denke ernsthaft darüber nach. Gäbe es nicht einen Teil in mir, der auf ewig bereuen würde, sie aufgegeben zu haben?

Ich bedenke, was schon alles passiert ist, jeden Teil unseres Abenteuers, den sie mir erzählt hat, jeden absurden Zufall und jede seltsame Vision, die ich durchlebte. Wenn ich es mir nicht zum Ziel machen sollte, mehr zu erfahren, würde ich mir dann nicht für alle Zeiten die Frage stellen, …was wäre wenn?

Die Antwort ergibt sich mir quälend eindeutig…

Ich küsse Chloes Hand und löse mich vorsichtig aus ihren Armen. Ich greife in ihre Bauchtasche nach dem Tennisball und lasse ihn in ihre offene Handfläche fallen.

„Ich glaube, ich schaff' noch mindestens zwei Runden mehr," sage ich ihr.

Chloes Strahlen ist begeistert, wild und voller Stolz.


Man könnte wohl sagen, du bist Teil meiner Therapie. Du bist die einzige Seele in der ganzen weiten Welt, zu der ich frei und offen sprechen kann und die mir dennoch jedes Wort glauben wird. Mal abgesehen von Chloe, versteht sich. Es hilft, wenn ich mir vorstelle, du seist eine andere Person.

Es gibt da ein paar Dinge, bei denen ich es nicht über mich bringen kann, mit ihr darüber zu sprechen. Sie sagt ständig, dass sie möchte, dass ich es tue, aber ich konnte sehen, wie es ihr das Herz gebrochen hat, das eine Mal, als ich es versuchte. Sie empfindet so viel für mich… ihr von all diesem schrecklichen Scheißdreck zu erzählen hilft weder ihr noch mir, es ist einfach nur rundum schmerzhaft für alle Beteiligten.

Und somit bleibst nur noch du. Wo also glaubst du, sollte ich anfangen? Gleich mit den ganzen unaussprechlichen Gräueltaten oder zunächst noch ein sanfterer Einstieg mit all den bescheuerten Selbstzweifeln?

Vielleicht sollte ich direkt vorspringen zur Identitätskrise. Damit solltest du dich wie zu Hause fühlen, richtig? Du wächst auf als diese Person, von der du denkst, dass du sie wärst, mit all ihren Hoffnungen und Träumen und ihrer Abneigung gegenüber allen auf tierischem Eiweiß basierenden Make-up-Produkten, und jeden Tag versuchst du nichts als möglichst unbeschadet und ohne dich allzu sehr im Schulalltag zu blamieren durch die Gesellschaft nach oben zu schummeln. Und eines friedlichen Tages—du denkst dir nichts Böses—fliegt dir alles davon um die Ohren und in die Luft. Deine gesamte Existenz wird mit einem einzigen Schlag vernichtet, sie liegt vor dir in Schutt und Asche. Und alles, was dir noch bleibt, ist Chloe. Alles, zu was dein Leben verkommen ist, …ist Chloe.

Für dich war es nicht ganz so unmittelbar, das ist mir bewusst. Ist es dir gelungen, den Sturm aufzuhalten? Oder bist du zurückgegangen, um sie sterben zu lassen, nur damit Arcadia Bay am Ende doch ganz genauso zerstört wurde? Nein, das ergäbe keinen Sinn, denn dann würdest du dir nicht so viel Zeit lassen. Ich muss davon ausgehen, dass Chloes Tod unsere Heimatstadt tatsächlich gerettet hätte. Das ist, was dich so lange zögern lässt, ist es nicht so? Du versuchst gerade, irgendwie dein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Du versuchst sie loszulassen.

Tja, wir wissen wohl beide, was aus diesen Versuchen geworden ist.

Es ist nicht normal, nicht wahr? Solch starke Gefühle für jemanden zu empfinden? Solch tiefe Fürsorge? Ich habe sie für ganze fünf Jahre im Stich gelassen. Es hat mich gerade einmal fünf Tage gebraucht, um ihr alles, was ich bin, zu Füssen zu legen. Es hört sich so dramatisch an, ich weiß, doch es ist wahr. Ich habe ihr mein Leben geschenkt, und sie mir das ihre. Jeder, der von außerhalb auf uns dreinblickt, müsste zu dem unweigerlichen Schluss kommen, dass wir beide völlig wahnsinnig sind, und wenn er nur wüsste von der Macht, die ich ohne jegliches Zögern missbrauchen würde, um sie zu beschützen, er würde vermutlich meinen sofortigen Tod fordern.

Doch sie können sie nicht spüren, wie ich sie spüre. Diese Verbindung ist keine gewöhnliche Liebe. Ich weiß selbst nicht, wie ich sie sonst nennen soll, doch ich werde sie niemals, jemals wieder loslassen. Und tatsächlich bist du sogar der lebende Beweis dafür, dass ich das auch gar nicht kann.

Manchmal versuche ich mich daran zu erinnern, wie es zuvor einmal war, doch es fühlt sich alles nur an wie ein entfernter Traum. Ich hatte mich einmal leidenschaftlich für Fotografie begeistert, war es nicht so? Noch immer juckt es mich von Zeit zu Zeit in den Fingern, einfach eine Kamera in die Hand zu nehmen und einen Augenblick für immer auf Bild einzufangen. Doch es wurde mir alles verdorben. Von dem, was Mark Jefferson getan hat. Von dem, was diese Kraft mir auferlegt hat. Chloe will mich zwar schon wieder dazu ermutigen, doch dieser Tage erfüllt mich jedes neue Selfie nur noch mit Furcht vor einer ungewissen Zukunft, die mich bald einholen könnte. Wie sollte ich die Fotografie da jemals wieder genießen können?

Vielleicht brauche ich einfach mehr Zeit. Vielleicht ja eines Tages, wenn wir nicht mehr länger um unser Überleben kämpfen müssen.

Das alles mag sich so anhören, als hätte ich Zweifel an der Sache, doch das ist nicht der Fall. Sie ist es alles wert und noch weit mehr. Ich versuche hier lediglich, herauszufinden, wer diese Person ist, zu der ich heute geworden bin. Hat mein Leben denn sonst überhaupt noch eine Bedeutung? Habe ich überhaupt noch ein anderes Ziel jenseits von Rache? Was mag wohl geschehen, falls wir gewinnen? Wer oder was werde ich dann werden?

Scheiße, was geht mich das überhaupt an? Ich werde doch dann eh keine Rolle mehr spielen in diesem Affentheater. In einem Tag oder vielleicht auch in einem Jahr wirst du diesen Scherbenhaufen von einem Leben übernehmen. Ich lasse ihn dann einfach dich unter den Teppich kehren, auf dem du es dir dann vor einem schönen, prasselnden Kaminfeuer in eurem kleinen Häuschen am Ende der Zeit gemütlich machen kannst.

Für heute schmeckt mir bittersüße Rache erstmal ganz ausgezeichnet.


Mitternacht ist eine halbe Stunde her und Chloe lehnt zähneknirschend über dem Mikrofon des Laptops, als wolle sie es jeden Augenblick abbeißen.

„Ist doch eine ganze simple und einfache Frage: Kannst du ihn morgen Nacht im Auge behalten oder nicht?"

„Und wozu? Damit du und deine Herrin mal wieder überhaupt rein gar nichts machen könnt? Sollte er herausfinden, dass ich hier die ganze Zeit über vorsätzlich falschen Fährten folge, dann wird es mein Arsch sein, der auf dem Spiel steht, ja? Aber warum sollte euch das interessieren?"

Ich wünschte, ich könnte der Stimme ein Gesicht zuordnen, doch der Anruf ist ausschließlich auf Audio beschränkt. Helen Briars schottischer Akzent ist eher subtil und angenehm zuzuhören. Ihr zu lauschen, dürfte mir jedoch weit mehr Freude bereiten, wären ihre Worte nur nicht so sehr erfüllt von Verachtung gegenüber der Frau, die ich liebe.

Chloes Kieferknochen malmen schon beinahe hörbar gegeneinander, nur unter größter Anstrengung behält sie die Flüche, die sich schon auf ihrer Zunge anstauen, aus ihrer Antwort heraus.

„Wir erwarten doch nicht einmal, dass du hier irgendetwas riskierst. Sie wird die ganze Angelegenheit einfach ungeschehen machen, genau wie zuvor auch immer."

Statisches Rauschen und Knistern verschlingt einen Teil von Helens wuterfüllter Entgegnung, die Qualität der Satellitenverbindung ist manchmal etwas ruckelig.

„…lange genug meinen Hals hingehalten für euch zwei unzurechnungsfähigen Gören. Ich kann ihn nicht für ewig so hinhalten, ich bin auch so schon verdächtig genug und wahrscheinlich hat er mich schon längst unter Beobachtung gestellt. Dass ich über eure Spur nach Olympia stillgehalten habe, könnte mich am Ende eine Nichte kosten, sollte er es rausfinden."

„Du bist doch bloß mal wieder paranoid. Der Typ will eine verdammte Zeitreisende einfangen, natürlich sind wir euch immer einen Schritt voraus."

„Es sei denn, ihr steht wieder nur dumm in der Gegend rum und haltet Maulaffen feil, ja? Hat sie dich heute Morgen wieder babysitten müssen, war es das?"

„Meine verfickte Güte, willst du es nicht endlich mal gut sein lassen? Kannst du das nun für uns tun, ja oder nein?"

„Ich soll es also gut sein lassen, sagt sie! Liebend gerne würde ich es einfach gut sein lassen, Schätzchen—es hätte inzwischen eigentlich vorüber sein sollen, doch ihr habt mir nicht mal einen einzigen vernünftigen Grund gegeben! Ich möchte beinahe behaupten, dass ihr mich einfach mal wieder verarscht habt, dass sie überhaupt nicht krank war, wenn es so gewesen sein soll, dann bin ich die gottverdammte Queen von England! Ich sage, sie hat sich verpisst. Ich sage, im Moment der Wahrheit hatte sie einfach nicht den Mumm, hat sich in die Hose gemacht und sich dann schön in die Vergangenheit verpieselt. Sie erteilt mir ja nicht einmal die Ehre einer ordentlichen Entschuldigung, stattdessen muss ich mich mit ihrem Schoßhund begnügen. Wahrlich, wird mich lehren, euch paar Witzfiguren von Kindergartenkindern mein Vertrauen zu schenken."

„Hör zu, du eingebildete, alte Hyäne, du kannst ja glauben, was immer du willst, ich gebe keinen feuchten—"

Ich bringe meine Hand auf Chloes Arm. Sie reißt sich noch einmal zusammen und behält den Rest ihrer farbenfrohen Ausführung für sich.

„Sie haben Recht," sage ich laut, „ich war nicht krank."

Chloe wirft mir einen vielsagenden Blick zu, Wut, bestürzte Sorge und eine drängende Warnung, alles zur selben Zeit.

„Sieh an, sieh an, wen haben wir denn da? Wenn man vom Teufel spricht, da ist sie ja auch schon. Die ganze Zeit über hat sie mitgehört, fast schon hätte ich es ahnen können. Willst du mir jetzt genauso ins Gesicht lügen wie dein nutzloses Schoßhündchen? Oder überspringst du gleich das gewöhnliche Prozedere und kommst direkt zu deinen manipulativen Psycho-Spielereien?"

„Es war alles meine Schuld, Helen. Es tut mir leid, dass wir Sie haben sitzen lassen. Ich würde Ihnen gerne alles erklären, wenn Sie nur gewillt sind mir zuzuhören. Könnten wir vielleicht einfach miteinander reden, ohne dass uns ständig dieser lästige Groll in die Quere kommt?"

„Max, was zum Teufel hast du vor?"

„Ich glaube, wir haben diese Dame als keine uns ebenbürtige Person behandelt, und das würde ich gerne berichtigen, wenn es in Ordnung ist. Miss Briar, um die Wahrheit zu sagen, ich habe niemals zuvor auch nur mit Ihnen gesprochen. Es ist etwas kompliziert, aber—"

„Ich weiß nicht, wovon du da faselst," blafft Helen, „aber es klingt mal wieder nach irgendeiner hanebüchenen Schote, die du mir nur eintrichterst, damit ich tue, was immer du willst."

„Würden Sie mir bitte erstmal zuhören? Es wäre mir wirklich eine aufrichtige Herzensangelegenheit, dass wir Freunde und Verbündete sein könnten."

Chloe verdreht nur die Augen und schüttelt den Kopf. Von Helen kommt lauthals schrilles Gelächter voll verhöhnenden Spottes.

„Potztausend, du bist vielleicht goldig! Dürfte ich eventuell auch gleich vorschlagen, dass du mir beim nächstem Mal dann nicht mit deiner Neun Millimeter beinahe die Schulter auskugelst, ja? Das hat unserer jungen Freundschaft damals einen klitzekleinen Schnitzer verpasst, findest du nicht auch?"

Chloe lehnt sich sofort wieder ans Mikro. „Was ein Haufen Scheißgelaber! Du warst doch davor schon ein Arschloch zu uns, und du hattest jede Absicht für beide Seiten zu spielen!"

„Würdest du deinem ungezogenen Schoßköter endlich einen Maulkorb verpassen? Oder doch besser gleich ganz einschläfern, sie ist wieder mal vollkommen nutzlos."

„Hey, Leute, kommt schon—"

„Fick dich, Helen! Wir erledigen ihn auch ohne dein Zutun, ist mir scheißegal! Na los, lauf doch von mir aus zu deinem Herrn und warne ihn sogar noch, wir zerstampfen jeden noch so ausgeklügelten Hinterhalt, den er uns stellen will, so wie wir es bisher immer gemacht haben!"

„Du meinst, wie sie es immer gemacht hast, du Stück pfandfreies Leergut! Ich sage, wenn du schon bei irgendjemandem von Wert Blutsaugen gehst, dann tu es wenigstens leise und lass die Erwachsenen ihre Arbeit machen, es wird langsam ermüdend sich mit—"

Ich greife nach der Maus und beende den Anruf. Chloes entnervtes Stöhnen ist schon fast ein ausgewachsenes Dröhnen. Sie sieht aus, als könnte sie jeden Augenblick mit bloßer Faust ein Loch durch den Bildschirm schlagen.

Ich lehne mich auf dem Stuhl zurück, betrachte das rote „Anruf beendet" Dialogfenster. „Heilige Scheiße, ich hatte nicht erwartet, dass es so schlimm sein könnte."

„…was zur Hölle, Max?"

„Ich weiß… Tut mir ja leid."

„Und mir erst. Was denn, glaubst du, wir hätten nicht längst versucht, freundlich mit ihr zu sein? Du bist schon stundenlang dagesessen und hast mittels Zeitreise versucht, sie für unsere Sache zu gewinnen. Die Frau ist ein einziger, verfickter Albtraum."

„So viel habe ich schon vom Tagebuch mitbekommen, aber ich konnte es einfach nicht glauben. Warum hasst sie dich so sehr?"

„Keine Ahnung. Weil sie 'ne Schlampe ist? Ich habe schon versucht, nett mit ihr zu sein, sie ist nicht interessiert."

„Bist du dir sicher? Ich meine, ich konnte hören, wie deine Interpretation von Diplomatie klingt…"

„Wow, vielen Dank auch, fick dich ebenfalls. Ich habe es wirklich, aufrichtig versucht. Aus welchem Grund auch immer ist sie der Ansicht, ich sei irgendeine untermenschliche Lebensform, die nur bei dir schmarotzt, und du seist zu jung und naiv, das zu erkennen. An manche Leute kommt man einfach nicht ran. Du kannst sie nur möglichst zurechtstutzen und sie glauben machen, du stündest über ihnen."

„Vertrauen zu errichten, braucht halt eben seine Zeit. Sie mag jetzt noch nicht zuhören, aber wer weiß, wenn wir nur jedes Mal freundlich dran bleiben…"

„Max, ich verstehe genau, wie du dich fühlst, aber hör mir zu: Sie springt nicht auf Freundlichkeit an. Sie wird nur denken, dass du schwach seist und dass es ein Fehler war mit uns gemeinsame Sache zu machen. Und wenn sie denkt, dass du schwach bist, wird sie zu dem Schluss kommen, dass du die Sache nicht durchziehen kannst, und dann wird sie uns hintergehen. Das ist der Grund, warum BetaMax getan hat, was sie getan hat. Die einzige Möglichkeit, sie in Schach zu halten, ist diese ‚Mitleidlose Meuchelmörder' Fassade, die du dir erarbeitet hast—und du hast sie ja gehört, sie beginnt schon ihre Zweifel zu hegen. Du erinnerst dich, sie hatte kaum einen Fliegenschiss auf uns gegeben, bevor sie mit eigenen Augen gesehen hat, wie du gleich zwei trainierte Greiftrupps mit ganzen acht Mitgliedern innerhalb von nicht mal fünfzehn Sekunden erledigt hast."

Ich sehe von Chloe weg und schürze nachdenklich die Lippen. Der Tagebucheintrag über Helen Briar war rammelvoll von tiefster Verbitterung und boshafter Feindseligkeit, wohl kaum eine unvoreingenommene Meinung. Es hatte mir gleich ein schlechtes Gewissen bereitet, fühlte sich an, als hätte mein Vergangenheits-Ich nicht einmal richtig versucht, kein Arsch zu sein.

„Aber so will ich doch überhaupt nicht sein. Wenn wir wirklich diesen Weg einschlagen wollen, dann sollten die Leute mit mir zusammenarbeiten, weil sie es wollen, und nicht weil ich sie dazu in die Ecke gedrängt habe. Wir sollten alle miteinander an einem Strang ziehen und gemeinsam tun was richtig ist."

Sie gibt ein freudloses Glucksen von sich. „Ja, sicher, Recht hast du. Und alle sollten sich immer gegenseitig helfen, Verbrecher sollten sofort aufhören, Verbrecher zu sein, und der Weltfrieden müsste eigentlich auch schon vorgestern eingekehrt sein. Dein Herz ist am rechten Fleck, aber das ändert leider noch lange nicht, wie die Realität funktioniert."

Ich will es nicht so direkt sagen, doch ich habe das Gefühl, diese Miss Briar könnte sich für ein normales Gespräch deutlich empfänglicher zeigen ohne Chloes „enthusiastisches" Zutun. Auch wenn sie Recht hat, wir brauchen Helens Hilfe nicht zwangsläufig für unser Vorhaben. Aber es würde uns die Sache doch erheblich erleichtern, wenn wir zu jeder Zeit über den exakten Aufenthalt Sean Prescotts Bescheid wüssten, während wir dabei sind, seine riesige Privatresidenz auf den Kopf zu stellen.

Ich drücke ihren Unterarm. „Es könnte ja dieses Mal anders sein. Ich muss es zumindest probiert haben."

Sie verdreht wieder die Augen, doch es zeichnet sich bereits ein widerwilliges Lächeln in ihren Mundwinkeln ab. „Natürlich musst du das. Weil du auf alle Zeit ein zu gütiges Herz haben wirst. Ich kann dir nicht böse sein, es ist gut, dass du niemals aufhörst, es zu versuchen." Sie schließt mich mit beiden Armen in eine seltsam anmutende Seitenumarmung. „Unglücklicherweise gibt es ein paar Ausnahmen. Und mein anderes Ich wird dir auch zweifelsohne sofort zur Seite stehen und dir mein ‚Ich hab's dir ja gleich gesagt' übermitteln, sobald du es am Ende einsiehst."

„Ich kann mich wie immer voll und ganz auf dich verlassen. Ich gehe jetzt wieder zurück, in Ordnung?"

„Tu, was du nicht lassen kannst."

Ich küsse sie noch zum Abschied. „Ich riech' dich vorher, Chloe."

„Dummdepp."

Ich konzentriere mich und gehe zurück, vorsichtig darauf achtend, dass ich noch ein Stück vor Beginn des Anrufs anhalte. Chloe startet gerade das Computerprogramm für den Anruf mit Helens Wegwerf-Telefon.

„Hallo, meine Schöne."

Sie schnaubt ein jähes Lachen aus. „Oh je, Süßholzgeraspel. Womit habe ich das verdient?"

„Habe eben die Zeit zurückgedreht. Erste Runde."

„Du hast einen Anruf mit Helen Briar ungeschehen gemacht? Ich bin schockiert jenseits von Gut und Böse. Sie ist doch solch ein liebenswertes Herzchen, warum in aller Welt solltest du etwas derart Wundervolles ungeschehen machen?"

„Ich wollte nur fragen, ob ich diesmal vielleicht alleine mit ihr sprechen könnte."

„Ach komm schon, habe ich ihr wirklich so sehr ans Bein gepisst? Warte, beantworte das lieber nicht." Sie beißt sich auf die Innenseite ihrer Unterlippe. „Ich denke mal, ich könnte mich da raushalten. Aber du hast doch noch niemals zuvor überhaupt mit ihr gesprochen…"

„Doch, habe ich. Gerade eben. Und genau das ist das Problem. Würdest du bitte solange draußen warten?"

„Ernsthaft? Du setzt mich so einfach mitten in der Nacht vor die Tür?"

Ich hebe nur meine Augenbrauen und schmunzle sie leicht an. „Kannst du mir versprechen, dass du unter keinen Umständen anfangen wirst loszuschreien, ganz egal was sie sagt?"

Chloe sieht mich mit leerem Blick an, während sie meine Frage für vielleicht ganze drei Sekunden lang abwägt. Dann steht sie abrupt auf, schnappt sich Feuerzeug und Zigaretten flugs vom Tresen sowie ihren Kapuzenpulli von der Armlehne und stakst schnurstracks in Richtung Ausgang davon. Jede einzelne Bewegung trieft nur so vor resigniertem Unbehagen.

Noch bevor sie den Bus verlässt, befreit sie eine Zigarette aus der Schachtel und hält sie mir gut sichtbar auf Augenhöhe. „Nur zu deiner Information: Die hier rauche ich ausschließlich, um dich damit zu ärgern."

„Ist notiert. Keine Sorge, ich mach's wieder gut."

„Was denn? So bleibt mir ein Gespräch mit dieser Arschgeige erspart, kann mich eigentlich nicht beklagen. Viel Spaß euch zwei!"

Als Chloe nach draußen steigt, dringt für einen Moment lang das tiefe Brummen des Generators herein, ehe sich die Türe hinter ihr schließt und das Geräusch mit ihr erstickt. Wie es aussieht, hält die Photovoltaikanlage auf dem Dach auch nur für so lange nach Sonnenuntergang.

Ich atme noch einmal tief durch, bevor ich die Nummer eingebe und den Anruf starte. Lass uns endlich dieses alberne Dialogrätsel hinter uns bringen.

Genau wie zuvor auch hebt sie nach dem zweiten Läuten ab und sagt dann erstmal gar nichts.

„Hier ist Max Caulfield. Ist es sicher, mit Ihnen zu reden?"

„Ich hätte nicht angenommen, wenn es das nicht wäre, ‚Max Caulfield'. Bitte, seien Sie mir versichert, Ihre persönliche Aufmerksamkeit ehrt mich zutiefst, ‚Max Caulfield'. Die Auseinandersetzung mit Ihrer heißgeliebten Kakerlake heute Morgen ist mir leider gar nicht gut bekommen, ‚Max Caulfield'."

„Also schön. Hör zu, ich weiß, dass… du verärgert bist. Und es war auch vollkommen meine Schuld, in Ordnung? Wir hatten einen Rückschlag und mussten entsprechend umplanen. Es tut mir leid."

„Deine scheinheilige Ausrede ist mir doch schnurzpiepegal! Es hätte inzwischen eigentlich vorbei sein sollen, aber nein, stattdessen sitze ich noch immer hier, eingeklemmt zwischen einem wahnsinnigen Tyrannen und einem törichten Weibsstück, das noch nicht mal ihren Teil einer Abmachung einhalten kann!"

„Ich weiß, Helen, bitte. Ich würde wirklich gerne nur ein paar Angelegenheit ausdiskutieren. Könnten wir dabei bitte zivilisiert miteinander umgehen?"

„Ja freilich doch! Lass uns über unsere Gefühle reden, das ist sicher genau, was wir jetzt alle brauchen, ja? Nur zu also, vergeude meine Zeit noch etwas länger."

„Heilige Scheiße, musst du wirklich immer gleich so herablassend sein?"

„Oh, ich bitte vielmals um Verzeihung, habe ich etwa deine Gefühle verletzt? Muss die arme, kleine Heulsuse jetzt gleich anfangen zu flennen? Vielleicht solltest du lieber zurücklaufen zu deinem nutzlosen Schoßköter—"

Oh nein. Nein, wieder zurück. Nicht die Fassung verlieren, Max. Greife ja niemals auf Schimpfworte zurück, das gehört sich nicht und es macht sie bloß wütend.

„…Nur zu also, vergeude meine Zeit noch etwas länger."

„Ermüdet dich diese Dynamik zwischen uns nicht auch allmählich? Ich würde liebend gerne mit dir zusammenarbeiten, ohne dass uns ständig dieser lästige Groll in die Quere kommt. Sag mir, was ich tun kann, um das zu erreichen, und ich will es tun. Ich meine es wirklich aufrichtig. Es würde mir viel bedeuten, wenn wir in Zukunft Freunde sein könnten."

Ihr Tonfall wird gezielt verletzend. „Freilich, ganz schlicht und ergreifend, wie wäre es, wenn du zu unserem allerersten Treffen zurückgehst und mir nicht mit deiner Neun Millimeter beinahe die Schulter auskugelst! Das hat unserer jungen Freundschaft damals einen klitzekleinen Schnitzer verpasst, das hat es nämlich!"

Also gut. Es ist wirklich an der Zeit, dass sie die Wahrheit erfährt. Es geht hier schließlich um Vertrauensbildung.

„Das ist sogar ein Punkt, worüber ich mit dir sprechen wollte. Ich bin nicht dieselbe Person, die dich damals bedroht hat. Lass es mich bitte erklären."

„Ich weiß nicht, wovon du da faselst, aber es klingt mal wieder nach irgendeiner hanebüchenen Schote, die du mir nur eintrichterst, damit ich tue, was immer du willst."

„Ich erzähle nur die Wahrheit. Ich kann die Zeit zurückdrehen, ja, aber ich kann genauso durch Fotos in die Vergangenheit springen. Ich kann mich auf den jeweiligen Augenblick des Fotos konzentrieren und lande dann für einen begrenzten Zeitraum in ebendiesem Augenblick. Wenn ich dort dann etwas verändere, entsteht eine brandneue Realität. Und genau das habe ich heute Vormittag getan. Ich bin fünf Monate in die Vergangenheit gesprungen und habe diese Zeitlinie erschaffen, und erst jetzt lerne ich, was überhaupt im letzten halben Jahr so alles passiert ist. Kannst du mir soweit folgen?"

„Das klingt mir zwar alles nach Geschwafel, aber lass einfach stecken."

„Na ja… unterm Strich läuft es darauf hinaus, ich habe buchstäblich jetzt gerade eben zum allererstem Mal überhaupt mit dir gesprochen. Ich hege dir gegenüber keinerlei Feindseligkeit oder Groll, wie es bisher noch der Fall gewesen sein mag. Um genau zu sein… ich stehe hier gerade ein wenig auf verlorenem Posten, das hier ist alles noch so neu für mich und ich versuche noch verzweifelt, mich an diese neuen Umstände anzupassen. Ich könnte wirklich eine Freundin gebrauchen, die so sachkundig und erfahren ist wie du. Ich würde gerne über diese ganze Prescott-Angelegenheit hinaus mit dir zusammenarbeiten."

Von der anderen Seite erklingt erstmal nur Stille. Ich hatte zwar nicht direkt vorgehabt, ganz so offenherzig oder arschkriecherisch mit ihr zu sein, aber ich habe ein gutes Gefühl bei der Sache. Es muss herzliches Mitgefühl oder freundliche Güte in dieser Frau geben, auch wenn sie ganz tief in ihr drin unter einer harten Schale versteckt sein mögen. Ich bin guter Hoffnung, dass ich sie auf die ein oder andere Weise erreichen kann.

„Bist du eigentlich total verblödet?", fragt sie schließlich.

„Ich schwöre dir, es ist alles die Wahrheit! Ich weiß, es ist erstmal nur schwer zu fassen, ich selbst hatte schon so meine Problemchen damit…"

„Nein, was ich frage ist, warum in Gottesnamen würdest du mir das verraten!"

„Ich meine es als Bekundung meines Vertrauens in dich, Helen. Ich will dich wissen lassen, dass—"

Vertrauen? Du vermaledeiter, hirnamputierter Hanswurst, du hast doch keine Ahnung, wovon du da redest! Ich stehe hier kurz vor der Kompromittierung und dir fällt nichts besseres ein, als all deine Zeitreise-Geheimnisse herauszuposaunen? Glaubst du allen Ernstes, ich werde auch nur versuchen, meine Goschen zu halten, falls ich erwischt werde? Jeder verdammte Vollidiot wüsste, je weniger ich von dir weiß, desto besser!"

„Äh…"

„Soll mir das etwa Mut zusprechen? Zu wissen, dass du seit heute ein weichgekochter Schlappschwanz bist ohne jeglichen gesunden Menschenverstand? Freilich, sicher fühle ich mich da gleich viel wohler, dass du statt blind, jetzt auch noch geradezu strunzdumm geworden bist!"

Tja. Kacke.

Der allerschlimmste Teil ist, dass sie tatsächlich einen Punkt hat damit. Also besser nochmal Retour und mit neuer Bravour...

Gut möglich, dass ich das heute Nacht noch so oft machen werde, dass ich irgendwann schon gesprochene Sprache rückwärts verstehe.

„…zurückgehst und mir nicht gleich mit deiner Neun Millimeter beinahe die Schulter auskugelst! Das hat unserer jungen Freundschaft damals einen klitzekleinen Schnitzer verpasst, das hat es nämlich!"

Ihr alles zu erklären, ist sowieso viel zu kompliziert. Vielleicht sollte ich besser einfach so dem Laufe des Gesprächs folgen, wie es sich ergibt.

„Ich wollte das doch auch gar nicht tun, aber du hattest uns verraten, Helen. Versuch dich doch mal in meine Lage zu versetzen, ich musste etwas Drastisches tun, um dich zu überzeugen. Ist es inzwischen nicht offensichtlich, dass ich dir nichts Übles will?"

„Was offensichtlich ist, ist, dass du mir diese hanebüchene Schote nur wieder eintrichterst, damit ich tue, was immer du willst!"

Auweia, sie liebt diesen Spruch, was? „Ich schwöre dir, dass ich es ehrlich meine. Komm schon, du hast meine aufrichtige Entschuldigung und du hast mein Vertrauen. Wir können einander doch auch helfen ohne all die Drohungen und Beleidigungen."

„Klar, sicher doch." Sie pausiert eine Sekunde. „Du musst mich ja für völlig Banane halten."

„Oh mein Gott, ich will hier doch nur Wiedergutmachung leisten!"

Nein, halt, nicht die Stimme erheben. Nimm das wieder zurück.

„…für völlig Banane halten."

„Alles, was ich hier will, ist, Wiedergutmachung zu leisten, ist das so schwer zu glauben? Warum bist du mir gegenüber nur so argwöhnisch? Wir stehen doch auf derselben Seite."

Sie gibt ein bitteres, zutiefst verächtliches Lachen von sich. „Nicht einmal ansatzweise, Prinzesschen. Genau hier liegt auch dein Problem, nicht wahr? Du glaubst deinem eigenen, dümmlichen Gewäsch auch noch. Niemals zuvor habe ich jemanden gesehen mit einer derart dämlichen Selbstverblendungsgabe. Du bist wirklich eine gar köstlich extravagante Eigentümlichkeit."

„Was zum Teufel redest du da eig—"

Bleib ruhig. Atme tief durch. Lass sie dir nicht unter die Haut gehen."

„…dämlichen Selbstverblendungsgabe. Du bist wirklich eine gar köstlich extravagante Eigentümlichkeit."

„Was meinst du? Ob du es glaubst oder nicht, ich bin gewillt, dir zuzuhören."

„Aber sicher bist du das. Du behauptest zwar, wir stünden auf der derselben Seite, aber das ist nicht wahr. Ich könnte deine Freundin sein, klar… solange bis ich es dann plötzlich doch nicht mehr bin. Du würdest doch keine Sekunde lang zögern, mich oder sonst irgendeinen dahergelaufenen Tölpel vor den Zug zu schmeißen, wenn es bedeutete, dass du so deine eigene Haut retten könntest—oder ganz besonders die deiner ach so geliebten parasitären Lebensform, die du da mit dir herumschleppst. Na los, sag mir schon, dass das nicht die Wahrheit sei, wir wissen es doch beide besser, nicht wahr?"

„Würdest du bitte aufhören, so über Chloe zu reden?"

„Warum? Wirst du mich „aus dieser Existenz radieren", wenn ich es nicht tue? Glaub mir, sie zieht dich bloß runter, direkt in die miefige Kanalisation, aus der sie stammt, genau wie meine Schwester unter ihrem nutzlosen Ehemann leidet. Du wärst hundert Mal besser bedient, wenn—"

„Du hast doch überhaupt keine Ahnung, wovon du da redest, Chloe macht mich zur mit Abstand besten Person, die ich jemals sein könnte. Lass sie aus der Sache raus."

Sie spricht ganz einfach unverhohlen über meine Worte hinweg weiter. Ich kann die Unhöflichkeiten ertragen, ich kann die Beschimpfungen ertragen, aber wenn sie anfängt Chloe niederzumachen, versetzt es mich einfach nur noch in Rage. Am besten vermeide ich sie von vorneherein als Gesprächsthema.

Lass mich nochmal etwas früher ansetzen, das hier könnte noch zu retten sein.

„…dass das nicht die Wahrheit sei, wir wissen es doch beide besser, nicht wahr?"

„Oh, ich bitte dich, Helen—als ob du nicht dasselbe tun würdest für deine Schwester. Dass wir einige persönliche Prioritäten haben, heißt doch noch lange nicht, dass wir nicht zusammenarbeiten können, um für das Wohl aller zu sorgen."

„Ach? Aber das war doch auch präzise, was wir getan hatten. Bis zu dem Zeitpunkt, da du gestern fatalerweise verpennt hast, auch nur einen Finger zu rühren, und stattdessen gar nichts getan hast! Und nun kommst du mir damit angekrochen? Willst du diesem Wahnsinnigen etwa auch eine rosige Freundschaft vorschlagen? War wohl doch nur ein unglückliches Missverständnis und jetzt ist wieder alles Friede, Freude, Eierkuchen, ja?"

„Ich werde Sean Prescott beseitigen. Daran hat sich nichts geändert."

„Bist du dir da sicher? Ich hatte ja schon eine Weile lang so meine Zweifel. Ich sage, du hast Muffensausen bekommen und es dann nicht hingekriegt. Ich sage, du hast dich in die Vergangenheit verpieselt und gibst jetzt nur faule Ausreden von dir. Ich möchte beinahe behaupten, du bist regelrecht verweichlicht und nutzlos und es war ein Fehler, sich überhaupt erst mit dir abzugeben, so bodenlos verzweifelt war ich!"

„Wow, vielleicht solltest du's dir einfach selber machen, wenn es so verdammt einfach ist."

Eine kurze Pause entsteht. Ich stelle mir ein wahrscheinlich weit fehlgeleitetes Bild von dieser Frau vor, wie sie sich gerade den Hörer vom Kopf fernhält und diesen verächtlich anstarrt.

Dann ist ein Klicken zu hören und der Anruf ist beendet.

„Ach komm schon, fick dich doch, du…"

Ich weiß nicht einmal, wie weit ich von hier aus zurückgehen sollte. Keine Ahnung, wo genau der Gesprächsverlauf diesmal entgleist ist. Es scheint, als sei die Konversation von Anfang an auf der falschen Schiene gefahren.

Tja… es hatte ja auch niemand behauptet, dass es einfach sein würde. Am besten einfach noch mal ganz von vorne. Auf, noch ein Stück zurück für neues Glück… und nach Möglichkeit in dieser Runde auch etwas mehr Geduld, Max. Es muss einen Weg hierfür geben, es gibt immer einen Weg…

Genau wie zuvor auch hebt sie nach dem zweiten Läuten ab und sagt dann erstmal gar nichts. Also schön, vielleicht doch etwas seriöser diesmal.

„Hier ist Max Caulfield. Wir müssen reden."

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„Oh mein Gott, zum letzten Mal, hör endlich auf, so über Chloe herzuziehen, du hast sogar selbst gesehen, wie sie mir das Leben gerettet hat!"

„Aber natürlich hat sie das getan, immerhin weiß sie ganz genau, dass sie nichts wert ist ohne dich! Ich muss mir schon auf die Zunge beißen mit diesem Taugenichts von einem Ehemann meiner Schwester, aber soweit kommt es noch, dass ich mich auch noch für deine ach so geliebte Kakerlake zusammenreiße. Lass dir von der alten Helen einen freundschaftlich gemeinten Rat geben und tu uns beiden einen Gefallen, indem du dich ihres wertlosen Kadavers entledigst. Ich verspreche dir, ich werde im Gegenzug auch gleich ganz warmherzig und liebreizend sein, ja?"

„Du projizierst auf sie doch nur was auch immer du da für eine kranke Vorgeschichte mit dir herumschleppst. Sie ist in keinster Weise, wie du es andauernd hinstellst, was Chloe und ich gemeinsam haben ist weit jenseits von allem—"

Ihr bellend despektierliches Gelächter übertönt den Rest meiner Worte. „Potztausend, du bist vielleicht goldig! 'S muss wahrhaft'ge Liebe sein, in der Tat, wie konnte ich nur so blind sein? Du bist gerade mal, was, achtzehn Jahre alt und doch hast du für alle Zeiten die Liebe deines Lebens gefunden, aber natürlich! Es wäre bestimmt gar lieblichst, zu hören, was du heute in zehn Jahren über sie zu berichten hast—falls ihr bis dahin überhaupt noch unter den Lebenden weilt, versteht sich."

„Du bist doch nichts weiter als eine verbitterte, alte Bissgurke, habe ich Recht?"

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„Nein, alles, was ich sage, ist, dass wir beide gewisse Mühen auf uns nehmen, um für das Wohl unserer Liebsten zu sorgen. Das ist etwas, was wir gemeinsam haben."

„Freilich. Nur dass meine kleine Schwester ein gutmütiges und produktives Mitglied unserer Gesellschaft ist und niemals einer Fliege ein Leid zufügt, während dein geliebter Parasit nichts weiter ist als eine wertlose Versagerin, die noch nie auch nur einen Finger krumm gemacht hat, mit Ausnahme von dem, mit dem sie ach so begierig war, mir eine Kugel ins Bein zu jagen."

„Ernsthaft? Das ist der Grund, warum du sie so sehr hasst? Du hattest uns doch gebeten, dass wir das tun, und sie hatte sich nur freiwillig dazu bereiterklärt, um mich zu verschonen. Du kannst doch nicht allen Ernstes glauben, dass ihr das auch noch gefallen hätte."

„Ich hasse sie doch auch gar nicht, sie ist es nicht einmal wert, gehasst zu werden. Sie ist nichts weiter als eine verlorene Seele, die sich an ihrem Retter festklammert wie eine Schlinge um deinen Hals. Ich kenne ihre Art gut, sie trägt keinerlei Bedeutung in sich und wird so lange von der deinen zehren, bis nichts mehr davon übrig ist."

Ich beiße die Zähne zusammen, behalte die instinktiv animalische Antwort auf meiner Zunge zurück. Das hier könnte fast schon als Konversation durchgehen. Vielleicht ergibt sich mir noch die ein oder andere nützliche Information, wenn ich sie nur bis ans Ende verfolge.

„Das ist aber doch gar nicht der Fall mit uns. Es klingt mir fast so, als hättest du selbst schon einige schwierige Beziehungen hinter dir, Helen."

„Das mag ja sein, aber es lässt meine Worte nicht weniger wahrheitsgemäß werden. Ich gebe ja zu, du erinnerst mich schon etwas an meine eigene Schwester, eingesperrt mit einem Blutsauger, der sie ausnimmt in ihrer gottverlassenen Ehe, und sich ihrer eigenen hoffnungslosen Lage nicht einmal bewusst. Wenigsten meine Neffen schlagen nach ihrer Mutter. Sie hat sogar die gleichen blauen Augen wie du. Ist ein richtiger Hingucker mein Schwesterherz."

„Seht ihr euch öfter, du und sie? Sie steckt hoffentlich nicht in einem… Kerker oder so, richtig?"

„Sie weiß nichts von der Zwickmühle, in der ich mich befinde, und ich werde auch dafür sorgen, dass das so bleibt. Sie lebt zum Glück noch daheim in Glasgow. Wir telefonieren gelegentlich, nicht dass es dich etwas anginge."

„Ist schon gut, ich kann dich verstehen. Ich weiß selbst das ein oder andere darüber, was es heißt, den Menschen, den wir am meisten lieben, zu schützen."

„Das weißt du wohl wirklich, nicht wahr? Sag mir, Liebes, da wir uns hier schon gegenseitig unsere kleinen Herzchen ausschütten, es fühlt sich beinahe so an, als wüsstest du zu jedem Zeitpunkt zu den exakt richtigen Worten zu greifen, um überhaupt erst so weit zu kommen. Ist das nicht etwas kurios, Maxinchen?"

„Was? Ich dachte, wir würden uns hier nur… unterhalten."

„Sind das die magischen Worte, Maxinchen? Das kannst du doch bestimmt noch besser. Eventuell solltest du deinen Vortrag hier und da nochmals überarbeiten?"

„Ach, komm schon, ich versuche doch bloß, möglichst mit dir zusammen zu arbeiten. Warum musst du so sein?"

„Ich sollte dir jetzt alles von meiner lieben Schwester und meinem langweiligen Leben verraten, richtig? Ich sollte dir meine Seele offenlegen, um dann festzustellen, dass wir ja so gute Freunde sein könnten, wir zwei beide, ja?"

„Ich wünschte wirklich aufrichtig, das wäre der Fall."

„Tja, und ich wünschte wirklich aufrichtig, dass du dich schleunigst wieder aus meinen Privatangelegenheiten verpissen würdest! Du und deine behämmerten und manipulativen Zeitreise-Psycho-Spielereien! Ich habe hier eine wunderbare Enthüllung für dich, das wird dich sicherlich brennend interessieren: Die Hälfte von all dem, was ich dir bisher gesagt habe, ist nicht einmal wahr. Los doch, versuch von mir aus irgendetwas davon gegen mich einzusetzen, sobald du wieder zurückgegangen bist, es wird mir ein Vergnügen bereiten, deine perfiden Machenschaften in Fetzen zu reißen."

Mein Lachen ist kurz und bitter. „Welch ein witziger Zufall. Ist ja nicht so, als hätte ich schon längst seitenweise Notizen über dich, auf denen steht, was wahr ist und was nicht."

Ein knappes Schnauben ist von der anderen Seite zu hören. „Tja, Mädel, ich glaube, du hast soeben meinen Standpunkt nur noch weiter elaboriert."

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„Du legst mir andauernd nur Worte in den Mund, das ist doch überhaupt gar nicht, was ich damit meinte."

„Es ist nicht, was ich denken soll, dass du es meinst, willst du wohl sagen! Glaubst du wirklich, ich sei so strunzdumm und durchschaue nicht, was du hier gerade vorhast? Bohrst und grabschst nach jedem winzigen Krumen an Information, den du in deine schmierigen und hinterhältigen Fingerchen kriegen kannst!"

„Ich versuche doch nur, dich besser kennenzulernen, wie hinterhältig kann das schon sein?"

„Nichts von dem, was du sagst, ist aufrichtig, Caulfield. Es ist der Fluch deiner Existenz. Nur mal ein Paradebeispiel: Wie oft bin ich dir schon alleine am heutigen Abend auf die Schliche gekommen und habe dir genau das vorgeworfen?"

„Ich habe doch inzwischen schon längst den Überblick darüber verloren."

„Na, das bezweifle ich zutiefst, Schätzchen, du behältst doch den Überblick über praktisch alles, was ich sage. Und genau hier liegt auch dein Problem, nicht wahr? Wahrheit oder Lüge, ist doch eh alles Wurst. Ich könnte niemals auch nur einem Wort, das aus deinem Mund kommt, trauen, da ich mir sehr wohl im Klaren darüber bin, dass ich hier sowieso nur manipuliert werde. Ich weiß zwar, dass du sie im Überfluss haben musst, aber das ist noch lange kein Grund, deine Zeit hierfür so sehr zu verschwenden."

„Weißt du was? Du hast Recht, du bist wirklich nichts weiter als eine massive Zeitverschwendung."

Mitternacht ist eine halbe Stunde her und ich lehne zähneknirschend über dem Mikrofon des Laptops, als wolle ich es jeden Augenblick abbeißen.

Ich beginne sofort zu reden, als sie den Anruf entgegennimmt. „Ich bin's. Wir hatten einen Rückschlag und mussten den Plan ändern. Du musst Prescott für mich im Auge behalten, morgen Nacht, neun Uhr abends bis zwei Uhr morgens. Verstanden?"

„Oh, na wenn das mal nicht unser hochwohlgeborenes Prinzesschen höchstpersönlich ist. Stellt hier einfach so Forderungen, ohne vorher auch nur einen einzigen bescheidenen Grund zu nennen, warum—"

„Ich hatte den absolut beschissensten Tag und jetzt echt keinen Nerv mehr für dich oder deinem bescheuerten Scheiß. Wir hatten einen Rückschlag, das ist alles, was du wissen musst. Ob du damit klarkommst oder nicht—mir doch scheißegal, nicht mein Problem. Solange dir noch nicht auf wundersame Weise selbst ein Geistesblitz gekommen ist, wie du dieses Arschloch umbringen kannst, ohne dass deine bescheuerte Schwester dabei genauso draufgeht, wirst du gefälligst tun, was wir dir sagen, und mir nicht länger mit deiner verfickten Einstellung auf Gott und die Welt auf die Nerven gehen. Oder haben wir zwei beide da ein Problem?"

Eine Weile lang nur Stille.

„Was hast du jetzt wieder vor?"

„Du brauchst gar nicht erst von unserem Plan zu erfahren. Je weniger du weißt, was wir vorhaben und wie wir es vorhaben, desto besser. Halte dich einfach an dein verdammtes Protokoll und überliefere es uns auf demselben Weg wie immer. Du weißt, wie das Ganze zu laufen hat. Tu einfach, was ich dir sage, und dein kleines Prescott Problemchen wird früher vorbei sein, als du es dir vorstellen kannst. Und lass dich bloß nicht auch noch erwischen, wie du ihn bespitzelst. Ich will keine unnütze Zeitreise verschwenden, um deinen Arsch aus der Patsche zu ziehen. Mach mich nicht auch noch bereuen, dass ich dein Leben verschont habe."

Noch mehr Stille, gefolgt von einer knapp angebundenen Antwort: „Achter bis neunter März, neun Uhr abends bis zwei Uhr morgens. Verstanden."

Ich lege auf und atme erstmal tief durch. Ich fühle mich widerlich. Fast so als hätte ich meine eigene Mutter gerade dazu herumkommandiert, meine Wäsche zu machen und mein Zimmer aufzuräumen.

Meine überaus geistesgestörte und schrecklich tyrannische Mutter.

„Chloe wird ja mal wieder sowas von selbstzufrieden sein deswegen."

Höchste Zeit, dass ich nach draußen gehe und mich bei ihr entschuldige. Sie hatte wie immer Recht. Wenn es einen Weg ins Herz dieser Frau gibt, dann konnte ich ihn heute nicht finden.

Man kann sie nun mal nicht alle für sich gewinnen. Vielleicht ja ein andermal…


Ich weigerte mich exakt ein einziges Mal, die Zeit zurückzudrehen.

Seine Schergen hatten eine ferngesteuerte Videoverbindung zu Chloes Zelle eingerichtet. Sie schlitzten ihr vor laufender Kamera die Kehle durch ohne auch nur ein einziges Wort der Drohung oder Vorwarnung. Der Anblick ihres Blutes, das sich in Strömen über ihren Körper ergießt und auf dem Fußboden verteilt, wird mich verfolgen wird bis zum allerletzten meiner Tage.

„Ich fürchte, nun gibt es nur einen Weg, dies rückgängig zu machen," waren seine Worte.

Ich hatte meine Lektion gelernt. Ich sagte danach kein weiteres Mal nein.

Was immer du tust, Max, was immer passieren mag… lass sie dich niemals lebend erwischen.


Ich war am Ende jenseits von Gut und Böse, bevor ich mich hingelegt habe. Doch nun, da ich hier liege, starre ich rastlos vor mir in die Halbdunkelheit auf meiner Seite des Bettes. Hellwach. Diese permanenten Albträume gehen mir nur noch auf den Geist. Sie sind nur noch schlimmer geworden, seitdem ich hier aufgetaucht bin. Eigentlich geht mir Jefferson inzwischen völlig am Arsch vorbei, aber dennoch beschleicht er mich immer und immer wieder in meinem Schlaf wie eine lästige Stechmücke, die pausenlos um mich herumschwirrt und die ich selbst ums Verrecken nicht in die Finger kriege. Und dabei vermengt er sich ständig mit irgendwelchen bekloppten Befürchtungen und verrückten Vorahnungen einer zweifelhaften Zukunft, zu welcher es hoffentlich niemals kommen wird, oder auch den entsetzlichen Erinnerungen einer eigentlich längst vergessenen Vergangenheit, die ich niemals erlebt habe. Es ist eine erschreckend scheußliche Mixtur, die ich nicht noch einmal schlucken will, und daher bleiben meine Augen bis auf weiteres geöffnet.

Morgen kehren wir zurück nach Arcadia Bay. Eine siebenstündige Fahrt, um zehn geht es los. Ich werde die Zeit noch einmal zurückdrehen, bevor wir aufbrechen, gerade so, dass ich müde genug bin, um einen Großteil der Fahrt wegzupennen, da ich zur Abenddämmerung zumindest halbwegs wach und möglichst frisch sein sollte. Chloe wird sich irgendwann zwischendrin mal ein Nickerchen gönnen.

Sie liegt direkt neben mir, wir haben endlich eine gemeinsame Schlafenszeit erreicht. Wir sind nicht aneinander gekuschelt, aber unsere Beine berühren sich. Zwar ist sie noch nicht ganz eingeschlafen, doch es fühlt sich schon so an, als wäre sie bald soweit.

„Max."

Ihr Flüstern ist keine vorsichtige Anfrage. Sie muss wissen, dass ich wach bin.

„Hm?"

„Erzähl mir von meiner Beerdigung."

Ich blicke über meine Schulter zu ihr zurück, kann ihren Umriss in der Dunkelheit nur erahnen. „Was?"

„Ich muss schon die ganze Zeit darüber nachdenken, seitdem du es erwähnt hast. Macht es dir was aus?"

„Das ist doch so makaber, Chloe."

„Na und?"

„Warum willst du das wissen?"

„Ich weiß auch nicht, ich denke mir nur dauernd… wie viele Menschen kriegen schon von ihrer eigenen Beerdigung zu hören. Wärst du nicht auch neugierig, wenn du ich wärst?"

Ich antworte nicht. Ich habe diese Erinnerungen eigentlich immer gemieden so gut es ging. Sie gehören in eine Realität, die nicht länger existiert. Eine, die ich vernichtet habe. Vielleicht kann ich irgendwann eines Tages mit nur ausreichend Selbstverblendung einfach vergessen, wie ich meine Hände in den Schoß legte, während für mich Chloe starb.

Ihre Hand berührt meinen Arm. „Ist schon in Ordnung, du musst nicht. Ich verstehe schon."

Ich verharre in Stille, noch gut eine weitere Minute.

„Pfarrer Matthews sieht noch immer genauso aus wie Larry David," beginne ich schließlich.

Chloe gluckst leise hinter mir. Sie schummelt ihren Arm unter mich und schmiegt sich an meinen Rücken, sodass ich vollständig eingehüllt bin in ihren Armen. Sie fährt echt voll drauf ab, das große Löffelchen zu sein.

„Muss ja mal wieder ein arschlangatmiger Monolog gewesen sein," murmelt sie gegen meinen Hinterkopf, „er wollte schier nicht dir Klappe halten bei meinem Dad. Oder… zumindest hatte es sich damals so angefühlt für mich. Oh, Kacke, haben sie mich etwa neben ihm beerdigt?"

„Mh-hm… Haben sie."

„Leck mich fett, ist das alles bekloppt." Sie presst ihr Gesicht gegen meinen Nacken, ihre Wange streift meinen Hals an der Seite. „Erzähl mir mehr. Wer war sonst noch alles dabei?"

„David und Joyce natürlich…"

Ich gebe mein Bestes, all die Gesichter und Namen wachzurufen in meinem Kopf. Geister meiner Vergangenheit. Ich mag durchaus ein wenig verstört und realitätsfremd gewesen sein, damals.

„Alle, die du aus Blackwell gekannt hast, waren mit dabei, und auch ein paar meiner eigenen Freunde. Der Schulleiter, Warren, Kate, Dana, Trevor und Justin… sogar Victoria."

„Im Ernst? Was zur Hölle. Die Alte war immer so eine Zicke zu Rachel, wir konnten diese Schlampe nie ausstehen."

„Sie war eigentlich ziemlich nett zu mir im Anschluss. Sie ist mich sogar am Tag danach besuchen gekommen, es schien mir nicht mal das erste Mal gewesen zu sein, ihrem Verhalten nach zu urteilen. Ich glaube, sie hatte mit meiner planlosen Version von BetaMax gesprochen, bevor ich wieder übernommen habe. Ich hab' sie irgendwie… ich habe sie ganz schön fies angefahren. Sie wirkte richtig verwirrt und gekränkt danach, aber ich war einfach nur so wütend auf alles und jeden…"

„Gut so. AlphaMax ist beste Max." Sie schmust ihre Wange extra liebesbedürftig gegen meine Seite.

„Nein, sag sowas nicht. Sie hatte es damals nicht verdient, sie war selbst genauso schwer getroffen wegen Nathan und wollte tatsächlich nichts weiter als ein ganz normaler Mensch zu mir sein. Wenn man nur mal bedenkt, wie viel Energie wir zuvor immer in unseren kleinlichen Zickenkrieg gesteckt haben… wer weiß, vielleicht hätte das zwischen uns sogar richtig gut funktionieren können, wenn ich ihr nur von vorneherein eine Chance gegeben hätte."

Ich kann spüren, wie Chloe hinter wir mit den Achseln zuckt. „Sie war deiner nicht würdig. Die Schlampe hat bekommen, was schon lange auf sie zukam."

„Ha. Wir schienen jedenfalls echt gut miteinander ausgekommen zu sein in der alternativen Zeitlinie. Ich… habe dir doch bestimmt schon davon erzählt, oder?"

„'Türlich. Max im Wunderland, alles total abgedreht. Grund Nummer eins, warum wir nicht mit Fotosprüngen rumpfuschen, außer uns bleibt keine andere Wahl." Sie atmet tief durch, inhaliert meinen Duft, als würde sie davon berauscht. Sie ist verrückt danach, mich zu riechen, wie mir aufgefallen ist. Es ist irgendwie komisch, aber es macht mir nichts aus. Es gibt mir das Gefühl, ich wäre… begehrt.

„Du hast deine Eltern gar nicht erwähnt," stellt sie fest, „waren sie nicht mit von der Partie?"

„Nein. Ihr Flug wurde gestrichen und sie mussten das Auto nehmen. Sie haben es nicht bis zur Trauerfeier geschafft."

„Mmh… Schade."

„Es war vielleicht sogar besser so. Sie wären mir bloß auf die Nerven gegangen. Ich wollte sie wieder loshaben in dem Moment, als sie angekommen waren, ich hielt einfach jeden von mir fern, der mit mir reden wollte. Alle außer… außer Joyce. Sie…"

Ich belehre mich eines Besseren und halte meine Klappe. Joyce ist wahrscheinlich das letzte, wovon Chloe jetzt hören will.

„Erzähl mir von ihr."

Ich brauche einen Moment, ehe ich antworte. „Bist du sicher?"

Sie nickt im Stillen. Ihr Kinn stupst mich wiederholt in den Nacken.

„Sie… sie war am Boden zerstört, Chloe. Mitzuerleben, wie sie ohne Ende weint und innerlich zerbricht… es hat sich angefühlt wie eine Bestrafung des Himmels. Sie war die eine und einzige Person, mit der ich noch sprechen wollte, ich wollte, dass sie dein wahres Selbst kennt, so wie ich dich gekannt habe, doch ich war auch diejenige, die ihre Tochter hat sterben lassen. Ich konnte ihr niemals wieder in die Augen blicken."

Sie küsst meinen Hinterkopf. Sie erwidert nichts und das muss sie auch gar nicht.

„Es hat mich langsam von innen heraus zerfressen. Du hattest dieses Opfer gebracht und wofür? Damit deine Mom so sehr darunter leiden muss? Das letzte, was ich noch von David gehört hatte, war… dass es ihr nicht wirklich besser ging. Sie hatte sich noch immer nicht erholt. Sie hat sich selbst die Schuld für alles gegeben und ihn hat sie genauso beschuldigt. Ich… ich weiß nicht, ob sie jemals darüber hinweggekommen wäre."

„Ich glaube, das wäre sie." Obwohl klamm vor Tränen, ist ihr Flüstern voll aufrichtiger Überzeugung. „Meine Mom war zäh wie Schuhleder. Sie hätte es irgendwann geschafft, das weiß ich."

„Du noch vor allen anderen, Chloe. Alles, was ich weiß, ist… ich konnte es nicht."

„Du bist was Anderes. Was wir zusammen haben ist was Anderes. Es überschreitet alles, was ich mit Worten beschreiben könnte."

Unsere Finger verfangen sich ineinander, als hätten sie ihren eigenen Willen. Ich presse ihre Hand gegen meine Brust. „Es hat mich in den Wahnsinn getrieben, wie die Leute über dich gesprochen haben. Als wärst du dieses bemitleidenswerte Mädchen, bei dem etwas schiefgelaufen sei. ‚Ein verstörtes Kind'… das war das schlimmste. Niemand hatte eine Ahnung, was du für sie getan hattest. Wer du wirklich warst."

Sie gluckst nur und schnieft einmal. „Zu ihrer Verteidigung, ich hab' schon ziemlichen Mist gebaut manchmal."

„Das Leben hatte es einfach scheiße mit dir gemeint! Dein Dad, Rachel, ein liebloses Zuhause und dann ich, das egoistische, dumme Arschloch, das dich einfach so mit allem allein gelassen hat. Du hast dich noch relativ gut gehalten, alles in allem."

„Versuch nicht mich zu entschuldigen, Max. Ich hatte Gründe, mich so aufzuführen, aber nicht für ganze fünf gottverdammte Jahre. Ich hätte der Erinnerung an meinen Dad zuliebe etwas aus mir machen können, doch stattdessen habe ich einfach auf alles geschissen, woran er mein ganzes Leben für mich gearbeitet hatte. Ein auf alles und jeden wütender Volltrottel, klassische ‚nach mir die Sintflut'-Mentalität: das ist, wer ich war, und dazu stehe ich heute."

„Siehst du?" Ich bringe ihre Finger an meine Lippen und küssen sie. „Du bist so bewundernswert und großartig und stark und niemand konnte dich so gesehen. Niemand durfte dich so sehen. Es hat mich innerlich Stück für Stück umgebracht bis…"

„Hey, ich kann dich perfekt verstehen. Du bist noch viel stärker als ich, ich wäre voll ausgetickt an deiner Stelle. Ich hätte garantiert keine fünf Monate überstanden, nicht mal ansatzweise. Ich hätte mich wahrscheinlich einfach von der Klippe gestürzt. Zack und Schluss. Kein Witz jetzt."

Tja, Max. Solltest du jemals die Absicht hegen, ihr dein tödliches Vergehen zu beichten, dann ist jetzt die Zeit. Sprich nun oder ruhe für alle Zeiten in Frieden.

„Ich… könnte es versucht haben?"

Nach einer merkwürdig reaktionslosen Weile spannt sich ihr Körper plötzlich in meinem Rücken an. „…Was?"

„Ich, äh… ich bin vom Leuchtturm gesprungen."

„Du bist was? Verarschst du mich gerade?"

„Nein… Ich war verzweifelt, ich... ich hatte meine Kraft verloren, ich weiß auch nicht, warum. Hast du wirklich geglaubt, ich hätte dich sonst nicht schon viel früher zurückgeholt? Ich hatte es vielleicht eine Woche lang ausgehalten, bevor ich es das erst mal versucht habe, aber es ging nicht. Es ging überhaupt nichts mehr und es wurde nur noch schlimmer und schlimmer in meinem Kopf, bis ich nur noch einen einzigen Ausweg gesehen habe. Ich wollte entweder meine Kräfte neu entfachen oder ganz einfach nur… dass der Schmerz endlich aufhört. Beides wäre besser gewesen."

Chloe ist zu Tode erstarrt. Sie rührt keinen Muskel, ihr Atem wärmt mir nicht mehr in sanftem Rhythmus den Nacken, stattdessen stockt er ihr irgendwo zwischen Lungen und Zähne. Ihre Arme sind schlaff um mich herum, so als hätten meine Worte jegliche Kraft aus ihren Gliedern geraubt.

„Die gute Nachricht ist," füge ich lahm hinzu, „es hat funktioniert."

Es folgt eine weitere Sekunde Stille, dann, wie aus heiterem Himmel, presst sie mich wieder mit all ihrer Kraft gegen ihre Vorderseite. „Max."

„Uff."

„Max, es tut mir so leid…"

„Was denn? Du hast doch überhaupt nichts falsch gemacht."

„Ich habe dir diese schreckliche Entscheidung auferlegt! Ich habe so viel von dir und so wenig von mir selber gedacht, dass es mir nicht einmal in den Sinn gekommen war, wie sehr es dir wehtun würde, mich sterben zu sehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es irgendjemandem so viel bedeuten würde, mich zu verlieren. Ich dachte, ich würde damit das richtige tun, und doch habe ich es irgendwie mal wieder hingekriegt, dabei ein egomanisches Arschloch zu sein."

„Chloe, nein." Ich drehe mich um in ihren Armen, sodass ich sie ansehen kann. „Neineinein, das ist nicht wahr. Du warst einfach unglaublich dort oben auf dieser Klippe, es war dein bester und stärkster Moment überhaupt. Ich war so sehr in Ehrfurcht vor dir. Du warst gewillt, für deine Heimatstadt zu sterben, wehe dir, wenn du dich jemals schämen solltest deswegen."

Sie weicht meinem Blick in der Dunkelheit aus. Ich halte ihre Wangen in beiden Händen, damit sie mich direkt ansieht. „Ich war es, die Mist gebaut hat, verstanden?" Ich kann schon spüren, wie ihre Stirn sich runzelt und Worte des Protests sich auf ihren Lippen formen, deshalb halte ich ihr kurzerhand den Mund zu und fahre einfach fort. „Nein, hör mir zu. Ich hatte schon vor dem Sturm Mist gebaut, sogar weit davor. Du hättest diese Schultoilette niemals betreten, wenn ich für dich da gewesen wäre in all den Jahren zuvor. Das ist die eine Tat, die ich für alle Zeiten bereuen werde, du hättest mehr von mir verdient als das—und du kannst es nicht einmal bestreiten, es war das allererste, was du zu mir sagtest, als wir uns wiedergesehen haben."

„Mmpf," grunzt sie.

Ich erlöse sie und lege ihr meine Hand auf die Schulter. „Du weißt, dass es wahr ist."

„…Schätze schon."

„Sprich mit mir gemeinsam: ‚Du hast Recht, Max.'"

„Ach, fick dich doch…"

„Ich meine es ernst! Sag das und dann sag noch, ‚Ich bin stolz auf das Opfer, das ich bereit war, zu erbringen.'"

„Was soll das werden? Ist das hier plötzlich zu 'ner bescheuerten Selbsthilfegruppe mutiert?"

„Außerdem sag, ‚Ich verzeihe dir, dass du solch eine beschissene Freundin zu mir warst.'"

„Du weißt, dass ich dir schon längst verziehen habe. Ich denke doch überhaupt nicht mehr daran."

„Sag, dass du mich liebst."

Ihre schroffe Miene weicht sofort einem warmen Lächeln in der Nacht. „Ich liebe dich."

Ich beseitige auch den letzten Rest des ohnehin schon verschwinden geringen Abstandes zwischen uns und kuschle mich vollständig gegen sie. Mein Kopf findet die sanfte Beuge unter ihrem Kinn auf ihrer Brust. „Und jetzt sag, dass du heute Nacht die Albträume fernhalten wirst."

Chloe küsst die Oberseite meines Kopfes und drückt mich noch einmal extra liebevoll. „Ich wünschte, ich könnte dieses Versprechen geben."

„Sag es trotzdem."

„Es wird heute Nacht keine Albträume geben, Max. Du wirst pennen wie eine alte Omma auf Drogen, sabbernd und schnarchend mit allem Drum und Dran. Du wirst bis weit in den Tag hinein so laut vor dich hinsägen, dass die Bude nur so bebt und ich dich am Ende wecken muss, weil mir erstens dein Geschnarche so sehr auf den Wecker geht und zweitens sonst dein Frühstück kalt wird, mit Rührei und knusprigem Speck und frischen Waffeln."

Ich robbe noch näher an sie heran, presse mich noch fester gegen ihren Körper. Unsere Beine sind schon völlig verheddert, meine Zehen berühren sie irgendwo an den Fußknöcheln. Nichts fühlt sich nahe genug an, sie riecht nach Rührei und knusprigem Speck und frischen Waffeln, ich will ganz und gar von ihr umhüllt sein.

„Ich glaube dir."

Ich mache es mir gemütlich, schmuse mich vollständig gegen die Wärme ihrer Haut. Ach, ich weiß doch, dass ich schon wieder egoistisch bin, das hier kann unmöglich bequem sein für sie. Ich stehe halt voll darauf, die ganze Nacht hindurch mit ihr zu kuscheln, sie bevorzugt eigentlich etwas mehr Freiraum, sobald es tatsächlich ans Schlafen geht. Doch sie fühlt sich einfach so unglaublich gut an, sie ist mein großer, starker, sexy Teddybär. Ich glaube, ich werde heute Nacht ausnahmsweise etwas selbstsüchtig sein. Nur dieses eine Mal. Versprochen.

Es ist das letzte, woran ich mich aus jener Nacht noch erinnere. Offenbar hatte ich Albträume, wie mir Chloe am nächsten Morgen bei Ei und Speck und Waffeln berichtet. Sie müssen mir dann wohl entfallen sein.

Das einzige, wovon ich noch weiß, war dieser Traum, in dem uns ein zehn Meter Hawt-Dawg-Man den Hügel zum Leuchtturm hinaufgejagt hat, aber dann ist Chloe einfach zu ihm raufgeflogen und hat ihn nach Strich und Faden vermöbelt mit ihren lächerlich overpowerten Mazinger Z Raketenfäusten und er ist hintenüber umgefallen und dann haben wir ihn aufgegessen. Hawt-Dawg-Man hat uns von seiner Familie erzählt, die von finsteren Mächten gefangen gehalten wird, und von seinem Streben nach Rache. Wir haben uns entschuldigt und sind Freunde geworden. Ich bin sogar noch kichernd aufgewacht, als die Sonne bereits hoch am Himmel stand.

Es war ziemlich cool.


Hier ist etwas, wovon ich Chloe bislang nicht erzählt habe. Ich bin schon ein paar Male gestorben.

O.K. gut, ich schätze mal, es war nur fast sterben. Nah-Tode vielleicht? Hätte-eigentlich-tot-sein-sollens? Irgendwas in der Richtung halt. Und ich spreche hier nicht von Rettung in letzter Sekunde, von denen hatte ich auch schon die ein oder andere. Ich spreche tatsächlich von 100%ig mausetot, unausweichlich und ohne Aussicht auf Entkommen. Ich bin im freien Fall aus dem zehnten Stock aufgeklatscht auf dem Boden. Brennende Trümmerteile haben mir den Schädel zerquetscht. Einmal hat mich ein Querschläger in die Eingeweide getroffen, ich kann mich sogar noch an das Gefühl der Kugel in meinem Bauch erinnern. Und ich weiß nicht, ob man von einer Überdosis Stromschläge durch Taserbeschuss sterben kann, aber es war zumindest nahe genug dran, um sich zu qualifizieren.

Dies sind die Momente, in denen der Komplettneustart einschlägt. Er wirft mich immer gerade so weit zurück in die Vergangenheit, dass ich genug Zeit habe, rechtzeitig zu reagieren oder mich entsprechend vorzubereiten. Manchmal eine Minute, manchmal ganze Stunden.

Ich habe schon versucht, ihn zu kontrollieren, ihn irgendwie in mir zu finden, doch ich weiß nicht mal, wo oder wie ich danach suchen soll. Im Gegensatz zu allem anderen entspringt er womöglich nicht einmal mir selber. Es fühlt sich zumindest nicht so an, als würde ich dabei überhaupt etwas machen. Es fühlt sich viel eher so an, als käme er von irgendwo außerhalb, als ob… als ob ich gerettet würde. Und rate mal, wen oder was ich jedes Mal zu Gesicht bekomme, wenn es passiert?

Hier ein Tipp: Er hat blaue Flügel und ein unverbesserliches Gespür für Timing.

Ich bin noch nicht ganz wahnsinnig genug, um so etwas Beklopptes wie das hier zu testen, doch ich glaube, die Indizien sind recht eindeutig.

Herzlichen Glückwunsch, Max. Du bist höchstwahrscheinlich unsterblich.

Und willst du den allerverrücktesten Teil wissen? Ich denke darüber nach, und fühle dabei absolut gar nichts. Ich bin nicht dankbar, ich bin nicht von Ehrfurcht ergriffen, ich bin nicht einmal sonderbar fasziniert davon. Wie abgestumpft muss man bitte sein? Ich habe das Gefühl, ich sollte aus dieser ganzen Tiergeister-Geschichte eine weit größere Sache machen, vielleicht sogar… keine Ahnung, zum ihm beten? Ich war noch nie eine großartig spirituelle Person, doch wie auch immer das möglich sein kann, der Schmetterling ist real und er beschützt mich. Sollte ich ihn da nicht als einen Teil von mir akzeptieren? Ihm vertrauen, an ihn… glauben?

Wahrscheinlich wäre ich ihm gegenüber weit offener, wenn ich nur wüsste, was zur Hölle er eigentlich mit mir vorhat. Nach allem, was ich weiß, könnte er genauso gut ein Geist des Bösen sein und nur darauf aus, seine getreue Dienerin der Vernichtung zu bewahren.

Ich weiß selbst nicht wirklich, warum ich Chloe noch nicht davon erzählt habe. Ich könnte ihr damit bestimmt etwas mehr Seelenruhe bereiten, nicht wahr? Etwas, worauf sie sich verlassen kann, woran sie glauben kann, nebst mir.

Ja, na gut, ich weiß, warum ich es ihr noch nicht verraten habe. Mehr und mehr gibt sie mir so ein Gefühl, fast schon wie… eine Aura? Manchmal glaube ich schon, sie sieht in mir so eine Art Messias. Sie hat es niemals so gerade heraus gesagt, doch es ist eindeutig zu spüren. Und diese Art, von mir zu denken, ist das allerletzte, was ich in ihr auch noch befeuern will.

Und wo wir hier sowieso schon dabei sind, munter alle Wahrheiten auszuplaudern, ja, es liegt auch daran, dass ich ein mieses Arschloch bin und es sich verdammt gut anfühlt, jemanden zu haben, der sich hin und wieder wie verrückt um mich sorgt. Dieses Gefühl würde schnell verfliegen, sollte ihr bewusst werden, dass mir nichts und niemand etwas anhaben kann.

Oh Mann, mir war noch gar nicht aufgefallen, was ein dreckiger und hinterfotziger Grund das eigentlich ist, bis ich es eben erstmals in Worte gefasst habe. Doch welche Hoffnung soll mir denn noch bleiben, wenn ich nicht einmal mehr ehrlich zu mir selbst sein kann? (Haha, kapiert? Weil ich doch mit dir rede und du bist ich und… ach egal. Ich verbringe eindeutig zu viel Zeit mit Chloe und ihren bescheuerten Witzen.)

Ich frage mich, ob du es ihr verraten wirst, sobald du hiervon gelesen hast. Ich stelle mir häufig vor, du seist viel netter als ich, keine Ahnung warum. Vielleicht deshalb, weil du die eigentliche Heldin bist in dieser Geschichte, AlphaMax.

Ich denke mal, ich werde die Entscheidung einfach in deinen Händen belassen. Habe ich überhaupt eine andere Wahl?


Farbe und Shampoo ergießen sich in schwarz schäumenden Schlieren, welche ihr die Haut hinabfließen und Strähne um Strähne ein kräftiges Kobaltblau zutage fördern. Sie sitzt in der Dusche, entspannt zurückgelehnt auf dem Klodeckel und mit genüsslich geschlossenen Augen. Es ist wieder neun Uhr morgens in der finalen Zeitlinie, meine Lider werden langsam schwer und ich bin schon fast fertig damit, ihr zu berichten, was wir in meinen letzten zehn Stunden so alles getrieben haben.

Es war eine einzige, kontinuierliche Zeitreise. Um das zu testen, mussten wir die Hälfte eines ziemlich wichtigen Tages riskieren, doch ich hatte ein recht gutes Gefühl, dass es klappen würde. Ich hatte Recht. Was auch immer der Grund dafür sein mag, meine einzige Begrenzung ist von nun an nur noch der Zeitpunkt, zu dem ich zuletzt bewusstlos war.

Ich halte den Duschkopf mit einer Hand, meine andere kämmt durch ihr schwarzblaues Haar, Finger massieren ihre Kopfhaut. Ein ungeniertes Lächeln ziert ihre Lippen. Gelegentlich entgeht ihr sogar ein tiefsinnliches Seufzen.

Jup, sie fährt voll drauf ab. Doch ich habe schlecht Reden, bis gerade eben hat sie mir noch genau dasselbe angetan. Es ist zutiefst wohltuend… und nicht zuletzt auch ausgesprochen intim, zur größten Überraschung der Anwesenden.

Ich frage mich, ob sie das wohl jemals mit Rachel gemacht hat. Den Haare-färben-Teil, nicht den Nackig-in-der-Dusche-Teil. Ich glaube nicht, dass sie das gemacht haben. Oder zumindest will ich es schwer für sie hoffen.

Was zum Teufel, Max? Dass du mir ja nicht eifersüchtig wirst auf das tote Mädchen, in das Chloe verknallt war.

„Du bist ja ganz fürchterlich still auf einmal," stellt sie fest.

„Gehe nur sicher, dass ich auch alles rauskriege."

„Oder du fragst dich gerade, ob ich das schon mal mit Rachel gemacht habe."

Ich stoppe mit allem, was ich tue, und starre sie entgeistert im Spiegel an. „Also langsam machst du mir echt Angst. Wie zur Hölle kannst du dauernd meine Gedanken lesen?"

Sie öffnet nicht einmal die Augen für ihre Antwort. „Du Dummbeutel hast mich das schon vor Monaten gefragt."

„Oh."

„Was dachtest du denn schon wieder? Noch ein Durchgang?"

„Klar doch…"

Ich greife nach dem Shampoo und mache mich erneut an die Arbeit. Zwar hieß es auf der Verpackung, sie sei nur temporär, aber widerspenstig ist sie trotzdem allemal. Die Haarfarbe, nicht Chloe. Bei mir hatte es insgesamt ganze vier Waschdurchgänge gebraucht, bis meine Strähnen wieder ihre natürliche Farbe bekommen haben. Nicht dass ich mich beschwert hätte. Ihre Finger fühlten sich so wunderbar an, ich war sogar schon etwas enttäuscht, als sie damit fertig war.

Ich betrachte meine Hände und sehe plötzlich Rachels Hände vor meinen Augen, wie sie Chloes Haar in diese und jene Richtung kämmen und sorgfältig Farbe auf jede Strähne auftragen. Ihre perfekten, kleinen und erstklassig manikürten California-Girl-Griffel, wie sie in Zeitlupe über Chloes Skalp fahren, ihr die Kopfhaut kitzeln und das Hirn darunter vernebeln. Ob es sich für sie wohl auch so intim und innig angefühlt haben mag?

Heilige Scheiße, lass doch endlich diesen besitzergreifenden Scheißdreck bleiben, was ist eigentlich in dich gefahren? Dein Verhalten wird langsam verdächtig, los, sag irgendwas.

„Mein Gott, deine Haut ist sowas von lächerlich makellos, was machst du eigentlich damit? Ich sterbe hier vor Eifersucht."

Sie kichert, völlig übertölpelt von meiner unerwarteten Schwärmerei. „Ich dusche halt regelmäßig, du Schleimer. Könnte dir auch mal nicht schaden."

Oh Mann, sie ist sogar tatsächlich etwas rot angelaufen. Volltreffer!

„Ich bin übrigens echt froh, dass du das Blau beibehalten hast, weißt du? Sieht echt supercool aus."

„Ja, wir beide haben das gemacht. Ich weiß doch, wie sehr du darauf abfährst."

Ich lächle und nicke zustimmend, fast schon etwas peinlich berührt. Sie kann es nicht sehen. „Das tue ich wirklich, ich geb's zu. Steht dir echt gut."

Die blauen Haare waren bestimmt von Anfang an Rachels Idee. Nicht dass es von Bedeutung wäre. Gott, warum kriege ich das eigentlich nicht aus meinem Kopf?

Ich versuche beiläufig zu klingen, neugierig. Das ist alles, was ich bin, neugierig. „Also… hast du das mit Rachel gemacht?"

„Nackt mit ihr in der Dusche rumhängen? Ich wünschte."

Ein stechend glühender Feuerball flammt in meiner Brust auf und will mir schon grün zu den Augen herausschießen, es ist höchst verstörend und alarmierend. „Du wünschtest?"

„Ich wünschte… Imperfekt, nicht Konjunktiv. Ich meine, ich wünschte es damals."

„Soso."

Komm mal wieder runter, du gespinnerte Tussi. Sie hat ein Recht darauf, in ihrer Vergangenheit noch andere Beziehungen geführt zu haben, wo ist das Problem? Sie ist jetzt mit dir zusammen, sie liebt dich mehr als alles andere.

Sie kneift mich in den Oberschenkel. „Du bist sowas von zum Anbeißen, wenn du eifersüchtig bist, weißt du das eigentlich? Ich liebe es."

„Ich bin ja gar nicht eifersüchtig! Ich bin nur neugierig. Ich will alles über dich und deine Vergangenheit erfahren."

„Mh-hm. Also schön, wenn du es unbedingt wissen willst, sie hat mir die Haare gefärbt und es fühlte sich ziemlich sexy an. Also haben wir danach für vielleicht eine Minute oder so rumgemacht. Ich fand es damals offensichtlich viel geiler als sie, denn sie hat es danach einfach so runtergespielt als ‚haha, küssen, wie ulkig'. Und das war dann auch schon das gesamte Ausmaß unserer kleinen Romanze. Auch wenn es sie nie davon abgehalten hat, mir weiterhin schöne Augen zu machen. Ziemlich sicher hatte sie nur Mitleid."

Ich halte meinen Mund. Konzentriere mich darauf, sie ordentlich einzuschäumen, angenehm zu massieren, die Seife sorgfältig auf ihrem Kopf zu verteilen. Lass dich jetzt bloß nicht aus der Fassung bringen, halte deinen Rhythmus bei und lasse sie auf keinen Fall spüren, wie viel tödliche Gewalt gerade in deinen Fingern steckt, wenn sie diese blöde Pute nur zu fassen bekämen.

Chloe trägt schon wieder dieses selbstgefällige Ich-weiß-was-was-du-nicht-weißt-Schmunzeln auf den Lippen. „Bevor du weiterhin so tust, als wäre nichts, obwohl dein Verhalten eindeutig das Gegenteil beweist, weise ich dich vorsorglich darauf hin, dass wir dieses Gespräch schon einmal geführt haben."

Ich nehme den Duschkopf in die Hand, lasse das Wasser laufen und beginne sie erneut auszuspülen. Befreie diese dicken, nassen Strähnen von ihrem schäumenden Fluch und entledige sie ihrer schwarzen Maskierung, auf dass sie wieder in ihrem althergebrachten, blauen Glanze erstrahlen. Es kostet mich gefühlt ganze zwei Minuten größtenteils unnötiger Selbstüberwindung, die Worte über meine Lippen zu bekommen.

„Ich würde ihre dummen Augen auskratzen, wenn sie jetzt hier wäre."

Ihr Grinsen verbreitert sich von Ohr zu Ohr. „Das klingt schon viel besser. Ist es seltsam, dass es mich mega anmacht, wenn du das sagst?"

„Das ist nicht lustig, Chloe. Ich will keins von diesen Mädchen sein. Noch ehe du dich versiehst, durchwühle ich deine Schubladen und schnüffle durch deine Telefonkontakte…"

„Tust du das nicht ohnehin schon überall, wo du hingehst?"

Ich spritze ihr etwas Wasser mitten ins Gesicht. „Du weißt, was ich meine."

„Stört mich kein bisschen," prustet sie unbeeindruckt belustigt. „Ein wenig Eifersucht kann nicht schaden."

„Fühlt sich nach mehr an als nur ein wenig."

Sie zuckt mit den Schultern. „Du schätzt, was dein ist, und du bist gewillt dafür zu kämpfen."

„Du bist nicht mein, Chloe."

„Bin ich nicht?"

„Ich meine, du bist nicht mein Eigentum oder so was."

„Nein, das vielleicht nicht."

Sie dreht sich um, nimmt mir den Duschkopf aus den Händen und bringt ihn zurück in seine Halterung. Sie dreht das Wasser ab, ihre Augen weichen dabei niemals von den meinen. Chloe nimmt meine Hand und steht auf, zieht mich sanft mit ihr, sodass ich folge.

„Aber ich bin dein," flüstert sie, „und du bist mein."

Sie tut einen Schritt auf mich zu, drängt mich gegen die Kabinenwand, während ihr Mund mit Leichtigkeit den meinen findet. Schon bald entdeckt ihre Zunge den Weg vorbei an meinen Lippen, voller Zuversicht, mit bekannter Vertrautheit, und ich habe keinerlei Probleme damit. Mein Rücken drückt flach gegen die kühlen Fliesen, ihre Hand hält mich fest an Ort und Stelle, im Hier und Jetzt. Ihre andere Hand erreicht meinen Nacken, Finger umklammern meine nassen Strähnen gerade so kräftig genug, um die Sache auch interessant zu gestalten.

Sie unterbricht unseren Kuss und packt noch ein wenig härter zu. Ich ächze und stöhne, ohne dass es meine Absicht gewesen wäre. Wärme durchströmt meinen Körper und landet an all den richtigen Orten.

„Du bist meine Max," haucht gegen meine geteilten Lippen, „und niemand darf dich berühren, wie ich es darf."

Heilige Scheiße.

Es gibt keine schonende Art, diese Situation zu umschreiben. Sie fühlt sich schlicht und ergreifend geil an.

Chloe lehnt sich wieder herein, um fortzusetzten,fortzusetzen womit sie begonnen hat. Fort sind ihre unbeholfenen Unsicherheiten und all das vorsichtig herantastende Vorgeplänkel. Ich bin nicht länger die Fremde im Körper ihrer Geliebten, sie weiß wieder, wer ich bin. Sie weiß, dass ich müde bin, aber nicht zu müde. Und sie weiß ganz genau, dass ich heute nahezu pausenlos darüber nachdenken musste, was wir gestern zusammen im Bett gemacht haben.

Ihre Hand wandert meine Vorderseite hinab, vorbei an meinem Nabel, immer weiter ihrem Ziel entgegen. Ich stelle mich auf die Zehenspitzen, begierig, ihr die Reise zu verkürzen. Das Gefühl ihrer Finger lässt mir den Atem im Halse stocken.

Dies ist die Frau, die ich über alles in der Welt liebe und wie besessen vergöttere. Sie ist für nunmehr ganze fünf Monate mit mir zusammen. Sie weiß exakt, was ich will, und sie weiß exakt, was sie da tut.


Chloes Lieblingsärgernisse (Was sich liebt, das neckt sich)

Handbuch zur sicheren Navigation eines gemeinsamen Lebens und/oder deiner gelegentlichen Unterhaltung:

- Ihr den Rückspiegel oder den Sitz oder das Lenkrad oder auch nur irgendwas zu verstellen, bringt ihre Fahrkünste fürchterlich durcheinander. Sie ist ‚Die Steuerfrau', kein Wenn und Aber. Ganz besonders wenn es um Betsy geht, oh Gott. Ich habe noch nie zuvor jemanden so pedantisch, pingelig oder geradezu analfixiert gesehen, aber es macht mir zum Glück nichts aus. Ich würde dieses Monstrum sowieso lieber nicht fahren, solange es sich vermeiden lässt. Nicht dass sie dir das Steuer nicht „ausborgen" würde, wenn du sie ganz lieb darum bittest, doch sie wird garantiert über jede einzelne deiner Bewegungen wachen und dich genauestens dabei überprüfen. Geh einfach sicher, dass du alles so zurücklässt, wie es vorher war. Oder eben nicht, wenn du sie ärgern willst.

- Ihre Zahnbürste benutzen. Angeblich „sind wir keine kleinen Kinder mehr und das ist eklig." Und ich dachte noch, es wäre cool, alles miteinander zu teilen, aber wahrscheinlich sollten wir irgendwo wirklich die Grenze ziehen. Ich kapier's nur nicht, sie steckt mir oft genug ihre Zunge in den Mund, wo also ist der Unterschied?

- Die Decke klauen. Das hier nenne ich nur fair. Sie beansprucht ja auch ständig die ganze Matratze für sich. Ist doch nicht meine Schuld, wenn mir dann in meinem kleinen Ecklein am Fenster so kalt wird.
Pro Tipp: Eine gute Taktik, sie dazu zu bringen, sich an dich ranzukuscheln, ist Abwarten, bis sie fast eingeschlafen ist.

- Emoji. Jup, immer noch der Knüller.

- Vor Selbstmitleid zerfließen. Sie fühlt noch immer stark mit mir, doch inzwischen treibt es sie häufiger mehr in den Wahnsinn als sonst etwas, wenn ich mich mal wieder in meinem Scheißdreck wälze. Sie greift dann zu fast schon „aggressiven Lobpreisungen". Überschüttet mich geradezu mit Gefälligkeiten und Liebesbekundungen. Sie ist echt komisch.

- Pickel sind ihr noch immer superunangenehm. Lach sie nicht aus, falls mal einer auftauchen sollte. Ernsthaft, selbst wenn es ein extralustiger sein sollte, selbst einer direkt auf ihrer Nasenspitze. Du wirst es bereuen. Apropos: Mach ihr im Umkehrschluss auch Komplimente zu ihrer lächerlich makellosen Haut, sie ist insgeheim stolz darauf, du wirst zusehen können, wie sie errötet. Jup, sie ist stolz darauf, obwohl sie nicht einen Finger rührt, um sie auch zu pflegen, die blöde Kuh.

- Über ihr Rauchen nörgeln. Das hier ist eigentlich mehr ein „sei kein Arschloch" Tipp. Sie gibt schon ihr Bestes. Sie hat ohnehin noch nie allzu viel geraucht, dafür aber schon seit Jahren. Ich kann den Geruch mittlerweile nicht mehr ausstehen, aber ich werde trotzdem weiterhin möglichst ein Auge zudrücken. Ein Wort der Warnung: Sie plant schon allen Ernstes ihre eigene, private Hanfplantage anzulegen, sobald/falls wir diesen ganzen Scheiß irgendwann mal hinter uns lassen. Sie hat aber fest versprochen, dass sie es nicht damit übertreiben will. Ich helfe ihr vielleicht beim „Gärtnern", habe mich noch nicht entschieden.

Ist nicht allzu viel. Wir geben halt einfach wunderbares Team ab. Das Beste. Wie zwei Puzzleteile, geformt wie Gegensätze, aber (fast) perfekt passend. Wie füreinander geschaffen.

Sie hat selbst ihre ganz eigenen Neckereien für dich auf Lager, aber ich glaube, ich warne dich besser nicht vor (Ätsch!). Wahrscheinlich wird sie dir früher oder später absichtlich damit auf die Nerven gehen. Es ist, was wir zum Zeitvertreib machen.

Max&Chloe 4ever


Hämisch grinsend beobachte ich die Digitaluhr auf dem Nachtschrank rückwärts ticken, zähle die Minuten bis zum exakten Zeitpunkt, als ich das Schlafzimmer vor etwa drei Stunden verlassen habe. Ich kann nicht glauben, dass ich ihr damit so einfach davonkomme…

Diese Kräfte richteten mein früheres Leben zu Grunde. Zeitreisen bereiten mir konstante Kopfschmerzen, sowohl buchstäblich als auch im übertragenen Sinne. Schuldgefühle und Selbstzweifel statten mir regelmäßige Besuche ab und jede mögliche Zukunft vor meinen Füßen reicht von kompliziert bis hin zu absolut höllenmäßig. All diese Dinge behalten zu jeder Zeit ihren Wahrheitsgehalt.

Auf der anderen Seite… sich hinauszuschleichen, um Chloe Geburtstagsgeschenke zu besorgen, ohne dass sie davon Wind bekommt oder auch nur den Hauch einer Ahnung hat, ist zweifelsohne großartig. Unverfroren und hinterfotzig, wie ich nun einmal bin, fragte ich sie nach allem aus, ich fuhr für mehr als eine Stunde hin und zurück—vom kleinen Örtchen Littlerock, in dessen Nähe wir kampiert sind, bis hinunter nach Centralia (manuelle Gangschaltung, oh, wie ich dich des Todes hasse)—, dort durchstöberte ich für noch viel länger sämtliche Juweliere und Skater-Geschäfte, bin absolut sichergegangen, dass ihr das eine passt und das andere steht… und nun ist es wieder vor drei Stunden. Ich liege wieder im Bett und tue so, als würde ich schlafen, während sie draußen herumfuhrwerkt und Betsy Klarschiff macht für unsere Abreise. Und sie hat keinen Schimmer.

Ja, ich weiß, es war ein dummes Risiko, selbst mit dem Sicherheitsselfie, das ich als Vorsichtsmaßnahme genommen hatte, und temporär-zurückgelassene Chloe war alles andere als begeistert von der Aktion. Außerdem es war es das sowas von wert. Ich bin gerade schwer versucht, ihr eines davon vielleicht schon vorher zu geben, heute Nacht könnte schließlich alles Mögliche passieren… Aber nein, die Verlockung mag groß sein, doch sie wäre nur wieder eine Ausrede, um mich nicht in Geduld üben zu müssen. Wir bringen das heute Nacht hinter uns und übermorgen feiern wir Chloes Geburtstag, wie sie ihn noch nicht erlebt hat…

Ich verstecke die sperrige Geschenkschachtel im Bug des Bettes und gehe auch sicher, dass ja kein Teil davon herausspitzt. Höchste Zeit, endlich „aufzustehen", das Schlafzimmer zu verlassen und so zu tun, als hätte ich ihr nicht gerade die beiden besten Geschenke aller Zeiten besorgt, von denen ich eh schon längst weiß, dass sie sie lieben wird. Oh, ich fühle mich beinahe schon schlecht dafür, so sehr zu schummeln. Es gibt keinerlei Möglichkeit, dass sie mir damit jemals gleichziehen könnte.

Also gut, das ist nicht wahr, ich geb's ja zu: Das Ganze ist schlichtweg lächerlich unfair und ich liebe es.


Sie müssen geglaubt haben, ihr System sei Zeitreise-resistent. Eine würfelförmige Zelle mit Pritsche und Toilette. Nahrung und Wasser automatisch verabreicht, keinerlei menschliche Interaktion. Eine Infusion bombenfest verkabelt mit meinem Handgelenk, keine Chance, sie herauszureißen. Immer wenn sie meine Zelle wechseln oder etwas daran verändern wollten für noch mehr Tests oder Trainings oder Folter, konnten sie ganz einfach die Dosis erhöhen und mir alle Lichter ausknipsen.

Sie hatten Recht. Es gab nichts, was ich hätte tun können. Das könnte der allerschrecklichste Part sein, Max: Sie waren darauf vorbereitet, es mit einer Zeitreisenden aufzunehmen. Sie hatten dafür vorausgeplant, eine Anlage dafür installiert. Sie steckten mich sogar in ein Flügelhemd, wahrscheinlich um mir unmissverständlich einzuimpfen, wie schutzlos ich ihnen ausgeliefert war.

Es gab keinerlei Entkommen… bis jemand irgendwo einen Fehler beging.

Man darf jemandem von meinen Fähigkeiten nicht einmal den geringsten Spielraum lassen. Alles, was es braucht, ist ein winziges Zeitfenster außerhalb der Zelle, in dem ich frei die Zeit manipulieren kann. Mit nur genug Zeitsprüngen kann ich meinen Kopf freikriegen von all dem Teufelszeug, das sie in mich hineingepumpt hatten. Und dann bin ich nicht mehr zu stoppen, ihr Flachwichser.

Ich weiß nicht, ob die Infusion eine Fehlfunktion hatte oder ob es jemand anderes Schuld war, doch ich war irgendwie zu Bewusstsein gelangt, während sie mich gerade verlegen wollten. Genug, um mich aus ihren Krallen zu befreien. Genug, um es wieder und wieder zu tun, bis ich endlich ausreichend zu mir gekommen war und die Zeit wieder ganz unter meiner Kontrolle stand. Und auch genug, bis ich tun konnte, was ich tun musste.

Ich hoffe, du musst in deiner Zeitlinie niemals jemanden erstechen. Es ist eine scheußliche, unwirkliche Erfahrung, wie aus einem fernen Traum. Jemandem eine Klinge noch während des Zeitstillstands in den Hals zu bohren, als würde man mit einem Messer in einen rohen Tierkadaver schneiden, nicht ‚zack-und-vorbei', nein, nur ganz langsam und entschlossen kraftvoll bis hin zum Anschlag. Das Fleisch stellt einen gewissen Widerstand dar, musst du wissen, man muss mit Herz und Seele bei der Sache sein und sein ganzes Gewicht dafür aufbringen. Man zieht die Klinge heraus und zurück bleibt nur dieses hässliche, rot klaffende Loch in der Seite des Halses, all das Blut wartet nur darauf, herauszuspritzen und sich auf der Wand zu verteilen.

Ich musste es tun. Ich konnte damals kaum einen Zeitstillstand aufrechterhalten, ich konnte ihnen nicht einfach den Schlüssel wegnehmen und mich von dort aus dem Staub machen. Ich hatte keine andere

fick dich

.

.

.

Tschuldige. Ich musste mich erstmal für eine Weile lang abreagieren.

Siehst du das da oben? Kannst du erkennen, wie ich mich nur selbst belüge? Wie ich es so erscheinen lasse, als hätte ich nicht gewollt, was ich getan habe? Ich bin gerade drauf und dran, das alles wieder zu löschen, doch ich lasse es so stehen.

Ich glaube wirklich, dass ich keine andere Wahl hatte, so viel ist wahr. Doch ich habe mich auch nicht wirklich darum geschert, nach anderen Wegen zu suchen, denn ich wollte ihnen wehtun. Ich sah sie nicht länger als Menschen oder auch nur Handlanger oder wie auch immer du sie nennen willst. Ich sah sie als die bösen Wichser, die mir und Chloe das angetan haben. Ich war so voller Hass, so verbittert und verzweifelt… ich wollte Vergeltung. Ich wollte zusehen, wie sie alle leiden, und das habe ich. Und in diesem Moment hatte es sich gut angefühlt.

Du urteilst gerade über mich, richtig? Das solltest du auch. Ich schäme mich dafür, natürlich tue ich das, denn ansonsten würde ich mich nicht so sehr damit herumquälen. Doch ehe du zu streng urteilst, erinnerst du dich noch, wie es sich anfühlte, gefesselt in Jeffersons Bunker zu sitzen? Erinnere dich daran zurück. Versetze dich zurück in diesen Moment.

Und nun stell dir vor, er hätte dich dort für eine ganze Woche behalten. Dich unter Drogen gesetzt, wann immer er es wollte. Dich jeden Tag missbraucht.

Chloe vor deinen Augen missbraucht.

Du fühlst es nun auch, nicht wahr? Auch nur darüber zu schreiben, macht mir die Innereien sich winden.

Es steckt in uns, Max, und gar nicht mehr weit unter der Oberfläche. Der passendste Begriff, der mir als Analogie einfällt, ist Racheengel. Es klingt beinahe biblisch, ich weiß. Gar nicht lange her und sie wäre nichts weiter als diese erbärmliche Mischung aus Zorn und Furcht und Hilflosigkeit und flehendem Kauern in irgendeiner dunklen Ecke. Doch wir sind nicht mehr diese Person, habe ich Recht, Max?

Also ja, diese Wichser haben zu spüren bekommen, was es heißt, sich mit einem Racheengel anzulegen. Ich habe Superkräfte, ich darf solche Sachen sagen, also Fresse halten.

Wie ich dort so herumgeirrt bin, wo zur Hölle auch immer das war, es bleibt nichts weiter als ein unscharfer, dunkler Fleck in meiner Erinnerung. Ein Schandfleck aus geräuschloser Gewalt und elender Erschöpfung bis kurz vor dem Zusammenbruch. Ich weiß, ich muss sogar mehrere Male tatsächlich zusammengebrochen sein, kaum mehr in der Lage, mich in eine weitere Zeitreise zu flüchten. Ich kann mich noch an den metallischen Geschmack erinnern, wie meine Nase und mein Rachen sich mit Blut füllten, es lief mir schon frei das Gesicht hinunter, mein Kopf explodierte mit jedem weiteren Schritt… und dennoch habe ich weitergemacht, immer weiter, denn ich wusste, dass ich hiernach keine weitere Chance bekommen würde. Das alles hatte sich damals endlos angefühlt, räumlich wie zeitlich, doch ich glaube, alles in allem war der Ort gar nicht mal so groß, vielleicht fünf oder sechs Räume verbunden über einen zentralen Flur. Alles blendend weiß und steril und hell erleuchtet. Kameras in jeder Ecke, also musste ich jeden noch so kleinen Zeitraum ständig wieder zurückspulen, bevor mich die übrigen Wachen mit ihren Tasern und Betäubungsgewehren erreichen konnten. Nirgendwo ein Fenster, ich vermute also, es befindet sich irgendwo im Untergrund.

Ich konnte Chloe niemals finden. Ich glaube nicht, dass sie sie im selben Gebäude festhielten. Ich fand eine Pistole bei einer der Leichen und machte von da an auch rege von ihr Gebrauch. Man muss weder Meisterschütze sein oder Waffentraining besitzen noch muss man jemals auch nur eine Waffe außer Chloes gestohlenem Revolver in der Hand gehabt haben, wenn man aus kürzester Entfernung auf stationäre Ziele feuert.

Habe auch niemals meine Tasche gefunden, dafür aber meine alte Kleidung, frisch gewaschen und fein säuberlich zusammengelegt in irgendeinem Spint in einem winzigen Lagerraum voller Regale. Und versteckt in einer Hosentasche… jenes Foto, welches Chloe kurz vor Seattle von uns gemacht hatte. Sie muss es mir in die Tasche geschmuggelt haben und ich hatte es nicht einmal bemerkt. Wer weiß, wie diese Zeitlinie wohl geendet hätte, hätte sie das nicht getan.

Ein Teil von mir will einfach nur vergessen, dass all das jemals stattgefunden hat. Tatsächlich hat mich Chloe sogar kürzlich erst gefragt, ob ich jemals darüber nachdächte, einfach aufzugeben und davonzulaufen. Irgendeinen ruhigen Ort finden, weit abgeschieden von alledem, wo wir diesen Horror eines Tages zurücklassen können, vergessen in einer Realität, die niemals war.

Niemals könnte ich das tun. Alleine der Gedanke lässt mir die Galle hochkommen. Ich lebe mit dieser Erinnerung, ich schlafe mit ihr jede Nacht. Sie ist ein Teil von mir. Selbst wenn du wieder übernimmst, all diese Momente waren real und sie werden uns für immer verfolgen.

Ich weiß es, und du wirst es auch wissen. Es gibt nur einen einzigen Weg, diesem Geist, der sich unserer bemächtigt hat, ein Ende zu bereiten.

Und wenn ich es nicht tun sollte, dann wirst du es eben tun.


Der Name des winzigen Kaffs lautet Fallow Parks und es liegt etwa eine Wegstunde entfernt von Arcadia Bay. Es ist vier Uhr am Nachmittag. Ich beobachte Chloe dabei, wie sie an der Vorrichtung herumschraubt, die unser Beiboot vom Mutterschiff abkoppelt, um es auf die Straße zu lassen.

„Sicher, dass du dich nicht doch nochmal hinlegen willst?", frage ich sie. „Wir hätten noch genug Zeit."

„Ich bin noch frisch. Und ich bin eh schon zu aufgedreht, um jetzt noch schlafen zu können. Ich würde viel lieber früher ankommen, um das Einsatzgebiet vorher auszukundschaften."

Sie dreht solange am Rad, bis die beiden Teile, zuvor noch bolzenfest miteinander verbunden, schließlich mit einem Ruck und einem Klonk auseinanderfahren. Die schwere Metalldeichsel scheppert geräuschvoll auf den Asphalt des örtlichen Campingplatzes. Wir hatten eigentlich geplant, einfach irgendwo am Straßenrand anzulanden, doch der Laden hier ist in dieser Saison so gut wie ausgestorben und hatte keine Reservierung gefordert. Es fühlte sich seltsam falsch an, der wildfremden Kassiererin im Kassenhäuschen eines unserer vielen Aliase zu geben. Für den heutigen Tag heiße ich Emily Shaw. Hi.

Chloe legt sich mit dem Rücken auf den Boden und beginnt damit, die Stoßstange des Autos mit dem Kreuzschlüssel zu bearbeiten, löst einen Bolzen nach dem anderen, um die Kupplung vom Fahrgestell zu lösen. Ihre klar definierte Armmuskulatur beugt und streckt sich ganz im Einklang mit ihrem unermüdlichen Bestreben.

Sie hatte ja so Recht—wie immer eigentlich: Es gefällt mir wirklich, ihr zuzugucken, wie sie arbeitet. Sehr sogar. Grenzt fast schon an offenes Gaffen, wie sie ihre Muskeln spielen lässt und ihren Körper zur Schau stellt mit nichts weiter als einem dieser ausgeleierten, ärmellosen Oberteile, die sie immer trägt. Wir sollten von Glück reden, dass sie noch einen BH darunter trägt, denn andernfalls Prost Mahlzeit.

„Musst du das Ding wirklich jedes Mal abmachen, wenn wir das Auto benutzen wollen?"

„Nicht wirklich," keucht sie unter Anstrengung. „Sieht aber beschissen aus, wenn ich's dranlasse."

„Kommt mir ganz schön analfixiert vor, das Teil für gerade mal einen Tag abzumontieren."

„Das Ding geht mir halt auf den Geist, na und? Klappe zu, jetzt." Sie ächzt noch einmal schwer und gibt ihr Bestes, die Klammern mit dem Werkzeug zu lösen, bis sie endlich auch den letzten Bolzen erfolgreich entfernt hat. „Scheiße, ich bin schon ganz kirre vor Nervosität. Bist du nicht auch kirre?"

„Hält sich derzeit noch in Grenzen, aber das kommt bestimmt auch noch. Ist auf dem Weg hier her in jeden Fall zunehmend schlimmer geworden…"

„Nicht wahr? Es ist auch nicht mal, weil wir uns praktisch in die Höhle des Löwen begeben, sondern einfach nur weil wir endlich nach Arcadia zurückkehren. Keine Ahnung, warum ich so aufgeregt bin deswegen. Ich habe uns ständig über die Nachrichten auf dem Laufenden gehalten, der ganze Ort gleicht einer einzigen Baustelle. Sollte eigentlich sogar ein hoffnungsvoller Anblick sein."

„Ich freue mich vor allem schon auf die Blackwell-förmige Narbe quer durch die Innenstadt…"

„Mh-hm, und die gäb's dann auch noch."

Ich will sie über den Zustand ihres Hauses fragen und auch, ob das Two Whales möglicherweise wiederaufgebaut wurde, aber ich kriege es einfach nicht über mein Herz. Bei der Aussicht darauf, Arcadia Bays Verwüstung aus erster Hand begutachten zu dürfen, eine Verwüstung, die durch meine Hand überhaupt erst in diese Welt kam, hatte sich diese dichte, schwere und kalte Masse irgendwo in meiner Brustgegend geformt. Sie liegt mir nun flau im Magen, erschwert mir das Atmen und lässt mein Herz schwer pochen, mein Puls hallt mir schon beinahe in den Ohren wider. Das Gefühl manifestierte sich mehr und mehr, während wir mit Betsy die Autobahn entlanggeschipperten; ausgehend vom urbanen Washington, entlang verschlafener Ortschaften sowie nachtaktiver Metropolen, bis hinunter gen immergrünes Oregon. Laut Sternennavigation und Sextant aka vorinstalliertem GPS: Fords Prairie, Centralia—Nope, noch nie da gewesen, was seht ihr mich so an?—Castle Rock, Longview, riiiesiges Vancouver-Slash-Portland—das war irgendwie cool—Woodburn, Salem, Albany… und so weiter und so weiter, bis wir schließlich westwärts abgebogen sind vorbei an unzähligen kleinen Örtchen und Feldern und Wäldern in Richtung Küste und Meer und Heimat.

An manche davon kann ich mich nur noch entfernt erinnern, wie sie so im Halbschlaf an meinem Fenster vorbeizogen. Ich habe auf dem Sofa geschlafen, da die Anhängerkupplung im Heck ganz schön laut klappert, wann immer das Beiboot ein Schlagloch trifft. Aus welchem Grund sollte ein Reisebus überhaupt noch ein extra Auto ins Schlepptau nehmen, habe ich Chloe gefragt. Mir doch wurscht, ich lass' die Karre nicht einfach so stehen, war ihre Antwort. Grund genug was mich angeht.

„Hätte aber 'nen Mordskohldampf," verkündet Chloe. „Ich habe da vorhin im Vorbeifahren eine Pita-Bude gesehen. Sah für mich ausreichend essbar aus. Bist du dabei?"

„Wenn es ums Essen geht, bin ich allzeit dabei. Solange du zahlst."

„Pff. Schnorrer."

Ich beobachte sie, wie sie unter dem Auto hervorrobbt und aufstehen will, das unhandliche Metall-Dingens in Händen. Ich nehme es ihr ab und lehne es gegen Betsys Hinterrad, hauptsächlich nur um mich wenigstens ein kleines bisschen nützlich zu fühlen. „Ich könnte uns ja hinfahren, dann kannst du dich ein wenig ausruhen. Zeig mir einfach die Richtung."

Sie wirft mir schon wieder diesen Blick zu. Es ist derselbe Blick, den ich auch schon vorhin abbekommen hatte, als ich ihr anbot, für eine Weile das Steuerrad zu übernehmen. Er ist praktisch gleichbedeutend mit „Ich würde gerne noch den morgigen Tag erleben, vielen Dank auch."

„Boah ey, ich kann fahren, weißt du?"

Ein Schmunzeln spielt auf ihren Lippen. „Ja, ich weiß. Aufpassen, Kinder. Omma Caulfield treibt einmal mehr ihr Unwesen auf den Straßen."

„Was soll das denn wieder heißen?"

„Nix! Überhaupt nix. Ich dachte, du hasst manuelle Gangschaltung?"

„Ich werde es nur um deinetwillen ertragen. Denn dein Wohlergehen ist mir wichtig… aus irgendeinem unerfindlichen Grund."

„Ich komme schon klar, Max. Lass mich nur noch absperren und dann hauen wir ab."

Ich folge ihr mit den Augen, als sie Metallteil und Werkzeug in den Bus bringt, um sie zu verstauen. Sie wirkt tatsächlich putzmunter.

Chloe ist ein wahres Autofahr-Monster, bleibt für Stunden am Stück unermüdlich bei der Sache. Es schien ihr sogar regelrechten Spaß zu machen. Ich kann sie ehrlich nicht verstehen, Autofahren ist selbst noch im besten Fall todlangweilig und absolut nervtötend wenn nicht gar buchstäblich todbringend im schlimmsten. Es stimmt schon, ich bin insgeheim erleichtert, dass sie dauernd die Steuerfrau spielen will.

Sie kehrt die Stufen hinab zurück, Roboterpanda-Schlüsselanhänger klimpert munter in ihrer Faust. Wir steigen ins Auto. Sie prüft zum wiederholten Male die Rückspiegel. „Hast du schon wieder an denen rumgepfuscht?"

Sie beginnt sie wieder korrekt auszurichten. Werde jetzt ja nicht rot, nicht die Fassung verlieren, niemand kann dir etwas nachweisen, du bist völlig unschuldig… in dieser Zeitlinie.

Ich gebe mein Bestes, das richtige Maß an Bitterkeit in meiner Stimme zu unterhalten. „Offenbar ist es mir nicht einmal erlaubt, selber zu fahren, von daher wüsste ich nicht, wie ich dazu gekommen sein sollte. Wahrscheinlich wurden sie während der Fahrt durcheinandergerüttelt."

„Ach, jetzt komm schon. Noch kein Grund, gleich so zu schmollen. Ich kutschiere dich halt einfach gerne durch die Gegend, na und? Gönn mir doch auch mal was." Sie tritt auf die Kupplung und lässt den Motor aufheulen. „Auf geht's, lass uns endlich was zu Futtern zwischen die Beißer kriegen."

Ha-ha! Die geheime Mission bleibt bis auf Weiteres unentdeckt. Missetäter-Max hat wieder einmal zugeschlagen.

Die Pitas waren alles in allem unerwartet lecker. Sie hat mir sogar noch extra eine zum Mitnehmen besorgt, damit wir was zu futtern haben, falls heute Nacht mal wieder der kleine Zeitreise-Hunger zu Besuch kommt, nachdem wir Helens Teil der Abmachung wieder rückgängig gemacht haben. Chloe denkt mit.

Wir sind beide aufgeregt über unsere Rückkehr—nicht nur im negative Sinne—und deshalb kratzen wir auch schon bald wieder die Kurve. Nur noch ein letzter Zwischenstopp bei Betsy, um unsere Monturen anzulegen und alles zu packen, was wir so an Ausrüstung benötigen: Laptops und Handys und Funkgeräte; meine Tasche darf natürlich nicht fehlen, gefüllt mit all meinem Zeugs, meiner Kamera, meinem Geldbeutel, Knabberkram und nicht zuletzt einem Bündel Sicherheits-Selfies, unscheinbar getarnt als einfache Erinnerungsfotos; beide unsere Waffen—immer noch sowas von abgedreht, daran zu denken, dass ich eine Pistole besitze—plus extra Munition sowie Taser und sogar waschechte Kampfmesser in versteckten Knöchelholstern am Fuß für uns beide, wie abgefahren ist das denn bitte oh Gott bitte hoffentlich muss ich das niemals benutzen. Bei den Knarren handelt es sich um zivile Kaliber 9 Millimeter G19 Glocks, wie mir Chloe erklärt, während sie fachkundig und cool wie in jedem x-beliebigen Actionfilm die Magazine prüft. Sie weiß es, weil sie es gegoogelt hat.

Wir sprechen nicht viel für die meiste Zeit der Fahrt, üben uns stattdessen in Stille, nur unterbrochen vom brummenden Motor und dem Wind in unserem Haar. Chloe und ich, wir reiten auf derselben schweigsam-ernsten Wellenlänge, weder in Stimmung für scherzhaftes Herumschäkern noch für melancholische Musik noch für simplen Smalltalk. Nur wir zwei beide und unsere düsteren Gedanken, geteilt durch allzeit verwobene Finger auf der Mittelkonsole.

Die sich windende Küstenstraße wird gesäumt von derselben Sorte Fichten, die ich schon unser ganzes Leben lang kenne, und als wir uns so dem Ende unserer Reise nähern, kann ich auch immer mehr dieser Bilder und Geräusche und Gerüche aus meiner Vergangenheit wiedererkennen. Erinnerungen einer Kindheit, die wir verbrachten umgeben von ebendiesen Wäldern. Von daher kommt es kaum als Überraschung, als das Ortsschild, groß wie eine Plakatwand, endlich um die letzte Kurve in unser Sichtfeld rückt.

Herzlich Willkommen in Arcadia Bay steht da in geschwungener Schrift rund um eine stilisierte Darstellung des Hafens, des Hügels und des Leuchtturms. Letzterer sieht mir aus wie ein Fremdling. Größer als ich ihn in Erinnerung habe. Als wir uns nähern, fällt mir noch eine kleine Fußnote auf, eingraviert in goldener Kursivschrift auf blauem Untergrund: Ermöglicht durch eine großzügige Spende der Eine Zukunft Für Arcadia-Stiftung.

Das wären dann wohl wir.

Wir parken kurz vor der Tafel und steigen aus. Die Straße folgt hier einem sanften Gefälle hinunter ins Tal und an den Strand und bietet hier einen einmaligen Ausblick über die Stadt. Es herrscht alles andere als Untätigkeit dort unten: Ein Sattelschlepper nach dem nächsten donnert an uns vorbei, kaum verlässt einer den Ort, kommt auch schon wieder ein neuer mit frischem Nachschub für die unzähligen Baustellen. Dies ist unser letztes, eigentliches Sicherheits-Selfie, kurz bevor die Kacke wieder anfangen könnte zu dampfen—doch ich weiß, wir hätten dieses Bild auch so geschossen. Ja, es ist ein langweiliges Touristenfoto, na und? Es fühlt sich trotzdem besonders an. Bedeutsam. So bedeutungsvoll, dass es schon einen gewissen Nervenkitzel darstellt, mich neben Chloe in Pose zu werfen, die Kamera auch ja exakt richtig auszurichten und dann den Auslöser zu betätigen.

Der Blitz leuchtet auf, dicht gefolgt vom vertrauten Surren der Kamera.

Sie sieht mich erwartungsvoll an, dann entspannt sie sich wieder. „Oh, gut… immer noch du."

„Und mit etwas Hoffnung bleibt das fürs Erste auch so..."

Ich wedle das instant Foto und wir warten bis es sich entwickelt. Chloe hat eine Grimasse geschnitten, weil was hatte ich auch anderes erwartet. Steht irgendwie stark im Kontrast zu ihrer eher nüchtern verhaltenen, schwarzbraunen Aufmachung. Sie sieht beinahe aus, als wäre sie bereit für ein Vorstellungsgespräch in unförmlicher Geschäftskleidung.

Sie freut sich über das Bild. „Du wirst niemals dein Gespür dafür verlieren."

„Hätte den Fokus noch besser setzen können."

„Ach, Klappe zu, jetzt, und nimm das Kompliment einfach an."

Ich remple sie leicht mit der Schulter, während ich das Bild weiter betrachte. „Also… hattest du vor, David zu besuchen, solange wir hier sind?"

Chloe schüttelt den Kopf. „Er würde uns nur fragen, was wir vorhaben, und ich will ihn nur ungern anlügen. Irgendjemand, den du sehen willst?"

Ich denke eine Weile nach.

„Ne, auch nicht wirklich."

„Ja… das dachte ich mir. Wir könnten uns ja einfach mal umsehen und ansonsten chillen bis heute Abend."

Ich nicke ihr zu. „Ich glaube, ich drehe sogar besser die Zeit zurück, falls uns irgendjemand erkennen sollte."

„Was? Mit dieser idiotensicheren Tarnung?" Sie wühlt zwei schlichte Baseball-Caps aus meiner Tasche und stopft mir eine davon so ungehobelt und grob, wie sie nur kann, auf den Kopf. „Kein Grund zur Sorge, wir bleiben völlig inkognito!"

„Danke, Chloe, du denkst wie immer an alles," versuche ich nicht zu grinsen, während ich mir die Mütze wieder aus den Augen entferne.

„Stets zu Ihren Diensten." Sie setzt sich ihre eigene auf und streift sich einige lose Strähnen hinter die Ohren. Während ich noch mit den Nachwirkungen ihrer fortwährenden Unverschämtheit beschäftigt bin, begibt sich Chloe schon mal in Richtung der Tafel und lehnt sich mit einem Ellbogen dagegen. Sie gibt einen tiefen Seufzer von sich und überblickt die sich unter ihr erstreckende Stadt. „Fühlt sich irgendwie überhaupt nicht an wie nach Hause kommen, findest du nicht?"

Ich bewege mich an ihre Seite und bringe einen Arm um ihre Hüfte. „Ich weiß genau, was du meinst."

Sie zieht mich noch näher gegen ihren Körper und wir betrachten die Szenerie in Stille. Ein erneuter Sattelschlepper rauscht an uns vorbei, beladen mit einer fetten Ladung Rohholz für die neue Sägemühle. Wenigstens dort dürfte das Geschäft vorerst brummen dank dieses Schlamassels.

Ich hatte es bislang gemieden, den Anblick vollends auf mich wirken zu lassen. Die Bäume verdecken noch immer gut die Hälfte der Häuser landeinwärts, doch dort ist schon die Sägemühle zu sehen, da der Hafen und dann der Strand und die Küstenstraße, die sich beide von diesem Ende der Stadt bis ans andere erstrecken. Ungefähr auf halber Strecke befindet sich ein Abschnitt mit brandneuem Asphalt. Kohlrabenschwarz unterbricht er das gewohnte, stark verblichene Grau auf etwa dreihundert Meter Länge. Komplett neugezogene Fahrbahnmarkierungen und alles Drum und Dran. Der Schaden ist unmöglich zu übersehen: Eine gut drei-Block-weite Schneise von der Wasserlinie bis hinauf auf den Hügel, sie vollzieht einen scharfen Schnitt mitten durchs Herz der Stadt. Doch in dieser Trennlinie herrscht auch aufgeregtes Gewusel: Es werden neue Straßen geteert und die jungen Skelette einiger frischer Häuser ragen bereits auf gen Himmel. Betonmischer und Lastwagen und Baukräne, alle sind fleißig am Werk, als gäbe es für sie viel zu viele Orte gleichzeitig zu bearbeiten. Und oben, den allesbeherrschenden, zentralen Hügel hinauf, wo zuvor noch Blackwells stattliche Backsteinkontur inmitten der umliegenden Bäume majestätisch residierte… steht absolut rein gar nichts. Meine Augen weigern sich, auch nur eine Sekunde länger als unbedingt notwendig auf diesem Schandfleck zu verweilen.

Jenseits der Schneise, inmitten und dennoch durch hohe Hecken abgeschirmt vom Rest der Stadt, ragt die Villa der Prescott auf in all ihrer Großkotzigkeit. Sie wirkt vollkommen unberührt, ungescholten vom Sturm. Diesseits der Schneise kann ich leicht das große Two Whales Schild ausmachen. Es leuchtet neonblau und blinkt munter von einer Position zur nächsten, als winkten die beiden freundlichen Wale Besucher mit ihren Schwanzflossen Willkommen. Das Lächeln, das meine Lippen bei diesem Anblick beschleicht, ist eine Spur bittersüß, doch es ist nicht weniger ein Lächeln.

Und dann wäre da der Leuchtturm. Immer dieser Leuchtturm. Ich weiß schon jetzt, wir werden dort in jeden Fall vorbeischauen, noch ehe dieser Tag sein Ende findet. Wir beide fühlten uns schon seit jeher zu seiner Nähe hingezogen, selbst als wir noch klein waren.

Was als nächstes passiert—ich weiß nicht einmal, ob es als richtige Vision durchgeht—ist gerade mal für den Bruchteil einer Sekunde da, schmerzfrei, übergangslos, gewaltig und jäh.

Der Himmel wird zu Schwärze. Die Sonne zu Blitzen. Der Horizont eine tosende Sturmfront, während Eishagel zu Boden prasselt wie ein Schauer aus Million und Abermillion gläserner Murmeln und Scherben. Vor meinen Augen sehe ich den Leuchtturm, umhüllt und verschlungen vom sich windenden Trichter eines monströs bis ans schwarze Himmelszelt aufragenden, malmend gefräßigen Tornado…

Und dann ist das Bild auch schon wieder vorüber, ersetzt durch wolkenlos blauen Himmel so weit das Auge reicht und einer leichten, lauwarmen Brise, die schon seit jeher das Salz des Meeres mit dem Geruch von Fichtennadeln mischte.

„Was… zur Hölle?"

„Was? Was ist los?"

„Nein, nie im Leben, das kann doch jetzt nicht wahr sein…"

Was auch immer Chloe in meinem Gesicht erkennt, es wandelt ihre Überraschung sofort in ernsthafte Besorgnis. "Sprich mit mir, Max."

„Ich habe einen Sturm gesehen. Einen neuen, verfickten Scheißtorndao, direkt oben beim Leuchtturm. Es kann keine Vision gewesen sein, das kann nicht sein."

„Hat es dir irgendwie wehgetan?"

„Nein, es war genau wie… wie die Reflexion im Spiegel. Eher eine Halluzination oder so was." Der plötzliche Gedanke dringt in meinen Kopf und nistet sich tief ein in meinem Schädel, als eine nagelneue, alles überschattende Befürchtung. „Chloe… verliere ich hier meinen Verstand?"

„Nein. Nein, du hast nur… du hast dir was eingebildet. Du kehrst zurück an einen Ort, der für dich mehr als traumatisch war in deinem Leben, und du hast dir was eingebildet. So etwas kommt vor. Bei dir ist alles in Ordnung, alles ist gut, verstanden? Auf keinen Fall wird es nochmal einen—"

Wir schrecken beide zusammen beim Geräusch eines dumpfen Aufpralls ein paar Meter hinter uns. Wir drehen uns simultan um in Richtung Geräuschquelle.

Ein Blutfleck färbt einen Teil der Windschutzscheibe purpurn. Eine Schleifspur aus roten Spritzern zieht sich hinunter bis zu den Scheibenwischern, wo ein fedriges Bündel reglos zum Erliegen kommt.

Auf der Motorhaube des Autos liegt ein toter, weiß-braun gefiederter Vogel.