Kapitel 10: Offene Spielwelt

Wir sitzen im Auto. Chloe wirkt außerstande, den Schlüssel im Zündschloss zu drehen. Sie packt das Lenkrad so fest mit beiden Händen, dass ihre Fingerknöchel weiß hervorstechen, während die Scheibenwischer im Rhythmus vor und zurück und vor und zurückwischen.

„Das war ein Zufall. Nur ein dummer Zufall. Vögel tun sowas halt hin und wieder mal. Der hier muss einfach rein zufällig genau über unseren Köpfen krepiert sein."

Ich sehe nur kurz zu ihr auf, dann wieder zurück nach unten. Ich sage nichts. Ich warte noch immer darauf, dass die Panikattacke endlich einschlägt. Bisher konnte ich nichts als gähnende Leere fühlen, noch nicht einmal Worte lassen sich in ihrer endlosen Weite finden.

„Du hast dir was eingebildet, weil du chronische PTBS hast, und dann ist ein Vogel gestorben. Diese beiden Ereignisse haben gar nichts miteinander zu tun, verstanden? Es wird sich nicht wiederholen… Verstanden?"

Ich betrachte nur meine Hände, den Ursprung allen Übels, teilnahmslos in meinem Schoß. Wer hätte gedacht, dass diese knochigen Griffel einmal für derart viel Leid verantwortlich sein würden? Die Anspannung in jedem einzelnen ihrer Atemzüge umwölkt den Raum zwischen uns wie eine herannahende Sturmfront. Wie eine skelettgeschwungene Sense, die über unsere Köpfe hinwegfährt, mit jedem Schwung ein Stückchen näher…

„Max. Es war nichts weiter als ein dummer Zufall. Hörst du mir überhaupt zu?"

„Ich höre dich."

„Na dann sag doch endlich was."

Ich bleibe noch eine Weile lang still. Ich sehe über die Windschutzscheibe hinweg nach vorne, mein Blick verliert sich jenseits der verbleibenden Blutspritzer, welche die Scheibenwischer nicht so recht erreichen und so nur noch weiter verteilen. „Wir sollten versuchen, sie diesmal zu warnen."

„Du hörst mir eben nicht zu. Es wird nichts geben, wovor man irgendjemanden warnen könnte. Es wird sich nicht noch einmal wiederholen."

„Obwohl es uns dazu wahrscheinlich gar nicht brauchen wird. Sie werden sich in die Hügel flüchten, sobald sie die Zeichen erkennen. Das ist nichts, was man so einfach wieder vergisst. Und auch nicht so schnell."

„Warum ignorierst du mich? Es wird sich nicht noch einmal wiederholen!"

Da ist es endlich. Dieses klamme Beben in ihrer Stimme. Es vermag nun doch noch meine ansonst leeren Augen mit längst erwarteten Tränen zu fluten.

„Wir müssen davon ausgehen, dass es das wird, Chloe."

„Nein. Warum? Warum hier, warum jetzt? Das ergibt doch alles keinen Sinn, es gibt doch überhaupt keinen Grund dafür!"

Ihre Stimme wird zittriger und verweinter mit jedem weiteren Wort, verzweifelter gar. Sie ertrinkt. Ich bringe eine Hand auf ihr Bein und sie schlägt plötzlich mit flacher Hand gegen das Lenkrad. „Nein! Scheiße, nein! Das kann nicht sein." Sie wendet sich wieder in meine Richtung, grell mit Tränen. „Und warum zur Hölle nimmst du das eigentlich so gelassen hin!"

Ich schrumpfe in meinem Sitz zusammen. Ich kenne die Antwort selber nicht. Jenes Vorgefühl, wieder herzukommen, nach Hause, hatte mich bislang schier wahnsinnig gemacht, doch nun da ich hier bin, warte ich noch immer auf irgendeine Emotion jenseits dieser dunklen Leere, die mich erfüllt. Ich will endlich anfangen zu weinen, so viel ist klar, doch ich fürchte, das stammt nur daher, dass ich mit ansehen muss, wie sehr es sie betrifft.

Ihre Wut verpufft so jäh, wie sie auch ausbrach. Sie blickt nach vorne ins Tal und auf die Stadt. Ihre Stimme ist kaum mehr ein stranguliertes Hauchen.

„Verfluchte Scheiße verfluchte. Max, ich glaube, ich pack' das nicht nochmal, ich kann nicht…"

„Du hattest eigentlich sogar Recht, weißt du? Wir wissen es noch gar nicht sicher. Lass uns besser keine voreiligen Schlüsse ziehen."

Sie sieht mich wieder an. In ihren tränenerfüllten Augen glitzert etwas Hoffnung auf, doch direkt darunter auch das Wissen, dass ich das hauptsächlich nur sage, damit sie sich besser fühlt.

Ich fahre fort: „Falls es derselbe Zeitraum sein sollte wie zuvor auch, dann haben wir noch immer ganze fünf Tage. Also noch mehr als genug Zeit, um auch ganz sicher zu gehen, ob sich wirklich noch ein weiterer Sturm zusammenbraut."

„Aber warum sollte er das? Nenn mir nur einen einzigen, beschissenen Grund. Es muss doch einen Grund dafür geben."

Weil es das ist, was ich verdient habe, will ich sagen. Ich habe mich schon beim ersten Mal davor drücken können, ich habe es mir redlich verdient, nun aus allererster Reihe mitzuerleben, wie Arcadia Bay endgültig untergeht…

Etwas sagt mir, dass sie dem nicht zustimmen würde.

„Ich weiß genauso viel wie du," sage ich ihr. „Wir werden einfach unsere Augen und Ohren offenhalten und uns an alle neuen Begebenheiten anpassen, sobald sie sich ergeben sollten. Wer weiß, wenn wir nur das tun, wozu wir hergekommen sind, und dann wieder von der Bildfläche verschwinden, dann passiert vielleicht nichts weiter Schlimmes. Und vielleicht hattest du ja tatsächlich Recht und es war wirklich nur ein dummer Zufall."

Die Worte klingen hohl selbst in meinen Ohren, doch sie sind alles, was ich gerade aufbringen kann.

„Also gut." Sie wischt sich mit dem Handballen über die Wange. „Wie du sagst. Zusammenreißen und aufs Ziel konzertiert bleiben, aye, aye, Käpt'n, zu Befehl." Chloe startet den Motor. „Unser Kurs?"

Meine Antwort überkommt mich, ohne dass ich überhaupt erst darüber nachdenken muss.

„Zum Leuchtturm. Vielleicht können wir ja so eine neue Vision auslösen, wie auch beim ersten Mal. Dann könnten wir sichergehen."

Chloe nickt, legt den Gang ein und bringt uns endlich hinunter nach Arcadia Bay. Und während die Landschaft und ersten Häuser am Stadtrand so an uns vorbeisegeln und ihre Anblicke mit tausend Erinnerungen meiner Vergangenheit verschmelzen, verweilt diese gähnende Leere in meiner Brust. Die Panik schlägt niemals ein. Mein Herzschlag bleibt ruhig und gefühllos.

Dieses eiskalt aufklaffende Loch in meinem Herzen scheint jenes Gefühl gänzlich verschlungen zu haben, was immer es war, das ich an dieser Stelle eigentlich empfinden sollte.


Auch wenn sie es nicht besser wissen können, die Gruppe Teenager, die sich am heutigen Nachmittag ausgerechnet den Leuchtturm zum Herumlungern ausgesucht haben, kommt gleich einer persönlichen Beleidigung mir gegenüber. Eine Verletzung, ein unerlaubtes, sträfliches Betreten einiger meiner privatesten Erinnerungen. Und um auch noch Salz in die Wunde zu streuen, werfen sie uns zu allem Überfluss kontinuierlich vermeintlich unauffällig abweisende Blicke von der Bank herüber zu, fast so als ob wir in ihr Territorium eindrängen. Ich verspüre augenblicklich diesen pervers krankhaften Impuls, meine Waffe zu ziehen, ihnen eine Mörderangst einzujagen und das ganze anschließend wieder rückgängig zu machen… doch das ist etwas, was vielleicht noch die alte, bohnen-kleckernde Max getan hätte. Diese Max hier weiß es besser, meine Kräfte respekt- und verantwortungsvoll einzusetzen.

Chloe hingegen zögert keine Sekunde, geradewegs auf sie zuzumarschieren. „Verpisst euch, Jungs. Die Erwachsenen brauchen hier jetzt ihre Ruhe."

„Whoa, was glaubst du, wer du bist, Schlampe? Wir waren hier zuer—"

Chloe antwortet gar nicht erst mit Worten. Sie packt den Burschen am Kragen seiner dämlich beschrifteten Jacke, hebt ihn einhändig von der Bank weg und zerrt ihn an sich heran, bis er kaum noch einige Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt ist. „Ich sagte, ihr sollt euch verpissen!" Sie schleudert ihn herum in Richtung Abstieg, wo er taumelnd beinahe vornüberfällt.

Die restlichen vier starren sie an aus gleichermaßen sprachlosen wie dümmlichen Gesichtern. Ich bemerke, wie sich der Ausdruck ihrer Mimik verändert, als sie den zutiefst angepissten Todesblick, das knallharte Äußere, die nicht gerade unmuskulöse Statur und die kurz vorm Explodieren stehende Haltung bemerken. Womöglich erkennen sie sogar die verdächtige Ausbeulung der Pistole unter ihrer Jacke. Ziemlich sicher lugt auch ein Teil des Halfters hervor.

„Seid ihr taub? Oder bloß schwer von Begriff? Kusch, kusch, bevor ich euch Flachwichser von der Klippe trete. Und lasst den Alkohol gefälligst hier. Füllt das Zeug beim nächsten Mal wenigstens in Limoflaschen wie jeder andere auch, ihr Dummärsche."

Die Jungen sehen sich erst einmal nur untereinander an, als wären sie plötzlich im falschen Film gelandet. Alles, was es noch braucht, ist Chloe, die noch einen weiteren entschieden drohenden Schritt nach vorne tut… und sie springen sofort auf und wieseln mit eingezogenen Schwänzen hastig davon, Hände teilweise hochgehalten und sorgsam darauf achtend, ihr auch ja nicht zu nahe zu treten. Vorsicht bissig.

„Geistesgestörte Huren," kann ich noch irgendeinen murren hören, als sie an mir vorbeihuschen. Ich hebe eine Augenbraue, gebe aber nichts weiter darauf. Sie sind es nicht wert.

Chloe überwacht, wie sie den Hang hinab immer kleiner werden, trifft dann meine Augen und wendet sich wieder ab, um die Klippe hinunter auf die Bucht zu blicken.

Mit leisen Schritten bewege ich mich bis vor zur Kante an ihre Seite. Sie wirft mir einen flüchtigen Seitenblick zu, sagt aber nichts.

„Ich weiß, das hier kann gerade echt nicht leicht für dich sein, aber du brauchtest nicht gleich so hart mit ihnen zu sein. Sie waren harmlos."

Als Antwort fischt Chloe ihre Zigaretten aus der Jackentasche und steckt sich eine davon wortlos an. Auf unserem Weg hierher konnten wir noch drei weitere tote Vögel zählen. Sie könnten auch überfahren worden sein…

„Chloe."

„Ich gebe mir ja schon Mühe, O.K.? Rück du mir jetzt bitte nicht auch noch auf die Pelle. Es wird ja schon leidtun, aber halt erst später..."

Ich beobachte, wie sie einen tiefen Zug nimmt und den Rauch durch die Nase wieder ausstößt. Die Strahlen der Sonne tauchen die feinen Härchen ihres Gesichts in Feuer und zeichnen ihre Konturen in einer Korona aus kräftigen, goldenen Linien und starken Kontrasten; sie färben ihre von Tränen geröteten Wangen in verschieden schimmernden Farbtönen, von Purpur über Violett bis Alabaster, die ihr zutiefst angepisstes Gesicht wunderbar traurig untermalen. Ich verspüre das höchst unangemessene Bedürfnis, ein Bild von ihr machen, doch ich zweifle schwer, dass sie im Augenblick in Stimmung wäre, für mein Foto als Model herzuhalten.

Auf meine höchst seltsame und verkorkste Art bin ich sogar ein klein wenig dankbar, dass sie so sehr ausflippt. Sie zeigt genug Emotion für alle beide von uns.

Ich trete einen Schritt zurück und setzte mich auf die Bank. Diese ganze Szenerie ist verblüffend ähnlich zu unserem allerersten Tag wieder zusammen, vor fünf Monaten, auch wenn die Probleme, mit denen wir uns damals noch herumgeschlagen hatten, fast schon drollig waren im Vergleich zu heute. Ich seufzte etwas bei der Erinnerung und versuche, meinen Kopf wieder klar zu bekommen, lasse mir die Wärme der Sonne und den Geruch der See und das Geräusch der Wellen in meine Knochen sinken. Vielleicht kann mir ja dieser Ort dabei helfen, jenes Gefühl der Zugehörigkeit, das mir im Laufe der Zeit auf der Strecke geblieben zu sein scheint, wiederzuentdecken.

Das letzte Mal, als ich hier saß, habe ich noch ihrer Erzählung gelauscht, wie sie der abgespeckten Dunkelkammer-Version Nathan Prescotts zum Opfer gefallen war. Kurz darauf ist mir vor Panik beinahe die Luft weggeblieben, bei der Erkenntnis, welch Unheil sich schon damals über Arcadia Bay zusammenbraute…

Bei nochmaliger Überlegung… vielleicht waren unsere Probleme doch nicht ganz so unbedeutend damals…

Warum nur kann ich diese Panik heute nicht mehr spüren? Diese Furcht vor der Zukunft? Habe ich mich in dieser kurzen Zeit bereits so sehr verändert? Bin ich wirklich schon so sehr abgestumpft?

Es ist ganz einfach, Max. In deinem Kopf, in deinen Augen, in deinem Herzen ist Arcadia Bay schon lange fort.

Wie so oft ist die Stimme in meinen Gedanken eindeutig meine eigene. Sie fühlt sie niemals an wie ein Eindringling, und doch ist sie auch nie gänzlich willkommen, so als wäre sie nicht ganz… die meine.

Es ist nicht, dass du kein Mitgefühl mehr hättest. Es ist lediglich etwas, das du bereits akzeptiert hast als eine Konsequenz deines Handelns.

„Also? Noch keine Visionen bis jetzt?"

Chloe steht noch immer an Ort und Stelle, am Rande der Klippe, ihr leerer Blick verliert sich irgendwo in der schäumenden See unter uns. Mir fällt auf, dass sie die Zigarette schon wieder unter ihrem Stiefel ausgetreten hat, ohne sie auch nur zur Hälfte fertiggeraucht zu haben. Stolz.

„Bis jetzt nichts."

Sie erwidert nichts weiter.

„Komm," sage ich ihr, „setz dich zu mir."

Sie dreht sich zu mir um, Kiefer angespannt, Lippen zu einer Linie zusammengepresst. „Ich fühle mich noch immer, als könnte ich das ganze Universum verprügeln. Ich will's nicht aus Versehen an dir auslassen."

„Das Risiko werde wohl ich eingehen müssen. Ich werd's schon nicht persönlich nehmen."

Chloe tut einen schweren Atemzug, eine traurige Mischung aus Frust und Stress und Missmut. Sie setzt sich hin, völlig steif und verspannt, wie eine lebende Schaufensterpuppe, die erst noch lernen muss, ihre Gelenke und Wirbelsäule richtig zu benutzen.

Schon bald zuckt ihr Knie unruhig auf und ab, ihre Stirn liegt in Furchen auf diese ‚mein-Leben-ist-gerade-völlig-im-Arsch' Art und Weise, die diesen eisernen Dornenkranz um mein Herz so leichtfertig zuzuschnüren vermag.

„Ich weiß, was du gerade denkst."

Chloe sieht mich an und fährt leicht vor mir zurück. „Hast du jetzt gerade echt deine Zeitreise-Verhör-Taktik mit mir ausgepackt?"

„Was? Nein! Hey, du kannst mir ruhig auch mal was zutrauen. Ich bin voll mit an Bord bei dieser ganzen ‚wir sollten die Dinge natürlich zwischen uns halten'-Geschichte. Ich weiß es halt einfach."

Sie besitzt noch immer ihre Chloe-typische Unverfrorenheit, mich mit nur dürftig verschleiertem Argwohn zu beäugen.

„Oh mein Gott, du liest meine Gedanken doch auch am laufenden Band, warum darf ich nicht auch mal dasselbe machen? Ich bin trotz allem noch immer deine allerbeste Freundin, weißt du?"

„Na schön. Nur zu. Was denke ich gerade?"

„Im Augenblick versuchst du dein Härtestes, irgendwie die Schuld an allem ausschließlich an dir selber abzuwälzen."

Sie blinzelt ein paar Mal, dann sieht sie weg, stützt die Ellbogen auf ihre Knie. Ich bin beinahe schon gekränkt, dass sie so völlig überrascht ist davon.

„Ich weiß selber nicht mehr, was ich noch denken soll," meint sie nur mit ausgebrannter Stimme. „Bisher konnte ich damit noch klarkommen—gerade so. Aber wenn uns dieses Ding auch noch weiter verfolgen sollte…"

„Dieses „Ding" ergibt ja noch nicht mal einen Sinn, wie also könnte es überhaupt deine Schuld sein?"

„Alles ist im Arsch, nur wegen mir, Max. Wir wissen doch beide ganz genau, dass ich in Wahrheit gar nicht vorgesehen war, noch am Leben zu sein."

Ihre Worte regen eine dunkle Urgewalt in mir auf. Und sie verschafft sich unweigerlich Gehör im Tonfall meiner Stimme. „Ist es wirklich das, was du nach all dieser Zeit noch immer denkst? Dass es „in Wahrheit" nicht für dich vorgesehen war?"

Sie zuckt nur mit der Schulter.

„Für Niemanden ist „in Wahrheit" auch nur irgendetwas vorgesehen," erkläre ich ihr ernst. „Du bist am Leben, weil es das ist, was am Ende nun einmal passiert ist. Nicht mehr und nicht weniger."

„Ja. Weil du es so hingebogen hast. Es war nicht vorbestimmt, so abzulaufen."

„Also was denn dann? Dich am Leben zu halten, hat die Zeitlinie auf ewig ruiniert? Ich habe diesen Scheißdreck sowas von satt, weißt du? Es gibt keinen vorbestimmten Pfad, gegen den man angehen könnte. Vorgesehen ist halt einfach das, was am Ende passiert. Wir kämpfen hier nicht gegen irgendeine Vorsehung an, wir erschaffen uns unsere eigene, gemeinsam."

Sie schnaubt verächtlich. „Gemeinsam. Klar."

„Was soll das denn nun schon wieder heißen?"

„Das musst du noch fragen? Du schaffst das alles, Max! Ich bin niemand. Ich kutschiere dich nur durch die Gegend und schmiere dir gelegentlich mal Butterbrote. Und das wäre mit mir auch vollkommen in Ordnung, solange es nur um dich und mich ginge," sie deutet wutentbrannt auf die Stadt unter uns, „aber ich bin es nicht wert, von ganz von Neuem der Grund zu sein für so viel Leid und Zerstörung!"

„Ähm, hat sich die ganze Geschichte etwa einfach so über Nacht geändert? Hast du etwa doch nicht wie verrückt geschuftet, um mich zu beschützen, bist du etwa nicht in ein brennendes Gebäude gestürmt, um wildfremde Leute zu retten? Hast du mich etwa nicht andauernd in Sicherheit gebracht, wann immer ich ohnmächtig wurde—ist das alles am Ende etwa doch nicht passiert? Ich meine, verfickt nochmal, du warst doch diejenige, die den Vorschlag gemacht hatte, Arcadia Bay praktisch in Bargeld zu ertränken. Ich hatte selber nicht mal einen Gedanken daran verschwendet, so eine tolle Superheldin bin ich." Sie sieht aus, als wolle sie etwas einwerfen, doch ich lehne mich nur noch näher an sie heran, meine Hände klammern sich an den Saum ihres Oberteils. „Ich brauche dich, Chloe. Es waren jetzt bisher gerade mal zwei Tage und dieser simple Fakt ist bereits offensichtlich für mich. Und ich spreche nicht von irgendwelchem schnulzigen ‚ich-hab-dich-ja-so-lieb' Zeug, ich meine buchstäblich: Ich kann das nicht ohne dich machen, ich hänge von dir ab, ich bin auf dich angewiesen. Im Tagebuch stand so viel Zeug, von wegen du wärst das Einzige, was mich überhaupt noch bei Verstand hält. Das muss dir doch mittlerweile genauso klar sein, oder?"

Sie sieht noch immer weg. Ihre Lippen, die ich gerade noch so von der Seite sehen kann, beben unauffällig, als stünde sie kurz davor loszuschreien—sie ist so stark angespannt unter dem Griff meiner Finger, als könne sie jeden Augenblick spontan explodieren. Da ist dieser seltsame Gegendrang in mir, der von mir verlangt, stillzuhalten, abzuwarten, auf das Beste zu hoffen, denn ihr zu sagen, was mir gerade auf der Zunge liegt, könnte alles nur noch viel schlimmer machen. Ich kenne dieses Gefühl. Ich kenne es gut.

Früher einmal hätte ich es mich lähmen lassen, gar nicht lange her, doch vom heutigen Tag an will ich es niemals wieder bereuen, Wahrheiten unausgesprochen zu belassen.

„Weißt du was? Ich weigere mich zu glauben, dass du die ganze Zeit nur so getan hättest, als wärst du stolz auf dich und unser bisher Erreichtes. Jetzt gerade magst du vielleicht Angst haben, daran ist auch nichts Schlimmes, es geht mir sogar genauso. Doch was du außerdem noch tust, ist deine Angst von dir Besitz ergreifen zu lassen, und das kann ich als dein Käpt'n nicht zulassen. Du gehörst nämlich schon mir und ich werde mit nichts und niemandem teilen, schon gar nicht mit deiner bescheuerten Furcht. Es ist in Ordnung, wenn du dich traurig fühlst oder angepisst bist, aber wehe dir, wenn du dich hier selber so schlecht redest, ich werde den Teufel tun und hier tatenlos danebensitzen und dir nur dabei zuhören und zusehen, wie du dich Stück für Stück nur selber kaputtmachst."

Ihre Finger sind stocksteif, bohren sich verkrampft in ihre Oberschenkel. Ihr Profil erbebt kaum merklich mit jedem weiteren Atemzug. Ihre Stimme klingt roh und abgewetzt, als sie endlich über ihre innere Blockade hinweggekommen scheint. „Du bist so ein fieses Arschgesicht…"

„Bin ich nicht! Du sagtest, du würdest an mich glauben, oder nicht? Dann muss der Fakt, dass du noch am Leben bist, ebenfalls etwas ganz genauso Gutes sein, denn ich könnte all dieses verrückte Zeitreise-Hirngespinst niemals ohne dich bewältigen..."

Sie schüttelt den Kopf. Tränen lösen sich von den Wimpern ihrer geschlossenen Lider, auf ihrem freien Fall Richtung grasbedeckter Erde fangen sie glitzernd das Licht der Sonne.

„Nein, ich meinte, du bist eine fiese Lügnerin. Unmöglich hast du diese Standpauke eben abgehalten, ohne sie vorher mehrmals zu wiederholen."

Ich glaube, sie meint es mehr als ein Kompliment. Ich gehe das Risiko ein und bringe meinen Arm um ihre Schulter. Ich ziehe sie an meine Seite, sie lehnt ihren Kopf gegen meine Brust, ihren Lippen entgehen kaum hörbar die leisesten aller Schluchzer.

„Ich brauche hier gar nichts zu wiederholen…", erkläre ich ihr. „Nicht solange ich frei aus meinem Herzen spreche."

Sie wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. „Heilige Scheiße, du bist sowas von schnulzig, einfach unfassbar…"

Ich drücke sie fest an mich, denke zurück an all den Stolz, den sie mir so unlängst gezeigt hat, an all das faszinierte Staunen und die leidenschaftliche Hingabe. Ich will sie wieder zurück. Dieser bescheuerte, dumme Schluckauf im Gefüge der Raumzeit wird mir hier nicht meine Chloe kaputtmachen…

„Ich bin auch noch lange nicht fertig mit dir…" Ich lege mich so richtig ins Zeug und greife so tief ich nur kann in die Schnulz-Kiste. „Gemeinsam können es mit der ganzen Welt aufnehmen, Sonne meines Lebens."

Ein überraschtes Glucksen schummelt sich unter ihre Schluchzer zu einer seltsam aber wunderbar wohlklingenden Lautfolge in ihren Atemzügen. Sie schnieft noch einmal. „Ich weiß nicht, was ich getan haben muss, um dich verdient zu haben."

Ich küsse ihre Hand, genau wie sie es immer tut. Meine Finger folgen der tränengezeichneten Line ihres Kiefers, ich streiche eine lose Strähne von ihrer feucht-glänzenden Haut. „Da bin ich überfragt, aber es muss wohl etwas ziemlich Übles gewesen sein, also gewöhne dich besser an diesen Fluch…"

Chloes Lachen ist atemlos, es klingt tief und weich und so wunderschön wie eh und je. Es fühlt sich seltsam an, diejenige zu sein, die sie tröstet. Mir wurde bisher noch gar nicht bewusst, wie oft sie es schon war, die mich wiederaufgebaut hatte nach jedem Zusammenbruch.

Wir verweilen noch eine ganze Weile länger in Stille. Sie ist dabei, sich wieder zusammenzusetzen, ich gebe ihr Zeit. Ich lasse alles, was eben gesagt wurde, noch einmal in meinem Kopf Revue passieren, schwelge in Gedanken an Glaube und Selbstwert und diesen scheinbar hoffnungslosen, roten Faden, der sich durch unser ganzes Leben zu spinnen scheint. Ich denke auch über jenen übergeordneten Sinn nach, der all dem unterliegen mag. Kate taucht an irgendeiner Stelle in meinem Gedankengang auf, gemeinsam mit diesem gewohnt stechenden Gefühl der Schuld in meiner Magengegend. Mit ihr war es immer so einfach gewesen, über all diesen Kram zu quatschen.

Genau wie bei unserem allerersten Gespräch miteinander. Irgendetwas an mir muss in ihr den Eindruck erweckt haben, ich sei ein spirituell geprägter Mensch, denn sie hat mich gleich zu einem gemeinsamen Kirchenbesuch eingeladen kurz nach unserer ersten Begegnung. Ich habe höflichst abgelehnt, schüchtern, wie ich war, und sie war superverständnisvoll deswegen, null scheinheiliger Moralapostel-Nonsens. Es hatte uns zu einer ziemlich coolen Konversation über verschiedenste Glaubensauslegungen und institutionelle Religion geführt. Dieser ganze Geistesaustausch hatte sich ziemlich erwachsen und… Universitäts-mäßig angefühlt.

Chloe hat sich mittlerweile auf der Bank umgesetzt. Sie liegt nun auf der Seite, ihre Beine eingezogen fast wie in Embryonalstellung, Kopf auf meinem Schoß. Ihre Hand streichelt meinen Oberschenkel in langsamem und regelmäßigem Rhythmus. Augen nahezu geschlossen, Haut getränkt im Leuchten des Himmels, ihr goldenes Licht glitzert auf ihren noch immer feuchten und fleckigen Wangen wie die strahlende Sonne, die sie ist.

Ich bestaune das makellose Profil ihrer Haut mit an Vergötterung angrenzender Sprachlosigkeit. Mein Königreich für eine Kamera.

„Was können wir tun, Max? Es muss doch etwas geben, was wir tun können."

In ihrer Stimme ist keine wirkliche Hoffnung zu vernehmen. Es ist vielmehr ein Wehklagen. Ein Flehen um Gnade.

Es gibt etwas, das ihr vielleicht helfen könnte. Die Gründe, es unerwähnt zu belassen, behalten nach wie vor ihr Gewicht, doch Kate könnte nach allem schlussendlich doch Recht gehabt haben. Glaube ist stets besser denn Verzweiflung…

„Ich weiß es auch nicht. Doch ich habe eine Beichte abzulegen im Namen von BetaMax."

Sie wirft mir einen Blick hinauf, eindeutig neugierig. „Klingt… ernst. Tagebuchzeugs?"

„Mh-hm… Wie viel habe ich dir schon über den Komplettneustart erzählt?"

Chloe denkt darüber nach. „Nicht allzu viel," antwortet sie.

Also erzähle ich ihr alles, inklusive jedes noch so bescheuerten Grundes, weshalb ich es ihr bislang verschwiegen hatte, so verstörend es auch sein mag, sie ihr zu erklären. Und es ist auch in diesem Moment, da mir schmerzlich klar wird, dass ich bis hierher einen viel zu beschissenen Job geleistet habe, ihr das Gefühl zu geben, dass sie eine bedeutende Hälfte unseres Teams darstellt. Und das wird sich heute ändern…

„Also, wenn ich jetzt gleich hier von der Klippe springen würde und unten auf dem Boden aufschlüge," schlussfolgere ich, „dann würde die Zeit komplett automatisch wieder hierher zurückgedreht und ich wäre ganz einfach wieder hier, nicht ein Kratzer an mir dran. Theoretisch."

Sie stößt einen angehaltenen Atemzug aus. „Theoretisch, Gott sein Dank. Wehe dir, wenn du mir gleich auch noch erzählst, dass du das tatsächlich getestet hast. Ich müsste dir wahrscheinlich den Rest deines Lebens Hausarrest aufbrummen, junges Fräulein."

„Na ja, ich hatte es niemals absichtlich getestet, aber… es ist zumindest exakt, was passiert ist, als ich von dort oben gesprungen bin." Ich nicke grob in Richtung des Leuchtturms, während meine Finger damit beschäftigt sind, ihr den Kopf auf meinem Schoß zu kraulen.

„Kann noch immer nicht fassen, dass du das wirklich getan hast…"

„Du siehst also, es muss tatsächlich einen Grund für all das geben, Chloe. Ich kann nicht wissen, ob es ein guter Grund ist oder ob es am Ende überhaupt einen Sinn ergibt, aber… es gibt einen Grund. Du hattest Recht, wie immer. Ich bin… auserkoren von diesem Ding, was immer es sein mag. Wir beide sind auserkoren, glaube ich."

Glaube ich auch wahrhaftig selber an diese Worte, die da gerade meinen Mund verlassen? Ich kann es selbst beim besten Willen nicht mit Gewissheit sagen. Auf der einen Seite, ich fühle mich häufig wie ein hilfloser Spielball, einer unbekannten Macht schutzlos ausgeliefert in einer Partie eines Spieles, das keinen Namen kennt und meinen mickrigen Geist hoffnungslos übersteigt. Auf der anderen Seite, diese Kraft hat mir ein Leben an Chloes Seite beschert, ganz egal wie beschissen dieses Leben auch sein mag. Es ist dieses Leben allein, welches mich über all die Sorgen und Zweifel hinwegsehen lässt. Ich bin offen für die Idee von Glaube in meinen… „Schutzengel" oder wie auch immer er am Ende genannt werden will. Ich wüsste nur allzu gerne, auf welchem Kurs sich dieses Schiff bewegt, ehe wir unweigerlich mit Volldampf auf einen drohenden Eisberg auflaufen…

Ihr Blick wandert unfokussiert umher, hierhin und dorthin, tief in Gedanken. Falls es ihr helfen sollte, mit ihren Sorgen und Ängsten zurechtzukommen… dann bin ich auch um Chloes Willen mehr als bereit dazu, mich von dieser bekloppten Hokuspokus-Religion oder wasauchimmer bekehren zu lassen…

„Hast du den Schmetterling schon jemals selbst gesehen?", frage ich sie.

Nach einem kurzen Moment schüttelt sie den Kopf. „Ich meine, klar, natürlich habe ich schon Schmetterlinge gesehen… aber den Schmetterling? Kannst du ihn denn überhaupt von jedem anderen x-beliebigen Käfervieh unterscheiden?"

„Ich glaube, ja. Vielleicht. Er sieht fast genauso aus wie die in deinem Tattoo, aber… ich weiß auch nicht, du müsstest dabei sein, um es selber zu spüren. Ähm, es steckt keine seltsame oder mystische Geschichte hinter deinem Tattoo, oder?"

Sie schüttelt abermals den Kopf. „Rachel und Frank und ich wir waren alle wie so oft bekifft an dem Abend. Frank war befreundet mit diesem Tattoo-Studio-Mädel, die warum-auch-immer damit einverstanden war, für uns eine kostenlose Nachtschicht hinzulegen, und voilà…"

„Hah. Ich hatte mich schon öfters gefragt, wie du dir sowas leisten konntest. Ich zweifle schwer, dass Joyce allzu begeistert gewesen wäre, die nötige Kohle dafür rüberwachsen zu lassen."

„Wohl kaum. Sie ist ziemlich ausgerastet, als sie es zum ersten Mal gesehen hat, aber später musste sie zugegeben, dass es schon ziemlich cool geworden ist. Und du hast Recht, ich armer Schlucker hätte mir niemals auch nur ein beschissenes Arschgeweih leisten können. Ich wollte eigentlich sowas in der Art von Rachels mega-abgefahrenem Drachen, aber sie hatte sich irgendwie in dieses Motiv verliebt, also haben wir uns doch dafür entschieden."

„Ernsthaft? Du wolltest es nicht mal?"

„Doch natürlich, sieht doch geil aus. War nur nicht ursprünglich meine Idee, ist alles, was ich sagen will."

Tja, so gerne ich es auch würde, ich kann leider nicht bestreiten, dass Rachel und ich ähnliche Geschmäcker hatten. Ich liebe das Tattoo und ich sollte ihr wohl dankbar sein dafür.

Chloe dreht sich um die eigene Achse, sodass sie nun auf ihrem Rücken liegt und zu mir hinaufsehen kann. Ihre Augen sind noch immer gerötet und auch etwas verquollen. „Also… erwartest du jetzt von mir, dass ich dir verzeihe, dass du mir so ein krasses Geheimnis verschwiegen hast?"

„Ich, öhm… wenn du das möchtest, dann nur zu, denke ich? Mir tut es jedenfalls leid—und BetaMax, glaube ich, genauso."

Ihr Blick verfinstert sich, so als hätte sie gerade etwas in meinem Gesicht erkannt. Ihre Finger reichen nach oben und trocknen ganz langsam und vorsichtig ein paar einzelne Tränen unter meinen Lidern und in meinen Wimpern. Ich lehne mich gegen die Wärme ihrer Hand, die schließlich auf meiner Wange zur Ruhe kommt. Es existiert keine Realität, in der ich sie weinen sehe, und dabei nicht meine ganz eigenen Tränen vergieße.

„Ich verzeihe dir."

„So einfach?"

„Jup." Sie hält meine Hand in beiden eigenen. „Verzeihst du mir, dass ich mal wieder so ein jämmerliches Heul-Lieschen bin und mich an dir ausflenne?"

„Woah, hey, so würde ich es nicht ausdrücken."

„Natürlich würdest du das nicht, denn offensichtlich bist du jetzt schon die gottgeweihte Reinkarnation des Messias persönlich."

„Oh Gott, fang jetzt bitte nicht—"

„Ich verarsch' dich doch bloß! Aber du musst zugeben, das bestätigt sowas von, was ich dir erzählt hatte. Allzu blöde kannst du dich gar nicht anstellen, wenn dieses Götter-Geister-Ding dich andauernd wiederbelebt, habe ich Recht?"

„Hängt ganz davon ab, was es eigentlich überhaupt von mir will…"

„Oh ja, klar, der böse, böse Schmetterling des Todes, gefürchteter Vorreiter der Apokalypse, ein allseits bekannter Avatar der Vernichtung und des Chaos."

„Man kann ja nie wissen…"

„Mmmmh… fühlt sich aber echt gut an, zu wissen, dass wir wenigstens noch eine extra Aushilfskraft haben. Auf dich aufzupassen fordert einen echt achtundvierzig Stunden am Tag."

„Vorsicht, es braucht nur ein einziges Mal nicht zu funktionieren, also mach es dir lieber nicht allzu gemütlich." Ich streichle ihr die Stirn und zwirble eine lose Strähne um meinen Finger. „Geht es dir jetzt wieder etwas besser?"

Sie schmunzelt, etwas unsicher und verlegen. „Ich bin nicht mehr völlig am Ausrasten, falls du das meinst."

„Wir schaffen das schon, Chloe. Ganz egal was passiert..."

„Mh-hm. Was wir am besten können, habe ich Recht?" Sie bringt eine Hand an meinen Nacken und zieht sich an mir hoch, ich komme ihr auf halber Strecke entgegen und wir küssen uns. Der Kuss ist unbequem und seltsam und nur so erfüllt von Liebe. Anstatt selber von mir abzulassen, gibt mir Chloe einen beherzten Ruck an meinem Pferdeschwanz, ehe sie wieder ordentlich aufsteht. „Komm, lass uns wieder zurückgehen zum Auto. An diesem Ort hier spuken sowieso schon zu viele falsche Erinnerungen."

„Der Leuchtturm ist irgendwie für alle Zeit ruiniert, nicht wahr?" Ich komme auf die Beine, hake einen Arm bei ihr unter und gemeinsam flanieren wir den langen Abstieg hinunter zum Parkplatz am Strand. „Es gibt noch einen anderen Ort, den wir besuchen können."

„Weise mir den Weg, mein Käpt'n, und ich bringe dir den Horizont."

„Ich wette, du kennst den Weg schon selbst gut genug..."

Der Abstieg von der Spitze der Klippe nimmt gute fünfzehn Minuten in Anspruch. Unser Auto ist das einzige, das heute am Strand geparkt steht. Wir kommen beide abrupt zum Stehen und starren es wie entgeistert an.

HUREN LESBEN steht da in Großbuchstaben eingeritzt über die gesamte Flanke der Karosserie. Das Auto wirkt außerdem schon von Weitem, als wir uns nähern, unnatürlich flach. Es stellt sich heraus, dass jeder einzelne Reifen vollständig zerstochen wurde.

Wir sehen einander an.

„Diese… kleinen… Hurensöhne!"

Chloe nimmt die letzten paar Meter schnellen Schrittes und kniet sich auf den Asphalt, um den Schaden aus nächster Nähe inspizieren zu können, als ob es jetzt noch etwas gäbe, was sie dagegen tun könnte. „Ich hätte diese miesen Schweine einfach von der Klippe schmeißen sollen, gottverdammte Scheiß-Arschlöcher! Diese verfluchten Flachwichser!"

Sie stößt einen obszönitäten-geladenen Fluch nach dem nächsten und eine wohl-elaborierte Beleidigung nach der anderen aus. Wie viel geladene Wut und tiefen Frust sie noch in ihr aufgestaut hatte, sie fließen ihr nun in gewaltigen Strömen aus dem Mund wie der Unrat des nächstbesten Klärwerks.

Es wäre womöglich sogar ein amüsantes Schauspiel unter anderen Umständen. Doch statt einem Kichern gebe ich nur einen tiefen, tiefen Seufzer von mir. „Also was ist denn hiermit, Chloe? War das nun auch vorgesehen, so zu passieren?"

„Ach, komm du mir jetzt nicht auch noch damit—nicht nochmal, ich bin dafür gerade echt nicht in Stimmung. Dein bescheuertes ‚Ich hab's dir ja gleich gesagt' kannst du dir sonst wo hinstecken."

„Aber es ist eine ernstgemeinte Frage. War das unser Schicksal? Oder sollten wir uns stattdessen lieber ein neues, besseres machen?"

Sie sieht wieder zu mir zurück, ihr wutentbranntes Lodern erlischt zu einem erschöpft zischenden Glimmen. „Wir brauchen den fahrbaren Untersatz, Max. Unser ganzer Kram ist da drin, wir können das unmöglich mit uns durch die Gegend schleppen."

„Aber wir haben uns das schon irgendwie selbst eingebrockt, richtig? Manch einer könnte sogar argumentieren, dass wir vielleicht mit den Konsequenzen unseres Handelns leben sollten."

„Ja, aber Manch einer hat auch keine Zielscheibe auf dem Hinterkopf und eine geradezu buchstäbliche Deadline, sobald wie möglich die Fliege von hier zu machen. Ich habe Mist gebaut, ich geb's ja zu! Ich war zu wütend, als dass ich über die möglichen Konsequenzen nachgedacht hätte, und jetzt bist du schon wieder diejenige, die das ganze am Ende ausbaden darf…" Sowie die Wahrheit ihrer Worte allmählich einsinkt, scheint Chloe endgültig auf der Stelle in sich zusammen zu fallen. „Scheiße. Du wirst wahrscheinlich diese ganze Geschichte von da oben nochmal wiederholen und mich wieder ganz von Neuem zurechtstutzen müssen. Was ein riesen verdammter Vollidiot…" Mit einem resignierten Kopfschütteln sinkt sie gegen die Seite des Autos.

„Ich schwöre dir, wenn du mir jetzt nochmal mit dieser bescheuerten Selbstgeißelung daherkommst, dann kotze ich. Wir haben einen Fehler begangen, und jetzt arbeiten wir an der Lösung, verstanden? Alles, was ich hier tue, ist dich fragen, welche Version du eher bevorzugst."

„Du sprichst hier andauernd von ‚uns', als ob du irgendwas mit diesem Schlamassel zu tun hättest."

Ich zucke mit den Schultern. „Wir sind ein Team. Eine Einheit. Ob du Scheiße baust oder ich, ist im Endeffekt vollkommen wurscht. Wir lernen daraus und arbeiten gemeinsam an einer Lösung."

„Heilige Scheiße, wieso bist du eigentlich so lässig über alles? Hast du irgendwie 'nen mini Zen-Garten in deiner Tasche versteckt oder behältst du gerade absichtlich alles nur für dich? Na los doch, raste endlich aus und wirf mir Schimpfwörter an den Kopf! Du weißt genau, dass ich es verdient hätte."

„Was lässt dich glauben, dass ich das nicht schon längst getan habe, nur um dann alles wieder zurückzunehmen?"

Es war eigentlich nur als Witz gedacht, um sie auf den Arm zu nehmen, doch ich bereue meine Worte, noch bevor sie meinen Mund richtig verlassen haben. Ich bin verärgert, und die Worte müssen sie in der völlig falschen Tonalität erreichen—viel zu verbittert, bissig und herablassend, anstelle von neckisch und verspielt. Sie treffen sie mitten ins Herz.

Sie blinzelt mich an, als wäre ich gerade zu einer ganz anderen Person mutiert. „Hast du ehrlich?"

Ich schüttle den Kopf unter frustriert verzogener Miene. „Nein. Ich bin nur mal wieder ein Arschloch zu dir. Entschuldige."

„Oh." Eine kurze, dafür jedoch umso unangenehmere Pause entsteht. „Tja… du musst es ja sowieso alles wieder zurücknehmen, von daher…"

Ich möchte glauben, dass sie mir glaubt, doch ihr Zweifel ist da, offenkundig, sorgfältig und mit Nachdruck gesät tief in ihrem Innern. Ich stelle mir vor, wie er sprießt und langsam heranwächst, wohl genährt mit jeder folgenden Enttäuschung und jedem weiteren unvermeidlichen Zerwürfnis, wie er irgendwann aufblüht mit seinen übelriechenden Rosen der Verbitterung und seinen Dornenranken, die sich immer kräftiger und unüberwindbarer zwischen uns schieben und wachsen, bis wir eines Tages beide einsam verkommen hinter einer undurchsichtigen Hecke aus Lügen und Zweifeln.

Ich werde anfangen, mir Sorgen zu machen, falls du irgendwann mal kein schlechtes Gewissen mehr haben solltest deswegen, waren ihre Worte, wie ich mich erinnere. Ganz gleich wie sehr wir uns auch bemühen, die Zeitreise kann leicht zur untragbaren Belastung in unserer Beziehung werden. Insbesondere wenn ich zu allem Überfluss noch ein dummes Arschloch zu ihr bin, wo es ihr doch sowieso schon nicht besonders gut geht im Augenblick.

Immerhin habe ich diesmal ihre Erlaubnis, diesen verdammten Ausrutscher wieder ungeschehen zu machen.

„Also gut, es ist also entschieden. Bis… vorhin, Chloe."

„Halt, Moment! Warte noch eine Sekunde!"

Chloe erhebt sich, gibt dem Türgriff des Autos einen kräftigen Ruck und—wie hätte es auch anders sein sollen—die Alarmanlage geht los und schallt mit schrillem Hupen über den ganzen Strandparkplatz. Gut gespielt, ihr Götter der Ironie.

Ich kann das Knirschen ihrer Zähne beinahe bis hier hören, sogar noch über den ohrenbetäubenden Lärm des Autos, während sie in ihrer Tasche nach dem Schlüssel wühlt, die Türe endlich ordnungsgemäß öffnet und dabei den Alarm beendet. Sie kramt einen Stift und das Tagebuch aus meiner Tasche und macht sich daran, etwas aufzuschreiben.

„Was hast du vor?"

„Klappe."

Sie benötigt etwa eine Minute, bis sie fertig ist. Dann reißt sie die Seite kurzerhand aus dem Buch, faltet sie zweimal in der Mitte und kehrt zu mir zurück.

„Gib mir das," sagt sie und hält mir das Papier entgegen. Ich nehme es an mich und beginne, das Blatt aufzufalten, sie hält mich entschlossen fest. „Wehe, du liest das, ich warne dich."

„Aber, was genau soll das sein?"

„Geht dich nix an, das soll es sein."

„Ach komm schon, echt jetzt?"

„Ja, echt jetzt. Ich mein's ernst, ich lese dein Tagebuch auch niemals, also lass du gefälligst die Finger von meinem internen Schriftverkehr. Ich will mir nur selber was mitteilen, das ist alles." Sie schließt meine Hand um das Stück Papier und lehnt sich näher an mich heran, sieht mir direkt in die Augen, als kenne sie jeden einzelnen meiner Gedanken und Impulse. „Lies. Das. Ja nicht. Versprich's mir."

„O.K., na schön, ist ja gut! Ich versprech's ja schon…"

„Und jetzt geh und bring dieses Schlamassel wieder in Ordnung. Und… ‚Ich riech' dich vorher', du Dummdepp."

Ich küsse sie zum Abschied ohne eine nennenswerte Leidenschaft dahinter und stecke die Notiz ein. Besser, sie außer Sichtweite aufzubewahren, um der Verlockung vorzubeugen.

Ein weiterer tiefer Seufzer entgeht meinen Lippen, ehe ich endlich beginne, die Zeit zurückzudrehen. Chloe fängt an, sich rückwärts zu bewegen, zuerst langsam Richtung Auto voller Zorn und Schwermut, dann schneller wieder den Pfad zur Klippe hinauf, deutlich entspannter in ihrer Bewegung, während sie noch so tut, als hätte sich jemand bei ihr untergehakt, der in Wahrheit gar nicht da ist. Ich denke zurück an all die Momente, die wir dort oben beim Leuchtturm miteinander geteilt haben, jedes einzelne, aufrichtige und innig empfundene Wort, welches nun für immer verklungen sein wird. Ich war sowas von stolz auf das Ganze. Auf mich selber. Ich sagte ihr exakt die Dinge, die ich ihr sagen wollte, und ich sagte sie genau richtig beim allerersten Versuch. Sie waren offenherzig und leidenschaftlich und nur so von Liebe erfüllt. Authentisch.

Ich will versuchen, sie alle in meinem Gedächtnis am Leben zu halten und sie ihr dann noch einmal zu sagen, ganz von vorne, denn sie braucht sie, sie muss sie hören… auch wenn sie niemals wieder ganz dieselben sein werden…

Und da sind auch die Teenager, wie sie zielstrebig zurückflüchten vom Tatort, wie sie unsere Reifen wieder heilstechen, wie sie die dümmlichen Verunglimpfungen aus der Karosserie hinfortritzen. Nur zwei von ihnen haben die Tat tatsächlich begangen. Zwei weitere standen einfach nur beklommen maulaffenfeil und sahen dumm dabei zu, während der fünfte etwas weiter Richtung Pfad Wache stand. Und als ich so beobachte, wie das Taschenmesser langsam die letzten Kratzspuren ausradiert in seiner seltsam anmutenden Rückwärtsbewegung… da kann ich schon spüren, wie meine schwermütige Resignation rasch weicht und nachgibt unter einem anderen Instinkt. Einer weit dunkleren, grimmigeren und auch ein klein wenig rechtschaffenen Gefühlsregung. Sie ist jedoch nicht weniger pragmatisch und auch dieser feine Hauch der Schadenfreude lässt sich nur schwerlich leugnen. Es ist eine komplizierte Empfindung. Wenn ich sie mit nur einem einzigen Wort beschreiben müsste, ich müsste gut möglich behaupten, sie fühlte sich an wie der Racheengel in mir.

Ich war eigentlich nur darauf aus, die Uhr bis hin zu dem Zeitpunkt zurückzudrehen, an dem wir überhaupt erst hier angekommen waren, Chloe dann einfach die ganze Situation zu erklären und dann ab dafür, doch wisst ihr was?

Scheiß drauf.

Noch während der Fast-absolut-Zeitlupe bewege ich mich in Richtung Auto. Ich sammle mir noch hier und da ein wenig Information über meine Opfer aus ihren Geldbeuteln, damit sie sich auch ja an mich erinnern werden. Dann klettere ich kurzerhand auf das Auto, zuerst die Motorhaube und schließlich komplett aufs Dach. Doch bevor ich die Zeit wieder loslasse, nehme ich noch die Mütze ab und löse meinen Pferdeschwanz. Ich kämme mir mit den Fingern durchs Haar, damit es auch ja zerzaust und wild aussieht und mein Pony mir die Augen und Teile des Gesichts verdeckt. Dann ziehe ich noch meine Handschuhe an, weil warum zur Hölle eigentlich nicht? Ich gehe in die Hocke, Ellbogen ruhen auf den Oberschenkeln, Hände baumeln dazwischen, langer Mantel ausgebreitet weht leicht um mich im Wind und ich beobachte, bis der Junge, den Chloe als ersten zur Sau gemacht hatte, gerade dabei ist, seine Klinge am Lack des Autos anzusetzen.

Showtime.

„Sicher, dass du das auch wirklich tun willst, Junge?"

„Washateufel!"

Der arme Kleine stolpert rückwärts, fällt beinahe auf seinen Hintern. Hah, ‚der Kleine'. Dieser Typ ist vielleicht gerade mal ein oder zwei Jahre jünger als ich.

Alle fünf von ihnen starren, als hätten sie gerade einen Geist gesehen, dabei ist da doch nur eine dieser ‚geistesgestörten Huren', welche wie aus dem Nichts aufgetaucht ist auf dem Dach eben jenes Autos, das sie gerade verunstalten wollten.

„'Huren Lesben'? Nicht gerade einfallsreich, oder, Jonathan? Ich meine, ist dir wirklich nichts Sinnvolleres eingefallen?"

Ich springe herab, eine kurze Ein-Sekunden-Zeitreise, um die letzten paar Zentimeter Richtung Boden zu schweben. Es ist eine der wenigen coolen und spaßigen Sinneseindrücke, die mit diesen Kräften einhergehen; es fühlt sich an, als senkte sich die Gravitation für eine Weile um mich herum. Aus ihrer Perspektive muss es so aussehen, als hätte ich mich gerade ganz einfach vom Dach direkt auf den Asphalt teleportiert.

„Wah—!" Diesmal fällt Jonathan tatsächlich hin, das Taschenmesser schlittert einige Meter über den Teer außer Reichweite. Alle anderen nehmen einen zaghaften Schritt rückwärts, bis auf den einen, der am unteren Ende des Aufstiegs herumsteht. Der ist zur Salzsäule erstarrt.

„Ihr solltet euch besser nicht mit Leuten anlegen, die ihr nicht kennt," erkläre ich ihnen gelassen. „Es könnte sich herausstellen, dass ihr euch Jemanden zum Feind macht, dem ihr nicht gewachsen seid..."

Ich gehe nebenher beiläufig zum Messer hinüber und hebe es auf. Dann wende ich mich Mike zu—dem anderen der beiden Missetäter. Drei aus fünf weichen nur noch weiter vor mir, als wären sie plötzlich in einem Horrorfilm gelandet und ich wäre der Serienmörder, stets auf der Suche nach meinem nächsten unverhofften Opfer. Der gute Mike hat schon jetzt die Hosen voll und macht sich mit Affenzahn in Richtung Wald aus dem Staub.

Er ist bestimmt einen guten Kopf größer als ich. Lustig. Im Moment sieht er ganz klein aus.

Ich begebe mich an die Stelle, wo er bis eben selbst noch stand, und drehe die Zeit abermals zurück. Von seinem Standpunkt aus muss ich gerade urplötzlich direkt neben ihm aufgeploppt sein, das Messer hüfthoch und seitwärts in meiner Hand.

„Manche Menschen, mit denen ihr euch anlegt, sind möglicherweise nicht einmal… menschlich."

Er schreit auf in unterwürfig wimmerndem Schreck und zuckt so schwer zusammen, dass er dabei sogar noch kleiner wirkt als ich. Noch einmal taumelt ein jeder von ihnen ein paar Schritte rückwärts, eilig auf der Suche nach möglichst viel Distanz zwischen sich und mir—mit alleiniger Ausnahme von Nummer Fünf, nach wie vor scheinbar festgefroren. Während die anderen einen ungläubigen Fluch nach dem nächsten ausstoßen, verharrt er mucksmäuschenstill, während ich mich ihm mit aller Zeit der Welt immer weiter nähere, ihn halb umkreise und hinter ihm zum Stehen komme. Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn, einzelne Tropfen laufen ihm schon die Schläfen hinab. Sein Atem zischt leise vor und zurück, als er mit seinen klappernden Zähnen kollidiert. Vielleicht denkt er, ich wäre in T-Rex und könne ihn nicht sehen, solange er sich nicht rührt?

Eine weitere Zeitreise. Ein weiterer Sprung durch Zeit und Raum. Ich lehne mich dicht heran an sein Ohr.

„Buh!"

„Aah!"

Er wirft sich zu Boden, dreht sich weg, während er noch panisch versucht davon zu krabbeln. Ich stehe über ihm, grimmig und ehrgebietend und gottverdammt nochmal fürchterlich.

„Hört zu, Kinder. Findet Zuflucht oder verlasst die Stadt. Warnt jeden, der zuhören will, er soll auf die Zeichen achten. Ein weiterer Sturm braut sich zusammen…"

Es ist, als hätte ich eine Zauberformel gesprochen. Sie starren mich allesamt an, wie vor den Kopf gestoßen. Es ist einfach, die richtigen Worte zu treffen, wenn man unendlich Zeit und Versuche hat, darüber nachzudenken und sie der Reihe nach auszuprobieren.

„W—We—" Nummer Fünf schlottert und stottert vor sich hin. Er versucht es noch einmal. „Wer—wer bist du?"

Ich habe schon beinahe ein schlechtes Gewissen ihm gegenüber. Chloe hatte sie ganz schön zur Sau gemacht, ohne eine wirkliche Provokation. Obwohl auch das keine Entschuldigung ist, jemandes Auto derart zu verunstalten, wie sie es getan haben… getan hätten.

Wenn man vom Teufel spricht, gewaltige Schritte donnern den Pfad herab und werden im Näherkommen immer lauter. Heiliger Bimbambino, mein Mädchen kann vielleicht rennen.

„Max! Wo bist du hin, Max!"

Ich grinse bis über beide Ohren in Richtung meines überaus dankbaren Publikums. Na gut, vielleicht fletsche ich hier auch nur meine Zähne, schwer zu sagen.

„Du hast die Lady gehört. Ich bin Max."

Ich greife in meinen Mantel und löse die Waffe aus ihrem Halfter, das fiese Grinsen sofort verflogen.

„Und jetzt schert euch zum Henker, aber dalli!"

Es mag eine Sache sein, Furcht über sich ergehen zu lassen, rein aus Neugierde, um zu erfahren, was es mit diesem sommersprossigen Wald-Imp auf sich haben mag; es ist eine ganz andere, der sehr realen Bedrohung einer geladenen Handfeuerwaffe einer unberechenbar angepissten Unbekannten gegenüberzustehen. Die Jungen zucken noch einmal alle im Einklang zusammen, ballen die Hände zu Fäusten und suchen dann so schnell wie möglich das Weite, wobei sie sich mehrmals fast noch gegenseitig umrempeln, ehe sie mir endlich aus den Augen sind.

Ich stecke die Waffe weg und beobachte noch ihren völlig überstürzten Abgang. Und wie sieht es nun damit aus? War das hier etwa ebenfalls vorgesehen, so zu passieren?

Im Moment geht mir das doch alles vollkommen am Arsch vorbei.

„Max…"

Chloe erreicht endlich den Fuß des Hügels, wo ich stehe, bremst kaum nennenswert ab und reißt mich schier fort mit ihrem unaufhaltsamen Impuls. „Was zur Hölle ist passiert? Einen Moment noch reden wir, im nächsten löst du dich mal wieder vor mir in Luft auf."

„Die Jungs von der Klippe hatten unser Auto kaputtgemacht. Deshalb haben wir entschieden, dass ich sie besser davon abhalten sollte."

Sie keucht noch immer außer Atem von ihrem Dauerlauf. „Wer? Diese kleinen Stinker, die ich verscheucht habe?"

„Eben jene. Hast du noch was davon mitbekommen?"

„Du meinst… bevor du die Waffe weggesteckt hast? Nicht wirklich."

„Och menno, es war sowas von cool, du wärst bestimmt stolz auf mich gewesen."

Sie hält mich mit beiden Händen auf Armeslänge, grübelt nach über meine Worte.

„Also, was du sagen willst… ich hab' also mal wieder Mist gebaut und du durftest es wieder in Ordnung bringen, habe ich Recht? Was eine riesen Scheiß-Überraschung das mal wieder für dich sein muss..."

Jetzt nur nicht frustriert aufächzen, nicht stöhnen und gifte sie ja nicht schon wieder aus Versehen unnötig an, das macht es für sie nur schlimmer.

„Wir alle bauen hin und wieder Mist, Chloe. Wir sind noch immer menschlich. Und ich müsste lügen, würde ich jetzt behaupten, dass es keinen Spaß gemacht hätte, was gerade eben passiert ist, von daher… öhm, wie auch immer, hier, lies das." Noch bevor sie auf die grandiose Idee kommen könnte, sich noch weiter vollzusudeln mit ihrer Selbstbemitleidung, ziehe ich den Brief aus der Tasche und halte ihn ihr hin. „Ist von dir selbst."

Sie nimmt die Notiz in die Hand, eine Augenbraue fragend nach oben gekrümmt. „Ein Brief von mir an mich selber oder was jetzt? Mal ganz ehrlich, ich verbringe echt zu viel Zeit in deiner Gegenwart."

Chloe faltet das Stück Papier auf. Ich kann ihre große, krakelige Handschrift von hier aus erkennen, wenn auch kopfüber. Ich könnte sie lesen, wenn ich wirklich wollte…

Nein! Nein, nein. Ich habe es versprochen. Stattdessen konzentriere ich mich, ihr Gesicht zu lesen."

Zynische Neugierde weicht einem düsteren Grübeln wandelt sich schließlich in nachdenklichen Kummer. Sie sieht einmal kurz zu mir auf, fast schon fragend, dann wieder auf das Geschriebene. Sie blinzelt herannahende Tränen beiseite und zieht dann die Nase hoch, während sie sich ziellos von mir wegdreht, zunächst in Richtung Wellen und Meer, dann hinauf gen Wolken und Himmel, als könne von dort der dringend nötige Trost herabregnen, welcher ihre gekränkte Seele zu heilen vermag.

„Hey, geht's dir gut? Was steht denn da jetzt?"

Sie sieht mich wieder an, ihre Augen und Wangen gerötet und von sich anbahnender Einsicht erleuchtet. Sie bringt ihre Hände um mich und zieht mich in eine innige Umarmung, küsst mich auf den Kopf und drückt mich dann fest gegen die sanfte Beuge unter ihrem Kinn auf ihrer Brust. Ihr Herzschlag pocht direkt unter der Wärme ihrer Haut, ein tastbarer Rhythmus, nur leicht erhöht, gegen meine Schläfe und Ohr. Und auch das Rasseln ihrer Lungen kann ich hören, in unregelmäßigem Takt nach ihrer Hatz den Hang herab. Ihre Stimme hängt am seidenen Faden, den Tränen nahe. „Unter anderem… ‚wehe, du lässt sie das lesen.'"

„Ach, komm schon!"

Ich kann hören, wie sich das Papier langsam zu einer Kugel in ihrer Faust knüllt."

„Es ist etwas, das ich irgendwie vergessen hatte. Ich werde mich von jetzt an besser daran erinnern."

„Du wirst es mir wirklich nicht verraten."

Es ist mehr eine beklommene Feststellung denn eine hoffnungsvolle Anfrage. Sie schüttelt den Kopf, ihre Wange steift feucht meine Stirn.

„Entschuldige, dass ich dir schon wieder so ausgeflippt bin, Max. Ich hab's irgendwie mal wieder nicht richtig gepackt."

Ich sehe zu ihr auf und in einem plötzlichen, irrationalen Gemütsanfall fühle ich mich… eifersüchtig.

Nicht auf sie, nein, das nicht, doch auf mein vergangenes Selbst. Auf jene Person, die nun mit Sicherheit wüsste, was es mit dieser mysteriösen Nachricht auf sich haben mag. Jene andere Max, nun mehr nur noch lebendig in schwindenden Erinnerungen und verblassenden Textseiten und lieblos geschossenen Sicherheitsselfies. Jene, die sich durch Katastrophen kämpfte Seite an Seite mit der einen und einzigen wundervollen Waise, die ihr jemals von Bedeutung war. Jene, die zu Chloes tiefsten Momenten hinabsank, ihren ungemeinten Hass geteilt, ihre verzagten Schluchzer überwunden und die Konsequenzen ihrer Handlung mit Stolz ertragen hatte. Jene Max, die sich selbst in schwärzester Nacht an Chloes Seite kuscheln durfte mit dem festen Wissen, dass sie es sich verdient hatte durch Blut und Tat und Verzweiflung. Jene Max mit ihrem sich endlos windenden Gespinst eines dunklen Garns, der sich durch ihre Gedanken zog, und ihrem Feuerproben-gestählten, eisernen Willen. Ihre Tragödie war real. Ihr Schmerz war im Einklang mit dem jener Frau, die sie über alles liebte. Wie viel inniger mochten sie wohl in all ihren Abenteuern zusammengeschweißt werden in einer Zeit, die ich sinnlos verbrachte, den Schmerz hinter mir zu lassen und sie zu vergessen?

Für Monate betrauerte ich einen Tod, der niemals war, verbittert und verstoßen von einer fast-perfekten Welt, welche mein Herz niemals akzeptieren konnte, da sie unvollständig war auf die eine und einzige wundervolle Weise, die mir jemals von Bedeutung war. Ich traf eine ungeheuerliche Entscheidung. Und davor die eine und einzige Entscheidung, die ich jemals bereuen werde. Chloes Seele und Körper sind gezeichnet von den Narben dieser meiner Entscheidungen. Meine Wunden jedoch… meine Wunden sind niemals geheilt. Vielmehr sind sie einfach verschwunden und vergessen, fort wie notamputierte Glieder…

Und nun stehe ich hier, gedrängt auf die Bühne dieses schaurigen Trauerspiels, in einer Rolle, deren Zeilen ich nie lernte und deren Charakter ich nicht bin, getrieben von Ängsten, die ich nicht kenne, hinter einem Vorhang, den ich nicht sehe. Und genau in diesem Auenblick fühle ich mich nichts als losgelöst. Losgelöst von dieser Realität in einem Raum zwischen den Räumen, spiele einfach nur mit, mehr eine willenlose Marionette denn eine leibhaftige Person, auf das mich das richtende Publikum nicht allzu sehr auslachen möge wie die Witzfigur, die ich bin, in der Hoffnung dies sei nur eine billige Posse, ehe das echte Leben, die wahre Realität mich endlich einholt wie der seidene Strick um meinen Hals und die drohende Falltür unter meinen Füßen. Auf dass ich endlich an jenem Ort erwache, wo ich auch hingehöre, wo ich nicht länger jemand anderes Geist spiele und nicht mehr länger jemand anderes Geist mit mir spielt…

Ist dies der Grund, weshalb ich diese Stadt voll unschuldiger Menschen sehe und dabei verdammt nochmal gar nichts fühle? Weil sie für mich gar nicht richtig existieren?

„Max?"

Ich fahre zusammen in ihren Armen.

Ich bin… in ihren Armen.

„Was…?"

„Ich sagte, es tut mir leid."

Pass besser auf, was du dir wünschst, Max, überkommt mich mein eigener Gedanke. Auf der anderen Seite strahlt der Himmel stets blauer.

Sei du einfach froh, dass du bekommen hast, was du wolltest.

„Ich liebe dich, Chloe."

„Äh… O.K.? Ich liebe dich auch. Wo auch immer das jetzt herkam."

„Es kam von meinem Herzen. Denn ich liebe dich von ganzem Herzen. Du bist die Sonne meines Lebens, Chloe."

Sie schnaubt ein heiteres Lachen aus. „Heilige Scheiße! Du bist ja sowas von schnulzig, einfach unfassbar…"

Die Art und Weise, wie sie es sagt, lässt eine fast schon lächerlich anmutende Wonne aufblühen in meiner Brust, denn es waren die exakt richtigen Worte, auf die ich es abgesehen hatte.

Ich stelle mich parallel an ihre Seite und hake mich erneut bei ihr unter, genau wie zuvor.

„Also gut," beginne ich. „Was war das Letzte, was ich da oben zu dir gesagt habe?"

Unser Gespräch entfaltet sich in gewohnter Weise. Ihre Notiz, was immer sie gewesen sein mochte, lässt das Ganze nur noch leichtherziger werden—die Gewissheit, dass ich sie erreichen und einfach zu ihr sprechen kann, macht es nicht ganz so verhängnisvoll wie zuvor. Und während wir so reden und scherzen und einander unsere Herzen ausschütten, ringt ein einzelner Gedanke, der schon viel früher von Anfang an hätte offensichtlich erscheinen sollen, meinen Lippen zum wiederholten Male ein leises Lächeln ab. Ich teile ihn mit ihr, denn es ist heute, da ich entscheide, dass ich von nun an einfach alles mit ihr teilen werde. Alles.

Dieses Beschreiten vergangener Pfade muss kein trostloses Dahintrotten sein, wortlos Seite an Seite. Es könnte genauso gut ein kostbares Privileg sein. Eine Chance, die keiner sonst jemals erhalten wird, erinnerungswürdige Momente neu zu erleben, sie zu zementieren wie die Monumente in meinem Gedächtnis und wie die Schätze all unserer gemeinsamen Kaperfahrten, die sie sind. Und manchmal, wer weiß, sogar eine einmalige Gelegenheit, aus etwas Gutem etwas noch Besseres werden zu lassen. Solange sie davon erfährt. Solange sie ein Teil davon ist… dann kann ich mit ihr gemeinsam in den Unterschieden schwelgen.

Vielleicht ist es wahr, vielleicht habe ich diese Kraft aus einem Grund. Einem guten Grund.

Vielleicht, mit nur genug Zeit und Erfahrung, kann ich lernen, sie sogar zu lieben. Immerhin ermöglichte sie mir ein Leben an Chloes Seite.

Ganz egal wie beschissen dieses Leben auch sein mag.


David hat sich ein Ein-Zimmer-Apartment am anderen Ende Arcadia Bays gesucht, wie mir Chloe während unserer Fahrt durch die angrenzende Nachbarschaft erklärt. Die Leute, die jetzt in ihrem alten Haus (oder sollte ich besser sagen, in dem Haus, das auf dem Grundstück, auf dem ihr altes Haus bis vor kurzem noch gestanden hatte) leben, scheinen mit ihrem Einzug schon fast fertig zu sein. Wir konnten sie im Vorbeifahren in Richtung unseres eigentlichen Ziels beim Kartons-Tragen beobachten. Scheinen echt nette Leute zu sein, Eltern mit einem Sohn und einer Tochter, beide deutlich jünger als Chloe und ich. Ich wäre beinahe verlockt gewesen, ihnen von dem drohenden Unheil zu berichten, das uns allen Anscheins nach an diesen Ort mitgefolgt ist, doch sie werden es bestimmt schon bald selber bemerken. Die Vorzeichen liegen schon überall tot in der Stadt verteilt.


Ich tippe mit der Fußspitze gegen die Überreste einer Sprosse der ehemaligen Strickleiter. Abgerissen und am Boden einige Meter von ihrem Bestimmungsort entfernt.

„Tja, so viel also dazu."

Ich hatte große Hoffnung. Keine von uns beiden hat diesen Abschnitt des Waldes auch nur ein einziges Mal in beinahe sechs Jahren betreten. Unsere Väter, kraftstrotzend und männlich, wie sie waren, hatten uns geholfen es aufzubauen, nur um anschließend auf der Stelle und für alle Zeit von hier verbannt zu werden.

(Na gut, sie haben es gebaut, während wir größtenteils so getan haben, als wären wir irgendeine Hilfe, obwohl wir eigentlich nur totale Nervensägen gewesen sein konnten.)

Ist nicht mehr viel übrig geblieben von unserem super-duper geheimen Baumhaus-Piratenversteck bis auf morsches Holz und geschmacklose Graffiti. Es hatte ja sowieso noch nie viel hergemacht, anders als in unserer grenzenlosen Fantasie war es keines dieser lächerlichen ‚Holzvilla in Baumkrone'-Klischees, wie sie so häufig in Filmen zu sehen sind, aber… es war unseres. Dort oben, auf diesem krummen Ast dort—auf den ich mich heute niemals wieder trauen würde, ich meine, das ist doch viel zu gefährlich und überhaupt ich bin doch viel zu ungelenk und schusselig für sowas, sind wir da echt immer hochgekraxelt?—von diesem stolzen Mast aus hatten wir neue Gestade gesichtet, vom verwunschenen Eichhörnchen-Eiland bis hin zur Alte-Männer-Stinke-Höhle. Wir plünderten und brandschatzten die Küste rauf und runter, unser Schlachtruf war auf allen sieben Weltmeeren Arcadia Bays bekannt und gefürchtet, während wir uns mit Apfelsaft betrunken haben, Jo-ho, und 'ne Buddel voll Most.

Und es hatte eine Strickleiter, wie cool ist das bitte?

Das Baum-Tattoo direkt vor mir hatte einst Max & Chloes Piratenbucht aufgemalt. Heute steht es mit überschrieben mit etwas, von dem ich denke, nicht einmal Chloe könnte es guten Gewissens laut aussprechen. Und natürlich wurden auch unsere eingeritzten Strichfiguren mitsamt Hüten und Augenklappen nicht minder verschont. Irgendjemand hat sich hier wohl für besonders clever gehalten und ihnen beiden völlig überdimensionierte Penisse aufgesprüht, und zwar so, dass sie sich wie zwei Schwerter überkreuzen.

Klassisch.

Ich schätze mal, es ergibt nur Sinn, dass es nicht sechs lange Jahre geheim bleiben würde—ich meine, mal ganz ehrlich, Chloe hatte den Ort auf der Karte oben beim Leuchtturm markiert, das Genie, das sie damals wie heute war und ist—doch ich hatte zumindest gehofft, dass es sich richtige Kinder zu Nutze gemacht hätten anstelle dieser verfickten Teenage-Kindsköpfe, die es nur kaputtmachen und verschandeln. Obwohl der Tornado in dieser Hinsicht womöglich auch seinen Teil beigetragen haben könnte…

Und, ja lecker, ‚verfickte Teenager' im wahrsten Sinne, diesem ekelhaften Restmüll nach zu urteilen.

Chloe steht am Fuße unseres Baumes, sieht auf zur Ruine in dessen Krone mit leidgeprüfter Resignation. „Also wenn das mal keine Voll-in-die-Eier-Metapher für unser ganzes, beschissenes Leben ist, dann weiß ich auch nicht mehr."

Ich begebe mich zu ihr hinüber und bringe meine Finger auf ihre Schulter, folge ihrem Blick hinauf. Geborstene und lose Holzplanken ragen über uns hervor wie zerbrochene Zweige eines im Sturmwind verlassenen Vogelnests.

„Unser Schiff ist gesunken, Käpt'n Price."

„Sie ist nichts mehr weiter als Treibgut in den Wellen, erster Maat Caulfield. Immerhin wir haben es noch in die Rettungsboote geschafft, habe ich Recht?"

„Aye, gerade noch rechtzeitig." Ich bringe meine Hüfte an die ihre und meine Hand an ihre Taille. „Tut mir leid. Ich dachte, das gäbe eine lustige Abwechslung."

„Schon in Ordnung, dachte ich auch." Sie wirft einen Blick auf ihr Handy. „Immer noch etwa eine Stunde bis zum ersten Zeitsprung heute Morgen. Du hättest länger schlafen sollen."

„Ich pfeife mir einfach literweise Kaffee zu Abendessen rein. Du… willst das doch immer noch durchziehen, oder?"

„Schon. Nachdem wir… du-weißt-schon-wo vorbeigeschaut haben."

„Ich folge dir."

Sie presst ihre Lippen gegen mein Haupt und zieht mich dann fort vom Ort dieses Ungeschehens. Wir schreiten gemeinsam, kleine Finger eingehakt, den dicht überwucherten Pfad vor uns entlang, überschattet von uralten Eichen, flankiert von schwarzweißen Birken und gelotst von heimatlichen Fichten, sie alle flüstern und murmeln in der abermals anschwellenden Bö des Windes um uns herum. Jeder Schritt fühlt sich unnatürlich schwerfällig an. Wahrscheinlich nur deshalb, weil uns unsere Herzen bis in die Schuhsohlen gerutscht sind.

Ja, ich weiß, es ist kindisch, so sehr an seiner Vergangenheit zu hängen, wir sollten schon längst darüber hinweg sein, aber dennoch… es fühlt sich an wie Verrat. Verraten von unserer eigenen Heimat.

Auf der anderen Seite, ich habe damit angefangen, nicht wahr?

Ich denke, somit ist es rechtmäßige Vergeltung.


Ich beobachte Chloe, wie sie die beiden Ringe mit dem Daumen in die dunkle Erde drückt. Sie schluchzt leise und mit anmutiger Selbstbeherrschung. Mit tiefster Ehrfurcht. Es ist die schöne Art von Weinen, die befreiende, mit sonnengeküssten Spuren, die sich ihre Wange hinabziehen, und einem langsam schwelenden Brennen in den Lungen und im Herzen. Ich muss den feuchten Schleier vor meinen Augen fortblinzeln, denn es existiert keine Realität, in der ich sie weinen sehe, und dabei nicht meine eigenen Tränen vergieße.

Lockere, feuchte Erde regnet hinab in das Loch, das wir zwischen den Gräbern gegraben hatten. Sie schiebt den Aushub wohlweislich bedacht, so als wolle sie ihre eigenen Dämonen zwischen den Schichten begraben. Ich knie an ihrer Seite, meine eigenen Hände ganz genauso beschmutz und meine Fingernägel nicht weniger voll Dreck als die ihren. Wir hätten Werkzeug benutzen können. Es hatte sich richtig angefühlt, es von Hand zu machen.

„Sie sollten sie behalten," flüstert sie über die Schluchzer hinweg. Es ist nicht das erste Mal, dass sie es sagt.

Ich will sie fragen, ob sie sich auch wirklich sicher ist. Ich will ihr sagen, dass sie das Richtige tut, um ihren inneren Frieden zu schließen. Ich will sie wissen lassen, dass es auch in Ordnung wäre, wenn sie die Ringe für sich behielte, als Andenken, wenn sie das wollte. Nichts davon scheint mir wirklich hilfreich im Augenblick, und so überlasse ich es einfach meiner Hand, die selbstbewusst nach der ihren greift und unsere Finger vertraut ineinander verwebt. Sie klammert sich fest an mich, während ihre freie Hand weiterhin zuvor ausgehobene Erde in das dunkle Loch schüttet, bis es vollständig ausgefüllt ist. So gut wie vollständig zumindest, wie das halt so ist, wenn man Löcher gräbt und sie dann mit derselben Erde wieder auffüllen will; Man hat scheinbar niemals so viel wie zuvor. Sie drückt die Erde gedankenverloren mit flacher Hand fest, ehrgebietend. Ihre Fingerspitzen ruhen leicht auf dem ausgehöhlten Boden.

„Hey," flüstere ich ihr zu.

„Mh?"

„Ich will dir etwas sagen, aber ich weiß nicht, ob es jetzt auch das Richtige ist für dich zu hören."

„Sag es einfach. Ich werde wissen, was du meinst, sollte es falsch rüberkommen."

Ich lächle und mache mich auf den Knien näher an sie heran. „Ich wollte bloß sagen… jede Version von ihnen, die ich jemals antreffen und kennenlernen durfte, hat dich mehr als alles andere auf der Welt geliebt. Jede einzelne von ihnen. Sie… sie hätten gewollt, dass—"

„Ich weiß." Sie wischt sich die Nase ab mit dem Handrücken. „Ich weiß schon, Max. Danke."

„Sie wären so stolz auf dich, Chloe. Ich weiß das mit Sicherheit. Ich möchte, dass du es auch in deinem Herzen erkennst."

Sie schließt ihre Augen. Frische Tränen benetzen die noch feuchte Erde.

„Ich wünschte, dass das wahr wäre."

„Ich weiß, dass es wahr ist."

Sie lehnt sich zu mir herüber, ihr Kopf findet den meinen. Ich kann ein winziges Lächeln in ihrer Stimme hören. „Dad würde sowas von einer abgehen über unsre Betsy. Er würde wochenlang jedes noch so geheime Geheimfach in ihr durchwühlen, einfach nur um herauszufinden, wie genau alles funktioniert."

„Heh. Glaubst du, er wäre einverstanden mit, du weißt schon… uns? Zusammen?"

„Machst du Witze? Er wäre wahrscheinlich ein totaler David gewesen zu jedem dahergelaufenen Trottel, der potentiell sein kleines Mädchen knallen könnte. Aber du? Bestimmt wäre er überglücklich—und ich rede hier von ‚Gott-sei-Dank-es-ist-keine-unheilbar-tödliche-Krankheit'-erleichtert. Er war total vernarrt in dich."

„Ohh. Glaubst du wirklich?"

„Kein Zweifel. Und Joyce ganz genauso. Ich konnte es sofort spüren, schon als sie uns wieder zusammengesehen hatte letztes Jahr. Sie war so richtig ‚Gott-bitte-lass-Max-dieses-heillose-Chaos-von-einer-Tochter-wieder-in-Ordnung-bringen'."

Ich schmuse mich an sie heran, küsse sie auf die Unterseite ihres Kiefers. „Gab nichts in Ordnung zu bringen. Alles war so, wie es gehört."

Noch bevor sie es ausschnaubt, spüre ich ihr atemloses Lachen unter meinen Lippen. „Du lügst zu gut zu mir…"

Wir knien auf dem Friedhof, lehnen uns aufeinander. Unsere Finger, dreckig und von der Arbeit erschöpft, sind verbundene Zeugen unserer grenzenlosen Zuneigung. Wir knien in Stille, lauschen unserem vereinten Pulsschlag durch unsere Haut, die Ruhe nur gestört durch das windgetragene Rascheln der sich hin und her wiegenden Bäume in der Abendsonne.

Ein sorgfältig gepflanzter Rebstock wächst entlang eines Rahmens zwischen den Grabsteinen und Veilchen beginnen bereits zwischen den Blättern zu sprießen. Die Pflanze umrankt beide Steine gleichermaßen, hält sie Arm in Arm, verbindet sie zu einer Einheit. Jedes kleine Zweiglein ist fürsorglich gestutzt und getrimmt, sodass kein Teil der Inschrift verdeckt bleibt.

Auf dem Grabstein neben Williams steht Joyce Price. Nicht Madsen. Ich kann nicht genau sagen, warum, doch ich halte es für die absolut romantischste Geste, die David ihr zum Abschied hätte machen können.

Der Affekt überkommt mich ohne Vorwarnung, doch er erfüllt mich sofort in meiner Gänze. Die Worte verlassen meinen Mund, noch ehe ich richtig über sie nachdenken könnte.

„Chloe, ich wollte eigentlich noch damit warten, aber ich glaube nicht, dass ich hierfür ein noch besseres Timing treffen könnte, selbst wenn ich es versuchte."

Ich krame in der Innentasche meines Mantels. Sie wirft mir einen neugierig überraschten Blick zu, ihre Augen gerötet und doch seltsam ungetrübt und ruhevoll. „Besseres Timing wofür?"

Heraus kommt die kleine Schachtel, sorgfältig umhüllt in glänzendem Papier und einer blauen Satinschleife. Ich halte sie ihr erwartungsvoll entgegen. „Für dich."

„Was soll das…?" Sie hält sie hoch, dreht sie in diese und jene Richtung, als wäre es ein fremdartiges Artefakt von einem anderen Stern. Ihre Stirn liegt in Falten und in ihren Augen spiegelt sich sogar der Hauch einer besorgten Vorahnung.

„Es liegt wohl an dir, das herauszufinden, nicht wahr?"

„Aber Max, was soll das hier sein?"

In ihrer Stimme liegt ein leises Zittern. Warum nur ist sie plötzlich so nervös deswegen?

„Ich gebe dir doch nur ein Geschenk, wonach sieht es denn aus? Alles Gute zum Vor-Geburtstag."

Sie starrt die Box einen Moment ratlos an, bevor es endlich klick macht bei ihr. „Scheiße, übermorgen ist mein Geburtstag, habe ich Recht?"

„Du hast es vergessen? Deinen Geburtstag?

„Quatsch! Na ja, hatte halt irgendwie nicht daran gedacht mit allem, was gerade so abgeht."

„Aha. Na dann los, mach es auf."

Ich hatte erwartet, dass sie das Geschenkpapier einfach in klassischer Chloe-Manier herunterrupft, doch stattdessen öffnet sie ganz vorsichtig das delikate Schleifchen an der Oberseite und zupft behutsam an dem winzigen bisschen Klebeband mit ihren blau gefärbten, schwarz verdreckten Fingernägeln, bis die Hülle sich löst. Das Papier fällt hinfort und legt die eleganteste, mit Samt ausgeschlagene, kleine Schmuckschatulle, die sie jemals gesehen hat, frei.

„Max… du hast mir das gekauft? Wann zur Hölle hat du das denn besorgt?"

„Gestern. Ich habe geschummelt. Und jetzt, wo ich so darüber nachdenke, ist es technisch betrachtet Diebesgut."

„Pff! Hab' von dir auch nichts Anderes erwartet." Sie klappt die Box langsam auf. Es entsteht ein Moment der Stille, nur gestört vom imaginären Trommelwirbel in meinem Kopf, als die niedrigstehende Sonne ihr erstes Licht auf das schwarz glänzende Gold und die eingravierten Silberlinien wirft. „Boah."

Nicht gerade der stereotypisch übertriebe Jauchzer aus jeder schnulzigen Romantikkomödie, auf den ich gehofft hatte, doch in meinen Ohren mindestens genauso gut. Chloe befreit den Ring aus seinem samtenen Gefängnis und betrachtet ihn mit einem atemberaubenden Glitzern in den Augen. „Der ist ja so cool."

„Er hat noch eine Inschrift auf der Innenseite."

„Ja?" Sie hält ihn auf Augenhöhe. „Max & Chloe. Ohhh." Sie dreht ihn noch weiter vor ihren Augen und lacht auf mit einem übertriebenen Japser „In Guten wie in Schlechten Zeiten. Oh mein Gott, Max, du… das ist ja sowas von süß."

„Er ist auf keinen Fall als einfacher Ersatz für irgendetwas gedacht…" Ich streichle die nunmehr entblößte Stelle nackten Fleisches an ihrem Ringfinger, so zart und weich. „Mir ist nur aufgefallen, dass du deine Vergangenheit in Händen getragen hast, und ich dachte mir… vielleicht würdest du ja auch deine Zukunft stets bei dir tragen wollen."

Sie sieht vom Ring auf, ihre Lippen stehen leicht offen, Augen voll Erstaunen. Als sie die Gravur noch einmal liest rasen ihre Gedanken fern, ihre Stirn liegt in Falten, als lägen ihr bereits die Worte auf der Zunge und sie versuchte noch, sie nach Möglichkeit dort zu belassen. Ihre sprachlose Blase poppt plötzlich mit einem breiten Grinsen. „Für wie lange bist du an diesem schnulzigen Spruch gesessen?"

„Ich wollte ihn unbedingt loswerden, schon seit er mir gestern beim Einkaufen eingefallen ist. Zu dick aufgetragen?"

„Zur Hölle, nein! Machst du Witze? Überhaupt nicht. Na ja, vielleicht ein bisschen, aber ich liebe es." Chloe überreicht mir den Ring und hält mir ihre Hand entgegen, Finger gespreizt in offensichtlicher Erwartungshaltung. Ihr das Schmuckstück anzustecken ist mir eine Wonne weit lieblicher, als ich es jemals hätte erwarten können.

Sie schüttelt den Kopf. „Nur du könntest mir dieses Gefühl geben nach dem, was wir gerade getan haben."

„Ist das… das ist etwas Gutes, oder? Du meinst es als etwas Gutes, nicht wahr?"

Sie verdreht die Augen. „Ich weiß auch nicht, sag du es mir. Ich knie hier auf einem Friedhof vor dem Grab meiner Eltern und irgendwie fühle ich mich gerade glücklich. Ist das etwas Gutes in deinen Augen?"

Setzt sie etwa vorsätzlich kein Lächeln auf, nur um mich zu verdummbeuteln?

„Äh… ja? Oder etwa…?"

Sie antwortet, indem sie sich zu mir herüberlehnt und einen Kuss auf meinen Lippen platziert, ganz flüchtig und sanft. Ihre Stirn kommt gegen die meine zur Ruhe. „Ja doch, du Dummbeutel. Du bist echt unfassbar." Sie hält beide meiner Hände. „Du bist selbst schon ein wichtiger Teil meiner Vergangenheit. Und meiner Gegenwart. Dass du auch meine Zukunft sein willst, macht mich zum glücklichsten Mädchen überhaupt, ich werde dich mit Stolz für alle Zeit bei mir tragen. Das ist, was ich schon immer wollte, erinnerst du dich? Genau wie Lara Croft sein, nur halt in echt, und dich auf deinen Abenteuern rund um die Welt beschützen?"

„Heh. Ja, daran erinnere ich mich tatsächlich noch."

„Außer, dass wir jetzt hier sind und… nimm's mir bitte nicht übel, aber einen Augenblick lang, bevor du meinen Geburtstag erwähnt hattest, dachte ich doch tatsächlich, du würdest mir ausgerechnet auf einem gottverdammten Friedhof 'nen Antrag machen, und die Gravur war da auch nicht gerade hilfreich. Ich war mich nicht sicher, ob ich dich fragen sollte, ob das jetzt dein Ernst ist, oder doch einfach ‚Teufel, ja, worauf warten wir noch?' losschreien sollte."

„Ääh, 'nen Antrag? Also wie in…"

„In ‚Guten wie in Schlechten Zeiten', jup—weil, ich weiß nicht, wie es dir geht, aber ich bin völlig verrückt nach dir, so richtig volle Kanne verknallt, und leider vergesse ich andauernd wieder, dass wir ja für dich gerade erst zweit Tage zusammen sind, ich kann also unmöglich von dir erwarten, dass du—und außerdem, wir könnten ja sowieso nicht mal mehr unsere richtigen Namen verwenden, wozu also das ganze überhaupt? Du weißt schon, weil wir ja eigentlich offiziell schon tot sind und all das? Es ist bloß—hätte halt schon irgendwie was, findest du nicht? Einfach dieses, ja, Max ist meine Frau. Sie ist meine Frau, und ich ihre. Ist irgendwie sowas von cool nur darüber nachzudenken, klingt irgendwie einfach hammermäßig in meinen Ohren—was doch irgendwie seltsam ist, weil… na ja, ich hatte eigentlich immer diese grundsätzliche Abneigung gegen dieses ganze Heirats- und Ehegedöns, bevor wir uns letztes Jahr wiedergesehen haben. Aber hey, ist… ist schon gut, kein Grund, es gleich zu übertreiben, richtig? Was ich sagen will, ist… Scheiße, ich mache das hier schon wieder super-komisch, habe ich Recht?"

Ich kann mir nicht anders helfen, als laut loszulachen, wie jedes Mal, wenn Chloe sich peinlich verlegen verhaspelt. „Es waren eher ganze vier Tage aus meiner Perspektive, wenn man es genau nimmt. Das ist schon eine sehr langfristige Beziehung, die längste, die ich jemals hatte, ob du es glaubst oder nicht. Wir sollten uns vielleicht so langsam mal nach der niedrigsten Grunderwerbssteuer und der besten Schule für unsere Kinder umsehen."

„Jaja, lach mich ruhig aus, wenigstens denke ich mal an unsere Zukunft, im Gegensatz zu manch anderen unter den Anwesenden. Hör zu, ich wollte eigentlich nur sagen, ich bin wahnsinnig verliebt in dich und danke für den Ring, du hast es echt perfekt getroffen. In Ordnung?"

Ich schenke ihr ein liebevolles Lächeln. Sie hat so eine Art an sich, dass selbst ernste Themen Spaß machen, mit ihr darüber zu quatschen. „In Ordnung." Ich schmuse mich gegen sie. „Ich bin auch wahnsinnig in dich verliebt."

„Gut zu wissen." Sie legt einen Arm um mich, wobei sie darauf achtgibt, meinen Mantel nicht mit ihren Dreckpranken zu besudeln. Als ob mich das im Augenblick auch nur die Bohne kümmern würde. „Mit etwas Hoffnung bleibt das auch bis auf weiteres so, denn für mich heißt es sowieso schon längst ‚bis dass der Tod uns scheidet'. Nicht dass ich dich irgendwie beunruhigen will oder so."

Ich gebe ein leichtes Kichern von mir. Ich weiß nicht, ob ich ihre Worte unglücklich gewählt nennen sollte oder doch vielmehr fürchterlich angemessen.

„Nein, Chloe. Nicht einmal der Tod kann uns mehr für allzu lange Zeit voneinander fernhalten."

Sie drückt mich nur noch fester gegen ihre Brust, denn sie versteht sofort. Sie weiß es. Ich habe es ihr nie gesagt und sie hat mich auch nie danach gefragt, doch sie weiß es. Ich kniete hier schon einmal zuvor, brennende Augen wie glühende Asche und Lungen zerdrückt unter schmerzlichem Kummer. Ich kniete hier, an exakt dieser Stelle, und weinte meine verbitterte Seele aus vor einem Grabstein, dessen eingravierter Name nicht Joyce lautete.

Ihr Kopf neigt sich leicht, ihre Lippen streifen die Spitze meines Ohres. Ihr kitzelnder Atem wärmt mir die Haut. „Ich werde immer bei dir sein, Max Caulfield," flüstert sie.

Ich klammere mich fest an sie, atme ihren Duft tief ein, schmecke schon beinahe den Geschmack des getrockneten Schweißes auf ihrer Haut. Da ist sie wieder. Diese Verbindung zwischen uns. Sie erfüllt mich mit etwas, was ich nicht einmal zu beschreiben vermag, sie ist eine… eine alchemische Vereinigung zwischen unseren Seelen. Was immer sie ist, was immer sie sein mag, sie ist nicht normal, sie ist nicht von dieser Welt. Dies ist womöglich das erste Mal, dass mir die Worte, die BetaMax vor langer Zeit einmal niederschrieb, wahrhaftig einen Sinn ergeben: Was Chloe und ich zusammen haben, was uns verbindet, ist nicht von dieser Welt…

Erinnere dich stets an diesen Moment. Halte ihn in deiner Erinnerung.

„Für immer."


Tief in Nimmerland filme ich Chloe, wie sie gierig einen Burger mit extra Käse hinunterschlingt, als wäre es ihr letzter auf Erden—was… auf eine zutiefst verstörende und relativistische Art und Weise sogar der Wahrheit entspricht, irgendwie. Mit vollem Mund grinst sie in die Kamera, das Fett glitzert ihr noch im Mundwinkel, bevor sie gleich noch einmal herzhaft reinhaut.

Ich werde mich niemals daran gewöhnen können, etwas mit dem Handy aufzunehmen. Das Bild verwackelt ständig, der Fokus liegt dauernd auf der falschen Stelle und die Bilder huschen viel zu schnell und flüchtig vorüber, wie soll man einen Augenblick denn so bitte richtig einfangen können? Kein Plan, wie die Jugend von heute mit diesem ganzen Technikgedöns klarkommt. Gott, ich bin alt.

Ein weiterer Schatten wird auf unseren Tisch geworfen. Ich sehe auf. Ein freundliches, überaus höfliches Lächeln, etwas unsicher im Ausgang.

„Miss Frost, es tut mir wirklich unendlich leid, wenn ich Sie störe. Ich wollte mich bei Ihnen lediglich im Namen meiner Familie von ganzem Herzen erkenntlich zeigen für das, was Sie und Ihre Leute für uns getan haben. Dank Ihnen haben wir wieder ein Dach überm Kopf. Es ist wirklich faszinierend, dass jemand so junges so viel für diese Stadt tun könnte."

Der Mann, zirka fünfzig-und-ein-paar-Zerquetschte, reicht mir seine raue Arbeiterhand, Finger knorrig und spröde. Ich gebe mir möglichst viel Mühe, sie mit so viel Zuversicht zu schütteln, wie ich nur aufbringen kann, denn in meinem Hinterkopf meldet sich mein Dad zu Wort, der immer gesagt hat, es gäbe nichts Entmutigenderes als ein zu schwächlicher Händedruck. „Arcadia Bay hat noch weit mehr verdient," versichere ich ihm. Es ist mein zutiefst inspirierender Routine-Spruch seit den letzten zwanzig Minuten.

„Haben Sie vielen, vielen Dank. Oh, und guten Appetit."

Der Mann kehrt zurück zum Tisch seiner Familie. Seine mutmaßliche Frau empfängt ihn mit einem liebevollen Blick und drückt seinen Arm herzlich, als er sich hinsetzt, eine Geste, die bestimmt schon tausende Male zuvor zwischen den beiden ausgetauscht wurde.

Und genau deshalb grinst Chloe auch so deppert. Es war zur Hälfte der Grund, weshalb sie darauf bestanden hatte, dass wir das ganze aufnehmen: zu meiner fortwährenden Demütigung.

„Ich kann nicht glauben, dass du das einfach so allen verraten musstest."

„'U weisch' eau' as' usch' iebst'."

„Häh?"

„Ihab—" Sie schluckt runter. „Ich sagte, du weißt, dass du es liebst. Du hattest nicht ernsthaft geglaubt, dass ich dich hierherschleppe, nur um dich runterzuziehen, oder?"

„Nein, ich dachte nur, wir würden stattdessen… ich weiß auch nicht, uns unseren Dämonen stellen oder sowas."

„Ich bin hier der einzige Dämon hier. Sieh her, wie ich diesem Burger das Fürchten lehre." Sie richtet einen anschuldigenden Pommes-Frites-Finger auf ihr besagtes Opfer, während ihre andere Hand den Teller mit dem Burger drauf erzittern lässt. „Deine Pfannkuchen werden bloß kalt. Wehe dir, solltest du den Zorn der allmächtigen Früssen-Götter auf dich lenken."

Ich grinse hinter der Kamera. „Keine Zeit. Ich muss schon die schaurige Vertilgung des sakralen Opferfleisches auf Bild festhalten, oh satanisches Teufelsweib."

Chloe grabscht mir das Handy aus den Fingern und klemmt es zwischen Salz- und Pfefferstreuer auf dem Tisch, sodass es uns beide filmen kann. Auf dem Bildschirm prangt jetzt ein gewaltiger Fettfleck.

„Da hast du. Und nun, meine Untertanin, erweise sie ihrer Gebieterin Zeugnis des nahrhaften Abendmahles. Ich werde das genauestens überprüfen."

„Euer Wunsch ist mir Befehl oder wasauchimmer…"

Ich frage mich, wie lange es wohl dauern wird, bis sie sich keine Sorgen mehr um meine Essgewohnheiten macht. Wenn überhaupt, dann habe ich schon viel zu viel in mich hineingefuttert in den letzten achtzig Stunden oder so, manchmal sogar nur um diesen befriedigt glitzernden Zuspruch in ihren Augen aufleuchten zu sehen—genau wie jetzt gerade auch.

Ohne ein Wort hält sie mir ihren halben Burger erwartungsvoll entgegen und ich beiße großzügig ab. Ich schneide meinen letzten Pfannkuchen entzwei und schaufle das Stück hinüber auf ihren Teller, ordne es sorgfältig an, dass auch ja kein Ketchup die süße Süßspeise verunreinigen kann. Sie grabscht sofort danach mit bloßen Fingern, faltet ihn in der Mitte und stopft ihn sich in ihren unersättlichen Dämonenschlund. Mit vollen und immer noch etwas fettigen Backen sieht sie aus wie ein sexy Buddha-Hamster und ich muss kichern, während ich sie dabei filme, wie sie für gut eine Minute lang versucht, das Stück im Mund zu behalten und es auf angemessene Größe herunterzukauen.

„Dass du mir ja nicht daran erstickst, denn ich werde mich weigern, das wieder zurückzuspulen."

„'Asch väs' 'ert," artikuliert sie eloquent wie eh und je.

„Recht hast du. Opfer wollen eben erbracht werden…"

Ich versuche mein Bestes, die lächelnden Blicke, die uns immer wieder zugeworfen werden, zu ignorieren. Ich hätte niemals erwartet, dass in diesem Lokal um neun Uhr abends noch derart die Hölle los sein könnte, doch da sind sogar ein paar Leute, die sich mit Stehplätzen zufriedengeben oder nur an der Theke lehnen. Und sie wissen alle über uns Bescheid—oder vielmehr glauben sie das. Wir sind jetzt schon die zentrale Hauptattraktion, seit dieser Verdammten Standing Ovation, die man mir zu allem Überfluss schon spendiert hat. Chloe hatte sich die ganze Zeit schon so schrecklich vergnügt verhalten—ich war noch der Meinung, sie wäre einfach nur glücklich, das Two Whales so herrlich restauriert zu sehen. Dann hatte sie sich irgendwann in Richtung Toilette verabschiedet mit den unschuldigen Worten „Ich muss dann mal…" und noch ehe ich mich versehe, fangen die Leute plötzlich an, mir zu applaudieren, nachdem ein gewisser jemand hinterhältig und gewieft, wie sie ist, mit dem Chefkellner arrangiert hat, feierlich zu verkünden, wer exakt heute Abend unter den Sterblichen weilt. Ganz ehrlich, wenn Peinlichkeits-Überdosis eine anerkannte Todesursache oder ein legitimes Mordmotiv wäre…

Ich erkenne kein einziges ihrer Gesichter. An den Koch kann ich mich noch entfernt erinnern, denke ich, doch entweder weiß er selber nicht, wer ich wirklich bin, oder es geht ihm schlichtweg am Arsch vorbei. Und mit Sicherheit erkennt der ein oder andere Chloe, aber nicht diese Chloe. Nicht mit ihrem cool aussehenden und geschäftsmäßig wirkenden Haarknoten, den sie mit ein paar herausstehenden Stecknadeln fixiert hat, sowie mit der feschen Sonnenbrille, die sie mittlerweile zum Glück abgelegt hat. Nicht mit diesem dunklen Hosenanzug, den sonst nur erfolgreiche Damen tragen würden—oder Bodyguards, von mir aus—und nicht ohne diese griesgrämige Stimmung oder diese unschöne Angewohnheit, Leuten zu sagen, sie sollen sich gefälligst ins Knie ficken. Nein, nie und nimmer ist das diese Chloe. Und selbst wenn sie sie erkennen sollten, wow, das würde ja so vieles klären, nicht wahr? Sie ist gut befreundet mit Lauren Frost (also, ähm, wirklich, wirklich gut befreundet, hast du gesehen, wie die beiden sich anschmachten?) und diese Frost, die ist angeblich CEO-Slash-Erbin-Slash-Wasauchimmer der Schlag-Mich-Tot GmbH. & K.O. KG, Muttergesellschaft der ‚Eine Zukunft für Arcadia'-Stiftung, und sie war auch diejenige, die all das hier erst ermöglicht hat. Jetzt ergibt alles einen Sinn und überhaupt, wovon hatten wir noch gleich geredet?

„Alter," meint Chloe, als sie ihren Mund ausnahmsweise mal wieder frei hat, „ich habe diese Burger echt vermisst. So gut wie eh und je."

„Ich besorge dir noch einen zum Mitnehmen, dann hast du noch einen für die finale Zeitlinie, wie wäre es damit?"

„Meine Untertanin. Sie weiß die Gelüste ihrer Gebieterin zu stillen." Sie fängt an, sich die Finger einzeln abzulecken, gibt dann aber vorzeitig auf und wischt sich die Hände stattdessen mit einem ganzen Stapel Servietten auf einmal ab. „Weißt du, was mir am besten gefällt an Nimmerland? Alles ist für umsonst."

„Ernsthaft? Du hast mir die Zahlen gezeigt, könnten wir uns nicht tausende Two-Whales kaufen, wenn wir das wollten?"

Sie schenkt mir ein diabolisches Grinsen seitwärts, so als hätte ich ihr gerade exakt die Frage gestellt, die sie erwartet hatte. „Stimmt, hast ausnahmsweise mal Recht, wir sollten zur Abwechslung mal so richtig auf die Kacke hauen." Sie greift wieder nach dem Handy, gleitet geschwungen aus ihrem Sitz und erhebt sich. „Achtung, Leute, aufgepasst und hergehört! Als besonderes Zeichen ihrer Erkenntlichkeit für all die harte Arbeit und Aufopferung dieser Stadt hat mein Boss soeben beschlossen, dass sie alle Rechnungen des heutigen Abends übernehmen will! Also los, bestellt was immer ihr wollt und macht euch—" Der Rest ihres Vortrages wird überrollt von einer Flutwelle aus Jubelrufen und Applaus. Chloes arschgesichtiges Grinsen zeigt weit mehr Zahn, als es überhaupt jemals ein Anrecht hätte, während sie viel zu selbstzufrieden filmt, wie ich in meinem Sitz vor Peinlichkeit schmelze und zurückhaltend zaghaft winke, Wangen feuerrot und Finger verkrampft die Unterseite des Tisches festklammernd.

Sie setzt sich wieder hin, selbstgefällig und vollkommen sorgenfrei, fast so, als ob es ihr auch noch Spaß bereiten würde, mit dem Feuer, das meine finstere Rache sein wird, zu spielen.

„Ich werde dich tö-hö-ten," lasse ich sie im Singsang durch ein fast völlig aufgesetztes, halb-falsches Grinsen wissen.

Sie richtet die Kamera auf sich selber. „Hast du gehört, Price? Sie wird uns umbringen, also Obacht."

„Zu dem Zeitpunkt, da du das siehst, wird es schon zu spät für dich sein…"

„Sollte also das beste aus der Zeit machen, die mir noch bleibt."

Sie verleibt sich einen weiteren gehörigen Bissen ein und kaut übertrieben possierlich mit prallen Backen wie der Clown, den sie offenbar gefrühstückt hat.

Ich will ihr unter dem Tisch auf die Füße treten, wie sie es eigentlich verdient hätte, doch wie auch immer sie es auf ihre bezaubernde Art macht, fange ich stattdessen doch nur an, verspielt mit ihr zu füßeln. Chloe findet Gefallen an einem Ort, an dem ich eigentlich erwartet hätte, dass sie gebrochen in sich zusammenfällt und untröstlich weinend in einer Ecke verkriecht, und wenn das mal keine einhundert zu Tode beschämende Situationen wert ist, dann weiß ich es auch nicht. Offenbar findet sie ihre Freiheit in den ausweglosen Sackgassen der Zeit…

Ein Teil von mir weiß sehr wohl, dass sie hier nur ihr Bestes gibt, genau wie auch ich nur mein Bestes gebe, denn wir könnten beide auch genauso gut in besagter dunklen Ecke kauern, wild schluchzend und uns wälzen in endlosem Gram. Dies hier ist viel schwerer und es ist weit besser. Leichtherzig zu bleiben unter Trostlosigkeit. Spaß zu haben unter Trauer. Uns nur auf das Gute zu konzentrieren, weiterzumachen und in diesem Moment zu bleiben, wo uns doch die Welt da draußen nichts als nach unserem Leben trachtet. Sie weist mich nicht darauf hin, wie mein Blick wiederholt zur Gedenktafel am anderen Ende des Restaurants wandert, wo früher einmal allerlei zweitklassiger Touristen-Krimskrams ausgestellt war. Ich versuche nicht zu bemerken, wie ihre Augen ständig auf jenem Porträt über der Jukebox hängenbleiben. Jenes, welches beschriftet ist mit In Memoriam Gratiam. Wir ziehen hier keinen bloßen Akt auf, das vielleicht nicht, das wäre nichts als respektlos, es ist nur…

Also gut, ich weiß, die Wahrheit ist, dass ich es nicht verdient habe, hier zu sein, noch zu allem Überfluss mit einem Lächeln. Jede andere Version von Max Caulfield hätte es verdient, doch nicht diese hier. Ich war diejenige, die all das Leid über diese armen Menschen gebracht hat und nichts geleistet hat für die Wiedergutmachung. Wenn ich den Gesprächen all dieser Leute nur zu lange oder zu genau lauschen sollte, dann kann ich in ihnen die Geister hören, die stets auf mich lauern in den dunklen Abgründen meiner Albträume.

Doch in Chloes Augen bin ich nicht diese Person. In ihren Augen bin ich jede Max, der sie jemals begegnet ist auf unseren verrückten Abenteuern, alle auf einmal—und sie hat sogar ein Recht, so über mich zu denken, genau wie ich sie auch sehe als die Summe aller Chloes in allen glitzernden Facetten ihres Daseins. Sie ist dasselbe rachedurstige Mädchen, das eine Pool-Party gestürmt hat, getrieben von mörderischer Entschlossenheit. Sie ist dieselbe umsichtig freundliche und wissbegierige, unheilbar kranke, beste Freundin, die mich um ihren Tod angefleht hat nach einem einzigen glücklichen Tag voller wunderbar gehegter Erinnerungen. Sie ist derselbe herumalbernde Dooftrottel vor mir, die Liebe meines Lebens, mit diesem verführerisch unheilverkündenden Glitzern in den Augen, für das ich noch nicht das letzte Mal getötet haben werde, ein Leuchten, für das ich sterben werde. Doch nur für diesen einen bedeutungsvollen Augenblick am Ende der Zeit darf sie zufrieden und unbeschwert leben, frei von all den traumatischen Lasten, die uns wieder und wieder mehr und mehr auf unsere Schultern geladen wurden und uns in die Tiefe ziehen. Wir sind Spektren des Lichts, jenes bunten und unendlich komplexen Kaleidoskops, das wir von Zeit zu Zeit Multiversum nennen, gebündelt und fokussiert in gleißender, irdischer Schönheit lässt sie unsere Liebe entbrennen und schweißt uns unzertrennlich für alle Zeiten an unser beider Gegenüber, auf dass—

„Hey, Laurie! Hast du 'nen Geist gesehen oder was soll dieser dümmliche Silberblick?" Chloe reißt mich abrupt aus meinem Gedankengang. „Vielleicht sollten wir dir besser noch eine Wagenladung Koffein besorgen, bevor du mir noch auf halber Strecke bis heute Nacht aus den Latschen kippst."

Mach dir nicht so viele Gedanken über alles, will sie mir sagen. Ich gebe ihr den besten herablassenden Blick, den ich nur draufhabe. „Ich habe nur über das Leben philosophiert, die Beschaffenheit des Universums und all das nebensächliche Zeugs. Du würdest es nicht verstehen..."

„Falls sich am Ende herausstellen sollte, dass wir eigentlich die ganze Zeit über insgeheim die finstere Liga der Weltraum-Delfine bekämpft haben, werde ich ganz schon angepisst sein."

„Es würde ja so vieles erklären."

„Stimmt wohl. Ein Glück haben wir diese dämlichen Meeressäuger schon letzte Woche plattgemacht, ha!"

Die neue Klingel an der Eingangstüre läutet, als eine weitere Gruppe Besucher das Lokal betritt. Mama und Papa zusammen mit ihren beiden Söhnen ist die Annahme. Einer der beiden kommt mir fürchterlich bekannt vor.

Wie der Zufall es will, sieht er genau in meine Richtung. Unsere Augen treffen sich und die seinen weiten sich zu Spiegeleiern. In Filmen habe ich schon gesehen, wie Menschen im Angesicht des Todes praktisch selbst zu Tode erstarren, doch dies ist das erste Mal, dass ich dabei selbst die Ursache bin.

Die Bedienung weist der Familie einen Tisch am anderen Ende des Restaurants zu und der Junge folgt seinen Eltern in schlurfender Manier wie in Trance.

„Was? Was ist los?"

Ich nicke mit dem Kinn in Richtung der Neuankömmlinge. „Einer unserer Freunde vom Leuchtturm. Nummer Fünf, wenn ich mich nicht irre."

„Was! Ihr Kopf dreht sich so blitzschnell in die andere Richtung, ich bin schon überrascht, dass er ihr dabei nicht von den Schultern fliegt. „Höchste Zeit, mal ein ernstes Wörtchen mit seinen Eltern zu führen, wie mir scheint."

„Hah." Ich spreche zur Kamera. „Sieh sich einer diese Punk-Rebellin hier drüben an. Sie ist drauf und dran, eine erzieherische Lektion zu erteilen, die sich gewaschen hat. Jemand sollte den Kindern von heute aber auch wirklich mal ihre Grenzen aufzeigen, habe ich Recht?"

„Ach, fick dich doch selber."

„Wäre mir lieber, du tätest es."

Chloe blinzelt mich einen Augenblick lang einfach nur an. „Also schön, haben wir kürzlich irgendwie die Rollen getauscht, ohne dass es mir jemand mitgeteilt hätte?"

„Spar die deine Rollenspielchen lieber für heute Nacht auf, Schatzi." Ich wackle mit den Augenbrauen, genauso doof wie sie es immer macht nach jeder viel zu eindeutigen Zweideutigkeit. Wer hat behauptet, dass ich mir nicht ebenfalls hin und wieder mal die Freiheiten Nimmerlands zu meiner persönlichen Bespaßung nutzen könnte?

„Offenbar haben dir meine bisherigen „Rollenspielchen" schon so sehr den Kopf verdreht, dass du inzwischen an nichts Anderes mehr denken kannst, ‚Schatzi'."

„Damit liegst du vielleicht sogar noch viel näher an der Wahrheit, als dir lieb ist. Wenn man mal bedenkt, was uns heute Nacht noch alles erwartet..."

„Wir werden das schon packen, Schatzi. Wäre ja auch nicht das erste Mal, dass wir sowas in der Art machen… aber egal. So sinnlos es auch sein mag, ich gehe jetzt da rüber und verpasse dem Burschen eine gehörige—"

„Oh, wowsers, er kommt sogar tatsächlich zu uns."

Gesicht kreidebleich und mit hängendem Kopf, unsere gute, alte Nummer Fünf schlurft die Sitzreihen entlang, als wäre er auf seinem letzten Marsch zum Henker. Er zittert sogar sichtlich, bis er unseren Tisch erreicht.

Chloes aquamarinblaue Fingernägel trommeln in ungeduldigem Rhythmus auf die Tischplatte. "Hast ja ganz schön Eier in der Hose, Kleiner."

Sein furchtsamer Blick fixiert sich auf sie, als könne sie ihn jeden Augenblick mit einem Bissen verschlingen wie einen hilflosen Burger mit extra Käse. „I—ich wollte einfach nur—"

„Verrate mir deinen Namen," unterbreche ich ihn.

Hastig wendet er sich mir zu. „Ich, ähh… Raymond. Ähm, Ray. Ich bin Ray."

„Okidoki."

Ich drehe die Zeit ungefähr zehn Sekunden zurück. Chloes aquamarinblaue Fingernägel trommeln in ungeduldigem Rhythmus auf die Tischplatte. "Hast ja ganz schön Eier in der Hose, Kleiner."

„Wie geht's, wie steht's, Ray? Was bringt dich an unseren Tisch?"

Seine Atmung beschleunigt sich merklich, Augen starren mich an, als fürchte er, ich könnte ich ihn mit nur einem einzigen Fingerschnipsen in Brand stecken.

Pff, als ob es dazu ein Fingerschnipsen bräuchte.

Chloe bringt eine Hand an ihren Mund, um ihr Grinsen zu verbergen, als könne sie ganz genau durchschauen, was ich gerade getan habe—und wahrscheinlich kann sie es sogar tatsächlich, seitdem sie mich ungefähr eine Milliarde Mal dabei beobachtet hat.

„Ich wollte… Ich wollte bloß, ähm… vorhin. Ich war nicht—"

Chloe schlägt lautstark mit der flachen Hand auf den Tisch, sodass der arme Kerl gleich zusammenfährt. „Raus damit, Junge!"

„Ich wollte mich entschuldigen! Ich wollte nicht mal mit diesen Typen abhängen, und—" er wirft einen Blick in Richtung des Tisches seiner Eltern und senkt dann seine Stimme auf diese höchst alberne Art und Weise. „Ich finde Alkohol sowieso zum Kotzen. Das Zeug schmeckt wie Pisse."

Chloe lehnt sich in ihrer Bank zurück. „Klingt fast so, als wüsstest du, wie Pisse schmeckt."

Jetzt bin ich an der Reihe, mir mein Lachen zu verkneifen. Oh mein Gott, wir sind ja solche Arschlöcher.

„Willst du dich dafür entschuldigen, was ihr vorhattet, zu tun?", fragt sie. „Oder tut es dir nur leid, dass ihr erwischt wurdet?"

„Ich wollte es ja gar nicht tun! Ich… ich würde sowas niemals machen! Das ist dieser beschissene Gruppenzwang und all das, ich hasse das alles, aber man kann da nicht einfach so—" Er stellt sich unruhig von einem Bein aufs andere, fast so als passten ihm seine Schuhe nicht richtig. „Ich kann nicht… ich kann es auch nicht erklären…" Sein Gesicht verzieht sich, als tobte in seinem Kopf ein Kampf, den er soeben verloren hat. Er klammert sich mit den Händen an die Trennwand zwischen unserer und der benachbarten Sitzecke und starrt konzentriert auf die Überreste meiner Pfannkuchen. „Ich will nur… könnt ihr mir bitte einfach verraten, wie ihr das gemacht habt? Ich habe es einfach nicht aus meinem Kopf kriegen können, diese anderen Idioten behaupten felsenfest, dass da irgendwas im Bier gewesen sein muss, aber das ist nicht wie Gruppenhalluzinationen funktionieren. Ich weiß, was ich gesehen habe, und es ergibt einfach keinen Sinn!"

Seine Worte würden im gesamten Restaurant widerhallen, wenn es nur nicht schon so laut wäre hier drin. Um seine weit aufgerissenen Augen befinden sich dunkle Ringe und seine Finger krampfen sich an, dass es ihm das Blut aus den Knöcheln treibt. Und in diesem Moment dämmert mir, Raymond ist nicht nur erschrocken. Er ist erschüttert. Er ist vom Blitzschlag getroffen und nun liegt er da mit gespaltenem Schädel und weiß nicht mehr, was er denken soll. Auf einmal ist diese Geschichte ganz und gar nicht mehr so komisch…

Mir fällt auf, wie seine Eltern aufmerksam werden auf sein Verhalten, seine Körpersprache. Vielleicht vermuten sie schon, dass ihr Sohn nicht hier herübergekommen ist, um hallo zu sagen zu ein paar Freunden. Ich tausche einen Blick mit Chloe aus, Augenbrauen fragen nach oben gekrümmt. Sie nickt einmal unmerklich, denn sie sieht, was ich sehe.

Ich rutsche in meiner Bank hinüber, um Platz zu machen. „Setz dich zu uns Ray. Ich erzähle dir eine Geschichte. Du siehst doch kein Problem darin, dass wir Ray unsere Geschichte erzählen, oder Lisbeth?"

Sie nimmt einen großzügigen Schluck aus ihrem Bier. Sie tut es ausschließlich für den dramatischen Effekt, die blöde Kuh. „No Problemo, Laurie."

„Ray kennt mich schon als Max."

„Oh, ups. Wusste ich nicht. Ist aber eigentlich sowieso ganz egal, hab' ich Recht?"

„Stimmt, hast Recht." Raymond steht noch immer wie angewurzelt da. „Wäre es in Ordnung für deine Eltern, wenn du dich eine Weile zu uns setzt?"

„Äh… klar. Ähm, denke schon, ja. Ich sollte sie fragen. Ja."

Er bewegt sich schlurfend wieder in Richtung seines Tisches in ausdrucksloser Benommenheit, womöglich etwas perplex, dass wir so bereitwillig zugestimmt haben. Wenn er weiterhin so dümmlich aus der Wäsche guckt, bezweifle ich schwer, dass Mama und Papa allzu begeistert sein werden von dieser Idee.

„Jetzt habe ich ein schlechtes Gewissen. Er scheint mir ein anständiger Junge zu sein. Ich fürchte, ich könnte ihn kaputtgemacht haben."

Chloe hebt ihre Bierflasche zum Prost. „Willkommen in unserer kaputten Welt, RayRay. Danke, dass du uns dabei hilfst, die Zeit totzuschlagen, bis Helen sich heute Nacht endlich meldet. Wie viel hast du vor, ihm zu verraten?"

Ich zucke mit den Schultern. „Alles?"

Sie zuckt zurück. „Tu, was du nicht lassen kannst. Wir könnten uns auch schnell eine eigene Geschichte zusammenspinnen, könnte lustig werden. Alles ist möglich in Nimmerland."

„Aber ich fühle mich verantwortlich. Ich glaube, wir sollten ihm vielleicht sogar eine Nachricht hinterlassen—für die finale Zeitlinie, meine ich. Er ist bloß ein Junge, was soll schon passieren, richtig?"

„Moralapostel-Max schlägt wieder zu. Du wärst eine ganz schreckliche Kriminelle, meine Liebe." Chloe gleitet erneut aus ihrem Sitz und steht auf. „Kannst ja schon mal anfangen, ich gehe so lange Wasserlassen."

Ich fange ihre Hand ab, gerade als sie sich umdrehen will, und bringe sie an meine Lippen. Ihre Finger duften köstlich und himmlisch. „Ich vermisse dich jetzt schon."

„Wow, geht's vielleicht noch anhänglicher? Lass mir noch Luft zum Atmen, Frau. Und hab Spaß mit unserem neuen Freund. Bin gleich wieder zurück."

Ihre scherzhaft despektierlichen Worte sind eine Sache. Doch die Art, wie sie meine Hand zum Abschied drückt, und das Aufblitzen ihrer Augen, als sie mich ansieht, sprechen eine ganz andere Sprache. Raymond, der sich uns gerade wieder mit vorsichtig zögerlichen Schritten nähert, beobachtet unseren Austausch in verlegener Neugierde. Noch bevor Chloe sich zur Toilette begibt, macht sie diese ‚Ich werfe ein Auge auf dich'-Geste in seine Richtung, informiert ihn eloquent, worauf er sich hier einlässt: Zwei völlig alberne Dummdeppen. Ich klopfe mit der Handfläche auf den freien Sitzplatz neben mir. „Keine Angst, wir sind die Guten. Meistens jedenfalls."

Raymond setzt sich neben mich, angespannt, als wären die Polster mit Reißzwecken gefüllt.

„Entspann dich, Ray. Wir sind doch fast im selben—"

Chloe meldet sich noch einmal von hinter uns und lehnt sich mit einer Hand auf dem Tisch unangenehm nahe an den armen Raymond heran. „Falls ich mich nicht deutlich genug ausgedrückt haben sollte," beginnt sie leise bedrohlich, während sich ihr allesvernichtender Blick tief in Raymonds unwürdige Seele bohrt, „Solltest du ihr auch nur ein einziges Haar krümmen und ich ramme ich dich ungespitzt in den Boden da drüben... Kapische?"

„J-ja, ähm, ja. Kapische." Chloe bohrt weiter. „Kapische, Ma'am."

„Also schön…"

Sie entfernt sich wieder. Ich folge ihr mit den Augen, kämpfe an gegen das allzeit währende Bedürfnis ihr auch mit Leib und Seele überallhin mitzufolgen, wo auch immer sie hingehen mag. Es ist, als spannte sich zwischen uns ein Band, das mich immer stärker zu ihr hinzieht, je weiter sie von mir weg ist.

„Beachte Lisbeth gar nicht. Sie glaubt nur, sie müsste mich beschützen. Ohne guten Grund würde sie dir nie etwas zuleide tun."

(Warum wir noch immer Chloes Alias benutzen? Kein Schimmer. Aus Jux und Tollerei, nehme ich an.)

„Äh, O.K."

„Hast du Hunger, Ray? Sollen wir dir noch was bestellen?"

„Äh, nein. Nein, danke. Ich… ich könnte jetzt unmöglich noch was runterbekommen."

Ich lächle freundlich. Na ja, ich hoffe zumindest, dass es ein freundliches Lächeln ist. „Also hör zu, was heute Nachmittag passiert ist… ich habe unten am Strand lediglich eine Show abgezogen, um euch Jungs zu einen Schrecken einzujagen. Ich bin kein schreckliches Ungeheuer, ich bin einfach nur ein Mädchen mit ein paar… besonderen Fähigkeiten. Erinnerst du dich noch zurück an Oktober? Als vor fünf Monaten plötzlich alle Vögel einfach so gestorben waren und es aus heiterem angefangen hatte zu schneien?"

„Oh. Klar. Natürlich tue ich das."

„Das war der Tag, an dem sie vor meinen Augen gestorben ist… und ich in Folge entdeckt habe, dass ich die Zeit manipulieren kann."

Er starrt an mir vorbei und blinzelt, als hätte ich ihm gerade aufgetragen, mir die Quadratwurzel aus vierhundertzweiunddreißig zu nennen. „Warte, die Zeit?" Er senkt seine Stimme. „Nicht eher… Teleportation? Oder vielleicht Telekinese oder sowas?"

„Aus deiner Perspektive mag es vielleicht so aussehen. Hier, schau dir mal den Salzstreuer an. Hast du ihn gut im Blick?"

„Äh… ja?"

„Sicher? Lass ihn ja keine Sekunde aus den Augen."

„Öh… O.K."

Ich warte noch einige Sekunden, dann greife ich kurzerhand nach dem Streuer und stecke ihn mir in die Tasche.

„Vergiss nun, mein Kind." Ich wedle noch extra mysteriös vor seinem Gesicht herum.

„Was—"

Ich drehe die Zeit einige Sekunden zurück. Von Raymond Seite aus muss es so aussehen, als wäre der Salzstreuer gerade einfach so vom Tisch verpufft. Hätte ich doch bloß vor fünf Monaten an diese Methode gedacht, eine viel einfachere und effektivere Demonstration, als Chloes Taschen-Kleingeld zu zählen.

„Wuschhh."

„Woah, was! Wie hast du das gemacht?"

„Ich habe ihn ganz einfach in der Zukunft genommen und bin dann wieder hierher zurückgereist." Ich bringe besagtes Objekt mit einer grazil geschwungenen Bewegung zum Vorschein. „Ta-da!"

„Ich werd' bescheuert, du willst mich doch verarschen!"

„Nicht so laut, Ray, die Leute wollen ihr Abendessen in Frieden genießen."

„T—'tschuldige. Entschuldige, aber heilige Scheiße, das ist doch sowas von bekloppt…"

„Wem sagst du das. Also? Interesse an der ganzen Geschichte?"

Er nickt, als wäre er eine in der Wüste gestrandete Seele und ich hätte ihm gerade einen Schluck frischen Wassers angeboten. Also beginne ich zu erzählen, ganz von Anfang an von einer glücklichen Freundschaft im Kindesalter, von Williams Hinscheiden und davon wie ich nach Seattle weggezogen bin. Ob Chloe wohl ahnte, dass ich von so weit zurück beginnen würde?

Ich berichte von meiner allerersten Vision und den ersten Zeitspielereien in Blackwell. Davon wie wir eigentlich zunächst nur Mist gebaut haben, bis die Kacke wirklich angefangen hatte zu dampfen. Von Rachel und von Nathan, von Victoria und auch von Mark Jefferson—ja, ganz genau, dieser Mark Jefferson—von David Madsen und sogar von Alyssa, sogar sie bekommt ihren eigenen kurzen Auftritt in meiner Saga. Witziges Detail: Offenbar war es David, der Rays kleinen Bruder während des Sturms aus einigen Trümmerteilen befreit und ihn in Sicherheit gebracht hat. Wie klein diese Stadt doch ist.

Ich spreche über die Migräneanfälle, über das häufige Nasenbluten, über die Absolut-Zeitlupe und auch darüber, wie ich Kate Marsh kläglich enttäuschte. Über meine Fähigkeit, durch Fotos zu springen—nope, noch immer kein Schimmer, warum ich das eigentlich tun kann, ich bin offen für Vorschläge—über alternative Realitäten, über den Strand und die Scheune bis hin zur Dunkelkammer und darüber hinaus.

Es ist seltsam, wie sehr der Kontext die Wirkung einer Geschichte abändern kann. Wie er den kompletten Ablauf der Erzählung zu formen vermag. Wenn ich mir vorstelle, ich würde meinen Eltern oder gar einem Therapeuten von all dem berichten. Von absolut allem oder auch nur implizit, es würde stets einem Wunsch nach Trost unterliegen, nach Verständnis, nach Anteilnahme. Ich weiß, dass ich die Geschichte erzählen würde voller Reue und unausgesprochener Entschuldigungen zwischen den Zeilen und Worten.

Doch nicht hier und nicht heute. Auch wenn es sich komisch anfühlen mag, so von mir zu denken, doch in diesem Moment bin ich eine Autoritätsperson. Ich spreche über alles erlebte mit einer gewissen Losgelöstheit. Ich beantworte Fragen, als wären sie aus den Erfahrungen eines anderen Menschen. Als Chloe zurückkehrt, setzt sie sich zu uns und lauscht meinen Worten mit einem seltsamen Leuchten in den Augen, gleich jenem unheilverkündenden Glitzern, das stets in ihr aufflammt kurz vor einem weiteren wunderschönen Lächeln. Sie überlässt mir das Sprechen und während ich so vor mich hinplappere und mich selber noch einmal an all unsere Abenteuer zurückerinnere… da stelle ich fest, es ist alles in allem irgendwie eine verdammt coole Geschichte.

„Am Ende standen wir vor einer letzten Entscheidung." Ohne irgendeinen Gedanken streckt sich meine Hand aus und kommt flach auf dem Tisch zur Ruhe. Chloes Finger finden sofort die meinen, wie zwei Magneten unterschiedlicher Polarisierung. „Ich könnte zurückspringen, sie sterben lassen und somit den Sturm verhindern, noch ehe er sich zusammenbrauen konnte. Oder wir könnten… es einfach geschehen lassen…"

Raymond sieht aus, als stünde er kurz davor, einer komplexen mathematischen Gleichung auf den Grund zu kommen.

„Ich schnall's nicht," lautet sein Ergebnis. Es scheint seine Allzweck-Lösung bei vielen Problemen zu sein. „Wie sollte ein einzelner Tod einen Tornado aufhalten können? Wir reden hier von Wetter. Warum sollte sich das Wetter darum scheren, was wir machen? Wieder zurückgehen hätte keinen Sinn ergeben, ihr habt euch also eindeutig für das Richtige entschieden."

„Außer, dass ich mich sehr wohl dazu entschieden habe, zurückzuspringen. Ich habe das Foto benutzt und dann abgewartet, bis der Schuss sich löste. Und weil Nathan festgenommen wurde, ist ihm Jefferson schon bald nachgefolgt. Die ganze Verschwörung ist bald aufgeflogen, Kate ist niemals auf das Schuldach geklettert und der Sturm hat sich niemals ereignet. Meine Kräfte sind verschwunden und mit ihr die eine, die ich liebte."

„Was? Aber…" Seine buschigen Augenbrauen kräuseln sich in seiner Verwirrung dermaßen, dass sie bald schon selber ein Fragezeichen formen könnten. „Aber ihr seid doch hier. Ich schnall's nicht."

„Ich habe meine Entscheidung in dieser Realität geändert. Sie musste ängstlich, zornig und einsam auf einer Schultoilette sterben. Ihre Familie war am Boden zerstört. Sie war meine Heldin und jeder hat nur über sie gesprochen, als wäre sie irgendeine Kriminelle." An irgendeiner Stelle habe ich einfach aufgehört, mit Ray zu sprechen, und angefangen, direkt in Chloes Augen zu blicken. „Ich konnte nicht länger damit leben, ich habe sie zu sehr geliebt. Ich habe einen Weg gefunden, meine Kräfte neu zu erwecken, und das ist, warum wir heute alle hier sind."

Ich habe ihr das schon einmal erzählt, oder? Habe ich es womöglich irgendwann ungeschehen gemacht und anschließen versäumt, es ihr noch einmal zu erzählen? Genau wie dieser ganze Abend hier im Two Whales schon bald ungeschehen sein wird?

Ist ja eigentlich auch völlig egal. Ich kann mich auch noch öfters wiederholen. Ich werde die Worte von mir aus auch tausende Male aussprechen und ihrem Klang auch dann noch mit Herz und Hand Folge leisten, wenn es denn so sein sollte…

Chloes herablassendes Arschloch-Verhalten bröckelt kontinuierlich wie eine billige Fassade und offenbart so viel—so unglaublich viel Liebe in ihrem Blick, dass in diesem Augenblick nicht einmal mehr die nagenden Schuldgefühle Platz finden in meiner Brust, so sehr bin ich von ihr erfüllt.

„Also… ihr hättet den Tornado aufhalten können?"

Und schon ist Arschloch-Chloe wieder da. „Wehe dir, nur ein einziges anschuldigendes Wort," fährt sie ihn an, doch meine Finger streicheln ihren Handrücken und halten sie zurück.

„Ist schon gut. Es ist eine berechtigte Frage." Ich wende mich wieder ihm zu. „Ich habe selber schon eine ganze Menge darüber nachgedacht, weißt du? Ich habe mir so richtig den Kopf darüber zerbrochen, manchmal. Doch… am Ende komme ich immer wieder zu demselben Schluss, dass ich ihn wirklich nicht aufhalten konnte. Ich meine…" Ich nicke mit dem Kinn in Richtung des Tisches, wo seine Eltern gerade ihr Mahl beenden. „Ich kenne deine Familie nicht, doch ihr scheint euch nahe zu stehen. Sieh sie dir an und sag mir, dass du sie von jemandem vor deinen Augen ermorden lassen könntest, um diesen Sturm zu verhindern."

Ich konnte nicht wissen, wie er wohl reagieren würde, doch ich kann nicht leugnen, dass es ein unheimlich zufriedenzustellendes Erlebnis ist, zu beobachten, wie sich seine Züge allmählich verändern. Von objektiver Beurteilung, hin zu aufdämmerndem Verständnis, hin zu… aufrichtiger Anteilnahme. Es ist ein willkommenes Stück Selbstbestätigung, von dem ich nicht wusste, dass ich es mir überhaupt ersehnte, auch wenn seine Reaktion vermutlich anders ausgefallen wäre, hätte er seine Eltern oder seinen Bruder tatsächlich an den Sturm verloren.

Er öffnet gerade den Mund zur Antwort, als das erste Eiskorn die Fensterscheibe trifft.

Gefolgt von einem zweiten. Dann noch ein weiteres, dann ein anderes, solange bis es zu einem unaufhörlichen Prasseln heranschwillt, das auch wirklich Jedermanns Aufmerksamkeit im ganzen Lokal auf sich zieht. Das muntere Klimpern und Klirren von Geschirr und Besteck kommt jäh zum Erliegen, Gespräche und Konversationen erfahren ein plötzliches Ende. Manch einer steht auf von seinem Sitzplatz, um selbst einen Blick nach draußen zu erhaschen, durch die Fensterscheiben, nur noch ein einziger undurchdringlicher Strom aus Wasser, wie die Innenseite eines Wasserfalls, unterbrochen nur von murmelgroßen Hagelkörnern, die mit ganzer Wucht auf den frischen Asphalt einhämmern, als trommelten sie zum Krieg…

Es ist eine klare, wolkenfreie und monderleuchtete Nacht in Arcadia Bay, und ein sintflutartiger Wolkenbruch und Hagelschauer fährt auf die Stadt nieder, als sollte sie unter ihnen ertränkt werden…

Chloe und ich sehen einander an. Unser Gespräch geschieht ohne ein einziges Wort. Indessen erhebt sich kalte Furcht so dicht wie der nahezu greifbare Nebel einer Wolke im gesamten Lokal, sie durchdringt die Luft, die wir atmen—denn nur wenige waren so blind, als dass ihnen die toten Vögel entgangen wären, und nun… das hier. Es ist ein Schema, das nicht so einfach in Vergessenheit gerät…

Oder so schnell…

Raymond gafft gegen die Fensterscheibe in leise kriechendem Entsetzen. „Es wird noch einmal passieren," keucht er, seine Miene ergriffen von noch viel zu jungen Erinnerungen. „Ihr habt die Wahrheit gesagt unten am Strand, es wird alles noch einmal passieren…"

Chloe richtet sich gerade auf in ihrem Sitz und spricht über das donnernde Trommeln hinweg, ihre Stimme klar und selbstsicher wie eine helle Glocke zur Mittagszeit. „Morgen werden wir Boten des Untergangs sein." Sie sieht zunächst mich an, dann hinüber zu Ray. „Und du wirst uns dabei helfen, Junge. Du und alle anderen, die wir noch überzeugen können."

„Was?"

Ich bringe eine Hand auf seine Schulter. Chloe hat Recht—wie immer eigentlich—wir tun das hier schon viel zu lange nur auf uns alleine gestellt. „Du wirst unser erster Rekrut werden, Ray. Du wirst auch den ganzen Rest erfahren und dann wirst du deinem Vergangenheits-Selbst eine Nachricht schreiben. Und ich werde dir die Nachricht vor zwei Stunden geben. Wir müssen uns noch überlegen, was am besten in dieser Nachricht stehen sollte, damit wir den größten Effekt erzielen."

Chloe seufzt. „Und ich glaube, es ist auch an der Zeit, dass David von allem erfährt." Sie sackt wieder etwas in sich zusammen, als laste ihr die Aufgabe, ihm alles zu erklären, schon jetzt wie Sandsäcke auf den Schultern. „Scheiße, das kann ja lustig werden…"

„Sollten wir heute Nacht abblasen und uns lieber hierauf konzentrieren?"

Sie sieht mich einen Moment an und denkt darüber nach, obwohl ich die Antwort ohnehin schon in ihren Augen erkenne, kaum da die Frage meinen Mund verlassen hat. „Zur Hölle, nein. Das hier könnte genauso gut alles Prescotts Schuld sein, soweit wir wissen. Wenn überhaupt, dann müssen wir jetzt erst recht herausfinden, was er vorhat."

„Stimmt. Hast Recht."

„Das is' doch alles so unnormal," murmelt Raymond unterdessen geistesabwesend. Seine Augen wandern hin und her zwischen mir und Chloe, hinüber zum unter Trommelfeuer stehenden Fenster und dann wieder zu mir. Er wirkt irgendwie verloren, völlig verstört und geschockt… und, mal ganz ehrlich, im Augenblick auch so ziemlich nutzlos.

Armer Junge. Ohne irgendwie angeben zu wollen, aber ich habe den Eindruck, dass ich mich deutlich geschickter und gefasster verhalten habe, als meine Welt das erste Mal derart auf den Kopf gestellt wurde. Wenn ich auch nur ansatzweise wäre wie Chloe, dann würde ich ihm jetzt sagen, dass—

„Hey, komm mal wieder zu dir, Kollege! Reiß dich gefälligst zusammen, es hilft hier auch niemandem weiter, wenn du dir nur in die Hose machst!"

„T—'tschuldigung…"

Na ja, vielleicht nicht ganz so streng wie ihre liebvolle Strenge, aber dennoch, ja, was sie gesagt hat. Wir werden nicht in Furcht verzagen und Däumchen drehen, während der Untergang droht. Wenn wir nur schon am allerersten Tag versucht hätten, etwas zu unternehmen, wie viele Menschen könnten dann heute noch leben?

Tief in Nimmerland planen wir voraus für ein übernatürliches Schicksal, welches diese Stadt wieder einmal heimgesucht hat. Eisregen hämmert gegen das Glas in donnernden Wellen, ein Vorbote des Himmels, der über unseren Köpfen herniederzufahren scheint.