Kapitel 11: Deus ex Somnia

Die Nachtwache drängt sich durch die provisorische Barrikade vor der Türe. Chloe hält ihre Waffe bereits auf die hereinstürmende Frau gerichtet; sie drückt ab, noch ehe es sich irgendjemand anders überlegen könnte, denn sie weiß genau, dass mir nichts auf der Welt mehr wehtut, als zusehen zu müssen, wie sie verletzt wird.

Noch bevor sich ihr Schuss lösen kann, drehe ich die Zeit zurück.

„Du hast jetzt schon die Regale, die ersten beiden Aktenschränke und den Schreibtisch durchsucht."

„Alles klaro." Chloe begibt sich hinüber zum dritten Schrank in der Reihe und fängt an, durch eine Akte nach der nächsten zu stöbern. Das kann erstmal eine Weile dauern.

„Geschäfts-Zeug. Privatbuchhaltung."

„Zwanzig Sekunden bis die Wache es durch die Türe schafft. Bleibt nur noch der PC."

Ihre Schritte sind schnurstracks und zügig, doch nicht im Geringsten angespannt oder hektisch.

„Passwort gesichert. Du könntest später noch reingehen und dir die Festplatte schnappen, aber ich bezweifle ohnehin, dass wir hier richtig sind. Zu offen. Zu einfach."

Die Nachtwache drängt sich durch die provisorische Barrikade vor der Türe. Chloe hält ihre Waffe bereits auf die hereinstürmende Frau gerichtet; sie drückt ab, noch ehe es sich irgendjemand anders überlegen könnte, denn sie weiß genau, dass mir nichts auf der Welt mehr wehtut, als zusehen zu müssen, wie sie verletzt wird.

Noch bevor sich ihr Schuss lösen kann, drehe ich die Zeit zurück.

„Fertig mit dem offensichtlichsten. Durchsuch noch die Wände und den Boden."

„Alles klaro."

Es widerstrebt mir zutiefst diesen Vergleich zu ziehen. Das tut es wirklich. Das hier ist ernst, todernst sogar, du-hast-Krebs-im-Endstadium-Diagnose ernst.

Aber mal ganz ehrlich, doch, es fühlt sich an wie ein Videospiel. Ein sprachgesteuerter Ego-Shooter, in dem meine Eingabe beeinflusst was als nächstes auf dem Bildschirm passiert. Chloes Blickfeld und die Geräuschkulisse werden von der kleinen Kamera in ihrem Headset einfangen und direkt auf meinen Laptop übertragen. Ziemlich gute Auflösung, wenn auch etwas verwackelt und von Zeit zu Zeit fängt die Aufnahme an zu ruckeln. Erinnert ein wenig an Dishonored letztes Jahr in Blackwell—mein damaliger Laptop mag neu gewesen sein, doch Spiele-tauglich war er ganz und gar nicht.

Und ich muss sogar genauso oft schnellspeichern. In das Gebäude einzubrechen war bisher das Schlimmste, konstantes Zwischenspeichern plus Neuladen, so lange bis wir endlich den Optimalen Ausgang hatten, denn alles andere hätte nur riskiert, dass die Wachen das gesamte Anwesen abgeriegelt hätten und in höchste Alarmbereitschaft gegangen wären. Entdeckt worden? Nochmal neu. Einen besseren Weg gefunden? Wieder zurück. Chloe meint, sie könne die letzte Passage schneller oder leiser erledigen? Noch ein Versuch. Immerhin sind wir bisher noch kein einziges Mal gestorben…

Es war hilfreich, dass die Prescott Villa nicht gerade wie eine Festung angelegt ist. Von außen ist sie gerade mal wie jeder x-beliebige fünf-millionen Dollar Kasten, inmitten eines Gartens mit perfekt getrimmtem Rasen und umgeben von einem ansehnlich hohen schmiedeeisernen Zaun und einer meterdicken Hecke. Plus die privaten Sicherheitskräfte, doch die bestehen gerade mal aus einem dahindösenden Typen am Haupttor und einem weiteren direkt am Haupteingang. Außerdem noch haufenweise Sicherheitskameras und Bewegungsmelder, wie wir zu Beginn schon leidlich feststellen mussten, doch sobald wir deren ungefähren Standort herausgefunden hatten waren sie kein Problem mehr für Chloes komplett schwarzes ganz-körper Outfit, ihr Nachtsichtgerät und unser vorsichtiges herumtasten nach Lücken im System—und dass wir die Stromkabel durchtrennt haben könnte auch eine Kleinigkeit dazu beigetragen haben. Sobald wir damit durchwaren ist sie ganz heimlich, still und leise den Balkon hinaufgestiegen und hat sich ein Loch durch die Glasscheibe geschnitten—und ich dachte noch, das wäre einer dieser Geheimagenten-Mythen, die in Echt überhaupt nicht funktionieren können. Wieder was gelernt. Falls sie einen Alarm gegen Einbrecher haben sollten, dann ist der heute entweder im Urlaub oder er reagiert ganz einfach nicht auf Chloes vorsichtiges Vorgehen.

Die eine laute Aufklärungstour, die sie am Anfang mit Pauken und Trompeten erfolgreich durchgeführt hatte, hat lediglich das wenige Haushaltspersonal sowie eine weitere Wache unten im Erdgeschoß auf den Plan gerufen. Helens Info hat sich bisher vollständig bewahrheitet: Die Prescotts nehmen angeblich in Olympia an irgendeinem schnöseligen Galaabend oder einer heuchlerischen Benefizveranstaltung oder sonst was teil, danach verbringen sie wohl den Rest der Nacht in ihrem schicken Hotel weit weg von hier. Sie bräuchten mindesten einen halben Tag bis runter nach Arcadia Bay, genau wie wir auch heute Vormittag. Bis sie hier eintreffen haben Chloe und ich bereits längst wieder die Fliege gemacht…

Und nun beobachte ich Chloe, wie sie ohne Rücksicht auf Verluste in das große Schlafzimmer hineinplatzt, sofort alle Lichter anmacht und keinen feuchten Furz auf nächtliche Lärmbelästigung gibt. Sie hat mich schon davon überzeugt, dass dies die beste Vorgehensweise ist, da es so einfach viel schneller geht. Wenige Minuten nach meiner zweiten Mitternacht und wie sich herausstellt, ist es weit einfacher die Zeit zurückzudrehen als versuchen, nachzubleiben. Ich hoffe wirklich, dass Chloe bald etwas findet, was wir abfotografieren können, damit ich später nicht doch noch selber da reingehen muss.

Sie hat alle Hände voll damit zu tun, möglichst viele Schubladen in Rekordzeit aus ihren Schränken und Kommoden zu reißen und deren Inhalt für weitere Inspektion auf dem ganzen Fußboden zu verteilen.

„Du hast viel zu viel Spaß daran, den Laden auf den Kopf zu stellen, Lizzylein."

„Ich such' mir meine Freuden am Leben, wo immer ich sie finden kann. Du weißt ja: Mir liegen die kleinen Dinge. Warum sonst, sollte ich immer noch mit dir abhängen? Sind aber bisher nur Klamotten und stinknormaler Schlafzimmer-Kram." Sie begibt sich hinüber zu den Nachkästen un fängt an, auch diese auseinanderzunehmen. Sie hält jäh inne bei der untersten Schublade auf der linken Seite des Bettes. „Huiuiui, abgeschlossen. Was zu verbergen, Mrs. Prescott?"

„Was glaubst du, wie tief die Frau in der ganzen Sache drinsteckt? Ob sie hier überhaupt ihre Finger mit im Spiel hat…"

„Ich hab' da keinen Zweifel, dass sie—"

Die Nachtwache taucht wie aus dem Nichts auf und stürmt geradewegs zu auf meine Freundin, die sorglose Einbrecherin.

Nope. Ohne mich.

„Fast fünf Minuten bis die Nachtwache auftaucht. Schau dir mal den Nachkasten an, linke Seite, unterste Schublade."

„Menno, ich darf den Laden nicht auf den Kopf stellen? Vergangenheit-Ich bekommt immer den spaßigen Part."

„Weniger rumheulen, mehr Nachtkasten untersuchen, Pink Panter."

„Wow. Wie retro-hipster können deine Referenzen eigentlich noch werden?"

„Klappe zu, jetzt. Wache in vier Minuten."

Ohne auch nur ein Zögern geht Chloe zum Nachtkasten und beginnt, mit aller Kraft wie verrückt draufeinzutreten bis das edle Holz splittert und die verschlossene Schublade sich öffnet. Ziemlich beeindruckend, wenn man bedenkt, dass sie gerade mal leichte Turnschuhe trägt.

„Immer noch die absolute Meisterin im Schlösserknacken."

„Ich bin in Ehrfurcht ob deiner Fähigkeiten, oh du Meisterin. Was ist unsere Beute?"

„'N ganzer Haufen Splitter und… hmm. Ein wunderhübsch in Stoff eingenähtes Tagebuch, wie's aussieht. Jackpot, möglicherweise?"

„Hängt ganz davon ab, ob oder wie viele Fäden Mrs. Prescott tatsächlich in der Hand hält in dieser superbösen Liga der Superbösen…"

Das Büchlein ist in der Tat sehr hübsch gestaltet, dekoriert mit einem silbernen Muster, das an ein Spinnennetz erinnert und den gesamten rosa-malvenfarbenen und plüschigen Stoffeinband einfasst. Chloe klappt es komplett auf zur ersten Seite und hält es auf Augenhöhe leicht zu Seite, damit es zentriert in der Kamera zu sehen ist. „Schieß los."

Ich tue, wie mit geheißen. Es fühlt sich dämlich an, den Laptopbildschirm mit dem Handy abzufotografieren, doch so ist es am einfachsten wenn es später wieder an die Zeitreise geht. Sie blättert um, sobald ich ihr das Signal gebe, und schert sich gar nicht erst um den Inhalt des Tagebuchs. Wir sehen es uns später sowieso noch einmal gemeinsam an… Oder vorher… Wieauchimmer.

Außer… Moment mal.

Liebes Tagebuch," lese ich laut vor, „Heute sah ich einen Baum. Im Folgenden eine bildliche Darstellung besagten Baumes. Und da ist nur… ein Strichmännchen?"

„Hä?" Sie nimmt sich eine Sekunde, um es auch tatsächlich selber lesen zu können. „Was zur Hölle?" Chloe blättert noch einige Seite zurück. „Liebes Tagebuch, Heute fühle ich mich traurig. Im Folgenden eine Beschreibung, wie traurig ich mich fühle.

Sehr traurig.

Furchtbar traurig.

Untröstlich traurig.

Unendlich traurig.

Etwas traurig.

Und dann noch so ein Strichmännchen mit einem traurigen Gesicht. Ha, lustig, sieht fast aus wie deine Strichmännchen."

„Äh… na gut? Steht da ausschließlich so Zeug drin?"

Sie blättert noch weiter, überfliegt das ganze Buch.

Liebes Tagebuch," liest sie wieder, „Ich sah heute drei Vögel. Ich war so begeistert, dass ich sie gleich auf die folgende Doppelseite malen werde." Chloe blättert die Seite um. „Öh. Kannst du die Zeichnung sehen?"

„Sind das… Toaster? Mit Flügeln?"

„Das sind definitiv Toaster mit Flügeln. Spinnt die Frau eigentlich total?"

„Ich denke… es könnte genauso gut ein ironisches Tagebuch sein…"

„Wer zum Teufel schreibt bitte ein ironisches Tagebuch?"

„Dianne Catherine Prescott, offenbar. Vielleicht hat sie einfach einen sehr ausgefallenen Sinn für Humor? Lass uns sicherheitshalber trotzdem das ganze Ding kopieren."

Besagtes ganzes Ding besteht aus gut fünfzig Seiten Handgeschriebenes und Gezeichnetes. Also wenn das mal keine Hingabe zu irgendeinem bescheuerten Witz ist, dann weiß ich auch nicht mehr… oder aber diese Frau hat tatsächlich ganz schön einen an der Klatsche. Vielleicht ja beides…

„Warte, geh nochmal zurück. Da war eine richtige Zeichnung einer Person."

Chloe sucht die Seite. „Das hier?"

„Ja. Das… ist das—was zur Hölle? Ist das Kate?"

Es ist eine sorgfältig detaillierte Darstellung eines fallenden Mädchens aus der Perspektive von jemandem unterhalb der Szene. Ihre Gliedmaßen sind in alle Richtungen ausgestreckt, als wolle sie sich noch verzweifelt an irgendetwas festhalten. Entsetzte Panik liegt klar in jeder einzelnen Linie ihrer Gesichtszüge.

Sie sieht exakt aus wie Kate Marsh. Es ist datiert als 8. Oktober, 2013.

Liebes Tagebuch," lese ich erneut, „Heute fiel ein Engel vom Himmel. Unser Geschlecht ist nun befleckt mit ihrem Blute, doch es wird schon bald wieder verflossen sein. Genau wie alles andere auch."

„Was zur Hölle soll das bedeuten?"

Es geht noch weiter. Wir lesen es gemeinsam in sprachloser Stille.

Bluewings Erkorene ist hoffnungslos unbeholfen zu dieser Zeit. Ich kann ihr Potential offensichtlich erkennen (offensichtlich!), doch es liegt noch so viel mehr Arbeit vor uns. Wenn sie doch nur etwas gewillter wäre, ihrem Katalysator öfters Gehör zu schenken, sie könnte sich einige brauchbare Erfahrung aneignen, ehe Sean einschreitet. Von Zeit zu Zeit habe ich Mitleid mit diesen Mädchen. Sie geraten hier in etwas hinein, das sie weder kennen noch jemals vollends verstehen werden.

Welch düstere Gedanken ich an diesem wundervollen Abend wieder einmal hege. Dabei fühle ich mich doch so inspiriert von dieser heutigen Sonnenfinsternis. Ich sollte vielleicht noch ein paar mehr fliegende Toaster malen.

„Max… diese geistesgestörte Schlampe steckt da ganz tief mit drin…"

„Das is' doch bekloppt. Das würde ja bedeuten… sie hat von allem gewusst als es gerade noch passiert ist. Womöglich sogar bevor es passiert ist… jetzt müssen wir unbedingt jedes einzelne Wort lesen, das sie da reingeschrieben hat…"

„Ist das dein offizieller Titel? ‚Bluewings Erkorene'?"

„Keine Ahnung, sieht fast so aus. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie jemand anderen meinen könnte."

„Achter Oktober? Damals hattest du deine Kräfte für gerade mal zwei ganze Tage und die blöde Arschgeige jammert rum, weil du noch nicht wusstest, was du tust? Die kann sich mal selber ins Knie ficken."

Die Nachtwache bricht durch die Türe und wird ohne Umschweife erschossen, denn Chloe ist gerade nicht in der Stimmung sich anderweitig mit ihr zu befassen.

„In drei Teufels Namen, ist es in diesem Haus denn zu viel verlangt, einmal in Ruhe zu arbeiten?" Sie blättert zur nächsten Seite. „Nimm einfach die restlichen Bilder, damit wir endlich weitermachen können. Wir lesen den Rest dann gemeinsam, sobald wir hier fertig sind, in Ordnung?"

„Alles klaro…"

Ich überfliege den Rest der Einträge und Skizzen, während wir sie abfotografieren. Ich bekomme nicht alles mit, doch meine Hoffnung auf weitere nützliche Informationen schwindet mehr und mehr mit jeder weiteren absolut lächerlichen Kritzelei, die Seite für Seite an mir vorbeifliegt…

Und jetzt noch den Tod dieser armen Frau rückgängig machen, in drei Teufels Namen. Etwas sagt mir, dass diese Dame unter Umständen noch einige duzend mal sterben wird, bevor diese Nacht vorüber ist. Ihr erster Tod war noch entsetzlich. Nun ist er—wenn überhaupt noch— gerade mal eine Unannehmlichkeit. Wie lange noch bis das fortwährende Ableben dieses vollkommen unschuldigen Menschen nichts mehr weiter als eine nervige Belästigung werden sollte?

„Nur noch der große Schrank übrig. Guck am besten auch noch unterm Bett nach."

Chloe scheint extra großen Gefallen daran zu finden, einfach das ganze Bett am Stück umzuschmeißen, Rahmen, Bettpfosten, Matratze, alles zusammen—ich bezweifle schwer, dass ich das auch nur anheben könnte—doch auch dort kann sie nichts Erwähnenswertes finden. Und so gehen wir einfach wieder ganz zurück auf den Flur, bevor sie überhaupt erstmals so viel Rabatz gemacht hatte.

„Im Schlafzimmer war was Vielversprechendes," berichte ich ihr, „ansonsten fehlt hier oben nur noch Nathans Zimmer."

Wir wissen, dass es sich um das Zimmer Nathans handelt, aufgrund der überaus subtilen Botschaft, die dort in die Tür eingeritzt wurde: Nates Bude – Fernhalten. Ja, tatsächlich eingeritzt ins Holz mit irgendeinem spitzen Werkzeug. „Meinst du, wir sollten uns überhaupt erst die Mühe machen? Das Zimmer seiner Schwester war reine Zeitverschwendung."

Chloe hat plötzlich wieder einmal eine offenbar zutiefst gewiefte Idee. „Oh, oh, oh, könntest du mir 'nen Gefallen tun? Wie müde bist du schon?"

„Ich komm' schon noch zurecht. Für dich doch alles, meine schöne Sonne."

„Pff. Könntest du ein Video aufnehmen, wie ich sein Zimmer zu Klump verarbeite, damit ich es später angucken kann?"

„Ernsthaft jetzt? Der Typ hatte 'ne ernsthafte psychische Krankheit, Chloe. Er war selber mehr Opfer als sonst irgendwas."

Auch wenn ihr Schulterzucken nicht sehen kann, weiß ich dennoch ganz genau, dass es da ist.

„Er hat Rachel umgebracht," ist alles, was sie erwidert.

„Ja, ich weiß doch. Aber für Rache ist es jetzt auch zu spät, er hat schon längst bezahlt für was er getan hat. Ich meine… die Prescotts halten sich bestimmt noch ein Andenken an ihren verstorbenen Sohn da drin. Es würde sich doch irgendwie falsch anfühlen, ihnen das kaputt zu machen, findest du nicht?"

„Schätze schon."

„Weißt du was, sie werden davon ja sowieso nicht erfahren, wir könnten es also eigentlich schon machen, wenn du denkst, dass es dir hilft. Katharsis und so. Und, um ehrlich zu sein, nach allem, was er getan hat… würde es mir auch nichts ausmachen zuzuschauen."

„Nee, ist schon gut. War mir sowieso nicht ganz ernst damit. Wir sollten aber trotzdem mal reingucken."

Ich kann sie nicht verurteilen, sich so zu fühlen. Jede rationale und einfühlsame Erklärung für was er getan hat fliegt bei mir zum Fenster raus in dem Moment, da ich mich an das Foto von Chloe aus seiner Kommode im Wohnheim von Blackwell zurückerinnere. Meine wunderschöne Chloe, völlig alleine, unter Drogen gesetzt und hilflos. Ich kann die Beweggründe seiner Handlungen durchaus verstehen, ich glaube nur, ich werde ihm niemals im Leben verzeihen können.

Die Türe öffnet sich mit einem leise quietschenden Drücken der Klinke. Erinnerungen an sein Zimmer im Wohnheim erwachen in meinem Kopf zum Leben, ich erwarte verstörende Kunstobjekte, teures Gerät und nüchterne, rechtwinklige Linien in seinen dunklen Möbeln. Vielleicht eine aufblasbare Puppe in einer Ecke versteckt.

Chloe betritt einen Raum. Er ist gefüllt vom Fußboden bis hinauf unter die Decke mit gähnender Leere. Hier ist nichts zu untersuchen, mal abgesehen vom einsamen Lichtschalter neben der Türe und vielleicht der zwei mit Rollläden zugezogenen Fenster. Es sieht nicht einmal so aus, als wäre dieser Ort jemals auch nur bewohnt worden: Kein einziger Makel auf der edlen grünen Tapete, keine Spuren oder Abdrücke von Möbeln auf dem teuren Parkettboden, nicht mal ein einziger Fleck oder Papierfetzen in einer Ecke oder auch nur irgendwo ein Staubkorn. Der einsame Wandschrank in der hinteren Ecke ist so befreit von jeglichem Inhalt wie der ganze Rest auch.

Chloe atmet ein überraschtes „Oha" aus. Sie steht in der Mitte des Raumes, sieht sich verloren in alle Richtungen um. „So viel also zum Andenken an ihren verstorbenen Sohn, was?"

„Er ist fast schon… aggressiv leergefegt. Als hätten sie in einfach ausradiert."

„Welche Art von Eltern sollte so etwas tun?"

„Die Art, die terminliche Verabredungen für Vater-Sohn Interaktionen einfordert?"

„Alter, stimmt. Das hatte ich schon fast vergessen. Immerhin ein Raum weniger zu durchsuchen, hab' ich Recht?"

„Schätze schon…"

„Wohin als nächstes, kleines Orakel?"

„Warte, lass mich das noch schnell der Chloe erzählen, die sich dran erinnern wird."

„Alles klaro. Auf, noch ein Stück zurück für neues Glück, Maxilein."

„Dir ist hoffentlich bewusst, dass du mir angewöhnt hast, das zu sagen, oder? Ich hoffe du bist stolz auf dich."

„Jetzt kann ich in Frieden sterben. Los, Maxfly, flieg zurück durch die Zeit und ab, an die "

„Ach halt doch die Klappe, du—"

Und schwupp-di-wupp wieder zurück auf den Flur.

„Hier oben mit allem durch," berichte ich ihr wieder. „Bisher nur Nieten außer diesem verrückten Tagebuch aus dem Schlafzimmer. Erdgeschoß als nächstes. Wieviel hab' ich dir bisher über den Gebäudegrundriss verraten? Ich hab's vergessen."

„Ich tapp' hier nach wie vor im Dunkeln, Käpt'n. Buchstäblich. Mach' hier einfach immer nur was du mir als nächstes sagst. Bin über den Balkon eingestiegen und jetzt gerade erst den Flur runtergeschlichen."

„Ach, stimmt ja. Wir mussten das ja alles nochmal machen wegen der Kameras. Wird langsam echt verwirrend den Überblick zu behalten."

„Zeitreise und verwirrend? Naah. Du hörst dich müde an, wie lange latschen wir jetzt schon ziellos hier im Haus rum?"

Ich ziehe die coole kleine Armbanduhr zu Rate, die sie mir als Ausrüstung mitgegeben hat. Es ist extra keine Funkuhr, damit sie die Max-Zeit auch ja richtig mitzählt. „Zeigt drei Uhr zwanzig an, also macht das dann… gut vier Stunden, glaub' ich."

„Du armes Ding. Dann lass uns den Sack hier endlich zumachen, sag schon, was fehlt noch?"

„Also da wären noch jede Menge stinknormaler Sachen, die wir auch leicht ignorieren könnten, den Gang runter gibt es eine Bibliothek mit grob geschätzt einer Million Bücherregale, ein Arbeitsraum, der vermutlich mal Nathans Fotografie-Atelier war, und noch ein Arbeits-Slash-Handwerkszimmer, das höchst wahrscheinlich Dianne Prescott gehört. Und wären da noch die Mysteriösen Pforten des Mysteriums."

„Mysteriöse Pforten des Mysteriums? Klingt mysteriös."

„Sind sie auch. Brauchen Schlüsselkarten für Zutritt. Eine ist beschildert als Kunstkammer und die eine Wache im Haus ist genau davor postiert. Die andere ist eine Art Tresortüre, die vermutlich in den Keller führt. Wir waren uns einig, dass wir die zum Schluss aufheben."

„Eine Tresortüre? So wie die in Jeffersons Dunkelkammer?"

„Hoffen wir, dass hinter der hier tatsächlich nichts weiter rumspukt als ein gewöhnlicher Sturmschutzbunker."

„Sicherlich, was könnte schon wichtiges hinter 'ner meterdicken Stahltüre sein, nicht wahr? Sicher, dass du die bis zum Schluss aufheben willst? Ich bezweifle, dass es sich lohnt, den ganzen Rest noch durch zu stöbern, das könnte noch Stunden dauern."

„Ich würde hier lieber gründlich vorgehen, wenn wir schon mal da sind. Mach dir um mich mal keine Sorgen, Ich halt' schon noch durch. Mein Blut besteht schon aus praktisch fünfzig Prozent purem Koffein."

„Ha. Da wird jemand schon sehr bald in die Büsche draußen pinkeln…"

„Gut, dass wir außer Sichtweite geparkt stehen. Nicht das ich noch am Ende diejenige bin, die mit heruntergelassener Hose erwischt wird… lass uns einfach mit der Bibliothek anfangen. Du musst dich auf der Treppe ganz an der Wand entlang runterschleichen, damit dich die Wache nicht sehen kann."

„Es wäre um einiges einfacher, wenn ich sie einfach hier und jetzt leise kaltmachen würde, bevor wir richtig loslegen, weißt du?"

„Chloe, nein."

„Was denn? Es wäre doch sowieso nicht echt. Du machst es am Ende doch so oder so wieder ungeschehen. Und ist es immer noch ‚Lizbeth' für dich, junges Fräulein, verstanden?"

„Ich komme mir dämlich vor, dich so zu nennen, und natürlich ist es echt. Wir wollen hier niemanden einfach so umbringen, in Ordnung? Ich will nicht, dass wir irgendwie auf die schiefe Bahn geraten, indem wir hier die Büchse der Pandora öffnen, kapiert?"

„Es ist ja auch nicht, dass ich es tun will, aber wir müssen uns doch sowieso früher oder später mit ihr befassen, oder nicht? Ich möchte wetten, dass ich das sogar schon längst habe. Und je länger das hier dauert und je mehr Zeittricks du auspacken musst, desto müder wirst du nur. Ich denke hier nur in vier Dimensionen, Maxfly."

„Ich werd's schon überleben… und du wirst mir hier niemanden erschießen, es sei denn zur Selbstverteidigung. Und damit Basta."

Sie seufzt und ich kann aus ihrem nachfolgenden Flüstern mit Leichtigkeit ein Augenrollen heraushören. „Na guuht. Aber nur weil du's bist. Scheint mir bloß willkürlich, genau da jetzt noch 'ne Grenze zu ziehen, insbesondere nachdem—"

„Tja, irgendwo müssen wir sie halt ziehen. Die Bibliothek ist den Gang zu deiner Linken, sobald du unten angekommen bist."

Es fühlt sich an, als wolle sie das Ganze noch weiter ausdiskutieren, doch stattdessen setzt sich Chloe wieder in Bewegung in Richtung Treppe. Wir haben immer noch einiges vor uns und wie sie gesagt hat nicht gerade die ganze Nacht Zeit.

Ich weiß, dass sie auch Recht hat, wie immer halt. Es ist wirklich eine willkürliche Unterscheidung. Nichtsdestotrotz würde ich es bevorzugen, noch ein Weilchen länger an unserer ohnehin schon fragwürdigen Menschlichkeit festzuhalten, solange ich noch die Wahl habe…

Die nächsten zwei Stunden ebenso sorgfältigen wie mühseligen Durchsuchens der Prescott Villa tragen die bittersüßen Früchte von absolut gar nix. Sean Prescott hat offenbar eine fürchterliche Vorliebe für Gerichtsprozesse aller Art, seien es Filme, TV Serien oder überlange Novellen. Dianne Prescott ist eine talentierte, wenn auch regelrecht schrullige Bildhauerin—die künstlerische Ader dieser Familie geht ganz eindeutig von ihr aus. Nathan war neben seiner Schwäche für Fotografie auch noch ein nicht unbrauchbarer Bleistiftmaler, wenn auch stets auf seine ganz eigene, kafkaeske Art. Die Werke seiner frühen Jugend bis hin zu jenen eines verstörten, jungen Mannes, der Nathan war, sind eine immer dunkler und beklemmender werdende Chronologie des Fortschritts seiner mentalen Krankheit.

Krank im wahrsten Sinne des Wortes, wenn man sich nur mal einige der vielen verkorksten Kollagen in seinem ehemaligen Atelier ansieht. Für Nathans Arzt kann keinerlei Bedarf bestanden haben, dessen Eltern auch noch zu informieren—sie müssen ganz einfach im Klaren gewesen sein über den labilen Geisteszustand ihres Sohnes. Und dennoch haben sie es ganz einfach… bewusst ignoriert. Wie sich die Dinge wohl anders abgespielt hätten, hätte Nathan gleich zu Beginn die Unterstützung erhalten, die er gebraucht hätte?

Die Uhr schlägt jetzt wieder einmal halb Mitternacht; meine Armbanduhr dagegen schon halb sechs morgens. Chloe befindet sich gerade im Durchgang vom Flur zum Esszimmer, der nächstgelegenste Raum zur Kunstkammer, den sie erreichen kann ohne dabei von der Wache entdeckt zu werden. Nach hinreichendem Studium und weit mehr Versuchen und Irrtümern als mir lieb wären, kann ich durchaus behaupten, dass ich mittlerweile recht Vertraut bin mit ihrem Vorgehen: Wenn Chloe nur genug Krach macht, wird die Frau sich zunächst bei ihren Kollegen vor der Türe melden, ihren Posten verlassen zu haben, und sich dann nach der Geräuschquelle im Haus umsehen. Sollte Chloe sich persönlich sehen lassen, wird die Frau sofort Verstärkung anfordern und sich unter Androhung tödlicher Gewalt und mit autorisierter Befugnis und blablabla daranmachen, den Eindringlich auf der Stelle dingfest zu machen. Die Wachen melden sich gegenseitig alle dreißig Minuten ein Alles-klar, pünktlichst genau zu jeder vollen und halben Stunde. Das hier muss der absolut langweiligste und einschläfernste Job im ganzen, weiten Universum sein, doch die Dame stellt sich der Aufgabe eindeutig dienstbeflissen.

Und nun—nur um ihr mal ein wenig Abwechslung zu gönnen und ihrer Anwesenheit den Hauch eines tatsächlichen Zweckes zu verleihen—sprintet Chloe aus ihrem Versteck hervor, Hand am Anschlag und ihre Waffe meinen Vorgaben entsprechend gezielt (sie hat jetzt schon ganze vier Mal danebengeschossen, es ist ein schwieriger Schusswinkel mit einer komischen, unpräzisen Waffe.) Die Elektroden des Tasers schnalzen von der Waffe los, bevor die Frau überhaupt erst verarbeiten kann, welche schwarze Furie da auf sie zugestürmt kommt. Sie wird mitten in die Brust getroffen und—endlich—entlädt ich die wahnsinnig schmerzhafte Ladung ordnungsgemäß in ihren Körper anstelle des Fußbodens oder der Wand neben ihr und im nächsten Augenblick kniet Chloe auch schon auf der Wache.

Heraus kommt das Klebeband und schwupp-di-wupp-di-wupp und dann noch einmal wupp werden ihre Hände, Unterarme, Knöchel und Knie und nicht zuletzt auch ihr Mund bombenfest fixiert. Zumindest… ist es das, was sich in meinem Kopf abspielt, denn ich kann mir auf die hektischen Bilder, die ich tatsächlich auf dem Laptop erkenne, kaum einem Reim machen, doch das überaus befriedigende Geräusch des Klebebands, wenn es abgerollt wird, hört sich mir nach einem guten Zeichen an. Keine schmerzhaften Kopfnüsse oder unbeholfenes Ringen um die Oberhand in diesem Durchgang. Oh Gott, bitte lass diesmal alles reibungslos ablaufen, damit ich diese schreckliche Anspannung nicht noch einmal ertragen muss.

Als sich die Kamera wieder beruhigt, zeigt sich mir ein Bild der immer noch zuckenden Frau auf dem Fußboden, sorgfältig verpackt und bereit zum Abtransport. Fehlt nur noch das Schleifchen.

„Das sollte reichen," verkündet Chloe endlich keuchend, ihre Stimme trieft förmlich vor Adrenalin. Die Wache muss nicht die ganze Nacht hindurch außer Gefecht bleiben, nur lange genug, damit sich uns ein brauchbares Zeitfenster für unsere Operation eröffnet. Von mir aus können wir dieselben zwanzig Minuten so oft wir wollen recyceln.

„Ich hoffe, du wirst mich in der finalen Zeitlinie dran erinnern, dir mitzuteilen, was für eine megacoole Draufgängerin du eigentlich bist."

„Das tue ich doch sowieso schon pausenlos, Baby. Siehst du was ich sehe?"

Die Türe, die von der Frau bewacht wurde, ist etwa einen halben Meter in die Wand eingelassen und wirkt fast schon wie ein hölzernes Portal. Trotz des Materials, wirket die Doppeltüre als wäre sie viele Zentimeter dick und extrem solide gebaut, um allem zu widerstehen, was nicht gerade ein Rammbock ist. Höchstwahrscheinlich könnte uns hier nicht einmal eine unserer getreuen Rohrbomben weiterhelfen. Zur Linken der Türe befindet sich ein kleiner LED-Bildschirm mit einem Kartenlese-Schlitz und direkt darunter… ein guter, alter Nummernblock.

Ich kann mir ein entnervtes Aufstöhnen nicht verkneifen. „Bitte, lass unsere kleine Schlüsselarte genug sein. Alles, nur keine vierstelligen PIN-Code-Jagten mehr."

„Sieht ziemlich fortgeschritten aus. Bei dem hier könnte sogar ein… sechsstelliger Code vonnöten sein."

Mir entgeht ein weiteres entnervtes Aufstöhnen, viel lauter diesmal. „Der Stoff meiner Albträume. Na dann, wollen mal sehen, ob BetaMax' Abenteuer sich ausgezahlt haben."

Chloe legt ihren schicken, kleinen Rucksack ab und kramt nach der Prism-Karte. Sie hält sie an den Schlitz in der Wand. „Der Moment der Wahrheit…"

„Hör' auf, rumzualbern, und steck das Ding endlich rein."

„That's what she said."

Ein drittes entnervtes Aufstöhnen, das lauteste bisher.

Sie füttert das Gerät endlich mit der Karte als stünde sie an der Kasse im Supermarkt. Ein leises Piepen ist zu hören, die Schalttafel leuchtet grün auf und die Türen geben ein dumpfes Ra-Tschack aus ihrem Innenleben von sich. Sie schwingen inwärts auf in einer Weise die fast schon… feierlich anmutet.

Jenseits der Doppeltüre befindet sich ein kurzer Durchgang, an dessen Ende sich noch ein weiteres Paar Türen derselben Bauart, die ebenfalls ganz genauso anmutig aufschwingen. Chloe sieht in Richtung Boden und zeigt der Kamera wie der ach-so-herrlich polierte Parkett vor ihren Füßen nicht minder eleganten und vor allem teuren Marmorfliesen auf der anderen Seite der zweiten Doppeltüre weicht. Chloe sieht in Richtung Decke und ich erkenne sofort die sehr offensichtlichen Bewegungsmelder, die in jeder Ecke der des Durchgangs installiert wurden. Sie gibt ein missfälliges Grunzen von sich. „Glaubst du, die Schlüsselkarte hat die auch neutralisiert?"

„Geh rein und find's raus, würde ich mal sagen. Ich gebe dir Deckung."

„Wie ermutigend. Für den Fall, dass ich spontan explodieren sollte… verrat's mir bitte später nicht."

„Abgemacht."

Die vorrübergehend unpässliche Wache signalisiert gerade noch ihr wieder zurückkehrendes Bewusstsein mit einem tiefen Schnaufen über das Klebeband auf ihrem Mund hinweg, während Chloe einen Schritt über die erste Schwelle tut. Sie ist kaum zwei Schritte im Durchgang als die Sensoren rot aufleuchten, ein Alarm lautstark losblärrt und die Türen vor und hinter ihr sofort mit einem schweren Rumms zudonnern. Chloe versucht noch, vorher zu entkommen, doch sie ist viel zu spät. Sie schlägt mit bloßer Faust gegen die unerschütterliche Barriere vor ihr. „Verdammt!"

„Chloe? Kannst du mich noch hören?"

„Es geht! Gerade noch so!"

Sie muss schon schreien durch den ohrenbetäubenden Lärm der Alarmanlage. Das Scheißteil ist so flucht laut, dass ich die Lautstärke an meinem Funkgerät herunterregeln muss.

„Ich hol' dich da wieder zurück, in Ordnung?"

„Warte! Lass mich zuerst noch was ausprobieren! Nützliche Infos!"

Sie holt aus mit so viel Anlauf wie sie nur kriegen kann in dem winzigen Bereich und wirft ihr ganzes Gewicht mit einem gewaltigen Tritt gegen die Eingangstüre. "Fick dich, Tür!"

Sie prallt zurück als hätte sie gegen eine solide Wand getreten.

„Au! Verdammte Scheiße!"

„Das sah schmerzhaft aus."

„Es war schmerzhaft, du Schlaumeier!"

Sie erholt sich überraschend schnell und denkt einen Moment nach, während sie sich in dem kleinen Raum umsieht. Dann stellt sie sich auf ihre Zehenspitzen und greift nach einem der Bewegungsmelder, als wolle sie ihn mit bloßen Händen herunterreißen, doch sie sind einfach zu fest in ihren Sockeln verschraubt. Nach einer weiteren Pause zum Überlegen, geht sie einen Schritt rückwärts, zieht ihre Pistole und zielt direkt auf einen der milchig weißen Sensoren.

„Ich glaube, das ist keine gute—"

Chloe schießt. Die Kugel rikoschettiert chaotisch in der Kabine umher und trifft sie schließlich unweigerlich ins Bein.

„FUCK!"

„Oh mein Gott, Chloe, warte ich mach's wieder gut…"

„Fick dich doch, du verfickter Fick, mit alle deinem Fick—"

Ich drehe ihre heitere Schimpftirade auf halber länge zurück, bevor sie sich noch weiter verletzen kann. Ich kann nur mit dem Kopf schütteln, für mich alleine zusammengekauert auf dem Autorücksitz. Es kann sich noch so viel ändern, am Ende bleibt es doch immer das Gleiche…

Die Schalttafel leuchtet grün auf und die Türen schwingen feierlich auf.

„Siehst du die Bewegungsmelder?", frage ich sie. „Sobald du da einen Fuß reinsetzt, gehen die Türen wieder zu und du bist gefangen."

„Oh. Ist das hier jetzt Runde Numero dos oder schon mehr als das?"

„Numero dos."

„Vorschläge?"

„Mmh… wir müssen davon ausgehen, dass das man den Alarm nur mit dem richtigen Code deaktivieren kann. Also müssten wir den vorher irgendwie rausfinden."

„Oh. Yay." Die Kamera schwenkt sofort herum in Richtung der halb-bewusstlosen Wache auf dem Boden. „Wir könnten doch jemanden nach dem Weg fragen."

„Ist das jetzt die Stelle, an der ich widersprechen muss, weil wir den Weg auch bestimmt selber finden werden und ich keine fremden Leute ansprechen will?"

„Du könntest auch einfach zustimmen."

„Glaubst du, dass sie es uns… einfach so ohne weiteres verraten würde? Vorausgesetzt, sie weiß überhaupt etwas?"

„Nö. Warum sollte sie auch?"

Da liegt etwas in ihrem Tonfall, das mir den Magen sich umdrehen macht. „Du meinst…?"

„Ich meine, fragen kostet nichts."

Die Frau braucht noch einige Minuten, ehe sie wieder vollständig zu sich kommt. Ihre Augen fokussieren sich auf Chloe, überkochend vor Feindseligkeit. Ihr Haar ist in einem langen, dichten Pferdeschwanz gebunden und sie trägt einen dunklen Hosenanzug. Es ist wieder dieser schicke Bodyguard-style, der offenbar der allerletzte Schrei ist dieser Tage.

Chloe geht neben ihr in die Hocke. „Hey, Hi. 'Tschuldigung für die Störung, aber ich hätte da ein klitzekleines Problemchen. Ich nehme nicht an, dass Sie zufällig den Code kennen, um den Alarm zu entschärfen, oder?"

Die Lippen der Wache sind dicht versiegelt, buchstäblich. Sie schüttelt nicht einmal den Kopf oder nickt. Sie starrt einfach nur Chloe an.

„Vielleicht könnten wir das ja ausdiskutieren, wir zwei beide, ja? Doch ich muss Sie warnen, fangen Sie ja nicht an, Lärm zu machen, ich werde sonst sehr schnell sehr böse, verstanden? Ich habe hier Ihre Waffe und auch noch meine eigene, also ja keine Dummheiten, sind wir uns da einig?"

Keine Antwort. Chloe seufzt und nimmt sich etwas Zeit, am Klebeband herumzufummeln, damit sie es schließlich abziehen kann. „Also, ka—"

Die Frau spuckt Chloe sofort ins Gesicht.

„Wäh! Was zum—"

„Wegen dir hab' ich mir in die Hose gepisst, du Hure."

„Was zum Teufel, Alter! Kannst von Glück reden, dass ich die Maske trage, sonst wäre ich nicht so nachsichtig."

„Ich habe eigentlich nach deinen Augen gezielt, komm her, ich versuch's nochmal."

Das Klebeband wird eilig wieder angebracht. Chloe zieht ihre Glock. Sie drückt sie gegen das Knie der Frau.

„Pass mal gut auf, ich gebe hier echt mein Bestes, zivilisiert zu bleiben. Ich habe keinen persönlichen Streit mit Ihnen. Noch nicht. Also versuchen wir das hier noch einmal und dieses Mal wollen wir uns alle schön brav benehmen. In Ordnung?"

„Chloe, tu ihr nicht weh."

„Mein Partner hier," sie tippt sich mit der der Waffe gegen das Headset, „sie teilt mir gerade mit, ich solle hier nicht meine Zeit vergeuden. Ich würde ihren Vorschlag gerne befolgen. Also kommen wir zur Sache."

Sie rupft das Klebeband wieder weg, viel unsanfter diesmal. Die Wache spuckt dieses Mal nicht, doch die Feinseligkeit in ihren Augen ist nach wie vor präsent. Wenn Blicke töten könnten…

„Also? Kennen sie den Code? Ja oder nein."

„Ja. Es ist alphanumerisch. Bereit?"

„Hä? Aber da sind doch nur Zahlen auf—"

„Er lautet Null-Einundachtzig Fünf-Foxtrot, India, Charlie, Kilo, Delta, India, Charlie, Hotel. Alles notiert?"

Es entsteht eine kurze Pause, in der ich mir perfekt vorstellen kann, wie Chloe nachdenklich blinzelt, während die Zahnräder in ihrem Kopf mühsam das NATO-Alphabet entziffern.

Sie steht wieder auf und dreht sich um, spricht durchs Funkgerät direkt zu mir. „Wir sind doch angeblich die Guten hier, oder? Warum also sind eigentlich immer alle so unhöflich zu uns?"

„Ich glaube, sie hat sich wegen uns in die Hose gemacht, Chloe."

„Guter Punkt."

Die Frau spricht wieder. „Ich hab' mich nicht durch zwei beschissene Schichten gequält, nur um mich jetzt von irgendwelchen lebensmüden Volltrotteln einschüchtern zu lassen. Es würde mich allerdings schon interessieren, wer verfickt nochmal so blöde ist, sich mit den Prescotts anzulegen. Sie sind die Sorte von Leuten, die euer Leben als Freizeitbeschäftigung in den Ruin treiben könnte. Ich kann mir nicht vorstellen, was sie euren dummen Ärschen antun werden, sobald sie rauskriegen, was zur Hölle ihr vorhabt."

Chloe dreht sich wieder zu ihr zurück. „Hör Sie mal zu, Madam Schmutziges Mundwerk, es besteht absolut keinerlei Möglichkeit, dass Sie mich für'ne ganze viertel Stunde hinhalten können, bis Ihr Kollege draußen sich meldet, also sparen Sie sich die Mühe und die vielen schlimmen Schimpfwörter." Ihre Hand bedeckt kurz die Kamera, ich kann daher nur vermuten, dass sie sich gerade ihre mega-coole und vollgespuckte Ninja-Maske vom Kopf gezogen hat. „Ich hab' da nämlich so'ne kleine Geheimwaffe hinten in meinem Autorücksitz."

Das kampferprobt grimmige Gesicht der Wache zeigt zum ersten Mal überraschte Risse, wenn auch nur kurz. „Du bist dieses Price-Mädchen. Verdammte Scheiße."

„Hast du gehört, Max? Wir sind berühmt."

„Klar," stimmt die Frau zu, „gefährliche Massenmörder erarbeiten sich nun mal mit der Zeit ihren traurigen Ruf."

Chloes Reaktion ist blitzschnell und schlagartig. Sie prescht auf sie nieder, eine Hand fährt der Frau an die Kehle und presst sie mit aller Gewalt gegen den Boden.

„Du vergisst den Teil als ihr Wichser uns mitten in der Nacht überfallen habt, Schlampe. Alles, was wir jemals getan haben, war reine Selbstverteidigung, also komm mir jetzt ja nicht mit dieser Möchtegern-Moralapostelkarte. Ihr Arschlöcher habt eure Seele doch an den Teufel verschachert für nichts als einen verfickten Gehaltscheck."

„Chloe, heilige Scheiße, Chloe, beruhig dich. Das ist es nicht wert."

„Diese Leute haben vielleicht Eier! Kannst du das fassen? Wir wollten nichts—aber auch gar nichts damit am Hut haben, sie haben unser ganzes Leben ruiniert und jetzt kommt diese dumme Tussi daher und will dir die Schuld dafür in die Schuhe schieben? Was zur Hölle ist bloß falsch in dieser Welt?"

„Lass sie los, Chloe. Du bringst sie noch um."

Chloe tut einen schweren Atemzug durch zusammengeknirschte Zähne, dann löst sie ihren Griff. Die Wache keucht noch für eine Weile, röchelt durch nicht minder zusammengeknirschte Zähne. „Ja… fühlt sich alles echt… nach Selbstverteidigung an."

Chloe starrt die Frau direkt an. Ich kann sie mir nur zu gut vorstellen. Wenn Blicke töten könnten…

„Sie wird nicht reden, Max. Wie abgeneigt stehen wir Folter gegenüber dieser Tage?"

„Was? Neineinein—wir sind sehr extrem abgeneigt gegenüber Folter. Chloe, wir sind doch besser als das. Hab' ich Recht?"

Sie zögert ehe sie antwortet. Zögert viel, viel zu lange für meinen Geschmack.

„Weiß nicht. Hat dir bisher auch nichts gemacht."

„Das war nicht ich, Chloe, nicht wirklich. Du hast es doch selber gesagt, ich war kaputt, jenseits von Gut und Böse. Tu das bitte nicht Chloe. Bitte."

„Es wäre ja auch gar nicht echt, weißt du? Nichts hiervon wird jemals passieren. Ich glaube, das ist dir noch gar nicht richtig bewusst, wir könnten praktisch alles machen…"

„Für mich ist es sehr wohl echt! Ich werde mich an all das erinnern können und ich will mich nicht daran erinnern müssen, das du so etwas Schreckliches getan hast. Ich weiß, dass du… schon viel Schlimmes durchgemacht hast in den letzten Monaten. Aber wir werden niemanden foltern, egal was passiert. Niemals, in Ordnung?"

Chloe nimmt sich einen Moment zu denken. Die Frau bleibt ruhig, beobachtet, lauscht.

„In Ordnung. Hast Recht, tut mir leid. Ist… ist gut, ich bin froh, dass du dich so fühlst. Du solltest am besten bei Gelegenheit nochmal mit mir darüber reden, wenn wir hier heute Nacht fertig sind."

„Das werde ich. Und ich werde auch sicherstellen, dass du es auch behältst. Danke, dass du zugehört hast."

„Für dich doch immer… Also… nochmal von vorne, nehme ich an? Glaubst du, sie kennt den Code überhaupt? Hier dreht's sich wahrscheinlich um die allerhöchste Sicherheitsstufe oder so. Die Alte will offensichtlich bloß Zeit schinden und ich möchte wetten, sie ist loyal wie'n Schoßköter, warum sonst sollten sie sie überhaupt erst hier drin postiert haben? Warte mal 'ne Sekunde." Sie tippt die Wache mir der Fußspitze an. „Wieviel haben die Prescott Ihnen überhaupt verraten? Wissen Sie, dass wir durch die Zeit reisen können?"

Der Ausdruck auf dem Gesicht der Wache ist schon genug Antwort. Sie sieht aus wie jemand, der genau weiß, dass er auf den Arm genommen wird.

„Klar," sagt sie, „ist alles Teil des Standarttrainings. Wir haben schließlich auch unsere ganz eigenen Superkräfte, die fliegende Kavallerie wird jeden Augenblick hier sein."

Sie bringt mich etwas zum Kichern, trotz allem. „Weißt du was? Irgendwie mag ich sie."

„Du hast ja auch nicht alle Tassen im Schrank."

„Durchsuch doch einfach mal ihre Tass— …Taschen. Vielleicht findest du ja etwas, was wir als Druckmittel benutzen könnten, und dann fragen wir sie ein paar Fragen, einfach nur um zu sehen, ob sie uns nicht doch weiterhelfen kann."

Wir finden ihren Geldbeutel, eine Personalkarte mit Band zum Umhängen, ein Handy, ein Ersatz-Magazin für ihre Waffe und eine halbvolle Packung Nikotin-Kaugummi. Wir sind einer Meinung, dass das schon reichen könnte.

Also zurück zu… ja genau, wie Chloe ihr Gesicht gezeigt hat. Das war eine schöne Stelle.

„…so'ne kleine Geheimwaffe hinten in meinem Autorücksitz."

Das kampferprobt grimmige Gesicht der Wache zeigt zum ersten Mal überraschte Risse, wenn auch nur kurz. „Du bist dieses Price-Mädchen. Verdammte Scheiße."

„Chloe, hör zu, ich hab' das Gespräch gerade zurückgedreht. Sag ihr, Lauren Frost würde gerne mit ihr sprechen, und gib ihr dann das Headset. Und nenn sie ruhig Sarah, wenn du willst."

„Na gut, wenn's weiter nichts ist. Sarah, richtig? Miss Frost meint, sie würde gerne mit Ihnen sprechen. Bitte kurz mal stillhalten, ja?"

Das verdutze Gesicht der Frau allein ist schon mal überaus zufriedenstellen. Ein guter Anfang. Sie wehrt sich nicht einmal als Chloe ihr die das Gerät auf den Kopf streift.

„Sarah Marianne Dawson? Hier ist Lauren Frost. Ich entschuldige mich im Namen meiner Kollegin für die zugegeben etwas unsanfte Behandlung. Sie musste leider entschieden vorgehen, um zu verhindern, dass Sie vorzeitig Verstärkung rufen."

Einige Sekunden verstreichen. „Wie verfickt nochmal kennen Sie meinen Namen?"

„Uns stehen reichlich Ressourcen zur Verfügung, Sarah. Wie kennen den Namen und die Adresse jeder einzelnen Person, die in diesem Anwesen angestellt ist. Und noch weit mehr, genaugenommen. Der Name ihrer Katze, zum Beispiel, ist… Snuffles, richtig? Eine getigerte Siamkatze? Und wie geht es eigentlich Jake, wenn ich fragen darf?"

Die Leute von heute schleppen aber auch echt ihr ganzes Leben ihn ihren Handys herum. Sie sollte es vielleicht besser absichern, als nur mit einem einzigen Wisch über den Bildschirm.

Alles, was ich im Augenblick sehen kann, ist Chloes Reaktion auf Sarahs Gesichtsausdruck; Chloe trägt dieses typische ich-weiß-was-was-du-nicht-weißt Grinsen auf den Lippen, was nur gute Dinge bedeuten kann.

„Ist das jetzt eine Drohung," fragt die Frau, „oder nur… eine Machtdemonstration?"

„Keine Ahnung. Was wäre denn in diesem Fall effektiver?"

„Ich geb' doch keinen Rattenarsch darauf, wer ihr seid oder was ihr wollt, Sie können sich ihre Drohungen also dorthin zurückschieben, wo sie auch herkommen."

„Na schön, gut zu wissen. Nur eine Sekunde, bin gleich wieder da… und damit meine ich vor ein paar Sekunden."

„Was?"

Oh, Dialogrätsel, wie ich es doch liebe. Hoffentlich führt dieses hier auch irgendwohin, anders als beim letzten Mal.

„Ist das jetzt eine Drohung, oder nur… eine Machtdemonstration?"

„Ich werde hier überhaupt niemandem drohen, ganz im Gegenteil. Ich möchte Sie für meine Sache rekrutieren."

Eine weitere Pause. Chloes runzelt fragend die Stirn.

„Sie wollen, dass ich die Prescotts hintergehe und meinen Vertrag breche?

„Ich denke, Sie wären ein exquisiter Zuwachs für unser neustes Team. Wir hatten Sie nun schon für eine gewisse Weile auf dem Schirm. Wäre das Doppelte ihres bisherigen Gehalts ein angemessener Ausgangspunkt für Verhandlungen? Nennen Sie ihren Preis, Miss Dawson."

„Wenn Sie mich wirklich ‚auf dem Schirm' hatten, wüssten sie ganz genau, dass ich kein hirnloser Söldner bin. Wie blöde müsste man denn überhaupt sein, korrupte Überläufer anzuheuern? Damit macht man sich doch nur selbst anfällig für Verrat. Was also haben Sie wirklich vor?"

Hm.

Tja, Chloe hatte ja schon vorher gemeint, sie hätten nur die loyalsten der Loyalen ihrer Handlanger direkt im Haus postiert.

„Ist das jetzt eine Drohung, oder nur… eine Machtdemonstration?"

„Lediglich ein Zeichen, dass wir wissen, mit wem wir es zu tun haben. Die Prescotts werden untergehen, Sarah. Sie werden für alles bezahlen, was sie verbrochen haben…"

„Gott im Himmel, und ich dachte, Sie wären einfach nur irgendein weiterer stinkreicher Schnösel mit zu viel Freizeit und irgendeinem abgedrehten Lieblingsprojekt für die gute Sache. Sie stehen hinter Price und Caulfield? Das sind verdammte Unternehmensterroristen!"

Chloe verzieht die Miene und verschränkt die Arme. Ich möchte wetten, es kostet sie gerade ihre Willenskraft für die ganze nächste Woche, ihren Mund zu halten.

Ich seufze dramatisch. „Ist das wirklich, was sie Ihnen erzählt haben? Wie traurig."

„Caulfield hat erst letzten Monat ein Büro in Portland überfallen und ganze sechs Menschen ermordet, bevor sie abgehauen ist. Ist das etwa nicht wahr?"

„Na ja… ähm. Woher wissen Sie das?"

„Es gehört zu meinem Job, so etwas zu wissen, und es ist absolut wahr. Ich kann nicht wissen, welche Art von Vendetta sie da am Laufen haben, aber ich werde garantiert nicht mit Terroristen verhandeln."

„Moment, ich verlange eine Wiederholung."

„Was?"

Zurück, zurück du musst gehen und schon sehr bald eine Antwort du wirst finden, mein junger Pandawahn…

„…und ganze sechs Menschen ermordet, bevor sie abgehauen ist. Ist das etwa nicht wahr?"

„Wenn das die ganze Wahrheit wäre, glauben Sie nicht, dass sie dann eine öffentlich bekannte Verbrecherin wäre? Gesucht von Polizei und FBI und so weiter? Aber nein, es wird alles intern und unter der Hand geregelt, nicht wahr? Die Polizei wurde nicht ein einziges Mal hinzugeschaltet. Warum das wohl so ist, frage ich mich."

Es macht sie erstmal stutzig, ich kann es spüren. Chloes unwirscher Ausdruck erweicht wieder ein wenig. Ich wünschte, es wäre möglich wäre die Kamera abzumontieren, damit ich das Gesicht der Wache aus erster Hand lesen könnte.

„Ich könnte mich für Stunden mit Ihnen darüber unterhalten, welch schreckliche Dinge Ihr Arbeitgeber bereits verbrochen hat, doch ich weiß um Ihre Professionalität und dass Sie ihren Vertragspartner, so falsch dieser auch sein mag, nicht hintergehen werden. Doch hören Sie mir bitte zu, Miss Dawson. Die Türe steht offen, wie Sie sehen. Wir mussten mehr als nur ein wenig Mühsal auf uns nehmen, um bis hierher zu kommen. Alles, was wir jetzt noch benötigen, ist dieser Code."

Die Zeit verstreicht in angespannter Stille. Meine Gedanken wandern in der Zwischenzeit zurück zu dem putzigen Foto auf ihrem Handy, das mit der schlafenden Siamkatze, gemütlich zusammengerollt auf einem ebenfalls schlafenden jungen Mann. Es war ein großartiges Bild.

Halte es wach in deiner Erinnerung. Halte die Nachrichten wach, die sie mit ihrem Vater ausgetauscht hat, und auch ihre Einkaufsliste fürs Wochenende. Jeder einzelne Widersacher, auf den wir treffen, ist ein wunderbares, menschliches Wesen.

Sarah Dawson atmet einmal lange und frustriert aus und schüttelt dabei den Kopf.

„Selbst, wenn ich Ihnen helfen wollte—was ich nicht tue—ich habe keine Ahnung, wie der Code lautet. Sie sprechen ihn niemals laut aus und ich werde auch niemals versuchen, einen Blick zu erhaschen."

Na endlich, die Bestätigung. Immerhin sind wir soweit gekommen. Sie klingt ehrlich.

Wer genau benutzt diese Kammer?"

„Die Prescotts natürlich, wer denn sonst?"

„Dianne und Sean?"

„Und ihre Kinder, wenn sie zu Besuch sind. Aber überwiegend nur Mrs. Prescott, während meiner Schichten. Und dann oft bis spät in die Nacht hinein. Sie ist… eher von der exzentrischen Sorte. Könnte auch genauso gut da drin wohnen, eigentlich."

„Moment, beide Kinder? Nathans Schwester?"

„Ja, die auch. Kristine. Aber nur einmal, dass ich es gesehen hätte. Kurz danach ist sie in Tränen wieder rausgestürmt, hat um sich geschrien, dass sie in Ruhe gelassen werden will. Sie… haben sich häufiger gestritten, es war unmöglich, sie zu überhören. Das Mädchen gleich auf 'nen anderen Kontinent zu verschiffen, war wahrscheinlich das Beste für alle, um ehrlich zu sein."

„Worüber könnten sie gestritten haben? Stinknormaler Teenager-Kram?"

Sarah schnaubt ins Mikrofon. „Nichts an dieser Familie ist stinknormal, außer vielleicht, dass sie stickreich sind. Es ist als würden sie inner komplett anderen Welt leben. Was auf gewisse Weise sogar stimmt, denke ich."

„Äh? Wie denn das?"

„Na, es ist dieselbe Welt aus der Sie auch stammen, richtig? Die Welt der Reichen und Schönen, der erfolgreichen und völlig abgehobenen, wahnsinnigen Prioritäten, denn offene Rechnungen sind nichts, was ihnen jemals ein Grund zur Sorge bereit, nicht wahr? Stinknormale Menschen, die jeden Tag nur unter Müh und Not ihre nächste Mahlzeit auf den Tisch bekommen, haben nicht die Zeit als Hobby gegeneinander Untergrundkriege zu führen."

„Meine Mühen und Nöte wirken selbst auf mich befremdlich, ich kann Sie also gut verstehen. Wissen Sie, was in dieser Kammer vor sich geht, Sarah? Warum sollten die Prescotts ihn unter solch einem Aufwand bewachen lassen?"

„Warum, Sie sind doch diejenige, die so unbedingt da rein will, und Sie wissen nicht einmal, was genau da drin ist? So viel also zu ihren ‚reichlichen Ressourcen', das sollte wohl 'n Witz sein!"

Ups. Zurück. Umformulieren.

„Meine Mühen und Nöte wirken selbst auf mich befremdlich, ich kann Sie also gut verstehen. Wissen Sie überhaupt, was Sie hier bewachen, Sarah? Haben Sie eine Ahnung, was Sie da wirklich zu beschützen versuchen? Es ist keine einfache Kunstsammlung da drin, so viel kann ich Ihnen verraten."

„Ich wurde diesem Posten zugewiesen und ich werde meinen Job erfüllen. Ich werde nicht dafür bezahlt, Fragen zu stellen." Sie zögert einen nachdenklichen Moment. „Warum? Was könnte schon da schlimmes drin sein?"

Also weiß sie darüber auch nicht die Bohne. Aber wer weiß, der Einblick ins Privatleben der Prescotts könnte sich noch einmal als nützlich erweisen. „Ich glaube, Sie würden mir nicht glauben, selbst wenn ich ihnen verriete, wozu die Prescotts alles fähig sind. Obwohl… auf der anderen Seite, vielleicht ja doch. Sie müssen schon mehr als genug von diesem Haus zu Gesicht bekommen haben, um zu bemerken, dass—"

Das Funkgerät an Sarahs Schulter meldet sich plötzlich rauschend und knisternd.

„Knuckles, bist du da oder nicht? Mach mich ja nicht da reinkommen, nur um mal wieder festzustellen, dass du im Dienst weggepennt bist. Over."

Sarahs laut entnervtes Aufstöhnen steht dem meinen in nichts nach. Es ist der exakt selbe Laut, zu dem ich des Öfteren greife nach Chloes fortwährendem Schabernack. „Heilige Mutter Gottes, das eine Mal, dass er das verdammte Protokoll ordnungsgemäß befolgen sollte, und er verkackt's. Wirklich verfickt nochmal großartig gemacht, Jacob."

„Oh, ach so, jetzt kapier ich's. Deshalb waren Sie auf einmal so freundlich und gesprächig."

„Was, dachten Sie etwa, wir wären plötzlich beste Freunde? Ihr habt mir die verfickten Nippel wegfrittiert, ich liege gefesselt auf dem Fußboden und schmore hier so in meiner eigenen Pisse vor mich hin. Also halten Sie sich bitte freundlichst fern von mir und ficken Sie sich ins Knie, vielen Dank."

Der Mann im Funkgerät meldet sich wieder zu Wort. „Sarah? Bist du da? Over."

Chloe geht wieder neben ihr in die Hocke, bringt einen Finger an den Knopf des Geräts und presst ihre Waffe betont gegen Sarahs Schulter. „Geben Sie das Alles-Klar," kann ich sie warnend flüstern hören.

„Ja, sicher doch, ihr seid die Guten, wie konnten mir nur jemals Zweifel aufkommen?"

„Eigentlich," sage ich ihr, „ich glaube es wäre an der Zeit, dass wir uns wieder aus dieser Sackgasse verabschieden, ich denke nicht, dass es hier noch etwas zu holen gibt. Es war mir eine nette Erfahrung, Ihre Bekanntschaft gemacht zu haben, Miss Dawson, bleiben Sie so erstklassig, wie Sie sind, ja?"

„Was?"

Ganz ehrlich, ich werde nicht eine Träne vergießen, diese letzte halbe Stunde wieder ungeschehen zu machen. Die Zeitreise ist noch immer gleichmäßig und flüssig, doch ich kann auch so langsam die Belastung spüren. Ein dumpfes Pochen zwischen meinen Schulterblättern und etwas, was anfühlt, wie ein leichtes Schwindelgefühlt, das hinter meinen Augen kribbelt—und nicht zuletzt natürlich die Erschöpfung über weiß Gott wie viele Mitternächte hinweg wach zu bleiben, literweise Kaffee hin oder her. Die schiere Anzahl der der kurzen Abstecher durch die Zeit verlangt mir so langsam ihren Tribut ab und mit dieser neuen Entwicklung der Ereignisse scheinen wir hier bei weitem noch nicht am Ende angelangt zu sein…

Nun ist es wieder kurz vor halb Zwölf und Chloe, die Leisetreterin, schleicht sich gerade wieder vom Eingang, der abgewandt liegt von der nichtsahnenden Sarah, in das große Esszimmer.

„Hey, meine Schöne. Wir sind jetzt wieder zurück von der Kunstkammer."

„Oh. Alles klaro. Dann als nächstes der Bunker?" Ihr Flüstern ist so leise, selbst ich kann es kaum hören.

„Genau." Sie macht auf der Stelle kehrt und begibt sich wieder in die entgegensetzte Richtung. „Es könnte leicht sein, dass du da nicht mal reinkommst. Vor der Kunstkammer war ein PIN-Code-geschützter Alarm und wir haben keine Ahnung, wie wir an den rankommen sollen."

Sie unterbricht ihre Schleichfahrt. „Also sind wir da gar nicht rein?"

„Nope."

„Also…"

„Ja, ich bin nachher selber noch an der Reihe, falls wir im Bunker nicht finden sollten, wonach auch immer wir hier eigentlich suchen. Der Alarm sollte für mich ein Kinderspiel sein."

„Und wie oft hab' ich dir heute Nacht schon gesagt, dass ich diese Idee hasse?"

„Das ist jetzt, soweit ich weiß, sogar das erste Mal."

„Oh. Na gut. Ich hasse diese Idee."

„Ich weiß doch. Wir reden vorhin noch mal drüber, in Ordnung?"

„Da kannst du aber Gift drauf nehmen."

Schon bald tappt Chloe heimlich, still und leise durch die absolute Dunkelheit noch tiefer ins Herz des Anwesens. Sie schaltet ihre Brille wieder ein und ich aktiviere ebenfalls die Nachtsichtfunktion der Kamera. Mit dem Geld, das wir für die ganze Ninja-Ausrüstung verprasst haben, hätte man wahrscheinlich mein halbes Schulgeld bezahlen können. Ich schätze, wir sind mittlerweile tatsächlich die leibhaftigen Blackwell Ninjas.

Am Ende des Flurs und einige Treppenstufen hinab erwartet uns die Tresortüre. In der schwarzweißen Beleuchtung und der Totenstille kann „gruselig" der Atmosphäre nicht wirklich gerecht werden; die Annäherung über die knarzenden Stufen hinab ist vielmehr verdammt nochmal unheilverkündend. Die Türe ist nicht nur ähnlich zu jener unter der Scheune außerhalb von Arcadia—es ist die exakt selbe Bauart und Ausführung. Der einzige Unterschied ist der Schlitz für die Schlüsselkarte anstelle eines Zahlencodeschlosses.

„Scheiße, Max. Ich bin echt heilfroh, dass du da bist, ich wäre jetzt schon sowas von ausgeflippt, wenn du nicht über meine Schulter auf mich aufpassen würdest."

„Sie ist nicht bewacht. Vielleicht ist es ja tatsächlich nur ein Sturmschutzbunker."

„Deine Einschätzung, wie wahrscheinlich das ist?"

„Hmm, plusminus Null-komma-Null?"

„Jup. Das dachte ich mir."

Die Stufen enden in einem breiten Korridor, in etwa drei bis vier Meter bis zum Tresor. Den Wänden um sie herum und den Fliesen unter ihren Füßen entgeht ein subtiles elektronisches Summen. Der Rahmen der metallenen Türe ist in ein weißes Leuchten getaucht und ein kleines Lämpchen leuchtet rot am Kartenschlitz.

Chloe testet das große Rad in der Mitte der Türe, doch es will sich nicht rühren. Sie legt ihren schicken, kleinen Rucksack ab und kramt nach der Karte und hält sie an den Schlitz in der Wand. „Der Moment der Wahrheit…"

„Hör' auf rumzualbern und steck das Ding endlich rein."

Sie gibt ein nervöses Kichern von sich. „Ha. Dachtest wohl ich bring jetzt den selben lahmen Gag nochmal, was?"

Rein mit der Karte. Das Lämpchen wechselt auf grün. Ein Surren ist in der Türe zu hören, gefolgt von einem dumpfen Klonk.

Chloe gibt dem Rad einen erneuten Versuch und diesmal lässt es sich tatsächlich drehen. Sie legt noch etwas mehr Pep in Bewegung. „Das weckt ja mal so richtig rosige Erinnerungen, hab' ich Recht?"

„Oh ja, das waren noch Zeiten. Nur 'n guter, alter Psychopath und Serienmörder auf unseren Fersen. Das Übliche halt, sonst nichts weiter Seltsames."

„Mal abgesehen vom Tornado und den Superkräften vielleicht."

„Stimmt, das auch. Hatte ich fast schon vergessen."

Das Rad kommt zum Stopp. Als die Türe ganz langsam nach innen aufschwingt gibt sie dieses metallen gähnendes Krächzten von sich, das mir eine Gänsehaut verpasst. Leuchtstoffröhren blinzeln über die gesamte Decke Verteilt eine nach der anderen zum Leben und enthüllen einen ganz in Weiß getauchten knapp zehn Meter langen Flur, mehrere Türen in weitere Nebenräume, eine rechteckige Kreuzung auf exakt halber Länge. Am anderen Ende ist eine Kamera in einer Ecke platziert, die den kompletten Bereich abdeckt.

Chloe setzt einen Schritt hinein. „Das… sieht nicht gerade aus wie ein Sturmschutzbunker."

„Nein, hast Recht. Es sieht eher aus wie…"

Fünf oder sechs Räume verbunden über einen zentralen Flur. Alles blendend weiß und steril und hell erleuchtet. Kameras in jeder Ecke.

In meinem Kopf baut sich ein unangenehmer Druck auf, erst ein nur schwaches Unbehagen, doch dann beginnt das Auto um mich herum langsam zu schmelzen. Meine Augenlider sind Bleigewichte, es ist ein einziges Martyrium sie offenhalten zu wollen. Meine Gedanken rasen in Zeitlupe, eintausend Kilometer unter Wasser, schwerfällig und träge. Durch den Dunstschleier kann ich meine Hände erkennen, gefesselt mit Kabelbinder vor mir, eine bombenfeste, metallene Handschelle mit einem abgeschnittenen Infusionskatheter in meinem rechten Handgelenk. Meine Fingernägel sind zerfressen und blutig. Um mich herum ist überall nur Weiß und es dauert nur wenige Sekunden ehe ich bemerke, dass es nicht meine Füße sind, die mich hier nach vorne tragen. Ich werde flankiert von zwei Männern und zwischen ihnen heben sie das tonnenschwere Gewicht meines gelähmten Körpers als wäre er aus zerbrechlichem Styropor.

„Sie wacht auf."

„Dann beeil dich besser."

Ein Großteil von mir ist erfüllt von tödlicher Furcht meiner drogenvernebelten Machtlosigkeit. Es ist dasselbe Gefühl von Machtlosigkeit, das mich schon einmal in den Fängen der Dunkelkammer überkam, eine Machtlosigkeit, die meine Glieder lähmt und daran hindert, meinem Willen zu gehorchen. Schon sehr bald treibt sie mich in meiner Gänze in eine jene verzweifelte Todespanik.

Doch ein Teil von mir… da ist immer noch ein Teil von mir, der hier im Auto sitzt, gewahr dessen, was sich dort eigentlich abspielt. Es ist wieder so ein Erinnerungs-Visions-Dingens, sie blutet hindurch durch die Schwellen der Vielzahl meiner verschiedenen Persönlichkeiten. Entfernt kann ich den rauen Stoff der Sitzpolster fühlen, kann ich den Kirschduft des Lufterfrischers in der Klimaanlage riechen, kann ich die zunehmend dringlichen Rufe Chloes nach meiner Antwort hören. Ich will ihr antworten, nichts will ich lieber tun als zu ihr zu sprechen, doch heraus kommt gerade mal das leiseste und schwächlichste, angsterfüllte Nuscheln zu dem BetaMax gerade im Stande ist.

„Chloe…"

„Scheiße Mann, sie ist gerade mal so alt wie meine Schwester. Wie kann dieses Mädel bitte so gefährlich sein?"

„Sie ist angeblich irgendeine Art Superspionin, keine Ahnung. Das ist über deiner Gehaltsklasse, also tu einfach, was man dir sagt."

„Max, komm doch, antworte mir. Das Funkgerät zeigt immer noch eine Verbindung an, du müsstest mich eigentlich hören können. Wehe dir, wenn du ausgerechnet jetzt 'ne gottverdammte Vision hast, ich wär' hier echt aufgeschmissen ohne dich."

Es ist mir nahezu unmöglich durch die Watte in meinem Kopf hindurch klar zu denken, doch unter allen leisen Ahnungen, die in meinem Kopf herumgeistern, sticht eine davon so klar hervor wie die Sonne am sternenlosen Nachhimmel: Von allen Albträumen und Qualen, die ich bis hier her durchlitten habe, lastet keine so schwer auf meiner geschundenen Seele wie die blanke Furcht, dass Chloe ihnen schutzlos ausgeliefert, auf sich alleine gestellt hinter dieser Tresortüre, stranden könnte. Bin ich im Augenblick überhaupt bei Bewusstsein? Werde ich in der Lage sein über diese Vision hinweg die Zeit zurückzudrehen? Ich versuche mich unter größtem Geistesaufwand auf ihre Worte zu konzentrieren, die stetig ansteigende Furcht in ihrer Stimme, mein allergrößter Erzfeind von allen, die es zu vernichten gilt. Schließe alles aus, was nicht dieser Bruchteil einer Scherbe meines gegenwärtigen Selbst im Hier und Jetzt ist.

Die Erinnerung spielt sich meinen Bemühungen zum Trotz ungebrochen weiter ab. Ich werde fest in einen Stuhl geschnallt und sorgfältig fixiert, ich kann mich nicht einen Millimeter rühren. Ein Telefon wird hereingebracht und auf dem Tisch neben mir platziert.

Ich kann mich noch viel zu klar an dieses abgekartete Spiel erinnern.

„Ich muss mich hier langsam in Bewegung setzten, falls du nicht bald antwortest. Beschissenes Zeitreise-Zeug, immer dieses beschissen perfekte Timing."

„Miss Caulfield. Dieses Gespräch ist nun schon seit geraumer Zeit überfällig."

Die Worte erreichen noch immer kaum meinen Verstand. Mein Kopf ist ein einziger Wattebausch, schwer wie Blei, getränkt in animalische Furcht und abgrundtiefe Abscheu.

„Es wäre mir ein Bedürfnis, mich für die unziemliche Behandlung, mit der wir ihnen bislang begegnen mussten, zu entschuldigen, doch ich fürchte, sie sind für derlei Formalitäten im Augenblick nicht allzu empfänglich."

Scheiße. Ich versuche noch immer dieser unsäglichen Erinnerungsvision zu entkommen, doch sollte ich überhaupt? Ich könnte auch versuchen, noch mehr über diesen Ort zu erfahren, vielleicht gibt es noch etwas, was BetaMax übersehen hat oder nicht daran gedacht hat, es zu erwähnen, oder es einfach selber komplett vergessen oder verdrängt hat. Auf der anderen Seite… Chloe… Sie könnte gefasst werden oder sie könnte sich dazu gezwungen sehen, sich den Weg nach draußen freizukämpfen. Sie braucht mich…

„Ich werde Sie noch eine kurze Weile lang Ihre Sinne so gut Sie können zusammensammeln lassen, ehe wir fortfahren. Sobald Sie sich dazu in der Lage sehen, gestatte ich Ihnen sogar, dieses Gespräch zu wiederholen, sooft Sie es für nötig erachten. Es wird ein… interessantes Erlebnis für uns beide werden, denke ich."

Falls ich mich zu sehr auf die Vision konzentrieren sollte, könnte ich womöglich schon bald mein Bewusstsein komplett verlieren und dann kann ich die Zeit garantiert nicht mehr zurückdrehen. Der einzige Weg, dann noch zu entkommen, wäre ein Fotosprung…

Wir hassen Fotosprünge. Doch wir hassen es genauso sehr nicht zu wissen, was überhaupt los ist. Wir hassen einfach alles hier.

„Also gut, ich geh da jetzt raus und hol' dich, Max. Gott, hoffentlich geht's dir gut. Wünsch mir Glück, dass ich es hier heil rausschaffe. Ich liebe dich."

Das Beben in ihrer Stimme. Die grimmige Entschlossenheit ihrer Worte. Sie brechen durch meine tosenden Gedanken wie der Wisch einer Hand durch ein Spinnennetz, wilder und strahlender als jede Furcht um mein eigenes Schicksal. Ich verfalle in einen hyper-fokussierten Tunnelblick und das einzige, was mich an dessen Ende auf mich wartet ist…

„Chloe…"

„Alles zu seiner Zeit. Halten Sie still, Miss Caulfield. Lassen Sie zunächst die Medikamente abklingen."

Meine Stimme ist überhaupt nicht zu hören. Ich versuche noch, meine Lippen zu bewegen, doch ich fürchte sie spielt sich ausschließlich in meinem Kopf ab. „Chloe, wo bist du?"

„Sie ist am Leben und wohlauf, auch wenn wir sie wiederholt überwältigen und gegen ihren Willen fixieren mussten. Ihr Wohlergehen liegt nun zum allergrößten Teil in Ihren Händen, Miss Caulfield. Schärfen sie Ihren Verstand, sie werden ihn schon bald brauchen."

Ich versuche anzukämpfen gegen meine bombenfesten Fesseln. Lasst mich los, ich kann nicht hierbleiben, ich nicht riskieren, dass sie verletzt wird, oder dass ich womöglich alles schon wieder durch einen Fotosprung durcheinanderwirble. Ich weiß nicht, wie lange diese Erinnerungsvision noch andauern wird, doch jede einzelne weitere Sekunde und dieser Tunnel wird nur noch dunkler und auswegloser…

Ich tue einen tiefen, schweren Atemzug. Beiße meine Zähne zusammen vor Konzentration und schädelmarternder Kopfschmerzen. „Chloe… verrate mir… wie ich dich erreichen kann."

„Sie befindet sich sicher in unserem Gewahrsam. Sie wurde während ihrer Gefangennahme verletzt, weshalb wir ihr die notwendige Behandlung zukommen ließen, ungeachtet ihrer besten Bemühungen, uns daran zu hindern."

„Scheiße, sie haben mitbekommen, dass der Tresor auf ist. Sie warten oben schon auf mich, Scheiße, Scheiße, Scheiße."

„Gefangen? Sie haben sie gefangen genommen?"

„Ein unglücklicher Zwischenfall in Sachen Disziplin. Hier, Sie sollten sich selbst ein Bild machen."

Nur unter größter Anstrengung richte ich meine Augen auf den Bildschirm des Laptops vor mir. Der Eingang des Tresors ist darauf zu sehen. Und Chloe, die sich langsam und vorsichtig mit vorgehaltener Waffe auf die offene Türe zubewegt.

Wach endlich auf. Wach. Endlich. Auf. Dies ist mein Verstand. Ich habe hier das Sagen, ich entscheide, was geschehen wird…

Der gellende Schuss einer Waffe birst durch meine Kopfhörer. „Na los doch, holt's euch, ihr kranken Arschlöcher!"

„Oh Gott, Chloe, halte durch, ich versuch' doch schon, dich zu erreichen!"

„Max! Max, geht's dir gut?"

Ich bin zurück. Alles ist wieder zurück. Das Auto um mich herum, die rauen Sitzpolster und der Kirschduft in der Luft. Der Laptop und das Bild aus Chloes Headset-Kamera.

„Ich hatte schon wieder so'ne komische Erinnerungsvision, aber jetzt ist sie wieder vorbei—geht's dir gut?"

„Alles bestens, was dachtest du denn?" Auf dem Bildschirm ist Bewegung zu sehen und Chloe feuert erneut. „Versuch das nochmal und schau, was passiert, Arschloch!" Sie geht hinter einer Ecke in Deckung. „Scheiße, du hast also das Bewusstsein verloren? Wir stecken hier fest?"

„Ich… ich weiß auch nicht. Vielleicht. Wie sehr ist die Kacke grade am Dampfen?"

„So ziemlich. Bin mir recht sicher, das hier ist der einzige Ausweg nach draußen, keine Ahnung, wie viele Wachen da jetzt schon sind. Und ich weiß nicht, ob ich es hier mit bloßer Waffengewalt rausschaffen könnte, ganz egal, wie viele Versuche ich bekomme. Hast ja selbst gesehen wie der Eingang aussieht, es gibt dort keinerlei Deckungsmöglichkeit. Also ja, so ziemlich am Kochen fast schon."

„Tut mir so leid, Chloe, ich hab's ja versucht. Ich hätte schon viel früher zurückzukommen sollen…"

„Klappe zu, es war außerhalb deiner Kontrolle. Das hier ist der Grund, warum wir die Selfies nehmen." Sie zielt und schießt erneut; Vom Eingang erklingt ein hörbar überraschter Aufschrei. „Ich hab' dich gewarnt! Wo der herkam, gibt's noch genug andere, also los!" Sie geht wieder in Deckung. „Spring einfach durch unser Foto im Auto, gib mir möglichst präzise Anweisungen, was ich tun sollte, und lass uns hoffen, dass sonst nichts weiter Verrücktes passiert."

„Warte, lass mich zuerst versuchen die Zeit zurückzudrehen, vielleicht können wir diese Situation doch noch retten."

„Nur zu, aber wenn du 'ne Vision hattest, würde ich lieber nicht zu viel erwarten."

„Ganz egal, was passieren mag… du bist großartig, Chloe. Ich liebe dich."

„Wow, na gut. Danke dafür. Wir sehen uns auf der anderen Seite, SuperMax. Also, wenn du mich dann bitte entschuldigen würdest, ich kann unmöglich hierbleiben, ich werd' versuchen mit diesen Ärschen ein Trinity-Manöver abzuziehen."

„Was?"

Chloe setzt Headset und Ninja-Maske ab, lässt sie kurzerhand auf dem Boden zurück und richtet die Kamera geradewegs auf den Eingang. „Viel Spaß bei der Vorstellung," spricht sie ins Mikrofon und haucht noch einen Kuss zurück ins Bild, bevor sie vollständig aufrechtstehend zu sehen ist und ihre Waffe nachlädt, dann Fahrt aufnimmt und in Richtung des weit offenen Eingangs vorprescht. Sie feuert noch mehrere Salven ab, während sie vorwärtsstürmt, die Kugeln schlagen ein gegen die Metalltüre, rikoschettieren von ihrer Oberfläche und fressen sich in die Tapete der Wand. Unterdrückungsfeuer.

Lange Schritte donnern über die weißen Fliesen, ihr schulterlanges, dunkelblaues und nicht wenig vollgeschwitztes Haar weht hinter ihr im Wind, Chloe hechtet im letzten Moment über die Türschwelle, als wären die physikalischen Gesetzte für sie nicht weiter von Bedeutung. Sie dreht sich mitten im Flug um, zielt jenseits der Türe und eröffnet von Neuem das Feuer. Sie schießt noch die ganze Zeit weiter, während sie den Flur hinunter auf ihrem Rücken entlangschlittert im absolut badassigsten Action-Manöver, das ich jemals gesehen habe. Eine Wache, vermutlich Jacob, schreit überrascht vor Schmerzen auf.

Sarah Dawson jedoch, wartet ebenfalls schon auf der anderen Seite, oberhalb der Treppe. Chloe wechselt gerade noch das Ziel, doch ich weiß, es ist schon längst zu spät, und wenn ich richtig mitgezählt habe, dann dürfte selbst ihr frisches Magazin an diesem Punkt ohnehin schon leergeschossen sein.

Stopp. Zurück.

Das war grandios, doch ich will gar nicht erst zusehen müssen, wie diese Vorstellung enden wird.

Während mein Herz mir vor Aufregung noch bis in die Kehle schlägt, beschleunige ich die Zeitreise. Das Foto muss unser absolut letzter Ausweg bleiben. Wenn ich doch nur ganz einfach zurückgehen könnte und dann alles von neu anfangen…

Die Zeit lässt sich zurückdrehen für ungefähr die eine Minute, in der ich mich noch mit Chloe unterhalten habe, und dann… stößt sie… gegen etwas—

Nein, nicht die Zeit. Hör auf, so zu denken, es ist nicht die Zeit, die sich zurückdreht, ich bin es, die sich in ihr bewegt—und als ich so gegen diesen Prellbock stoße, erkenne ich ihn auch endlich, denn ich habe ihn bereits einmal überwunden. Es ist damals so schnell passiert, dass ich gar nicht erst daran gedacht hatte, doch ich bin doch auch schon durch die Vision in Betsys Klospiegel gesprungen, nachdem (bevor?) ich mit Chloes Hilfe durch die eigentliche anti-Zeitreise-Sperre in meinem Kopf gebrochen bin. Ich hatte damals aus Versehen so viel Geschwindigkeit aufgebaut, dass ich ihn nicht einmal registriert hatte.

Und nun, da ich wieder versuche, meinen Weg hindurch zu finden, verstehe ich, dies ist überhaupt kein Prellbock, sondern… eine Weiche. Eine Aufspaltung, die mich auf ein anderes Gleis führt. Das ist, was hier passiert, oder? Wenn ich mein Bewusstsein verliere, verschwindet die Straße, auf der ich mich bewege, direkt unter meinen Füßen. Es existiert nicht länger ein einzelner Pfad, dem ich in die Vergangenheit folgen könnte. Doch wenn ich mich auf diese seltsame und traumatische Visionen-Trance konzentriere, teilt sich die Straße in zwei verschiedene Spuren und ich kann nicht entscheiden, die eine oder die andere zu beschreiten—ich muss sie alle beide wählen.

Sowie ich meinen Verstand für diese neuentdeckten Möglichkeiten öffne, kann ich spüren, wie meine Wahrnehmung sich spontan entzwei spaltet, ich kann sehen, wie sich beide Realitäten rückwärtswinden in der verrücktesten außerkörperlichen Erfahrung, die ich mir jemals hätte vorstellen können. Ich probiere noch versuchshalber, die Zeitreise auf halber Strecke durch die Vision zu stoppen, doch ich kann nicht. Die Szene spielt sich nahezu von selber rückwärts ab, als hätte ich die Prozedur gestartet und nun ist sie zum Selbstläufer geworden.

Auf der anderen Seite dieser gruseligen Wahrnehmungsspalte angekommen und ich fühle mich, als könnte ich vor Schwindel umkippen, als wäre mein Verstand plötzlich betrunken, und genau wie vor ein paar Tagen auch spüre ich, wie ich auf einmal beschleunigt werde durch den plötzlich fehlenden Widerstand in meiner Bewegung. Doch dieses Mal komme ich zum Glück viel schneller wieder zum Stehen.

Chloe testet das große Rad in der Mitte der Türe, doch es will sich nicht rühren. Sie legt ihren schicken, kleinen Rucksack ab und kramt nach der Karte.

„Stopp."

Sie horcht sofort auf und geht in Alarmbereitschaft, zieht ihre Waffe und richtet sie auf den Treppenaufgang hinter sich. „Was? Was is' los?"

„Das ist der Ort, wo BetaMax gefangen gehalten wurde."

„Ach was! Du hast's schon gesehen?"

„Das hab' ich. Und es zu sehen hat auch noch eine neue Vision ausgelöst, sobald du reingegangen bist. Es war schrecklich."

„Und… du konntest die Zeit trotzdem noch zurückdrehen? Wie?"

„Ich hab's irgendwie geschafft, ich erklär's dir später, in Ordnung? Aber ich hab' trotzdem noch Sorge, dass… was, wenn wir beim nächsten Mal nicht so viel Glück haben? Vielleicht sehen wir ja noch was, was mich viel härter trifft, und dann sitzt du wirklich fest. Und das wäre echt beschissen, weil sie wissen, dass du da reingegangen bist, sobald auch nur du einen Fuß reinsetzt."

„Scheiße. Tja…" Sie sieht hinunter zur Karte in ihrer Hand und tippt sie mehrmals leise gegen den Lauf ihrer Waffe. „Alle… umbringen?"

„Chloe…"

„War'n Witz! Aber wir können jetzt nicht einfach so von hier abhauen, an dieser Türe könnte genauso gut ein Schild hängen auf dem steht ‚Achtung: Hier Großer, Böser Geheimnistresor'. Wie wär's damit: Ich mach' die Türe hinter mir zu und du machst die Videoverbindung aus. Dann können sie nicht hinter mir rein und ich kann einfach erzählen, was ich sehe. Problem gelöst."

„Das…"

Hah. Daran hatte ich gar nicht gedacht. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass die Wachen Zutritt zum großen, bösen Geheimnistresor im Keller haben, genau wie bei der Kunstkammer auch.

„Weißt du was, Chloe? Du bist manchmal sogar viel gescheiter als ich es dir immer zutraue."

„Wow, danke für dieses elegant zweischneidige Kompliment."

„Gern geschehen."

„Also? Wollen wir's durchziehen oder was?"

„Ziehen wir's durch."

Rein mit der Karte, die Tresortüre wird geöffnet und Chloe bewegt sich geschwind an ihr vorbei. Ich drücke die Taste, um meinen Monitor auszuschalten, während Chloe die Türe mit einem Quietschen wieder hinter sich schließt. Ich denke mal, ich könnte auch genauso gut die Augen zumachen, doch die Verlockung wäre dann nur zu hoch—wollen das Risiko lieber nicht eingehen. Ich lasse meine Gedanken von ihrer Stimme leiten und während sie spricht erwachen die Bilder in meinem Kopf zum Leben, als wäre ich genau dort, im Körper meines anderen Selbst. Einfach völlig geistesgestört das Ganze.

„Erster Raum auf der linken Seite. Leere Spinte. Ein paar Regale, ein Waffenschrank, eine Theke. Alles unbenutzt und verlassen."

Meine Anziehsachen, frisch gewaschen und fein säuberlich zusammengefaltet in irgendeinem Spint in einem winzigen Lagerraum voller Regale. Und versteckt in einer Hosentasche jenes Foto…

„Ich gehe nach rechts auf der Kreuzung. Auf jeder Seite eine Türe, eine Sackgasse mit Kamera."

Ich breche gegen eine Wand zusammen. But befleckt meine Hände, der metallische Geschmack, wie sich meine Nase und mein Rachen damit füllen, es läuft mir schon frei das Gesicht herunter, mein Kopf explodiert mit jedem weiteren Schritt… ich mache weiter, immer weiter, denn ich weiß, dass ich hiernach keine weitere Chance bekommen werde…

„Noch ein Lagerraum mit haufenweise leeren Regalen. Überall ist Staub. Vielleicht war das hier wirklich mal ein Sturmschutzbunker, der dann umfunktioniert wurde."

Draußen tobt eine gewaltige Sturmfront. Selbst noch an diesem Ort erreicht sie mich mit ihrem kaum spürbaren Beben und schallenden Donner…

„Da ist… ein Stuhl mit Lederriemen. Ein Tisch und ein großer Spiegel, vermutlich einer dieser Einwegspiegel, wie sie ihn immer in Verhörzimmern haben. Scheiße, Max, das is' alles sowas von krank."

Ich kann mich keinen Millimeter bewegen. Die Fähigkeit, die Zeit zu manipulieren ist vollkommen nutzlos, solange man keine Kontrolle über seinen Körper hat…

„Alter, diese Tür sieht aus, als könnte sie 'ne Kanonenkugel vertragen und würde sich noch immer nicht rühren. Aber sie steht offen." Ein tiefes, langgezogenes und metallenes Quietschen ist zu hören, dann ein beklommenes Japsen nach Luft, als hätte Chloe insgeheim für zu lange die Luft angehalten. „Scheiße. Das ist… eine Zelle, da ist ein Bett und… was zur Hölle ist das für eine Maschine in der Wand? Diese Leute sind doch einfach nur krank im Kopf, wie konnten sie dir sowas antun?"

Ich kratze an ihr bis meine Hände bluten. Ich zerre an ihr bis sie mich wieder betäuben müssen. Die Leine kommt aus der Wand und führt in die Metallschelle um mein Handgelenk und ich kriege sie einfach nicht ab…

„Diese Teufel werden hierfür bezahlen. Ist mir scheißegal, dass es niemals wirklich passiert ist. Wir werden sie dafür bezahlen machen, Max."

Ich wollte Vergeltung. Ich wollte zusehen, wie sie alle leiden, und das habe ich auch. Und in diesem Moment hat es sich gut angefühlt…

„Dieser nächste Raum hier ist… wie eine Turnhalle? Da sind Gewichte und eine kurze Laufstrecke mit Längenmarkierungen. Eine Uhr, noch ein Spiegel und eine Durchreiche darunter. Wo sind die ganzen Dokumente und Akten, die Computer? Irgendwas, komm schon!"

Sie geben mir einen versiegelten Umschlag durch die Durchreiche, tragen mir auf, eine bestimmte Menge an Zeit zurückzudrehen und ihn ihnen dann zurückzugeben. Sie wollen, dass ich in allem, was ich tue, besser werde. Sie treiben mich an, bis ich es nicht länger ertragen kann. Und ich weiß nicht warum...

„Hier ist endlich der Sicherheitsraum. Da sind ein paar Monitore und ein Stuhl, aber alle sind aus. Ich versuche mal den Computer… Nope. Kein Strom. Ein Aktenschrank… vollständig leer." Ein Scheppern ist zu hören, als sie gegen etwas Metallenes tritt. „Gottverdammich!"

Immer beobachten sie mich. Immer. Wie könnte irgendjemand all das mit reinem Gewissen beobachten?

Ich zeige der Kamera den Mittelfinger, wann immer die Toilette benutze…

Sind dies tatsächliche Erinnerungen oder nur Dinge, die ich mir hier vorstelle, weil ich sie in meiner eigenen Handschrift gelesen habe? Vielleicht ja beides? Die Bilder in meinem Kopf scheinen mir viel zu spezifisch, viel zu real, als dass sie nur meiner Fantasie entspringen könnten.

„Chloe… dies ist ein Ort, vorgesehen, um nur einen einzigen Zweck zu erfüllen. Hier gibt es nicht für uns."

„Komm schon, ich kann hier doch nicht mit leeren Händen rausgehen, nicht nach all dem…"

„Wir haben doch das komische Tagebuch."

„Das kann unmöglich alles gewesen sein. Bist du dir sicher, dass wir es nicht irgendwie doch noch in diese Kunstkammer schaffen können?"

Ich denke einen Moment darüber nach. „Die Türe aufmachen und dann den Strom kappen vielleicht? Aber selbst wenn wir das irgendwie hinkriegen sollten, die Türen sind von allein aufgegangen und danach wieder zugesprungen als stünden sie unter dauernder mechanischer Spannung. Ich glaube, die Elektrizität hält sie offen, sobald du die Karte benutzt."

„Ein Versuch wär's wert."

„Ich weiß nicht, wär's das wirklich? Ich würde sagen, dass wir hier vorerst Schluss machen. Du weißt genau, ich komme da ohne Probleme rein, lass es uns einfach so machen, damit wir diese Nacht endlich hinter uns bringen können."

„Und du weißt genau, wie sehr ich diese Idee hasse."

„Na ja, ich bin jetzt auch nicht mehr gerade die frischeste, ich weiß nicht, wie lange ich noch durchhalte. Ich hab' keine Lust jetzt nochmal gut eine Stunde alles Mögliche auszuprobieren, nur um am Ende sowieso selber reingehen zu müssen. Die Müdigkeit macht sich bei mir echt langsam bemerkbar und wir müssten uns schon wieder um Sarah kümmern, wir müssten noch den Sicherungskasten finden und ihn rechtzeitig erreichen, bevor sie uns Verstärkung auf den Hals hetzen, und dann hoffen, dass es nicht auch noch 'nen Notstromgenerator gibt, und du weißt, dass es nicht ganz so einfach sein kann, und selbst wenn wir all das geschafft haben, dann—"

„Is' ja schon gut, ich hab's ja kapiert."

Ich kann mir viel zu leicht vorstellen wie sie dort steht und nachdenklich die Arme verschränkt mit einem einzigen, mürrischen Schmollen in ihren Zügen.

„Du warst fantastisch, Chloe. Ich bin so richtig in Ehrfurcht vor dir, nach dem, was du hier alles geleistet hast—sogar noch mehr in Ehrfurcht als ohnehin schon."

Sie atmet ein amüsiertes Lachen aus. „Du unverhohlene Süßholzrasplerin. Dass du mir das auch ja gleich noch ins Gesicht sagst."

„Oh, glaub mir, das werde ich."

Sie gibt noch ein tiefes Seufzen von sich. „Schätze, das war's dann wohl schon wieder. Ganz schön antiklimaktisch, ich durfte den Laden nicht mal mehr auf den Kopf stellen. Hier gibt's nix umzuschmeißen."

„Nicht alles kann in Explosionen und Badass-Manövern enden, meine Action-Heldin. Wie wär's mit den Monitoren? Um die kannst du dich doch bestimmt noch kümmern, oder?"

„Ja, schätze schon, aber was soll's. Bring uns einfach wieder ganz zurück, du ‚Zeitplizin'. Und mach dich am besten auf 'ne ganz schön übelgelaunte Chloe gefasst, ich war echt fest davon überzeugt, ich könnte dich hier diesmal raushalten."

„Also schön. Ich riech' dich vorher, meine Sonne."

„Du bist doch echt der allerdümmste Dummdepp."

Ich hauche einen Kuss ins Mikrofon—mein Startschuss für die Langstrecken-Zeitreise, ganz zurück bis neun Uhr abends und zu unseren Vorbereitungen im Auto.

Und während ich so meines Amtes walte und die bisherige Nacht und ganz besonders diesen letzten Teil in meinem Kopf Revue passieren lasse, verspüre ich mehr denn je zuvor den Drang, diese Kräfte weiter zu erforschen. Ich kann durch die Zeit fliegen, genau wie Chloe auch durch jenen weiß gefliesten Raum fliegt. Ich kann meine Wahrnehmung spalten und gleich mehreren verrückten Strängen meiner Erinnerung folgen. Wie wäre es also mit dem Überspringen einzelner Passagen? Wie wäre es mit gezieltem Aussuchen ganz bestimmter Momente, in die ich zurückkehren will? Ist das nicht das, was ich auch mit den Fotos mache? Irgendwie eine Abkürzung nehmen? Wie viel Kontrolle über diese Kräfte ich mir wohl aneignen kann, solange ich nur mein Bestes gebe, sie mir immer weiter zu offenbaren?

Selbst noch unter diesen superfinsteren Aussichten, diesen megatödlichen Konsequenzen und diesem ultragrauenhaften SuperMax-Level Kerker, es ist irgendwie…

Oh Geheimnisumwobener Blauer Geist, steh mir bei, es ist irgendwie zu verlockend auch nur daran zu denken.


Wir befinden uns draußen, außer Sichtweite geparkt, aber auch nicht allzu weit entfernt vom Anwesen. Eine Decke ist über die Motorhaube geworfen, unsere Rücken lehnen gegen die Windschutzscheibe. Chloe isst ihren Burger, ich esse meine Pita und wir zerbrechen uns unsere Köpfe über diese Tagebucheinträge, als wären sie von irgendeinem Alien verfasst, das uns ein beknacktes Rätsel auferlegen wollte.

Sie reichen bis zurück nach 2010 und sind mehr eine Abfolge unsinniger Kritzeleien denn sinnreicher Einträge. Unter all den schrulligen Gefühlsäußerungen, der verdrehten Ironie und der ein oder anderen gelegentlichen Abstraktion eines Pimmels—manche dieser Randnotizen sind alles andere als jugendfrei—stechen sechs davon hervor wie Versicherungsvertreter auf einer Clown-Konferenz. Wir haben sie jetzt schon mehrere duzend Mal gemeinsam durchgelesen:

12. Dezember, 2010

Nathans Begabung manifestiert sich nur launenhaft. Seine Trancen verausgaben ihn schwer und lassen ihm keinerlei Erinnerung an das Geschehene. Schon bald wird er nicht einmal mehr funktionstüchtig sein ohne entsprechende Medikation und dann könnten wir ihn ohnehin genauso gut auch gleich abschreiben.

Ich bin zwar enttäuscht, nicht jedoch überrascht. Wir kannten die Risiken, dieser potenzielle Ausgang war niemals ganz auszuschließen. In einer Weise ist es sogar recht erfrischend, festzustellen, dass sich manche Dinge noch immer außerhalb unserer Kontrolle befinden.

Diese Sonderfall-Realität formte sich bereits zu handfester Gegebenheit um, gemeinsam mit all den schrecklichen Grausamkeiten, die mir ihr einhergehen müssen, doch Sean weigert sich auch weiterhin, auf die Vernunft zu hören, unbeugsam wie er ist. Er denkt, alles, was Nate braucht, ist striktere Disziplin und eine passende Therapie. Er ist irrational, doch ich kann es ihm nicht verübeln. Er ist noch immer nur ein Mensch. Er ist noch immer der Vater meines Sohnes.

Es ist ein Jammer. Dabei bestand so viel Potential. Es ist schon seltsam, oder nicht? Wie leichtfertig ich das Schicksal meines Sohnes akzeptiere? Ich hatte für dieses Tagebuch eigentlich niemals mehr vorgesehen, als meinem beiläufigen Hohn Ausdruck zu verleihen, doch ich denke, etwas mehr persönlicher Inhalt kann unmöglich schaden, nicht wahr? Mutter würde selbst dies noch verspotten, herzlose Harpyie, die sie war. Nur gut, dass sie in dieser Angelegenheit nicht länger mitreden kann.

Hier, wie wäre es damit? Das Foto unterhalb strotz nur so vor moderner Selbstironie.

Darunter das ein Bild eines jüngeren Nathan, gebückt über ein Blatt Papier und ein Bleistift in der Hand. Das Foto ist fokussiert auf Nathans vollkommen geistesabwesenden Blick, Augen nach oben gerollt, Mund weit offenstehend und der Sabber läuft ihm schon über die Lippen. Er scheint keinen blassen Schimmer zu haben, was er da tut.

Ist irgendwie herzzerreißend.

3. Februar, 2011

Hier sitze ich also wieder und schreibe in mein Tagebuch. Ich denke, ich kann verstehen, warum sie das immer macht. Ich sollte endlich meinem Frust freien Lauf lassen, solange Sean auf mein Geheiß geschäftsmäßig unterwegs ist, wie es von jedem guten und getreuen Ehemann erwartet werden sollte.

Kristines Verhalten ist wieder einmal ermüdend. Ich wusste natürlich, dass diese Jahre schwierig würden mit ihr, doch keine noch so eingehende Voraussicht hätte mich hierfür gefasst machen können. Ähnlich des Wissens, dass der Zahnarzt einem ein Loch in den Kiefer bohren wird, macht es die Prozedur deshalb nicht weniger schmerzhaft. Sie wird schon noch zur Einsicht kommen, sobald sie mit dieser kindlichen Rebellion abgeschlossen hat, auch wenn ich noch immer eine zwei Promille Wahrscheinlichkeit sehe, dass ich der Verlockung erliegen und ihr zuvor schon den Hals umgedreht haben werde. Auf die mir eigene, sehr mütterliche Art, versteht sich.

Es ist doppelt verärgernd, dass sie stur darauf besteht, ihr Erbe zu meiden. Es grämt mich, wie weit sie zurückliegen wird, sobald sie es endlich als ein Teil von ihr akzeptiert. Ich hatte in dieser Sache keine Wahl und sieh her, was heute daraus geworden ist. Diese Kinder sind mein Geschenk! Entweder sie verfallen dem Wahnsinn wie Nathan oder sie verabscheuen mich bis ans Ende ihrer Tage wie Kristine oder im Zweifel auch gleich beides. Von Zeit zu Zeit fühle ich mich nicht weniger als eine Gefangene des Gespinsts als der ganze Rest.

Unter den Zeilen befindet sich eine mühevoll penibel und detailliert gezeichnete Nahaufnahme eines Mädchens, das gerade in ihrem Bett erschreckt aufwacht und dem ein Paar exquisit manikürte Hände die Kehle zudrücken. Um die Zeichnung herum ist eine Vielzahl herzförmiger Luftballons angeordnet.

Danach kommt erstmal wieder ein ganzer Batzen sinnloser Mist, der nächste merkwürdige Eintrag ist datiert als 17. März, 2012.

Sean kann ein frustrierender Mann sein. Meinen fortwährenden Versicherungen zum Trotz verbleibt er Samantha gegenüber argwöhnisch und lässt sie einfach nicht in seine Nähe. Ich weiß, sie kann exzentrisch sein, und sein Misstrauen gegenüber allen, die er nicht lesen kann, sitzt tief, doch sie ist ein besonderer Fall. Sie hat uns alles zu verdanken und sie würde alles für diese Familie tun. Sie ist nicht von der geringsten Wahrscheinlichkeit belastet. Der Moment, in dem sie die Kunstkammer betrat und verstanden hat, was wir hier zu erreichen suchen, da konnte ich einen fast schon religiösen Eifer in ihren Augen erkennen. Wenn doch Kristine nur auf eine ähnliche Weise reagiert hätte.

Wenn ich ehrlich bin, Sam ist die Tochter, die ich mir immer gewünscht hatte. Warum nur muss das Schicksal mich derart verspotten?

Die Handschrift ist auf der gesamten Seite verwoben mit dem Bild einer Motte, die in einem Netz gefangen sitzt, sowie einer großen Spinne, die gerade im Begriff ist, sich aus einer der unteren Ecken zu nähern.

Und als nächstes haben wir da noch einen Eintrag vom fünften Juni, 2013 gefunden. Dieser hier zeigt hauptsächlich eine weitere Zeichnung eines drolligen Schmetterlings, anthropomorphisiert wie eine von Kates putzigen Comicfiguren. Und obwohl er Doktorhut und eine passende Toga trägt, stehen seine übergroßen Kulleraugen in verschiedene Richtungen ab, als wäre er nicht gerade der hellste.

Armes Mädchen. Sie wird denken, sie hätte es sich verdient.

Ich schätze mal, das hat sie sogar in gewisser Weise, wenn auch garantiert nicht mit diesen Noten.

Arcadia Bay heißt Sie wieder einmal willkommen, Miss Caulfield.

Geht's denn bitte noch etwas unheimlicher? Na ja, schon. Als nächstes kommt nämlich noch dieser Eintrag über Kate, mit all seinen abscheulichen Implikationen, und dann, kurz danach, die Zeichnung eines Sonnenuntergangs auf See, unten am Strand. Und wo die Sonne normalerweise sein müsste, ist nichts als ein schiefer Schmutzfleck. Der Meereshorizont ist eine Verkettung aus Worten, die sich über die gesamte Länge der sanften Linie der Wellen zieht.

Mein Sohn liegt nun in einem namenlosen Grab.

Um Wahrscheinlichkeit Wirklichkeit werden zu lassen / Wurde die Begabung in seinem Blute sein Untergang.

Er leistete seinen Beitrag / Er leidet nicht mehr.

Möge seine rastlose Seele im Tod finden / Den Frieden, den wir ihm nie vorsehen konnten.

Der kranke kleine Mann soll ihm schon bald nachfolgen.

Für ihn wird es nur Schmerzen geben.

Auch der Leuchtturm auf der rechten Seite besteht ausschließlich aus kleinen Worten, die sich unzählbar oft in seinen Konturen wiederholen. Dies ist das Opfer, das wir erbringen, ist dies ist das Opfer, das wir erbringen, ist dies ist das Opfer, und so weiter und so weiter.

Der Rest des Tagebuchs ist voll mit abstrakten Kritzeleien und verworrenen Mustern, die Art, die man manchmal bei Langeweile nebenbei vor sich hinschmiert. Hin und wieder scheinen sie zumindest darauf abzuzielen, eine tiefere Bedeutung zu tragen, aber dann doch wieder nicht ganz. Die einzigen kohärenten Worte, die wir sonst noch finden konnten, sind irgendwo in der Mitte des Buchs. Auf einmal ist dies ganz und gar nicht mehr so komisch, ist alles, was sie sagen.

Chloes letzter Bissen verschwindet gerade noch ihn ihrem schwarzen, unersättlichen Dämonenschlund. Ich bin noch immer mit meiner eigenen Mahlzeit beschäftigt, denn ich besitze noch tatsächliche Tischmanieren.

„Also," beginnt sie mit vollem Mund, während sie ihren Schoß mit aller Macht der Servietten von der Feindesmacht der Krümel-Invasoren befreit.

„Also?"

„Also… diese Frau spinnt total."

„Jup."

„Das ist zum Teil echt starker Tobak da drin."

„Oh ja."

„Dianne Prescott. Völlig durchgeknallt oder perfides Superhirn?"

„Warum nicht gleich alle beide?"

„Ich nehme also an, dass wir jetzt zu einhundert Prozent in diese Kunstkammer einbrechen müssen, hab' ich Recht?"

„So ziemlich."

„Welche Uhrzeit? Du solltest noch 'nen ausreichenden Puffer haben, damit du dich in die Vergangenheit flüchten kannst, falls was passieren sollte. Könnte ja sein, dass da drin schon jemand nur darauf wartet, dass du plötzlich wie aus dem Nichts aufploppst."

Ich nehme noch was voraussichtlich vorerst mein letzter Bissen sein wird. Mein Appetit hat sich ziemlich schnell in Rauch aufgelöst, als mir erstmals so richtig bewusstgeworden war, was genau da eigentlich in diesem Tagebuch geschrieben steht. „Mihernach, schirka?"

„Klingt gut." Sie kramt in meiner Tasche und findet die Thermoskanne, schüttelt sie versuchshalber jedoch inhaltsleer in der Hand. „Wir könnten dir auch noch mehr besorgen."

„Bäh. Hätte niemals gedacht, dass ich das mal sage, aber noch ein Tropfen Kaffee und ich muss kotzen."

„Na gut. Dann halt Red Bull oder sowas?"

„Igitt. Hab' ich etwa angefangen, das Zeug zu trinken?"

„Nö, ich kann nur sehen, wie dir die Augen zufallen, ist alles." Sie spielt mit dem Knäuel Alufolie und Servietten in ihrer Hand, bevor sie es gezielt in Richtung des Abfalleimers am Straßenrand in der Nähe wirft. Sie verfehlt. „Wie viele Stunden bist du jetzt schon wieder auf den Beinen seit diesem winz-Nickerchen heute Nachmittag?"

Ich verpacke meine Pita wieder sorgfältig und lege sie für später beiseite. „Keine Ahnung, achtzehn? Schwierig den Überblick zu behalten. Lässt du das jetzt etwa einfach so da liegen?"

Chloe verdreht die Augen und erhebt nur schwerfällig den Hintern, um ihren Abfall ordnungsgemäß dorthin zu befördern, wo er hingehört. Sie macht extra großes Aufhebens um die ganze Aktion, wie sie das Knäuel demonstrativ aus Schulterhöhe in den Eimer plumpsen lässt, dann kehrt sie wieder zurück an meine Seite. „Du hättest mehr schlafen sollen, du verdammter Hippie. Ich schwör' dir, ich werd' ausrasten, wenn du mir ausgerechnet zum beschissensten Zeitpunkt aus den Latschen kippen solltest."

Sie ist goldig genug, dass sie mich sogar fürs Erste von diesem bescheuerten Tagebuch ablenkt. „Ich komm' schon klar, Chloe." Ich streichle ihr Bein und sie nimmt meine Hand sofort in die ihre. „Machst du dir immer so viele Sorgen?"

„Nein, ich hab' da nur…"

„Du weißt genau, dass ich vorsichtig sein werde, und zur Not hab' ich ja noch dich, die auf mich aufpasst. Ich gehe schon keine unnötigen Risiken ein. Wir müssen sowas hier doch schon dutzende Male gemacht haben, oder?"

„Schon, und ich hab' mir zuvor auch schon immer voll die Sorgen um dich gemacht wie das allergrößte Heullieschen. Aber heute ist noch schlimmer. Du bist nicht richtig… du weißt schon, kampferprobt oder sowas. Vielleicht musst du ja—ich weiß auch nicht, irgendwas Drastisches tun, wenn du verstehst—und wer weiß, wenn du nur einen kurzen Augenblick zu lange zögern solltest, dann wäre das schon alles, was es braucht, damit ich dich für immer verliere."

Kacke. Ich fühle mich schrecklich, es zuzugeben, aber… BetaMax sollte trotz allem doch noch Recht behalten. Es fühlt sich fantastisch an, zu wissen, dass jemand so cooles wie Chloe sich so sehr um mein Wohlergehen sorgt.

Du bist eine abscheuliche Person, Max Caulfield.

Ich setzte ein freches Grinsen auf. „Du brauchst dir um überhaupt nichts Sorgen zu machen, meine Sonne. Ich bin unsterblich, schon vergessen?"

„Oh ja, super, das ist ja so beruhigend."

Ich lehne mich näher an sie heran. „Hör zu, falls es wirklich hart auf hart kommen sollte… dann werde ich schon nicht zögern. Das verspreche ich dir, Chloe. Ich weiß, was auf dem Spiel steht."

Sie drückt meine Hand extra liebevoll und küsst meine Finger als Antwort. Wir sitzen eine Weile lang einfach nur da, Seite an Seite, in Stille, und leisten uns gegenseitig Gesellschaft, während unsere Gedanken den infernalischen Machenschaften der Prescotts einen Sinn abzuringen versuchen. Als sie endlich wieder zu sprechen beginnt, ist Chloes murmelnd warme Stimme ein Echo der stetig widerhallenden Worte in meinem Kopf.

„Sie haben dafür gesorgt, dass du auf Blackwell angenommen wurdest."

„Und ich dachte, ich hätte einfach nur Schwein gehabt…"

Ich erinnere mich noch perfekt an die erleichterte Vorfreude, als ich die gute Nachricht vor Monaten mit viel zu vielen Großbuchstaben in meinem Tagebuch verewigt habe. Sogar als ich noch in Seattle war… wussten sie über alles Bescheid. Sie wussten, dass ich es sein würde…

Mein persönlicher Ehrgeiz hätte an dieser Stelle ganz schöne Schrammen bekommen, wenn ich diesen blöden Wettbewerb damals in der anderen Zeitlinie nicht gewonnen hätte und mich die Leute nicht auch noch mit einer lächerlichen Menge an Lobpreisungen überschüttet hätten. Immerhin kann ich so mit Gewissheit davon ausgehen, dass zumindest mein künstlerisches Talent als Fotografin nicht komplett wertlos war, denn das können mir die Prescotts nun wirklich nicht auch noch vorgegaukelt haben. Oder? Nein, bestimmt nicht.

„Sie haben ihren Sohn sterben lassen, Max. Sie haben einfach dabei zugesehen, wie es passiert. Warum? Wozu? Was zur Hölle könnte ihnen denn so viel wert gewesen sein? Ich meine, natürlich weiß ich, dass er sich niemals besonders liebeswert gezeigt hat, aber… Scheiße."

„Wir werden das schon noch rauskriegen. Mit etwas Hoffnung…"

Wie viel jener allerersten Woche mag wohl ihr Werk gewesen sein? Wie viel seitdem, wie viel schon davor? Ich hatte mir wieder und wieder eingeredet, dass Schicksal nichts als ein Resultat unserer Entscheidungen sei. Wie viele meiner Entscheidungen mögen gelenkt gewesen sein von ihrer Vorsehung? Sie hatten vor, mich aufzugreifen, sobald ich nach Seattle flüchtete. Was war ihr Plan in jener Realität, die ich vernichtete? War ich auch dort „Bluewings Erkorene"?

Nichts ergibt einen Sinn. Als wolle man ein Kreuzworträtsel lösen, bei dem noch die Hälfte aller Wörter fehlten, alles, was es mir gibt, ist entnervte Frustration. Ich werde nur noch angepisster, je länger ich darüber nachdenke—mir bleibt nur noch zu hoffen, dass sich uns die Antworten bis zum Ende dieser Nacht ergeben. Oder umgekehrt…

Erst jetzt bemerke ich, dass Chloe während meiner gedanklichen Ausschweifungen die ganze Zeit laut mit sich selber gesprochen hat, wie sie ganz ähnliche Fragen in die kühle Nachtluft hinausposaunt, ohne Antwort, und in ihrem Kopf dieselben rhetorischen Kreise rennt, ohne Ende.

„'Tschuldige, aber könnten wir fürs erste einfach mal… nicht über irgendwas davon reden?"

Sie sieht mich einen Augenblick lang an. „Bei dir alles in Ordnung?"

„Schon, ich bin bloß… irgendwie genervt von dem Ganzen. Ich bin jetzt stundenlang mit dir durch diese bescheuerte Villa gestapft, mit nichts als Ausbeute als dieses bekloppte Tagebuch, und jetzt im Moment…" Ich atme lang und schwer ein und aus und lasse mich gegen ihre Seite sinken. Wie aus Reflex wirf sie einen Arm um mich, die Geste so blind und natürlich und selbstverständlich wie ein Herzschlag. „…will ich einfach nur für 'ne Weile wieder runterkommen. Ich will nicht denken. Nur für ein paar Minuten."

Ohne ein weiteres Wort hält sie mich. Ich will nichts als sie an meiner Seite und mein Hirn abschalten. Sie versteht es. Sie versteht mich immer.

Ihre Lippen ruhen auf meinem Nacken. Ihr Atem in meinem Haar. Wellen rauschen kraftvoll vorwärts gegen den Strand in der Dunkelheit ganz in der Nähe, ehe sich ihr schäumendes Nass kräuselnd zurückzieht über den glitzernden Sand im Mondschein. Sie wiegt mich sanft, eins mit dem stetigen Vor und Zurück der salzigen Brandung. Chloe ist die See und ich versinke in ihrer Wärme. Ich gebe mich dem Heben und Senken ihrer Brust und dem fortwährenden Rhythmus ihres Atems in meinem Haar vollständig hin. Auf… und ab. Vor… und—

„Max."

„Mmm."

„Ich darf dich nicht einschlafen lassen."

„Tu' ich nich'…"

„Du pennst mir grade sowas von weg."

„Kann gar nich'… zu viele Kaffees."

„Sag das mal unserem kleinen Dornröschen hier drüben. Wach auf oder ich kitzel dich, meine letzte Warnung."

„Nnnh…"

„Nicht gleich beleidigt sein. Du musst wachbleiben, Max."

„Dann sprich mit mir, erzähl mir Zeugs."

Sie gluckst leicht über meine geistreiche Lösung. „Wovon willst du, dass ich dir erzähle?"

„Weiß nich'. Was immer dir so in den Sinn kommt."

„Zum Teufel auch, immer muss ich hier die ganze Arbeit übernehmen…"

Sie wird einen Moment lang still. Dann kann ich spüren, wie sich ein erneutes Lächeln auf ihren Lippen anbahnt.

„Während der Jahre, die wir voneinander getrennt waren… da hab' ich mir häufig vorgestellt, du würdest mich anrufen."

„Oh mein Gott, ich hab' doch kein depri Zeugs gemeint."

„Du hast gesagt, was immer mir in den Sinn kommt! Das hast du jetzt davon."

„Is' ja gut, in Ordnung…"

„Am Anfang… da hab' ich es noch beinahe erwartet, weißt du? Manchmal hab' ich mich einfach auf die Treppe gehockt und darauf gehofft, dass das Telefon läutet, nur um dann praktisch auszuflippen, wenn tatsächlich mal irgendjemand angerufen hat und ich dachte, es wärst vielleicht du. Sogar Jahre später noch hab' ich immer wieder mein Handy auf neue Nachrichten gecheckt oder meine E-Mails abgerufen oder in den Briefkasten geschaut mit dem permanenten Gedanken im Hinterkopf, vielleicht hat sie mir ja was geschrieben. Ich glaube, ich hab' sogar irgendwann mal geträumt, du hättest mir tatsächlich 'nen Brief geschrieben. Und danach war ich jedes Mal wieder 'ne ganze Weile lang total niedergeschlagen und bitter."

„Willst du mir jetzt ein schlechtes Gewissen einreden? Wenn ja, dann hast du damit nämlich vollen Erfolg."

„Nein, nein, hör mich zuerst an. Ich hatte mir nämlich schon das ganze Gespräch in meinem Kopf vorgestellt und durchdacht, musst du wissen. Es hat natürlich immer etwas variiert je nach meinem derzeitigen Angepisstheitsgrad im jeweiligen Moment, aber im Kern ist es immer dasselbe geblieben. Ich hätte dir erstmal so richtig die Hölle heißgemacht und du wärst einfach wie immer dein übliches knuffiges Selbst gewesen und dann hätte ich dir widerwillig vergeben. Und genau hier liegt der Punkt: Ich hätte dir immer vergeben. Ich dachte mir nur grade, wie komisch es doch irgendwie ist, dass die Vorstellung, deine Freundschaft zurückzuweisen, niemals auch nur eine Option für mich war. Ich wollte dich so unbedingt wieder zurück."

„Warte hier immer noch auf den Teil, an dem ich mich nicht wie das letzte Arschloch fühle."

„Es ist nur—praktisch alles hat mich an dich erinnert, alles um mich herum war mit der ein oder anderen Erinnerung an dich verbunden. Das war auch der Hauptgrund, weshalb ich mein Zimmer so sehr verunstalten musste. Erst nachdem du fort warst, ist mir aufgefallen, wie sehr mein ganzes Leben sich bloß darum gedreht hatte, mit dir abzuhängen. Ohne dich schien mir alles plötzlich so… bedeutungslos."

„Oh nein, Chloe…"

„Ganz besonders in der Nacht, manchmal, da dachte ich die ganze Zeit nur an dich. Ich hab' mich unter der Decke zusammengerollt und ganz allein vor mich hin geweint und immer wieder deinen Namen geflüstert, nur ganz leise. Einfach nur… deinen Namen, wieder und wieder."

„Oh je, echt jetzt?"

„Ja, da war ich also, in der Hoffnung, meine alte Freundin würde vielleicht von Zeit zu Zeit mal an mich denken. Meine allerbeste Freundin, die ihr Schicksal in der großen Stadt gesucht hat und mich im letzten Kaff irgendwo im Nirgendwo veröden hat lassen. Ich hab' ein altes Bild von dir an die Wand gehängt und mich jeden Tag bei Sonnenaufgang davor hingekniet—hab' mir die Klamotten vom Leib gerissen und geheult und geweint vor Verzweiflung deine Stimme noch ein letztes Mal hören zu dürfen, zum Himmel hab' ich hinauf gefleht, ‚Max! Max, warum nur! Warum hast du mich verlasssähn!'"

An irgendeiner Stelle während ihrer Erzählung wird mein inniges Mitgefühl zu zweifelndem Argwohn. Ich drehe mich in ihren Armen und sehe zu ihr auf. Sie versucht es gar nicht erst zu verbergen: Es ist das absolut unverschämteste, breite Grinsen, das ich jemals auf ihrem Gesicht gesehen habe.

„Du Arsch!" Ich schubse sie grob. Chloe kippt rückwärts gegen die Windschutzscheibe und lacht mich unverhohlen aus voller Kehle aus. „Ich hab' dir jedes Wort geglaubt, es hat schrecklich angefühlt!"

Sie lacht weiter. Ich glaube, sie versucht noch zu sagen, dass sie es nicht fassen kann, dass ich darauf reingefallen bin und dass ich echt mal endlich darüber hinwegkommen sollte, doch sie bekommt die Worte einfach nicht heraus. „Hör auf zu lachen, das is' echt nich' lustig!"

Warum nur hatte ich geglaubt, so etwas zu sagen könnte jemals funktionieren? Welch eine unvorhersehbare Überraschung, es feuert sie nur noch mehr an. Die angestaute Hitze in meinen Wangen macht mich noch bald im Dunkeln leuchten…

„Na warte, das kriegst du sowas von zurück."

Sie will lachen? Wart's du nur ab, dir werde ich helfen. Ich knie mich über ihren Schoß und attackiere ihren erstbesten Schwachpunkt.

Sie spannt sich unter mir an in einer plötzlichen Panik. „Wah, ne…nei…neiiin!" Jetzt ist sie atemlos vor Lachen, als ich sie unaufhörlich und erbarmungslos, wie ich bin, wieder und wieder in die Seiten unter den Armen piekse. Ich habe ihre Front weit offen und unbewacht erwischt, mit dem Überraschungselement auf meiner Seite, doch selbst noch in ihrer völlig überstützen und unkoordinierten Verteidigung wendet sich schnell das Blatt, als sie meine Hände packt und mich ohne Probleme an Ort und Stelle festhält. Ihr Bauch bebt noch immer und wir tauschen einen kurzen Blick aus. Sie besitzt die Chloe-typische Unverfrorenheit und wirft mir wieder dieses selbstgefällige Grinsen ins Gesicht. Stimmt leider. Es ist offensichtlich, dass ich diesen Krieg unmöglich gewinnen kann, sie ist einfach viel zu schnell und viel zu stark für mich lahmen Schwächling und das weiß sie auch.

Zu dumm nur für sie, dass ich schummeln kann…

Mit der kürzesten aller Zeitreisen entgehen meine Hände ihrem bombenfesten Griff und eröffnen mir die perfekte Gelegenheit für einen allesvernichtenden Frontalangriff. Sie kann nicht vorrausahnen, was sie buchstäblich nicht kommen sieht.

„Was zum—Ah, was! Du schummelst, nein, das is' Schummeln!"

Ihre Sprache geht mit ihren Lachern unter und verkommt zu einzelnen, unverständlichen Wortfetzen sowie ein paar schrillen Kreischern. Sie versucht noch, Dinge zu sagen wie Das ist ja so unfair und das kriegst du zurück, doch in Wahrheit sind ihre Worte nichts weiter als ein fremdländischen Kauderwelsch vom Planeten Lachgesicht, während ihre Arme konstant in der Gegend herumfuchteln und dabei doch nur leere Luft erwischen, denn ich bin stets schon wieder lange fort. An irgendeiner Stelle schwenkt sie schließlich die weiße Fahne und ergibt sich einfach meinen fortwährenden Attacken. „Ihh… gehp… auuf!"

Endlich, nach all den Wochen und Monaten selbstmörderischen Kampfes und wackeren Standhaltens wird es mir alles sonnenklar: Kitzelkriege zu gewinnen ist der eigentliche, wahre Grund, weshalb ich diese Kräfte besitze.

Sie kann von Glück reden, dass ich eine gnädige Siegerin bin. Ihren Kopf zurückgeworfen, ihr ganzer Körper unter mir bebt noch immer vor erschöpfter, feuriger Energie, und ich bin im Augenblick schwer überfragt, ob es jemals zuvor eine Situation gab, in der sie noch wunderschöner anzusehen war als in diesem einen Augenblick. Ich grinse auf sie herab, lasse mich anstecken von ihrem befreiten, atemlosen Lachen.

Halte diesen Moment auf ewig wach in deiner Erinnerung.

Wenn ich doch nur meine… ha, Moment mal.

Während des Zeitstillstands, krame ich in meiner Tasche nach meiner Kamera und richte mich etwas unsicher auf der schiefen und auch ein wenig rutschigen Motorhaube auf. Ich gehe noch einige wenige Sekundenbruchteile rückwärts in der Zeit, ihr Haar weht zurück zu einem bildschönen Rahmen um ihr wunderhübsches, engelsgleiches Gesicht, in dem sich das Mondlicht dieser sternenklaren Nacht in ihren freudentränenbenetzen Lidern widerspiegelt.

Ich fühle, wie mir für eine Sekunde lang der Atem stockt ob ihres Antlitzes. Das ist… grandios. Sie ist einfach traumhaft schön, mir fehlen die Worte. Wenn dies nicht die Mühe der Absolut-Zeitlupe wert ist, dann ist es auch sonst nichts auf dieser Welt.

Ich drücke den Auslöser ohne die Zeit aus ihrem Bann zu entlassen. Ich habe nie zuvor ein Foto gesehen, welches ich zwischen den Dimensionen geschossen habe. Nur für den Fall, dass es nicht richtig funktionieren sollte, ziehe ich das Bild schnell aus dem Ausgabeschlitz und mache die Kamera gleich wieder bereit für den nächsten Schuss. Ich betätige den Auslöser erneut, sobald die Zeit normal weiterläuft.

Während ich so mit der Kamera in Händen über ihr knie, lacht sie noch gemächlich zu Ende, ihr Zwerchfell ein fortwährendes Trommelfeuer. Sie liegt zurück, unbekümmert, unverletzlich und ganz und gar von mir geplättet. „Du bist so eine fiese Schummlerin," beschuldigt sie mich zwischen schweren, immer langsamer werdenden Atemzügen.

„Das wird dir eine Lehre sein, dich mit der Zeitreise-Meister-Max anzulegen." Sie zieht mich zu ihr hinunter, drückt meine Knie unter mir weg und fängt mich auf, sobald sie unter mir nachgeben. „Woah, pass auf die Kamera—"

Sie nimmt sie mir geschwind aus den Händen, pflückt noch das zweite Foto heraus und lässt sie dann leicht neben uns auf die Decke plumpsen. Ich lande praktisch direkt auf ihr drauf, das erste Foto eingeklemmt zwischen unseren Oberkörpern. Mit einer Hand an meiner Hüfte hält sich mich in Position, mit der anderen in meinem Nacken führt sie meine Lippen zielsicher den ihren entgegen. Während wir uns küssen, kann ich noch immer ihre atemlose Heiterkeit unter mir beben spüren.

„Du fiese Schummlerin," wiederholt sie wieder, „warum belohne ich dich auch noch dafür?"

„Du hast dich über mich lustig gemacht, warum belohne ich dich?"

„Weil ich einfach unwiderstehlich bin." Sie küsst mich erneut. Ich küsse sie zurück, wieder und wieder.

Ich bin mir nicht sicher, ob sie es vielleicht nur als Scherz gemeint hatte, doch so oder so liegt nichts als Wahrheit in ihren Worten. Ganz genau so muss sich auch eine Drogenabhängigkeit anfühlen. Ich kann einfach nicht genug von ihr kriegen.

Ich rutsche seitwärts von ihr herunter, unsere Körper noch immer so dicht aneinandergepresst, als wären sie eins. Ein Herz und eine Seele. Sie hält das Foto hoch und sieht es sich an. Derweil habe ich nur Augen für sie. Das sprachlose ehrfürchtige Blinzeln in ihrem Gesicht ist die allerhöchste Form der Lobpreisung, die mir jemals irgendjemand zuteilwerden ließ.

„Wow."

„Genau dasselbe habe ich mir auch gedacht, als ich dich so gesehen habe. Ich bringe noch das erste Foto hervor und wir vergleichen die beiden Bilder nebeneinander. Tatsächlich sind sie nahezu identisch herausgekommen, aber dennoch mit einigen subtilen Unterschieden. Ein hauchzartes Glühen umgibt ihre Konturen, ein ätherischer Glanzschleier hier und da im Hintergrund. Farben, die ein einfaches Polaroid unter gewöhnlichen Umständen niemals einzufangen in der Lage wäre.

Ich starre gebannt auf ihr Abbild, beinahe wie hypnotisiert. Es ist nicht nur die ganz offensichtliche Ausstrahlung ihrer Schönheit und Anmut, auch wenn ich sie aus diesem Grund alleine für ganze Stunden ohne Ende angaffen könnte. Ihrem Antlitz entspringt auch eine begeisterte und unbefangen stürmische Lebenskraft, die nicht aus unserer Existenz—nicht aus dieser Realität zu stammen scheint. Ein gestohlener Augenblick puren, gleißenden Tageslichts inmitten einer schwarz tosenden Sturmfront.

Sie lehnt sich mit einer Wange gegen meinen Kopf. „Falls diese Sache mit der Superheldenkarriere am Ende doch nicht hinhauen sollte, kannst du deine Kraft zumindest noch dafür benutzen, die genialsten Fotos zu schießen, die die Welt jemals gesehen hat."

„Bin mir ziemlich sicher, das war ohnehin von Anfang an der ganze Gedanke dahinter." Ich spiele nebenher mit dem neuen Ring an ihrem Finger. Ich mag voreingenommen sein, doch ich finde, er steht ihr mehr als nur gut. „Wie spät ist es?"

„Ah, Mist." Sie zieht ihr Handy aus der Tasche. „Fast zehn. Wegen dir hab' ich doch tatsächlich beinahe wieder vergessen, warum wir nochmal überhaupt hier sind. Lass und besser das Zeug einpacken."

„Vielleicht passiert es ja diesmal nicht."

„Klar, sicher doch. Gerade du solltest es wohl besser wissen. Auf geht's, wir können ja von mir aus den Rücksitz freimachen und dann da weiterkuscheln, du unverschämte Schummlerin."

Was soll ich dagegen noch sagen? Sie weiß halt, wie sie mich zu motivieren hat. Das hübschere der beiden Fotos landet in meiner Hosentasche (weil sie darauf besteht) und das andere in der ihren. Die Decke wird zusammengelegt, der Rest unserer Getränke noch schnell auf ex geleert und die Kamera in meiner Umhängetasche verstaut. Wir sitzen kaum eine Minute aneinander gekuschelt auf dem Autorücksitz, als schon das erste Korn pock gegen die Windschutzscheibe macht. Wir beobachten in immer lauter werdender Stille, wie der Hagelschauer rasch anschwillt zu einem voll ausgewachsenen, ungebrochenen Sturm.

Sie hält mich nur noch etwas fester und vergräbt ihre Nase in meinem Haar. „Ist irgendwie, als säße man—"

„Inner Waschanlage?"

„Ha, genau. Schon mal gesagt, was?"

„Jupp."

Genau wie zuvor auch senken sich unsere Stimmen instinktiv zu einem fast schon andächtigen Ton, wie zwei Flüchtlinge, kauernd im Luftschutzbunker, während draußen der Krieg tobt. Zu dem Zeitpunkt, da es unser Auto trifft, ist das Eis der Hagelkörner bereits fast wieder geschmolzen. Die Fenster sind nichts als schlierige Ströme aus Wasser, als hätte sich die See erhoben aus ihrem Bett, darauf aus, uns gänzlich zu verschlingen…

„Wie viel von dem, was gerade alles passiert ist, war nur eine Wiederholung?"

„Oh, gar nichts davon. Jeder einzelne Moment ganz neu. Sogar das hier: Vorhin waren wir noch auf den Vordersitzen und haben uns über irgendwelchen Quatsch unterhalten."

Schon allein über das Gefühl ihrer Hände und Arme um meinen Körper sowie der Kadenz ihres Atems kann ich spüren, dass sie gerade versucht, die richtigen Worte zu finden, um mir irgendetwas zu sagen.

„Ich weiß, ich sollte nicht so egoistisch sein auf diese Weise," beginnt sie schließlich. Dann bleibt sie still.

„Aber?"

„Aber… ich würde gerne behalten, was gerade passiert ist. Ich will mich daran erinnern können. Ich weiß, es wird immer wieder neue Erinnerungen geben, die wir gemeinsam machen können, und jeder einzelne Moment davon ist etwas Besonderes und du hast womöglich nicht mal eine andere Wahl, wenn—"

„Chloe, natürlich. Du brauchst dich nicht mal vor mir zu erklären oder dich zu entschuldigen, ich mein's ehrlich."

„Aber ich bitte dich ja auch gar nicht erst darum. Ich will nur… ich denke hier nur laut nach. Ich werd' immer noch ganz genauso angepisst sein, wenn du meinetwegen unnötige Risiken eingehen solltest, also wenn du aus irgendeinem Grund gezwungen sein solltest, die Zeit über zehn Uhr hinaus zurückzudrehen, dann tust du das gefälligst auch und zögerst nicht eine Sekunde lang, verstanden?"

„Ich versteh's schon, Chloe, ist schon gut. Ich versteh' dich sogar haargenau. Ich will diese Erinnerungen ja ganz genauso mit dir teilen. Wie wär's wenn ich ganz einfach erst um eins reingehe, nur für den Fall? Wir könnten uns ja zum Beispiel nochmal unser Two Whales Abenteuervideo angucken oder so."

„Solange du mir dabei nicht wegpennst…"

„Du hast doch bisher auch schon großartige Arbeit geleistet, mich wach zu halten, ich glaube an dich." Ich schenke ihr ein möglichst süßes Lächeln, das sie nicht sehen kann. „Ich meine, wenn eine Sache gibt, in der du Weltmeisterin bist, dann ist es eine unverbesserliche Nervensäge zu sein."

„Oh-ho-ho, wirklich? Ich habe irgendwie so ein Gefühl, ich werde dich schon sehr bald in dieser wagemutigen These bestätigen," sagt sie und kneift mich dabei fest genug in den Po, um mich auffahren zu machen.

„Aua!"

„Ich warne dich, junges Fräulein. Der nächste wird ein eiskalter Nippeldreher, wenn du weiter so unverschämt zu mir sein solltest."

„Is' ja gut, is' ja gut…"

Die Stimmung draußen wird nur noch lauter und wahnwitziger. Ich kann es nicht leugnen, ich hätte in dieser Situation wahrscheinlich ziemliche Angst, wenn ich hier ganz für mich alleine wäre. Fühlt sich an wie eine gottverdammte Sintflut da draußen.

Chloe küsst meinen Hinterkopf als könne sie meine Gedanken lesen. Oder vielleicht hat sie auch nur (berechtigterweise) ein schlechtes Gewissen wegen der fiesen, hinterhältigen Kneifattacke. „Ich frage mich, ob David wohl grade aus dem Fenster sieht und schon für eine mögliche Evakuierung vorausplant. Würde mir vielleicht ersparen, ihm die ganze Angelegenheit erklären zu müssen."

„Du solltest sie ihm trotzdem erklären. Ich vertraue ihm."

„Hrmpf. Mal sehen. Dieser Raymond Trottel macht sich hoffentlich besser auch gleich an die Arbeit. Glaubst du, dass er tatsächlich was bewirken kann?"

„Sollte er schon. Die Nachricht war ziemlich eindeutig. Zur Not kann ich ihm ja morgen nochmal einen Besuch abstatten, falls er kneifen sollte. Das hier ist eine ernste Angelegenheit, dieses Mal wird niemand grundlos sterben müssen, das schwöre ich…"

„Das ist die richtige Einstellung. Lass uns einfach hoffen, dass wir überhaupt nichts weiter tun müssen und sich alles von selber regelt. Nach dem, was letztes Jahr schon passiert ist," sie nickt mit dem Kopf in Richtung Fenster, „wer könnte da sowas noch ignorieren?"

Es ist jetzt schon das dritte Mal heute, das ich durch diese gruselige hagelschauererfüllte Nacht gehe. Und noch immer erfüllt sie mich mit diesem tiefsitzenden Unwohlsein, das ich einfach nicht abzuschütteln vermag. Nur der aller absolut dämlichste Skeptiker könnte dieses Zeichen noch als banale Laune der Natur abtun und nichts weiter Schlimmes befürchten.

„Wir werden schon sichergehen, dass es niemand ignoriert…"

Oh Gott, bitte. Schmetterling Tiergeist Dingens, „Bluewing", wie auch immer ich dich nennen soll. Lass dies das letzte Mal sein, dass ich diesen Sturm durchlebe. Lass diese Nacht gut enden. Lass mich bitte jene Antworten finden, die wir suchen, und diesem Prescott Albtraum ein Ende bereiten.

Und hey, übrigens, während ich schon so ein komisches Gebet oder Wasauchimmer zu dir spreche… und wenn dir zufällig auch mal nach Antworten zu Mute sein sollte, dann verrate mit doch bitte auch gleich, was zur Hölle du eigentlich von mir willst, ja?

Nein? Nichts?

Schon gut. Die Hoffnung stirbt zuletzt…


Sarah, die ärmste, hat's schon wieder erwischt. Sie konnte den fiesen Taserangriff diesmal nicht einmal kommen sehen. 'Tschuldige, Sarahlein—aber keine Sorge, die Zuckungen und leichten Schüttelkrämpfe sind nur temporär.

Kombiniere Schlüsselkarte mit Scanner. Die Türen öffnen sich. Ich schlendere gelassen und arglos durch das Portal hindurch, beobachte das zweite Paar Türen zuschnellen und nähere mich ihm, während der Alarm wieder einmal ohrenbetäubend um mich herum losblärrt.

„Aha. Jupp, O.K.," erklingt Chloes elektronisch verzerrte Stimme in meinem Ohr, „ich seh's ein. Keine Ahnung wie zur Hölle ich da hätte durchkommen sollen."

„Wir ergänzen uns gegenseitig durch unsere jeweiligen Stärken," antworte ich, obwohl ich genau weiß, dass sie mich vermutlich nicht hören kann, solange ich nicht gerade ins Mikro schreie.

Wieder zurück, Rückwärts-Zeitlupe und gelassen weiterschlendern. Auf der Innenseite finde ich eine weitere Konsole mit drei einfachen Knöpfen zur Auswahl: AKTIVIEREN, DEAKTIVIEREN und NOTFALL. Auf dieser Seite der Türen befinden sich außerdem stinknormale Türgriffe und –Schlösser.

Ich drücke DEAKTIVIEREN und werde belohnt mit einer kurzen Alarm deaktiviert Nachricht. Unter einigen Schwierigkeiten und mit etwas Kraftaufwand schiebe ich die schweren Türen zu, bis sie einrasten, dann öffne ich sie wieder ganz einfach händisch. Beide Türen schwingen wieder ganz automatisch auf in dem Moment, da ich den Türgriff betätige. „Also schön, so weit, so gut. Hoffentlich."

„Ich sag's dir gleich hier und jetzt, ich werd' die verfickte Bude stürmen, solltest du da nicht mehr rauskommen, nur zu deiner Info. Also bleib mir da drin ja nicht stecken, kapiert?"

„Alles klaro. Ich dreh' die Zeit jetzt wieder zurück, in Ordnung?"

„Viel Glück dabei."

Ich spule zirka siebenundzwanzig Minuten zurück.

„Bin drin," flüstere ich in die Totenstille hinein.

„Heilige Scheiße. Wir haben uns doch grade eben erst zum Abschied geküsst. Du bist echt zu cool für diese Welt. Bist du auch sichergegangen, dass du da wieder rauskommst?"

„Bin ich."

„Ich sag's dir nämlich gleich hier und jetzt, ich werd' die bekackte Bude stürmen, falls du da drin stecken bleibst, nur damit du's weißt. Also komm' mir da gefälligst ja wieder raus, verstanden?"

„Ja doch, ich hab's kapiert. Draußen alles ruhig?"

„Warte kurz. Nachtschalter… Patrouillen…" Stille. „Nix. Alles ruhig. Also auf geht's."

Also gut. Auf geht's. Der erste Blick ins Innere dieser berühmt-berüchtigten Kunstkammer des Schreckens. Der ganze Ort wird beleuchtet vom indirekten, weißen Licht unzähliger etwa Hüfthoher Lampen, die überall gleichmäßig verteilt zu stehen scheinen. Die Lampenschirme sind in einer Weise abgewinkelt, dass sie wirklich ausschließlich den exquisit weißen Marmorboden bestrahlen. Die gewölbte Decke ist als Resultat in nahezu komplette Dunkelheit gehüllt, jedes einzelne Kunstwerk der Galerie liegt in einem zwielichtigen Halbschatten, der die gesamte Halle zu beherrschen scheint. Sie ist größer als ich sie mir vorgestellt hatte, durch elegant geschnitzte Holztrennwände sektionsweise unterteil in mehrere verschiedene Bereiche. Die vorgesehenen Pfade und Sackgassen, die ich von hier aus schon erkennen kann, sind angeordnet wie ein verschlungenes Labyrinth. In jeder Sektion finden sich sowohl Skulpturen als auch gerahmte Gemälde und Fotografien—keine Ahnung welchem System sie dabei folgen mögen—von hier aus sind die Details auch nur schwer zu erkennen in der nahezu vollständigen Dunkelheit.

Irgendetwas verrät mir, dies ist keine Kunstgalerie zur Ausstellung wertvoller Sammlerstücke und teurer Werke großer Namen.

„Das… sind… 'n ganzer Scheißhaufen potthässlicher Lampen," meldet sich Chloe kennerisch zu Wort. „Ich nehme mal an, die Prescotts scheren sich ein Dreck um ihre Stromrechnung. Ganz zu schweigen von Umweltschutz."

„Es ist so still hier. Macht mich Zähneklappern."

„Keine Sorge. Ich bin bei dir."

Vor mir habe ich die Auswahl aus den ersten drei Sektionen. Ich nähere mich der nächstliegenden. Neben meinen langsamen Atemzügen sind die leisen Schritte meiner leichten Turnschuhe das einzige, was diese Totenstille in der ganzen Halle durchbricht.

𐌔𐌐𐌄𐌊𐌕𐌓𐌀, steht groß auf einem Schild direkt vor mir, und direkt darunter Spectra. Offenbar eine Übersetzung, welche Sprache auch immer das sein mag. Automatische Lichter erwachen zum Leben in dem Moment, da ich mich nähere, sie beleuchten jedes einzelne Ausstellungsstück dieses Abschnitts der Galerie.

„Bhoa. Na gut."

Die meisten der Lampen strahlen in demselben uniformen, weißen Licht, das in jeder typischen Kunstgalerie zu finden ist, doch manche Werke werden auch von anderen Farbtönen erleuchtet oder ihr Lichtkegel ist gezielt nur einen bestimmten Bereich des Objekts gerichtet. Im Zentrum dieser Sektion befindet sich die stilisierte Skulptur eines goldbraunen Luchses, majestätisch aufgebaut auf seinem felsähnlichen Sockel, raffiniert gestaltete Züge in Gesicht und Fell lassen ihn nahezu lebensecht wirken; ihm in die geschlitzten Katzenaugen zu sehen, fühlt sich beinahe so an, als starre er zurück, bereit zum Sprung. Ich bewege mich zum nächst gelegenen Gemälde, der Darstellung eines gewaltigen Grizzlybären auf einer ovalen Rohholzscheibe. Halb aufgerichtet auf seinen Hinterbeinen, seine Vorderpranken bedrohlich ausgestreckt, als stünde er kurz davor, sein hilfloses Opfer vor sich zu zerfleischen. Stärke des Bären, heißt es auf dem Schildchen Unterhalb. Und zwischen Glas und Gemälde geklemmt ist das Foto eines Mannes mit bronzefarbener Haut und kohlrabenschwarzem Haar. Sergio DaSilva steht neben seinem Kopf geschrieben. Eindeutig Dianne Prescotts Handschrift.

Das nächste Bild daneben ist beschildert mit Dem Menschen ein Wolf. Es ist ein kleines Ölgemälde einer dunklen Höhle. In der stockfinsteren Schwärze des Baus ist nichts zu sehen als ein Paar finster dreinblickender, goldener Augen sowie die Andeutung einer Reihe weiß gefletschter Fangzähne. Und neben dem Werk angebracht ein gut erleuchtetes und nüchtern in Szene gesetztes Foto, als wäre es nur irgendein Passfoto: Volles, schwarzes Haar, leicht gelockt um ein schmales, etwas spitz zulaufendes Gesicht mit scharfkantigen Zügen. Helen Briar, lautet die Beschriftung.

„So sieht sie also aus. Ich hab' sie mir die ganze Zeit völlig anders vorgestellt."

„Oh, Scheiße, Max. Das sind sowas von die ganzen anderen Freaks mit Superkräften. Los, fang an, Fotos zu machen."

Ich hole mein Handy hervor und mache mich an die Arbeit. „Dir ist schon klar, dass dieses ‚Freaks mit Superkräften' ganz schön abwertend und beleidigend klingt, findest du nicht?"

„Alter, das ist aber doch haargenau was ihr auch seid. Ist doch eine adäquate Bezeichnung."

„Mh-mh, klar."

Doppelzüngigkeit der Natter. Marion Cook.

Hörner des Bison. Carlo & Remi Laurent.

Fuchs im Bau. Patrick Sullivan.

Die technische und stilistische Vielfalt aller Werke ist beeindruckend. Entweder unsere gute alte Mrs. Prescott ist eine ebenso begnadete wie vielseitig bewanderte Künstlerin oder aber an dieser Sammlung haben mehr als nur eine Person mitgewirkt. Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo dazwischen.

Dem nächsten Bild wurde kein Titel zugeordnet. Es ist nicht einmal ein Gemälde, sondern das Schwarz-Weiß-Foto einer jungen Hirschkuh. Sie liegt tot auf der Straße—auf den ersten Blick scheint es noch, als sei sie von einem Auto angefahren worden, doch es sind weder Blut noch gebrochene Glieder zu erkennen. Das arme Ding sieht aus, als würde es ganz friedlich schlafen.

Ich habe schon genug davon gesehen, um eindeutig zu erkennen, dass es sich hierbei um Nathans Werk handelt, keinerlei Zweifel. Und das dazugehörige Foto in der unteren Ecke…

„Max. Unmöglich."

Rachel Amber," lese ich vor. Und Dianne muss irgendwann später in Klammern (nicht länger) unter den Namen geschrieben haben. Es fühlt sich nicht richtig an, die Worte laut auszusprechen.

„Nein, unmöglich war Rachel auch so ein Tiergeister-Dingens."

„Ist dir jemals irgendwas Komisches an ihr aufgefallen? In ihrem Verhalten oder so?"

„Es war Rachel, natürlich war sie komisch, aber halt gut-komisch. Alle mochten sie, sie war wie eine Naturgewalt, sie—mh, ja, stimmt vielleicht, ich schätze, das klingt schon irgendwie komisch—aber sie hätte mir sowas krasses bestimmt verraten, ich kann mir unmöglich vorstellen, dass sie so ein Geheimnis für sich behalten hätte."

Genau wie sie dir von Frank und Jefferson verraten hatte?

Ich plappere die Worte schon beinahe aus, wie das dämliche Plappermaul, das ich bin. Behalte deine gehässigen Kommentare über Rachel gefälligst für dich, Max Caulfield. Sie sind nichts als traurige Zeugen deines mangelnden Selbstbewusstseins, und außerdem gehört sich so etwas einfach nicht. Komm zur Hölle endlich drüber hinweg.

„Gut möglich, dass sie es selbst nicht einmal wusste," sage ich stattdessen. „Vielleicht sind manche dieser Kräfte so subtil, dass man nicht genau wissen kann, was sie sind. Es kann nicht jeder 'nen Zeitreise-Vorschlaghammer bekommen und damit sämtliche Kausalität zertrümmern."

Chloe gibt ein unverbindlich nachdenkliches Grunzen von sich. Ich schieße das Foto und mache mich auf zum nächsten Werk. Es macht jetzt sowieso keinen Unterschied mehr, kein Grund jetzt auch noch alte Wunden aufzureißen. Wir sollten trotzdem später noch einmal darüber sprechen, wenn ich hier wieder rauskomme…

Es folgt noch ein gutes Dutzend weiterer Gemälde und Fotos. Widmungen an Leute, von denen ich noch nie etwas gehört habe. Am anderen Ende ist immer noch ganz schön viel freier Platz übrig. Mit einigen offensichtlich vorbereiteten Stellen, bereit, um von noch mehr Objekten bevölkert zu werden. Weitere „Spektren" oder wasauchimmer, die erst noch abgebildet oder identifiziert werden wollen, ist unsere Vermutung. Oder vielleicht müssen sie auch von vorneherein erst überhaupt noch entdeckt werden.

Auf dem Schild vor der darauffolgenden Sektion steht… οἱ δαίμονες τῶν φυλάκων, was zur Hölle? Immerhin scheint auch hier wieder eine Übersetzung dabei zu stehen: Wächter. Na also, warum nicht gleich so? Als das Licht genau wie zuvor automatisch aufleuchtet, kann ich sehen, dass die Anordnung in diesem Bereich ganz ähnlich ist zu der im vorherigen, doch hier überblickt eine lebensgroße Eule die gesamte Ausstellung. Sie ist gut anderthalb Meter über meinem Kopf angebracht und an ihrem Sockel hängend befindet ein sehr düster und formell wirkendes Portrait von Sean Prescott wie er leibt und lebt. Auf der Tafel darunter steht Prescott Geschlecht – Allianz seit 1886.

„Ha! Geschlecht! Und bestimmt ein superkleines noch dazu!" Chloe kann sich einfach nicht beherrschen.

„Klappe zu, Kindskopf. Sag mir lieber was das zu bedeuten hat." Ich fahre mit dem Finger über die Gravur. „Allianz. Also wie ein Bündnis? Aber mit wem?"

„Kein Peil. Ich höre das alles auch zum erstem Mal, du Spaßbremse."

Ich sehe mir dir verschiedenen Gemälde um mich herum an. Im Gegensatz zu denen zuvor sind diese hier alle im selben Stil und derselben Komposition gehalten. Sehr klare Linien, kräftige Farben—erinnert ein wenig an die traditionelle Kunst einiger Ureinwohner Nordamerikas. Die meisten haben ebenfalls ein Fotoportrait verschiedener Menschen direkt darunter beigefügt, und jedes einzelne von ihnen zeigt einen ernst dreinblickenden weißhäutigen Mann. Ein hochfliegender Habicht oder… Adler? Triplehorn Geschlecht, Allianz seit 1903. Ein Elch im Sprung, Caulson-Thomas Geschlecht, Allianz zirka 1710. Ein Wiesel mit langen Fangzähnen, Rothschild Geschlecht, Allianz seit 1769. Ein… Geier, glaube ich? Sutherland Geschlecht, Allianz seit unbekannt. Und weiter hinten sind noch weitere Gemälde von Tieren, doch keines davon hat einen zugewiesenen Familiennamen oder ein Datum mit dabei. Stattdessen sind sie alle markiert als „Eigener Herr".

Chloe gibt einen nachdenklichen Atemzug von sich. „Irgendeine Idee, was das alles bedeuten soll?"

„Kein Plan. Schutzgeister, die über Familiengenerationen weitergereicht werden vielleicht? Ich kann mir sonst echt nichts anderes vorstellen."

„Egal was es ist, Sean Prescott scheint einer von ihnen zu sein."

Ich zucke mit den Schultern. „Gut zu wissen, schätze ich mal."

Wenn auch sehr interessant, hier gibt es sonst nichts weiter zu sehen. Die nächste Sektion ist also an der Reihe.

Als ich mich nähere, kann ich schon von weitem etwas in der Dunkelheit lauern sehen. Was immer es ist, es scheint… groß… zu sein. Wieder fremde Schriftzeichen über dem Durchgang: अवतारAvatara. Das Licht geht an und ich stolpere fast schon einen Schritt zurück. „Heilige…"

„Was is' das den für'n Scheiß?"

„Es ist… eine Spinne?"

„Die Alte is' doch nicht ganz dicht."

Über meinem Kopf erhebt sich beinahe schwerelos das acht-äugige Angesicht einer riesigen, schwarzen Spinne. Ihr großer, runder Hinterleib nach unten gesenkt und ein netzartiges Geflecht aus weißen Stäben und Draht, die ihr aus dem Hintern zu sprießen scheinen, bildet den Sockel, auf dem die ganze Skulptur ruht. Ihre widerlich haarigen Beine reichen nach unten, wo sie Halt für das Lebensgroße Gemälde einer Frau bieten, und es besteht keinerlei Zweifel, dass dies ein eher gutgemeintes Selbstportrait der Künstlerin höchstpersönlich sein muss.

Ohne ein Zögern würde ich ihr Aussehen mit dem einer Hexe vergleichen—eine von der mysteriös charmanten und verführerischen Sorte, sollte ich dazusagen. Ihr Haar ist lang, schwarz glänzend wie die Federn eines Raben und aufwendigst gestylt. Sie steht kerzengerade und blickt auf ihren Betrachter herab, fürchterlich herablassend mit ihren auffallend dicken Brillengläsern. Sie ist gekleidet in ein burgunderfarbenes Gewand, lange Ärmel, aufgebauscht und unglaublich kostbar. Schmuck und Geschmeide sind subtil und dennoch auffallend genug und der Hauch eines Lächelns in ihren Mundwinkeln lässt sie wirken, als sei sie überaus amüsiert über einen Witz, den nur sie alleine kennt und versteht.

Das ganze Gemälde trägt nur ein einziges Wort, eingeritzt in die Oberseite des Rahmens selber. Schicksalsgespinst.

Chloes bewunderndes Pfeifen erklingt schrill in meinem Ohr. „Erstens: Ich hab's ja gesagt, die alte spinnt total. Und zweitens: Ich kann mich nicht dran erinnern, dass sie in irgendeinem der anderen Bilder, die wir gefunden haben, so sexy-hexy ausgesehen hätte."

„Ich wusste ja gar nicht, dass du eine Schwäche für ältere Frauen hast."

„Alter, auf dem Bild hier sieht sie aus, als wäre sie in unserem Alter. Würd' ich sowas von knallen."

„Chloe, du redest hier mit mir."

„Jetzt komm schon, rein hypothetisch! Ich mein's nur rein hypothetisch. Würdest du nicht?"

Ich bewege mich um den Rahmen herum und werfe einen genaueren Blick auf die Spinnenskulptur. „Klar, am besten machen wir gleich 'nen flotten Dreier mit meiner bösen Erzfeindin, die mir buchstäblich spinnefeind ist, warum eigentlich nicht. Welches Material ist das eigentlich? Das Ganze muss doch gut eine Tonne wiegen…" Ich reibe die Spitze eines der Beine vorsichtig zwischen Daumen und Zeigefinger. „Ooh. Das ist irgendein Drahtgeflecht überzogen mit schwarzem Stoff. Raffiniert."

„Warte! Geh nochmal zurück. Was war das? Hinter dem Bild."

„Hm? Oh. Das ist… noch ein Portrait. Von einer tatsächlichen Hexe?"

Schwarzes Gewand, spitzer Hut, lange Hakennase voller Warzen und Furunkel und eine eindeutige Aura des Bösen. Eine weitere Gravur, eingeritzt in die Oberseite: Katalysator – Mutter.

Chloe gluckst hörbar. „Warum sind diese ganzen reichen Schnösel-Familien eigentlich immer gleich so abgedreht?"

„Vielleicht ist es ja ganz buchstäblich gemeint und ihre Mutter ist eine leibhaftige Hexe. Würde mich wahrscheinlich inzwischen nicht mal mehr überraschen."

„Und da ist auch schon wieder von so einem Katalysator die Rede."

„Stimmt. Keine Ahnung, lass uns einfach erstmal weiterschauen."

Vier weitere, ebenfalls sehr große und aufwändige Werke sind im Halbkreis hinter der Spinne aufgebaut. Jedes einzelne von ihnen gleichermaßen auffällig wie prägnant. Doch ganz speziell eines von ihnen erfährt sofort meine vollste Aufmerksamkeit.

„Chloe… das sind wir."

„Heilige Scheiße, wie krass ist das denn!"

Man kann über diese Frau sagen, was man will, doch das ist… einfach wunderschön. Auf einer weit ausladenden Leinwand bin ich aufrecht stehend zu sehen, etwa drei Viertel der gesamten Höhe, Haare zur Seite und nach hinten geweht, mein langer Mantel um mich herum aufgebauscht, als stünde ich in einer steifen Brise, während ich mit leicht zusammengekniffenen Augen direkt geradeaussehe, als blickte ich dem Tod persönlich ins Angesicht. Eine Hand nach vorne ausgestreckt, als wolle ich die Zeit zurückdrehen. Meine andere Hand befindet sich auf Chloes Schulter: Sie hat ein Knie am Boden, beide Hände am Abzug einer Waffe, offensichtlich bereit, jeden Augenblick loszufeuern. Ihre entschlossen grimmigen Züge exquisit dargestellt bis ins kleinste Detail, ihr Tattoo so akkurat und farbenprächtig wie ihr leibhaftiges Original, Chloe befindet sich vor mir wie ein undurchdringliches Bollwerk aus Leidenschaft und Angepisstheit. Hinter uns, auf einem Großteil der restlichen Leinwand breitet ein wunderschöner Schmetterling seine Schwingen aus, blau und schwarz und absolut atemberaubend.

„Also gut," meldet sich Chloe wieder, „ich weiß ja, wir sind hier offenbar ganz buchstäblich im Hexenkessel gelandet und das ist alles völlig teuflisch und alles, aber das hier ist verfickt nochmal genial. Wenn wir diese ganze Angelegenheit hinter uns haben, dann will ich das Ding hier irgendwo bei uns im Haus aufhängen."

Ich kann ihr nur halb zuhören, denn ich bin zu sehr eingenommen von diesem sagenhaften Gemälde. Ich brauche noch eine Weile, um alles zu erfassen. „Äh… Haben wir ein Haus?"

„Unser zukünftiges Haus. Oder unser Apartment in New York oder unsere gemütliche Blockhütte im Wald oder was auch immer. Wir könnten dort unsere gesammelte Kriegsbeute als Trophäen aufhängen."

„Was soll diese seltsame schwarze Wolke um meinen Kopf?"

Schwarze Ranken bündeln sich in einem ätherischen Gewebe oder Gespinst wabernd um mich herum wie eine Art… schwarzer Heiligenschein.

„Kein Dunst. Eine bildliche Darstellung deines hochkarätigen Scheißdreck-Chrono-Traumas, das dir im Kopf rumgeistert?"

So schlimm isses jetzt auch wieder nicht…"

Ich gehe noch näher heran. Bluewing, zeigt mir Gravur an der Oberseite. Und darunter: Katalysator - Chloe, ihr Name mit einem großen Herzen umrandet.

„Da steht sogar dein Name. Aber was soll denn das Herz drum herum?"

Chloe hält noch einem Moment inne für ihre lächerlich schlagfertige Pointe. „Ist doch offensichtlich. Die Alte ist voll in mich verknallt. Ich meine, mal ganz ehrlich, wer könnte da schon widerstehen?"

„Ah-ha." Ich kann das lauwarm unterkühlte Gelächter, das sie sich jetzt eigentlich verdient hätte, im Moment gar nicht erst aufbringen. Mich selbst zu sehen, wie ich mich fast schon wie irgendeine Art Superheldin in Pose werfe, ist einfach zu befremdlich. „Also du bist mein… Katalysator?"

„Sieht fast so aus. Mmh, in gewisser Weise macht es wahrscheinlich sogar echt Sinn, mich so zu nennen, oder nicht? Ich hab' dich schon damals dauernd dazu angespornt deine Kräfte zu benutzen und ich war sogar der Grund, warum du sie danach auch noch weiterbenutzt hast. Du bist überhaupt nur in dieser Realität gelandet wegen mir und was war das allererste, was ich dir auftrage zu tun? Deine Kräfte benutzen." Sie wird für einen Augenblick lang still. „Scheiße. Es ist fast als wäre ich sowas wie ein kosmischer Antrieb für dich und deine Kräfte."

„Ist das nicht was ich dir versucht habe, zu erklären? Es warst immer du, die mich dazu gebracht hat, weiterzumachen und nicht aufzugeben, ohne dich hätte ich diese Kräfte womöglich gar nicht erst bekommen und ich hätte mich garantiert nicht so sehr angestrengt sie zu benutzen. Sieh das hier nur mal an, du bist sogar noch vor mir im Zentrum des Bildes, du bist mindestens ganz genauso wichtig für unser Team wie ich es jemals sein könnte."

Ein weiterer ruhiger Moment. „Weißt du was? Diese ganze Sache jagt mir so langsam richtig Angst ein."

„‚So langsam'? Mir stehen die Haare jetzt schon bestimmt zwanzig Minuten ohne Ende zu Berge."

„Wie kann sie diesen ganzen Scheiß überhaupt erst wissen? Es scheint sogar noch weit schlimmer zu sein, als ich mir vorgestellt hatte, wir sind praktisch… hoffnungslos unterlegen—ich meine nur, wir haben bisher kaum registriert, dass diese gespinnerte Tussi überhaupt existiert, und sie hat verfickt nochmal Fankunst von uns gemacht?"

„Na ja… ich behaupte einfach mal, das war ja auch der Grund, weshalb wir überhaupt erst hergekommen sind, richtig? Um mehr zu erfahren? Wir müssen unbedingt herausfinden, wie tief uns dieser Kaninchenbau noch führt."

„Alles klar. In Ordnung. Bleib einfach ruhig und schieß weiter deine Fotos, wir machen uns gemeinsam Gedanken darüber, sobald du da wieder draußen bist."

Mit etwas zögerlichen und vorsichtigen Schritten sehe ich mich im Bereich weiter um. Es gibt hier noch drei weitere große Gemälde. Ein mir bekannt wirkendes Mädchen, vollständig eingehüllt in Motten. Sie krabbeln über ihren gesamten Körper, von Kopf bis Fuß, kriechen ihr durch die Haare und wuseln ihr über den Rücken. Die junge Frau lacht mit strahlender Freude, noch mehr Motten kommen ihr aus dem Mund. Zu ihren Füßen liegt ein regloser Mann, vermutlich tot.

Mirage. Katalysator – Tante Dianne. Außerdem steht da noch der Name Ryan Derrick nahezu bis zu Unkenntlichkeit ausgekratzt vor „Tante Dianne".

Als nächstes ein noch etwas jüngeres Mädchen, vielleicht fünfzehn oder sechszehn, sitzend auf einigen hölzernen Treppen einer Veranda, ihr Kinn ruht auf ihren Knien, die sie dicht an sich herangezogen hat. Schwarze Haare, braune Haut und etwas übergewichtig starrt sie den Betrachter direkt an, ihre Augen gerötet und fürchterlich traurig. Direkt hinter ihr steht ein großer schlaksiger Junge, der in die genau entgegengesetzte Richtung blickt, sein Rücken dem Mädchen zugewannt in ganz bewusst ablehnender Haltung.

Eine grasgrüne Gottesanbeterin sitzt dem Mädchen direkt auf dem Kopf, völlig gelassen und ungestört. Der Rest der Leinwand ist ein Gewirr kontrastarmer Wellenmuster, die sich kreisförmig um sie herum ausbreiten und deren gemeinsames Zentrum genau auf dem Mädchen liegt, als sei sie der Ursprung der Verzerrung.

Pathos. Katalysator – Daniel, Verschmähte Liebe.

Und zuletzt, eine Frau etwa um die dreißig und eher kurze Statur, obwohl sie immer noch größer ist als ich, aber das hat auch nicht viel zu heißen. Sie geht—stolziert fast schon—auf den Betrachter zu, als wäre sie darauf aus, einfach so mit diesem heimtückischen Schmunzeln auf den Lippen aus dem Bilderrahmen heraus zu spazieren. Ihr langes, blondes Haar weht hinter ihr im Wind, sie trägt ein weißes, eher schlichtes und knielanges Kleid, doch ihr auffälligstes Merkmal ist eindeutig ihr in allen Regenbogenfarben tätowierter Arm ganz ähnlich dem Chloes, allerdings auf der falschen Seite. Flammen züngeln an ihren Gliedern empor und lodern bedrohlich hinter ihr auf, schwelende Risse ziehen sich durch den Stein, über den sie geht—und doch, aus den Spalten, die sie hinterlässt, sprießen Gräser und Ranken und kleine Blümchen in verschiedensten Formen und Farben. Mächtige Insektenschwingen bestehend aus gleißendem, goldenen Licht breiten sich von ihrem Rücken aus, Farben und Kontraste so lebendig, man könnte glauben, die Leinwand finge jedem Augenblick Feuer.

Spiel mit dem Feuer. Sonst findet sich dort keine weitere Beschriftung.

„Alter," meldet sich Chloe wieder. „Frage mich, ob wir es mit all diesen Leuten noch einmal aufnehmen müssen?"

„Ich will's mal nicht hoffen. Ich glaube aber nicht, das scheint mir vielmehr eine Art… keine Ahnung, eine MVP-Ausstellung? Und wenn wir schon ein Teil davon sind, dann könnten wir ja vielleicht sogar noch jemand anderen in unser Team aufnehmen."

„Hört sich mir eher nach Wunschdenken an, obwohl ich nichts dagegen hätte, mit dieser Feuer-Lady gemeinsame Sache zu machen. Die sieht ziemlich abgefahren aus… und irgendwie kommt sie mir sogar bekannt vor."

„Zunächst müssten wir mal herausfinden, wer zur Hölle sie überhaupt ist. Da steht keinerlei Name oder sonst was mit dabei. Ganz ehrlich, ich hab' grade echt mega Schiss vor dem, was uns hier unten noch so alles erwarten könnte. Es ist immer noch viel zu viel übrig, was wir angucken müssen."

„Na dann mal ran an den Speck. Was du heute kannst besorgen, das verschiebe stets auf gestern."

Ich pruste versehentlich laut auf vor Lachen. „Und wer ist jetzt der Dummdepp?"

„Du. Immer noch du, für immer und ewig du."

Ich schieße meine restlichen Bilder und begebe mich dann wieder zum Anfang. Sollte jetzt noch nicht allzu viel drüber nachdenken, bin eh viel zu müde für heute, also einfach erstmal weitermachen. Die Trennwände bilden zwei weitere offensichtliche Pfade, die nach der Wächter-Sektion weiterführen. Keine automatischen Lichter leuchten auf als ich meinen ersten Schritt in den Durchgang zwischen die provisorischen Wände tue: Mein Gang ist vorsichtig und in annähernd blendendes Weiß getaucht, oberhalb meiner Hüften bleibt alles in dunklen Schatten gehüllt.

Vier verschiedene Eingänge zur selben Anzahl an abgetrennten Bereichen, jeder davon markiert mit einer Lampe und einem Schild. Ein Korridor verläuft in ihrer Mitte, schmucklos und nüchtern, verbindet sie alle und führt in einen anderen Abschnitt, der noch immer im Dunklen liegt. Und da ist auch eine Türöffnung zu einem Nachbarraum in eine Wand ganz in meiner Nähe eingelassen. Jenseits der offenen Türe und der zurückgezogenen Vorhänge kann ich die Umrisse einer Malerstaffelei und eines schlichten Hockers erkennen.

Für jemanden, der mich hier überraschen wollte wäre es extrem einfach, sich hinter den Vorhängen in diesem Raum zu verstecken und mich dann von hinten zu überfallen, sobald ich ihm den Rücken zuwende weitergehe. Unter höchster Zeitreise-Sicherheitsvorkehrung nähere ich mich also dem Durchgang und drehe dabei langsam die Zeit zurück. Ich lasse sie nur für einen kurzen Augenblick los, um den Lichtschalter neben der Türe zu betätigen und anschließend mit pochendem Schädel einen ersten guten Blick ins Innere dessen zu werfen, was höchst wahrscheinlich Dianne Prescotts persönliches Kunstatelier ist. Perfektes, einheitlich weißes Licht und wohl ausgerüstet mit allen möglichen Werkzeugen für ihr künstlerisches Handwerk.

Es ist recht klein, genaugenommen. Gemütlich, möchte man fast meinen. Keinerlei unliebsame Überraschung erwartet mich hier.

„Halt, Moment. Was war das für ein Sprung?"

„Bin nur sichergegangen, dass in dem Nebenraum hier auch alles sauber ist. 'Tschuldige."

„Oh, achso, cool. Weiter so."

Zurück also an unser Tagewerk. Ich gehe die Eingänge zu jedem der vier Bereiche entlang und versuche zu entscheiden, welchen davon ich zuerst erforschen will. Die aufwändig geschnitzten Holzschilder vor jedem davon zeigen jeweils ein simples ebenfalls geschnitztes Tiermotiv unter den Worten.

Duplizität. Die Motte, vorne rechts.

Meer aus Flammen. Die Wespe, hinten rechts.

Der lange und dunkle Gang, geradezu lächerlich unheilverkündend in der Mitte.

Logos, Ethos, Pathos. Die Gottesanbeterin, hinten links.

Chrysalis. Der Schmetterling, vorne links.

Ich komme vor dem letzten zum Stehen, allen Anscheins nach unserer ganz eigenen, persönlichen Ausstellung. Schon von hier aus im Zwielicht kann ich klar erkennen, dass diese hier größer ist als alle anderen, gerappelt voll bis unter die Decke mit Kunstobjekten in allen Formen und Farben und Größen. „Unmöglich kann das alles nur Fankunst von uns sein, oder?"

„Lass es uns gemeinsam rausfinden, SuperMax. Bin mir schon fast sicher, dass es noch viel abgedrehter als nur das sein wird."

Licht flutet den ganzen Raum als ich nur einen Schritt jenseits des Schildes tue. Zwei lange Wände vollgestopft mit Unmengen Zeugs sowie einigen freistehenden Stücken und gelegentlichen Trennwänden hier und da. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich wirklich behaupten, das ganze hier sieht aus wie ein kleiner Fanartikelladen, bei dem ich nicht weiß, wo ich als erstes hingucken soll, ausgelegt auf nur ein einziges simples Produkt: Uns. Und es sind nicht nur Gemälde, sondern auch eine ganze Reihe Fotos und Zeichnungen und sogar einige wenige Skulpturen—manchmal sogar mit gleich mehreren Stufen, eine über der anderen. Und überall verteilt sind kleine, blaue Papierschmetterlinge angebracht: Aufgeklebt auf Bilderrahmen oder Wänden, liegend auf Statuen oder einfach nur heruntergefallen auf dem Boden und hängend von Regalen oder der Decke.

„Das is' doch bekloppt," hauche ich wie entgeistert aus.

„Sie hält sich an ihre Thematik, soviel muss man ihr lassen. Alter, das da drüben ist sowas von mein alter Truck."

Ein Modell ihrer alten, rostigen Schrottmühle ruht auf einer Vitrine nur wenige Meter gerade aus. Es sieht vollständig handgeschnitzt aus, jedes noch so winzige Detail in mühevoller Kleinstarbeit sorgfältig ausgearbeitet, sogar die ganzen eloquent antiautoritären Aufkleber und das demolierte Kennzeichen sind akkurat. Und in der Fahrerkabine befinden sich putzige kleine Tonfigürchen, die Chloe und mich darstellen. Wir sehen einander an, ein großes, breites und überaus dümmliches Grinsen mit Zahnstocher auf unseren beiden Lippen verewigt. In Bewegung gesetzt, steht auf der Plakette unterhalb.

„Mir läuft's jetzt schon kalt den Rücken runter," sagt sie.

„Und dabei haben wir gerade erst angefangen…"

Mein Kopf schwindelt schon nach nur den ersten wenigen Werken. Die erste Serie kleiner Gemälde trägt den Titel Am Anfang. Putzige Karikaturen zweier Mädchen, die gemeinsam aufwachsen, von ihrem ersten Treffen im Kinderkarten bis hin zu einem tragischen Unfall in der Familie. Ich kann jede einzelne Situation davon wiedererkennen—wie wir verzweifelt und ohne Aussicht auf Erfolg an einem Weinfleck auf dem Teppich herumschrubben. Ein gebogener Pfeil ist mit schwarzem Filzstift auf der Wand entlanggezogen worden, er führt nach oben und weg von einem Bild Williams, als er zum allerletzten Mal in seinem Leben arglos zur Türe hinausspaziert. Siehe verzweigte Zeitlinien, teilt uns die Handschrift mit. Ääh, ja, O.K., mach' ich schon noch, danke.

Die nächste Reihe heißt Divergenz. Auf der oberen schlage ich mich alleine durch mein neues Leben in Seattle. Kräftige Farben, klare, scharfe Konturen, eine hoffnungsvolle Stimmung. Auf der unteren gerät Chloes Leben in einer einzigen Teufelsspirale außer Kontrolle. Dunkle Kontraste, schwarz-weiß mit vor allem nur ein paar wenigen Lilatönen hier und da und gewaltsame, stürmische Linien schwarz wie die Nacht. Sogar noch nachdem Rachel das erste Mal auf der Bildfläche erscheint. Eine dicke, schwarze Linie trennt die beiden Anordnungen strikt voneinander, kleine, weiße Buchstaben stehen darin: Untersagung des Schicksals.

Als nächstes in der Reihe kommt Transformation, Vignetten einiger Momente, wie sie sich chronologisch ereignet haben, während unserer fünf Tage in der Hölle letzten Oktobers. Chloe, wie sie in der Schultoilette über Nathan steht. Ich, wie ich ein Foto von ihr schieße, tanzend auf ihrem Bett. Uns, wie wir die Bahnschienen entlangschlendern und auch wie wir komplette Volldödel sind in Blackwells Pool und wie wir Rachels Leiche finden. Und es geht immer so weiter, häufig irgendwelche Situationen, bei denen uns unmöglich irgendjemand hätte beobachten können, niemand außer uns. Und dann noch mehr Pfeile, die mich zu einem Blick auf die verzweigten Zeitlinien auffordern.

„Max… das sind unsere gesamten Leben. Sie haben uns schon unser gesamtes Leben lang beobachtet."

„Scheint mir noch weit mehr zu sein als nur beobachtet…"

Dem Untergang Geweihte Pfade. Da bin ich, die in wehendem Krankenhaushemd mitten auf einer Straße stehe und einen durch die Luft geschleuderten Schulbus mittels Zeitreise aufhalte, während ein Sturm um mich herum tobt. Da ist Chloe, die auf ihre Hände starrt, eine Rasierklinge am Unterarm angesetzt. Da ist Rachel, die gemeinsam mit Chloe und mir für ein dreifach-Selfie posiert—Es ist Chloe an der Seite eines Krankenhaus Bettes, sie hält meine Hand, während ich friedlich im Koma liege. Es niemand geringeres als Sean Prescott, der mir geschäftsmäßig die Hand schüttelt, nicht einmal der Hauch einer Feindschaft zwischen uns. Und dann einige Bleistiftzeichnungen, in einem gänzlich anderen Stil gehalten, sie stinken nur so nach Nathans eher ‚geistesabwesender' Arbeit. „Chloe in der Dunkelkammer," wiederholt sich dort wieder und wieder. Jefferson in inniger Umarmung mit jemandem, vermutlich ihm selber. Eine Nachbildung von Nathans Abschlusszeugnis sowie eine Vielzahl anderer, bei denen ich mir jetzt gar nicht erst die Mühe machen werde sie zu enträtseln.

Unumgängliches Übel. Ein gewaltiges Wandgemälde mit jedem einzelnen von Jeffersons widerwärtig krankhaften Fotografien. Deanna, Lucy, Carol-Ann, Ashley, Megan… so viele Namen. Und dann Rachel. Kate.

Maxine.

Ich fühle mich, als verlöre ich hier langsam aber sicher Verstand und Sinne, während wir uns die Bilder von mir genauer ansehen. Mit ein klein wenig Erleichterung stelle ich fest, dass dies nicht die echten Fotos sind, sondern lediglich weitere Bleistiftzeichnungen. Doch manche sind dargestellt und ausgerichtet genau wie die realen Fotos aus einer Realität, die niemals war. Auch wenn ihr Stil nicht ganz so unberechenbar launenhaft ist, wie in seinen anderen Werken, so ist Nathans Handschrift doch immer noch leicht zu erkennen.

Ich hatte jetzt schon eine ganze Weile dieses flaue Gefühl im Magen, fast so als ob ich mich übergeben müsste, doch mir ist nicht einmal schlecht. Das ist doch Wahnsinn. Chloes Bemerkungen sind inzwischen ebenfalls zu nicht mehr als gelegentlichem atemlosen Fluch verkommen.

Verzweigte Zeitlinien, jede einzelne davon ist eine eigene Serie akribischer Bleistift- und Zeichenkohle-Darstellungen. Eine dreizehnjährige Max, die triumphierend einen Schlüsselbund zum Fenster hinauswirft. Eine Chloe, glücklicher denn je an ihrem sechszehnten Geburtstag. Ein herzzerreißendes Autowrack. Chloe, meine süße, tapfere Chloe, gebrochen und ans Bett gefesselt, wie sie mich anbettelt, zu tun, was sie nicht kann. Unterhalb des Wrackbildes ist ein Notizzettel angebracht. Korrekturmaßnahme, steht darauf.

Chloe, reglos auf der dreckigen Erde des Schrottplatzes, eine Schusswunde mitten auf der Stirn, gefolgt von allem, was ich getan habe, um diese Zeitlinie ungeschehen zu machen. Eine weitere „Korrekturmaßnahme"-Notiz ist an einer der Zeichnungen angebracht. Das entsprechende Bild zeigt einige Zacken auf der Rückseite eines Stuhlbeines, scharf genug um womöglich Klebeband zu durchtrennen mit nur genug Kraftaufwand. Es wäre eine vollständig sinnfreie Darstellung für jeden, der niemals für Stunden an eben diesen Stuhl gefesselt war und sich hat freikämpfen müssen.

Und dann bin da wieder ich, kauernd auf den Fliesen einer Schultoilette meine Arme um meinen Oberkörper geschlungen, als ich Chloes leblosen Körper aus leeren Augen beobachte. Ich gehe zu einer Beerdigung. Ich lebe das Leben einer Toten, fünf Monate, bis ich es nicht länger ertragen konnte. Hier befindet sich keine Notiz. In der nächsten Reihe sind wir wieder zusammen, umarmen meine Eltern, treffen auf einen Mann, von dem wir dachten, wir hätte ihn zurückgelassen. Lassen die Hölle über uns ergehen, bis sich eine Möglichkeit ergibt ihr zu entkommen. Hier ebenfalls keine Notiz.

In mir erwächst mittlerweile blanke Furcht über die gesamte Dauer meines Aufenthaltes an diesem Ort. Sie wächst auf zu einem schrecklichen Monster, dass mich von innen zu zerfressen droht, bis nichts mehr von mir übrig ist. „Wie können sie all das wissen, Chloe? Wie zum Teufel ist das überhaupt möglich?"´

„Ich weiß es nicht. Scheiße, ich hab' keine Ahnung. Spione, die uns heimlich gefolgt sind? Vielleicht war Betsy ja auch die ganze Zeit über verwanzt. Scheiße, diese Arschlöcher.

„Aber… sie hätten uns doch schon vor langer Zeit einfach finden können, wenn sie uns derart überwacht hätten. Oder? Und ich hab' dir ja noch nicht mal selber von meiner anderen Realität erzählt, bis vor zwei Tagen, niemals konnten sie da genug Zeit für all das gehabt haben—ich meine, hast du dir das ganze Zeug mal angesehen? Es muss Jahre gedauert haben das alles zusammenzutragen, ich bin doch vor zwei Tagen überhaupt erst hier aufgetaucht, das ergibt doch keinen Sinn, wie zur Hölle kann dieser Ort überhaupt existieren?"

„Also gut… beruhig dich erstmal wieder, reiß dich zusammen, in Ordnung? Wir reden hier von 'ner stinkreichen und potentiell magischen Familie aus wahnsinnigen Arschlöchern, sie wissen halt einfach manche Dinge, O.K.? Kein Grund zur Panik. Lassen wir das einfach fürs erste so stehen und machen weiter, damit du da so bald wie möglich wieder rauskannst und wir das ganze ausdiskutieren können. Verstanden?"

Erst jetzt stelle ich fest, dass meine Stimme sich ungewollt erhoben hat zu einem Grad, an dem sie fast schon als Schreien durchgehen könnte. Mein Herz pocht mir schon lautstark in den Ohren in unstetem Rhythmus. Ich schreite unruhig an den Bildreihen auf und ab und es ist mir nicht einmal richtig aufgefallen. Ich versuche also erstmal ganz bewusst, meinen Atem zu kontrollieren und diese nahezu-Panikattacke wieder so gut wie möglich auf ein Minimum zu reduzieren.

„Max, ich mein's ernst, verschwinde einfach von da drin, wenn du meinst, du packst es nicht mehr. Wir haben schon mehr als genug, ich würde dich jetzt viel lieber wieder in Sicherheit wissen."

„N-nein, nein, es geht schon. Mir geht's gut, ich schaff' das schon."

„Bist du sicher?"

Ich versuche meine Stimme möglichst wieder zu senken und zuversichtlich zu klingen. „Es war jetzt einfach schon eine sehr lange Nacht, meine Nerven liegen halt etwas blank, ist aber alles gut, Chloe."

Ich kann eine eindeutige Skepsis aus ihrer nachfolgenden Stille heraushören. „Außerdem," fahre ich deshalb fort, „wissen wir immer noch nicht, warum sie das Ganze überhaupt machen."

„Ich… ich will nur nicht, dass du dich hier schon wieder völlig verausgabst, in Ordnung? Davon hatte ich schon für eine Lebzeit genug mit deinen ganzen anderen Versionen vor dir."

„Keine Sorge. Lass uns einfach weitermachen."

Meine Schritte sind beinahe nicht mehr zittrig, fast schon standfest sogar, bis ich die Mitte der Ausstellung und was vermutlich das zentrale Stück der ganzen Präsentation zu sein scheint erreiche. Im Gegensatz zum ganzen Rest der Bilder sind diese hier kunstvoll gestaltete Ölgemälde auf großen Leinwänden—nicht ganz so groß zwar wie die drüben in dieser Avatar Sektion, aber dennoch mit derselben atemberaubenden Sorgfalt gestaltet. Alle zwölf davon sind angeordnet entlang einer langen, im Halbkreis angeordneten Reihe extraschicker Holztrennwände, jedes einzelne Kunstwerk hat seinen ganz eigenen Rahmen und Titel. Die Überschrift der gesamten Kollektion steht ganz am Anfang in tiefschwarzen Buchstaben:

Bluewings Maximaler Pfad
(Haha!)

Sie beginnt auf der Schultoilette Blackwells. Ich befinde mich im Vordergrund, der Betrachter folgt meinem Blick über meine Schulter in den Hintergrund, während ich gerade meine Hand dramatisch in Richtung Chloe und Nathan ausstrecke. Chloes aschweiße Gesichtszüge sind im Angesicht des Todes klar zu erkennen, währen sich der Schuss aus der Waffe bereits entlädt. Der Titel lautet Bluewings Erkorene wird Wachgerüttelt.

Auf dem nächsten liege ich ohnmächtig in Chloes Schoß, ihr Gesicht das leibhaftige Portrait zur Definition des Wortes ‚Fürsorge'. Wir befinden uns auf der Motohaube eines verrosteten Autos inmitten von Bergen aus Schrott, während ein Güterzug durch den Hintergrund donnert. Ihre Finger wischen mir vorsichtig das Blut von der Oberlippe. Es trägt den Titel Katalysator am Werk.

Das nächste ist aus Ich-Perspektive gezeichnet—buchstäblich, möchte man meinen, da der Betrachter vom Schulhof Blackwells aus nach oben blickt in Richtung Dach, wo Kate gerade den letzten Schritt ihres viel zu kurzen Lebens tut. Eine Hand, eindeutig die meine, ist rechts unten im Bild zu sehen, blutverschmierte Finger gekrampft vor Anstrengung. Dicke, schwere Regentropfen zieren das gesamte Gemälde in einzigartiger Detailarbeit, inklusive regenbogenartiger Lichtbrechung. Ein Vogel ist auf dem Bild eingefangen, festgefroren inmitten des Flugs. Auch wenn die viel zu akkurate Darstellung den Knoten in meinem Hals nur noch weiter zuschnürt, so kann die Fotografin in mir doch nicht die Klappe darüber halten, wie grandios doch die Arbeit der Perspektive wirkt. Verfrüht Überwundene Schranken.

Es folgen gleich ein Paar zweier Werke direkt nebeneinander. Beide aus derselben Perspektive über meine Schulter gezeichnet, wie ich in ein und dasselbe Foto blicke, das ich nur allzu gut kenne. Auf dem einen Gemälde sitze ich in meinem Zimmer in Blackwells Wohnheim, während sich meine Gedanken endlos im Kreis drehen über einen Streit um nichts. Von Reue Gezeichnete Reise. Auf dem anderen sitze ich neben Chloes Krankenbett. Ein Fotoalbum liegt offen auf ihrem Schoß, ihre Hand scheinbar leblos daneben. Tränen fallen in Stille auf das alte Polaroid zwischen meinen Fingern. Lektion über die Torheit Diskreter Veränderungen.

„Scheiße," kann ich Chloe in meinem Ohr ausstöhnen hören. Ich würde bloß jeden Augenblick wieder ausrasten, sollte ich noch einmal das Wort ergreifen, deshalb schieße ich einfach im Stillen das Foto und mache weiter.

Das nächste zeigt das Profil von Jefferson und mir in seiner Dunkelkammer. Sein Oberkörper ist vorgebeugt, er blickt mir tief in die Augen, ein selbstgefälliges, nach einer Faust schreiendes Lächeln zuckt in seinem Arschloch-Mundwinkel. Ich bin gefesselt an seinen Stuhl, lehne mich im entgegen mit einem solch abgrundtief verachtenden Blick, ich erkenne mich kaum selbst wieder. Ich kann die Worte „friss Scheiße und verreck" beinahe aus meinem Mund kommen hören. Geburtsstunde eines Engels.

Der Ton in Chloes Stimme ist vom selben Hass erfüllt wie ich selber damals. „Dieser Wichser kann von Glück reden, dass er verreckt ist, bevor ich ihn in die Finger kriegen konnte. Es hätte mich ganze Tage gebraucht, um ihm heimzuzahlen, was er dir angetan hat."

„Habe ich dir überhaupt jemals davon erzählt? Exakt das, genau wie es passiert ist?"

„Nein. Du hast mir die Details erspart."

„Aber woher…"

„Woher ist doch jetzt erstmal ganz egal, sie wissen halt einfach weit mehr, als wir gedacht hatten. Schieß einfach deine restlichen, verdammten Fotos und mach dann endlich die Fliege von da, Max."

Sie kann das Beben in ihrer Stimme nicht einmal mehr länger verbergen. Chloe steht wahrscheinlich gerade genauso sehr unter Strom wie ich es tue. Sie hat jedoch Recht, lass uns jetzt noch nicht den Kopf darüber zerbrechen. Erst weitermachen. Es wird später noch genug Zeit geben, die fiesen Details genauer zu erfassen und sich mit den abscheulichen Implikationen abzuquälen.

Ein schicksalhafter Abschiedskuss vor einem gewaltigen Tornado, ein Vorgeschmack dieser verbotenen Frucht. Und direkt daneben auf demselben Bild stehen wir ein zweites Mal und halten unsere Hände, während wir die Zerstörung vor uns beobachten—alle „vier" von uns stehen oben auf der Klippe neben dem zerstörten Lauchturm. Ein Irreversibler Bund.

Ich bin gefesselt auf einem Stuhl—mal wieder—in einem weißen Raum und betrachte den Bildschirm eines Laptops. Das Entsetzen, das sich in meinen Augen widerspiegelt, ist etwas, was ich niemals für möglich gehalten hätte es so originalgetreu zum Ausdruck zu bringen mit bloßen Farben und Pinseln. Es besteht keinerlei Zweifel darüber, welch Horror sich vor diesen Augen abspielen mag. Der Vergessenen wird Unbeirrbarer Fokus Zuteil.

Ich knie vor einem Grabstein, meine Arme um mich selbst geschlungen. Ich wirke exakt so alleine und gebrochen wie ich mich damals auch gefühlt habe. Gedeihende Verzweiflung auf Fruchtbarem Boden.

Ich bin nichts als ein flitzender Schatten auf einem weiten Flur, verzweifelt strauchelnd in Richtung der Fensterfront vor mir, umzingelt von Menschen in Uniform, ihre Waffen zielen in alle möglichen Richtungen, nur nicht auf mich. Vorbereitung des Wirts auf ihr Zwie-Erwachen.

Ich bin eine schwarze Silhouette auf der Spitze des Leuchtturms, lehne mich dem Wind der See entgegen. Ein blauer Schmetterling sitzt im Vordergrund und beobachtet wie es geschieht, scheinbar gleichgültig gegenüber allem, was ich tun könnte. Kür der Unerkorenen in einer Nimmermehr-Welt.

Die gesamte Galerie findet ihr jähes Ende nach dem nächsten Stück. Ein Blick in das Zwielicht hinter der nächsten Trennwand verrät mit, dass dort noch zwei weitere Sektionen auf mich warten. Ihre beiden Schilder am jeweiligen Eingang lassen sich bereits von hier aus erkennen. Endspiel. Das Gespinst.

Mach weiter, einfach weitermachen.

Auf dem letzten Gemälde bin wieder ich zu sehen wie ich auf ein einem exquisiten Marmorfußboden liege, eingerollt fast wie in Embryonalstellung. Über mir, überall um mich herum, wabert eine Wolke aus dichtem Schwarz, das anschwillt bis es die gesamte Leinwand verschlungen hat. Das unergründliche Dunkel scheint in Strahlen aus meinem eigenen Kopf zu sprießen, so als wäre ich selbst der Ursprung des Ganzen. Ins Netz Gegangen - Perfektes Timing, Maxine.

„Was—"

Ein immer stärker werdender Druck baut sich auf in meinem Kopf, der plötzlich anschwellende, stechende Schmerz erinnert an Bahngleise, gerammt durch meine Augäpfel.

„Nnngh-aaauah—"

„Max?"

Ich krümme mich vornüber vor Pein. Meine Knie geben nach. Mein Kopf explodiert unter einer brennenden Höllenqual in einer Weise, die ich niemals zuvor verspürte. Ich könnte ihr nicht mehr Widerstand leisten als einen daher donnernden Güterzug mit bloßen Händen zu stoppen, sie erdrückt mich unter einem derartigen Ausmaß, dass ich nicht einmal merke, wie ich mich winden zu Boden stürze.

„Max!"

Ein kurzer Augenblick nur und meine gesamte Welt verkommt zu einem einzigen, quälenden Martyrium, unumgänglich und hoffnungslos absolut. Ein Augenblick von der Länge einer Ewigkeit, ehe sie endlich wieder nachlässt, und das erste, was ich wahrnehme, ist der entfernt salzige Geruch der See in der Luft sowie eine leichte Brise, die sachte über mein Gesicht streicht. Ich rolle mich auf meinen Rücken, Hände gegen meine Schläfen gepresst, um meinen Kopf daran zu hindern, jeden Augenblick auseinanderzufallen.

Ich öffne meine Augen zu einem schwarzen, sternenlosen Himmel.

„Urgh…" Mein entkräftetes Ächzen fährt auf in Richtung Äther.

Die kalte Erde unter meinem Rücken ist weich und feucht. In der annähernden Dunkelheit kann ich gerade so die Umrisse einzelner, karger Bäume erkennen, einige stark verwahrloste Sträucher sowie einen Himmel, der nichts ist als eine einzige, gewaltige Sturmfront, in eifriger Erwartung, ihre Endzeitflut vor mir zu entfesseln. In der Ferne liegt ein monoton dröhnendes Donnern, nicht unähnlich dem von eintausend Düsentriebwerken in der Distanz. Die schmerzhafte Qual meines Schädels schwillt allmählich ab zu einer tauben Gegenwart in meinem Hinterkopf, auch wenn sie mich niemals vollends verlassen will.

„Scheiße… Scheiße, nein, nicht das jetzt schon wieder, nicht hier, nicht jetzt…"

Ich ächze erneut zu meinen Füßen und bringe mich nur unter einiger Mühe aufrecht zum Stehen. Dort ist ein schmaler Pfad zwischen den Sträuchern. Nicht ein Blatt rührt sich in dieser donnergrollenden Totenstille.

Warte, was hatte ich gerade noch gesagt? Ich hatte… ich hatte doch eben noch irgendetwas gemacht? Ich war gerade noch irgendwo anders, oder nicht? Es war irgendwie dringend. Wichtig.

Es war…

„Es ist nicht deine Schuld."

Chloes Stimme, so klar und gegenwärtig, als stünde sie nicht einen Meter entfernt an meiner Seite. Hektisch sehe ich mich nach ihr um, doch sie ist nirgends zu sehen.

„Chloe?"

„Es musste so passieren. Es ist nicht deine Schuld."

Sie ist… woanders. Den Pfad hinauf. Ich weiß es mit Gewissheit, genauso wie ich auch weiß, dass sie nicht die Wahrheit spricht—und das obwohl sie sie die Wahrheit sehr wohl kennt. Ich habe sie ihr erzählt. Ich habe ihr alles erzählt.

Meine Augen gewöhnen sich so langsam an die Dunkelheit. Dieser Ort kommt mir bekannt vor, doch der Pfad ist einer, den ich noch nie zuvor beschritten habe. Ich bewege mich schrittweise vorwärts durch diese Stille der Toten, hinauf auf… die Klippe. Ja genau, stimmt, die Klippe. Deshalb sind wir ja auch hergekommen. Um zu beobachten, wie es geschieht. Ich erinnere mich endlich wieder. Oder?

Ich kann sie spüren, ich kann jetzt ganz eindeutig ihre Finger spüren, wie sie sich vertraut zwischen die meinen schmiegen. Es ist ein Gefühl, eine Wärme, die ich nicht in einer Million-Milliarden Jahre jemals verwechseln könnte.

„Warum quälst du dich selber so sehr? Wir könnten noch immer umkehren, du musst es nicht mitansehen."

„Doch," antwortet meine Stimme. „Ich muss."

Arcadia Bay liegt tief unten, tot in der Schwärze der Nacht. Nicht ein einziges Lichtlein brennt noch, nicht ein Auto auf seinen Straßen. Ich weiß, dort sollte eigentlich ein Leuchtturm stehen auf der Klippe uns gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht, doch alles, was dort noch aufragt, sind die kümmerlichen Überreste seiner einstigen Pracht auf dem nackten Felsen. Überall im Hafen liegen noch vereinzelte Schiffe vor Anker, auf Grund gelaufen, manche davon gekentert in Schieflage. Der Strand ist nichts als Sand und Schlick und Meeresboden, das Wasser hat sich schon längst kilometerweit in den für gewöhnlich friedlichen Pazifik hinaus zurückgezogen.

Doch heute, dort draußen, in der finster grollenden Distanz… eine gewaltige Präsenz. Ein Ungeheuer von meiner Hand. Sie krümmt den Horizont auf eine Weise, die nicht aus dieser Welt stammen sollte. Ein Kaventsmann erwächst aus den schwarzen Untiefen der vormals windstillen Wellen, schwillt an zu einer turmhoch aufragenden Aufwölbung, nähert sich rasend wie ein herannahender Güterzug, unaufhaltsam. Eine Wand aus Wasser so hoch wie ein Berg; ein Leviathan, der sich erhebt aus dem Meer, donnernd und fluchend mit seinem weit aufragenden, alles verschlingenden Schlund, gekommen, um über die Küste herzufallen und alles in seinem Pfad dem Meeresboden gleichzumachen und sich zu holen, was rechtmäßig sein ist.

Es ist die Sorte von Ungeheuer, von der sich keine Stadt jemals wieder erholen könnte.

„Es ist nicht deine Schuld, Max."

„Es ist mein Werk. Ich habe mich hierfür entschieden."

„Niemand entscheidet sich für so etwas. Hör doch auf, dich selber deswegen umzubringen."

Sie schließt mich fest in ihre Arme. Ich kann sie spüren, ich kann sie nun sehen, die Wärme der Sonne meines Lebens in der Nacht, wir sind zusammen, stets zusammen. Ihre Liebe ist alles, was mich noch bei Verstand hält.

Unsere Hände schmiegen sich gemeinsamen gegen meine Brust, wir beobachten den Ozean, wie er rücksichtslos verschlingt was noch übrig ist von diesem alten, verschlafenen Küstenstädtchen irgendwo im Nirgendwo, das einst unsere Heimat war. Wir beobachten das Geschehen durch die Nacht, bis dass eine schon annähernd unverhoffte Dämmerung jenseits der Berge hereinbricht mit ihrem ersten, gold-gleißenden Licht.


Ich öffne meine Augen zu einer strahlend weißen Decke und muss sie sofort wieder schließen, ob des blendenden Lichts, das mir auf den Netzhäuten brennt.

Mein Kopf. Gott, mein ganzer Kopf fühlt sich geschwollen und pochend an, als könne er jeden Augenblick einfach auseinanderfallen. Und eine Stelle ganz besonders, oberhalb meiner Stirn, in Richtung Schläfe—als hätte sich dort jemand kontinuierlich mit einem Hammer zu schaffen gemacht.

Jenseits des Schmerzes spüre ich entfernt meine Sinne, als stünde dort eine Wand zwischen ihnen und mir aus einem guten duzend dämpfender Kissen. Als stünden sie… unter Drogen.

Furcht packt meine Lungen und fährt in mir auf entlang meiner zugeschnürten Kehle. Ich versuche keuchend aufzustehen, doch meine Glieder rühren sich keinen Millimeter aufgrund der Fesseln an meinen Gelenken. Ein unangenehmes Stechen ist in meinem Handgelenk zu spüren, wenn ich es zu drehen versuche, als steckte dort eine Nadel in meiner Haut. Ich sehe mich um, sehe mich wirklich um.

Vier Wände in einem nahezu würfelförmigen Raum, etwa drei mal drei mal drei Meter. Ein Bett unter meinem Rücken, eine einzelne Toilette in der Ecke und eine Maschine eingelassen in die Wand. Eine Türe so massiv, als könnte sie eine Kanonenkugel vertragen und würde sich noch immer nicht rühren. Als die weißen Fliesen und die Kamera und der Eingabeschlitz für Esstabletts und die frischen Bettlaken—als die Zelle, in der ich mich befinde, sich so langsam in meinem benebelten Kopf bemerkbar macht, erwächst das unausweichliche Grauen allmählich in mir zu einem unaufhörlich krabbelnden und kribbelnden Insektenschwarm unter meiner Haut.

Ich bin eine Gefangene. Ich bin ihre Gefangene. Es ist echt. Es war alles verdammt nochmal echt.

Die entsetzliche Wahrheit entleert mir die Lungen und es ist nun, da so langsam, ganz kriechend, in diesem entfernt anwesenden Geisteszustand die Erkenntnis über meine Gedanken hereinbricht, wie eine alles vernichtende Flutwelle über ein altes, verschlafenes Küstenstädtchen im Nirgendwo:

Alles, was ich sah, jede Erinnerungsvision, die mich überkam… sie waren überhaupt keine Erinnerungen…

Sie waren Warnungen…

Sie waren Visionen von der Zukunft…