A/N: Vorneweg ein Wort der Warnung: Auch wenn in diesem Kapitel nichts übermäßig explizites geschieht, ich halte es dennoch für das am wenigsten jugendfreie der gesamten Geschichte. Ihr seid gewarnt.
Akt 3: Game Over
Kapitel 12: Chronik des Scheiterns
Die Welt um mich herum erlangt langsam wieder Fokus aus dem undurchdringlichen Nebel. Ich erinnere mich noch daran, kurz aufgewacht zu sein in der Zelle, und dann… nichts mehr. Ich brauche eine ganze Weile, um zu begreifen, dass mein Körper an den Stuhl gefesselt ist. Tisch, Laptop, Telefon, Spiegel. Es ist alles so real wie das taube Pochen in meinen Schläfen.
„Miss Caulfield. Dieses Gespräch ist nun schon seit geraumer Zeit überfällig."
Die Worte erreichen noch immer kaum meinen Verstand. Mein Kopf ist ein einziger Wattebausch, so schwer wir Blei, getränkt in animalische Furcht und abgrundtiefe Abscheu.
„Es wäre mir ein Bedürfnis, mich für die unziemliche Behandlung, mit der wir ihnen bislang begegnen mussten, zu entschuldigen, doch ich fürchte, sie sind für derlei Formalitäten im Augenblick nicht allzu empfänglich."
Scheiße. Ich verstehe noch nicht einmal richtig, was hier eigentlich los ist, doch muss ich das überhaupt? Ich will doch gar nichts über diesen Ort erfahren, es ist doch alles schon etwas, was BetaMax—meine Visionen mir schon längst gezeigt haben, hier gibt es nichts für mich, ich muss hier wieder weg, ich muss… Chloe… was ist aus ihr geworden, konnte sie ihnen vielleicht entkommen? Sie könnte mich retten kommen. Ich brauche sie…
„Ich werde Sie noch eine kurze Weile lang Ihre Sinne so gut Sie können zusammensammeln lassen, ehe wir fortfahren. Sobald Sie sich dazu in der Lage sehen, gestatte ich Ihnen sogar, dieses Gespräch zu wiederholen, sooft Sie es für nötig erachten. Es wird ein… interessantes Erlebnis für uns beide werden, denke ich."
„Chloe…"
„Alles zu seiner Zeit. Halten Sie still, Miss Caulfield. Lassen Sie zunächst die Medikamente abklingen."
Meine Stimme ist nichts als ein schwächliches Krächzen. Ich könnte morden für ein einzelnes Schlückchen Wasser. „Chloe, wo ist sie…"
„Sie ist am Leben und wohlauf, auch wenn wir sie wiederholt überwältigen und gegen ihren Willen fixieren mussten. Ihr Wohlergehen liegt nun zum allergrößten Teil in Ihren Händen, Miss Caulfield. Schärfen sie Ihren Verstand, sie werden ihn schon bald brauchen."
Ich versuche anzukämpfen gegen meine bombenfesten Fesseln. Lasst mich los, ich kann nicht hierbleiben, ich muss zu ihr zurück, ich muss uns in Sicherheit bringen, wenn wir hierbleiben, sind wir verloren. Ich weiß nicht, wie lange ich noch an diesem Ort ausharren muss, doch jede einzelne weitere Sekunde und dieser Tunnel ist nur noch dunkler und auswegloser.
Ich tue einen tiefen, schwächlichen Atemzug. Versuche das bisschen Feuchtigkeit, das mir noch bleibt, in meiner ausgedörrten Kehle zu sammeln. „Chloe… verraten Sie mir… wo Chloe ist."
„Sie befindet sich sicher in unserem Gewahrsam. Sie wurde während ihrer Gefangennahme verletzt, weshalb wir ihr die notwendige Behandlung zukommen ließen, ungeachtet ihrer besten Bemühungen, uns daran zu hindern."
„Verletzt? Sie haben sie verletzt?"
„Ein unglücklicher Zwischenfall in Sachen Disziplin. Hier, Sie sollten sich selbst ein Bild machen."
Nur unter größter Anstrengung richte ich meine Augen auf den Bildschirm des Laptops vor mir. Der Desktop ist darauf zu sehen. Und der Cursor einer Maus, die sich langsam und ferngesteuert in Richtung einer der wenigen Verknüpfungen bewegt und auf eine davon doppelklickt. Es öffnet sich ein Fenster zu irgendeiner Art Auswahlmenü. Das nachfolgende Video schaltet sich der Reihe nach durch die verschiedenen Perspektiven einer Vielzahl Überwachungskameras. Sie alle zeigen einen dunklen Schatten, der einmal über den Rasen, dann in die Villa hineinstürmt und jeden in ihrem Weg ohne ein Zögern über den Haufen ballert. Dann Chloe, wie sie die Türe der Kunstkammer zunächst noch versucht mit einer Brechstange zu bearbeiten, dann gleich mehrere Rohrbomben platziert, die wir nur für den Fall der Fälle mitgenommen hatten. Und schließlich, als der Rauch der Detonationen sich gelegt hat, wie sie versucht, durch die Türen zu rammen, dagegentritt und schreit, nachdem nichts davon funktionieren will. Dann schaltet das Bild um auf wieder eine andere Kamera. Hier ist ein Feuergefecht zu sehen, Chloe, die versucht, den Bogen des Portals für sich als Deckung zu nutzen. Sie wird ins Bein getroffen, doch gibt nicht auf, bis schließlich ein Pfeil seinen Weg aus ihrer ungedeckten Flanke seitlich in ihren Hals findet. Sie greift noch mit einer Hand danach, versucht ihn rauszuziehen. Ich kann das Weiß ihrer zusammengebissenen Zähne selbst bis hierhin sehen.
Ich fühle, wie meine Brust zerquetscht wird unter dem malmenden Druck einer gewaltigen, unsichtbaren Klaue, während sie langsam gegen die Wand zu Boden sackt und außer Sichtweite im Schatten verschwindet. Das Video stoppt.
„Einer meiner Angestellten legte ein höchst unprofessionelles Verhalten an den Tag, nach dem Verlust eines seiner Kameraden, und missachtete meine strikte Anweisung, den Gebrauch tödlicher Munition unter allen Umständen zu unterlassen. Fraglicher Angestellter wird hierfür entsprechend diszipliniert werden müssen."
Ich kann seine Worte gerade mal zur Hälfte hören. Tränen brennen in meinen Lidern, als ich wie entgeistert weiter auf das schwarzweiß flimmernde Standbild vor meinen Augen starre. Sie hätte fliehen sollen, ich hätte sie versprechen machen sollen, wegzulaufen falls ich gefangen werden sollte. Sie hätte Hilfe suchen können, einen Plan schmieden, die Wände in die Luft sprengen mit richtigem Sprengstoff, einem Panzer, die Luftwaffe, irgendwas.
Gott, wem mache ich hier noch was vor? Sie hätte doch sowieso nicht zugehört, genau wie ich sie niemals zurücklassen könnte, wären unsere Situationen umgekehrt.
„Davon mal ganz abgesehen, Ihre Partnerin betrat widerrechtlich ohne Erlaubnis unseren Grund und Boden und ermordete Mehrere meiner Belegschaft. Es ließe sich leicht argumentieren, sie hat sich ihre Wunden selbst zuzuschreiben."
In der rechten, unteren Ecke des Laptops ist die aktuelle Uhrzeit abgebildet. 11:12 Uhr - 11.03.2014.
Elfter März. Fick dich, Universum. Fick dich und deinen verfickten Fick-Sinn für Humor.
Zwei Tage. Es waren also ganze zwei Tage unter schwerer Betäubung, womöglich sogar medikamentösem Koma, da ich mich an nichts davon erinnern kann. Das bedeutet wahrscheinlich, dass mich ein tatsächlicher Arzt behandelt haben muss. Und sich wahrscheinlich auch gleich mehrere Pfleger im Schichtwechsel um mich gekümmert haben müssen, mich ausgezogen und saubergemacht haben. Ich könnte bei dem bloßen Gedanken allein in meinen Mund erbrechen. Wie viel muss man jemandem bezahlen, um so etwas außerhalb eines Krankenhauses zu tun?
„Ihr Leute seid doch alle krank." Ich will meine Stimme mit demselben Feuer unterlegen, das gerade in meinem Innern wütet, doch was stattdessen herauskommt ist gerade mal eine schwächliche Sparflamme und ein erbärmlich nuschelndes Wispern. „Wie können Sie jemandem so etwas nur antun?"
„Falls Sie sich auf ihren aktuellen Zustand beziehen, es war eine Notwendigkeit. Wir haben Sie am Leben gehalten, Miss Caulfield. Die Schwellung in Ihrem Gehirn hätte schwere Schäden angerichtet ohne entsprechende Medikamente."
„Schwellung?"
„Durch Ihre Vision. Ihre Begabung kommt nicht ohne ihre Nachteile. Selbst Sie sollten an diesem Punkt bereits begriffen haben, dass wir Sie diesen exakten Pfad entlanggeleitet haben, was in Folge zu einer Verkettung an Visionen führte deren physiologischem Einfluss Ihr Körper bislang noch nicht zu widerstehen gelernt hat. Ohne die Behandlung, die wir Ihnen zukommen ließen, hätten Sie nie wieder Ihr Bewusstsein erlangt.
„Erwarten Sie etwa von mir, dass ich jetzt auch noch dankbar bin? Sie haben diese Vision doch überhaupt erst ausgelöst!"
„Nein. Nicht auf die Weise, die sie vielleicht meinen. Wir wussten lediglich wann und wo es passieren würde. Dianne, jedoch… sagen wir, sie hat eine gewisse Vorliebe dafür in ausweifender Theatralik zu schwelgen. Ich persönlich dagegen bin da eher… pragmatischerer Natur."
So sehr ich mich auch bemühe, seine Stimme verschwimmt wieder und wieder in meiner Wahrnehmung. Viele seiner Worte verkommen zu einem monotonen Dröhnen, andere kann ich zwar hören, doch ihr Sinn verschließt sich mir noch immer vor meinem benebelten Verstand.
Zwei Tage…
„Hören Sie zu, ist mir egal. Wissen Sie überhaupt, was ich gesehen habe? Wir werden hier alle sterben, sollten wir in Arcadia Bay bleiben."
„Wir sind hier sicher. Der heraufziehende Sturm wird bei Weitem nicht so verheerend ausfallen wie der letzte. Der schwere Hagelschauer mag zwar bislang einige Verluste gefordert und gewaltige Materialschäden verursacht haben, doch der Wirbelsturm selber wird abflauen, sobald er den Grabenbruch beim Leuchtturm beglichen hat. Dies ist der Grund, weshalb wir die zahlreichen Schutzbunker errichtet hatten, wir sind vorbereitet. Die meisten der Bewohner werden sich entweder dorthin oder außerhalb der Stadt flüchten."
Was zur Hölle faselt der da?
Ich zwinge meine Gedanken endlich so miteinander zu arbeiten, wie es sich gehört, seine Sprache zu analysieren, wie jeder normale Mensch. Ich brauche noch einige Sekunden. Das bedeutet… sie wissen tatsächlich nicht, was ich gesehen habe. Sie haben keinen Einblick in meine Visionen.
Wie könnte ich das zu meinem Vorteil nutzen?
Ich weiß es doch auch nicht. Ich glaube nicht, dass ich es kann. Ich würde viel lieber Menschenleben retten.
„Es ist aber nicht nur ein Tornado dieses Mal. Arcadia Bay wird bald von einer Sturmflut überrollt werden… Sie müssen jeden aus der Stadt herausschaffen, uns wird schon bald die Zeit ausgehen…"
Für einen Moment nichts als Stille.
„Dies ist keine Lüge," sagt er schließlich. Es ist eine Feststellung, in seinem Ton liegt nicht der Hauch einer Fragestellung.
„Sag bloß. Ihr kranken Arschlöcher wisst am Ende eben doch nicht alles, was?"
„Schildern Sie mir exakt, was Sie gesehen haben."
Ich presse meine Lippen zusammen. Es stimmt, Menschenleben zu retten ist wichtig, natürlich. Aber…
„Ich will zuerst mit Chloe sprechen. Ich muss wissen, ob sie auch sicher ist."
Ich kann gerade so ein unterdrücktes Seufzten von der anderen Seite des Telefons hören. „Sie verstehen Ihre derzeitige Situation noch nicht, Miss Caulfield. Ihr Leben ist nicht mehr länger das Ihre, Sie werden niemals wieder zu ihr sprechen. Ihr zukünftiges Wohlergehen, jedoch, liegt vollständig in Ihren Händen."
Er sagt es, als wäre es ein unumstößlicher Fakt, eine universelle Wahrheit, unabänderlich und absolut. Sie werden niemals wieder zu ihr sprechen. Die Worte sinken tief ein in meine Lungen, sie rauben mir den Atem. Er hätte mir genauso gut ein rostiges Messer in die Brust rammen können, er bricht mir das Herz.
Ich weiß, dies ist eigentlich der Punkt, an dem ich tapfer sein sollte. An dieser Stelle sollte ich ihm eigentlich irgendetwas cleveres oder tollkühnes an den Kopf werfen, ihm den Finger zeigen und ihn aus der Fassung bringen.
Sie werden niemals wieder zu ihr sprechen.
Der Gedanke ist wie im eiskalten Morast zu versinken. Der Fluss der Zeit gefriert um mich herum und kommt widerwillig zum Erliegen. Mir fällt keine andere Kombination an Worten ein, die mich derart erschüttern könnte. Es ist ein weiterer Vorteil, den sie mir gegenüber haben, nicht wahr? Dieser Mann weiß exakt, was ich will und wie er es für sich ausnutzen kann, während ich selber nach wie vor keine Ahnung habe, was sie eigentlich antreibt.
Ich schlucke, schüttle den Kopf. „Sie liegen falsch. Sie können uns nicht auseinanderhalten. Niemand kann das…"
Ich will, dass es sich anhört wie eine entschiedene Trotzhaltung. Ein ebenbürtiger Schlagabtausch, um mich mit ihm auf eine Stufe zu stellen. Es klingt mehr nach einem verzweifelten Versuch, mich selbst zu überzeugen. Es ist noch nicht vorbei, Max. Beiß die Zähne zusammen und kämpfe.
„Ihre Vision, Miss Caulfield. Erzählen Sie mir, was Sie gesehen haben."
„Lassen Sie mich sie sehen oder ficken Sie sich ins Knie."
„Ich hatte ohnehin bereits geplant Ihnen ihre Unterkunft zu zeigen, doch es wird warten müssen bis Sie mir erzählt haben, was ich wissen will. Es wäre in Ihrem besten Interesse, mit mir zu kooperieren, Miss Caulfield. Andernfalls werden wir uns gezwungen sehen auf weit invasivere Methoden zurückzugreifen."
„Hören Sie zu, ich habe es Ihnen schon gesagt. Wie haben einen riesigen Tsunami beobachtet, der Arcadia Bay mitten in der Nacht zerstört hat. Es war nichts mehr davon übrig, selbst Ihre ach so tolle Villa wurde dem Meeresboden gleichgemacht. Ich weiß nicht, ob fünf Tage immer die Regel ist, aber wenn ja, dann würden Ihnen jetzt noch gerade mal drei davon übrigbleiben."
„‚Wir'? Wer war noch mit Ihnen?"
„Chloe war bei mir. Sie wird bei mir sein. Was Sie tun oder sagen geht mir sowas von am Arsch vorbei, Sie können uns nicht auseinanderhalten…"
Es entsteht eine kurze Pause.
„Ich werde dieser Sache auf den Grund gehen."
„Tun Sie das, aber Sie sollten vielleicht besser einen Zahn zulegen."
„Miss Derrick, ist die Verbindung bereit?"
Falls er eine Antwort bekommen sollte, so kann ich diese nicht hören.
Der Mauszeiger bewegt sich wieder über den Bildschirm und doppelklickt erneut auf eine Verknüpfung mit dem Namen Echtzeitübertragung. Es öffnet sich ein Fenster mit einer Unmenge an Seriennummern, bevor eine davon gezielt ausgewählt wird. Das Video öffnet sich kurz darauf.
Chloe liegt auf einem Bett, schlafend über der Decke in nichts als einem schwarzen Oberteil und Unterhose. Ihr Oberschenkel ist fein säuberlich bandagiert, ihr Knöchel ruht in einer Schlinge um ihr Bein hochzuhalten. In ihrem Gesicht finden sich Kratzspuren und ihr Haar ist ein einziges chaotisches Desaster.
„Chloe…"
„Sie wurde für den Augenblick ruhiggestellt," meldet er sich, „zu ihrer eigenen Sicherheit ebenso wie für die körperliche und geistige Gesundheit meines Personals."
Der Raum wirkt weit großzügiger eingerichtet als der, in dem ich mich befinde, vielmehr ein ordentliches Schlafzimmer denn eine einfache Zelle. Wahrscheinlich weil sie keine Zeitreisetricks benutzen kann, um eine Buchseite oder ein Stuhlbein zu einer tödlichen Waffe werden zu lassen.
Ein tiefsitzender Schmerz macht sich in meiner Kehle breit bei ihrem Anblick. Ich fange nicht an zu weinen, meine Augen tränen ohnehin schon die ganze Zeit. Ich wollte sie wild auf- und abschreitend sehen, wutschnaubend oder mit all ihrer Kraft gegen Fesseln ankämpfend oder die buntesten Flüche in alle Richtungen ausstoßend. Sie derart geschlagen zu sehen, bezwungen, ihnen gänzlich ausgeliefert…
„Sie werden uns nicht auseinanderhalten. Das können Sie gar nicht…"
„Wie ich schon sagte, Ihre Freiheit war schon bislang nichts weiter als eine Illusion, Miss Caulfield. Dies ist das Schicksal, das wir für sie vorgesehen hatten. Und nun werden wir von Ihren Kräften Gebrauch machen, ob Sie es wollen oder nicht. Ihr gesamtes kindliches Abenteuer war nichts weiter als ein Spiel. Ein Vorspiel, wenn Sie so möchten, und zwar nach Prescott-Regeln. Sie hatten bereits verloren, noch ehe Sie Ihren ersten Zug getan hatten."
„Das ist totaler Blödsinn, niemand könnte über so lange Zeit so viel Kontrolle über alles behalten."
„Ihre Widerspenstigkeit ist keine Überraschung. Es wird ermüdend sein, sie abzuschütteln, und das ist auch der Grund, weshalb ich gewillt bin, eine Abmachung mit Ihnen zu schließen. Zeigen Sie uns von Anfang an Ihre uneingeschränkte Kooperation und Ihre Partnerin wird zu keinem Zeitpunkt in irgendeiner Weise von unserer Hand zu Schaden kommen. Ich verspreche Ihnen, sie wird am Ende sogar freikommen. Selbst Ihr bescheidener Fuhrpark steht schon zur Rückübergabe auf unserem Anwesen bereit. Alles, was noch fehlt, ist Ihre Einwilligung, Miss Caulfield."
Ich brauche einen Moment, um zu verarbeiten, was er vorschlägt. „Und Sie erwarten von mir, dass ich das glauben soll?"
„Ich halte stets mein Wort. Bedenken Sie doch nur einmal Ihre derzeitige Situation, Miss Caulfield. Sie besitzen nun nichts mehr, was wir Ihnen nicht schon genommen hätten, glauben Sie also, es besteht für mich eine Notwendigkeit, ihnen dieses Angebot zu unterbreiten? Es ist ein Entgegenkommen meinerseits. Ein Zeichen unseres Wohlwollens und ein Anliegen des gebührenden Taktgefühls ebenso wie der Zweckmäßigkeit. Wir beziehen keinerlei Gefallen daraus, auch nur einer von Ihnen beiden ein unnötiges Leid zuzufügen." Eine kurze Pause entsteht. „Ich zumindest für meinen Teil werde das nicht."
Ich könnte lauthals loslachen, würde es sich im Moment nicht so vollständig fehl am Platze anfühlen. „Sie würden sie laufenlassen? Einfach so? Glauben Sie allen Ernstes, dass sie jemals aufgeben würde? Sie würde für den Rest ihrer Tage auf Rache aus sein."
„Sie wird bis dahin nicht mehr länger von Bedeutung sein. Sie waren uns in keinerlei Hinsicht gewachsen, selbst noch als Sie zusammengearbeitet hatten, welche Bedrohung könnte sie also auf sich alleine gestellt schon darstellen? Sie wird nichts weiter sein als ein unbedeutender Plagegeist, den wir von Zeit zu Zeit wieder entsprechend zurechtweisen müssten. Ich wäre mehr als gewillt, sie für einige Zeit länger zu erdulden, wenn dies bedeutete, dass wir uns einen Großteil all der unappetitlicheren Prozeduren ersparen könnten. Ihr Leben ist an diesem Punkt ohnehin längst verwirkt, Miss Caulfield, ganz egal wie Sie sich nun noch entscheiden mögen. Sie könnten es also genauso gut um ihretwillen hier und jetzt aus freien Stücken aufgeben."
Es ist sowas von gruselig, wie er davon spricht, als sei das alles bereits eine festgeschriebene Tatsache. Die Eventualität, dass er falsch liegen könnte, existiert schlichtweg nicht. Ich glaube nicht, dass es wahr ist—kann es nicht glauben—doch so oder so muss ich mir sehr wohl eingestehen, ich glaube an die Aufrichtigkeit seiner Überzeugung.
„Worum geht es Ihnen überhaupt bei diesem ‚Angebot'? Was wollen Sie eigentlich von mir? Warum tun Sie das alles?"
„Letzten Endes? Die absolute Hegemonialstellung über das große Pantheon natürlich. Dieser Krieg währte nun schon hunderte Jahre und wir beabsichtigen, ihm ein baldiges Ende zu bereiten. Was Ihre Rolle in dieser Angelegenheit angeht, Sie werden uns zur nötigen Vormachstellung gegenüber all der anderen Wächterallianzen verhelfen. Deren entsprechende Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen, ist eine Frage des richtigen Timings, wenn Sie mir bitte meine Wortwahl entschuldigen."
„Was… warum, äh—" Ich blinzle. Blinzle noch etwas mehr. „Alles, was ich tun musste, war Sie zu fragen?"
„Was Sie wissen und nicht wissen ist nun nicht mehr länger von Bedeutung, Miss Caulfield. Ihr weiterer Pfad steht bereits fest mit keinerlei Aussicht auf etwaige Abweichungen."
„Und wenn Sie gewonnen haben… was dann? Eine neue Weltordnung? Zerstörung aller Zivilisation? Vorzeitiger Ruhestand auf den Bahamas?
„Es wird ganz buchstäblich sein, wonach immer es uns beliebt. Wir haben… Pläne."
Oh ja. Die Art und Weise, wie er es sagt?
Klingt nicht gerade nach Weltfrieden und kostenloser universeller Krankenversicherung.
„Und wenn ich mit Ihnen arbeite… was passiert dann mit mir?"
Noch während die Worte meinen Mund verlassen, erklingt Chloes Stimme so klar und felsenfest in meinem Kopf, als stünde sie direkt neben mir. Das ist keine Option, hörst du? Niemals. Lieber wäre ich tot.
„Das exakt selbe, was auch passieren wird, sollten Sie nicht kooperieren," antwortet er. „Sie werden uns dienen, bis Sie für uns nicht länger von Nutzen sind. Und dann werden Sie sterben. Ich fürchte, Sie sind sich noch immer nicht im Klaren über die Entscheidung, die ich Ihnen hier zu überlassen gewillt bin, Miss Caulfield. Sie sind bereits längst unser. Sie werden leiden, ganz unabhängig davon wie Sie sich entscheiden mögen. Die Frage lautet lediglich, ganz genau wie viel Schmerz wir Ihnen zufügen müssen, ehe es vorüber ist. Die Frage lautet, ob Sie bereit sind, auch Ihre Partnerin demselben Schmerz auszusetzen, falls Sie Widerstand leisten, oder ob sie weitestgehend unversehrt bleibt, sollten Sie sich freiwillig unterwerfen. Ganz im Gegensatz zu so vielen anderen Entscheidungen, die Sie unlängst gefällt haben, steht Ihnen diese letzte vollständig offen."
Das Gefühl ist mir schon allzu bekannt. Meine Lungen verschrumpeln mir in der Brust. Verzweiflung schnürt sich mir dicht um die Kehle. Der ganze Raum schrumpft um mich herum, als wolle sich mein Verstand in irgendeine dunkle Ecke meines Schädels verkriechen, um dieser Entscheidung um jeden Preis zu entgehen. Es ist dasselbe, grausame Gefühl des Versinkens im eisigen Morast der Zeit. Ein Empfinden der nackten Entblößung, gefesselt an einen Stuhl. Eine finstere Vorahnung des schwarzen Tunnels ohne Ausgang. Ein festes Gewissen, dass nichts, was ich tue oder sage, mich aus dieser Situation zu befreien vermag, ich Machtlos bin gegenüber allem, was mit mir geschehen mag.
Dies ist der Punkt, an dem ich einst einmal anfing, um Erbarmen zu flehen und um mein Leben zu betteln, früher einmal. Der Ort, an dem mich meine Hoffnung verlies und Verzweiflung überkam beim Gefühl einer Nadel in meinem Nacken, kurz bevor David zu meiner Rettung auftauchte. Und ich weiß—ich weiß es genau, denn ich war bereits einmal hier, ich musste es schon längst mit eigenen Augen sehen, dass dieses Mal niemand durch diese Tür brechen wird.
„Das ist überhaupt keine richtige Entscheidung," kann ich mich endlich leise murmeln hören. „Sie wissen doch schon längst, was ich sagen werde. Ist es nicht so?"
„Nein, das ist es nicht. Einige Details mögen sich ändern und wir arbeiten oft mit Wahrscheinlichkeiten. Ihr Leiden muss wahrhaftig nicht derart düster ausfallen, sollten Sie es so wünschen."
Nein, es ist wirklich keine Entscheidung, denn ich werde mich nicht der Verzweiflung ergeben…
Ich hatte eine Vision, Segen und Fluch meiner Kräfte. Und in dieser Vision war ich frei. Details mögen sich ändern, doch meine Visionen haben sich stets bewahrheitet, auf die ein oder andere Weise.
Ich hatte Träume, Geißel meiner Nächte. Bruchstücke einer anderen Realität. Blut floss durch diese Gedanken, Blut auf Chloes Fleisch und leeren Fluren, in denen ich um meinen eigenen Verstand rang.
Ich habe Erinnerungen, Warnungen meines anderen Selbst. Niedergeschrieben in ein schwarzes Tagebuch. Ich konnte schon einmal entkommen. BetaMax' Ausbruch mag von ihnen geplant worden sein, es könnte aber auch Anzeichen einer Schwäche in ihrem System sein. Dreizehn Tage. Ich muss es herausfinden.
Ich habe einen Schutzgeist, Kenner meiner Stärke. Er hat mich erkoren, uns erkoren—wofür, hierfür? Ich kann das— ich darf das nicht akzeptieren. Es muss einen Grund hierfür geben, es gibt immer einen Grund. Ich vertraue darauf. Ich glaube daran.
Ich habe eine Freundin, Liebe meines Lebens. Eine zukünftige Ehefrau. Das Nächstliegende zu einer im Schicksal verbunden Seelenverwandten. Sie würde lieber sterben als auch nur einen Zentimeter vor diesen Leuten zu weichen. Zu einem früheren Zeitpunkt hätte ich dieser Abmachung vielleicht einmal zugestimmt, denn sie in Sicherheit zu wissen stäche alles andere um Welten aus—doch heute weiß ich es besser. Das Leben, das ihr noch bliebe, sollte ich aufgeben, wäre überhaupt gar kein Leben. Sie würde es niemals akzeptieren und ich werde mich nicht damit zufriedengeben.
Ich muss nur lange genug widerstehen. Ich darf nicht aufgeben. Es ist nicht vorbei, solange ich nicht tot bin, und meine Hoffnung stirbt zuletzt…
Ich schlucke schwer, ich fälle meine Entscheidung und blicke geradewegs in den Spiegel.
„Fahr zur Hölle, Arschwichser."
Die Stille, die mich im Anschluss überfällt, ist wie eiskalter Morgentau auf meiner Haut. Sie dampft in Nebelschwaden ein in meine Lungen und kondensiert sich als Raureif entlang der Spiegelwand vor mir. Dies ist, was Nathan jeden Tag seines Lebens gespürt haben muss, diese bitterkalte Eisdecke der Furcht, die sich über das eigene Dasein legt und alles was man ist, nichts als ein Ausdruck der tiefen, tiefen Enttäuschung des eigenen Vaters.
Aus dem Telefon neben mir dringt ein leichtes Rascheln, wie von Kleidung, wenn eine Person aufsteht, dann ein Knarzen und das langsame Quietschen eines Stuhls, der über den Boden schleift.
„Dieses Schicksal, so fürchte ich, wird leider Ihnen überantwortet bleiben, Miss Caulfield. Und wir werden uns auch noch einmal über Ihren Umgangston unterhalten müssen, wie mir scheint." Er seufzt hörbar. „Schaffen Sie sie fort und beginnen Sie mit der Prozedur. Sie wissen was zu tun ist."
„Was—"
Meine Frage bleibt mir im Halse stecken, als sich wie aus dem Nichts ein Schatten hinter mir erhebt. Eine Hand fährt mir von hinten über den Kopf und drückt mich grob nach vorne. Mein Nacken liegt vollständig entblößt und gleich darauf spüre ich dieses kreischende Stechen unter meiner Haut. Ich bin jedes Mal wieder ganz aufs Neue verblüfft, wie schnell doch die Droge mir die Sinne vernebelt.
Noch bevor ich das Bewusstsein verliere, höre ich noch seine Stimme murmeln, geradewegs aus meinen Albträumen und direkt neben meinem Ohr.
„Ich kann dir ja gar nicht erklären, wie lange ich nun schon auf diesen Augenblick gewartet habe, Max."
Mark Jeffersons Hände klammern mich fest gegen den Stuhl. Er geht sicher, dass ich mich auch ja nicht herauswinden kann.
Schwarzer und weißer Hintergrund. Kalte Lichter, Transportboxen. Mark Jefferson, gemütlich zurückgelehnt auf dem Sofa direkt vor mir.
„Sieht fast so aus, als hätte ich dir zu viel gegeben. Dauert ganz schön lange, bis du wieder da bist. Ich muss mich erst noch an meine neue Mixtur gewöhnen. Aber lieber zu viel als zu wenig, findest du nicht? Wir wollen schließlich nicht, dass du uns noch zu früh aufwachst."
Er klingt schrecklich gut aufgelegt. Fast schon ein Lachen in seiner Stimme.
„Nhh…"
„Da ist sie ja wieder. Nimm dir ruhig deine Zeit, ich denke, du weißt ja mittlerweile, dass ich ein geduldiger Mann bin. Zumindest bin ich nicht in Eile. Wir werden hier eine lange Weile nur für uns beide haben. Eine sehr lange Weile."
Die eisig kalte Atmosphäre im Raum überzieht jeden einzelnen Zentimeter meines Körpers mit einer Gänsehaut. Ich versuche zu sprechen, doch mein ganzer Mund ist derart klamm, ich kann kaum meine Zunge bewegen. Ich bin im Moment sowas von aufgelöst und von der Rolle, ich glaube, ich könnte nicht einmal zwei einzelne Wörter richtig aneinanderreihen.
„Kann ich dir ein Glas Wasser anbieten? Du musst durstig sein."
Ohne auf meine Antwort zu warten begibt er sich zu einem nahegelegenen Rollwagen hinüber, gießt den flüssigen Inhalt einer Kanne in einen Plastikbecher und kommt dann zu mir herüber. Er hebt mein Kinn behutsam und hält meinen Kopf aufrecht. „Vorsicht, ja nicht verschlucken, hörst du?"
Ungeachtet meines brennenden Durstes will ich nicht einen Topfen von dieser Person… doch ich kann mich nicht einmal seiner ekelerregenden Berührung entziehen. Ich versuche so gut ich kann, herunterzuschlucken, bis ein einzelner Tropfen schließlich unweigerlich in meine Luftröhre gerät und ich hustend und prustend einen großen Schluck Wasser wieder ausspucke und ihn und seinen teuren Anzug komplett nassspritze.
Er weicht reflexartig vor meiner nur halb gewollten Attacke zurück. Der Becher landet neben uns auf dem Boden und sein restlicher Inhalt verschüttet sich über die Fliesen.
Ich erwarte schon, dass er wütend ausrastet, genau wie in der Dunkelkammer auch. Seine unglaubwürdige Fassade der Freundlichkeit löst sich auf wie Zucker und enthüllt das krankhafte Monster, das die ganze Zeit dahinter lauerte. Durch den Nebel und die Watte in meinem Kopf mache ich mich gefasst auf den Wutausbruch.
„Ts ts. Hopsala, meine Schuld. Hab' dir wohl zu viel gegeben, und auch zu schnell." Er wischt sich die Hände an seiner Hose ab. „Und genau das ist auch der Grund, weshalb wir es langsam angehen sollten. Damit wir zunächst miteinander vertraut werden können. Lass mich dich nur eben abtrocknen, Ordnung muss schließlich sein."
Ich huste noch immer. Meine Luftröhre fühlt sich noch immer nicht frei von Fremdstoffen an, es kratzt und mein Husten und Röcheln macht es nicht besser. Ich kann die Gegenwart dieses Phantoms von einem Mann noch immer nicht fassen, er müsste eigentlich ein Zombie sein, mehr tot denn lebendig unter meterdick Trümmern aus Beton und Stahl.
Er lächelt zärtlich, während er mir vorsichtig Kinn und Lippen mit seinem Taschentuch abtupft. „Oh, wie ich dich vermisst habe, Max. Ich werde ganz ehrlich mit dir sein, du warst mir immer die allerliebste Schülerin. Ich war zwar nie sonderlich begeistert davon, wie du meinem Unterricht häufig kaum Beachtung geschenkt hast, aber du hattest schon immer solch eine Begabung." Er gluckst kurz. „Und offenbar nicht nur in Sachen Fotografie, wie sich herausstellt… Eine Zeitreisende! Sowas sieht man auch nicht alle Tage. Kein Wunder also, dass ich dich nicht erwischen konnte, bevor die Polizei aufgetaucht ist. Aber das macht jetzt auch nichts mehr, stimmt's, Max? Schließlich habe ich dich dafür schon in einer anderen Zeitlinie erwischt. Ich durfte die Rekonstruktionen meiner Arbeit sehen, weißt du? Ich bin ja so froh, dass ich die Gelegenheit hatte, dich in einer Weise einzufangen, wie ich es mir immer erträumt hatte."
Bring deine widerlichen Finger noch einmal so nahe an meinen Mund, Arschloch. Mal sehen, wer von uns beiden dann noch lacht.
„Du hast mich die ganze Zeit bei mir behalten, nicht wahr? Ich bin jetzt ein Teil von dir, Max. Ich hätte mir keine höhere Form des Lobes von deiner Seite vorstellen können."
Los, bring die Worte endlich über die Lippen. Spuck sie ihm geradewegs in seine arrogante Fratze.
„Ver… piss dich, du… unsäglicher Kotzbrocken…"
Er lacht über meine Worte. Da liegt etwas seltsam Verqueres in seinem Lachen; es klingt zu hoch und viel zu amüsiert.
„Du bist mir vielleicht ein Satansbraten, Max. Ich bin gespannt, wie lange du wohl diese aufsässige Taktik aufrechterhalten wirst können. Ich meine, wir werden hier keine simplen Fotos machen—obwohl, na ja, zumindest ist das nicht der Zweck unseres heutigen, keinen Spielchens. Ich könnte mir vorstellen, noch ein paar Bilder von dir zu machen, nachdem ich dich… posiert habe."
Er greift nach einem Rollwagen hinter mir und zieht ihn an sich heran, Zentimeter für Zentimeter erscheint sein Werkzeug auf einem Blechtablett in meinem verschwommenen Sichtfeld, jedes einzelne Utensil sorgfältig vorbereitet in perfektem Parallelmuster. Spritzen, Skalpelle in verschiedenen Größen und Formen. Zangen, Klammern. Glasflaschen und Ampullen mit klaren, durchsichtigen Lösungen. Ein Elektroschocker.
Blanke Furcht durchfährt meine Eingeweide in zuckenden Wellen und es fordert selbst meinen letzten Rest an geistiger Kompetenz, um sie auch nicht zu äußern und dort zu belassen, unter Kontrolle. Ich nähre sie stattessen meinem mit jeder Sekunde wachsenden Zorn. Suche Stärke in meinem Hass.
„Die Notwendigkeit meinen Motiven keine Erinnerung an mein Werk zu lassen, hat immer bedeutet, dass ich mich zurückhalten musste. Doch es gibt noch so viel mehr in einem Menschen einzufangen, Höhen der Ausdruckskunst, nach denen niemand dort draußen jemals zu streben wagte. Heute werden wir sie gemeinsam erforschen, du und ich. Es wird ein… Erlebnis für uns beide werden, denke ich."
„Ist das… was aus dir geworden ist? Ein billiger Versager… und Folter—"
Seine Rückhand trifft die Seite meines Gesichts, ohne Ausholen, ohne Vorwarnung. Es ist keine Ohrfeige mit voller Wucht, sondern vielmehr ein züchtigender Klaps, der meinen Kopf zur Seite fahren lässt und mich ruckartig zum Schweigen bringt.
„Folter, du wagst es. Derart ungehobelt und geschmacklos. Dies ist Kunst. Dies ist ein Akt des Porträtierens." Er hält mein Kinn liebevoll hoch, als hätte er mir nicht gerade eben noch ins Gesicht geschlagen. „Na ja, ich denke, es ist eine Frage der Perspektive. Für dich mag es sich wie Folter anfühlen. Verzeih mir bitte, Max. Du hast da einen guten Punkt. Also lass uns diese Sache endlich hinter uns bringen, ja?"
Seine behandschuhten Finger wandern mir auf den Rücken und lösen dort die Schleifen meines Flügelhemdes. Ohne ein Zögern streift er es von mir ab, bis meine Brust und Schultern entblößt liegen. Der Stoff ist dermaßen hauchdünn, dass die Nähte schließlich einfach an den Ärmeln reißen. Er wirft den wertlosen Fetzen zur Seite, wo er langsam wie eine Feder zu Boden sinkt. Und somit ist dort nichts mehr, gar nichts mehr zwischen ihm und mir.
Meine Fingernägel graben sich derart tief und verkrampft in die Armlehnen, dass es schon schmerzt. Hör auf. Zu zittern. Überlebe. Alles, was ich tun muss, ist überleben. Nichts hiervon wird jemals real sein.
„Ich bin schon ein wenig enttäuscht, dass du dich noch gar nicht gewundert hast, wie es mir in den vergangenen Monaten so erging. Wo sind denn deine Manieren, Max? Während er spricht, sucht er sich ganz nebenbei eines der Skalpelle heraus. Eine kleine, rasiermesserscharfe Klinge. „Ich fürchte, wir haben ein solches Level der Vertrautheit niemals auch nur ansatzweise erreicht, nicht wahr? Das werden wir heute nachholen können. Es wird wunderschön werden, nur wird beide, Max. Intim. Gemeinsam werden wir Reinheit erschaffen, Kunst in ihrer raffiniertesten Form. Ich hoffe, du bist bereit dafür."
Er hält mich fest mit einer Hand an Schulter und Hals, sein Daumen presst mir grob in die Kehle, er schiebt meinen Oberkörper zurück und drückt mich unsanft gegen die Stuhllehne. Seine andere Hand nähert sich derweil langsam, die Klinge in seinen Fingern auf der Suche nach der geeignetsten Stelle. In seinen Augen eine fieberhafte Entschlossenheit, seine Züge überwältigt mit begeisterter Leidenschaft, entrückt und selbstvergessen bei der Vorstellung mich endlich bluten zu sehen.
Scheiße. Scheiße, es passiert wirklich. Wem zur Hölle mache ich hier eigentlich was vor? Ich bin keine richtige Geheimagentin, ich bin keine Superheldin. Ich würde doch keine Sekunde überstehen, sollte ich tatsächlich gefoltert werden. Zurück, dreh die Zeit zurück soweit es nur geht, ich muss meinen Kopf freikriegen, einen Weg finden, hier rauszukommen.
Noch bevor ich auch nur einen Finger rühren kann, beginnt die Klinge vor mir zu wanken. Jefferson bricht in ein grinsendes Kichern aus.
„Alter. Ich kann echt nicht fassen, dass du da wirklich drauf reinfällst. Wie aufgeblasen und großkotzig war dieser Schaumschläger eigentlich?"
„Wa… was?"
Er lässt von mir ab und richtet sich wieder auf. „Ich dachte, ich greife einfach so richtig tief in die Psychopathen-Kiste und schau' mal, wann du's checkst, aber offenbar war diesem Trottel echt alles zuzutrauen?"
Ich sehe ihn an, blinzle wiederholt. „Häh?"
„Du armes Ding. Ich verarsch' dich doch nur. Aber jetzt Schluss mit dem Spuk."
Vor meinen Augen löst sich Jeffersons Dunkelkammer auf und wandelt sich in einen anderen Raum. Das Sofa scheint zu schrumpfen und wird zu einem einfachen Stuhl, der Rest der Einrichtung und des Geräts löst sich einfach in Luft auf, stattdessen sind um mich herum nur blanke, graue Betonwände. Einen Moment noch steht dort Mark Jefferson mit einem albernen und für ihn völlig untypischen Grinsen vor mir, im nächsten wird er zu einem schlaksigen und hageren, strohblonden Mädchen mit hellen und lachenden Augen.
„Überraschung!"
Das amüsierte Grinsen steht ihr auch gleich viel besser, es ist breit und strahlend. Ich würde es beinahe sogar als freundlich beschreiben, wäre ich nicht nackt vor ihr in einen Stuhl gefesselt. Und ich komme auch nicht umhin, zu bemerken, dass sich das Tablett mit all den furchteinflößenden Werkzeugen keinen Zentimeter gerührt hat, genau wie auch das Skalpell in ihrer Hand.
„Ist echt lustig, weißt du," spricht sie weiter, „selbst nachdem ich mir das ganze Videomaterial über diesen Kerl reingezogen hab', kann ich immer noch nicht fassen, was für ein wichtigtuerischen Haufen Rotz der eigentlich so von sich gegeben hat. Aber wir zwei beide kennen die Wahrheit, hab' ich Recht? Er war nichts weiter als ein widerlicher, alter Perversling. Diese ganze Angelegenheit von wegen „den Verlust der perfekten Unschuld" einzufangen war doch einfach nur 'ne billige Ausrede, um von seiner kranken Machtfantasie 'nen Harten zu bekommen."
Ich kann spüren, wie meine Gedanken sich endlich aus ihrer Erstarrung befreien. Während sie noch spricht, macht es endlich Klick in meinem Kopf über das, was gerade passiert ist. „Du bist Samantha. Mirage." Ich tue einen tiefen Atemzug, von dem ich nicht bemerkt hatte, dass er mir stockte. „Jetzt kapier ich's."
„Yay, sie hat's kapiert!"
Es war nicht nur die Umgebung, die sich mit dem Wandel geändert hat. Der ganze Raum kommt mir nun wärmer vor. Der Geruch ist… geringfügig anders.
„Ist das alles nur ein Scherz für dich? Das Ganze war… ganz schön arschlochmäßig, weißt du?"
„Ein Scherz? Na ja… joa, schätze schon. Aber dir den Kopf zu verdrehen ist doch auch genau der Grund, weshalb wir überhaupt hier sind, Dummi! Ist alles Teil des Programms."
„Also ist er tot? Er ist garantiert tot?"
„Na klar ist er tot. Auch wenn er nicht im Gefängnis durch den Sturm abgekratzt ist. Wir hatten ihn uns schon vorher geschnappt, haben ein paar Freunde bei der Polizei geschmiert, dass sie ein Auge zudrücken. Ich durfte eine sehr lange Weile mit ihm verbringen. Und Tante Danny hat sich auch gut um ihn gekümmert." Sie betrachtet das Skalpell locker in ihrer Hand, als wäre nichts dabei, und zuckt mit den Schultern. „Das war lustig. Völlig aus dem Zusammenhang gerissener Ratschlag: Sie ist die meiste Zeit über super lieb zu einem, aber mach dich besser nicht bei ihr unbeliebt. Tante Danny hat's nicht so mit Vergeben und Vergessen."
Ich kann meine Augen nicht von dem Messer in ihrer Hand abwenden. Während sei spricht, spielt sie damit nebenbei herum, als wäre es ein Bleistift und sie sitzt gelangweilt im Schulunterricht.
„Also… dich zu fragen, ob du mich befreist und mir hilfst, ist vermutlich Zeitverschwendung, oder?"
Sie gibt mir ein gequält seitliches Lächeln. Es wirkt tatsächlich aufrichtig. „Joa. So ziemlich. Ich würde dir ja jetzt diese ganze ‚ist nichts Persönliches'-Nummer geben, aber ich schnall' nicht mal, warum sie das immer sagen. Ich meine, was jetzt? Du wirst hier sitzen und vor Schmerzen schreien, aber immerhin kannst du erleichtert sein, dass ich dich nicht wirklich hasse? Du könntest dir ja dann vielleicht vorstellen, dass wir in irgend 'ner anderen Realität Freunde hätten sein können! Uns gegenseitig schminken und die Haare machen, anstatt uns zu entstellen und zu Tode zu foltern, richtig?"
„Aber wir könnten doch wirklich Freunde sein, es ist noch nicht zu spät. Alles, was ich jemals nur wollte—"
„Jaja, is' ja gut, diese Ansprache kannst du dir gleich sparen. Ich werde dir wehtun, Maxine. Es führt ganz einfach kein Weg drum herum. Wir könnten versuchen, irgendwas anders zu machen, aber dann würde halt einfach irgendein anderer Pfad, der dann stattdessen passiert, wieder ganz genauso hierherführen. Sie kommt gleich noch rüber und erklärt's dir, sie kann das sowieso viel besser als ich, ich hab' jetzt schon für Jahre damit gelebt und ich schnall's noch immer nicht richtig."
„Du musst das nicht tun, niemand muss irgendetwas tun, was—"
„Ach, jetzt komm schon, ich hab' dir doch schon gesagt, dass es keinen Sinn hat. Genau genommen könnte ich dir auch gleich ein kleines Geheimnis verraten, vielleicht siehst du's dann ein: Ich hab' so'n bisschen 'nen Knacks in der Birne, weißt du?" Sie klopft sich mit den Fingerknöcheln gegen die Schläfe. „Ich bin mir dessen auch bewusst, ich stehe sogar dazu. Ist ein wenig wie bei Dexter. Hast du Dexter jemals geguckt?"
„Ich… nein, aber… ich weiß ungefähr, worum es da geht."
„Die Serie hat mir so richtig die Augen geöffnet. Ist zwar nicht so, dass ich unbedingt töten muss—ich bin ja nicht verrückt oder so—aber… diese ganze Sache mit der Empathie? Das liegt mir irgendwie nicht so. Egal, wie sieht's mit Fight Club aus? Hast du Fight Club jemals gesehen? Ich hab' mich immer gefragt, ob Säureverätzungen wirklich dermaßen schmerzhaft sein können. Stellt sich heraus, dass ja, ziemlich arg schmerzhaft. Unser gemeinsamer Freund Mark durfte das am eigenen Leib erfahren. Hehe, buchstäblich. Kannst es ja später noch für dich selbst sehen, wir werden das hier alles nochmal generalwiederholen. Hoffe, du hast dir 'nen Happy Place bereitgelegt."
„Soll das… meinst du das jetzt ernst oder veraschst du mich bloß wieder? Du sagst das dauernd mit diesem Grinsen, ich bin mir da gerade ehrlich nicht sicher."
„Hä? Oh, hm, na ja, ich bin ja auch keine Expertin, wie schon gesagt, aber ich glaube, du bist dir da schon ziemlich sicher. Warum sonst sollte deine Stimme so sehr zittern? Wie wär's mit 'ner supercoolen Superheldennarbe? Du hältst dich doch für 'ne Superheldin, nicht wahr? Ich könnte dir eine verpassen, die dir quer über die Stirn geht bis runter über die Nase, etwa so." Sie fährt einem Finger entlang der beschriebenen Linie, das Skalpell in ihrer Hand nur wenige Zentimeter von meinem Auge entfernt. „Oder doch eher vertikal runter, durch eine Augenbraue und dein Auge, wie ein Pirat. Arrr. Keine Sorge, ich achte schon drauf, dir nur coole zu verpassen an den Stellen, wo Leute sie auch sehen können. Wäre doch eine Schande ein so superhübsches Gesicht zu verunstalten. Was hieltest du von—"
Vor der Türe ist ein kurzes metallenes Rasseln zu hören, dann schwingt sie auf. Nach einigen Sekunden des Zögerns erklingt eine leise und ruhige Frauenstimme von draußen. „Samantha, würdest du sie bitte wieder bedecken."
„Oh! Ups." Schnell sammelt sie das zerfetzte Hemd wieder vom Boden und legt es mir notdürftig über den Schoß, klemmt mir die Enden etwas unbeholfen unter die Arme. Das ganze Arrangement fühlt sich mehr als nur leicht irrwitzig an. „Fertig. Kannst reinkommen."
Eine große Frau, die ich bereits als Dianne Prescott kenne, betritt den Raum in maßvollen Schritten und schließt die Türe wieder leise hinter sich. Sie ist älter als in ihrem Gemälde, viel… schlichter. Ihr dunkles Haar ist hochgesteckt zu einem zerzausten Dutt, Farbspritzer und –spuren zieren sowohl ihre Bluse, ihren Rock als auch einen Großteil ihrer Extremitäten. Sie erweckt den Eindruck von jemandem, der ganze Tage ohne Ende vertieft in ihre Kunst verbringt und die vergangene Nacht war da keine Ausnahme.
Ihre stahlblauen Augen mustern mich mit offener Neugierde, während sie sich neben Samantha gesellt und eine Hand auf deren Schulter legt. „Was sieht sie gerade?"
„Nichts, Tante Danny. Nur uns zwei beide."
Ihre Lippen pressen sich zu einer Linie zusammen. „Wir sind hier nicht unter uns, Liebes. Sprich mich an, wie es sich gehört."
Samanthas Wangen laufen feuerrot an. „'Tschuldigung, ich wollte nicht—ich meine… ich bitte um Verzeihung, Herrin."
„Ist schon gut, mach dir keine Sorgen darüber." Sie tätschelt ihre Schulter, dann tut sie einen Schritt näher auf mich zu. „Hallo, Maxine. Ähm… Max. Dir ist Max lieber."
Sie sagt es, als hätte sie es früher einmal gewusst, es dann aber vergessen. Ich spüre den sofortigen Impuls, in ihre grobe Richtung zu spucken. Ich bin es langsam leid, dass mich Leute dauernd ansprechen, als wäre ich nicht in einen verfickten Stuhl gefesselt.
„Tu es nicht," warnt sie mich. „Es ist Zwecklos. Ich werde wissen, dass du es getan hast, selbst wenn du es wieder ungeschehen machen solltest."
Ich blinzle sie an. „Tun? Was tun?"
„Was du mit einer Wahrscheinlichkeit von rund fünfunddreißig Prozent vorhattest zu tun. Nämlich mich anzuspucken. Ich werde mich setzen. Ich hoffe, das macht dir nichts aus." Ohne auf eine Antwort zu warten lässt sie sich auf den Stuhl vor mir fallen, als wäre sie gerade eben erst die gesamte Strecke von Olympia bis hierher zu Fuß abgelaufen. „Ich bin sehr fein abgestimmt auf diesen speziellen Knotenpunkt im Gespinst," fährt sie fort. „Es stellt eine gewisse Belastung für meine Kräfte dar, je tiefer ich ins Detail gehe. Er ist nicht unbedingt bedeutungsschwanger, verstehst du? Er ist kein tragender Punkt, regelrecht unbedeutend sogar, daher ist ein tieferes Eintauchen in sein Gefüge, wie als wolle man einen x-beliebigen, aber ganz speziellen Kiesel aus einem strömenden Flussbett fischen. Ich werde mir irgendwann in näherer Zukunft eine Auszeit gönnen müssen, nur damit du das weißt." Sie schnaubt leicht aus, überaus amüsiert über ihre eigene Wortwahl. „Eine Auszeit in näherer Zukunft. Kapiert?"
Hinter ihr verdreht Samantha schmunzelnd die Augen, als hätte Mrs. Prescott gerade einen überaus platten, doch umso liebreizenderen Kalauer gerissen.
Ein gutes Duzend verschiedener Antworten flutet meinen Kopf. Eloquent souveränes Comeback. Stoisch aggressives Starren. Fragen nach mehr Antworten. Vor ihr katzbuckeln, sie anflehen, losheulen, hilflos um mich schlagen, sie einfach trotzdem anspucken, schreien bis meine Lungen nachgeben. Es überkommt mich als eine niederschmetternde Feststellung, dass ich wahrscheinlich alle davon ausprobieren werde und mir keine einzige davon weiterhelfen wird…
Meine Brust sackt in sich zusammen unter ihrer prüfenden Kaltblütigkeit. Ich lasse einfach meinen Kopf hängen und plötzlich bin ich… fertig. Fertig mit der Welt. Fertig mit all ihrem bescheuerten Scheißdreck.
„Ihr werdet alle untergehen. Ich habe es gesehen. Macht mir was ihr wollt, juckt mich doch gar nicht mehr, warum ihr das eigentlich tut. Ich werde am Ende frei sein. Und ihr werdet alle sterben…"
„Oh Mann," seufzt Samantha leise im Hintergrund.
„Stimmt, deine Vision. Ich bin froh, dass du sie erwähnst. Bist du dir wirklich sicher, was du gesehen hast? Ich kann nämlich überhaupt nicht erkennen, wie so etwas zustande kommen sollte, Liebes."
„Das ist dann wohl Ihr Problem, nicht wahr?"
„Na ja, nein, du verstehst nicht recht. Ich meinte es in meiner Auffassungsgabe, meiner offiziellen Funktion als Schicksalsgespinst. Du bist doch ein eine intelligente junge Dame, du musst es doch inzwischen selbst schon längst erraten haben, nicht wahr? Ich kann alles sehen, was geschehen könnte, wenn ich mich nur ausreichend darauf konzentriere. Primpfade sind mir ein leichtes zu erkennen, detailgenaue Vorhersagen hingegen erfordern ein deutliches Mehr an Arbeit und sind dabei zumeist gespickt mit Wahrscheinlichkeiten. Doch etwas derart Gravierendes wie du vorgibst, es gesehen zu haben? Das dürfte nur schwerlich zu übersehen sein. Ich sage dir gleich hier und jetzt: Es gibt keine Realität, in der so etwas passiert. Sie existiert schlichtweg nicht. Sean teilte mir mit, du würdest nicht lügen, also kannst du dir entweder selbst nicht ganz sicher sein, was du gesehen hast, oder aber deine Gabe äußert sich gelegentlich in Symbolen anstelle der tatsächlichen Zukunft."
„Oder vielleicht ist es ja auch Ihre Gabe, die falsch liegt, haben Sie das jemals in Betracht gezogen? Wollen Sie das Risiko wirklich eingehen?"
„Meine Gabe? Was hat denn meine…" Dianne Prescott scheint für einen Moment den Faden zu verlieren und bleibt mitten im Satz stehen. Ihr eindringlich konzentrierter Blick weicht einem eher geistesabwesenden Starren gegen die Wand hinter mir.
Samantha nimmt einen Schritt auf sie zu und tippt mit einem Finger leicht auf die Schulter ihrer Herrin. Diese fährt plötzlich auf, wie aus einem tiefen Schlummer, und sieht sich erstmal orientierungslos im ganzen Raum um, bevor sich ihre Augen wieder fragend auf das Mädchen an ihrer Seite richten. „Wo war ich?"
„Sie kennt nicht den Unterschied zwischen einer angeborenen Begabung und dem Bund mit den Tiergeistern, Herrin."
„Oh. Richtig." Sie legt die Stirn in Falten. Ihre Augen richten sich wieder auf mich, genauso fokussiert wie zuvor auch. „Na gut, ich sollte es dir besser erklären. Deine Visionen, dein Talent sowie deine Leidenschaft was Fotografie betrifft… diese sind deine Begabungen. Deine Gaben. Sie entstammen nicht aus Bluewings Bund. Ich kann es dir nicht verübeln, dass du das nicht von selbst herausgefunden hast, beide dieser Aspekte manifestierten sich beinahe Zeitgleich in deinem Leben."
Ihr geduldiger, freundlicher Umgangston, ihr harmloses Gebärden, ihre eigenartige Zerstreutheit und Selbstvergessenheit… nichts davon ist wie ich sie mir vorgestellt hatte. Es macht mich weit angespannter und furchterregter als es jeder stereotypische Superbösewicht jemals könnte. Vielleicht ist das ja auch der ganze Zweck dahinter.
„Warum erklären Sie mir all das überhaupt? Wollen Sie nur… angeben? Warum sind Sie überhaupt hier?"
Sie schürzt ihre Lippen und mustert mich mit… was? Reue? Mitleid? Ich weiß nicht, was sie ein meinem Gesicht zu erkennen scheint, doch sie dreht sich weg von mir, als könne sie den Anblick nicht ertragen. „Nein, ich bin hier aus einem guten Grund, dazu kommen wir schon noch. Doch dieser Teil hier, jetzt gerade? Ich nehme an, das sind Schuldgefühle. Ich bin mir durchaus bewusst, du und deine Freundin haben nicht verdient, was euch widerfährt. Und auf diese Weise kann ich dir zumindest einige eurer weitreichendsten Fragen, die euch schon lange beschäftigen, beantworten, ehe es alles vorbei ist. Ich habe euch nun schon so lange gezeichnet, ich fühle mich, als wären wir bereits enge Freunde, auf gewisse Weise. Obwohl, wahrscheinlich trifft es ‚alte Rivalen' wohl eher."
Ich kann nicht anders als sie entsetzt anstarren, ob ihrer lächerlich offenherzigen Zurschaustellung. „Wenn Sie wirklich Schuldgefühle empfänden, dann hätten Sie uns all das niemals erst angetan. Es noch immer nicht zu spät, Sie können uns noch immer gehen lassen. Ich schwöre, wir werden uns auch nie wiedersehen."
„Das ist nicht gerade ein sehr überzeugendes Argument, Liebes. Denk doch nur mal darüber nach, du hast den Tod für über zweihundert Menschenleben verursacht und Leid und Elend für noch weit mehr gebracht. Du empfindest für sie ebenfalls Schuldgefühle, ist es nicht so? Und doch weißt du in deinem Herzen, dass es das wert war. Nun ja, das exakt gleiche passiert jetzt auch hier, wir befinden uns in einer ganz ähnlichen Situation. Dieses Mal ist es jedoch dein Leben, das sich wohl oder übel auf der ‚Kosten'-Seite der Gleichung befindet. Nimm es bitte nicht persönlich."
Im Hintergrund kann sich Samantha kaum ein Lachen verkneifen. Sie hält sich den Mund mit einer Hand zu, um nicht laut loszuprusten.
„Habe ich etwas lustiges gesagt, Sam? Oder wolltest du noch etwas hinzufügen?"
„N-nein, nein. Entschuldigung, Herrin."
„Hm, also wie gesagt—"
„Ich tat was ich getan habe aus Liebe. Können Sie dasselbe für sich behaupten?"
Dianne hebt eine überraschte Augenbraue und lacht in leichten Atemzügen. „Irgendwie bringst du es fertig, dass es sogar nach einer beinahe edlen Tat klingt. Und inwiefern ist diese Liebe mehr als ein selbstsüchtiger und destruktiver Parasit? Nun mehr denn je würdest tausende Menschenleben eintauschen, nur um sie zurückzubekommen, ist es nicht so? Es gibt nichts, was du nicht tun würdest, ganz egal wie skrupellos es auch sein möge. Kannst du das bestreiten?"
Ich muss mein zorniges Starren unterbrechen und weiche ihrem Blick aus. Es gibt sehr wohl Dinge, die ich nicht tun würde, doch diese Dinge befinden sich dermaßen tief in „grausames Ungeheuer"-Territorium, dass ich ihr Argument nur noch weiter bestärken würde, sollte ich sie erwähnen.
„Das können Sie mir nicht vorwerfen," sage ich stattdessen. „Ich hätte diese schrecklichen Entscheidungen niemals treffen müssen, wenn Sie uns einfach von Anfang an in Ruhe gelassen hätten."
„Oh, aber ich gebe dir doch auch gar keine Schuld daran, ganz im Gegenteil. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass deine vermeintliche moralische Überlegenheit—wenn überhaupt— auf allerhöchstens sehr wackligen Beinen fußt, das ist alles. In Sachen Todeszahlen hast du die Nase sogar weit vorne… obwohl, ich schätze, man könnte argumentieren, dass wir bei dieser Arcadia Bay Geschichte an einem Strang gezogen haben." Sie blinzelt und schüttelt den Kopf, so als wäre sie kurz aus der Fassung gebracht von einem plötzlichen Gedanken. „Lass mich dir sagen, mit dir zu arbeiten war eine wahre Herausforderung, mit jeder weiteren Schicht, die du wieder und wieder auf das Gespinst draufgepackt hast. Mit dir geht nicht nur darum, was passieren wird und was passieren könnte; ich musste mir auch so viele Gedanken darüber machen, was tatsächlich geschieht, dann aber ungeschehen wird, und nicht zuletzt die Explosion plausibler Unmöglichkeiten, die dir deine Kräfte erlauben. Einen Leitfaden zu spinnen, der dich in derart kurzer Zeit derart mächtig werden lässt, war… migräneerregend, gelinde gesagt. Ich schreibe dir die Schuld am sukzessiven Verlust meines Verstandes zu, junges Fräulein." Sie wedelt mit einem Finger in meine Richtung in spöttelnder Scheinstrenge.
„Nimm dir nur mal diese Konversation als Beispiel, wir durften hier nichts dem Zufall überlassen. Du hättest dich aus dem Stuhl befreien können, indem du ihn auf die Seite kipptest, ihn dann in einer Zeitreise wiederaufrichtetest und uns dann alle umbrächtest—daher mussten wir den Stuhl fest mit dem Boden verschrauben. Du hättest so lange an den Fesseln herumschleifen können, bis du wieder mit einer Zeitreise eine Hand befreit hättest, daher mussten wir sie so schmerzhaft fest anziehen." Sie lehnt sich mir nach vorne entgegen und gestikuliert enthusiastisch mit den Händen herum, während sie sich in ihren eigenen Gedankengängen zu verlieren scheint. „Siehst du den Wasserbecher auf dem Rollwagen? Es gibt einen Grund, weshalb wir dir kein Glas gegeben haben. Nach nur genug Neuversuchen wärst du verzweifelt genug geworden, es mit bloßen Zähnen kaputtzubeißen und dir deine Handgelenke mit deinem eigenen Blut einzuschmieren, bis du deine Hand doch irgendwie herausbekommen hättest, inklusive zertrümmerter Knochen und so weiter und so fort. Und dann wären wir natürlich alle gestorben, versteht sich." Sie wirft ihre Hände nach oben in einer seltsam hilflosen Geste. „Verstehst du, was ich dir sagen will? Es kann so ermüdend sein, dich bändigen und kontrollieren zu wollen. Das ist der Grund, weshalb wir es derart unangenehm für dich machen müssen. Es existiert keine Realität, in der du dich nicht an irgendeinem Punkt gegen uns wenden würdest, sollten wir dir auch nur mit der kleinsten Nachsicht entgegenkommen oder dir den geringsten Spielraum gewähren. Selbst dann noch, wenn wir dich davon überzeugt hätten, freiwillig für uns zu arbeiten. Von daher… ergibt sich uns nur ein einziger Weg, wie wir dich für unsere Ziele benutzen können. Wir müssen deinen Willen vernichten, bis nicht einmal mehr der Hauch einer Rebellion in dir bestehen bleibt."
Ich erwidere einen ganzen Moment lang nichts, die Räder in meinem Kopf verarbeiten noch immer, was sie eben gesagt hat. Sie sind irgendwo stecken geblieben an der Stelle mit dem Blut und den zertrümmerten Knochen. Würde ich jemals eine derart extreme Verzweiflungstat in Erwägung ziehen, sollte ich mich nur ausreichend in eine Ecke gedrängt sehen?
Ja. Ja, das würde ich.
Und… sie weiß es. Sie weiß bereits, was ich tun und was ich sagen werde, noch ehe ich selbst auf den Gedanken komme.
Wie sollte ich mich nur jemals mit einem allwissenden Menschen messen können?
„Sie sind noch immer nur ein Mensch," sage ich ihr. „Sie können noch immer Fehler begehen."
„Nein, das kann ich nicht. Oder vielmehr, ich kann es spielend leicht vermeiden, sie zu begehen, denn sie sind vorhersehbar. Verstehst du? Das ist sogar der Grund, weshalb ich hier bin, genau genommen. Um es dir begreiflich zu machen. Wir haben die absolute Kontrolle über alles, was geschieht. Und ich meine es ganz wörtlich: Es gibt keine Möglichkeit für dich, zu entkommen. Wir haben alle Eventualitäten abgedeckt von Systemversagen über Verrat bis hin zu Raymond Geller und David Madsen oder wen auch immer du zu deinen wenigen Freunden zählen möchtest. Nichts und niemand wird dir helfen kommen, es gibt kein Foto, durch das du flüchten könntest und je eher wir das in deinen Kopf eintrichtern können, desto einfacher wird diese Angelegenheit für alle Beteiligten.
Ich kann spüren, wie meine Kiefermuskulatur sich anspannt. „Wirklich? Waren Sie denn auch in absoluter Kontrolle, als sich Nathan als absoluter Totalreinfall herausgestellt hat?"
Schlagartig steht sie auf und nimmt zweit lange Schritte auf mich zu, bevor sie abrupt auf Armeslänge Entfernung vor mir zum Stehen kommt. Ihre erhobene, zur Faust geballte Hand entspannt sich langsam wieder. Für einige Sekunden starrt sie nur finster durch mich hindurch irgendwo hinter mir auf den Boden, jedes Bisschen vorangegangener Herzlichkeit aus ihren Augen erloschen.
„Es gibt eine Zeitlinie," beginnt sie, ihre Stimme heiser und schwer, „in der ich dir jetzt mit solch einer Wucht ins Gesicht schlage, dass es dir mit einer zehn prozentigen Wahrscheinlichkeit die Backenzähne herausbricht. Du kämst dir im Anschluss ach so clever vor, hieltest die Zeit um dich herum an und versuchtest, auf dieselbe Weise zu entkommen, die ich dir eben schon beschrieb. Und dann, nach unsäglichen Schmerzen, geständest du dir schlussendlich ein, dass es nicht funktionieren würde, dass du dich nicht befreien könntest. Du geständest ein, dass du es überhaupt nur versuchtest, weil ich dir zuvor erzählt hatte, es würde funktionieren. Du geständest ein, dass es nicht einmal eine Glasscherbe oder einen Schlag in Gesicht bräuchte, du könntest auch genauso gut versuchen, genug Speichel anzusammeln, oder dich selber blutig beißen, wenn du nur entschlossen genug wärst. Doch es alles würde gar nicht funktionieren, du wirst deine Hand nicht aus dieser Fessel befreien können…"
Sie packt mein Kinn, hält meinen Mund schmerzhaft eingeklemmt im eiserenen Klammergriff ihrer Finger. Der Versuch, mich ihr zu entziehen, lässt sie nur noch härter zupacken, ich kann mich nicht erwehren, ihr ins geradewegs Gesicht zu blicken. „Glaubst du ehrlich auch nur eine Sekunde lang, ich hatte nicht vorgesehen, dass ihr dieses törichte Tagebuch findet? Dass ich es nicht eigens für euch angefertigt hatte? Glaubst du, dass auch nur ein einziges Wort meinen Lippen entgeht, ohne die explizite Absicht, dich damit auf zielgenaue Weise zu manipulieren? Du verstehst es nur noch nicht. Du bewegst dich auf und ab auf diesen Fäden des Schicksals, entscheidest dieses und jenes, in der festen Überzeugung, unentwegt das Richtige zu tun—nichtsahnend, dass ich es war, die dieses Netz wohlweislich spann. Welche Straße auch immer du glaubst, beschritten zu haben, ich war es, die sie dir vor die Füße legte."
Sie lässt ab von meinen Kiefer, doch nicht bevor sie mein Gesicht grob zur Seite wirft in einer Geste der Verachtung. Sie schlafft etwas ab, ihre Schultern sacken, Samantha steht ihr sofort zur Seite, eine unterstützende Hand hält sie sicher am Arm aufrecht. Das Mädchen versucht noch, ihre Herrin sanft in Richtung ihres Sitzplatzes zu bewegen, doch Dianne schüttelt sie fort und lehnt sich stattdessen noch einmal näher an mich heran.
„Ich opferte meinen Sohn für diese Sache. Mutmaße nicht, dass es irgendeine rote Linie gibt, die ich nicht zu überschreiten gewillt wäre. Wir werden dich brechen, und dann wirst du meine Marionette sein, bis an den Tag, an dem du stirbst. Von dir wird nichts bleiben als diese seelen- und willenlose Hülle hier vor mir…"
„Von mir aus…" Ich sehe nicht einmal mehr in ihre Richtung. „Schon bald wird nichts mehr hiervon existieren. Von Ihnen wird nichts bleiben als eine weitere Leiche unter den Fluten…"
Sie stützt ihre Hände auf meine wundgeriebenen Handgelenke, ich versuche mich möglichst nicht vor Schmerz zu winden unter dem Druck ihres Körpergewichts. „Ich weiß schon längst, wie ich sterben werde," faucht sie. „Ich wusste es schon seit meinem dreizehnten Lebensjahr. Es wird nicht in einer Flut geschehen. Und es wird auch nicht durch deine Hand sein…"
„Ist mir scheißegal. Ich werde niemals tun, was ihr wollt, ihr könnt mich nicht zwingen. Sobald die Zeit da ist, werde ich einen Weg finden, euren Plan zunichtezumachen und euch gleich mit, selbst wenn es mich umbringen sollte… Das schwöre ich."
Ihre Nägel graben sich schmerzhaft in meine Haut. Unsere Augen begegnen sich in einem Wettstreit des Zorns. „Das, meine Liebe," erwidert sie schließlich, „ist der eigentliche Grund, weshalb ich hier bin. Um dir meine Gabe zu demonstrieren."
Wir starren einander verbissen ins Angesicht, doch bald schon spüre ich diesen… Druck in meinem Kopf. Es ist keiner dieser Migräneanfälle, die ich gewohnt bin, sondern mehr eine punktuelle Unannehmlichkeit direkt unter meiner Schädeldecke. Ein Punkt wie eine Nadel an meinem Hinterkopf, die stetig größer wächst und der ich nicht entgehen kann, ganz egal wie ich meinen Kopf neige oder drehe. Sie bohrt sich langsam, immer schneller, immer tiefer durch den Knochen geradewegs auf mein Gehirn zu, wie ein gefräßiger Käfer, der sich seinen Eingang durch mein Fleisch bahnt.
„Was… was machen Sie mit mir?"
Das Loch der Nadelspitze ist nun ein offener Spalt, eine schartige Linie von Etwas. Etwas, was sich neugierig an meinen Rändern zu schaffen macht, den Spalt in meinem Kopf kraftvoll aufdrückt und schiebt und zerrt, ehe sich ihre hungrigen Fühler allmählich Einlass verschaffen. Fühler wie die Beine einer Spinne, die sich mehr und mehr in meinem Kopf breitmacht. Sie ist… eine Präsenz, umschlingt meine Gedanken und macht sie sich zu eigen, ohne dass ich etwas gegen sie sagen, geschweige denn tun könnte.
Sie ist diese Frau vor mir. Und sie dringt ein in meine Gedanken.
In einer plötzlichen Panik versuche ich sie wieder hinauszuschieben, sie von mir fernzuhalten wie eine böse Erinnerung. Als Reaktion packt ihre Hand meine Kehle, sie lehnt sich nahegenug an mich heran, dass ich ihren unstet angestrengten Atem auf meinen Lippen spüre. Ihre Präsenz sprießt auf in einhundert Ranken, die allmählich meinen gesamten Verstand übernehmen, sie verleiben sich jeden einzelnen meiner Gedanken ein in ihrem giftigen Netz aus klebrigen Fäden. Mein Körper spannt an sich wider meinen Willen, mein Brustkorb hebt sich mit einem tiefen, heftigen Atemzug, der nicht der meine ist, mein Kopf fährt zurück gegen die Stuhllehne mit einem schmerzhaften Aufprall, den ich nicht spüre, meine Glieder werden hart und weichen von mir außer Reichweite in weiter Ferne, wo ich sie nicht länger wahrnehme.
Dann hebt sie ihre rechte Hand. Und obwohl bombenfest an die Armlehne gefesselt, kann ich doch aus dem Augenwinkel erkennen, nicht jedoch spüren, wie sich die Muskeln in meinem Arm zusammenziehen und die Bewegung ihrem Vorbild nachahmen, einem Befehl gehorchend, der nicht meinem Verstand zu entspringen scheint, denn es ist nicht mehr länger der meine.
Die Zeitreise, die nachfolgt, ist kurz, stockend, nahe der Unmerklichkeit. Ich bin noch immer ihre Quelle, doch ich kontrolliere sie nicht. Mein Atem entweicht mir wie kochender Dampf, während ich hilflos in Dianne Prescotts eindringliche Augen starre, denn es besteht keinerlei Zweifel, dass sie gerade mit mir durch die Zeit reist…
Mit einem Ächzen fällt sie schließlich beinahe vornüber direkt auf meine wehrlose Form. Zeitgleich gewinne ich auch meine Gedanken und die Herrschaft über meinen Verstand zurück. Sie bebt, kann sich kaum mehr aufrecht halten, selbst mit einem Großteil ihres Gewichts, das nach wie vor auf meinen Gliedern lastet. Ein erster Tropfen Blut fließt ihr aus der Nase, entlang ihres Kinns. Weitere Tropfen landen auf den Fliesen unter uns mit einem leise hörbaren Platschen, ehe Samantha sie zu sich zurückzieht, sie stützt und ihr ein Taschentuch gegen die Oberlippe presst.
„Herrin…"
"Es geht mir gut," keucht sie schwer, nimmt das Taschentuch in ihre Hand, faltet es einmal in der Mitte und drückt es sich dann wieder gegen das Gesicht. „Danke, Liebes. Es geht mir gut."
„Das war… großartig."
„Klammere dich besser nicht an die Erinnerung. Du wirst sie nicht behalten." Sie begibt sich zurück zu ihrem Stuhl und setzt sich. Wischt sich einfach weiter das Gesicht, während sie mich wortlos aus stählernen Augen beobachtet. Fortwährend, sie beobachtet ohne ein weiteres Wort.
Ich kann nicht sprechen. Mir ergeben sich keine Worte, kein einziger Gedanke ist in der Lage, dieses Ding in mir zu erfassen. Dieses Monster, das sich tief und eiskalt eingenistet hat in meine Eingeweide und von innen an mir nagt. Wie Furcht, wie eine endlose Panikattacke, wie widerliche Abscheu, Machlosigkeit, Schwäche und Übelkeit. Sie war… in mir drin. In meinem Innern. Sie hat einfach beiseitegeschoben wer ich bin und dann übernommen an meiner statt.
Atmen. Einfach weiteratmen.
„Verstehst du es nun?" Noch immer beobachtet sie jede einzelne meiner Regungen und Bewegungen. „Siehst du nun, endlich?"
Ich… verstehe. Ich sehe es endlich.
„Ihr seid Monster," hauche ich aus, noch immer ebenso atemlos wie sie. „Ich bin allein und umgeben von Monstern."
„Jaja, wie auch immer." Sie weist mich ab in einer schlichten Handbewegung. „Das ist nicht was ich meinte. Was ich will ist, dass du den Grund deiner Qualen erkennst." Sie hält inne, kommt wieder zu Atem. „Ich will dich begreifen machen, dass auf dich kein Licht am Ende dieses Tunnels wartet…"
Sie leistet eine verfickt gute Arbeit was das angeht.
Sie scheint außerdem nahe der Ohnmacht.
Was Dianne Prescott soeben getan hat, es muss sie einiges an Anstrengung gekostet haben.
„Solange ich Widerstand leiste… können Sie nicht die Kontrolle behalten. Nicht für lange…"
„Richtig, es stimmt. Und genau das ist der Grund, weshalb wir deinen Willen zermalmen werden, bis nichts mehr davon übrigbleibt."
Sie spricht von diesen Dingen, dass es mir das Blut in den Adern gefrieren lässt. Und es ist auch nicht mal ein Wunder, dass sie das tut; es ist der ganze Zweck ihres Daseins hier.
Ich muss mich zusammenreißen, mich aus dieser kümmerlichen Todesstarre befreien. Dies ist exakt was sie bezwecken will. Dass ich mich vor Verzweiflung vor ihr winde und vor Hoffnungslosigkeit. Ich darf es nicht zulassen, ich will sie nicht verlieren, ich muss sie an mir festhalten, bis sich mir irgendein Ausweg—
Aber wenn ich als Resultat ihrer Provokation nur noch mehr Widerstand leiste, würde das nicht bedeuten, das ist was sie von vorneherein von mir erwartet? Weiß sie denn nicht schon längst, dass—
Nein, sie versucht mir so intensiv einzubläuen, dass es kein Entkommen gibt. Vielleicht ist das ja nur, weil sie will, dass ich es gar nicht erst versuche. Wenn ich all das hier noch einmal durchgehe, wenn ich jede noch so kleine Möglichkeit erforsche, dann—
Aber sie hat Samantha bereits gesagt, sie solle nicht an die Erinnerung klammern. Was ja dann bedeutet, dass sie schon weiß, dass ich die Zeit zurückdrehen werde. Was ja dann bedeutet, dass sie schon dafür vorausgeplant—
Was also, wenn ich die Zeit nicht zurückdrehe? Ich würde ihr das Gegenteil beweisen, es wäre absolut unvorhersehbar für—
Es sei denn das wäre, was sie will, dass ich es denke, damit ich es gar nicht erst versuche, weil es etwas gibt, das—
Aber wenn sie schon weiß, wie ich reagieren werde, dann bedeutet das, was sie wirklich wollen—
So oder so oder so, sie weiß schon längst—
Stopp, stopp, STOPP.
Während ich noch panisch Kreise in meinem Kopf renne, erhebt sich Dianne abermals. Oder zumindest versucht sie es. Ihre Knie geben unter ihr nach, sie strauchelt und wäre beinahe gestürzt, hätte Samantha ihr nicht rechtzeitig zur Seite gestanden und ihr eine Schulter geliehen. Die Frau wirkt völlig verausgabt, kreidebleich.
„Danke, Sam." Mit einem Arm um ihre Hüfte zieht sie das Mädchen näher an sich heran. Ihrer Geste scheint eine aufrichtig innige Zuneigung zu unterliegen, doch wer zum Teufel ist denn hier bitte noch so klar bei Verstand, das richtig beurteilen zu können? Ihr müder Blick fokussiert sich wieder auf mich in einem schiefen, schwachen Lächeln. „Du kannst ein ganz schöner Dickschädel sein, Max Caulfield. Ich wünschte nur, wir hätten Verbündete sein können in diesem Krieg."
Sie lässt sich von Samantha zur Türe geleiten und benutzt ihre Schlüsselkarte, um sie zu öffnen. Ihre Schritte sind beinahe nicht mehr zittrig, fast schon wieder standfest sogar, bis sie endlich eine Hand auf der massiv metallenen Türverriegelung hat.
Samantha klammert sich an ihren Arm, offensichtlich alles andere als erpicht, sie loszulassen. „Wirst du dich auch wieder erholen?"
„Natürlich werde ich das, Liebes." Dianne fixiert mich ein letztes Mal mit ihren Augen. Jegliche Wärme ihres Antlitzes erlischt so augenblicklich wie eine Kerze im Orkan. Alles was bleibt sind Stahl und Eis, die sich mir in die Seele bohren. „Sieh zu, dass sie auch schreit, Sam. Sie soll sagen, dass es ihr leidtut, ehe du mit ihr fertig bist."
„Geht klar."
Dianne Prescott verlässt den Raum, die Türe verriegelt sich hinter ihr. Alleine schon ihre grausame Anweisung ist schrecklich genug, doch was es mir endgültig eiskalt den Rücken hinablaufen lässt, ist das gänzliche Nichtvorhandensein eines Zögerns in Samanthas beiläufig enthemmter Antwort.
Sie dreht sich auf dem Absatz um und nähert sich mir langsam. In ihren Zügen liegt augenscheinliche Missbilligung.
„Weist du was? Für jemanden so hilflos hast du 'ne ganz schön große Klappe. Obwohl, ich muss zugeben, wahrscheinlich wäre ich ganz genauso, wenn ich wüsste, dass ich immer alles je nach Lust und Laune zurücknehmen könnte wann immer was in die Hose geht." Sie steht über dem Tablett mit den ausgebreiteten Skalpellen, wägt sorgfältig ihre Optionen ab, so als stöberte sie durch das Sortiment irgendeines Supermarktes.
„Ist es das, was sie dir angetan hat? Hat sie dir deinen Willen gebrochen und dann selbst übernommen?"
„Pff, so funktioniert das ganze doch gar nicht, Doofie. Außerdem bestand dazu sowieso kein Anlass. Die Prescotts haben mich befreit. Ich würde mir eher selbst ein Auge ausstechen, bevor ich auf die Idee käme, sie zu hintergehen, also spar dir lieber dir sinnlose Spucke."
„Sie liegt falsch, Samantha. Wir werden hier alle sterben, wir müssen Arcadia Bay sofort verlassen, bevor—"
„Du willst einfach nicht zuhören, oder? Ich glaube fast, das ist hier dein Hauptproblem. Ich meine nur, ich habe dich zum Beispiel extra noch vorgewarnt, du solltest dich besser nicht bei ihr unbeliebt machen. Nicht, dass du groß eine andere Wahl hattest, dafür ist es jetzt eh schon lange zu spät, aber trotzdem machst du es dir auch nicht gerade einfacher. Sie hat dich sogar selber noch gewarnt, dass es zwecklos ist. Dass sie sich genau abgestimmt hat auf diesen Zeitpunkt, aber nein, was machst du stattdessen? Tappst wieder und wieder aufs Neue in ihre Fallen. War fast schon traurig, das mitansehen zu müssen. Hättest dich echt mehr ins Zeug legen können."
„Was redest du da überhaupt?"
„Ähh, was sich hier gerade eben noch abgespielt hat? Warst du überhaupt ganz da? Das ständige vor und zurück, die Trotzhaltung, die Wut… das waren alles exakt die Reaktionen, auf die sie es abgesehen hatte, was am besten für sie funktioniert hat. Und jetzt, schätze ich mal, wirst du gleich wieder in die Vergangenheit springen und den nächsten Pfad ausprobieren, den sie längst für dich vorgesehen hat, nicht wahr?" Sie entscheidet sich endlich für dasselbe Skalpell, mit dem sie vorhin schon geliebäugelt hatte. Samantha stellt sich vor mich, geschürzte Lippen, als stünde sie kurz davor, ihr ungezogenes Haustier zu disziplinieren. „Lass uns fürs erste klein anfangen und uns dann stückweise nach oben vorarbeiten, in Ordnung? Deine Entschuldigung sollte schließlich von Herzen kommen."
„Samantha, bitte…"
„Hör doch endlich auf, mich davon zu überzeugen zu wollen, ihr nicht zu gehorchen, es wird langsam echt langweilig! Also… auf welche supercoole Narbe hatten wir uns noch gleich geeinigt? Ich glaube, ich fände sogar alle beide ziemlich schnieke. Wie ein umgedrehtes V, etwa so"—sie fährt die Form mit dem kleinen Finger nach— „Du solltest dabei am besten stillhalten, sonst wird's am Ende noch schief."
„Nein, bitte, warte. Warte!"
Ihre freie Hand packt grob ein Büschel meine Haare und hält meinen Kopf an Ort und Stelle. „Wie Tante Dany immer sagt: Es geht doch nichts über eine frische Leinwand."
Ich beobachte, wie mir die Klinge ganz langsam in Zeitlupe entgegenkommt, die Spitze verliert schon Fokus, als sie sich meinem Gesicht zu sehr annähert, um ihr noch länger mit den Augen zu folgen. Meine Arme zerren schon wieder schmerzhaft angespannt und verkrampft an den Fesseln, verzweifelt darauf aus, ihre Hand zu packen und mich der Bedrohung in meinem Gesicht zu entledigen, ihr ein Ende zu bereiten. Ich kann nichts tun, mir sind die Hände gebunden, ich kann ihr nicht entgehen. Ich komme hier nicht frei. Oh Gott, es passiert ja wirklich…
Ich drehte die Zeit zurück. Denn… natürlich tat ich das. So weit zurück wie es nur ging, ich versuchte und versuchte und versuchte die vergangenen zwei Tage meiner Ohnmacht zu überwinden, vergebens. Ich versuchte, diese Szene auf andere Weise zu überstehen, dutzende, hunderte Male, verschiedene Wortwahl, Schweigen, noch mehr Zorn, überhaupt kein Zorn, Bemühen um Logik, Verhandeln, Flehen, Beten, Ziehen, Zerren, Reißen, gewaltsam stürmisch um mich schlagen. Ich erwog sogar eine Zeit lang, mir die Knochen zu brechen, wie sie es gesagt hat, ich erschöpfte jede einzelne Option und Kombination, die mir nur in den Sinn kommen wollte.
Jedes einzelne Mal war es, als wüsste sie Bescheid.
Sie wusste es jedes verfluchte Mal.
Und nun befindet sich die Klinge wieder kaum einen Zentimeter vor meinem Gesicht, eingefroren in der Zeit. Jeder einzelne Pfad führt an exakt diese Stelle. Die Gedanken rasen pausenlos ihre endlosen Kreise in meinem Verstand, jeder noch verzweifelter als der vorangegangene. Die Zeit anhalten, bis mir die Kraft dafür fehlt, bis ich hoffentlich wieder das Bewusstsein verliere. Das Unausweichliche hinauszögern, im allerbesten Fall.
Eine weitere Vision auslösen, einen erneuten Einblick in jene Zukunft gewinnen, die ich sah. Eine Zukunft mit Chloe. Chloe… Doch wie? Ganz egal wie sehr ich mich auch konzentriere, wie sehr ich meine Augen zusammenkneife und sie mir ganz fest herbeisehne.
Ihr die Finger abbeißen, ihr zumindest das Messer aus der Hand lösen, es dann in den Zähnen halten wie ein Pirat, ihr ins Fleisch stechen. Ich kann nicht—jemanden im Zeitstillstand auch nur einen Millimeter zu bewegen gleicht einem Kampf gegen ein Bergmassiv. Und selbst wenn es gelingen sollte, was dann? Sie würde nur wütend werden. Selbst wenn ich sie irgendwie ernsthaft verstümmeln könnte, zu welchem Zweck? Ich wäre noch immer ganz genauso gefangen.
Stunden und Stunden des Versuchens und ich habe nichts. Gar nichts. Nichts außer stahlkalter Furcht in der Brust, einem verschwommenen Messer vor Augen und einer Zukunft im Nichts. In schaudernden Atemzügen ergebe ich mich der unausweichlichen Wahrheit vor meinem Angesicht.
Der einzige Weg nach draußen…
Halte durch. Nichts hiervon wird jemals existieren.
Der einzige Weg nach draußen ist geradeaus.
„Es tut mir leid…"
„Oh. Wie war das?"
„Bitte, aufhören… es tut mir leid…"
Ich hielt keinen Tag lang durch. Ich hielt keine Stunde lang durch.
Ich bin keine Geheimagentin. Ich bin keine Superheldin.
„Bitte, verzeih mir…"
„Oha, wow. Ich werd' ganz ehrlich mit dir sein, das hat viel länger gedauert als ich gedacht hatte. Du bist'n echt knallhartes Stück, Max." Sie findet eine saubere Stelle auf ihrem Putzlappen und wischt mir erneut die Tränen aus dem Gesicht. Die saubere Stelle ist rot befleckt, als sie fertig ist. „Aber… was genau tut dir überhaupt leid?"
„Dass… meine Widerworte. Nathan… einfach alles…"
„Achso, verstehe. Gut, das ist sehr gut." Sie greift nach etwas Schwerem auf ihrem Tablett, hebt es hoch. „Dann können wir ja endlich mit den fortgeschritteneren Sachen anfangen. Du kochst mittlerweile förmlich über vor tiefen, tiefen Schuldgefühlen. Zeit also, dass wir dir 'ne kleine Abkühlung verschaffen."
„…Was?"
Samantha fährt sich großzügig über die Lippen, dann küsst sie meine nackte Schulter—jene bislang noch ungezierte Seite von ihren „supercoolen Narben".
Triumphierend hält sie das Gefäß in die Höhe und sieht mich an mit blanker Schadenfreude in den Augen.
„Und so," verkündet sie stolz, „fühlt sich Salzsäure an."
„Aber ich dachte—!"
Das Gefäß kippt über und entleert sich. Der Schmerz überrollt mich wie ein Blizzard, begräbt meine Welt in blendend weißem—
—blendend weißem—
Licht
brennt in meinem Auge. Das eine, das ich noch aufmachen kann. Es geht niemals aus. Blinzelt nie.
Langeweile ist ihre ganz eigene Form der Folter. So viel durfte ich bereits lernen. Die Stunden und Aberstunden ziehen an mir vorbei ohne dass irgendetwas passiert, und sei es nur ein Mucks, auf den ich mich fokussieren könnte, nichts neben mir und den kochenden Qualen unterhalb der Bandagen und zwischen den Nähten. Schlaf ist ein Traum, den ich niemals erreiche, der mir nicht zusteht. Die dunklen Albträume grassieren blindwütig durch Wachzustände, färben über ins blendende Weiß.
In ihrem Nachspiel könnte ich mich vielleicht einmal wiederfinden. Könnte den Kampf erneut aufnehmen. Wenn es sich denn nur um mich drehte, wenn es denn nur mein eigenes Fleisch wäre, könnte ich wohl eines sonnigen Tages vergessen—
Was sie Chloe angetan haben.
Oh, meine Göttin. Was sie meiner Chloe angetan haben…
Ich hätte mich ergeben sollen. Hätte ich doch nur niemals—
—den Sturm zurückgebracht—
Der Sturm
tobt draußen. Selbst noch an diesem Ort erreicht sie mich mit ihrem kaum spürbaren Beben und schallenden Donner. Die Villa knarzt und ächzt über meinem Kopf, Böen des Windes grollen bis hinunter in ihr Fundament, dringen ein durch den Ventilationsschacht, der in meiner Zelle mündet.
Und doch, es kommt kein Wasser.
Ich erhoffte mir die Sturmflut. Ich betete um sie. Möge sie hereinbrechen in diese Welt aus Drei mal Drei mal Drei und über ihre Stadt hinwegschwemmen mit all ihrem Schmerz, den sie ihr gebar. Lasse diese Höllenqualen in ihren Wellen hinfortgespült und dieses elende Schlamassel meiner wertlosen Existenz im salzigen Nass ihres Daseins erlöst werden. Und tatsächlich. Es geschieht hier unten, einsam zusammengekauert in meinem blendend weißen Ecklein im toten Winkel der Kameras, da ich mich zum ersten—nicht jedoch zum letzten Mal nach meinem Ende sehne noch vor meiner Freiheit.
Freiheit. Der Lüftungsschacht, dröhnend im Einklang mit meinem Sturm. Viel zu schmal für einen Menschen, doch ich kann seine Ventilatorblätter tanzen sehen, abgeschirmt hinter Drahtnetz und Gitter. Wenn ich nur an seine Flügel herankäme, sie ausreißen, sie weiter schärfen—
Nein, nein, nein, denke gar nicht erst daran. Lasse die Option bestehen, unberührt, vergessen. Sollte ich auch nur an sie denken, dann wird sie es wissen. Wenn sie eine Zukunft ist, die ich betrachte, wird sie es wissen. Sie weiß es immer. Sie ist in meinem Kopf, stets in meinem Kopf, ich kann sie nicht mehr länger ertragen, ich kann nicht—
—ich kann nicht—
„Ich kann es nicht tun…"
„Falsch," erwidert er, „Sie geben nur noch nicht Ihr Bestes."
„Ich gebe doch schon alles, aber ich kann einfach nicht! Ich verliere hier bald das Bewusstsein…"
„Ganz genau. Dies sind die beiden Optionen, die ich Ihnen gebe: Erreichen Sie die Markierung oder verlieren Sie das Bewusstsein. Es gibt hier keinen Mittelweg, Miss Caulfield. Wir wissen bereits, dass sie hierzu in der Lage sind, es ist alles nur eine Frage des zweckmäßigen Trainings."
Ich halte meine Augen gesenkt, fixiert auf meine Hände. Sollte ich aufsehen, so sehe ich nur diese Fremde im Spiegel. Ich will sie nie wieder zu Gesicht bekommen.
„Ich halte nicht mehr durch. Bitte, ich halte nicht mehr länger durch…"
„Ich denke, Sie werden sich in Kürze selbst eines Besseren belehren. Händigen Sie das Telefon zurück. Lassen Sie uns von vorne anfangen."
„Fick dich, ich hab' genug von dieser verfickten Scheiße…"
„Ich warne Sie ein nur letztes Mal. In meiner Gegenwart haben Sie den Gebrauch solcher Sprache zu unterlassen."
Ich renne an gegen den gottverdammten Spiegel, breche beinahe vor ihm zusammen. Diese widerwärtige Zyklopin auf der anderen Seite fängt jeden meiner schwächlichen Schläge mit ihren eigenen ab, fast so als könnte sie sie vorausahnen. „Fick dich! Du verfickter—"
Der Stoß, der mich vom Halsband aus von Kopf bis Fuß durchfährt, lässt meine Schreie zu Schluchzern verkommen.
Ist gar nicht mal—
—so schlimm
klar, es kommt nicht mal annähernd an den richtigen Elektroschocker ran, aber trotzdem—
„Händigen Sie das Telefon zurück."
Ich kann das Wimmern meiner Kehle nicht zurückhalten, als ich vom Boden aufstehe, um das verfluchte Ding in den Schlitz zu legen, die Klappe zumache, den Knopf drücke. Es landet automatisch auf der anderen Seite, alles fälschungssicher, ungeachtet meiner besten, vollstens vergoltenen Versuche.
Halte den Blick auf deine Hände gesenkt. Sieh nicht auf, du wirst nur wieder diese jämmerliche Teufelin im Spiegel sehen.
Das verfluchte Ding kommt schon nach wenigen Augenblicken zurück. Ich sehe die Stoppuhr.
Sie zählt bereits herunter von knapp mehr als dreißig Minuten. Dreißig Minuten einer perfekten Absolutzeitlupe. So weit jenseits meiner gewöhnlichen Reichweite, dass es eigentlich schon jeglichen Sinn entbehrt, es überhaupt noch zu versuchen.
„Starten Sie bei exakt dreißig. Es warten sehr unangenehme Konsequenzen auf Sie, sollten sie stoppen, ehe die Uhr vollständig abgelaufen ist."
Es gibt eine ganze Reihe an Möglichkeiten, das Resultat zu verfälschen. Ich wage sie inzwischen gar nicht mehr erst, sie hauen sowieso nie hin. Erstens, sollte auch nur der Hauch einer unvorhergesehenen Anomalie auftreten, wird die gesamte Trainingstortur wieder auf Anfang zurückgesetzt. Zweitens, er hat irgendeinen siebten Sinn dafür, wenn ich lüge, er merkt es jedes Mal. Jedes einzelne Mal.
Der Druck baut auf sich in meinem Kopf, noch bevor ich überhaupt starte. Er dröhnt und pocht ganz im Einklang mit meinem unsteten Herzschlag, mein Rückgrat fühlt sich an, als wäre mir jeder einzelne Wirbel auf halbe Größe zusammengeschrumpft unter ihrer ständigen Last. Nie im Leben besteht auch nur der Anschein einer Hoffnung, dass ich es so weit schaffen könnte, nie im Leben…
Die Welt beginnt um mich herum zu schmelzen wie ein Wachshaus im Hochofen, während ich beobachte, wie die Bruchteile der Sekunden im Schneckentempo herunterticken. Es ist alles so unwirklich, surreal, hier gefangen zu sein, so etwas durchzumachen, dass mein Leben hierzu verkommen sein könnte. Dies ist was Entführungsopfer fühlen müssen, dieser fortwährend im Hinterkopf nagende Eindruck des Zweifels an der Realität selbst, dieser konstante Zustand der Falschheit in allem, was passiert, des Überhaupt-Hier-Seins im Hier und Jetzt, in dieser beinahe lachhaft absurden Situation.
Und während ich so vor mich hin sinniere über meine zweifelhafte Existenz, mich einmal mehr in eine weitere Absolutzeitlupe zwinge, überkommt mich der viel zu süße und verlockende Gedanke, dass ich ja vielleicht schon das Bewusstsein verloren habe, wer weiß? Vielleicht geschieht all das hier am Ende ja wirklich nicht. Ich denke nicht, also kann ich auch gar nicht sein. Nichts hiervon ist real. Ich bin nicht—
—real—
Du bist nicht real. Du bist schon längst tot.
„Du hältst mich am Leben, Max. Du hältst mich stets bei dir, an deiner Seite, gemeinsam für immer in unserer Dunkelkammer. Kommt es dir noch normal vor, dass ausgerechnet dieser Ort zur Zuflucht vor deinem blendenden Weiß wurde? Wir haben ja jetzt so viel gemeinsam, wir könnten beinahe dieselbe Person sein, du und ich."
Halt die Fresse. „Lass mich in Ruhe," warum hältst du nicht endliche deine beschissene Fresse?
„Gequält und gefoltert bis ans Ende ihrer Tage. Es ging weit schneller für mich, weiß du? Ich hielt keine ganze… oh, hast du überhaupt mal auf die Uhr geguckt? Weißt du denn gar nicht, wie lange du schon hier bist?"
„Als wäre das jetzt noch von Bedeutung."
„Vielleicht nicht für dich. Sehr wohl aber für sie. Und je länger du dich ihr widersetzt, desto schlimmer wird alles nur noch werden."
Widersetzten.
Ich weiß nicht einmal mehr, was dieses Wort überhaupt noch bedeutet. „Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, mich zu widersetzten."
„Das denkst du vielleicht, aber Widerspenstigkeit reicht noch weit tiefer als was du im jeweiligen Augenblick sagen oder fühlen könntest. Du hoffst noch immer. Du hasst noch immer. Du stehst noch immer jedes Mal wieder von Neuem auf. Ist all die Zeit, die du mit mir verbringst, ein Teil davon? Hilft es dir, dich an mich zu erinnern? Die Dämonen deines vergangenen Lebens an deiner Seite zu wissen?"
„Ich bin nicht… das bin nicht ich." Es ist nur eine Illusion. „Raus aus meinem Kopf…"
„Ach, komm schon, Max, nicht das jetzt schon wieder. Nun waren wir für einen Augenblick schon so gut miteinander ausgekommen. Warum mich jetzt noch loswerden? Ich bin doch alles, was du noch hast."
„Ruhe! Hör auf mit meinem Kopf rumzuspielen, hör auf mir das anzutun!"
Ich stürze mich auf seine Erscheinung, auf dieses Hirngespinst eines Mannes. Ich werfe ihn zu Boden, presse ihn gegen die Fliesen, prügle auf ihn nieder auf dieselbe Weise wie es nur eine verzweifelte Gefangene jemals tun würde, die sich an ihrem Peiniger zu rächen sucht.
Und er lacht. Er lacht nur unter mir. Je mehr ich auf ihn einschlage, desto freudenvoller lacht er mich aus.
Und irgendein restlicher Teil meines Gehirns, ganz hinten drin, weiß genau, dass da nur ich bin, einprügelnd auf nackte Fliesen mit blutbeschmierten Fingern—
—blutbeschmierte Finger—
Ein Finger. Ein mit Blut beschmierter Finger,
er liegt auf dem Fußboden. Ich erkenne den Nagellack, abgefressen und lange verblasst. Ich kenne den Ring, der ihn umgibt. Ein Ring, den ich ihr gab, eine Unendlichkeit ist es her. Ich starre ihn an, reglos, versteinert in Furcht, mich zu bewegen, ihn aufzuheben. Er wird dann real sein. Er wird aufhören nichts als ein Albtraum zu sein.
Eine Notiz liegt darunter, blutig, Diannes Handschrift. Ich werde sie nicht lesen, ich weigere mich sie zu lesen—
Du hättest sie retten können.
Was soll das bedeuten? Ist sie schon tot? Ist das alles, was sie bedeutet?
Sie haben sie umgebracht. Gott, sie haben sie endlich umgebracht. All diese Zeit, und sie bringen sie einfach um, Monster, verfluchte Monster, meine—
—Chloe
Oh, Chloe.
Das ist nicht sie. Das kann unmöglich sie sein.
„Max… bitte…"
Du bist nicht meine Chloe.
„Tu was sie verlangen."
Ich kann nicht einmal meine Augen vom Bildschirm abwenden. Wie soll das bitte dieselbe Chloe sein, an die ich mich seit Lebzeiten erinnere?
„Gib ihnen alles, was sie wollen."
Doch ich weiß es. Ich hörte ihre Stimme schon einmal brechen auf dieselbe Weise.
„Bitte…"
Ich habe sie so sehr geliebt.
„Ich will einfach nur sterben."
Wer in aller Welt tut so etwas?
„Bitte lass mich endlich sterben."
Wer tut so etwas?
Da.
Da ist sie endlich. Ich bin da, ich habe sie gefunden. Sie hat mich gefunden. Du kannst endlich aufhören, mich ständig danach zu fragen, Sam. Das ist sie.
Die Ebbe meiner Hoffnung.
Es könnte einen Ausweg geben.
Der einzig mögliche Ausgang aus einem Tunnel ohne Ende. Eine allerletzte Möglichkeit. Sie erschien mir schon einmal vor einer ganzen Weile, dann ist sie wieder verschwunden. Warum hatte ich bis jetzt noch nie den Beschluss gefasst sie zu wagen? Ich weiß es nicht. Ich muss mir irgendwie vorgekommen sein, als gäbe es noch etwas zu verlieren. Ich muss mir vorgekommen sein, als wäre mein Verstand noch der meine.
Schon bald hatte ich nicht einmal mehr den Willen, darüber nachzudenken. Wann immer sie ihn wieder mal eine Weile lang an sich gerissen hatte, da war ein Teil von mir sogar dankbar. Ein Entkommen, so kurz es auch sein mag. Nicht mehr länger gezwungen sein, in diesem meinem eigenen Körper zu leben, gefangen, gefoltert, alles lief auf dieses eine, glorreiche Ende zu. Ja, ich kann es mir selbst nicht einmal mehr verleugnen. Ich habe sie in meinem Geiste willkommen geheißen.
Es wird sehr bald vorbei sein. Ein Ende finden. Das ist, warum ich es versuchen muss. Es ist irrsinnig gewagt, eine geradezu lachhaft weit hergeholte Spekulation, doch ich muss sie versuchen.
Ich liege auf dem Rücken, starre gegen die Decke, gebe mein Bestes, diesen kläglichen Rest meines einfältigen Verstandes zusammenzukratzen—doch ich beabsichtige nicht, wehe du fängst an, hier irgendeine präzise Absicht zu hegen. In dem Moment, da ich die Zeit festhalte, darf ich nicht einmal den Bruchteil einer Sekunde von ihr ablassen, noch nicht einmal ganz am Ende. Sollte ich sie loslassen, dann wird ihre neue Realität bereits Gestalt annehmen. Sie wird es in der Vergangenheit gewusst haben, und dann wird sie schon längst Vorkehrungen getroffen haben, um es zu verhindern. So funktioniert das ganze doch, nicht wahr?
Teufel, was weiß ich schon. Tu es. Tu es jetzt. Halt.
Schritt eins: Komm irgendwie an den Ventilator ran.
Während des Zeitstillstands grabe ich unter der Matratze nach dem Ring, ich zwinge meine Beine mir zu gehorchen, nur mir allein, ein allerletztes Mal. Ohne zu stolpern klettere ich auf die Toilette und richte mich auf. Und jetzt den Ring irgendwie verkeilen—
Der Ring, der ihr Geschenk war
—verkeilen zwischen den Gitterstäben, die kleinste Brechstange der Welt, bis sie genug verbogen sind und meine Finger durchpassen. Ah, Mist, nicht fallen lassen, nein!
Oh, stimmt. Ist eh ganz egal. Er fällt einfach in den regulären Zeitfluss hinein, schwebt direkt vor mir auf Augenhöhe.
Also reingreifen. Mit der ganzen Hand. Und ziehen, reiße sie auseinander, du kannst es schaffen. Ich weiß, dass es wehtut, mir doch egal, du schaffst das, also hör auf zu heulen.
Mit einem Ruck reißt die Abdeckung entzwei, ich verliere den Halt, stolpere, und falle rückwärts in Zeitlupe zu Boden. Mehr als genug Zeit mich umzudrehen, auf den Füßen zu landen. Mann, bin jetzt schon wieder hundemüde. Sie können mir noch so viel Zwangstraining aufhalsen, ein perfekter Zeitstillstand wird auf diese Weise niemals jemals einfacher werden.
Ich kann es aushalten. Komm schon, du kannst es aushalten. Ich habe sie zuvor schon weit länger festgehalten als ich jemals hierfür brauchen könnte. Man könnte beinahe behaupten, ich habe die ganze Zeit über genau hierfür trainiert.
Als nächstes das Netz. Das Ding aus dem Weg zu prügeln ist nicht mal mehr der Rede wert in diesem Zustand, es ist dünn genug, um es einfach an den Rändern einzudrücken und im Zeitstillstand dort zu belassen. Ich darf es nur nicht mehr berühren, dann bleibt es auch so. Auf diese Weise habe ich genug Zugang, um die restliche Abdeckung aus ihrer Verankerung zu heben. Ich werfe sie zur Seite, wo sie neben meinem Kopf zu schweben beginnt.
Schritt zwei: Der Ventilator selber. Meine Hand greift schon beinahe wie auf Autopilot nach den Rotorblättern, ehe ich bemerke, dass sie sich ja noch immer mit voller Geschwindigkeit in ihrem Gehäuse drehen. Wäre eine effektive Art meine Finger gleich hier und jetzt zu verlieren—und an denen klebt ohnehin schon genug Blut, vielen Dank auch. Stattdessen reiße ich eine Hälfte des Drahtnetzes aus der Abdeckung, falte es zusammen und stopfe es zwischen Rotorblätter und Gehäuse. Die ganze Konstruktion tut einen zurückschaudernden Schlag, als sich die Rotationsenergie des Ventilators durch mein provisorisches Werkzeug in meine Hand entlädt, die Vibration entreißt es kurz meinem Griff—doch natürlich verbleibet alles an Ort und Stelle, sobald ich es loslasse. Erneut danach zu greifen ist das seltsamste Gefühl überhaupt, ein vibrierender Phantomstoß, mehr eine physikalische Intention denn eine handfeste Kraft. Physik macht manchmal die verrücktesten Sachen, wenn die Zeit t scheinbar, aber dann doch nicht wirklich Null ist. Obwohl ich hinzufügen sollte, dass Physik für mich noch nie viel Sinn ergeben hat.
Mittels des Netzes drücke ich gegen die Rotorblätter, widerstehe ihrem Drehmoment. Drücke, drücke, drücke, bis sie sich schließlich bewegen lassen. Da, endlich, kein Gegendruck mehr. Der Ventilator sollte jetzt aber langsam echt stillstehen.
Gottverdammt, ich brauche jetzt aber langsam echt 'ne Pause. Wacklig auf den Zehenspitzen zu stehen und meine Hand so weit es nur geht in den Schacht hinein zu strecken fühlt sich aber verfi—ähm, verflixt! Verflixt aber auch bescheuert an.
Also gut. Wollen mal sehen wie stabil dieser Ventilator wirklich ist. Scheint mir machbar zu sein. Versuchsweise halte ich mich an einem Rotorblatt fest und es gibt ein paar Millimeter unter meinem schwachen Zerren nach. Ich stütze meine Knie an der Wand ab und beginne, daran zu ziehen so gut ich nur kann. Ich bin außer Atem, noch bevor sich der Flügel auch nur einen Zentimeter gerührt hat. Sowas von erbärmlich, ich möchte Wetten, Chloe könnte das Ding mit Leichtigkeit einfach so mit einer Hand drehen und aus der Verankerung reißen.
Chloe…
Denk gar nicht erst an sie, wehe dir, wenn du jetzt die Konzentration verlierst. Wir können das ganze wieder richten. Dies ist mein Ausweg, meine letzte Hoffnung. Bleibe in diesem Augenblick.
Zu drücken und das Ding in die entgegengesetzte Richtung zu schieben ist noch weit schwerer. Ich habe nicht wirklich irgendetwas, woran ich mich festhalten könnte, deshalb verliere ich andauernd den Halt und gerate ins Straucheln. Es kostet mich wertvolle Minuten keuchenden Atems und kümmerlichen Wimmerns. Und so setzt sich die Prozedur fort, ich biege und krümme das Ding vor und zurück, vor und zurück, genau wie die Zeit, jedes Mal ein bisschen einfacher als zuvor, bis sie irgendwann Abnutzungserscheinungen an den Rändern zeigt, und dennoch jedes Mal ein bisschen schwerer vor Anstrengung, während die Max-Zeit dahinfliegt.
Ich falle ein letztes Mal rückwärts von meinem Podest, als das Ding endlich nachgibt und unter meiner zähen Bearbeitung abbricht. Ich werde erfüllt von einer schier absurd anmutenden Wonne, als ich erneut langsam zu Boden schwebe. So weit ist es nun schon gekommen mit mir. Von all den Dingen in diesem Universum, von denen ich mir jemals zu träumen wagte, sie könnten mir Freude bereiten…
Halt. Ja. Die Zeit fest. Konzentriere dich auf diesen verfluchten Augenblick.
Ich inspiziere mein kostbares, neugewonnenes Werkzeug. Die abgebrochene Kante ist etwa fünf Zentimeter zackigen, schartigen Metalls, alles andere als ein klarer Bruch, geschweige denn eine scharfe Klinge. Sie verspricht jedoch viel. Sie kann funktionieren, mit der entsprechenden Behandlung.
Schritt drei: Schärfe deine Klinge. Ich sehe mich im Raum um. Die Toilette wird mir hier nicht mehr weiterhelfen, nichts als glattes Porzellan. Das Gitter, das ich kaputtgebrochen habe, ist viel zu lasch und bietet keine klaren Kanten. Die Bettpfosten sind ebenfalls rund und noch dazu mit dem Boden verschraubt, aber immerhin ihre raue und körnige Oberfläche könnte klappen mit nur genügend Schleifarbeit. Die Türe ist überwiegend flach, mit Ausnahme der Durchreiche… die steht ein paar Millimeter hervor und sie ist definitiv stabil genug. Könnte meine beste Option hier sein.
Ich schleppe meinen armseligen Kadaver zu ihr hinüber und teste mein Glück, presse den abgebrochenen Metallsplitter gegen die Kante und schleife los. Meh. An den Zacken lässt sich so zwar feilen, doch die weiche, runde Ausbuchtung der Durchreiche würde wahrscheinlich nur meine Klinge abstumpfen, sollte ich danach so weitermachen. Versuchen wir also den Bettpfosten.
Ja. Ja, das wird funktionieren. Ich werde zwar eine Weile lang hier sitzen, doch es wird funktionieren. Das konstante Vor-und-Zurückschleifen ist ein weiterer dieser außerweltlichen Gefühlseindrücke, einer von der Sorte, der deine Hand einschlafen lässt zwischen den gelegentlichen Krämpfen. Immerhin muss ich das Geräusch nicht hören im nahezu schallfreien Raum zwischen der Zeit—es ist gerade mal eine Vibration, ein entferntes Kreischen von Eisen auf Stahl, das mir den Arm hinaufwandert in die Schulter und weiter. Vor und zurück, kümmre dich um beide Seiten, mach sie schön gleichmäßig. Ich kann der Prozedur gerade mal die halbe Gedankenkapazität meines ohnehin schon minderbemittelten Verstandes widmen: Die Zeit festzuhalten entwickelt sich allmählich zur ihrer ganz eigenen Tortur.
Ich halte sie auf Augenhöhe zum gefühlt hundertsten Mal, drehe sie in diese und jene Richtung, fühle ihre Schärfe. Besser wird sie kaum werden. Nicht gerade die Rasiermesserklinge, die ich mir erhofft hatte, doch es besteht auch keinerlei Zweifel, dass dieses fiese, kleine Monsterchen hier schon sehr bald jemandes Tag ruinieren wird…
Aber als allererstes, weg mit dieser unerträglichen Infusionsleine. Lass sie dich ja nicht mit ihrem Schlotz vollpumpen, falls der Zeitstillstand zum Ende hin abschwächen sollte. Gott, wer weiß schon, wie viel bleibenden Schaden all die Drogen schon angerichtet haben könnten? Sie waren als Teil des ganzen Prozesses vorgesehen, nicht wahr? Orientierungsverlust, Fragmentierte Gedanken, Schlaflosigkeit. Nicht, dass es jetzt noch länger von Bedeutung wäre, ganz egal ob das hier funktionieren sollte oder nicht. So oder so wird mir nicht mehr viel Zeit bleiben in dieser Realität.
Ich begebe mich in den toten Winkel meines gewohnten Eckleins, kauere mich dicht gegen die Wand. Schritt vier.
Schritt vier…
Meine Hände zittern, als ich mir die sorgfältig geschärfte Kante ans Handgelenk halte.
Auf geht's, Max. Du bist schon so weit gekommen. Es gibt keine andere Option, du hast nichts mehr zu verlieren, du bist ohnehin schon längst tot. Ziehe sie lang und tief, du kannst es schaffen, du hattest schon weit schlimmeres. Je länger zu zögerst, desto schwieriger wird es in Kontrolle zu bleiben.
Ein entschiedener Schnitt. Komm schon. Sei jetzt kein Angsthase.
Ein
entscheidender
Schnitt—
Schhhheiße! Scheiße—halt, halt dich ja an der Zeit fest, wag es ja nicht, sie loszulassen. Mach weiter, komm schon, das hier? Das is' doch gerade mal 'ne läppische Fünf. Versuch mal den Elektroschocker. Der is' 'ne gehörige Sieben. Oder 'ne Acht, hängt ganz von der Stelle ab, wo sie ihn ansetzt. Salzsäure, wenn sie dir auf Haut zischt, sich durch dein Fleisch frisst und ihre Dämpfe dir in den Atemwegen brennen, das ist 'ne von ganzem Herzen empfundene, gottverdammte Zehn. Das hier ist doch 'n alter Scheißdreck dagegen.
Andere Seite auch noch, noch länger, noch tiefer, noch röter—rot wie Chloes Lippen, sanft wie Chloes Fingerspitzen.
Halte sie fest. Halte sie verdammt nochmal fest. Blut, heilige Scheiße, so viel Blut, es fließt überall hin. Atme, weiteratmen, weinen ist O.K., alles ist gut, einfach nur das Atmen nicht vergessen.
Konzentration.
Du hast nur diese eine Chance. Diese einzige Hoffnung. Konzentration. Lass sie niemals los und bleib ja nicht stehen, um sie zu beobachten. Die Erlösung. Unsterblichkeit.
Der Komplettneustart.
Nur eine einzige Chance, ihn zu rufen, und dann so weit zurückzureisen wie nur irgend möglich, bevor dieser grausame Albtraum seinen Anfang genommen hat. Klinge ich verzweifelt? Oh ja, und tausendmal zur verfickten Hölle ja, ich bin verzweifelt, doch die Zeitreise könnte funktionieren, sie könnte—und dieses Mal weiß ich sogar sicher, dass sie kommt, ich weiß wie sie aussieht, ich kenne die Zeichen. Ich muss sie nur festhalten und mir ihre Kraft zu Nutze machen. Es wird funktionieren, entweder so…
Oder…
Bleib wach! Wehe dir, solltest du jetzt noch das Bewusstsein verlieren auf den allerletzten Zentimetern, dieses Spiel ist noch lange nicht gelaufen. Hatte aber echt nicht erwartet, dass es so schnell gehen würde. Nicht… wirklich überraschend. Ich war… so schwach… in letzter…
Bleib. Bleib wach, bleib hier. Sie wird kommen. Sie muss kommen, sie kommt immer, und ich muss auf sie warten… ich muss sie—
Ich brauche sie…
Ein kurzer Augenblick. Weit weniger noch als das.
Zuvor noch… ich kauerte in meinem toten Ecklein.
Nun jedoch… ich liege auf dem Rücken, starre gegen die Decke, kratze diesen kläglichen Rest meines einfältigen Verstandes zusammen.
Ich sehe mich um. Das Gitter sitzt in seiner Verankerung. Die rote Lache auf den Fliesen ist nirgends zu sehen.
„Nein…"
Es gab gar nichts festzuhalten. Nichts zu rufen und zu Nutze zu machen. Sie kam einfach von außerhalb und ich konnte sie nicht einmal mehr spüren, exakt so wie meine Kräfte Außenstehende nicht spürbar sind.
„Nein, nein, nein…"
Es gibt keinen Ausweg. Es gibt keine Hoffnung. Ich kann nicht einmal meinem eigenen Leben ein Ende bereiten, denn ist wahrhaftig nicht mehr das meine. Alles, was mir noch bleibt, ist hier zu liegen bis…
Moment mal.
Etwas… ist anders.
Der Lüftungsschacht. Er liegt gespenstisch ruhig. Nicht ein einziges Lämpchen der Transfusionsmaschine in der Wand blinkt noch. Staubpartikel schweben perfekt reglos, aufgehängt in der Luft unter dem blendenden Weiß. Und die wenigen Farben des Raumes schimmern ineinander über, fast so wie in—
Die Zeit steht noch immer? Aber es bin nicht…
Ich sehe ihn gerade so aus dem Augenwinkel. Er flattert herein durch die wieder vollständig intakten Gitter des Lüftungsschachtes. Der blaue Schmetterling. Stimmt, sie hatte ja geschrieben, dass sie ihn jedes Mal sieht, wenn es passiert. Ich wünschte, ich könnte an dieser Stelle behaupten, dass ich es die ganze Zeit genau hierauf abgesehen hatte, doch bis an diese Stelle hatte ich überhaupt nicht vorausgedacht. Oder?
Ich folge seinem Flug, wie er seine schlenkernden Kreise vor meinen Augen zieht. Schließlich landet er auf der Klobrille, zeigt geradewegs in meine Richtung als wäre nichts dabei. Schlägt einmal gelassen mit den Flügeln.
Blinde Wut kocht hoch in meiner Brust, ganz tief unten im Racheengel-Bereich, dann verpufft sie wieder schlagartig. Ich habe schlicht nicht mehr die Kraft dazu, ich spüre sie nicht länger in mir.
Die Fragen entgehen meinen Lippen mit nichts als einem brüchigen Krächzen. „Was willst du von mir? Warum hast du mir diese Kräfte gegeben? Was war es meine Bestimmung, zu tun?"
Er beobachtet mich, scheinbar gleichgültig gegenüber allem, was ich tun könnte.
Ein neuer Gedanke macht sich breit in meinem Kopf. Der finale, der allerletzte in dieser unaufhörlichen Abfolge des Elends. All diese Zeit. Ich hielt diesen Tiergeist für meinen Beschützer, meinen Schutzengel, einen Wächter meines Geschicks, der mir stets zweite und dritte und vierte Chancen gewährte.
Doch nun überkommt er mich… dieser Gedanke, dass er mich nichts als hierhin geführt hat. Dass er einer von ihnen sein könnte. Dass er gar kein Schutzengel, sondern nur ein weiter dämonischer Wächter dieses Gefängnisses, das mein ganzes gottverdammtes Leben war.
Ein Teil von mir weiß, er erfüllt ohnehin keinen Zweck mehr… dieser Gedanke. Mich so sehr betrogen zu fühlen, darauf habe ich gar kein Anrecht. Er gelobte mir nie etwas. Es geschah alles nur in meinem Kopf.
Die Tränen fluten mir die Augen nichtsdestoweniger.
„Bist du… wirklich? Bist du einer von ihnen?"
Ein weiteres Schimmern… ein Pulsieren fast schon, farbenprächtiger noch als jedes strahlende Weiß überall um mich herum. Zunächst hielt ich es noch für das weiße Licht, das sich in den Tränen bricht, doch als ich meinen Blick wieder auf dieses Wesen vor mir wende, nimmt das Glimmen weiter Gestalt an, verschmilzt mit allen Farben des Regenbogens in einer unendlich schillernden Aura. Dem Schemen einer Person. Der Gestalt einer Frau.
Der Schmetterling setzt erneut zum Flug an und mit ihm nähert sich auch die Gestalt. Innerhalb seiner funkelnden Aura beginnt der Schmetterling zu glühen in kräftigem Schwarz und Blau und Gold, strahlend und herrlich und vollkommen fehl am Platze im harschen Weiß dieses Ortes. Ich kann meine Augen nicht abwenden, wie gelähmt, gebannt und überwältigt mit flachem Atem, während er langsam, zärtlich und sanft auf meinen Kopf zugleitet und sich auf meiner Stirn niederlässt. Die Hand dieser Frau, auf meiner Stirn.
Und im Einklang mit ihrer Berührung sprengen sich meine Gedanken aus ihren Ketten in einem einzigen, befreienden Atemzug—sie erfüllt mich, ihre Berührung, sie dringt ein in tiefklagende Kluften und schwarzbrennende Risse gepflügt durch meine geschundene Seele in Seen aus Tränen und Blut. Sie hebt mein Herz empor aus Schmerz und Morast und Schatten.
Ihre Berührung. Sie ist Liebe, makellos und rein. Liebe wie eine Nase zwischen meinen Strähnen in tiefster Schwärze der Nacht. Wie suchende und stets findende Fingerspitzen gegen die Züge meiner Haut unter einem wohl wissenden Lächeln. Liebe wie eine Hand, eng und innig verwoben mit der meinen, von der ich weiß, sie wird niemals jemals loslassen. Wie warmes Stöhnen und wogendes Schluchzen und tränengeküsstes, strahlendes Lachen. Ihre Liebe ist die längst vergangene Erinnerung an Alles, für das ich dereinst einmal lebte.
Ich blicke auf die Gestalt dieser Frau, dieser gottgleich leuchtenden Seele, deren Erscheinung von nichts und niemand geringerem stammen könnte als der Sonne meines Lebens.
„Chloe?"
In schimmernden Wirbeln manifestiert sich ihre Kontur zu jener Chloe, die ich von Lebzeiten her kannte. Chloe, blaues Haar und schwarze Jacke, mit ihrer abgetragenen Mütze trotz viel zu warmem Wetters und vollkommen zweckfreien Hosenträgern an ihrer Seite. Chloe, zornig fluchend auf einer Schultoilette, Chloe, bitterlich weinend auf ein flaches Grab.
„Deine Zeit, zu entscheiden, ist gekommen."
So viel Ferne in ihrer Stimme. So viel Kummer in ihren Augen.
„Ich hoffe du bist bereit dafür."
