Kapitel 13: Deine Entscheidungen waren von Bedeutung

Alles um uns herum, aufgehängt zwischen den Dimensionen. Ihre Präsenz strahlt eine außernatürliche Anmut aus, deren Herrlichkeit jenseits ganzer Welten zu reichen scheint, über jeden Zweifel erhaben. Nichts von alledem, was ich bis hier her erlebte, war jemals so surreal wie dieser eine Moment, und doch fühle ich mich genau hier und jetzt, in diesem Augenblick zwischen den Zeiten, so klar bei Verstand, so gegenwärtig wie nie zuvor seit meiner Gefangennahme. Dieser Dunstschleier des Wahnsinns, welcher mich und meine Gedanken mehr und mehr umnebelt hatte, wird wie von einer kühlen Brise am Morgen hinfortgeweht aus meinem Verstand, durchbrochen erleuchtet von gleißenden Strahlen ihres goldenen Lichts.

Und an dieser Stelle würde ich nun gerne von mir behaupten, dass ich schon lange genug in diesem Affentheater mitgespielt habe, um zu kapieren, dass nicht immer alles so ist, wie es erscheint.

„Du bist nicht wirklich meine Chloe, habe ich Recht?"

Sie streicht sanft mein Haar zur Seite und fühlt meine Stirn, sorgfältig darauf achtend, die fies geröteten Narben nicht zu berühren. Solch eine simple und praktische Geste der Fürsorge. Eine Geste zartfühlender Zuneigung, warmherzigen Wohlwollens und alter… Vertrautheit. Sie schüttelt langsam den Kopf.

„Bin ich nicht. Doch sie ist jetzt ein Teil von mir, genau wie ich Teil von dir bin. Ich habe mir beigebracht, mich mit ihr… zu identifizieren, gewissermaßen." Sie schenkt mir ein Lächeln. Es ist tatsächlich Chloes wunderhübsches Lächeln. „Und ich dachte mir, du könntest ein freundliches Gesicht vertragen. Ich möchte, dass du dich sicher fühlst, hier bei mir. Es zerreißt mich im Innern, dich so leiden zu sehen."

Ich höre Chloes Stimme, doch ihr unterliegen noch so viele weitere Ebenen und Facetten. Jede Silbe, jeder Buchstabe, eine einzige gütige Gewogenheit. Jeder Laut getränkt in tiefste Trauer.

„Aber… wie du mich berührt hast. Das hat sich angefühlt… es fühlt sich an wie—"

Wie sie.

Sie nickt anerkennend. „Es ist ihre Liebe. Und die deine. Ihr habt sie mir geschenkt. Und nun will ich mich dafür erkenntlich zeigen."

„Was…?"

„Es ist ein wenig kompliziert. Unser Bund, ich war nicht… na ja, ich war nicht richtig vorbereitet. Du hast mich verändert, Max. Ihr beide habt das getan."

Ich rolle mich auf meine Seite und stütze mich auf meinen Ellbogen. „Könntest du zur Abwechslung vielleicht mal nicht in Rätseln sprechen? Kannst du mir ausnahmsweise mal ein paar Antworten geben, mir einfach mal irgendetwas direkt verraten? Nur dieses eine Mal?"

Sie lacht sanft und herzlich. Und mit ihrem Lachen verströmt eine Welle der… ich weiß auch nicht. Begeisterung? Vorfreude? Oder doch einfach nur… innigster Zuneigung. Es ist seltsam, als existierte dort eine Verbindung zwischen uns, durch die ich unmittelbar fühlen kann was sie gerade empfindet.

„Ich werde dir mein Bestes geben," sagt sie, „doch ich fürchte, es gibt da ein paar Dinge in dieser Welt, die sich selbst beim besten Willen nicht erklären lassen. Manche Dinge sind ganz einfach." Sie hält meine Hand in den ihren. „Frage mich und ich will dir antworten."

Die übliche Flut aus Fragen drängt sich sofort auf die Spitze meiner Zunge.

Was bist du wirklich?

Was willst du?

Warum hast du all das auf meine Schultern geladen?

Warum hast du noch nie zuvor zu mir gesprochen?

Nicht eine davon mehr als ein unbedeutender Kiesel des gewaltig aufragenden Berges vor mir.

„Gibt es irgendeinen Weg, wie ich hier rauskommen und Chloe retten kann?"

Ihre unendlich tiefe Trauer, sie umhüllt mich, noch ehe sie zu sprechen beginnt.

„Sie ist schon lange fort, Max. Chloe starb an jenem Tag, an dem sie dich gefangen nahmen."

Ihre Worte lasten wie Sandsäcke auf meiner Brust, sie pressen selbst diesen letzten Hauch an Luft aus meinem Körper. Einen Moment lang erreicht kein Atemzug mehr meine Lungen. Ich muss mich wieder hinlegen. Ich sacke einfach auf der Matratze unter mir zusammen, erstickt unter ihrer grenzenlosen Last.

„Aber… ich habe sie gesehen. Ich musste zuschauen, wie sie… als sie—"

„Du hast gesehen, was Mirage wollte, dass du es siehst." Sie bringt meine Finger an ihre Lippen und küsst sie. Es sind tatsächliche Tränen, die ihr leise die Wangen hinabperlen. „Chloe musste nicht an deiner Seite mit dir leiden."

„Wie? Wie ist sie gestorben? Sie haben sie umgebracht?"

„Sie wusste, was man euch antun würde, also nahm sie die Sache selbst in die Hand. Das Video, welches sie dir zeigten, stoppt kurz bevor sie sich mit einer Kugel selbst das Leben nehmen konnte."

„Sie hat was?"

„Es war von Anfang an ihr Plan. Ein letzter Mittelfinger in Richtung Prescotts, damit man sie nicht gegen dich missbrauchen könnte. Natürlich… konnte sie nichts von Mirage wissen."

Eiskalte Trauer und lodernder Schmerz über diese neugewonnene Erkenntnis sind sehr wohl in meinem Herzen zu spüren, unmittelbar und grausam. Und doch, direkt darunter, Erleichterung, wie ein körperweit lindernder Balsam. Sie ist geradezu mit den Händen zu erfühlen; sie heilt jenen langwährenden Schmerz und tiefsitzenden Kummer, welche über all diese Zeit an meiner Seele genagt und mich Stück für Stück von innen verzehrt hatten.

Sie musste diesen schrecklichen Albtraum niemals durchleben. Dank sei allen Göttern da draußen, die zuhören mögen, sie musste all das niemals, jemals durchmachen…

„Sie hatte es nie erwähnt…"

„Natürlich nicht. Sie hatte ihre Entscheidung längst getroffen und du wärst voll ausgeflippt, hättest du es gewusst."

Ich stutze einen Moment lang und sehe sie an. Ich sitze auf und umschlinge meine gegen die Brust gepressten Knie. „Nichts für ungut, aber… du klingst nicht gerade wie eine Göttin."

Ihr himmlisch strahlendes Lachen schallt über jede Trauer hinweg. „Ich weiß. Ihr zwei macht bereits einen solch großen Teil von mir aus. Eure Gedanken und Emotionen und Motivationen… sie überschneiden und vermengen sich zu einem Ausmaß mit den meinen, dass ich sie manchmal selbst schon nicht mehr auseinanderhalten kann. Ich will mich auch gar nicht mehr daran erinnern, wie es war, bevor wir diesen Bund eingegangen sind. Solch starke Gefühle. Solch tiefe Fürsorge füreinander. Meine bloße Existenz hatte schon seit jeher einem Zweck gedient, doch nur seit euch trägt sie auch Bedeutung." Ihr Lächeln wird etwas verlegen und sie sieht befangen zur Seite. „Und mal abgesehen davon, es hatte ja sowieso nie jemand behauptet, ich sei eine Gottheit."

„Was… was bist du denn genau?"

Genau? Ich fürchte, auf diese Frage gibt es keine Antwort. Ich bin Bluewing. Ich bin Wandel… und freier Wille… und Entscheidung und Konsequenz. Ich bin die Hoffnung selbst."

Das Gesicht, das ich gerade ziehe, fiele noch weit düsterer aus, wenn die Narben dann nur nicht so wehtäten. „Ernsthaft? Das ist alles? Was ist mit all dem bescheuerten Scheißdreck aus dieser verfickten Kunstgalerie? Diese ganzen… ‚Spektren' und ‚Wächtern' und so weiter? Was ist mit dem ‚hunderte Jahre währenden' Krieg der Prescotts?"

Sie seufzt wie eine Lehrerin, die von ihrem eigenen Vortrag gelangweilt scheint. „Wenn du es wirklich unbedingt wissen musst, hier die Kurzzusammenfassung: Die Spectra sind irdische Urmanifestationen Gaias. Anomalien unter den Menschen, inspiriert durch- und getragen vom geeinten Willen aller Kreaturen Mutter Erdes sowie mit der Affinität diese zu erhalten. Die oi Daímones tón Phylákon—oder auch ‚Wächter', meinetwegen—sind nichts weiter als ihr Name vermuten lässt. Geister zur Wahrung des Status quo, weder gut noch böse, sondern vielmehr ihre ganz eigene Instanz des allgegenwärtigen Willens allen Lebens, zu überdauern. Die Avataras… wir entspringen der Realität selbst, aus dem kollektiven Bewusstsein allen Seins. Wir sind die Söhne und Töchter Elysiums, Aspekte geprägt durch die universellen Konzeptionen aller Kreaturen dieser Welt, sie verleihen uns eine Stimme und formen unseren Verstand. Für gewöhnlich wirken wir gemeinsam in einem harmonischen Konzert der Kräfte, und doch sind wir für alle Zeiten verdammt, einander zu trotzen." Sie rümpft die Nase, fast so als hinterließen die Worte einen bitteren Beigeschmack in ihrem Mund. „Fühlt sich irgendwie mega-öde an, dir das alles einfach so zu verraten. Ruiniert das ganze Mysterium."

Buhu, du hast vielleicht Sorgen, will ich diesem Chloe-Geister-Dingens beinahe schon ins Gesicht schnauzen—doch ich muss zugeben, an dem, was sie sagt, ist durchaus was dran. Macht es denn überhaupt einen Unterschied, wenn ich über all diesen Hokuspokus Bescheid weiß? Ich bin noch immer hier. Und noch immer ist alles absolut beschissen im Arsch.

„Also warum zur Hölle brauchst du mich dann noch? Warum in unserem Leben rumpfuschen? Könnt ihr eure gottverdammten Streitereien nicht einfach unter euch austragen?"

„Wäre es dir lieber gewesen, wenn Chloe auf Blackwells Schultoilette umgekommen wäre?"

„Es wäre besser gewesen als das hier! Und Chloe ist ja jetzt trotzdem tot. Gott, sie war das einzige, was mir jemals im Leben wirklich wichtig war, und jetzt ist sie trotzdem tot…"

Sie zögert noch etwas, dann setzt sie sich neben mich, ihre Fingerspitzen berühren leicht meine Hand. Durch ihre Berührung fühle ich ihre innigste Anteilnahme an meinem Schmerz, doch da sind auch aufrichtige Hoffnung und liebevolle Zuneigung und…

Furcht?

Sie fürchtet sich. Wovor in aller Welt könnte ein solches Wesen denn Angst haben?

„Der einzige Weg für uns Avataras, die Welt zu beeinflussen, führt über unsere Erkorenen," erklärt sie mir. „Und nur aufgrund der außergewöhnlichen Tiefe unseres Bundes ist es mir möglich, nun so zu dir zu sprechen. Deine angeborene Begabung als Augur hatte mich zu dir hingezogen, doch ich habe dich auserwählt, Maxine Caulfield, denn Chloe hatte Recht. Du bist in jeglicher Hinsicht einzigartig, und zwar auf die perfekte Art und Weise. Es gab da draußen noch andere, doch niemanden wie dich, und auch niemanden wie sie. Gemeinsam… ihr zwei beide wart meine beste Aussicht auf Freiheit."

Ich sitze einfach nur da, kämpfe darum, zu verstehen. Das alles ist ein bisschen viel auf einmal. Ich will ihr ganzes wichtigtuerisches Geschwafel am liebsten verhöhnen und verspotten, ihr für alles, was passiert ist, die alleinige Schuld zuschieben und verlangen, dass sie mir endlich verrät, worauf sie es am Ende wirklich abgesehen hat.

Freiheit.

Niemals zuvor wurde ein noch süßeres und magischeres Wort vernommen.

„Weißt du was? Das alles spielt doch jetzt eh keine Rolle mehr. Sag mir einfach, dass du einen Ausweg kennst. Es darf nicht auf diese Weise enden, ich werde alles dafür geben, sie wieder zurückzubekommen, alles…"

Ermutigung. Neu aufflammende Zuversicht. Ein Hauch besorgter Vorahnung.

„Das würdest du wirklich, habe ich Recht?"

Ja."

Sie hält einen Moment lang inne, ehe sie fortfährt. „Es gibt da eine Sache, die wir gemeinsam tun können. Doch wie so oft hat diese Sache ihren Preis."

Deine Zeit, zu entscheiden, ist gekommen. Das waren ihre ersten Worte an mich.

Ich sollte von Ehrfurcht ergriffen sein, doch an diesem Punkt kann ich kaum mehr als Überdruss in mir finden. „Also welche beknackte Entscheidung soll ich diesmal für dich treffen? Ich kann dir gleich sagen, wenn du von mir verlangst, dass ich Chloe für das größere Wohl oder sonst was aufgebe, kannst du dich von mir aus gleich wieder schön verpissen und mich hier einfach in Ruhe verenden lassen. Niemals wieder werde ich—"

„Machst du Witze, Max? Sie ist doch der halbe Grund, weshalb ich überhaupt erst gewillt bin, dieses Opfer zu bringen. Eure Liebe ist mir das verfickt nochmal kostbarste überhaupt, ich weiß doch schon längst, wofür du dich entscheiden wirst, es ist nur was danach passiert, wovor ich solche Angst habe."

Ihre plötzliche Eindringlichkeit macht mich stutzen und ich weiche leicht vor ihr zurück. „Wow, O.K., ist ja gut. Bist du dir auch wirklich ganz sicher, dass du nicht vielleicht doch Chloe bist?"

Sie gibt ein belustigtes Schnauben von sich. „Manchmal habe sogar ich selber so meine Zweifel daran. Das ist was ihr mir angetan habt. Ich war sonst eigentlich immer zumindest halbwegs vernünftig und rational."

„Ich habe einfach nur die Schnauze voll davon, ständig ihr Leben gegen irgendetwas Anderes aufwiegen zu müssen."

„Es gibt nichts, was ich mir sehnlicher wünsche, als dir ein gemeinsames Leben mit ihr zu ermöglichen. Eher werde ich bei dem Versuch sterben, als euch das zu verwehren…"

Ich blinzle. Blinzle noch etwas mehr. „War das jetzt… eine Redewendung… oder…"

Sie ist für eine Sekunde lang still. Ihre Haltung verlagert sich. Sie blickt geradeaus nach vorne und lehnt sich mit den Ellbogen auf ihre Knie.

„Hast du jemals einen Schmetterling gesehen, der in ein Spinnennetz geraten ist?"

„Äh." Ich denke darüber nach. Meint sie das jetzt irgendwie… metaphorisch? „Nein, nicht, dass ich wüsste jedenfalls."

„Nun, es ist auch ein sehr seltenes Ereignis, denn einmal gefangen und der Schmetterling hat nur wenige Sekunden, um auch wieder zu entkommen. Wenn sie es in dieser Zeit nicht schnell genug schafft, dann kommt die Spinne heran und zwickt ihr geradewegs die Flügel ab. Und dann wird es zu spät sein. Der Schmetterling—oder die Motte übrigens genauso— wird dann entstellt sein, auf ewig gefangen und gelähmt, ganz egal wie sehr sie versuchen sollte, hilflos zu zappeln."

„Das klingt… deprimierend."

„Ja… das ist es auch. Und darüber hinaus ist auch genau das, wovon sie glauben, dass es passiert sei." Ein winziges Lächeln formt sich auf ihren Lippen. Sie sieht mich von der Seite an, in ihren Augen blitzt jene stets unheilverkündende Raffinesse Chloes auf. „Doch ich bin die Hoffnung selbst. Und manche Dinge können sogar vor allessehenden Augen verborgen werden. Du hast deine Hoffnung doch noch nicht aufgegeben, habe ich Recht, Max?"

Ich muss ein bitteres Lachen ausstoßen. „Na ja, wenn man bedenkt, dass es keine fünf Minuten her ist, als ich mir die Pulsadern aufgeschlitzt habe…"

„Stimmt. Doch selbst das war noch ein Akt deiner Hoffnung. Du hattest niemals die Absicht, zu sterben, selbst noch nach allem, was sie dir angetan haben. Genau das ist nämlich ihr Ziel hier, verstehst du? Dich zu brechen und zur Entsagung deines eigenen Lebens zu drängen, getrieben von nichts als dem kärglichen Zweck, deinen Qualen ein baldiges Ende zu bereiten. Das ultimative Zeichen deiner Verzweiflung. Und genau an diesem Punkt hätten sie eingegriffen und dich wieder zurückgeholt von der Schwelle des Todes. Dieser gebrochene und seelenlose Körper wäre alles gewesen, was dann noch geblieben wäre, nichts mehr weiter als eine leere Hülle, in der wir bis ans Ende deiner sterblichen Lebenszeit gefangen wären. Diese hätte sie sich dann je nach Belieben zunutze gemacht, sie missbraucht und unsre noch immer innewohnende Kraft herausgesogen, bis nichts mehr von ihr übriggeblieben wäre…

„Doch du… du hattest versucht, zu entkommen. Es war die richtige Idee, sie war nur noch nicht gänzlich zu Ende gedacht. Wie weit, denkst du, würdest du gehen, wäre die Macht, Raum und Zeit zu überwinden, wahrhaftig und vollkommen die deine?"

Ich erwidere einen ganzen Augenblick lang nichts. „Ist das jetzt ein Angebot?"

„Sei so lieb und beantworte mir erst einmal die Frage, ja?"

„Ich… ich weiß nicht. Bevor wir nach Arcadia Bay gekommen sind? Bevor sie die Gelegenheit hatten, uns zu schnappen."

„Und nach allem, was du bis hierher gelernt hast, glaubst du, du könntest jenem endgültigen Schicksal auf diese Weise entkommen?"

„Wir hätten es versucht. Wir hätten bestimmt einen Weg gefunden."

Nicht-Chloe schüttelt den Kopf. „Ein unbedeutender Schnitzer in ihrem Gespinst, nichts weiter als ein winziger Rückschlag. Ihr hättet euch erneut in ihren Netzen verfangen, noch ehe ihr es überhaupt bemerkt hättet. Nein, Max. Du musst es vollständig zerreißen, es bis hin zur Unkenntlichkeit zerfetzen und zugrunde richten—und dann zuschlagen, bevor sie sich aus den Überresten ein neues Netz spinnen kann. Dies ist deine einzige Aussicht auf Freiheit."

„Wovon genau sprichst du? Du willst, dass ich Jahre zurückspringe? Ich habe doch schon mit William alles nur noch viel schlimmer gemacht, ich weiß nicht, ob—"

„Neineinein, nicht wie bei William. Über eine solch irrsinnige Distanz durch Fotos zu springen ist ein einziges unüberschaubares Durcheinander aus völlig unvorhersehbaren Ausgängen, du hattest damals die richtige Lektion gelernt. Ich spreche davon, zurückzugehen… und dann zu bleiben. Dein sagenumwobener Komplettneustart, so weit gestreckt wie es nur geht."

Ich brauche noch einen ganzen Moment, in dem ich sie nur entgeistert anstarre, mein eines gutes Auge steht weit offen. „Du könntest mich so weit zurückschicken?"

Sie schenkt mir ein diabolisches Grinsen seitwärts, so als hätte ich ihr gerade exakt die Frage gestellt, die sie erwartet hatte. „Nein. Das kann ich nicht. Über eine solch tiefgreifende Macht, die Realität zu formen, verfüge ich nicht." Sie steht auf und entfernt sich einige Schritte vom Bett. Nach einer gewichtigen Pause blickt sie über ihre Schulter zurück und fährt fort mit durch und durch gottgleich dramatischem Timing. „Doch wem diese Macht gewährt wird, darüber verfüge ich sehr wohl. Und genau an dieser Stelle kommst du ins Spiel."

Chloewing wendet sich mir wieder vollständig zu und hebt eine Hand, Innenseite nach oben. Ihre Stimme wird erfüllter, klarer und auch irgendwie… erhabener. „Du kannst hierbleiben und jenen Zweck, für den sie dich vorsahen, ohne ein weiteres Zutun erfüllen. Durch diese an sie gerissene Macht werden sie in der Lage sein, alle anderen Allianzen und deren Patriarchen mit einem Streich zu vernichten, und fortan das große Pantheon in seiner Gänze beherrschen. Aus den Schatten heraus wird die Familie Prescott ihren Einfluss und ihre Macht unkontrolliert verbreiten und weiter ausbauen zu einem weltumspannenden Geflecht der absoluten Kontrolle…

„Dies mag zunächst düster anmuten, doch wisse, dass ihre Absichten nicht böswilliger Natur sind, ungeachtet ihrer skrupel- und gnadenlosen Methoden. Sie dienen schlichtweg ihren eigenen Zielen und Nutzen. Die übernatürlichen Gewalten werden gleichgeschaltet werden, gebündelt und zweckorientiert. Ohne fortwährende Interessenkonflikte zwischen und innerhalb der Wächterallianzen, ohne ungebundene Spectra, die frei in der Welt herumstreunen und wie wild geworden Amok laufen können, und ohne stetig konkurrierende Avataras, die einander unentwegt hintergehen, wird die Welt sich zum Besseren wandeln. Im Großen und Ganzen jedenfalls…

„Oder…" Sie hält ihre andere Hand hoch. „Du kannst ein drittes Erwachen riskieren. Ich werde dir mich selbst hingeben, bis kein Teil mehr von mir bleibt. Ich weiß nicht genau, was passieren wird. Ich hatte gehofft, es so lange wie irgend möglich hinauszögern zu können, doch es ist noch immer viel zu früh. Es ist nicht vorgesehen, auf diese Art gemacht zu werden. Es könnte dich umbringen oder deinen Verstand überwältigen und zerstören oder ihnen ganz einfach noch weit mehr Macht in die Hände spielen als ohnehin schon…

„Doch ich kenne dein Herz wie sonst nur ein zweites. Ich kenne deine Stärken. Und ich bin der festen Hoffnung, dass du überdauern und dir diese neue Kraft, welche dir fortan innewohnen wird, zu eigen machen wirst, um zu tun was du tun musst. Du wirst dieses abscheuliche Gespinst zunichtemachen, sie jagen und allesamt zur Strecke bringen und dir unsere Freiheit mit ihrem Blute erkaufen. Du wirst uns rächen für alles, was sie uns angetan haben, dir und mir und Chloe. Was danach Folgenden geschieht… wird zur Gänze dir überlassen sein."

Ich sitze einfach da, im Stillen, und versuche ihren Worten irgendeinen Sinn abzuringen.

Heilige Scheiße.

Hey, wer hätte es auch anders erwartet. Da ist es ja wieder, dieses schaurig altbekannte Gefühl. Meine Hand auf einem Weltuntergangsschalter. Links oder rechts, vor oder zurück, Skylla oder Charybdis, beide Pfade vor mir führen ins sichere Verderben.

Der einzige Unterschied, diesmal besteht keinerlei Zweifel, für welchen Weg ich mich entscheiden werde. Nimm doch deine im Großen und Ganzen bessere Welt und schieb sie dir ganz tief dorthin, wo die Sonne niemals hinscheint, und hab vielen Dank auch.

„Wenn du sagst, ‚du gibst dich mir hin', meinst du das wie… sterben?"

Sie zuckt mit der Schulter, ihre Miene zeugt von Unsicherheit. „Ich werde aufhören zu existieren… für eine Weile. Lange Zeit, nachdem auch du fort bist, werde ich aufs Neue geformt werden und wiedererstehen auf einem weißen Blatt Papier. Hoffnung stirbt nicht. Wandel ist eine Konstante des Universums."

„Trotzdem—du bist bereit, hierfür dein Leben zu lassen? Für uns?"

„Für dich. Für Chloe. Für die Liebe, die uns bindet." Sie verschränkt ihre Arme in trotziger Haltung. „Und auch weil ich lieber tot wäre, als dass diese Schlampe am Ende noch diesen Krieg gewinnt."

Ha. Wahre Worte in der Tat. Die hätten auch von Chloe stammen können.

„Glaubst du wirklich, dass es funktioniert?"

Sie sieht mich an mit leicht zusammengepressten Lippen, so als wägte sie ihre nächsten Worte ganz genau mit Bedacht. Blueprice lehnt sich seitlich gegen die Wand, ihr schimmernder Umriss wechselt unauffällig Farben im anhaltenden Stillstand der Zeit.

„Schon zwei Mal zuvor habe ich dich erkoren," beginnt sie, „und mit jeder Kür donnern die Schockwellen entlang der Zeitlinie. Dabei reißen sie einen Grabenbruch in das Gefüge der Raumzeit, der nach einem Ausgleich in jeder neu entstandenen Realität verlangt. Diese Stadt wird kein drittes Erwachen überleben—insbesondere da es hier geschehen wird, im Untergrund, und im Herzen Arcadia Bays. Ich kann nicht wissen, wie es aussehen wird, sobald es vorüber ist, doch ich hege wenig Hoffnung, dass auch nur Trümmer zeugen werden von der Verwüstung."

Die Verknüpfung geschieht so schlagartig und eindeutig, dass ich beinahe schon hören kann, wie sie ‚Klick' macht in meinem Kopf—auf einmal wird mir alles sonnenklar.

Die Vision.

Die Flutwelle.

Der endgültige Untergang Arcadia Bays.

„Es ist nicht deine Schuld, Max."

Sie schließt mich fest in ihre Arme. Wir sind zusammen, stets zusammen. Ihre Liebe ist alles, was mich noch bei Verstand hält.

Ich schließe meine Augen, halte die Erinnerung wach in meinem Kopf und bewundere, wie tatsächliche, leibhaftige Hoffnung aufblüht in meiner Brust und mich mit ihrer Wärme erfüllt. „Das ist überhaupt keine richtige Entscheidung, habe ich Recht?"

„Oh, aber natürlich ist sie das." Sie trägt dieses stolze, kleine Lächeln auf den Lippen, während sie sich noch einmal dem Bett nähert. „Eine Frage ist nicht weniger eine Frage, nur weil du ihre Antwort bereits kennst."

Ich bin fast schon etwas angewidert davon, wie klar die Erleichterung über meine Seele hinwegwäscht. Wie viele Male werde ich diese Stadt wohl bei vollstem Bewusstsein zu ihrer voraussichtlich vollständigen Vernichtung verdammen?

So oft es eben sein muss.

Es ist beinahe ernüchternd, wie bereitwillig sich die Antwort in meinen Gedanken formuliert. Diese Geistfrau könnte der Teufel in Person sein, mich mit meinem Blut unterzeichnen lassen und ich würde diesen Pakt noch immer mit Freuden besiegeln. Sie ist es einfach sowas von wert.

„Ich habe sie noch gewarnt," flüstere ich in die Leere vor mir hinein. „Ich habe sie gewarnt, dass sich die Visionen immer bewahrheiten. Sie waren sich so sicher, dass sie nicht falsch liegen können."

„Ihr Hochmut wird ihr Untergang. Wer Wind säht wird Sturm ernten. Du hast dich also entschieden?"

„Du weißt es doch eh schon längst."

„Ich muss es aus deinem Mund heraus hören. Ich muss wissen, dass du es auch wirklich willst." Ihre Hand schummelt sich vorbei an meinen verschränkten Armen und kommt behutsam über meinem Herzen zur Ruhe. Irgendwie gelingt es ihr dabei, die üblen Verbrennungen vollständig zu meiden. „Empfange es mit jedem Teil deines Seins."

Lustig. Der Schmerz ist… gerade überhaupt nicht mehr da. Alles, was ich im Augenblick fühle, ist ihre Gegenwart, sie lindert jedes Leid, stillt jede Sorge. Bluewings Versprechen. Chloes strahlender Glanz.

Wer oder was werde ich nun werden?

„Tu es. Ich bin bereit."

Ihr stolzes Grinsen ist ein unerschütterliches Glühen in der Dunkelheit, sie wiegt mich gegen ihre Brust und küsst mein Haupt. Furcht schwelt ihr kalt auf der Haut wie flüssiges Quecksilber.

Ich halte mich an ihr fest, wie ich Chloe an mir festhalte. „Hab keine Angst. Ich werde es schaffen. Ich werde mich von nichts und niemandem aufhalten lassen…"

Ein unterdrücktes Lachen, kaum mehr ein erstickter Atemzug. „Das ist es nicht. Es ist nur… du brauchst kein Mensch zu sein, um den Tod zu fürchten."

„Was… was wird jetzt passieren?"

„Ich weiß es nicht. Das werden wir beide gemeinsam herausfinden müssen, fürchte ich." Sie sitzt neben mir und hält meine Wangen in beiden Händen. „Ein letzter Tipp noch—der allerwichtigste Teil: Lasse unter keinen Umständen den Zeitstillstand los, bis du so weit wie du nur irgendwie kannst zurückgekommen bist. Ansonsten wird sie es wissen. Hast du mich verstanden? Was auch immer passiert, lasse die Zeit auf keinen Fall normal weiterlaufen, ehe du mit ihnen fertig bist."

„Ich tue mein Bestes."

„Spring so weit zurück, wie du es nur schaffst. Je weiter der Sprung, desto verheerender die Wunde. Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, doch es macht Sinn, dass es ihren Kopf erstmal für eine Weile zu Rührei verarbeiten wird, solange der Sprung nur weit genug ist. Ich weiß, wie beschissen es sein muss, dein halbes Leben rückgängig zu machen. Doch nur so kann das hier auch funktionieren. Abgemacht?"

„Ich… habe mich inzwischen sowieso schon mit dem Gedanken abgefunden. Du willst etwas, dann hast du gefälligst auch den Preis dafür zu zahlen."

„Finde sie, wo auch immer sie zu diesem Zeitpunkt stecken mögen. Entledige dich ihrer und lasse sie unter keinen Umständen zu dir sprechen. Wenn sich ihr auch nur eine einzige Gelegenheit bieten sollte, dich zu manipulieren, dir Selbstzweifel einzureden, dann wird sie diese finden."

„Keine Sorge. Ich zweifle schwer, dass wir jetzt noch beste Freunde werden könnten. Dafür hat sie schon gesorgt."

„Und zum Teufel nochmal, wenn du all das hinter dich gebracht hast—könntest du mich dieses Mal dann vielleicht auch mit 'nem gottverdammten Telefonanruf beehren?" Ihre Stimme ist ein zittriges Lachen, doch ich weiß ganz genau, dass es ihr todernst ist damit.

Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Eine einmalige Chance darauf, jene eine Tat, die ich von allen anderen in meinem Leben am allermeisten bereue, unterlassen zu haben, nun doch noch wiedergutmachen zu können.

Selbst schicksalhafte Zeitreiseapokalypsen können ihren ganz eigenen goldenen Leuchtstreifen am Ende ihres nicht enden wollenden Tunnels offenbaren. Manchmal muss man sich einfach nur umdrehen und auf demselben Weg zurückkehren, auf dem man hierhergekommen ist…

„Als ob du mich das noch extra fragen müsstest? Ich würde das alles doch nur aus diesem einen Grund alleine schon auf mich nehmen."

„Das würdest du wirklich, habe ich Recht? Wir würden einfach alles füreinander tun."

Sie ist mir so nahe, ihre glitzernden, blauen Augen blicken mir tief in die meinen. Ich spüre ihre kühlen Finger in meinem Nacken beben. Ihr zittriger Atem haucht durch den schmalen Spalt ihrer Lippen.

„Ich werde immer bei dir sein, Max Caulfield."

Sie ist ganz einfach… sie.

Alles, was ich vor mir sehe, ist Chloe, jene Frau, die ich von ganzem Herzen her liebe, jene Frau, die von Zeit zu Zeit wieder und wieder von mir fortgerissen wurde. Sie fühlt sich so sehr nach ihr an und sonst nichts und niemand anderem, dass ich schon beinahe von Panik ergriffen bin, denn niemals würde ich wollen, dass mich meine Chloe so mit jemandem sieht.

Ich halte ihre Finger, bringe sie an meine Lippen und küsse ihre Handfläche. „Ich werde niemals wieder ‚Lebewohl' zu dir sagen. Das schwöre ich."

Sie zögert noch einen Augenblick, dann lehnt sie sich allmählich zu mir herüber. Ich komme ihr entgegen und gemeinsam schließen wir die Lücke zwischen uns auf halber Strecke. Es ist Chloes Atem auf meiner Zunge. Es sind Chloes Lippen, die meine Zähne streifen.

Ungeachtet meiner Worte fühlt es sich an, wie ein klagender Abschied in Trauer.

Und dann… passiert etwas. Wir bekommen beide eine körperweite Gänsehaut, werden durchfahren von einem bebenden Schauder, der einfach nicht nachlassen will. Ihr Odem—er dringt ein in meinen Rachen gleich eiskaltem Quellwasser, welches mir glasklar die Kehle hinabfließt, gleich dem Duft von Fichtenwäldern, welcher mir an einem verregneten Herbsttag sachte in die Nase weht, gleich der salzig-feuchten Brise der See, welche sich selbst noch in tiefster Schwärze der Nacht auf meiner Haut kräuselt und von den Küsten meiner Heimat kündet. Es geht los. Was immer ihr solche Angst bereitet, es geht jetzt gerade los.

Ich will mich darauf vorbereiten, doch ich weiß nicht einmal worauf. Ich werde erfüllt von Wärme und Licht. Mehr und mehr durchdringen sie mich und strömen hinunter bis in meine Glieder, durch jede einzelne Vene meines Körpers. Sie schwellen an zu einem Sturzbach, einer Flut, die ich nicht zu stoppen vermag, sie schwemmen durch mich hindurch wie das nicht enden wollende Aufbrausen und donnernde Grollen der Wellen einer gewaltig tosenden Sturmflut. Bluewings schemenhafte Silhouette wird zu einem glühenden Blau und Schwarz und Gold, sie pulsiert und überwältigt mich zu einem solchen Ausmaß, dass ich meine Augen nicht mehr länger offenhalten kann.

Ihr flüssiges Licht, es quillt hinein in meinen Kopf, es drängt sich gegen die Innenseite meines Schädels, als wolle es wieder hinausbrechen. Es setzt sich fest, gräbt sich tief ein und wäscht über alles hinweg, was es zu erreichen vermag.

Es tut weh. Oh, es schmerzt wie ein brennender Nervenkurzschluss, der durch meine Wirbelsäule zuckt und jede einzelne Sehne meines Körpers überspannt. Es schmerzt, als zwänge man einen verkrampften Muskel dazu, sich zu strecken. Als erklimme man den allerletzten Anstieg zur Spitze eines Berges und bräuchte selbst die letzten seiner Reserven auf, um den Gipfel doch noch zu stürmen. Es ist dieselbe Sorte von Qual, die man fühlt, wenn man sich dazu zwingt, die Zeit so lange wie möglich am Weiterlaufen zu hindern, denn andernfalls wird sich deine liebe Freundin vom Dach eurer Schule in den Tod stürzen.

Doch sie erfüllt einen Zweck. Sie ist von Bedeutung. Ich will nicht gegen sie ankämpfen. Ich gebe mich ihr hin, ich heiße sie willkommen, ich werde eins mit dieser neuen Gegenwart in mir.

Und außerdem, es mag echt seltsam und all das sein, doch Alles in allem ist es gerade mal eine Acht. Ich bin guter Hoffnung, dass ich es verkraften kann. Keine Sorge wegen der Schüttelkrämpfe oder der überwiegend erfolglosen Versuche, ein wenig Sauerstoff in meine Lungen zu bekommen.

Die körperweite Qual lässt allmählich nach und konzentriert sich dann nur noch auf ein paar wenige Stellen. Meine Brust, mein Rücken und meine Wirbelsäule. Mein Kopf und die Innenseite meines Schädels. Mein linker Arm, aus irgendeinem unerfindlichen Grund. Über seine gesamte Dauer hinweg fühlt sich das Erlebnis so an, als wolle sich mein Gehirn an diese neuen Umstände anpassen—neue Nervenbahnen knüpfen und gekappte Verbindungen wiederherstellen, um sich in Einklang zu bringen mit diesem neuen Etwas, das sich dort einnistet in jene merkwürdige und mystische Quelle, auf die ich stets zurückgreife, wann immer ich mich auf der Zeitlinie bewege. Nun arbeiten dort ein konstantes Vibrieren und ein kraftvolles Beben, ein sich windendes und heftig pulsierendes Durcheinander, wo zuvor nur ein leises und perfekt zyklisches Summen vonstattenging.

Beruhige dich. Komm wieder runter. Keine Panik auf der Titanic. Vertraue dir die Kraft an, finde mit ihr einen gemeinsamen Nenner. Wir wollen hier alle Freunde sein.

Sehr langsam, viel zu langsam, lässt die Spannung in meinem Innern nach, wird eine Sechs, eine Vier, kaum noch eine Drei. Das atemberaubende Pochen wird nach und nach erträglicher, sein Einwirken quillt nun in maßvolleren und überschaubareren Wellen aus jenem Quell und sickert sachte ein in meine Knochen. Ich lege mich nieder auf dieses Bett, welches ich abgrundtief verabscheue, und konzentriere mich zunächst nur auf meine Atemzüge, die so schwer sind, ich könnte die Luft des gesamten Raumes auf einmal inhalieren. Ich kann spüren, wie es allmählich verschwimmt, weg von einem eigenständigen Dasein, hin zu… einem Sinneseindruck, einem schlichten Empfinden. Einer neuen Art des Seins.

Schlussendlich wird es ganz einfach zu einem erwärmenden, leichten Kribbeln, mehr erhebend denn niederdrückend. Die Quelle, diese gespannte Sprungfeder, sie wandelt sich langsam wieder hin zu etwas Bekanntem, etwas Vertrautem—doch weit tiefgründiger, noch viel enormer und exponentiell komplexer in Struktur.

Es ist einfach ein weiterer Teil von mir. Die neue Norm.

Nur mein Arm tut immer noch weh wie Sau.

Ich sammle meine Sinne, öffne die Augen und sehe mir an, was mit damit los ist. Ich sehe und staune.

„Alter… Falter…"

Ich hatte nicht erwartet, dass ihr Versprechen derart buchstäblich gemeint sein könnte.

Ein stilisierter Schmetterling entfaltet seine blauschwarz schimmernden Schwingen direkt unterhalb meines Handgelenks—genau an der Stelle, wo ich zuvor noch die Klinge angesetzt hatte. Alle vier seiner Flügelspitzen sprießen aus in rankenähnlichen Linien, die sich über die gesamte Länge meines Armes winden und wunderbare Muster zeichnen. Eine davon schlängelt sich zwischen Daumen und Zeigefinger hindurch und kringelt sich zu einer engen und feinen Spirale auf meinem Handrücken zusammen. Die anderen kräuseln sich in sanft verflochtenen Windungen meinen Unterarm hinauf, vorbei an meinem Ellbogen. Ich rolle den Ärmel meines Hemdes hoch und lege noch mehr davon frei, wie sich die Linien bis hin zu meiner Schulter erstrecken, sich dort aufteilen und bis auf meinen Rücken sprießen. Ein Blick meinen Kragen hinab bezeugt, wie sich eine Spirale bis auf meine Brust schlängelt und sich dort ebenfalls zusammenrollt, direkt über meinem Herzen. Und wenn dieses brennende Gefühl, welches die gesamte Zeichnung auf meiner Haut hinterlässt, irgendein Indikator ist, dann verlaufen die anderen in einem weiteren Bündel in meinem Nacken zusammen, direkt am Ansatz meines Schädels.

Das gesamte Muster glimmt und glüht in einem einzigen, anmutig bläulichen Leuchten, das höllisch auf der Haut brennt.

Und während ich noch ihre strahlende Fluoreszenz bewundere, bemerke ich, wie ihr Glimmen rasch nachlässt, und das Brennen gleich noch dazu—und ich bin mir gewiss, genau wie ich mir eines Gefühls von Hunger oder eines Juckreizes gewiss wäre, dass in dem Moment, da sie endgültig erstirbt, mit ihr auch der Stillstand der Zeit zu Ende gehen wird. In einem kurzen Augenblick der Panik klammere ich sie erneut an mir fest, Bluewings eindringliche Mahnung so klar wie die Sonne in meinem Geist.

Es passiert geradeheraus, ganz einfach. Ich verweile in der Absolut-Zeitlupe ohne jeden nennenswert bewussten Geistesaufwand. Das Glühen flammt von neu hell lodernd auf. Der Schmerz schwelt von Neuem an.

„Kacke, wird das von jetzt an immer so wehtun?"

Es scheint auf absehbare Zeit nicht nachzulassen. Ich denke, ich werde wohl oder übel damit leben müssen. Kaum eine Vier, eher eine Drei-komma-Fünf.

Die bessere Nachricht ist, mein Rückgrat fühlt sich nicht mehr so an, als wäre es in einen Schraubstock gespannt. Mein Kopf pocht nicht mehr aufgrund der Belastung anhaltender Zeitmanipulation. Es fühlt sich fast so an, als ob… als ob diese Leuchte-Tattoo-Zeichnung einen Großteil der Strapazen in sich absorbierte. Sie wäscht meinen Körper rein von Schmerz und lässt ihn nur noch oberflächlich auf der Haut wirken.

Ich strecke meinen Arm aus, drehe ihn in diese und jene Richtung und komme nicht umhin, die wilde, fast schon chaotische Musterung zu bewundern. Etwas sagt mir, dass sie so schnell nicht wieder verschwinden wird, ganz egal wie weit ich in der Zeit zurückreise. Das wird ein Spaß werden, sie meinen Eltern zu erklären. Und Chloe wird sowas von ausflippen, wenn sie das zu Gesicht bekommt…

Oh.

„Stimmt. Da war ja was. Der einzige Grund für all das hier. Auf geht's, Max."

Ich hatte mir zunächst noch Sorgen gemacht, dass ich vielleicht nicht wüsste, wie ich vorzugehen habe, doch nun wird mir bewusst, dass dafür überhaupt kein Anlass bestand. Ich kann sie direkt vor mir sehen, diese angespannte Sprungfeder, diese tiefe und tiefgründige Quelle. Sie bebt und brodelt und ist sowas von drauf und dran, jeden Augenblick hervorzuschießen, reichhaltig und voll angestauter Energie, die nichts als ungeduldig darauf drängt, von meiner Hand entfesselt zu werden. Sie ist ein angsteinflößendes Ding, riesig und verhängnisvoll unheildrohend—und doch… ich kann diesen Rausch der Macht, den sie in meinen Lungen erregt, selbst beim bescheidensten Willen nicht leugnen. Sie kann mir zur Freiheit verhelfen, wenn ich sie in nur die richtige Richtung weise.

Ich suche sie in mir, tauche tief ein in den Quell, tränke meine Gedanken darin und lasse mich von ihr durchdringen. Ich strecke meinen blauweiß glühenden Arm vor mir aus—der guten, alten Zeiten Willen. Ein letzter Rundumblick in dieser Hölle aus Drei mal Drei mal Drei. Nichts an diesem Ort ist auch nur eine einzige Erinnerung wert.

Gehe die Verbindung ein, klammere sie an dich. Eine einzige, kontinuierliche und jahrelange Reise durch die Zeit, nimm alles zurück, was passiert ist, radiere es alles aus, nichts als ein weißes Blatt Papier. Meine Göttin, alles, was Chloe und ich gemeinsam erlebten—miteinander teilten, wird sein, als hätte es nie existiert. Dies Band, das uns so innig verbunden hält—

Ich kneife meine Augen zu und verbanne den Gedanken aus meinem Kopf. Ich darf so nicht denken. Alles, was uns jemals von Bedeutung war, kann wieder erneuert werden. Dies ist der Weg, dem ich folgen muss.

„Du kannst es schaffen, Max. Einfach den Neustart-Knopf drücken."

Furcht lässt mich in meinem Innersten erschaudern, sowie die Kraft in mir emporschießt und diese Realität zunichtemacht in ihrem allesverzehrenden Mahlstrom der Zeit.

Mit einem Schlag bin ich wie vom Blitz getroffen und Donner gerührt, nichts hätte mich hierauf vorbereiten können. Vor meinem inneren Auge bricht meine Welt in sich zusammen und zerrinnt durch meine Hand wie feinster Sand, wie ätherische Asche und wie vom Winde verwehter Staub—sie wird gesprengt in der Sekunde, da der Komplettneustart einschlägt mit all seiner Härte und mich überwältigt unter seinem realitätsvernichtenden Getöse. In meiner Brust tobt ein herzzerreißender Sturm, eine unbezähmbar gewaltige Macht, die ich kaum zu beherrschen vermag, droht mich entzweizureißen. Jede einzelne Linie auf meinem Arm lodert auf in Straßen aus purem, gleißenden Licht, da ich mich aufmache, loszuschreddern auf meinem Weg ohne Wiederkehr in die Vergangenheit.

In einer diffusen Erfahrung der Autoskopie sehe ich mich selbst auf eben diesem Bett hin und her wälzen, wachend und träumend. Mein gegenwärtiges Selbst schwebt in einer außerweltlichen Instanz der Raum-Zeit über meinem eigentlichen, wohl gewahr und mit unter größter Anstrengung ausgestrecktem glühenden Arm, während sich die Welt vor meinen Augen in einer rasenden Negativ-Chronologie der Ereignisse wie von selbst ungeschehen zu machen scheint. Ich bin losgelöst von meinem physischen Körper, und doch stets an ihn gebunden in einer Weise, die ich nicht so recht zu beschreiben vermag; es ist seltsam, als existierte dort eine Verbindung zwischen uns, die mich zu jeder Zeit an dieser gequälten Teufelin festhält, als wäre es meine gottgegebene Plicht über sie zu wachen und ihr bis ans bittere Ende beizustehen in allem, was da noch kommen mag.

Es geht schnell. So unglaublich schnell, wie sie schläft, in eine andere Zelle verlegt, mit Drogen betäubt und malträtiert wird, zielstrebig getrieben zunächst in den Wahnsinn und schlussendlich einen von langer Hand geplanten, verzweifelten Suizid. All die Gespräche, die erzwungenen Stunden und Aberstunden des Trainings, die Schreie, das Blut und die Qualen, sie alle rauschen an mir zurück in halsbrecherischer Geschwindigkeit—und während dies alles ungeschehen wird, schält die Kraft mit vergehender Zeit Schicht um Schicht an Erinnerungen von meiner geschundenen Seele, brodelt unaufhörlich hervor aus ihrer Quelle, donnert zügellos empor, beflügelt von der Energie ihrer sich entladenden Feder der Zeit.

Schmerz und Kummer und Verzweiflung, zurückgelassen und vergessen. Die Zeitreise fühlt sich so an, als könne sie mich jeden Moment zerfetzen. Ich packe meinen Arm am Handgelenk, als würde das irgendetwas helfen. Ich bebe, ich gebe alles in meiner Macht Stehende, aus jeder Ecke meines Selbst, sie aufrechtzuerhalten—doch ich kann dabei kaum mehr meinen eigenen Verstand beisammenhalten, geschweige denn diesen martialischen Strom, der meine Gedanken zu zerrütten droht, beherrschen. Es ist einfach zu viel. Ich kann es nicht länger kontrollieren, es ist einfach zu viel.

Ich kann gerade noch spüren, wie ich für einen kurzen Augenblick der Erschöpfung loslassen muss, ehe ich auch schon wieder abrupt zum Stehen komme, mein Sichtfeld ist weiß verwaschen, mein Körper taumelt und stürzt gegen die Wand, als hätte sich die Gravitation auf einmal dazu entschieden, durchzudrehen und mich in verschiedenste Richtungen umherzuschleudern. Die Zeit! Verdammt nochmal, ganz egal was du tust, halte bloß die Zeit fest—

Blut, Unmengen von Blut laufen mir aus Nase und Mund und Rachen. Ich befinde mich in einem weißen und sterilen Flur, kaum aufrechtstehend, sondern gegen die Wand gelehnt. Mein Kopf steht kurz davor einfach auseinanderzufallen, fast schon wie—

—Bahngleise gerammt durch meine Augäpfel—

—aus dem Augenwinkel heraus sehe ich eine Krankentrage und dahinter einen Mann, der diese zielstrebig den Flur hinabschiebt. Er ist festgefroren an Ort und Stelle. Eigentlich sollte ich auf diesem Ding liegen, während das Hämatom in meinem Kopf mein Gehirn allmählich volllaufen lässt mit Blut.

Das ist jetzt nicht weiter von Bedeutung. Weitermachen. Mach einfach weiter. Versuche es noch einmal. Versuche gar nicht erst, sie kontrollieren zu wollen.

Über den Schmerz und das Blut hinweg greife ich hinein in meinen Verstand, ich strecke meine Hand aus und werfe mich ihr aus letzter Kraft und Seele erneut entgegen. Der Neustart ergießt sich über die Welt in einer allesvernichtenden Welle des Ungeschehens.

Ich sehe ein Gemälde von mir selber mit ausgestreckter Hand—

Ich sehe die Motorhaube eines Autos, eine zerknüllte Serviette segelt rückwärts durch die Luft—

Ich sehe die Sonne meines Lebens in meinem Schoß—

Ich sehe einen verwaisten Wohnwagenparkplatz, eine demontierte Anhängerkupplung in meinen Händen—

Ich sehe heiß aufsteigenden Dampf in einer Dusche und höre nur halb unterdrücktes Stöhnen—

Ich fühle Liebe, die ihre Heimat findet auf einem überdimensionierten Bett—

Die Erinnerungen werden für immer unser sein

Verzweiflung und Sehnsucht, vom Leuchtturm gestürzt—

Unbeirrbar, voller Abscheu, links und rechts Wachen niedergestreckt—

Fünf Monate, das Leben einer Toten unter Toten—

Eine Explosion, eine Straßenschlucht hinabgestürzt im Hagel aus Scherben und Kugeln—

Endlose Tränen auf ein undankbares Grab, verbittert, des Lebens müde und mit gebrochenem Herzen—

Routinierte Sicherheitsselfies und Chloe getauft im Feuer—

Schlafwandeln durch eine Beerdigung—

Vor Trümmern blutende Hände—

Joyce' Hand halten in Anteilnahme—

Eine bettgebundene Chloe bittet mich um ihren Tod—

Indizien angeheftet an unser Strandbild—

Zusammengekauert in einer Schultoilette—

Ein Hammer, ein Feuer-Alarm, der keiner war—

Mögen meine Kräfte erweckt werden—

Tee mit Kate—

—Dads ungestüme Umarmungen, gemeinsame Tränen mit Mom—

—in meinen Händen ein Brief aus Blackwell, meine Nerven liegen blank—

All die Dinge, die in einst Vergessenheit gerieten, kehren nun zu mir zurück.

Chloes Wut.

Chloes Kummer.

Chloes Schmerz und gebrochene Träume.


Durch meine Hand gerät es alles zunichte, all die Ränke und Irrungen und Wirrungen des Schicksals, nichts als ein monumentaler Scherbenhaufen des wütenden Chaos. Meine Finger rechen durch das Gespinst der jüngeren Zeitgeschichte und hinterlassen nicht mehr als harmlose fetzen im Winde des tosenden Sturmes.

Das Ende überkommt mich mit einem abrupten Zerstäuben. Einem Nachlassen, einem Verlangsamen, einem Straucheln und Neubeginn. Es ist keine Erschöpfung. Es ist mehr ein… Verlust. Ich verliere die Fähigkeit, die Kraft entgleitet meinen Händen, der Faden ihrer Spule meinen Fingern, vollständig abgerollt, denn es gibt keine weitere Vergangenheit, keine weitere Strecke auf dieser Zeitlinie, die ich noch länger beschreiten könnte. Dies ist ihr Ende.

Meine Gedanken werden einmal mehr eins mit dem Fluss des Universums. Ganz aufs Neue das absolut merkwürdigste überweltliche Gefühl, das ich jemals spürte. Im einem Jahre-währenden Augenblick noch bin ich gesplittert jenseits aller denkbaren Dimensionen, kaum mehr ein Geist, rasend durch die Raumzeit. Im nächsten… und ich bin ganz. Ganz und gar am Ende meiner Kräfte, ganz und gar Herrin meines Selbst. Meines künftigen Schicksals.

Mein Verstand ist erstmal ein einziges Kribbeln, rauf und runter ziept der Schmerz entlang meiner Wirbelsäule und meinen Arm hinab in Richtung dieses supercoolen, neuen Zauber-Tattoos. Und ich kann es mit Sicherheit sagen, wenn es nicht für dieses Tattoo, dieses eherne Mal Bluewings wäre… ich glaube mein Kopf wäre schon lange explodiert.

Nun bin ich gerade mal außer Atem, ich bekomme kaum Luft und der Schwindel lässt mich noch zweifeln, ob die Welt auch wahrhaft in ihre altgewohnten Fugen zurückgekehrt sein kann, ich weiß nicht, wo oben und unten sind, doch erst einmal nichts weiter Schlimmeres als das. Ich konzentriere mich zunächst nur auf meinen Atem, sehe zu, dass er sich verlangsamt und abflacht, während so langsam, ganz allmählich der Fußboden in meine Sinne vordringt. Es ist das Erste, was ich aus dieser neuen Realität wahrzunehmen in der Lage bin: Ich bin auf dem Boden.

Meine Finger fahren vorsichtig durch die Fransen des fluffig-flauschigen Teppichs unter meinem Körper. Es stellt eine wahrhaft überdimensional gewaltige Herausforderung dar, mich erst einmal in aufrechte Position zu bringen und mir meiner Umgebung gewahr zu werden.

Ich bin in meinem Zimmer. Meinem alten Seattle Zimmer. Ich liebte diesen Teppich, ich hatte ihn höchstselbst ausgesucht, als wir Möbel für das neue Haus einkaufen waren, meine Eltern und ich.

„Scheiß… doch… die Welt an..."

Die Welt um mich herum scheint allmählich zur Ruhe kommen zu wollen, doch meine Sinne drehen sich noch immer spiralförmig im Kreis. Es ist noch dunkel, gerade mal die schmalen, grell weißen Leuchtstreifen der Laterne auf der anderen Straßenseite, die durch die Lücken in den Jalousien hereinfallen, erleuchten den Raum. Mein Arm brennt nicht länger unter den blau glühenden Feuerlinien. Ich versuche noch, mich jenseits des allmählich abflauenden Schwindels und des benommenen Dusels in meinem Kopf zu konzentrieren, mich auf meine Füße aufzurichten und mich weiter zu orientieren, denn meine Situation hat an dieser Stelle noch keineswegs an Dringlichkeit oder Eile eingebüßt. Ja, es stimmt wohl, ich mag dieser Hölle entronnen sein, schön und gut, doch es liegt noch immer ein weiter Weg vor mir. Dieser Ausbruch aus dem Käfig eines mir auferlegten Schicksals ist noch lange nicht vorüber.

Wankend schlurfe ich in Richtung Zimmertüre und betätige den Lichtschalter. Sehe mich um. Ist verfickt nochmal abgefahren wieder hier zu sein, doch ich muss zu allernächst versuchen, mich auf das zu konzentrieren, was im Augenblick von oberster Priorität ist.

Die lustige Grinsekatze-Uhr, die vergnügt an der Wand ihren Ringelschwanz pendeln lässt, zeigt mir etwa kurz nach sieben an. Der Lichtstimmung und allgemeinen Atmosphäre nach zu urteilen noch in aller Herrgottsfrühe—könnte aber genauso gut Abend sein, bin da mir nicht so ganz sicher. Ich begebe mich hinüber zu meinem Nachtkasten, wo mein Handy am Ladekabel angeschlossen liegt—mein allererstes, eigenes Mobiltelefon, wie ich etwas verblüfft feststelle. Monatelang war ich eifersüchtig auf Chloe und ihr erstes Handy, hatte meine Eltern wochenlang belagert und gepiesackt, bis sie mir endlich auch dieses hier besorgt hatten. Am Ende hatte ich meines sogar schon mit einem Jahr jünger als Chloe ihres, somit waren wir wieder mehr als nur quitt.

Ich schalte es ein und öffne den Startbildschirm mit einem simplen, arglosen Wisch.

7:04 Uhr.

Montag, 12. Oktober.

2009.

Ich bin also vierzehn Jahre alt.

„Heilige Scheiße."

Kein Wunder, dass ich mich so… anders fühle. Kleiner, irgendwie. Aber auch… ich weiß auch nicht. Leichter? Aufgeweckter. Beide meiner völlig heilen Augen stehen weit offen und wachsam, gänzlich munter und ausgeschlafen. Keinerlei Müdigkeit, keinerlei persistent anhaltender Schmerz, keine fiesen Narben, keine Verbrennungen, sie sind alle fort, dank der Kräfte, die sich am Werk zeigen. Und hey, sieh sich das einer an. Die Spirallinien entlang meines Arms verschwinden ebenfalls vollständig, solange ich meine Kraft nicht benutze. Lediglich der Schmetterling bleibt unbeeindruckt weiterbestehen.

Auf diese Weise auch gleich viel einfacher versteck- oder erklärbar. Vorausgesetzt ich überlebe den heutigen Tag, versteht sich.

Ein goldener Leuchtstreifen am Horizont. Der Sonnenaufgang kündigt sich bereits mit einem tiefen Orange-Rot-Lila-Blau jenseits der Hügel vor meinem Fenster an. Ein wunderschöner Tag also für meine unverhofft glorreiche Genugtuung…

Das Handy in Händen—meine Finger juckt es bereits, sofort Chloes Kontakt herauszusuchen und mich bei ihr zu melden. Wenn ich richtig gerechnet habe, dann ist es gerade einmal ein Jahr her, seit wir hierhergezogen sind, plus kaum ein paar Tage länger seit… William. Hätte ich womöglich sogar soweit zurückspringen können? Hätte ich mich nur noch ein klein wenig mehr anstrengen können?

Ich weiß, es ist nun schon zu spät. Ich habe die Zeit bereits losgelassen, wenn ich jetzt noch weiter zurückspringen sollte, wird sie es in der Vergangenheit wissen, sie wird es vorhersehen können. Jetzt ist der Augenblick, in dem ich handeln muss. Ich stelle mir gerade vor, wie Dianne Prescott auf dem Boden der Tatsachen angekommen in sich zusammenbricht unter einer plötzlichen, allesvernichtenden Welle der Veränderung, jeder einzelne ihrer Fäden, Ränke und machiavellistischen Pläne in ihren Grundfesten erschüttert und auf Nimmerwiedersehen im Klo hinunterspült. Ob sie ihren Tod bereits kommen sieht? Man wird ja wohl noch hoffen dürfen, oder?

Nichtsdestotrotz gebe ich ihr einen Versuch, greife aus schierer Neugierde nach der Kraft, welche mir innewohnt. Ich zapfe sie an, doch alles, was mir dort entgegensprudelt, ist dieses klägliche Rinnsal, wie als betätigte man eine Klospülung in zu kurzer Folge, noch ehe der Spülkasten richtig Zeit hatte, sich erneut zu füllen—nur um ausnahmsweise mal im Bilde zu bleiben. Ein leichtes Glimmen auf meinem Tattoo, ein schwaches Prickeln und Ziepen auf meinem Arm, und dann wieder dieser übelkeitserregende, viel zu gewohnte Schwindelanfall, der mich jedes Mal überkommt, und sich anfühlt, wie dieses schlicht und ergreifende „Ich kann wirklich, ernsthaft nicht weiter zurück". Ich muss praktisch sofort wieder aufgeben—ich bin einfach wieder zurück in der Dunkelheit einer frühen Morgenstunde, mit dem Gesicht mitten auf meinem fransig-flauschigen Teppich, denn genau so funktioniert der Komplettneustart nun mal.

Dieses Mal drehe ich mich zunächst auf den Rücken und blicke in Richtung Zimmerdecke. Das ist alles. Weiter geht es nicht. Endstation. Gib dich zufrieden mit dem, was du hast.

Unten im Erdgeschoß sind Geräusche zu hören, wahrscheinlich Dad, der bald zur Arbeit muss. Montag. Ich müsste also auch bald zur Schule, wie mir eben erst blüht. Mom wird bestimmt gleich jeden Augenblick an die Türe klopfen und ihr Maximäuschen aufwecken wollen, falls sie nicht rechtzeitig zum Frühstück erscheinen sollte. Im Augenblick könnte ich wirklich, ernsthaft eine ihrer mütterlichen Umarmungen vertragen…

Ich stehe auf, schließe die Türe von innen ab und fahre meinen Computer hoch. So liebend gerne ich sie auch sehen würde, ich darf nicht einmal eine einzige Sekunde verschwenden.

Dieses vierzehnjährige Mäuschen hat noch so manche Hausaufaufgabe zu erledigen.


Ich bewege mich durch die Lobby eines in der Zeit tiefgefrorenen Luxushotels. Der quietschpinken Armbanduhr an meinem nicht-glühenden Handgelenk zufolge sind bereits sechs Stunden verstrichen seit meinem Gefängnisausbruch.

Es war eine seltsame Zeit bislang, mich anzupassen, mein leibhaftiges Selbst wiederzufinden in diesem vierzehn Jahre alten Körper.

Nein, nicht seltsam. Viel eher völlig, abartig bekloppt. Ich bin niemals vollständig zurückgekehrt in mein jüngeres Selbst, doch genauso wenig bin ich noch immer dieselbe Person aus jener anormal kranken Horrorzukunft. Das Resultat ist ein bizarrer Mischmasch gleich mehrerer Maxe auf einmal, die vermutlich noch Wochen brauchen werden, um miteinander klarzukommen—falls sie es überhaupt so weit schaffen sollten. All das Wissen, all die abgedrehten Wahnsinnserfahrungen sind noch immer da—doch verworren und konfus gemacht durch eine Vielzahl kleinerer Teenager-Problemchen, sowie diesem superschweren Mathetest, der dummerweise schon kommenden Mittwoch ansteht. Auweia.

Sie alle lassen die schweren Sturmwolken, die nach wie vor in meinen Kopf brodeln, nicht ganz so düster und übermächtig erscheinen. Alles, was ich durchlitt, die Schrecken, den Horror… sie sind beinahe, als wären sie jemand anderem widerfahren; jede einzelne Verletzung und Erniedrigung sticht glasklar in meinen Gedanken hervor, und doch überschatten sie mich nicht länger in meiner Gänze. Sie wirken fern. Verwachsen und vernarbt wie alte Wunden. Schrecken des Krieges eines alten Veteranen einer Schlacht längst geschlagen.

Selbst ihre Liebe… ich erkenne sie noch immer, egal wohin ich gehe, ich trage sie stets im Herzen, egal was ich tue, ich sehne mich bitterlichst nach ihr, ich weiß, ich kann nicht ohne sie, egal was noch kommen mag—doch sie ist auch nicht mehr länger dieses brennende Verlangen, dieser an Gier grenzende Hunger, den sie einst noch in meiner Brust hervorrief. Sie ist nicht mehr länger dieser seelenmangelnde Würgegriff, dieser todgeweihte Durst, der mir einst so tief in der Kehle saß.

Ich weiß auch nicht. Beide Versionen scheinen so widersprüchlich zueinander. Ich weiß nur eines mit absoluter Sicherheit: Ich will sie zurück.

Ich blicke über meine Schulter zurück. Da steht meine Honda, mitten im Foyer des Hotels. Wenn alles nach Plan läuft, dann sollte das Motorrad in der finalen Zeitlinie für den Bruchteil eines Augenblicks in der Eingangshalle aufblitzen, und dann sofort wieder verpuffen. Kaum mehr ein Glitch im System.

Den ganzen Weg hierher zu reisen, war bereits ein Abenteuer per se. Ich wagte es kein einziges Mal, zu irgendeinem Zeitpunkt mehr als eine viertel Stunde am Stück verstreichen zu lassen, bevor ich sie wieder ganz zurückgesetzt habe auf Minute Null. Wer weiß, was sie alles in Bewegung zu setzen in der Lage wäre, sollte ich ihr nur genug Spielraum gewähren. Demzufolge war jedoch auch das ständige Autowechseln fürchterlich nervtötend—zumindest so lange, bis ich den neusten Zusatz meiner Kräfte entdeckt hatte. Ich habe einmal—aus purer Neugierde—die Zeit zurückgedreht, noch während ich auf diesem superaffengeilen Motorrad saß, das ich mir in der Nähe von Lakewood „geliehen" hatte, und das Teil ist doch tatsächlich unter meinem Hintern geblieben. Unter diesen Umständen war es doch gleich um einiges angenehmer, meine Reise fortzusetzen. Den Zeitstillstand aufrecht zu erhalten ist mittlerweile schon beinahe trivial einfach geworden und das Motorrad zu fahren fühlt sich auch gleich viel sicherer an, wenn alle anderen Autos auf der ganzen weiten Welt brav stehenbleiben, um mich durchzulassen. Ich frage mich, ob wohl irgendjemand die Abgasspur bemerken wird, sobald sich davon alles auf einmal zwischen den Fahrspuren materialisieren wird.

(Witziges Detail: Ich muss immer gleich volle Kanne auf die Tube drücken, wenn ich auch nur ansatzweise schnell irgendwohin kommen will. Man merkt richtig, wie der Motor in permanentem Schnellgang durchdreht, die Spritanzeige zählt runter, als klaffte da ein riesen Loch im Tank. Meine arme Honda wird womöglich schon bald ihren Geist aufgeben, noch bevor ich mit ihr heute fertig bin.)

Ganz ehrlich, der schlimmste Teil bisher waren die nervigen Anrufe nach Auskunft und das langwierige Sammeln nach Information, welches ich erst noch auf mich nehmen musste, ehe ich aufgebrochen bin. Ich musste so viele Telefonate wiederholen, bis die Leute endlich mit mir reden wollten, ich konnte buchstäblich nicht mehr mitzählen. Ist schon ziemlich abgefahren, was Menschen alles so ausplaudern, wenn man ihnen nur dreist und vor allem überzeugend genug ins Gesicht lügt.

Es ist kurz nach sieben Uhr eines wunderschönen, orange-rot-lila-blauen Montagmorgens und Sean Prescott—er denkt sich mit Sicherheit nichts Böses—macht sich gerade auf, aus seinem todschicken Olympia-Hotelzimmer zu spazieren, auf den Weg zu irgendeiner garantiert astreinen Immobilien-Konferenz: Er sollte diesen Schauplatz niemals lebend verlassen.

Ziemlich exakt zeitgleich und bald fünfhundert Straßenkilometer weiter südlich (das wird noch ein Spaß werden) befindet sich Dianne Catherine Prescott—sie denkt sich gerade mit absoluter Sicherheit sowas von verfickt, wahnsinnig und abgrundtief Böses—auf ihrem Anwesen, vermutlich im Atelier ihrer wundervollen Kunstkammer: Genau wie ihr würgreizender Gatte sollte auch sie diesen Schauplatz niemals verlassen. Lebend oder sonst wie.

Ich statte zunächst ihm einen Besuch ab, der schieren Logistik wegen.

Ich habe keine Ahnung, warum ich derart gelassen bin, während die Anzeige im Aufzug ganz gemächlich Stockwerk für Stockwerk, völlig im Einklang mit meinem steten Herzschlag nach oben zählt. Die roboterhafte Frauenstimme verkündet mein Ziel, die Türen gleiten langsam auf und auf einmal ich stehe Angesicht zu Angesicht mit einem der guten, alten Oxen-Zwillinge. Unsere Augen haben gerade noch eine Millisekunde lang Zeit, sich zu treffen. Er greift bereits in die Innenseite seines Jacketts.

Halt.

Ich blicke jenseits des Typen. Sean Prescott befindet sich gerade mittschritts einige Meter hinter ihm, dicht auf dem Fuße beschattet vom anderen Laurent-Bruder. Eine Frau, die ich als Helen Briar erkenne, bildet das Schlusslicht. Sie wirkt fürchterlich alarmiert von etwas. Ich schätze, man könnte sagen, sie ist so langsam auf den Hund gekommen.

Nur einer der hier Anwesenden hat wirklich meinen Zorn auf sich gezogen. Nur einer von ihnen verdient meine Rache. Ich kann nicht sagen, wie viel aus Helens Geschichte wahr und wie viel nur eine weitere Masche der Prescotts war, um uns auf unserem Weg zu manipulieren, doch ich trage noch immer Hoffnung in mir, dass wir sie eines Tages als Verbündete gewinnen können. Von den beiden Brüdern habe ich keinen Schimmer—doch ich würde die Option zumindest gerne offenhalten. Jeder von ihnen bekommt eine kurze Notiz in Achtklässler-Handschrift zugeschoben: eine formelle Visitenkarte, eine freundliche Einladung sowie eine kaum verhohlene Drohgebärde alles zum Preis von einem. Ich muss jenseits meiner bevorstehenden Freiheit, über das fortwährende Rot vor meinen Augen und die Scheuklappen meiner bloßen Rache hinausblicken. Es steckt noch weit mehr hinter diesem Krieg, den sie führen, als nur diese zwei Parteien in ihrem sehr lokalen und überaus temporären Zwist. Und etwas sagt mir, dass auch andere Fraktionen mich nicht gerade in Ruhe lassen werden, nur weil eben dieser Zwist sein baldiges Ende finden sollte. Andererseits… vielleicht ja doch, nach allem, was ich hierfür getan haben werde…

Auf Zehenspitzen verschaffe ich mir die Waffe, welche Mr. Laurent gerade im Begriff feststeckt, zu ergreifen. Alter, ist der vielleicht groß. Die Knarre ist leicht gebaut und extra kompakt, keine Ahnung welches Modell. Ich brauche einen ganzen Augenblick, um herauszufinden, wie man das Magazin überprüft und das ganze Ding überhaupt erst entsichert.

Jupp, mehr als genug Patronen. Drei sind alles, was ich brauche.

Ich begebe mich auf eine sehr langsame Zeitreise, während ich mich auf mein Ziel zubewege. Überhole sie alle mit Leichtigkeit, wie sie unbeholfen rückwärts wandern und zurückkehren in den Raum, welchen sie eben erst verlassen hatten. Die Aufzugfahrt dauerte etwa siebenundzwanzig Sekunden; Prescotts rückwärtsgewandte Reise endet exakt auf der Türschwelle seiner überteuerten Suite.

Sean Prescott.

Ich stehe vor ihm, blicke in die Augen eines toten Mannes. Ich krame vorher noch durch seine Brieftasche und schnappe mir seine Prismkarte, die ich ebenfalls bald brauchen werde.

Ich trete noch einen Schritt zurück und richte den Lauf der Waffe sorgfältig mit beiden Händen auf mein Ziel—genau wie ich es gelernt habe vor mehreren Ewigkeiten auf einer einsamen Waldlichtung gar nicht allzu weit weg von hier. Einziger Unterschied: Diese Flasche hier ist—zumindest im Moment noch—ungleich lebendiger als jene, mit denen Chloe und ich damals geübt hatten.

Hah.

Merkwürdig. Ich dachte eigentlich, ich könnte an dieser Stelle Zorn empfinden. Ich dachte, ich könnte diesen Augenblick für mich auskosten, ihn gar genießen womöglich. Doch nun da er gekommen ist, fühle ich nichts als Kälte in meinem Innern. Losgelöstheit. Sein Tod wird mir keinen Frieden bringen. Aber immerhin…

„Die hier ist für Chloe, Arschwichser."

Meine Hand bleibt so stabil und gleichmäßig wie ein klinisch intravenöser Tropf, als meine Finger den Auslöser betätigen. Der Rückstoß haut ziemlich arg rein, aber nichts, was ich nicht schon erlebt hätte. Das Projektil verlässt die Mündung mit einem kurzen Aufblitzen und einem surreal dumpf klingenden Knall, da die Schallwellen lediglich meine Arme hinauf meine Trommelfelle erreichen. Der eigentliche Donnerschlag dürfte erst noch nachfolgen, sobald die Zeit auch weiterläuft und ich die Luft um uns herum aus ihrem Bann befreie.

Da schwebt sie nun. Eine Kugel. Bewegungslos inmitten ihres todbringenden Pfades, begierig darauf, geradewegs zuzurasen auf die Schläfe dieses Mannes.

Ich trete noch einen kleinen Schritt nach rechts, achte dabei darauf, nicht aus Versehen die zur Seite ausgeworfene, noch immer leicht glühende Patronenhülse zu berühren. Ziele erneut und feuere. Zwei Kugeln, gefangen im Schoße der Zeit.

Ich könnte es hierbei belassen. Noch im Zeitstillstand hinausgehen, am besten sogar die Treppen nach unten nehmen und sein weiteres, von nun an eher dürftig währendes Schicksal seinen unausweichlichen Lauf nehmen lassen, sobald ich schon längst über alle Berge und zurück bin. Kein Mensch mehr auf dieser Welt wäre nun noch in der Lage, diese Kugeln auf ihrem Pfad, auf den ich sie schickte, aufzuhalten.

Ich wäre es vielleicht, wenn ich es wollte.

Ich entscheide mich dagegen.

Stattdessen lasse ich die Zeit für einen kurzen Augenblick los. Eine Sekunde, weit weniger sogar. Ich sehe zu, wie die beiden Projektile mit zwei direkt aufeinanderliegenden ohrenbetäubenden Knallen in seinem Schädel verschwinden. Ich sehe, wie sein ganzer, hässlicher Kopf ruckartig zurückfährt, als wäre er gerade gegen eine unsichtbare Wand gelaufen. Ich höre das allgemein erschrockene Japsen um mich herum im Raum.

Ich musste zusehen, wie es geschieht. Ich musste sichergehen.

Für Chloe.


Dianne Prescott.

Das bevorstehende Grauen meiner Ankunft muss ihr bereits gedämmert haben: Ihre Schultern, ihr ganzer Oberkörper, sind nach vorne gekrümmt, ihre Brust eingefallen, als hätte ihr gerade jemand mit Anlauf einen derart schmackhaften Tritt in die Magengegend verpasst, dass es ihr jegliche Luft aus den Lungen getrieben hätte. Ihr Pinsel befindet sich auf halber Strecke in Richtung Boden, so als hätte sie ihn eben erst fallen gelassen. Ihr zuletzt gezogener Strich, jäh und brutal unterbrochen, scheint ihr so sehr aus der Hand geraten zu sein, dass er das gesamte Gemälde, an welchem sie gerade gearbeitet hatte, voraussichtlich auf ewig ruiniert hat.

Ich erkenne es wieder. Ich selbst bin auf dem Gemälde zu sehen.

Es ist beinahe sieben Stunden später, kaum eine Sekunde jedoch seit meinem Ausbruch aus ihrem Blickwinkel. Eine einzige Sekunde, seitdem ihr ach so kostbares Gespinst vor ihren Augen im Sturmwind nichts als fortgeblasen und ihre sinistren Pläne noch in ihren Händen zu Staub zermahlen wurden, und nicht einmal einen Augenblick, seit ihr getreuer Ehemann durch meine Hand sein vorzeitiges Ende fand.

Noch während des Stillstands bewege ich mich zu auf Witwe und Staffelei und indem ich mich ihr nähere, verraucht auch schrittweise die Distanz zwischen mir und dem Abgrund. Meinem unbändigen Hass. In ihrer Gegenwart lebt es alles wieder auf in meinem Gedächtnis. Alles. Als wäre es erst gestern geschehen. Erneut spüre ich die Fesseln um meine Gelenke, den eisernen Klammergriff ihrer Finger, ihre spinnenähnlichen Ranken, wie sie sich meinen Willen zu eigen macht, ihn ummodelt ganz nach ihren eigenen Zwecken und Gelüsten.

Meine freie Hand ballt sich zur Faust. Meine Finger um Remi Laurents Waffe spannen sich so sehr an, dass es fast schon zum Krampf wird. Genau hier, genau jetzt, will ich zusehen, wie diese Frau vor mir leidet.

Die Zeit nimmt ihren gewohnten Lauf und ich beobachte, wie sie sich rückwärts taumelnd, fort von ihrem ruinierten Werk, den Kopf mit beiden Händen hält unter einem kehlenzerreißenden Aufschrei der Agonie. Ihr Pinsel fällt zu Boden mit einem leise hölzernen Klimpern. Ihr Gesicht eine Maske des Horrors.

Sieh zu, dass sie auch schreit, Sam.

Kacke, das sah ganz schön schmerzhaft aus. Fühlt sich bestimmt an, als könnte ihr Kopf gleich jeden Moment explodieren. Die Vorstellung, dass ich diese sich abspielende Szene der kommenden paar Minuten nun schon hunderte Male wiederholt habe, bringt ein finsteres Lächeln auf meine Lippen—nein, mehr als nur das: Sie verhilft mir zu leibhaftig aufrichtiger Wonne in meinem Herzen. Mir ist bewusst, dass dies nicht die Freude meines derzeitigen, vierzehnjährigen Selbst sein kann. Sie gehört nicht zu mir. Sie gehört jenem dunklen Racheengel in mir, aus einer anderen Zeit. Einer anderen Welt. Mir ist ebenfalls bewusst, dass es etwas völlig krankes und unmenschliches ist, im Angesicht jemandes anderen Leid Wohlgefallen zu finden. Ich genieße es dennoch.

Dies ist Zorn, wie er durch meine Venen pulsiert. Dies ist der Geschmack von Rache.

Sie sackt zusammen auf dem Boden, atemlos. Ihr Schmerzensschrei verkommt zu langgezogenen, wimmernden Ächzern. Ich warte ab, bis sie endlich fertig ist. Wir haben hierfür alle Zeit der Welt.

Schließlich sieht sie auf, ihr gequälter Blick landet auf mir. Ihre Augen weiten sich noch mehr, noch schreckhafter.

„Du? Das Gespinst… wie—"

Ich stehe über ihr und drücke ihr meine Waffe in die Magengegend, noch bevor sie irgendetwas anderes sagen könnte. „Hast du das hier auch kommen sehen, Miststück?"

Der Schuss erklingt leicht gedämpft durch Stoff und Fleisch, doch er ist noch immer laut genug, um meine Ohren klingeln zu lassen. Sie stöhnt laut auf, mit einem weiteren, schrillen Japser nach Luft, und ihre Finger greifen nach meiner Schulter, als erkenne sie plötzlich ihren Erlöser in mir. Für einen Augenblick lang überwiegt mehr Schrecken denn Schmerz ihre Züge. Sie sieht nach unten.

„Was—"

Der Schreck lässt nach und der Schmerz übernimmt. Ihr Griff wird schwächer, ihr Blut ergießt sich mir warm über die Hand. Bald schon lehnt sie sich zurück gegen die Wand, beide Hände gegen die Wunde in ihrem Bauch gepresst und einem Gesicht, das nur noch aschfarbener wird mit jeder weiteren verstreichenden Sekunde.

„Dieses neue Gespinst," gibt sie unter wimmernden Ächzern von sich, „was hast du getan?"

Ihr Atem stockt in unkontrolliertem Keuchen, ihre Lippen blutrot benetzt. Wie sich herausstellte, sind Schussverletzungen, die den Magen perforieren, ein äußerst schmerzhafter Weg, aus dieser Welt zu scheiden. Mit all der Säure, die dabei in den Innenorganen frei wird; makaber betrachtet könnte man sagen, man beginnt sich selbst zu verdauen. Ich sollte es wissen, ich hatte mehr als genug Gelegenheit, mich rechtzeitig informieren zu dürfen. Wo sie es auf der Skala wohl einordnen würde? Eine Acht? Eine Neun?

„Was hast du getan?"

Sie kommt noch immer viel zu einfach davon. Ein einzelner Schuss aus nächster Nähe, präzise und frontal, mehr eine Exekution denn sonst irgendwas, ihr werden kaum mehr als fünf Minuten verbleiben. Kranke und gestörte Max aus der Zukunft kann einfach nicht wegsehen, gebannt und blutdurstig, wie jener Racheengel, der sie beinahe geworden wäre. Vierzehnjährige Max aus dem Hier und Jetzt, unschuldig und zaghaft, wie das Mädchen, das sie bislang war, könnte sich jeden Moment übergeben vor Übelkeit. Dies hier ist nicht in Ordnung, sagt sie wieder und wieder in meinem Kopf. Ganz egal was sie getan haben mag, dies hier ist nicht in Ordnung.

Ich verändere nichts im Geringsten.

„Dies ist Ihr eigenes Werk, Sie haben es nicht anders gewollt." Ich halte ihr meine Hand hin und zeige ihr meinen Unterarm. „Sie hätten uns in Frieden lassen sollen."

Sie blinzelt, als hätte sie einen Augenblick lang vergessen, dass ich überhaupt da bin. Erkenntnis folgt ihr auf dem Fuße, denn diese Frau besitzt eine Gerissenheit, welche dem Teufel persönlich in nichts nachsteht. „Bluewing…" Sie beginnt den Kopf zu schütteln, langsam und schwächlich. „Dieses neue Gespinst… du hast ja keine Ahnung, was—"

„Ach, lassen Sie mich raten. Sie sind das kleinere Übel, richtig? Vielleicht sollte ich das hier besser wieder zurücknehmen, damit wir in aller Ruhe darüber reden können, nicht wahr? Wir könnten doch sicherlich einen gemeinsamen Nenner finden, wir zwei beide, habe ich nicht Recht? Werden Sie mir jetzt auch sagen, dass das hier erst der Anfang sein wird, oder kommt da heute noch was Sinnvolles?"

Zorn bricht hervor aus ihrem schmerzverzerrten Gesicht. „Du dummes Kind, denkst, du hättest nun gewonnen. Du hast nichts als—"

„Ist mir scheißegal. Es gibt nichts, was Sie noch sagen können. Sieh in deine Zukunft, Dianne. Sag mir, ob du irgendeinen Ausweg erkennst. Sag mir, ob dein Leben auf diese Weise enden wird."

Es ist nur kurz, doch ich hatte es bereits erwartet. Nicht einmal sie kann zu jedem Zeitpunkt die Kontrolle behalten, nicht in einem Moment wie diesem. Schleunigst wieder hinter einer Maske aus Hohn und Dünkel verborgen, nicht jedoch schnell genug, um mir zu entgehen…

Ich sehe Furcht. Ich sehe Verzweiflung.

„Du weißt nicht, was du angerichtet hast," haspelt sie unter ersten Spritzern aus Blut. „Du wirst am Ende alles verlieren, es wird dich alles kosten, was dir jemals lieb und teuer war… und deine kostbare Chloe, sie wird dich fürchten—sie wird dieses Ungeheuer, zu dem du wurdest, niemals akzeptieren geschweige denn gutheißen. Dein Leben wird begraben sein unter einem Berg aus Lügen und Zweifeln und am Ende wird all euer Leid umsonst gewesen sein, es sei denn… es sei—"

Sie kann nicht einmal mehr ihre verzweifelte Schmähtirade zu Ende führen. Je mehr sie spricht, desto mehr Blut spuckt sie dabei aus, es läuft ihr schon frei das Gesicht hinunter. Für eine Weile kann sie erst einmal nur gerade noch so wieder zu Atem kommen, ihre geröteten Zähne zusammenbeißen und ihre Schmerzen hinunterschlucken. Langsam, allmählich, nach einem schier endlosen internen Kampf, kapituliert sie auch in dieser letzten Schlacht dieses ihres Lebens.

„Bist du fertig?"

Wir sehen einander an. Ich weiß nicht, was sie ein meinem Gesicht zu erkennen scheint, doch es reicht offenbar aus, um ihr selbst noch den kläglichsten Rest ihres bleibenden Kampfeswillens zu nehmen. Ihre Stirn erschlafft. Eine in Rot getränkte Hand reicht kraftlos in meine Richtung, ehe sie wieder erschöpft und reglos zurück in ihrem blutigen Schoß landet. Erste Tränen quellen ihr schließlich aus den Lidern hervor.

„Bitte… tu… meine Kinder…"

Ihre letzten gequälten Laute ersterben irgendwo in der reglosen Luft zwischen uns. Ihre müden Augen werden dunkel und senken sich Richtung Boden, dann schließen sie sich endgültig. Ihre stets vornehm anmutende und sorgfältig einstudierte Körperhaltung lässt allmählich nach und wird schlaff wie ein blutrot getränktes Tuch in den schwerelosen Weiten des einsamen Ozeans, ehe sie schließlich entkräftet und matt gegen die Wand gelehnt ihre Ruhe findet.

Dies hier ist nicht in Ordnung.

Ich könnte es zurücknehmen. Ich könnte sie zu einem ordentlichen Gespräch zwingen, Katz und Maus mit ihr spielen, bis ich alles weiß, was sie weiß. Vielleicht, nun da ich frei bin von ihren Fängen und eindeutig in Kontrolle, könnte ich ihr eine Chance auf Leben einräumen, solange sie sich zu all meinen Bedingungen ergibt. Es ist möglich, dass sie die Wahrheit gesprochen hat. Ich könnte tatsächlich auf eine Katastrophe zusteuern.

Ich erwäge es. Ich denke ernsthaft darüber nach, trotz allem, was passiert ist, trotz allem, was sie uns angetan hat. Der Gedanke ist so instinktiv abstoßend, wie die Erinnerung an lebende, nackte Haut, die vor meinen Augen unter einem fleischigen Zischen Blasen aufwirft und brodelnd zu einem brüchigen Stück grauen Felsens verkommt.

Ich entscheide mich dagegen.

Stattdessen bringe ich mein Handy hervor. Es muss sich bereits selbstständig auf diese neue „Zeitzone" aktualisiert haben. Ein Knie in der Blutlache am Boden und ich warte darauf, dass auch der letzte Atemzug ihre leblosen Lippen verlässt.

Zeitpunkt des Todes: 7:09 Uhr, 12. Oktober, 2009.

Meine allererste Markierung. Ich darf sie niemals vergessen. Ich werde niemals, jemals über diesen entscheidenden Punkt hinaus in der Zeit zurückgehen.

Zum Guten oder zum Schlechten, mein Schicksal liegt fortan in meiner Hand, und in meiner allein—

„Bluewings Erbin."

Die Stimme, scharf und zischend, dringt zunächst von der Türe herüber an mein Ohr. Die Zeit steht still, noch ehe ich herumfahre.

Acht unverwandt wachsame Augen glühen rot in der Dunkelheit jenseits des Durchgangs. Sie nähern sich zügig, trotz des Stillstands der Zeit, bis sie sogar die Türe passiert haben. Acht glänzende Murmeln aus Rot schweben auf Schulterhöhe in zwei Reihen aus Vier, nähern sich mir unentwegt, während die Stimme nunmehr aus allen Richtungen auf mich einzudringen scheint.

„Höre meine Worte," faucht sie. „Bestelle dein Haus, dann suche die Tochter auf. Sie teilt die Gabe, mangelt indes Tücke wie Streben. Wir werden uns zusammentun."

Mein Rücken stößt plötzlich gegen die Wand hinter mir und ich muss feststellen, dass ich die ganze Zeit unwillentlich zurückgewichen bin vor diesem immer näher rückenden Eindringling.

„Wa… was—"

Kaum ein Meter vor meinem Gesicht kommt die unheimliche Erscheinung jäh zum Stehen. „Du schufst dir dein eigenes Schicksal. Nun dem Sieger die Beute..."

Im einen Moment noch ist der Raum erfüllt mit dieser bedrohlichen Gegenwart, dunkel geschwollene Schatten und Unheil verkündende Augen. Im nächsten, und alle Farben scheinen in die Welt zurückgekehrt und ich bin wieder allein mit dem blutenden Leichnam meiner Erznemesis zu meiner Seite.

Ziemlich sicher bekomme ich hierfür keinen zweiten Versuch, um diese doch eher dubios ominöse Begegnung souveräner zu meistern.

Ich sehe auf die Frau neben mir herab. Purpur sammelt sich um ihre leblose Form, ich stehe schon beinahe darin. Als der Adrenalinrausch und der Anfall des Zorns und der Rache und auch diese geisterhafte Erscheinung in letzter Minute allmählich alle verfliegen, überkommt mich an ihrer statt eine gedankenlähmende Taubheit in meiner Brust. Dies ist meine Welt, fortan. Dies sind die Konsequenzen meines Handelns.

„Gottverdammte Geist-Dinger. Das wird wohl nie ein Ende finden…"

Ich belasse Diannes sterbliche Hülle an Ort und Stelle. Das zukünftige Vermächtnis eines Geschlechts, dessen übelriechender Verwesungsprozess bereits eingesetzt hat.


Die lustige Grinsekatze-Uhr lässt ihren Ringelschwanz ungerührt vergnügt an der Wand pendeln. Es ist nun schon nach halb acht Uhr desselben Morgens. Die ersten Strahlen des Tages wagen sich bereits über Horizont hinter meinen Jalousien, und werfen ihr goldenes Gittermuster gegen die hintere Wand meines Zimmers.

Ich stopfe gerade noch mein schmutziges Oberteil in die Plastiktüte, zusammen mit dem Rest meiner Klamotten, damit ich sie später bei Gelegenheit alle anzünden und beseitigen kann. Die Waffe wurde schon längst tief vergraben in meinem Wandschrank unter unzähligen Stoff- und Plüschtieren, welche mir fortan nicht länger würdig erschienen, ihr einstiges Reich auf diesem subdimensionierten Kinderbett zu bevölkern.

Ich wollte Chloe besuchen. Sie war genau da, kaum ein paar Straßen weiter. Ein Klopfen an der Türe, eine verzweifelte Umarmung und potentiell Stunden und Aberstunden jämmerlichsten Rumflennens. Es hätte sie so sehr überfordert, sie hätte es nicht verstanden.

Ich konnte nicht. Nicht mit derart frischem Blut an meinen Händen. Dies ist keine Max, die sie verdient hat.

Die Fahrt zurück nach Seattle verbleibt ein nebulöser Filmriss in meinem Verstand. Mit Ausnahme dieses fiesen Beinahe-Unfalls auf Höhe von Lakewood. Für nur eine kurze Sekunde war mir der Lenker ausgekommen und ich wäre fast auf der Schnellstraße ins Heck dieses Wohnwagens gerauscht. Was wäre das mal wieder eine ironische Lachnummer des Schicksals, mich so weit kommen zu lassen, nur um dann von irgendeinem Möchtegern-Betsy-Abklatsch überrollt zu werden, nachdem ich mal für einen winzigen Augenblick lang weggenickt bin.

Danach waren es nur noch einfache Busfahrten für mich, sobald ich meine gute Honda zurück auf ihren ursprünglichen Parkplatz gebracht hatte, die Schlüssel im Zündschloss „vergessen". Handy ausgeschaltet, Zeit verstreichen lassen, wen zum Teufel sollte es denn jetzt noch jucken? Die größte Herausforderung bestand eigentlich nur darin, nicht einzuschlafen und meine Haltestelle zu verpassen—und selbst das hätte sich noch mit einer weiteren, kurzen Zeitreise beheben lassen.

Ich schleudere die Tüte mitsamt Beweismaterial ins hintere Eck des Wandschranks. Zurück in Schlafanzugoberteil und Unterhose. Ich könnte schon beinahe hier und jetzt auf der Stelle im Stehen einpennen—die quietschpinke Armbanduhr behauptet doch allen Ernstes, ich sei jetzt schon knapp an die zwanzig Stunden auf den Beinen, doch ich weiß, dass da noch mehr unter dieser Erschöpfung steckt, die meine Knochen zu Blei werden lässt. Am liebsten würde ich mich nun in meine Bettdecke einwickeln und erstmal für eine Weile lang damit aufhören, ich zu sein. Ich will einfach nur noch vergessen.

Doch als allererstes muss ich auf den Flur hinaus, ins Badezimmer und dann ab unter die Dusche, denn ich habe jede Intention, die nächsten vier Stunden unter dem heißen Strahl ihres Brausekopfs zu verbringen.

Mom ist gerade auch auf dem Flur, ebenfalls in Richtung Bad unterwegs, gähnend, schlaf-zerknittert und Nachthemd-gekleidet. Wir stutzen beide voreinander.

„Oh, hey, Maximäuschen. Du bist ja früh auf den Beinen, sind wir etwa unter die Frühaufsteher gegangen?"

Ohne eine Antwort abzuwarten schließt sie mich in ihre Arme für unsere allmorgendliche Begrüßungsumarmung. Feste Routine. Eine Routine, bestehend seit bevor ich überhaupt denken kann.

Völlig auf dem falschen Fuß erwischt, versuche ich mir nichts anmerken zu lassen und die Geste so gut ich kann zu erwidern. Ich bin so steif und verspannt in ihren Armen wie jemand, der gerade einen Doppelmord zweiten Grades hinter sich hat und dabei auf frischer Tat ertappt wurde. „Ja, äh. Ich… ich konnte nicht richtig schlafen."

Sie hält mich auf Armeslänge und beäugt mich gründlich von Kopf bis Fuß. „Das merkt man. Geht's dir nicht gut, Liebling?"

„Doch, doch, alles gut."

„Hm." Sie hält sanft meine Wange und dreht meinen Kopf leicht zu Seite, fühlt meine Stirn.

Solch eine simple und praktische Geste der Fürsorge. Eine Geste tiefer Zuneigung, warmherzigen Wohlwollens und alter… Vertrautheit. Sie ist eigentlich nur eine herkömmliche Mom-Geste, etwas überbesorgt, etwas bevormundend, genau wie sie immer war. Ich bin sie mittlerweile mehr als nur gewohnt.

In diesem speziellen Augenblick jedoch ist sie ein lasergelenkter Präzisionsangriff auf jene bombenfest gedachte Barriere vor meinem Herzen. Sie landet einen goldenen Treffer, der mich augenblicklich in winzige Stücke zerfetzt.

„Bist du dir sicher, dass alles in Ordnung ist? Du wirkst auf mich alles andere als in Ordnung, Maximäuschen."

„Nein," gestehe ich ihr gerade heraus. Meine Stimme birst mir kaum noch aus der Kehle hervor. Sie ist nichts als ein hauchdünn seidener Faden, der jeden Augenblick zu reißen droht. „Nein, ich bin nicht in Ordnung…"

„Was fehlt dir denn? Fühlst du dich krank?"

Ich bin eine Mörderin, Mami.

Die Tränen brechen endgültig aus und strömen mir frei Gesicht hinab, noch ehe ich mir ihrer überhaupt gewahr werde. Meine Kehle ist ein einziger schmerzhafter Knoten, so schwer und felsenfest wie diese eiserne Faust, die mir die Lungen zerdrückt. Dies ist alles, was es gebraucht hatte. Ich löse mich auf. Ich bin nicht mehr ich selbst, meine Welt, einfach alles entgleitet mir—ich kann es spüren. Es passiert und ich kann nichts dagegen tun.

„Liebling, was fehlt dir denn? Warum weinst du?"

Unter schwersten, verkrampfen und schluckauf-belagerten Atemzügen begrabe ich mein verrotztes Gesicht in der Beuge unter ihrem Kinn auf ihrer Brust, klammere mich an sie so fest mich meine beiden schwächlichen Spagetti-Ärmchen nur lassen. Nach nur einem winzigen Augenblick der Überraschtheit streicht sie mir auch schon die tränengetränkten Strähnen aus dem Gesicht und summt mir beruhigend ins Ohr.

„Ist schon gut, Mäuschen. Schhh, alles wird wieder gut werden…"

Sie kann nicht wissen, was los ist, warum ich derart aufgelöst bin, doch das ist auch nicht wichtig—sie ist für mich da, ganz egal was es ist. Teenager-Sorgen, wette ich, nimmt sie an. Ich habe mich verknallt und er hat mich abblitzen lassen. Die coolen Kids waren wieder einmal gemein zu mir.

Kein vorsätzlicher Mord. Keine ausgelöschten Zeitlinien und Existenzen, die niemals sein werden. Keine systematische Folter oder außernatürliche Syndikate oder eine Kraft, die Realität je nach meinem Willen, mit nicht einmal einem Fingerschnipsen zu biegen und zu brechen.

Sie tröstet mich ganz einfach weiter auf ihre besänftigende Mami-Art. „Alles wird wieder gut…"

Sie lässt diese meine neue Realität endgültig, ein für alle Mal und unmissverständlich Wirklichkeit werden wie es sonst nichts und niemand anderes könnte. Ich werde von hier aus in keine eigentliche Gegenwart zurückkehren. Dies hier ist die Gegenwart. Dies hier bin ich, fortan, Gefangene eines Lebens, welches ich Jahre zuvor zurückgelassen geglaubt hatte, ein Leben, in welches ich unmöglich jemals wieder hineinpassen werde… Und Gott, wie sollte ich es ihnen jemals beibringen? Wie in drei Teufels Namen sollten sie ihre Tochter in mir jemals wieder vollends wiedererkennen?

Die Aussicht auf diese meine Zukunft lässt mich nur noch weiter im Morast versinken. Ich bin zu nichts imstande als körperweiten Schaudern, wie unter Schüttelfrost, und atemlos schweren Schluchzern, wie kurz vor dem Ertrinken.

„Mensch, Max, du machst mir ja richtig Angst. Was war denn los?"

Selbst diese Erschütterung ihrer berechtigt ernsthaften Sorge lässt mich nur erkennen, dass ich dies hier ebenfalls zurücknehmen muss. Ich werde mich an ihr ausflennen und dann die Zeit zurückdrehen und so tun müssen, als wäre nichts hiervon jemals geschehen, und das wird auch der Zeitpunkt sein, an dem die Lügen beginnen werden, sich aufzutürmen zu ihrem monumentalen Berg aus Zweifeln…

„Es tut mir leid," will ich sagen, doch es kommen nur kläglich blubbernde Schluchzer hervor. Genau so wird es passieren, nicht wahr? Der einzige Grund, weshalb BetaMax es ihnen verraten hatte, war, weil sie gar keine andere Wahl hatte. Sie befand sich auf der Flucht vor ihrem Schicksal, es war das Einzige, was sie tun konnte, um ihre Eltern nicht voll Sorge zurückzulassen mit ihrer im Sturm verschollenen Tochter. Außerdem war sie bereits von Zuhause ausgezogen, eine erwachsene Frau, darauf aus, ihr eigenes Leben zu schlagen, draußen in der weiten Welt.

Doch ich bin ihr kleines Mädchen, ihr Maximäuschen, noch mitten in der Hochphase ihrer frühen Pubertät, ihre allergrößte Furcht dürfte sein, dass ich an irgendeinen falschen Typen geraten könnte und ihnen am Ende noch ein Kind nachhause anschleppe.

„Mein Gott, lass mich dich zurück in dein Zimmer bringen, Mäuschen. Du kannst von mir aus für Heute zuhause bleiben, in Ordnung? Sag mir einfach, was los ist. Du weißt doch, du kannst mir immer alles erzählen."

Sie steht schon kurz davor, jeden Augenblick selbst mit meinen Schluchzern einzustimmen, so sehr ist sie erschrocken. Ich nicke nur und lasse sie mich sanft in mein Zimmer zurückleiten und vielleicht könnte ich dann ja mal auch mal endlich aufhören, so viel denken zu müssen. Ich flenne noch immer ohne Ende vor mich hin, klammere mich an ihr Nachthemd. Womöglich könnte ich ihr auch einfach erst einmal glauben und zu dem Schluss kommen, dass vielleicht tatsächlich alles gut werden wird. Eines Tages.

Sie führt mich hinüber zum Bett, in welchem ich nun schon ewig nicht mehr geschlafen habe, und bringt mich dazu, mich hinzulegen, deckt mich sorgfältig zu. Sie küsst mich auf die Schläfe und streicht mein Haar noch einmal zur Seite, genau wie sie es in den Filmen immer machen.

„Ich werde immer für dich da sein, Maxine. Ich stehe dir immer zur Seite—vergiss das niemals, hast du verstanden?" Sie sucht meine Hand unter der Decke und drückt mich noch einmal extra beruhigend. „Versprichst du mir, dass du mir erzählst, was los ist? Es muss auch nicht jetzt gleich sofort sein. Wenn du bereit dafür bist."

Ich drücke sie zurück. Die Zärtlichkeit jeder einzelnen ihrer Gesten und Worte bringen nur eine weitere Flut aus Tränen, die sie nicht sehen kann, ans heranbrechende Tageslicht.

„Versprochen," bewältige ich leise zu flüstern. Sie streicht einfach weiter über mein Haar und hält weiter meine Hand, sitzt neben mir auf der Bettkante, als bewachte sie ihren wertvollsten Besitz auf der ganzen Welt, gleich dem unbezwingbaren Feuerdrachen auf ihrem Hort. Jegliche Pläne, sich demnächst bald fertig zu machen—weil ich weiß genau, sie müsste heute eigentlich zur Arbeit—sind nichts als vergessen, denn sie hat nicht die geringste Intention, mir von der Seite zu weichen. Ich klammere mich an sie, denn ich will nicht, dass sie weggeht. Ihre tröstliche Gegenwart ist das letzte, woran ich mich noch erinnere, ehe der Schlaf mich schlussendlich einholt.

Ich verspreche dir alles zu erzählen, Mami. Ich schwöre, ich werde es tun, eines Tages.

Eines Tages. Wenn ich bereit dafür bin.


Ich schlüpfe in meine frischen Wechselklamotten, sammle noch mein nasses Handtuch zusammen und öffne die Badezimmertüre zum Flur. Mom kommt mir auf der anderen Seite entgegen, gähnend, Schlaf-zerknittert und Nachthemd-gekleidet. „Meine Güte, das muss ja die mit Abstand frühste Dusche deines ganzen Lebens gewesen sein. Sind wir heute etwa in Eile, Maximäuschen?"

Sie streckt einen Arm aus, eine Einladung zu unserer allmorgendlichen Begrüßungsumarmung. Ich nehme einen geschickten Ausweich-Schritt rückwärts und bringe eine Hand zwischen uns. Die andere bleibt sorgfältig versteckt unter dem Handtuch.

„Eigentlich… ich fühle mich heute gar nicht gut, Mom. Ich dachte, ich könnte unter der Dusche 'nen klaren Kopf kriegen, aber das hat es irgendwie auch nicht wirklich besser gemacht…"

Ich brauche ihr nicht einmal großartig was vorspielen, um so zu klingen, als ginge es mir absolut miserabelst.

„Oje, du armes Ding. Komm doch mal her, lass mich dich anschauen."

„Ich will dich nicht auch noch anstecken."

Sie gluckst leicht. „Liebling, falls du wirklich was ausgebrütet hast, dann hätte ich es doch sowieso auch schon längst. Wir haben gestern im Kino aus demselben Strohhalm getrunken, erinnerst du dich noch?"

Nein. Ich erinnere mich nicht mehr.

"Komm, lass deine Mami dich anschauen."

Sie tut was Mom eben tut und fühlt entlang meiner Wange, hält eine Rückhand gegen meine Stirn. Es bohrt sich mir noch immer ins Herz, doch ich kann mich dieses Mal noch zusammenreißen. Ich tue sogar extra so, als ob ich es ihr verübelte.

„Hm. Du bist zumindest schon mal nicht fiebrig. Hast du gestern vielleicht irgendetwas anderes gegessen als wir? Hast du Bauchweh?"

„Nein, nichts davon. Ich weiß auch nicht, ich habe nur diese ganz fürchterlichen Kopfschmerzen. Ich fühle mich einfach schrecklich, ich glaube, ich kann heute echt nicht zur Schule gehen."

Mom schürzt nur die Lippen, ihre Stirn in Falten gelegt vor Besorgnis. „So schlimm gleich, was?"

Es liegt nicht einmal der Anschein eines Zweifels in ihren Augen, denn ich war zeit meines Lebens stets verdammt nochmal vorbildlich. Ich bin ein artiges Mädchen, ich bin nicht cool genug, um krank zu spielen, und mal ganz ehrlich, ich habe es immer gehasst, in der Schule zu fehlen—diese ganze Nachholarbeit im Anschluss ist die reinste Folter. Wenn ich also behaupte, dass ich nicht kann, dann nur, weil ich wirklich ernsthaft nicht kann.

Sie seufzt. „Tja, also dann, ab zurück ins Bett mit dir. Ich rufe in der Schule an und besorge dir eine Aspirin und auch eine Kleinigkeit zu Frühstück. Ich sehe zu, dass du alles hast, was du brauchst, bevor ich zur Arbeit aufbreche, einverstanden?"

Ich schenke ihr ein dürftiges Lächeln. „Du bist die Beste."

„Wem sagst du das?" Sie schummelt doch noch einmal eine Überraschungsumarmung in unsere Konversation und küsst mich auf den Kopf. Ich umarme sie zurück, eventuell sogar noch etwas fester als es normalerweise der Fall wäre. Dann tue ich, wie sie gesagt hat, und schlurfe schweren Schrittes zurück in Richtung meines Zimmers. Meine Beine fühlen sich im Augenblick ziemlich schwer an. Wahrscheinlich weil mir mein Herz bis ganz nach unten in die Fußsohlen gerutscht ist.

Ich habe nun schon satte vierzehn Stunden Schlaf am Stück hinter mich gebracht, bis ich wieder halbwegs ausgeruht war, und dann alles davon wieder rückgängig gemacht. Eine stinknormale, alte Zeitreise. Der Pfad durch die Bewusstlosigkeit, welchen ich zuvor für schlicht nicht existent gehalten hatte, erscheint mir nun wie eine leuchtende Kette aus Weihnachtslichtern, der ich nur zu folgen brauche. Mir den Weg hindurchzubahnen, macht irgendwie ganz merkwürdigen Sachen mit meinem Körper: Es ist nicht wirklich, als machte ich den Schlaf vollkommen ungeschehen, doch gänzlich ausgeschlafen komme ich anschließend auch nicht heraus. Stattdessen bin ich einfach nur… irgendwie im Zwielicht dazwischen gefangen. Ich fühle mich müde, doch wieder schlafen könnte ich auch nicht. Der beste profane Vergleich, der mir spontan einfällt, ist wie nach einer langen und unruhigen, schlaflosen Nacht. Man steht morgens auf und ist immer noch genauso todmüde wie am Abend zuvor auch, doch einfach wieder hinlegen und weiterpennen ist auch keine Option, denn hallo? Es ist morgens, der Tag hat begonnen, also steh gefälligst auf und unternimm irgendetwas Sinnvolles, so schlimm wird es schon nicht sein. Und dann fühlt man sich den ganzen restlichen Tag wie Arsch.

Ich lege mich also wieder ins Bett und warte geduldig. Mom tut exakt wie versprochen und taucht eine Minute später wieder im Türrahmen auf mit einem vollbeladenen Tablett in Händen. Sie stellt das Tablett auf dem Nachtschrank ab und geht sicher, dass mir alles, was ich brauchen könnte, griffbereit zur Verfügung steht.

„Wir können auch gerne zum Arzt gehen, falls es dir noch nicht bessergeht, sobald ich nachhause komme. Du weißt ja, du kannst mich jederzeit anrufen, wenn irgendetwas sein sollte, und ich komme sofort vom Blumenladen rübergeflitzt, um nach dir zu sehen. Kann ich dir sonst noch was Gutes tun?"

Ich schüttle kleinlaut mit dem Kopf. „Danke, Mami."

„Ruh dich ein wenig aus, Maximäuschen. Und versuch ja nicht, nicht zu frühstücken, solange dir davon nicht schlecht wird."

„Keine Sorge, ich werde schon was essen. Einen ruhigen Arbeitstag wünsche ich dir, Mom. Ich hab' dich lieb."

„Ha, meine Güte, wer ist nur dieses reizende Mädchen und was hat sie mit meiner widerspenstigen Tochter angerichtet?"

Ich weiß, dass sie nur herumwitzelt, es ist mir sehr wohl bewusst. Mein Herz setzt dennoch für einen Moment lang aus, ehe ich mich zu einem schrägen Grinsen zwingen kann.

„Ich musste sie beseitigen. Sie stand im Weg. Du wirst dich jetzt wohl oder übel mit mir abfinden müssen."

„Kann nicht behaupten, dass mir dieser Tausch etwas ausmacht. Ich hoffe, dir geht es bald wieder besser. Ich hab' dich auch lieb, Maximaus."

Bevor sie den Raum verlässt, zieht sie noch die Jalousien hoch und flutet den ganzen Raum mit frühem Tageslicht. Im Hinausgehen schließt sie die Türe nur zur Hälfte und lässt auch das Flurlicht an. Ich lausche ein paar Minuten lang, bis ich die Haustüre unten mit einem dumpfen Rumms zufallen höre.

Und dann entgeht mir erst einmal der gewaltigste und langgezogenste Seufzer meines noch allzu jungen Lebens.

Gewöhne dich an dieses Gefühl. Nimm es auf deine Schultern, es ist das Geringste, was du für sie tun kannst. Du bewahrst sie schließlich nur vor einem gebrochenen Herzen.

Mein Leben, ein gottbeschissener Berg aus Lügen von nun an.