Kapitel 14: Wiederspielwert
Joyce' Stimme liegt in weiter Ferne, schwermütig und monoton, als wären ihr die Worte Gift und sie hasste jede einzelne Silbe, die ihren Mund verlässt.
Hier ist der Anrufbeantworter der Familie Price. Hinterlassen Sie eine Nachricht nach dem Signalton.
Viel zu gut kann ich mich noch erinnern an diese superkitschige Ansage, die sie einmal als ganze Familie aufgenommen hatten, abgedreht und komisch und durch und durch liebenswert in typischer William-Manier. Es muss sie ganze fünf Jahre ihres Lebens gekostet haben, sie zu überspielen.
Piiiep.
Stille.
„Hi, ähm. Hier ist Max. Max Caulfield? Ich, äh… ich wollte…"
Stille.
„Ich wollte mich bloß…"
Stille.
Stille.
Stille.
„Chloe. Hör zu, Chloe, es tut mir so unglaublich leid. Ich hätte schon viel früher anrufen sollen, ich wusste nur nicht…nein, es gibt keine richtige Entschuldigung hierfür, ich war so eine beschissene Freundin zu dir, aber ich vermisse dich so unendlich, ich habe dich jeden einzelnen Tag vermisst, seitdem wir von hier weggezogen sind. Bitte ruf mich zurück, sobald du kannst, ja? Ich weiß, ich hätte nicht—"
Klick.
„Hey."
„Oh. Chloe?"
„Jup. Hey, Max."
„Chloe… Chloe, es tut mir so leid, ich bin ja so froh deine Stimme zu hören…"
„Alter, noch lange kein Grund, gleich so dick aufzutragen, ich hab's ja kapiert, es tut dir leid. Brauchst wegen mir nicht so sehr auf die Tränendrüse zu drücken."
„Ich kann nichts dafür, du kannst dir gar nicht vorstellen, wie sehr… weißt du was? Könnten wir das hier vielleicht persönlich machen, kann ich dich treffen? Hast du im Augenblick Zeit?"
Vor meinem inneren Auge kann ich ihre Verwunderung förmlich sehen, wie sie entgeistert das Telefon vor sich beäugt. „Du—du bist in Arcadia?"
„Ich stehe draußen vor der Tür."
„Mach keinen Scheiß, unmöglich."
Ich kann das dumpfe Rumpeln, als sie den Flur entlangstürmt, bis hier draußen hören. Ich hatte schon so eine leise Ahnung, dass sie sich nicht in der Schule aufhalten würde. Ich hätte auch die ganze Stadt auf den Kopf gestellt, um sie zu finden.
Chloe reißt die Türe nach innen auf, die Augen groß, der Hauch eines überraschten Lächelns bahnt sich auf ihren Lippen an. An dieser Stelle gäbe es wohl einige Dinge, die ich gut möglich als erstes bemerkt haben könnte: Ihre kurzen, strohblonden Haare, kreuz und quer verstrubbelt, vermutlich selbst geschoren in blinder Raserei irgendeiner Wutattacke; ihr fleckiges, altes, „ich hege keinerlei Absicht, jemals wieder das Haus zu verlassen" Oberteil und eine dazu passende Jogginghose; die Leichenblässe ihrer Haut und kränklich eingefallene Haltung ihres Körpers. Ich schätze, es wird dann wohl erstmal an mir sein, sich über mangelhafte Essgewohnheiten zu sorgen.
Doch nein, was mir noch als allererstes schmerzlich ins Auge sticht ist Dunkelheit unter den ihren. In den ihren. Sie sollten eigentlich nicht so aussehen, trübe und ausdruckslos. Die gähnenden Hohlräume ihrer Lider nichts als düstere Jammertäler voll Schatten einer längst vergangenen Tragik dieser jüngeren Zeitgeschichte; blutunterlaufen und tränengeschwollen, Rots und Lilas schwermütig genug, sie könnten auch als die klagenden Seelen zweier untoter Wiedergänger durchgehen.
Ihr in diese Augen zu blicken gleicht einem Tritt in die Magengrube. An diesem Punkt meines Lebens mag mir bereits so manch kranker und perverser Scheißdreck widerfahren sein, wie ich mich noch allzu entfernt erinnere, doch nichts von alledem kommt auch nur annähernd heran an das leibhaftige Zeugnis von Chloes Leid.
„Max…"
„Hey." Ich hebe eine schüchterne Hand, schenke ihr ein vorsichtiges Lächeln. „Ich bin hier."
Ich hatte erwartet, dass es irgendwie schwierig werden könnte. Oder kompliziert. Dass sie mich womöglich hassen könnte.
Chloe, junge und wütende und gebrochene Chloe, sie nimmt die wenigen Stufen vor ihrem Haus mit einem einzigen, sprunghaften Schritt und schließt mich ohne eine Vorwarnung in ihre Arme. Sie fühlt sich ganz anders an als all die Umarmungen, die ich von ihr gewohnt bin, von einer Chloe, die so sehr erfüllt war von Energie und Lebenskraft, die mich zärtlich, wie sie stets war, unter ihrer Liebe erdrücken konnte und mich so fest an sie presste, dass es mir manchmal schon das Atmen erschwerte, ob ihrer grenzenlosen Zuneigung. Diese Chloe hier… sie ist gebrechlich und unsicher gegen meine Brust gekauert, ihre Finger wie knochige Eiszapfen in meinem Rücken. Sie kaum mehr ein Geist, federleicht wie die ersten, zaghaften Sonnenstrahlen nach einer bitterkalten Nacht. Wie ausgebrannt und zerfallen unter ihrem eigenen Gewicht, ihr einstiges lebenschenkendes Feuer nicht mehr als ein aschenes Nachglimmen.
Ihr Duft jedoch ist noch immer der alte. Das Wogen ihres Atems und die sanfte Beuge unter ihrem Kinn auf ihrer Brust, sie sind noch immer da. Sie sind noch immer dieselben. Sie mögen schon bessere Tage erlebt haben, doch ich erkenne sie noch immer leicht als mein altes Zuhause.
Ich bin Zuhause.
Ich halte sie wie sie mich schon unzählige Male zuvor, als sie das Grauen in Schach hielt und die Schrecken der Nacht zurückdrängte in jene Schatten, derer sie dereinst entsprangen. Und ich gebe ihr alles, alles, was ich habe, all meine Reue, all mein Schuld- und all mein Mitgefühl, all meine Sorgen und all meine Hoffnung. Ich überschütte sie mit einer solch schieren Unmenge an Liebe, dass ich schon beinahe fürchte, es könne sie abstoßen, denn noch kann ich unmöglich schon diese Person sein in ihrem Kopf.
Doch sie bleibt. Welch Anspannung oder Entfremdung auch immer zwischen uns gestanden sein mag löst sich augenblicklich in Wohlgefallen auf und ihre zunächst kühle Umarmung fällt mehr und mehr in sich zusammen auf meinen Schultern, bis sie schlussendlich praktisch vollständig auf mir lehnt, dicht an dicht. Ich spüre ihre Finger den Stoff meiner Jacke am Rücken zusammenbauschen, so als könne sie es noch immer nicht fassen. Ihre Brust bricht endlich auf unter bebenden Schluchzern, welche die Tränen nicht mehr länger zurückhalten wollen.
„Ich habe dich so… so sehr… vermisst…" bringt sie nur hervor.
Meine schlichte Gegenwart, hier bei ihr. Sie war alles, was es brauchte, für uns, dieses Band neu zu schmieden. Ihr eiserner Schutzwall noch nicht ganz errichtet, ihre Festung liegt in schwelenden Trümmern. Ich wusste, sie brauchte mich. Ich hatte es immer gewusst, und doch bin ich ihr ferngeblieben unter den kindischsten aller Vorwände, bis ich mich eines Tages selbst überzeugt hatte, dass es bereits zu spät sein musste, es noch länger zu versuchen. Dass sie schon in Ordnung sein würde. Selbst noch nachdem wir wieder zusammenkamen, da bat ich sie um ihre Vergebung, als wäre sie etwas, das ich jemals trotz meines Versagens verdient hätte.
Ich hatte es niemals verstanden, bis in diesem speziellen Augenblick, hier und jetzt, ganz genau wie sehr sie jemanden brauchte.
„Es tut mir so leid, Chloe. Es tut mir ja so, so leid…"
Sie lockert ihren Griff etwas, lässt mich nur so weit los, dass ihre Stirn auf meiner Schulter ruht. Sie gibt wirklich ihr Bestes, sich zu beruhigen und die Schluchzer zu unterdrücken. „Ist… ist schon gut. Du bist ja jetzt hier. Das Leben ist… sowas von beschissen, Max…"
„Ich weiß. Es wird wieder besser… Ich verspreche dir, es wird wieder besser werden…"
„Fick dich. Meine Mom, sie… sie ist jetzt mit diesem Typen zusammen." Chloe nimmt sich einen Moment, um wieder zu Atem zu kommen, dann einmal schwer zu schniefen und sich die Rotznase mit dem Handrücken abzuwischen, noch immer auf mich gelehnt. „Bestimmt will er bald mit seinem ganzen Scheißkram hier einziehen, er tut schon längst so, als wären wir jetzt seine beschissene Familie. Was zur Hölle, Max? Es ist, als ob… als ob mein Dad niemals existiert hätte…"
Arme Chloe. Sie muss bereits für so lange Zeit nur so darauf gebrannt haben, mit jemand gleichgesinntem so richtig über David herziehen zu können.
„Klingt echt superfies."
„Es ist irgendwie wie… ‚wer zum Teufel bist du überhaupt? Du bist nicht mein beschissener Dad, ich kenne dich gar nicht, also was hast du in meinem bekackten Leben verloren?' Verstehst du?"
„Ja, ich kann dich nur zu gut verstehen. War dieser Typ irgendwie… ein Arschloch zu dir?"
„Nein, er ist nur… er gibt immerhin sich Mühe, keins zu sein, schätze ich. Weil das muss ja er schließlich auch und es treibt mich zur Weißglut. Er ist nicht mein Dad, scheiß auf den Kerl!" Chloe hebt ihren Kopf plötzlich von meiner Schulter und sieht mich an, ihr Hände ruhen leicht auf meinen Schultern. Sie scheint zu bemerken, dass wir noch immer draußen vor der Türe stehen, und schenkt mir das leiseste Lächeln, erfüllt mit ferner Hoffnung. „Willst du… mit mir rauf in mein Zimmer gehen? Niemand ist zuhause."
Ich nehme eine ihrer Hände und drücke sie fest zwischen meinen beiden. „Nichts wäre mir lieber als das."
Ihr schüchternes Lächeln wird zum beinahe vollausgewachsenen Grinsen, doch dann scheint etwas Klick zu machen in ihrem Kopf. Auf einmal wirkt sie verunsichert. „Müsstest du nicht eigentlich in der Schule sein?" Sie sieht sich in der Einfahrt um, blickt die Straße hinunter durch die Nachbarschaft. „Womit bist du überhaupt hergekommen?"
Sie kann das Auto natürlich nicht sehen. Ein weiteres witziges Detail: Mom's Jeep kommt im Zeitstillstand auf unendlich Kilometer pro Liter Benzin. Von Seattle bis hier und den ganzen Weg zurück und nicht mal einen einzigen Tropfen Sprit verbraucht.
Schon während der Fahrt hatte ich über unzählig viele Herangehensweisen und Wege nachgedacht, wie ich jene unausweichliche Frage in Angriff nehmen könnte. Mit etwas Hoffnung kann ich Chloe von der Wahrheit erzählen, noch ehe dieser Tag vollends vorüber ist. Doch ich bin auch noch nicht ganz weltentfremdet genug, um zu glauben, dass sie mir innerhalb der ersten fünf Minuten Glauben schenken könnte, nachdem wir uns seit gerade mal gut einem Jahr das erste Mal wiedergefunden haben.
„Diese ganze Sache hat mich schier in den Wahnsinn getrieben," erzähle ich ihr. „Ich konnte mich einfach nicht länger davor drücken. Also habe ich meine Mom dazu überredet, das hier für uns zu machen. Wir sind gestern Abend angekommen. Sie hat mich eben erst die Straße runter rausgelassen und verbringt selbst den Tag bei alten Bekannten. Sie wollte uns in Ruhe lassen."
Es fühlt sich abscheulich an, ihr derart ins Gesicht zu lügen. Sie ist noch immer froh, mich zu sehen, doch sie wirft mir auch einen Blick zu, als sei ich eben erst aus der Klapsmühle ausgebüxt. „Bist du bekloppt? Es ist doch 'ne gottverdammte Tagesreise von Washington bis hierher—und das an 'nem Montag? Du hättest mich doch auch einfach anrufen können, du Dummbeutel."
„Nein, das hätte ich nicht—ich meine, ich hätte sollen, aber ich hab's nie getan. Ich hab' mich einfach aus dem Staub gemacht… ich hatte das Gefühl, dich jetzt noch anzurufen, wäre einfach nicht mehr genug gewesen." Ich zucke mit einer Schulter und versuche mein Lächeln so entwaffnend wie irgend möglich zu gestalten. „Und das ist der Grund, weshalb ich hier bin. Damit ich mal wieder mit meiner alten besten Freundin zusammen abhängen kann."
Chloes Wangen laufen leicht rosa an. Volltreffer! Hab' sie mal wieder sowas von eiskalt erwischt. Sie sieht nach unten auf unsere verwobenen Finger und für einen leuchtend kurzen Augenblick scheint sie… glücklich. Nur für einen Augenblick.
„Besser spät denn nie," sagt sie.
Chloe zieht mich an einer Hand nach drinnen und lässt die Türe hinter uns ins Schloss fallen.
Ich betrete einen Raum, der sich in einer Zwischenwelt befindet zwischen dem, was war, und dem, was sein hätte können.
„Mein Zimmer ist… ein wenig unordentlicher als du dich vielleicht noch erinnerst."
In ihrer Stimme steckt noch immer etwas von der jüngeren Chloe, denn es liegt tatsächlich einiges an aufrichtigem Schamgefühl in der Warnung. Kleider und Krempel übersähen den Boden, auch wenn es noch nicht ganz so aussieht, als hätte hier kürzlich ein Tornado gewütet, wie noch beim letzten Mal, als ich hier war. Viele der Graffiti-Schmierereien sind noch nicht zustande gekommen, mit Ausnahme ihrer höchst akkuraten Darstellung vom „Loch in ein anderes Universum" und der wild durchgestrichenen Tabelle ihrer Körpergröße, halb hinterm Spiegel versteckt, zusammen mit den zornig hinzugekritzelten Worten „DAD IST TOT". Ihr ach so patriotisches Sternenbanner hängt noch genau wie früher an der Schrägdecke neben dem Fenster, anstatt zweckentfremdet kopfüber als verschlissener Vorhang. Hier und da lassen sich auch noch immer mancherlei Erinnerungen an unsere gute alte Zeit entdecken: Neben der Fahne ist da natürlich auch die zu allen Zeiten überdauernde, von uns selbst himmelblau lackierte Kommode in der Ecke sowie unser getreues Wandschrank-Piratenversteck. Chloes Zimmer wird auf ewig mein Tor in unsere gemeinsame Kindheit verbleiben, doch es ist auch unbestreitbar, dass dieses Tor schon eindeutig bessere Zeiten erlebt hat. Viele der Poster von Pop-Bands, Skatern und Piraten, an die ich mich noch allzu lebhaft erinnere, da ich zu Teilen selbst mitgeholfen hatte, sie aufzuhängen, fehlen komplett oder wurden kurzerhand überklebt mit weit weniger kindlichen Aussichten wie so mancher Punk-Metal-Band und anderem draufgängerischen Zeugs, wenn auch zum Glück noch nichts wahrhaft Verstörendes.
Alles in allem ist die Unordnung jedoch gar nicht mal so schlimm, es besteht allerdings durchaus die Möglichkeit, dass ich mittlerweile einen recht niedrigen Maßstab entwickelt habe, was den Ordnungsgrad in Chloes allgemeinem Umfeld anbelangt. Auf eine irgendwie viel zu traurige Art und Weise erinnert es mich beinahe schon an… Kates Zimmer. Kate an ihrem absoluten Tiefpunkt. Zukunfts-Chloes Chaos wohnte stets diese Spur Kunstfertigkeit sowie der Hauch eines gewissen Freigeistes inne, eine beinahe buchstäbliche Unmenge an Charakter und persönlicher Natur, die seit jeher ihrem ganz normalen Wahnsinn unterlag. Dies hier ist… einfach nur trist. Traurig. Verwahr- und Trostlos. Es braucht keinen Seelenklempner, um sofort zu erkennen, dass ihr einst so freimütiger Geist noch immer festsitzt an einem dunklen, freudlosen Ort. Es ist kaum ein Jahr vergangen seit Williams Tod.
Sie begibt sich hinüber wo anstelle ihrer Stereoanlage aus der Zukunft ihr alter Gettoblaster ein Zuhause gefunden hat und legt eine mit Permanentmarker bekritzelte und stark verkratze Rohling-CD ins Laufwerk ein. Absolut legal, kein Zweifel.
„Hier, und wehe dir, wenn dir das nicht gefällt. Du musst endlich mal aufhören, dir ständig diesen ganzen quirligen Pop-Mist reinzuziehen."
„Ich bin offen für neue Horizonte."
Zu meiner (ihrer?) Verteidigung: Der Musikgeschmack meines früheren Selbst ließ sich… nur bedingt als ausgereift und erwachsen beschreiben, damals, als wir noch zusammen abgehangen haben. Gitarren und Sänger geben den Ton an und, oh… jup, niemand geringeres als Bon Iver, noch dazu eines meiner liebsten Lieder aller Zeiten. Wie oft schon habe ich für mich alleine bei mir daheim auf meinem Bett gelegen und nichts als den melancholischen Akkorden Blood Banks gelauscht? Ob es ihr wohl verdächtig wäre, wenn ich gleich anfinge mitzusingen?
Ich entscheide mich lieber für stillschweigende Ehrerbietung. Vielleicht summe ich auch ein wenig mit.
Chloe lässt sich aufs Bett plumpsen mit einem tiefen Seufzer. Sie muss sich dessen wohl gewahr sein, wie mein Blick über den ganzen Raum hinwegschweift. „Ich weiß, was du denkst. Ich hab's halt nicht mehr ertragen können, so viel von unserem Zeug um mich zu haben, O.K.? Es hat mich irgendwie alles … an dich erinnert. An alles bevor… du weißt schon."
„Ich verstehe schon, Chloe. Du brauchst dich vor mir nicht zu rechtfertigen."
„Tja, zu spät. Jetzt hab' ich's trotzdem schon getan. Los doch, pflanz dich irgendwo hin, erzähl mir was du so alles getrieben hast in letzter Zeit." Sie nickt mit dem Kinn in meine Richtung. „Ist dir nicht zu warm in dem Pulli?"
Doch ist es, aber es wäre mir lieber, du würdest mein neues, unerklärliches Schmetterlings-Tattoo noch nicht ganz so früh zu Gesicht bekommen.
Ich begebe mich ebenfalls hinüber zum Bett anstelle des offensichtlicheren Schreibtischstuhls, weil scheiß auf Babyschritte. Ich will ihr so nahe wie nur irgend möglich sein. „Ist schon gut, ich habe es gerne warm."
„Deine Entscheidung," erwidert sie mit einem Schulterzucken. Sie gibt sich ja so unglaublich viel Mühe, eine möglichst coole Fassade aufzuziehen, nachdem sie mir unten vor der Türe noch beinahe zerflossen wäre, ist irgendwie echt niedlich. „Also… Seattle muss ganz schön ätzend sein, oder was? Wie sehr auf einer Skala von Sieben bis Zehn hasst du deine neue Schule?"
„Weniger als Sieben geht nicht? In dem Fall… Acht, würde ich sagen. Es war jedenfalls nicht sonderlich spaßig, vielmehr einfach nur stressig die meiste Zeit…"
Ich beginne zu erzählen, versuche mich an so viel zurückzuerinnern wie ich nur kann, das Ganze ist schließlich schon gut vier Jahre her aus meiner Perspektive. Es bedarf nicht viel Aufwand, um alles ziemlich öde und langweilig klingen zu lassen. Ich bin nicht allzu begeistert von irgendeinem Teil davon, anders als ich es damals vielleicht noch gewesen sein mag.
Aber es war wirklich eine stressige Zeit, es gibt durchaus viel zu erzählen von Umzugskummer in den ersten Wochen über alltäglichen Blödsinn aus der Schule bis hin zu Dads Verschusseln von ein paar wichtigen Dokumenten, weshalb ich für einen ganzen Monat nicht einmal offiziell an meiner Schule angemeldet war.
Sie fragt mich mehr und mehr Fragen, aufrichtig neugierig, soweit ich es beurteilen kann, und ich gebe ihr mein Bestes, sie ihr zu beantworten—und als wir dann erstmal so richtig in Fahrt kommen, da verfliegt auch all die anfängliche Beklommenheit wie im Nu, schneller sogar noch als beim ersten Mal. Ich haue einen superpeinlichen, uralten Gag raus, sie macht sich über mich lustig und schon bald schweifen unsere Gespräche ab in Richtung wasauchimmer, Musik und Fernsehserien und wie sie ihre Zeit so verbringt. Und… ich mag mittlerweile sehr wohl hypersensibilisiert dafür sein, doch ich komme nicht umhin zu bemerken, wie oft sie mich die ganze Zeit über berührt. Ein leichtes Anfassen hier am Knie. Ein seitlicher Knuff dort in die Rippen. Ein Klaps auf den Arm, ein Stoß mit den Beinen oder auch ein beiläufiges Greifen nach meiner Hand. Es ist, als müsse sichergehen, dass ich auch wirklich leibhaftig anwesend bin. Als könne sie es noch immer nicht gänzlich fassen.
All die Zeit, die wir voneinander getrennt waren, schmilzt dahin und es sind einfach nur wieder wir. Wir zwei beide, gemeinsam. So ist es nun einmal mit Chloe und mir. So waren wir schon immer. Es ist wirklich nicht normal, wenn man mal darüber nachdenkt, und ich liebe jede einzelne Sekunde davon.
Sie erzählt mir von ihrer schwierigen Beziehung zum aktuellen Schuljahr, und dass sie nicht sicher ist, ob sie überhaupt noch viel länger auf Blackwell bleiben kann, was auf ganz natürliche Weise nahtlos übergeht in noch mehr David-Lästerei. Ich werfe ein, dass seine Rotzbremse geradezu haarsträubend sei, was ihr einen riesen Lachanfall entlockt, weit größer sogar noch als es eigentlich angemessen wäre.
„Fast schon so haarsträubend wie dein neuer Haarschnitt," wechsle ich das Thema. „Der schreit schon förmlich danach, von mir in Ordnung gebracht zu werden."
„Wow, fick dich doch selber! Eigentlich wollte ich damit nur Joyce eins auswischen. Es ist, als wäre ihr inzwischen alles an mir vollkommen scheißegal."
„Komm schon, du weißt genau, dass das nicht wahr ist."
„Machst du Witze? Es ist kaum ein ganzes Jahr vergangen und schon knallt sie diesen Mistkerl von Militärfuzzi und dabei schert sie sich 'nen Scheißdreck darum, was ich von dem Typen halten könnte. Ich werde dieser Frau niemals im Leben vergeben können, hörst du? Es ist alles bloß ihre Schuld—weißt du was, ich will gar nicht erst anfangen, über sie zu reden." Sie steht entschieden auf von ihrer bäuchlings Liegeposition und begibt sich hinüber zum Regal. Nach einer Weile des Herumwühlens händigt sie mir eine einfache Schere aus. „Hier. Lass uns ins Bad rübergehen und mal schauen, was da noch zu retten ist."
„Öh, na gut. Klar." Ich lächle einfach über ihren kurzen Wutausbruch hinweg. „Aus dir kriegen wir schon noch eine wahre Titelbildschönheit gemacht, wirst schon sehen…"
Chloe stöhnt entnervt auf, ob dieser sonnigen Aussicht, und schiebt mich zur Türe hinaus, folgt mir selbst dicht auf den Fersen und zieht noch ihren beschissen vergilbten Schreibtischstuhl hinterher. Und während wir noch den Flur hinübertrotten in Richtung des Price'schen Selbstbehelfssalons der Selbsthilfe, da kann ich es ihr ehrlich nicht verübeln, so über ihre Mutter zu empfinden. Ja, es stimmt, Chloe kommt ihr in dieser Situation ebenfalls keinen Zentimeter entgegen, und dennoch… sie hat einen Punkt. Ich kann verstehen, dass jeder auf verschiedene Weise mit Verlust umgeht, doch es hätte Joyce garantiert nicht geschadet, noch ein Weilchen länger zu warten, bis ihre am Boden zerstörte Tochter genug Zeit gehabt hätte, diese dunkle Phase ihres Lebens hinter sich zu lassen, anstelle sie nur noch weiter zu verlängern. Es hätte den beiden gut möglich eine große Menge Schmerz erspart auf lange Sicht.
Andererseits, was zur Hölle weiß denn ich schon? Ich bin weiß Gott nahezu lächerlich voreingenommen in dieser Hinsicht—und im Gegensatz zu Chloe und ihrer Mom habe ich mich bislang niemals wahrhaft dazu gezwungen gesehen, die eine Person, die ich liebe, auf alle Zeiten loszulassen. Stattdessen habe ich stets wieder einen Weg zu ihr zurückgefunden, durch Raum wie auch durch Zeit. An dieser Stelle muss ich eigentlich schon halb davon ausgehen, dass ich gut möglich vollkommen außerstande bin, jemals eine Welt ohne Chloe zu akzeptieren. Ich frage mich, wie ihre Hälfte das wohl sieht.
Ich stehe hinter ihr, sie sitzt vor dem Spiegel, ihre Lippen zu einer ebenso argwöhnisch wie anbetungswürdigen kleinen Schnute verzogen. „Jup, hast Recht. Ist 'ne echte Katastrophe da oben. Kannst also eh nicht mehr viel falsch machen."
Ohne richtig nachzudenken rolle ich meine Ärmel hoch. „Jetzt machen wir dich erstmal wieder hübsch, meine süße—"
„Oh mein Gott, halt. Hey, woah, was war das?"
„Was war was?"
„An deiner Hand!" Sie dreht sich um und packt mich geradezu am Arm, Augen geweitet in Verwunderung. „Heilige Scheiße, ist das'n Tattoo? Du hast ein Tattoo?"
Tja.
Kacke.
„Ich, öh…"
„Und sowas krasses verheimlichst du vor mir, du Balg? Oha, wow, unmöglich wissen deine Eltern überhaupt davon, deine Mom ist ja schon schier ausgetickt, als wir auch nur von Piercings geredet haben! Wie zur Hölle hast du das bekommen?"
„O.K., also gut—komm erstmal wieder runter, Mensch! Kann ich meine Hand wiederhaben?"
„Nicht, bis du's mir verraten hast. Alter, das ist ja echt cool und alles, aber ist sowas überhaupt legal? Du weißt hoffentlich schon, dass sich das noch verzerren kann, bis du ganz ausgewachsen bist, oder? Ziemlich sicher ist es nicht vorgesehen, sowas schon so jung zu bekommen. Wie konntest du dir das überhaupt leisten? Hättest du nicht dein ganzes Erspartes dafür verheizen müssen?"
„Es… zunächst mal ist es kein Tattoo, O.K.? Nicht wirklich jedenfalls. Es ist eine superlange Geschichte, du wirst mir kein einziges Wort davon glauben…"
„Was meinst du, ‚kein Tattoo'? Hast du das mit Bundstiften draufgemalt oder was?" Sie kratzt an meiner Haut, um es zu testen. „Fühlt sich auch nicht an, wie ein einer dieser Kaugummi-Aufkleber."
„Es ist… also, es…"
Es ist das Mal eins kosmischen Wesens, dessen Geist mit mir verschmolzen ist, um mir Zeitreisekräfte zu gewähren. Ich komme aus der Zukunft!
Es klingt sowas von lachhaft bekloppt, nicht einmal ich selbst kann es richtig glauben. Ich könnte es zurücknehmen. Ich sollte es zurücknehmen. Dies ist weder die Zeit noch der Ort, es ihr zu erzählen. Es ist viel zu früh. Es ist viel zu abgedreht.
„Ich bin ganz Ohr, du gewiefte Missetäterin, du. Das könnte gut werden."
Ich tue einen tiefen, tiefen Atemzug und lasse ihn wieder ganz langsam raus. Die Regeln sollten nach wie vor greifen. Keine Zeitreisen ohne beiderseitiges Einverständnis. Wir wollen die Dinge natürlich zwischen uns halten, ganz egal was passiert sein mag.
„Ich… ich habe dieses Geheimnis, Chloe. Dieses große, große, Geheimnis. Du wirst mir bestimmt nicht glauben können…"
„Huhuhu, Max Caulfield hat ein großes Geheimnis, sagt sie. Was denn, bist du 'ner Bande beigetreten? Oh, bist du vielleicht eine Geheimagentin, Top-Level-Freigabe und alles superstrenggeheim und all das? Bist du'n Ninja? Mit Superkräften? Der Schmetterlings-Clan, ich hab's gewusst! Jetzt komm schon," sie haut mich ungeduldig auf den Arm, „verrat's mir endlich, du Arschkeks. Was hat es denn auf sich damit, wie hast du das Ding bekommen?"
„Es ist eine lange Geschichte, O.K.? Der Schmetterling ist, ähm… Er ist das Zeichen meiner Kräfte. Es hat angefangen… es hat alles angefangen, als ich dich auf Blackwells Schultoilette habe sterben sehen. Vier Jahre in der Zukunft. Ich habe gewissermaßen… so zu sagen die Zeit zurückgedreht, um dich zu retten?"
Sie blinzelt ein paar Male. Damit hatte sie jedenfalls nicht gerechnet, soviel steht fest.
„Was ich sagen will ist: Ich bin ein Zeitreisende."
Jup, wie hätte es auch anders kommen können, sie fängt an zu lachen.
Dann merkt sie jedoch, wie ernst ich es meine.
Dann lacht sie noch mehr.
„Ich bringe eine Hand an meine schwitzige Stirn und kneife mich in den Nasenrücken, bis es schmerzt. „Ich werd's dir wohl einfach zeigen müssen. Dir nur davon zu erzählen, fühlt sich eh vollkommen bekloppt an."
„Sicher, klar doch," bringt sie kichernd hervor, „versetze mich ins Staunen, oh Herrin der Zeit. Aber danach erzähl mir bitte noch die richtige Geschichte, weil ich werde nicht nachlassen, bis du sie mir verraten hast."
Ein Teil von mir feiert schon jetzt, wie schwer sie ihre Haltung später noch zu schlucken haben wird. Ein anderer, weit größerer Teil verfällt hier schon so langsam der Panik bei der Aussicht, wie Chloe es wohl in sich aufnehmen wird. Meine Gedanken werden einmal mehr durchspukt von tückischen Worten, gesprochen durch Schmerz und Blut, das allzeit heimsuchende Phantom einer Stimme auf ewig verstummt in den Schatten. Deine kostbare Chloe wird dich fürchten. Sie wird dieses Ungeheuer, das du wurdest, niemals akzeptieren geschweige denn gutheißen.
Ob wohl schon jemand ihren Leichnam gefunden hat?
„Raste… raste jetzt bitte nicht aus, in Ordnung? Ich werde jetzt gleich nur ein paar Sekunden in die Vergangenheit springen. Ich tauche dann da drüben wieder auf."
„Alter, du steigerst dich da ganz schön in was rein."
Es mag Einbildung sein, doch es klingt fast schon wie ein Hauch von Sorge unter ihrem oberflächlichen Witzereißen, fast so als hätte sie nur darauf gewartet, dass so etwas in der Art passieren könnte. Mit einem weiteren Seufzer streife ich noch meine Armbanduhr vom Handgelenk und lasse sie ins Waschbecken fallen, was Chloes bereits fragend nach oben gekrümmte Augenbraue nur noch weiter aufstachelt, dann entferne ich mich noch zwei Schritte von ihr, bis ich gerade so vor der Dusche stehe.
Also dann, wird schon schiefgehen…
Ich reise zurück in der Zeit, ganz langsam nur und sorgfältig darauf achtend, stehenzubleiben, sobald die Uhr zurück an meinem Handgelenk ist. Ein schwerfälliger Schmerz macht sich breit in meinem Arm, während die spiralförmigen Linien darauf zaghaft aufleuchten und zum Leben erwachen. Die Uhr wandert gemächlich durch die Luft zurück an meine Hand und das Muster erlischt in dem Moment, da ich in die Normalität zurückkehre. Von Chloes Standpunkt aus habe ich mich soeben zwei Schritte nach rechts teleportiert.
Ich hatte an dieser Stelle überrascht explosionsartige Schimpfworte erwartet, doch es ist nur dieses… erschrockene Schnappen nach Luft. Dieses instinktive vor mir Zurückschrecken, während sich ihr ganzer Körper verkrampft anspannt und ihre Hände sich festklammern an den Armlehnen des Stuhls. Ihr Gesicht, ihre Züge aschfahl, es liegt keinerlei Staunen in ihren Augen. Es ist nichts als Entsetzen—und auch noch etwas dunkleres, abgründigeres als nur das. Ein Gefühl von animalischer Furcht, das weit tiefer greift als nur die bloße Tatsache, dass ihre allerbeste Freundin soeben zum Freak geworden sein könnte.
Ihr Blick weicht mir aus, kehrt sich nach innen, so als könne sie mich nicht einmal mehr richtig sehen. Ihr Atem entfährt ihr schaudernd über die Lippen. „Ich hab's gewusst," haucht sie mehr zu sich selbst. „Es passiert schon wieder, ich hab's doch gewusst…"
Ich tue einen Schritt auf sie zu, reiche eine vorsichtige Hand nach ihr aus. „Chloe…"
„Nein, nein, nein…" Ohne weiter auf mich einzugehen verlässt sie den Stuhl, taumelt wie benommen zur Türe hinaus auf den Flur. Ich setzte ihr nach, achte jedoch darauf, ihr möglichst nicht zu nahe zu treten, ihr genug Freiraum zu lassen, und beobachte, wie sie torkelnd in Richtung ihres Zimmers schweift, fast so als könne sie sich nicht mehr so recht an den Weg erinnern. „Zu schön, um wahr zu sein," brabbelt sie dabei wieder und wieder vor sich hin. „Mein Gott, ich hätt's wissen sollen, einfach zu schön, um wahr zu sein…"
„Chloe?"
Sie fängt an, in ihrem Gerümpel auf dem Regal herumzukramen, auf dem Boden, wühlt sich durch Klamottenberge und Haufen anderer Gegenstände, wie auf der Suche nach etwas.
„Chloe, bitte sprich doch mit mir."
„Oh Gott… oh mein Gott, sie ist nicht wirklich hier. Oh mein Gott, sie ist nicht echt, ich werde hier wahnsinnig…"
„Was?"
Sie hetzt weiter durch den Raum, sucht ziellos an verschiedensten Orten, redet dabei die ganze Zeit nur zu sich selber. „Du blöde Kuh, Max ist fort. Krieg das endlich in deinen bescheuerten Schädel, Max ist weggezogen, weil sie schlau ist, weil sie genau weiß, dass du ein hoffnungsloser Fall bist. Und offensichtlich hatte sie Recht damit, sowas von armselig bist du…"
„Hey, nein, Chloe, komm schon, das hier ist echt, ich bin echt, ich kann dir alles erklären!"
Sie bleibt abrupt stehen, wie vom Donner gerührt, verkrampft angespannt von Kopf bis Fuß, ihre Hände ballen sich zur Faust bei meiner Stimme. Ihre Augen zusammengekniffen und ihr Atem schwerfällig uneben. Dann fährt sie fort mit ihrer wilden Suche ohne auch nur im Geringsten nachzulassen, sie schafft es irgendwie, sogar noch mehr Chaos zu stiften auf ihrem Schreibtisch. „Dieser dumme Ratgeber hatte Recht, ich brauche Hilfe. Scheiße, ich pack' das nicht, ich brauche dringend Hilfe…" Plötzlich fährt sie mit dem ganzen Arm über die Tischplatte, wischt Müll und Bücher und Laptop allesamt mit Ach und Krach zu Boden. „Wo verfickt nochmal sind diese scheiß Tabletten!"
„Chloe, hör doch auf, bitte!" ich stürme zu ihr hinüber, versuche ihre Arme festzuhalten unter Flehen—sie zuckt nur zusammen in Abscheu und weicht wie von der Tarantel gestochen springend auf ihr Bett aus, als sei ich irgendeine hochansteckende Krankheit.
„Fass mich nicht an!" Sie taumelt rückwärts auf die Matratze, fährt verzweifelt zurück, bis sie sich schließlich mit dem Rücken zu Wand am Kopfende zusammenkauert. Ihre Augen vermeiden es ganz bewusst, mich auch nur ein einziges Mal direkt anzusehen. „Sie ist nicht echt… reiß dich zusammen, sie ist nicht echt, es ist genau wie mit Dad. Alles mal wieder nur in deinem beschissenen, kranken Kopf und gleich wachst du wieder auf. Du bist ja sowas von armselig, sie ist fort, sie sind alle fort und sie kommen nicht zurück, schon gar nicht für dich, du wertloses Häufchen Elend."
Sowie die ersten Tränen ihre Wangen hinabkullern, wird auch das Bedürfnis, sie zu halten und an mich zu drücken, schon beinahe zur physischen Kraft, die mich in meinem Innern an ihre Seite drängt. Ich hatte erwartet, dass sie eine schwere Zeit durchmachen würde, doch niemals hatte ich vermutet, wie schwerwiegend exakt.
Auch wenn ich das vielleicht hätte sollen. Sieh es dir nur einmal von außerhalb an, aus ihrer Perspektive. Was genau soll sie denn nun glauben? Dass ihre längst entfremdete Freundin sich eines Tages dazu entschließt, wie aus dem Nichts vor ihrer Türe aufzutauchen und ihr Herz ganz von Neuem im Sturm erobert? Dass ebenjene Freundin, unbeholfen, blauäugig und verklemmt, wie sie stets war, nicht nur zu jedem Zeitpunkt exakt die Worte findet, die sie im Augenblick hören will, sondern obendrauf auch noch Wahnsinns-Superkräfte besitzt?
Nein. Natürlich würde sie in ihrem Kopf stattdessen an genau diesen unseligen Schluss gelangen. Wer, der noch halbwegs bei Verstand ist, würde ebendiesen in solch einer Situation nicht in tiefe Zweifel gezogen sehen? Ein quälendes Zeugnis all ihres angestauten Eigenhasses und Selbstzweifels. War es womöglich Wunschdenken meinerseits, nicht zu erkennen, dass Chloe an nichts als diesem einen seidenen Faden hinge? Hätte nicht noch vor allen anderen ich wissen müssen, genau wie nahe sie dem Abgrund sein würde?
„Was ist überhaupt noch der Sinn?", brabbelt sie unter Schluchzern. „Was ist überhaupt noch der Sinn für… einfach alles…"
Es verlangt mir alles ab, was ich noch habe, nicht auf der Stelle zu ihr zu rennen und meine Arme tröstend um sie zu schlingen, sie nicht weiter anzuflehen, bis sie sich vielleicht doch wieder beruhigt. Ich kann nichts davon tun. Sie würde nur noch mehr ausflippen, ich würde alles nur noch viel schlimmer machen.
Alles nur noch viel schlimmer machen ist schließlich ganz mein Spezialgebiet.
Sie drückt ihre Stirn nur noch weiter gegen die Knie, wiegt sich leise hin und her, schluchzt unablässig vor sich hin. Die bloße Vorstellung, dass ich es sein könnte, die Chloe solche Schmerzen bereitet, martert meine Seele unter weit mehr Qualen als es selbst die längste Zeitreise der Welt jemals könnte. Oder literweise Salzsäure.
Ich kann es nicht mehr länger ertragen, ich muss den Raum verlassen und die Türe hinter mir schließen. Während ich mich noch von außen dagegen lehne, kann ich sie noch immer drinnen weinen hören. Meine eigenen Augen fluten sich schon längst ganz im Einklang mit den ihren, denn es existiert kein Universum, in dem ich sie weinen sehe, und dabei nicht meine ganz eigenen Tränen vergieße.
Tja, ich wollte sie zurück, nun habe ich sie. Meine grenzenlose Sehnsucht wurde wieder einmal zu diesem seelenmangelnden Würgegriff, diesem totgeweihten Durst, der mir so tief in der Kehle sitzt und mir mein ganzes Leben abzuverlangen scheint. Manchmal habe ich wirklich so das Gefühl, nichts weiter als Masochistin zu sein.
Im Augenblick fühle ich mich, als könnte ich mir einfach den Kopf abschreien. Ich bin mir sicher, wir könnten auch hierüber hinwegkommen, auf lange Sicht—doch ich weigere mich, ihr das hier jemals aufzubürden, nicht solange die Entscheidung in meinen Händen liegt. Selbst jetzt noch hatte sie sogar Recht in gewisser Weise: Es hat tatsächlich keinen einzigen Sinn für sie auch nur eine Sekunde länger zu leiden als bisher schon. Und es ist schlichtweg kein Weg, den ich auch nur eine Sekunde länger als unbedingt notwendig zu beschreiten gewillt bin.
Du bist hier für sie, Max. Und nur für sie. Ihr steckt gemeinsam in dieser Scheiße. Doch du bist mit ihr zusammen, ob sie es nun glaubt oder nicht, und das ist alles was hier von Bedeutung ist. Du versuchtest es mit der uneingeschränkten Wahrheit und es hat nicht funktioniert, na und? Zeit, für einen zweiten Anlauf. Zeit, sich zusammenzureißen, ein tapferes Gesicht aufzusetzen und dieses desaströse Debakel wiedergutzumachen.
Also schön, besagtes tapferes Gesicht aufzusetzen erweist sich schwieriger als gedacht, es braucht mich zunächst ein paar Augenblicke. Immerhin kann ich hier einfach auf den Komplettneustart setzen, weshalb ich mir keine Sorgen zu machen brauche, wo ich wann gewesen bin. Ich will nicht, dass ihr auch nur der geringste unnatürliche Wechsel auffällt.
Und ich dachte noch, das hier sollte der leichtere Teil werden, nach all dieser infernalischen Tortur, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Eine Minute glühender Leuchtlinien, gedämpften Schmerzes und superkomischer Weltentfremdung später und ich stehe wieder hinter ihr, sie sitzt vor dem Spiegel, ihre Lippen zu einer ebenso argwöhnisch wie anbetungswürdigen kleinen Schnute verzogen. „Jup, hast Recht. Ist 'ne echte Katastrophe da oben. Kannst also eh nicht mehr viel falsch machen."
Zeit, es also noch einmal zu probieren. Und besser diesmal. Zwinge dich zu einem möglichst nicht allzu schiefen Grinsen und denke dir dabei irgendeinen extradoofen Spruch aus. So schwer kann das doch kaum sein. Nicht, solange ich bei ihr bin.
„Also gut," beginne ich, „lass mich nur eben schnell nach unten flitzen und dir 'ne passende Schüssel besorgen, dann verpassen wir dir 'nen wunderschönen Pilzkopf."
„Ha ha, noch so'n Witz und ich nehme dir die Schere wieder weg, bevor noch ein wirkliches Unheil passiert. Ich hab' ja eh schon so meine Zweifel, was in mich gefahren sein muss, dir sowas spitzes in der Nähe meiner Ohren anzuvertrauen."
„Ich fühle mich geehrt, ob deines Vertrauens. Aber du hast doch bestimmt auch noch was besseres als dieses stumpfte Ding hier, oder? Ich bin mir nicht sicher, ob wir damit besonders weit kommen."
„Öhm, ja, glaube schon. Schau mal in den Schrank da, unterste Schublade."
Und also dann begann dieser epische Kampf: Chloe und ich gegen das verstrubbelte Ungemach. Voller Enthusiasmus, fürchterlich langsam und vorsichtig, und doch geprägt von dieser eigenartigen Vertrautheit und Intimität. Ich rolle nicht ein Mal meine Ärmel hoch, denn mir will schlichtweg keine einzige auch nur entfernt plausible Erklärung in den Sinn kommen für Bluewings Mal. Ich weise ihr an, den Kopf in diese und jene Richtung zu neigen und zu drehen, wir streiten hin und her, wie es wohl am besten aussieht, und ich stichle sie ganz mit Absicht mit spitzen Bemerkungen darüber, was eine beschissene Arbeit die doch zuvor geleistet hat, bis sie schließlich allen Ernstes von mir eingeschnappt ist, denn welche Art von ‚Zu schön, um wahr zu sein' Halluzination würde einem jemals so sehr auf die Nerven gehen? Und als wir schließlich fertig sind, gehen wir nach unten und gucken Das fünfte Element, während wir über einfach alles ablästern, was so unter der Sonne kreucht und fleucht, bis es uns schließlich nach draußen in den Garten auf die Schaukel verschlägt, wo wir einfach nur abhängen und uns über irgendwelchen Quatsch unterhalten, genau wie wir es immer getan haben. Als meine Mom dann ein paar Stunden später anruft, nur um zu hören, wie es mir geht, erzähle ich ihr, dass ich mich super fühle und sie sich keine Sorgen zu machen braucht, vielen Dank für den Anruf, ist echt lieb von ihr—und nachdem sie dann wieder aufgelegt hat fragt sie mich noch sowas von, ob ich sie drüben bei der alten Drogerie treffen könnte in exakt einer Stunde, weil sie sich aber auch sowas von verquatscht hat mit ihrer alten Bekannten—Mütter eben, stimmt's?—und sie noch eine Weile mit dem Auto braucht, außerdem grüßt sie noch Chloe und es tut ihr ja auch sowas von leid, dass sie keine Zeit hatte, persönlich vorbeizuschauen, das wird sie sicher sowas von beim nächsten Mal nachholen. Auf jeden!
Und deshalb muss ich höchst unpassend, kurz bevor Joyce heute Abend nachhause kommt und David mitbringt, leider Gottes auch schon wieder verduften. Chloe jedenfalls hat überhaupt kein Problem damit, dass all diese Begegnungen heute nicht mehr zustande kommen können. Sie hatte schon bei dem bloßen Gedanken daran angefangen entnervt aufzustöhnen.
In all dieser Zeit zusammen sprechen wir kein einziges Mal über die dunkle Zeit ihres vergangenen Jahres. Wir erwähnen kein einziges Mal William oder diese mysteriösen Tabletten, die noch immer irgendwo im Chaos ihres Zimmers verschollen sind, oder auch Joyces Superexpress-Trauerzeit. Das alles wird noch später folgen, oftmals bis tief in die Nacht hinein, während Stunden und Aberstunden an Telefonaten oder geheimen Geheimchats in der Schule oder auch sonst immer und überall.
Hier und jetzt, am heutigen Tag war es keine Therapiestunde, die sie brauchte, und auch keine unselige Heilsbringerin mit Superkräften. Alles, was sie brauchte, war eine Freundin.
Sie weiß, dass ich sie haargenau verstehe. Dass ich nicht hier bin für einen billigen Versuch, sie wieder in Ordnung zu bringen; ich sehe es in der Art, wie sie mich ansieht, spüre es in der Weise, wie sie mich umarmt, als es endlich ans Verabschieden geht vor ihrer Haustüre. Als wäre es die ganze weite Welt, die ich ihr geschenkt hätte.
„Weißt du was?", flüstert sie hinter meinem Ohr. „Lach jetzt nicht, ich weiß es klingt total bekloppt, aber irgendwie hatte ich die ganze Zeit über befürchtet, du könntest dich einfach in Luft auflösen."
„Wie meinst du?"
„Es hatte sich… einfach zu schön, um wahr zu sein, angefühlt. Ich dachte schon fast, ich hätte den Verstand verloren, und du wärst bloß Einbildung."
Trotz ihrer Mahnung lache ich leicht über ihre schaudererregende Erinnerung hinweg. „Das klingt mir verdächtig nach einem ‚Danke fürs Vorbeischauen', also werde ich es auch einfach als solches annehmen."
„Heh, ja..." Sie lässt von mir ab, hält meine Hände aber weiter zwischen uns. Chloe scheint noch immer so zerbrechlich wie ein Stück Zucker, als könne sie selbst unter dem kleinsten aller Regenschauer einfach dahinschmelzen und im Gully auf der Straße versickern. Und dabei wirkt sie auch genauso süß wie welcher, in ihrem hinreißenden, flachsblonden Baby-Punk Äußeren. Ich behaupte mal, wir haben gemeinsam einen ziemlich verdammt soliden Haarschnitt hinbekommen. So eine Art… seitlicher, extrakurzer Kurzhaarschnitt. Das verwächst sich schon wieder…
Sie sieht zu Boden, so als wäre sie über etwas verlegen. „Danke, dass du das getan hast, Max. Ich mein's ernst, es… es bedeutet mir wirklich viel—" Ihre Stimme bricht leicht bis zum Ende hin, und als sie sie verdreht, zeigt sich mir erst das gerötete Weiß in ihren Augen und die sich ansammelnde Feuchtigkeit unter ihren Lidern. „Kacke. Ich wollte hierbei eigentlich nicht so sentimental werden…"
Ich will sie so sehr um alles in der Welt küssen.
Oh, Mist. Wäre das zu aufdringlich?
Ich hatte den Aufdringlichkeitsfaktor bislang noch gar nicht mit einberechnet, doch er ist ganz offensichtlich Teil dieser Gleichung. Weil, klar, technisch gesehen bin ich vierzehn Jahre alt, doch gleichzeitig bin ich auch irgendwie eindeutig eine Erwachsene. In meiner Wahrnehmung ist dies hier vor mir Chloe, jeder Bestandteil ihres wundervollen Selbst, jene Frau, die ich mehr liebe als mein eigenes Leben—doch vor mir ist auch dieses fünfzehnjährige Mädchen, dessen Familie unlängst von katastrophaler Tragödie heimgesucht wurde. Jegliche Form von Romanze fühlt sich zum aktuellen Zeitpunkt schlicht vollkommen fehl am Platz an.
Bekacktes Zeitreisezeug, aber mal ganz ehrlich…
„Sieh dich nur mal an, hast selbst auch schon voll das Pipi in den Augen. Wir sind doch beide echt solche Waschlappen."
„Nein, hey, gar nicht…" widerspreche ich ihr, „das hier ist nicht mal ein richtiges Lebewohl. Ich rufe dich jeden Tag an. Und ich komme dich besuchen so oft es nur geht. Du wirst mich schon sehr bald bis hier haben." Ich zeige ihr die entsprechende Höhe oberhalb meines Kopfes.
„Ist aber immer noch gut Luft nach oben, du halbe Portion."
Ich haue sie auf die Schulter als Antwort auf ihre allzeit fortwährenden Unverschämtheiten.
„Aua, is' ja gut!", lacht sie nur zurück. „Ich hab's ja kapiert. Aber ich könnte dich ja auch genauso besuchen kommen. Dann könntest du mir die Stadt zeigen. Bin mir sicher, dass es lange nicht so ätzend sein kann, wie du es beschreibst."
„Das wäre echt der Hammer. Darüber reden wir noch." Ich will wirklich nicht, dass sie jemals von mir loslässt, aber ich werfe dennoch einen vielsagenden Blick auf meine Uhr. „Ich bin jetzt schon spät dran. Meine Mom wird bloß stinkig, wenn ich nicht pünktlich bin, du weißt, wie sie manchmal ist."
„Ich könnte dich doch begleiten, wenn du willst. Ist doch nur ein paar Straßen weiter."
„Öhm, sicher doch, wenn du dich so bereitwillig Moms Tausend Fragen des Todes ausliefern willst. Lass dich nicht von mir abhalten."
„Öh… jup, ich werde dann vielleicht doch besser hierbleiben, denke ich." Sie lässt noch immer nicht ab von meinen Händen. „Lebwohl, Max."
Ich schüttle den Kopf. „Nicht Lebwohl. Auf Wiedersehen… oder bis bald. Niemals Lebwohl, Chloe"
Das süßeste Lächeln lüftet einen Augenblick lang die Dunkelheit aus ihren Zügen. Eine Dunkelheit, welche sich schon im Laufe des Tages mehr und mehr aufgehellt hatte, auch wenn sie bis zum Schluss niemals gänzlich weichen wollte. Unruhig verlagert sie ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen und für einen kurzen Moment lang blickt sie mich an, so als ob… ja ich weiß nicht…
Ihr Blick scheint mir genau wie mein ganz eigener Wunschtraum, schätze ich mal, denn ganz spontan fühle ich mich erinnert, wie Chloe mich jedes Mal ansah, kurz bevor sie sich hereinlehnte zum Kuss.
„Also dann, bis bald," sagt sie stattdessen, ehe sie am Ende doch noch von meinen Händen ablässt. Sie winkt noch einmal zaghaft und schließt dann endlich die Türe.
Ich stehe noch eine ganze Weile lang da, außerstande, sie so bald schon erneut zu verlassen, glotze leeren Blickes gegen den blanken Türbalken, wie dieser interdimensionale, bis über beide Ohren verschossene Vollpfosten, der ich bin. Schließlich lasse ich meinen Kopf an der Schläfe gelehnt dagegensinken, befreie diesen aufgestauten Atemzug, von dem ich nicht einmal merkte, dass ich ihn anhielt. Kaum einen Augenblick später ist ein ähnlich dumpfes Pock von der anderen Seite der Türe zu hören.
„Chloe?"
Eine kurze Stille. „Mh?"
„Ich will dich nicht schon wieder verlassen."
„Ich will dich nicht schon wieder verlieren."
„Wollen wir gemeinsam davonlaufen?"
Es ist tatsächlich nur halb als Scherz gedacht. Ihre Antwort kommt erst nach einer gewissen Weile, so als machte sie sich darüber wirkliche, ernsthafte Gedanken. „Das könntest du deinen Eltern nicht antun. Sie hätten es nicht verdient."
„Ich weiß. Hast Recht."
Ich hole mein Handy hervor und tippe eine kurze Nachricht. Ich bin zu jeder Zeit hier.
Ihre Rückmeldung lässt nicht lange auf sich warten. Will ich auch schwer hoffen.
Ich selbst hoffe, sie kann das Lächeln aus meiner Stimme heraushören. „Ich… riech' dich später, Chloe."
Von ihr kommt nichts mehr zurück. Stattdessen meldet sich mein Handy noch einmal brummend zu Wort. Lieb dich.
Es lässt das Lächeln bis hinunter in mein Herz erstrahlen. Ein weiteres Brummen.
No homo.
Und das macht es nun doch noch zum waschechten Lachen.
Du selbst wirst die Wahrheit als allererste erkennen, Chloe, das verspreche ich dir. Eines baldigen Tages.
Eines Tages. Wenn wir bereit dafür sind.
Ich grinse noch immer, als ich gemütlich in Richtung Hauptstraße schlendere und zu diesem alten, verschlissenen Autohändler—dem einzigen in ganz Arcadia Bay—dort die Zeit anhalte und den erstbesten Gebrauchtwagen vom Stellplatz heraussuche. Irgendetwas kompaktes und unscheinbares und auch ein wenig abgeranztes. Etwas, was einer sehr kindlich aussehenden „Sechszehnjährigen", die selbst kaum übers Lenkrad gucken kann mit ihrem druckfrisch zugelassenen Führerschein in der Tasche, durchaus zugetraut werden könnte.
Dieses dümmliche, hoffnungsvolle Grinsen beschleicht meine Lippen sogar noch des Öfteren, während meiner siebenstündigen Reise zurück Richtung Norden… bis es mir dann allmählich dämmert, schon bald eine halbe Wegstrecke hinter mir. Ich muss umkehren.
„Verfluchte Mistkacke, du bist doch echt der allergrößte Vollpfosten…"
Ich nehme die nächste Ausfahrt und kehre geradewegs wieder zurück auf die Schnellstraße in südlicher Richtung. Ich wusste doch, dass da noch was faul war. Ich wusste einfach, dass ich wieder mal Mist gebaut habe. Wie hätte es auch anders sein können?
Was wird wohl bestenfalls geschehen, sobald sie endlich bis in die Kunstkammer vordringen und dann meines und Chloes Gesicht überall hingeschmiert vorfinden?
Chloe
Also gut
Es is soweit
Joyce hat jetzt ganz offiziell nen scheißfesten freund
04.12. 19:31
Hab schon das gefühl der macker wohnt hier beinahe
Bestimmt wollen sie auch schon bald heiraten
Könnte kotzen
04.12. 19:31
MAX
Chloe, sei bitte ehrlich mit mir
Ist er wirklich so schlimm?
04.12. 19:32
Chloe
Mir doch scheißegal
Selbst wenn er der gottverdammte heiland wäre
04.12. 19:32
ER IST NICH MEIN DAD
GENAU HIER LIEGT DAS PROBLEM
04.12. 19:32
Lasst doch vorher wenigstens seinen scheiß Kadaver kalt werden
Gott im Himmel
04.12. 19:33
MAX
Ok, ok, kein grund, gleich auszuflippen
04.12. 19:33
Ich rufe dich an
04.12. 19:33
Chloe
Nicht nötig, ist in schon Ordnung
04.12. 19:34
MAX
Ich rufe dich an :3
04.12. 19:34
Chloe
Lass es
04.12. 19:34
Bin schon jetzt am rumflennen wie ne heulsuse
04.12. 19:35
Will nicht dass dus auch noch mitanhörst
04.12. 19:35
MAX
Chloe
04.12. 19:35
Ich rufe dich an
:3:3:3
04.12. 19:36
Chloe
...ok
04.12. 19:36
Tschuldige fürs ausflippen vorhin
04.12. 19:37
Einfach alles beschissen
04.12. 19:37
Sterile Oberflächen. Blendend weißer Hintergrund. Hartes, kaltes Licht, scharfe Kontraste. Anderer Ort, anderer Bundesstaat, und dennoch viel zu altbekannt.
Das Mädchen liegt gefesselt auf dem Boden, dämmert kaum merklich hin und her zwischen Bewusstsein und Ohnmacht. Sie wird sich an kein einziges Detail erinnern können von dem, was ihr hier widerfuhr, doch ich bin mir sicher, sie wird aufwachen mit dem festen Gewissen, dass etwas sehr, sehr schlimmes geschehen sein muss. Sie wird aufwachen und sich abscheulich fühlen von Kopf bis Fuß. Sie wird sich benutzt fühlen. Missbraucht.
Carol-Ann, heißt es auf dem Einband des leeren Ordners auf dem Schreibtisch. Sie ist wirklich bildhübsch, wie sie es alle waren. Man könnte fast behaupten, ich sollte mich geschmeichelt schätzen.
Und da ist auch der Meister in Person, lauernd bedrohlich über ihr, Spitzenklasse-Kamera in Händen und sein Gesicht verschwitzt vor Konzentration und was immer er im Moment sonst noch alles fühlen mag. Er kann mich nicht sehen, hinter ihm.
„Du kannst dir ja gar nicht vorstellen, wie lange ich nun schon darauf gebrannt habe, dich endlich auf Bild einzufangen ohne dein unentwegtes Posieren, Carol. Dies… ja, das hier ist exakt was ich für meine Arbeit will. Nicht bewegen."
Sie kann nichts als erschöpft aufstöhnen. Sie rührt sich nicht einmal. Ist auch in Ordnung so, die blanke Abscheu, die mir bei diesem Anblick den Magen verdreht, ist schon aufrührend genug für uns beide. Zu beobachten, wie dieses Schicksal jemand anderem zuteilwird, ist eine ganz neue Erfahrung von Ekel.
„Du armes Ding, wolltest niemals etwas anderes als ein Leben vor der Kamera. Doch darin liegt keine Reinheit, keine Aufrichtigkeit. Ich habe es ja so satt, mich ständig nur mit Models herumschlagen zu müssen. Es ist, als würden sie euch niemals etwas anderes beibringen als zu posieren wie einfältige Flittchen."
Er beugt sich hinunter, drückt sie an einer Schulter zu Boden, damit er einen besseren Winkel auf ihre Gesichtszüge und Brust erhält. Er kniet und macht sich erneut daran, seine Fotos zu schießen. Ihre Augen sind halb zugefallen, Pupillen geweitet und durchweg defokussiert.
„Dies ist dein wahres Potential, Carol-Ann. Ich wünschte, du könntest es für dich selbst sehen."
Ich kann kein einziges weiteres Wort mehr ertragen von diesem selbstverliebt überheblichen Geschwafel.
„Ich frage mich, was ich wohl mit dir anstellen soll, Mark."
Es entsteht nur der winzigste Augenblick der Überraschung. Er reagiert wie es jeder auf alles vorbereitete Psychopath tun würde und verschwendet nicht eine Sekunde, nach seiner Waffe zu greifen auf dem Rollwagen mit seinen kostbaren Drogen.
Selbstverständlich kann er sie dennoch niemals schneller erreichen als ich. Als die Zeit fortfährt auf ihrem gewohnten Marsch gen Zukunft, befindet sich die Waffe bereits längst in meinen behandschuhten Fingern, geradewegs auf ihn gerichtet.
„Was zum—!" Er muss noch gesehen haben, wie die Pistole verschwunden ist, direkt vor seinen Augen.
„Das war die letzte deiner plötzlichen Bewegungen, Arschloch. Versuch so etwas nochmal und ich blase dir das Gehirn raus."
Augen weit aufgerissen und völlig perplex gehorcht er—fürs Erste. Er zeigt mir seine hochgehaltenen Hände und verbleibt an Ort und Stelle, zweifelsohne sucht er bereits nach dem nächsten Ausweg in seinem Kopf.
„Wie in aller Welt hast du das gemacht?"
„Was gemacht? Deine Waffe war von Anfang an in meiner Hand, Mark. Hättest vielleicht besser aufpassen sollen. Zu sehr in deine… ‚Arbeit' vertieft?"
Er starrt mich an, Brauen fragend nach oben gekrümmt. Ich kann es leicht in seinen Augen erkennen, wie er noch immer angestrengt einzuschätzen versucht, wer zum Teufel dieser Mensch unter der Maske sein könnte.
„Wer bist du? Was willst du?"
„Ist das nicht offensichtlich? Ich bin eins deiner Opfer, Arschwichser. Du hast dich mit dem falschen Mädchen angelegt. Hattest du ernsthaft geglaubt, es würde dich nicht früher oder später einholen und sich rächen?"
Ziemlich sicher glaubt er mir nicht. Er würde meine Stimme erkennen, wenn ich tatsächlich eins seiner Opfer wäre, doch er befindet sich nicht wirklich in der Position, mir zu widersprechen. Im Angesicht des Todes im Falle einer unvorhergesehenen Bewegung und all das.
„Lass uns jetzt nichts Unüberlegtes tun, ja?", sagt er und wagt es, mir dabei dieses falsche Lächeln zu zeigen, von dem er denkt, es wäre ja ach so bezaubernd und schelmisch. „Vielleicht könnten wir ja—"
„Spar dir das dümmliche Grinsen und halte verfickt nochmal die scheiß Fresse."
Er gehorcht erneut, doch ich kann spüren, wie er zorniger wird mit jeder weiteren verstreichenden Minute. Es muss die ultimative Erniedrigung für ihn sein: Ein derart schmächtiges junges Ding bedroht ihn mit seiner eigenen Waffe und erteilt ihm dabei auch noch Befehle.
„Du kannst ganz schön schwer aufzuspüren sein, für solch einen berühmten Mann. Es hat mich eine halbe Ewigkeit gekostet, nur um herauszukriegen, wo genau du dich hierfür rumtreibst. Jetzt wird mir auch klar, warum dir der Prescott-Bunker so viel lieber war…"
„Wovon zur Höll—"
„Ich sagte, halt's Maul, ich ziehe hier gerade 'nen Monolog ab, hörst du das nicht? Also wie gesagt, ich habe mich nun eine Weile lang gefragt, was ich wohl am besten mit dir anstelle, und ich glaube, ich habe die richtige Lösung gefunden. Du wirst dir eine deiner Spritzen nehmen, sie bis zum Anschlag füllen, und sie dir dann selbst in den Hals jagen. Und nur weil ich mich heute großzügig fühle, lasse ich sogar dich entscheiden, ob es eine tödliche Dosis sein soll oder nicht."
Er betrachtet mich kritisch, als sei ich eine irgendwie geistig verwirrte Frau, die eben einfach so in seinen verfluchten Keller spaziert wäre und ihn bei der Arbeit unterbrochen hätte. Nach nur einem kurzen Blick in Richtung seines Drogentabletts, tut er einen gewagt vorsichtigen Schritt auf mich zu, geht dasselbe Risiko ein, das einst Frank schon in mir herausforderte.
„Ich glaube nicht, dass du schie—"
Ich betätige den Abzug ohne ein Zögern.
Die Kugel schrammt an seinem Ohr entlang und zerstört dabei gleich noch den Bügel seiner hässlichen Hipster-Hornbrille. Er jault auf vor Schmerzen und kauert sich an Ort und Stelle zu Boden, beide Hände gegen die blutige Wunde gepresst.
„Wie war das noch gleich?"
„Du irre Schlampe!"
Ich bin nicht gerade die beste aller Schützen. Es hatte mich eine ganze Reihe an Versuchen gebraucht, bis ich auch wirklich exakt die Stelle getroffen habe, die ich treffen wollte. Kann nicht behaupten, dass mir die Schießübung etwas ausgemacht hätte.
Ich wiederhole mich mit Nachdruck. „Nimm dir eine der Spritzen und mach sie bis zum Rand Voll. Ich werde weit tiefer zielen beim nächsten Mal. Glaubst du, ich kann auch genau ins Schwarze treffen?"
Eine Seite seines Gesichts blutig, sein Atem entweicht ihm durch zusammengebissene Zähne, doch Mark Jefferson wirft mir von unten noch immer diesen nichtssagenden Todesblick zu, ehe er schließlich widerwillig tut wie ihm geheißen. Mit zitternden Fingern zieht er am Kolben der Spritze, bis das Röhrchen vollständig gefüllt ist mit trüb durchsichtiger Flüssigkeit.
„Jetzt jag dir das widerliche Zeug in den Hals und finde ganz genau für dich heraus, wie es sich anfühlt."
„Du… du kannst unmöglich erwarten, dass ich mir selber eine—"
„Doch. Genau das tue ich, und du wirst es auch. Du hast nur noch nicht verstanden. Dein Leben ist vorüber, du kleiner Scheißer. Du wirst eine seeehr lange Weile im Knast vegetieren und ich hoffe für dich, dass sie dich möglichst nicht so schnell laufen lassen, denn wenn ich der Ansicht sein sollte, dass du noch nicht ausreichend bezahlt hast für deine Taten, dann werde ich dich finden, und ich werde beenden was—"
Schnell wie die gerissene Schlange, die er ist, wirft er sich unvermittelt zur Seite auf den Boden krabbelt hinüber zu Carol-Ann. Ein Arm um ihr Genick geschlungen, die andere Hand drückt ihr die Spitze der Nadel gegen die Haut.
„Lass die Waffe fallen! Lass sofort die Waffe fallen! Ich bringe sie um!"
Ich kann mich nicht mal mehr beherrschen. Ich lache laut los.
Oh, es treibt ihn sowas von in den Wahnsinn. Ich kann es spüren.
„Was zum Teufel gibt es da zu lachen? Die Dosis ist stark genug, um die Schlampe umzubringen, lass endlich die Waffe fallen!"
„Ohneiiin! Du bist einfach zu schnell für mich, Mark! Wie konnte ich nur so naiv sein und mich mit dem großen Mark Jefferson anlegen? Nun gibt es wahrlich keine Möglichkeit mehr, dich aufzuhalten!"
Ich gewähre ihm nicht einmal die Gelegenheit zu antworten. Ich könnte durchaus darauf verzichten, ihn auch noch zu verdummbeuteln, und diesen letzten Teil ungeschehen machen, doch ich würde ihm viel lieber noch etwas mehr den Kopf verdrehen. Während des Zeitstillstands bewege ich mich hinüber zum Rollwagen, Schlucke den Ekel hinunter, als ich eine weitere Spritze befülle—
Ich spüre ein Kribbeln auf meinem Nacken. Sein Atem neben meinem Ohr jagt mir einen Schauder durch die Eingeweide
—und mich zu ihm hinüber begebe. Nur unter einigem Aufwand versinkt die Nadel in seinem Fleisch. Den Spritzkolben in der Komplettzeitlupe hinunterzudrücken fühlt sich an, als wäre das Blut in seinen Venen aus Granit.
Nur für den Fall, dass es nicht schnell genug wirkt, stemme ich noch seine Hand auf und entziehe ihm die erste Spritze. Jeder einzelne Finger gleicht dem verrosteten Scharnier eines uralten Gullydeckels, so schwer sind sie zu bewegen.
Ich lasse ihm absichtlich viel Freiraum, ziele mit der Waffe erneut auf ihn aus einem Winkel, den er nicht sehen kann, und lasse die Szene sich ausspielen.
Zuallererst ein Keuchen. Ich bin plötzlich fort, nicht mehr da. Verschwunden.
„Was zur Hölle… was ist… was…"
Es spürt es. Er erkennt genau, welche Substanz da durch seine Venen kocht. Er sieht in seine Hand und findet sie auf einmal leer.
„Nein…wie hast… was is' hier los?"
„Armer Mark Jefferson," träume ich wehmutsvoll vor mich hin und sein ganzer Körper erstarrt jäh, ob dieser höhnenden Stimme hinter seinem Rücken. „Er war doch tatsächlich so blöde und hat sich aus Versehen sein eigenes Gift injiziert."
„Wer… wer sum Teuvel…", kann er gerade noch so lallen, als er sich mühsam zu mir herumrollt. Er wirkt noch entkräfteter mit jeder verstreichenden Sekunde—
Ich bin jedes Mal wieder ganz aufs Neue verblüfft, wie schnell doch die Droge mir die Sinne vernebelt
—und sein Arm erschlafft langsam unter Carol-Anns Genick. Ich gehe auf ihn zu, erhebe mich über ihn.
„Ich hoffe wirklich für dich, dass sie dich für eine sehr lange Weile wegsperren, Mark. Ich kann dir versprechen, du willst nicht, dass ich eines Tages noch einmal vor deiner Haustüre auftauche…"
Ich beobachte, wie der Horror in seinen Augen anschwillt, dann jäh wieder erlischt einher mit allem anderen. Lichter aus, Arschwichser. Er wird erst wieder in Polizeigewahrsam zu sich kommen…
Die Überreste seines zerfetzten Ohrs bluten noch immer ziemlich arg. Die arme Carol-Ann ist schon ganz vollgesudelt damit. Kann man von einem Streifschuss durchs Ohr ausbluten?
Öhm, wohl eher nicht.
Ich begebe mich hinüber zum Schreibtisch, hebe den Hörer des Festnetztelefons an mein Ohr, wähle den Notruf und greife so tief in die traumatische Drama-Kiste wie ich nur kann.
„Hier S.F.P.D., Sie haben einen Notfall zu melden?"
„Bitte helfen Sie mir, dieser Mann hat mich entführt! Ich bin in seinem Keller eingesperrt!"
„Sie wurden entführt?"
„Ja! Sein Name ist Mark Jefferson, ich… konnte ihn loswerden, er wollte mich vergewaltigen! Ich—ich glaube, er könnte tot sein, oh Gott, er ist bestimmt schon tot…"
„Bitte versuchen Sie sich zu beruhigen, Hilfe ist bereits unterwegs. Sie sagten dieser Mann, der Sie attackierte, sei tot?"
„Ich—ich habe mit seiner Waffe auf ihn geschossen, es gab einen Kampf und… bitte, bitte beeilen Sie sich, hier ist noch ein Mädchen, sie könnte auch tot sein oder—oder bewusstlos, bitte kommen Sie schnell…"
„Sind Sie in Sicherheit? Werden Sie im Augenblick noch von irgendjemandem bedroht?"
„Ich kann hier nicht bleiben, ich muss hier raus! Bitte beeilen Sie sich!"
Ich lege auf mit so viel dramatischem Timing, wie ich nur aufzubringen in der Lage bin. Ich mag es etwas übertrieben haben mit der Show, doch es sollte zumindest ausreichen, um die Polizei möglichst schnell mit Blaulicht und Sirenen hierherzubekommen.
Fehlt nur noch ein letzter Schritt. Es könnte durchaus das mit Abstand aufreibendste und schwierigste sein, wozu ich mich jemals gezwungen gesehen habe. In jedem Fall ist es das abstoßendste.
Ich gehe zurück zu Jeffersons bewusstlos kläglicher Form, drehe ihn auf den Rücken und… verziehe das Gesicht so sehr, dass es schon bald einen Krampf geben dürfte, als ich seinen Gürtel aufschnalle, den Knopf öffne und Hosenladen herunterziehe. Ich muss aufpassen, mir nicht selbst eine Krone herauszubrechen, so sehr beiße ich die Zähne zusammen, doch die öffentliche Demütigung sowie die offensichtlichen Anklagen wegen sexueller Gewalt sind diesen Würgereflex und das Erschaudern definitiv wert.
Und das ist auch der Moment, in dem ich merke, dass Carol-Anns Augen sich allmählich auf mich fokussieren.
Ich sehe sie mir noch etwas genauer an. Jup, ich glaube, sie wacht so langsam wirklich auf. Sie könnte sich hieran erinnern.
„Kannst du mich verstehen?"
Ihre Züge voll animalischer Furcht und unendlicher Verwirrtheit, sie nickt sehr, sehr langsam.
„Kannst du sprechen?"
Sie versucht es. Gerade mal der schwächlichste Atemzug entweicht ihrer Kehle, ihre Lippen rühren sich kaum merklich.
„Ist schon gut, keine Sorge. Das geht schon vorbei, aller wird wieder gut werden. Die Droge sollte mit der Zeit nachlassen, dann wird es dir wieder bessergehen."
Weiteres mühseliges Nicken. Tränen, Unmengen von Tränen.
„Es tut mir so leid, dass ich ihn dir das habe antun lassen," erkläre ich ihr, „doch ich musste ihn auf frischer Tat erwischen. Du warst nicht die erste, die dieses Schicksal erleiden musste, und du wärst auch nicht die letzte gewesen."
Sie versucht sich umzublicken in Richtung des krankhaften Scheusals, dem sie ohne Zweifel vollständig vertraut hatte noch kaum zwei Stunden zuvor.
„Er kann dir nicht länger wehtun. Er wird niemals wieder irgendjemandem wehtun. Hast du verstanden? Ich werde noch bleiben, bis die Polizei hier eintrifft. Du bist in Sicherheit."
Sie nickt erneut, ihre Stirn in traurige Falten gelegt vor Erleichterung. Dann streckt sie mir kraftlos schwankend ihre gefesselten Hände entgegen.
„bi-te," bringt sie gerade so kaum hörbar hervor. Ich schüttle den Kopf.
„Ich kann dich nicht befreien, ich will nicht riskieren, dass sie dich am Ende für irgendetwas hierfür verantwortlich machen. Du warst hier nichts als ein unschuldiges Opfer, vergiss das nicht. Sag ihnen, das andere Mädchen habe ihn überwältigt und sei dann abgehauen, hörst du? Es ist die Wahrheit. Ich werde mich hier noch ein wenig umsehen, halte einfach noch ein Weilchen länger durch, ja?"
„warte… bleib…"
„Tut mir leid."
Ich arbeite mich noch einmal durch den Raum. Lasse die eine der beiden Spritzen mit seinen Abdrücken auf dem Boden zurück, die andere behalte ich bei mir. Schmiere noch die Waffe extra gründlich an seinen Händen ab und platziere sie dann auf dem Teppich in der Nähe, so als ob in einem Handgemenge fallengelassen. Überprüfe Schränke und Schubladen ein letztes Mal; jup, tonnenweise Beweismaterial überall verteilt. Ziemlich sicher ist auch der Laptop komplett voll davon. Ich bin zuvor schon einmal sichergegangen, dass es auch ja keine Überwachungskameras gibt, aber ich unterziehe dennoch jede Ecke und jeden Winkel noch einmal einer sorgfältigen Kontrolle, man kann ja nie wissen. Keine allzu großen Sorgen, auch nur ein einzelnes Härchen zurückzulassen in diesem zukünftigen Ort des Verbrechens: Ich habe mich von Kopf bis Fuß abgedeckt, von nagelneuen Schuhen bis hin zu Omas nie zuvor getragener, selbstgemachter Strickmütze.
Erste Sirenen erschallen in der Distanz. San Franciscos Helden des Alltags.
„Klingt so, als wären sie jeden Augenblick hier. Halte durch Carol. War nett, dich kennenzulernen."
„Warte…" sie beginnt, sich allmählich zu bewegen, und versucht, sich wegzurobben von diesem widerlichen Ekel hinter ihr, schafft es jedoch nicht. „Wer bist du…"
Ich schnaube ein kurzes Kichern aus, lehne mich auf den billigen Klappstuhl in der Nähe. Eindeutig ein Rückschritt im Vergleich zum Ledersofa im Bunker.
„Gute Frage. Ich bin mir da selbst nicht mehr so sicher dieser Tage. Aber keine Sorge, ich komme schon wieder dahinter."
Die Sirenen klingen schon ziemlich laut inzwischen. Gleich-nebenan-vor-der-Türe laut. Jefferson ist noch immer völlig weggetreten. Ich seufze und mache mich auf den Weg in Richtung der Stufen, die zur Kellertüre hinausführen.
„Mach's gut Carol."
„Bitte. Geh nicht…"
„Ich muss aber. Ich hab' doch morgen früh wieder Schule."
Ich entriegle die Falltüre von innen und sie springt sofort auf, getrieben von den schweren Sprungfedern in den Scharnieren. Ich gehe noch sicher, sie geschlossen zurückzulassen und auch halbwegs versteckt, wenn auch noch immer leicht zu finden.
Ich bahne mir meinen Weg durch die uniformierten Männer und Frauen, die draußen regungslos wie Wachsfiguren auf das Gebäude zustürmen, biege in das nahegelegene Gässlein ab, wo ich geparkt habe, und schwinge mich auf Lauren Frosts affentittengeile brandneue Yamaha, ehe ich endlich losdüse aus den nächtlichen Vororten San Franciscos.
Mach dich lieber auf eine weite Reise gefasst, Max. Es sind gut zwölf weitere Stunden von hier bis nach Seattle. Ich habe dieses Leben auf der Straße so langsam gehörig satt. Es ist ein ermüdendes Doppelleben, welches zu viel an kraftraubenden Nebenmaßnahmen erfordert, wenn ich mich nicht noch weiter verstricken will in diesem ewigen Lügengespinst, zu dem mein Leben inzwischen verkommen ist.
Das war es aber sowas von wert. Diese ganze Nacht. Diese ganze Aktion, die ich eben abgezogen habe…
Sie fühlte sich gut an.
Sie fühlte sich richtig gut an.
Daran könnte ich mich gewöhnen.
Chloe
Warum zur Hölle hab ich mir das angetan
14.03. 17:11
MAX
Dir was angetan?
14.03. 17:13
Chloe
Ich war voll in Ordnung damit nen feuchten Furz auf schule zu geben
14.03. 17:14
Hätte einfach im im bett bleiben sollen
14.03. 17:14
Auf ewig um mein leben flennen
14.03. 17:14
Diese ganzen Scheiß hausaufgaben und wiederholungen bringen mich noch um
Und das is alles bloß deine Schuld
14.03. 17:14
MAX
Dieser schmerz den du da gerade in deinem kopf spürst?
14.03. 17:15
Sind alle drei deiner hirnzellen die gleichzeitig aufwachen
14.03. 17:15
Keine sorge, das geht auch wieder vorbei
14.03. 17:15
Chloe
Omg fick dich
14.03. 17:16
MAX
Ist das ein Angebot? (^_^)
14.03. 17:16
Chloe
!
14.03. 17:16
MAX
So einfach bin ich nicht zu kriegen
Mach dir nicht allzu große Hoffnungen :o
14.03. 17:16
Chloe
Bist ja eh noch ein ganzes Jahr hinterher
14.03. 17:16
Musst immer noch diesen ganzen kack kinderkram lernen
14.03. 17:16
Haben sie bei dir überhaupt schon die bienen und die blümchen durchgenommen
14.03. 17:16
?
14.03. 17:17
MAX
2+ in sexualkunde nur zur deiner info
14.03. 17:17
Meine noten sind irgendwie viel besser dieses jahr
Geb mir nicht mal richtig Mühe
14.03. 17:17
Mein mathelehrer meinte schon ich würde schummeln
14.03. 17:17
Chloe
Und?
Tust du?
Deine profi strategien könnten hier bestimmt Wunder bewirken
14.03. 17:18
MAX
Klar! schummeln was das zeug hält
14.03. 17:18
Du kennst mich, habs faustdick hinter den ohren
Könnte locker überall 1en abräumen, wäre aber zu auffällig
14.03. 17:18
Weißt du was
14.03. 17:18
Ich fordere dich heraus, bessere noten zu schreiben als ich dieses jahr
14.03. 17:19
Chloe
Wow
glückwunsch
Krassester an den haaren herbeigezogener motivationsversuch
Aller Zeiten
14.03. 17:19
MAX
Habe niemals behauptet subtil zu sein
14.03. 17:19
Traust dich bestimmt nur nicht
14.03. 17:19
Verständlicherweise
14.03. 17:19
Hättest es wahrscheinlich eh nicht geschafft
14.03. 17:19
Chloe
Ich bitte dich
Warst schon immer ne glatte 3er schülerin so lang ich dich kenne
14.03. 17:20
Könnte mit dir den boden aufwischen wenn ich wollte
Ist mir aber den aufwand nicht wert
14.03. 17:20
MAX
(hier fortwährendes Hühnergegacker einfügen)
14.03. 17:20
Chloe
Pff
14.03. 17:20
Was wäre für mich drin falls ich gewinne
14.03. 17:22
MAX
...das Recht es mir auf zukünftige jahre hinaus unter die nase zu reiben?
14.03. 17:22
Chloe
...
14.03. 17:22
Die Wette gilt, Luder
14.03. 17:23
Ein paar nützliche Tipps in Sachen Fernreisen, nur für den Fall, dass dir das Leben auf der Straße mal wieder zum Halse heraushängt.
Erstens, finde im Online-Reisebüro deiner Wahl den komfortabelsten Langstreckenflug, dann begib zum Flughafen.
Zweitens, begib dich zum entsprechenden Flugsteig, steige erst in allerletzter Minute ins Flugzeug und finde den unweigerlich frei gebliebenen Sitzplatz. In neunundneunzig Prozent aller Flüge bleibt sogar mindestens ein Erste Klasse Platz frei, weil wegen „Economy-Class". Die Zeit anzuhalten erweist sich als empfehlenswerte Maßnahme für diesen Schritt, um lästigen Einmischungen von Seiten des Bordpersonals aus dem Weg zu gehen.
Drittens, drehe die Zeit zurück und mache es dir gemütlich in deinem einhundert Prozent freien Sitzplatz, so als wäre er von Anfang an deiner gewesen—was mich an den praktischen Zusatztrick erinnert, dabei möglichst schick auszusehen. Ein modischer Hosenanzug mit maßgeschneiderter Designerjacke und verspiegelter Sonnenbrille nur als ein Beispiel. Niemand wagt es, eine gutgekleidete junge Dame infrage zu stellen—ist fast schon gruselig.
Viertens, genieße den Flug.
Extra-Warnung: Keine Zeitspielereien, sobald das Flugzeug abgehoben sein sollte, es sei denn dir ist der Sinn nach Fallschirmspringen.
Ein Glück hatte ich mich zuvor noch erkundigt, was bei diesen Geschwindigkeiten und in Flugreisehöhe passiert, ehe ich es eines Tages einfach mal aus Jux und Tollerei ausprobieren sollte.
Nach allem, was bis hierher so passiert ist, wäre das wohl einer der bekloppteren Wege, am Ende doch noch das Zeitliche zu segnen.
MAX
Hey
01.05. 21:12
Du gehst schon wieder nicht ran
Schätze du hast wieder zu tun?
01.05. 21:12
...
01.05. 21:15
Chloe
01.05. 21:15
Die Dinge haben sich verändert zwischen uns, hab ich recht
01.05. 21:17
Ich bilde es mir nicht nur ein
01.05. 21:17
Ich kann nicht so tun, als ob ich es nicht bemerkte
01.05. 21:17
Chloe
Stimmt.
01.05. 21:19
Hast recht
01.05. 21:19
Ich hab versucht drauf klarzukommen
Aber
Ich kann nicht
01.05. 21:19
Tut mir Leid.
01.05. 21:20
MAX
Kann ich dich anrufen?
01.05. 21:20
Chloe
Nein
Bitte
01.05. 21:22
Ich kann das nicht tun wenn ich deine Stimme höre
01.05. 21:22
MAX
...was tun?
01.05. 21:22
Chloe
Es ist einfach zu bekloppt, Max
01.05. 21:24
Ich bin dir dankbar, bin ich wirklich
01.05. 21:24
Aber ich pack das einfach nicht
01.05. 21:24
Ich weiß nicht mehr was noch echt ist
Was real
01.05. 21:24
Selbst jetzt gerade
Ich denke mir dauernd bloß
Wie oft habe ich das alles schon zu dir gesagt ohne es zu wissen?
01.05. 21:25
MAX
Mit dir mache ich das nicht, ich mache das niemals mit dir
01.05. 21:25
Chloe
Trotzdem
Kann nix dafür
01.05. 21:25
Tut mir Leid, Max.
01.05. 21:25
MAX
Wir können darüber hinwegkommen, ich weiß dass wir es können
01.05. 21:26
Chloe
Warum? weil du schon gesehen hast wies passiert?
Ich habe gar keine andere Wahl stimmts?
Gott Max Scheiße ich pack das einfach nicht
01.05. 21:26
MAX
Chloe, bitte...
01.05. 21:26
Chloe
Tut mir so Leid
Bitte hör auf ich weiß es tut weh ich kann einfach nur nicht
In Ordnung? ich kann nicht
Bitte hör einfach auf
01.05. 21:27
MAX
Wäre es dir lieber niemals zu wissen was ich wirklich bin?
01.05. 21:29
Chloe
Nein, neineinein
01.05. 21:29
Du kannst nicht für ewig so sehr darunter vor dich hinleiden
01.05. 21:29
Das ist nicht normal
Völlig verkorkst sogar
Und du kannst dir das nicht auf ewig selbst antun
01.05. 21:29
Du bist ein anderer mensch geworden
Was vollkommen anderes
irgendwie
01.05. 21:30
Meine alte Freundin ist nicht mehr dieselbe
Sie ist fort
01.05. 21:30
Das ist was ich eingesehen habe
Du solltest es genauso einsehen
01.05. 21:30
MAX
Ich kann das nicht akzeptieren.
Ich werde nicht.
01.05. 21:30
Du hast Unrecht, ich bin noch immer hier
01.05. 21:31
Und ich wäre lieber tot als ohne dich
01.05. 21:31
Ich werde eher ein Leben aus Lügen leben solange ich kann
01.05. 21:31
Chloe
Scheiße Max genau diesen kranken Scheiß packe ich doch grade nicht!
01.05. 21:31
Los doch, tu was du willst
01.05. 21:31
Ist genau wovon ich die ganze Zeit schon rede
01.05. 21:31
Ich bin nur ein kind
01.05. 21:32
Du eine verfluchte Gottheit
01.05. 21:32
MAX
Hast schon auch irgendwie Recht weißt du?
Es ist wirklich nicht deine Entscheidung
01.05. 21:34
Aber genauso wenig ist es die meine
01.05. 21:34
Ich kann nicht loslassen
01.05. 21:34
Ich riech dich vorher, Chloe.
01.05. 21:35
Chloe
Du bist doch sowas von wahnsinnig
01.05. 21:35
MAX
Ich weiß.
01.05. 21:35
Ich war nicht sicher, wie ich wohl reagieren würde, sobald ich ihr erneut Angesicht zu Angesicht gegenüberstehe. Im Gegensatz zu all den anderen fühlte ich ihr gegenüber niemals wirklichen Rachedurst. Sie war nichts als ein irregeführter Köter, abgerichtet und konditioniert darauf, unaussprechliche Dinge zu tun im Namen ihrer geliebten Herren. Ich schätze, ich konnte es ihr schlichtweg niemals so recht übelnehmen. Ist das seltsam?
Im absolut heruntergekommensten Kaff weit und breit, mit dem wundervollen Namen Carlin, Nevada, liegt sie auf der Seite eingerollt in Fötus-Stellung in ihrem Bett und heult sich ihre junge Seele aus dem Leib. Ihre schmächtige Form erbebt mit jedem weiteren dieser endlosen Folge aus schmerzhaften Schluchzern und leisen Klagelauten. Ihre Haut ist gezeichnet von blauen Flecken und roten Striemen, die sich die gesamte Länge ihrer Arme hinabziehen, und auch entlang ihres Rückens. Die schmutzigen Bettlaken sind blutbefleckt.
Was immer es ist, das ich an dieser Stelle für dieses Mädchen empfinde, es kann keineswegs Hass sein. Ich sah die Schläge, ich habe zugesehen. Ich glaubte, es könnte mir womöglich zum selben Empfinden rechtschaffener Vergeltung verhelfen, mit welchem mich auch die anderen hinterließen, doch es bereitete mir nicht einmal die geringste Befriedigung, in keinem einzigen Sinne des Wortes. Nichts als Mitleid. Nichts als ein gebrochenes Herz.
Vom Fuße des Bettes aus beobachte ich, wie sie den Kopf einzieht, lausche, wie sie versucht die Schluchzer drin zu behalten, um ja nicht zu viel Lärm zu machen, um ihren Vater bloß nicht zu stören und noch weiter zu verärgern. Sie hatte nicht einmal etwas verbrochen, sie hatte ihm nur von den Dingen erzählen wollen, die sie ständig zu sehen scheint. Dinge, die nicht wirklich da sind. Dinge, die scheinbar ohne jegliche Kontrolle oder Vorwarnung ihrem Verstand entspringen und sich im nächsten Augenblick auch schon wieder in Luft auflösen. Sie weiß genau, wie er dann immer wird. Sie hatte es dennoch versucht, denn sie hat nicht eine Menschenseele auf dieser Welt, an die sie sich sonst noch wenden könnte.
Sie ist kein „Problem-Kind", das sich grundlos aufführt, sie ist ganz genauso nur ein Kind wie du und ich, im selben Alter, mit dem absolut gottbeschissensten Glück auf dieser Erde. Ihr Vater ist nichts als ein wütender Säufer mit einer toten Frau und niemandem sonst, dem er die Schuld für alles zuschieben kann. Eine dieser Geschichten.
„Samantha."
Sie schreckt auf, sieht mich dort stehen und fährt sofort zurück gegen das Kopfende ihres Bettes, bedeckt sich noch überstürzt mit den blutigen Bettlaken. „Was—"
„Hab keine Angst. Ich komme als Freundin."
Sie zittert ganz einfach an Ort und Stelle, unsicher, wahrscheinlich erwägt sie gerade, am besten einfach laut loszuschreien.
Warum hatte die Motte sie auserkoren? War es Schicksal? Hatte es etwas mit ihrer Affinität zu tun? Einfach nur blinder Zufall? Aus misshandelter Teufelin mache Mirage, Meisterin der Illusion, doch warum jetzt, warum sie?
Es gibt noch immer so vieles, das ich nicht zu durchschauen vermag.
„We…wer bist du? Was suchst du in meinem Zimmer? Ist das… ist das hier überhaupt echt?"
Weil sie ihnen ihre Freiheit aus diesem Dasein und gut möglich sogar ihr nacktes Leben zu verdanken hatte, hielt Samantha den Prescotts die Treue selbst bis ans bittere Ende.
Sie formten sie zu einem Ungeheuer. Wer oder was kann sie nun werden, nun da ihr Schicksal nicht länger von ihnen abhängt, verflochten ins giftige Netz ihrer teuflischen Ränke?
Ich streife meine Maske ab.
„Ich bin Bluewing." Ich tue einen Schritt auf sie zu und reiche ihr meine Hand. „Und ich bin hier, um dich zu befreien."
MAX
Ich sag ja bloß
22.11. 21:42
Es ist jetzt zwei jahre her
22.11. 21:42
Und wenn ich da bin, vielleicht ist es ja besser
Dann
22.11. 21:43
Chloe
Ist immer noch genauso beschissen
22.11. 21:43
Ich will nicht
22.11. 21:44
Ich werde bloß wieder der miesepeter sein und alles und jeden hassen
22.11. 21:44
Und ich wills nicht an dir auslassen
22.11. 21:45
MAX
Wir schaffen das schon, Chloe.
22.11. 21:45
Chloe
Nein
Du kapierst nicht
22.11. 21:45
Zu viele beschissene Erinnerungen
22.11. 21:46
Ich kanns nicht so einfach wieder vergessen machen
22.11. 21:46
MAX
Klar kannst du. Du kannst alles schaffen.
22.11. 21:47
Du bist Chloe Verfickt-Nochmal-Price
Du bist der stärkste Mensch den ich kenne
22.11. 21:47
Chloe
Lässt dus dann endlich mal gut sein?
22.11. 21:47
Bedeutet mir zwar echt viel und all das
Mut zureden und der ganze Scheiß
22.11. 21:48
Aber mal ehrlich
22.11. 21:48
MAX
Ich will weihnachten ganz einfach mit meiner allerbesten Freundin verbringen
22.11. 21:49
Mir doch scheißegal wie mies gelaunt du sein solltest
22.11. 21:49
Du noch da?
22.11. 21:51
Chloe
Ich sagte nein hör auf mich in Ordnung bringen zu wollen
22.11. 21:51
Ich hasse dein verficktes weihnachten ok?
22.11. 21:51
Ich werde bloß voll das Arschloch zu dir sein
22.11. 21:52
Und dann werde ich mich wieder selbst hassen deswegen
22.11. 21:52
So wie jez grade auch
22.11. 21:52
Also hör endlich auf mit dem Scheiß
22.11. 21:52
Ich muss eigentlich sowieso lernen
22.11. 21:52
Bleib du einfach zuhause und genieß die Zeit mit deiner Familie solange du noch eine hast oderwasauchimmerleckmich
22.11. 21:53
MAX
...
22.11. 21:54
Ok Chloe. Habs kapiert.
Tschuldige fürs drängeln.
22.11. 21:55
Chloe
Na endlich
22.11. 21:55
Chloe
Nur dass dus weißt, ich hab dich immer noch lieb
22.11. 22:09
MAX
Will ich auch schwer hoffen für dich
22.11. 22:10
Hab sonst nämlich niemanden zum abschlussball
22.11. 22:11
Augen leuchtend vor Begeisterung, meine allerbeste Freundin auf der ganzen Welt lässt ihr geballtes Unheil auf das quietschbunte Geschenkpapier herniederfahren in gewohnt üblicher Chloe-Scheißegal-Manier. Sie hebt den Schuhkarton-ähnlichen Deckel von der flachen, länglichen Schachtel und wühlt sich gierig durch das Füllmaterial im Innern, als wäre es ein Schatz aus Golddublonen anstelle der Schaumstoffchips aus Styropor.
Ihr überraschtes Jauchzen nach Luft, gefolgt von entzücktem Gekreische, sind wahre Musik in meinen Ohren.
„Heilige Scheiße, das is' ja sowas von abgefahren!"
„Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich schon darauf gewartet habe, dir das endlich zu geben…"
„Max, das sieht ja sowas von cool aus! Das is' echt hochwertiger Scheiß, bist du denn wahnsinnig? Das muss doch unfassbar teuer gewesen sein! Wie zum Teufel hast du das bezahlt?"
Sie dreht und wendet das Skateboard in Händen, begutachtet es aus jedem Winkel und allen Entfernungen, bewundert das sagenhaft coole Motiv auf der Unterseite. Es sind Schädel und Ranken und Bänder und blaue Schmetterlinge im Flug in allen Formen und Größen und Farben. Es ist sogar noch naturgetreuer zu ihrem ehemaligen Tattoo denn das Original, für alle Zeiten zurückgelassen, zwischen den Realitäten, verschlungen von einem monströs luxuriösen Wohnwagen unter einem überdimensionierten Bett; wochenlang hatte ich ohne Rast und Ruh örtliche Skate-Shops und das gesamte Internet durchforstet, ohne Früchte, bis ich mich schlussendlich entschieden habe, eines ganz speziell nach Maß fertigen zu lassen. Dieser hiesige, kleine Skaterladen drüben in der Nähe von Denny Park hatte es für mich per Auftrag angefertigt mit nichts als Grundlage außer meinen krakeligen Skizzen frei aus dem Kopf.
„Ist schon gut," antworte ich. „Ich hab's geklaut."
„Pff, sicher doch! Du niemals."
„Mach dir einfach keine Sorgen, es ist absolut jeden Cent wert. Du verdienst nichts Geringeres."
Sie wirkt aufrichtig gerührt in ihrem Lächeln. Wir verschmelzen in einer festen Umarmung, das Skateboard noch immer in ihren Händen und gegen meinen Rücken gedrückt. Genaugenommen war ihr Geburtstag bereits letzte Woche, doch zumal sie sowieso schon in unseren glücklicherweise aufeinander fallenden Frühlingsferien zu Besuch kommen sollte, hatte es schlicht keinen Sinn gemacht, es zuvor noch extra per Post nach Arcadia Bay zu schicken.
„Kacke," stellt sie fest, „das könnte es jetzt ganz schön schwermachen, ein Geschenk für deinen Geburtstag zu finden…"
„Machst du Witze? Ich revanchiere mich hier doch nur für dein letztes Geschenk. Williams Kamera ist echt das Beste, was mir jemals jemand geschenkt hat, ich muss mir noch immer jedes Mal eine Träne verdrücken, wenn ich daran denke. Ich liebe sie einfach so sehr…"
Auch nur das bloße Erwähnen des Namens ihres Vaters hätte sie vor einiger Zeit noch sofort missmutig gestimmt, gar nicht allzu lange her. Doch heute bleibt ihr Strahlen ungebrochen, nicht eine dunkle Wolke ist am Horizont zu erkennen. „Gibt's denn neue Bilder, die du mir noch zeigen musst? Nachdem wir dieses Biest von einer Schönheit hier noch auf eine kleine Testfahrt ausgeführt haben, versteht sich natürlich. Wie sieht's aus mit ordentlichen Skateparks hier in Hipster-Hauptstadt, USA?"
„Ich glaube, das ist schon Portland, wovon du da redest. Seattle hat's mehr so mit den Kiffern und den Obdachlosen."
„Solch ein exotisches Städteleben, kann's kaum erwarten, das endlich aus nächster Nähe zu erleben."
Es war ihr siebzehnter Geburtstag vor acht Tagen und dies ist das erste Mal, dass sie mein Zuhause in Seattle zu Gesicht bekommt. Sie ist erst vor ein paar Minuten angekommen, David und Joyce quatschen noch immer mit meinen Eltern unten in der Küche. Erwachsenengespräche, gäähn! Chloe hatte mich am Arm zur Türe hinausgezogen genau an der Stelle, wo es gerade spannend wurde, als Joyce damit begonnen hatte zu erzählen, wie wahnsinnig aufgeregt ihre Tochter schon den ganzen Monat über diesen Besuch war. Es hat dieses wohlig warme Gefühl in meiner Bauchgegend ausgelöst, das selbst noch bis zum jetzigen Augenblick nicht so recht verfliegen wollte.
Es wurde aber auch wirklich allerhöchste Zeit, denn das letzte Mal, dass wir noch zusammen waren außerhalb unserer tagtäglichen Fernbeziehung—und ich meine ‚tagtäglich' im wahrsten Sinne des Wortes, jeden einzelnen Tag, selbst wenn es mal nur für einen kurzen und beiläufigen Nachrichtenabtausch reichen sollte, der dann doch wieder wie von Zauberhand und ohne irgendwelche Zeitspielereien zu stundenlangem Hin und Her über absolut rein gar nichts führen musste—nein, das wirklich letzte Mal, dass wir zusammen waren, war für ein paar Tage letzten Sommer in einem diesmal tatsächlich hundert Prozent legitimen Arcadia Bay Wochenendbesuch mit meinen Eltern, nach wochenlang schier endlosen Bettelns und Nostalgieaufbauschens und Aufdienervengehens.
Den Rest des Jahres war sie leider zu beschäftigt. Denn Chloe hatte sich an irgendeinem Punkt dazu entschlossen, in ihrem Leben noch einmal so richtig durchzustarten und verlorene Zeit wiedergutzumachen. Sie hatte sich entschlossen, nicht mehr länger auf alles zu scheißen, was ihre Eltern ihr geschaffen haben. Zugegebenermaßen, insgeheim war es frustrierend für mich, sie so häufig nicht erreichen zu können, während ihrer Überstunden an Hausaufgaben und Nachholunterricht über die Sommerferien. Gleichzeitig könnte ich stolzer oder selbstzufriedener kaum sein, denn dieser Tage spricht sie mit mir über allerlei Wissenschaftszeugs und überrascht mich immer wieder mit diversen interessanten Wissenshappen über Gott und die Welt und das Universum, die sie hier und da in ihrer Freizeit aufgeschnappt hat, da sie sich eine gewisse Leidenschaft für so etwas entwickelt hat, und dann erzählt sie mir, dass sie schon ernsthaft überlegt, vielleicht aufs College nach Seattle zu gehen, und wäre das ich nicht der absolute Oberhammer?
Ich gestehe, ich könnte durchaus das ein oder andere damit zu tun gehabt haben. Jup, ich hatte definitiv bei so mancher plötzlichen Eingebung meine Finger mit im Spiel und ich bereue es kein Bisschen, das lasse ich mir auch nicht vorwerfen. Selbst wenn ich ihr niemals die Wahrheit erzählen dürfte, sie einfach nur so erleben zu dürfen ist für mich mehr als genug. Ich kann damit leben.
Chloe klopft mit den Fingerknöcheln gegen meine Schläfe. „Hallo? Jemand zuhause? Hast du heute noch vor, mich endlich wohin auszuführen, wo wir die Bude rocken können, oder sollen wir hier einfach nur rumstehen und uns gegenseitig in Gesicht grinsen, wie zwei Dummdeppen?"
„'Tschuldige, es ist nur… ich kann einfach nicht glauben, dass du endlich hier bist, ich hab' dich so sehr vermisst." Ich strubble ihr frech eine wilde Strähne in die Augen. „Ich liebe die neue Frisur, im Übrigen. Lässt sie dir wieder rauswachsen, oder?"
Sie versucht und scheitert damit, meine Finger zu fangen. „Bin einfach nur faul damit. Schlägt deinen ollen Pferdeschwanz aber um Längen." Sie tippt an mein Handgelenk. „Und selbst immer noch voll dem Pseudo-Grufti-Trend verfallen, wie ich sehe."
Sie spricht natürlich mal wieder von den beiden schwarzen Lederarmbändern, die ich ständig trage. Gut möglich aber auch vom generellen Mangel an Farben in meiner neuerlichen Garderobe. Dieses winzige Bisschen Punk-slash-Grufti-Mode auf mich zu nehmen schien mir schlicht die beste Möglichkeit einer permanenten Tarnung von Bluewings Mal.
Ich gebe ihr ein halbherziges Schulterzucken und ein herunterspielendes Grinsen. „Ich bin ein Kind meiner Zeit, irgendwie muss ich doch gegen die bestehende Ordnung rebellieren."
„Hey, nein, ich steh' echt voll drauf. Ich hab' selbst schon 'ne Weile drüber nachgedacht, irgendwas drastisches mit mir anzufangen, weißt du? Ich fühle mich irgendwie so langweilig manchmal."
„Heh, sowas wie… rote Haare und Piercings?"
„Mmmh, mir gefällt die Art, wie du denkst," sagt sie und beginnt, mich an der Hand aus meinem Zimmer zu schleifen. „Also los, ich kann's gar nicht erwarten, das Ding endlich Probe zu fahren. Eine ganze Woche zusammen, werden die ganze Stadt im Sturm erobern!"
„Nicht so schnell, oh große Eroberin. Ich brauche noch meine Tasche und Kamera. Du wirst für mich den ganzen Tag lang als Model herhalten, nur dass du's weißt…"
„Ha, dann wird's wohl echt höchste Eisenbahn für meine Runderneuerung."
Ich sammle ein paar wichtige Utensilien zusammen und folge ihr dann zur Treppe hinab. Sie nimmt jede Stufe einzeln im Hüpfschritt, verstrubbelte blonde Locken wehen mit jeder Bewegung. Ich werde mich weigern, ihr jemals die blauen Haare oder das wunderhübsche Tattoo aufzuschwatzen, so sehr ich sie und ihr damaliges Aussehen auch geliebt habe. In der bloßen Idee liegt etwas geschmackloses und verabscheuungswürdiges, als wollte ich versuchen, jene Chloe, die ich kannte, von Grund auf neu aufzubauen. Wir reden hier doch sowieso nur von oberflächlichem Flitterwerk, das habe ich nicht nötig. Mir wäre es tausendmal lieber, sie könnte sich authentisch entfalten und genau so ausleben wie sie es für richtig erachtet.
Der merkwürdigste aller Laute begrüßt uns aus der Küche, als wir unten im Erdgeschoß ankommen: David Madsens Lachen. Es ist lauthals und schallend, die Sorte, die einem noch im Bauch widerhallt und nur allzu leicht ansteckt. Es ist echt gruselig.
Vermutlich hat Dad mal wieder einen seiner weltberühmt und nicht weniger –gefürchteten Eisbrecher-Witze zum Besten gegeben, wie ich sie mir nun schon tausende Male zuvor anhören durfte.
Chloe begibt sich schnurstracks in Richtung Haustüre. „Los, lass uns verduften."
„Warte, ich will nur noch Tschüss zu deinen"—Eltern—„Joyce und David sagen, bevor wir gehen. Und ich sollte meinen Eltern wohl besser auch noch sagen, wo wir hingehen."
Falls sie den beinahe-Ausrutscher bemerkt haben sollte, beachtet sie ihn nicht weiter. Sie schnauft eine schwere, wenn auch wortlose Beanstandung aus, folgt mir dann aber widerstrebend in Richtung Küche. „Weise mir den Weg, oh Tochter des Jahrtausends..."
„Ich halte sie nur möglichst zufrieden, damit sie ihre Nasen nicht unnötig in meine Angelegenheiten stecken."
„MafiosaMax. Ich hab's gewusst."
Joyce wirkt so hübsch und entspannt wie eh und je neben David, ihre sonst so sorgengerunzelte Stirn ersetzt durch friedlich lächelnde Krähenfüßchen an den Augen. In aller Seelenruhe hört sie meiner Mom beim Reden zu, während die Männer in ihr ganz eigenes Gespräch verwickelt sind, doch sie schaut auf in dem Augenblick, da wir die Küche betreten.
„Herr im Himmel, ist das ein neues Skateboard? Werde ich dich beim nächsten Mal, wenn wir uns sehen, wieder von der Notaufnahme abholen müssen? Oder von der Polizei?"
Chloe rollt mit den Augen überdreht genug, als dass es auch geradewegs aus der nächsten billigen Sitcom stammen könnte. „Schön, dass du mich und mein Können nicht allzu sehr anzweifelst, Mutter. An mir wird schon kein Kratzer dran sein. Und du weißt selbst genau, dass Officer Berry selber Schuld war mit seinem eigenen Kratzer damals."
„Mh-hmm." Sie lehnt sich halb seitwärts hinüber zu meiner Mutter und spricht zu ihr mit leicht gesenkter Stimme. „Hol lieber schon mal den Verbandskasten, Vanessa. Und vielleicht sollten wir auch noch die Polizei vorwarnen, dass sie heute besser die Innenstadt abriegeln. Da braut sich was zusammen."
„Ich passe schon auf sie auf," schalte ich mich ein. „Solange ich dabei bin, passiert ihr schon nichts Schlimmes. Oder der Stadt…"
Mom reicht einen Arm in meine Richtung, damit ich zu ihr herüberkommen und mich gegen sie lehnen kann. Sie wird mich nicht gehenlassen, bevor ich mich richtig mit obligatorischer Umarmung bei ihr verabschiedet habe, also kämpfe ich auch gar nicht erst dagegen an. „Ihr zwei macht euch dann also aus dem Staub, was?"
„Wir schauen nur kurz beim Park die Straße runter vorbei." Ich tausche einen komplizenhaften Blick mit Chloe aus. „Vielleicht auch noch 'nen neuen Haarschnitt im Einkaufszentrum für gewisse Personen."
„Na dann habt ihr ja große Pläne und noch größere Abenteuer vor euch. Seid um sieben zurück, alles klar? Dein Dad will euch heute Abend seine hausgemachten Burger grillen. Du liebst deine doch noch immer mit Ananas, stimmt doch, oder, Chloe?"
Pfui Teufel.
„Klingt superlecker, Max' Mom."
„Ich will, dass ihr beide vorsichtig seid und euch ja fernhaltet von irgendwelchen Gassen, verstanden? Seid extravorsichtig, wenn ihr den Bus nehmt. Und behalte dein Handy im Auge, Mäuschen, ich werde mich zwischendurch bei euch melden."
„Och, Mooom…"
Dad wedelt einen autoritären Finger in gespielter Strenge in meine Richtung. „Hör auf deine Mutter, Max. Es ist eine große Stadt da draußen, viele dunkle Gestalten treiben sich da herum und warten nur darauf, dass ihnen hübsche, junge Mädchen in die Arme laufen."
„Es sind Ferien, Paps. Da werden haufenweise Kinder in unserem Alter unten im Park sein, wieso sollte es da ausgerechnet uns erwischen?"
„Weil niemand sonst so bezaubernd ist wie ihr zwei beide, deshalb. Also gebt ja gut Acht aufeinander."
Chloe knufft mir ihren Ellbogen in die Seite. „Da hat er einen guten Punkt, weißt du? Du könntest dir genauso gut 'nen Aufkleber auf die Stirn pappen, auf dem steht ‚bitte entführen Sie mich', so zum Anbeißen bist du."
Ich schnaube verächtlich bei dem bloßen Gedanken. „Würde gern sehen, wie sie es versuchen."
Die Worte verlassen meinen Mund weit bedrohlicher und verwegener als ich sie beabsichtigt hatte. Geradezu draufgängerisch angriffslustig. Sie alle sehen mich völlig aus dem Konzept gebracht an, so als käme was sie eben gehört haben und was sie vor sich sehen aus zwei gänzlich verschiedenen Welten.
„Ich kann Kung-Fu," erkläre ich daher lahm und mit einem beiläufigen Schulterzucken gefolgt von einem überaus laienhaften Karatehieb durch die Luft vor mir, was der Runde einiges verlegen höfliches Kichern entlockt. 'Ne lächerlich öde Pointe in Stellung bringen war von Anfang an alles, was ich im Sinn hatte, beachtet mich gar nicht.
„Das ist mein furchtloses Mädchen. Sie wird den Schurken Seattles schon noch zeigen, was eine Harke ist." Dad zieht seine Brieftasche hervor und zählt schon einige Scheine heraus. „Braucht ihr zwei noch was zusätzlich fürs Taschengeld?"
„Keine Sorge, ich bin noch flüssig. Ich hab' mir hierfür was zusammengespart."
„Alter." Chloe tut nichts geringeres als mich kurzerhand beiseitezuschieben. „Wir würden niemals nein zu extra Taschengeld sagen, Mr. Caulfield. Ich bin untröstlich, sie muss sich den Kopf gestoßen haben oder so etwas."
Dad lacht gutmütig und aus dem Augenwinkel entdecke ich sogar ein überraschend großes Grinsen unter Davids Schnauzer. „Ich weiß dein Verhandlungsgeschick wohl zu schätzen, Chloe. Hier." Dad befreit einige Zwanziger aus ihrem ledernen Gefängnis und Chloe zeigt nicht einmal geringste Hemmnisse, die Scheine an sich zunehmen. „Das hier ist ein besonderer Anlass, also habt Spaß und fangt euch keinen Ärger ein."
David legt noch nach. „Und lasse deine Freundin nicht für alles aufkommen, Chloe. Gehe selbst großzügig mit deinem Geburtstagsgeld um, verstanden?"
Ihre Lippen pressen sich zu einer schmalen Linie zusammen. Ich kann geradezu sehen, wie es ihre Augen nach einem weiteren großzügigen Rollen drängt, doch sie kann sich noch einmal beherrschen. „Sir, jawoll, Sir." Sie salutiert ihm salopp, während sie mit der anderen Hand die Moneten in einer Hosentasche verschwinden lässt. „Ich hoffe, ihr erholt auch gut auf eurer Kreuzfahrt. Versucht, nicht allzu viele Wale zu überfahren."
Ich bin doch tatsächlich unentschlossen, ob sie es nun wirklich aufrichtig meint oder ob sie nur im Stillen sagt bitte lasst uns endlich in Frieden—und das alleine ist schon ein gewaltiger Schritt nach vorne im Vergleich zu wie sie früher einmal war. Bislang habe ich sie kein einziges Mal zu David sagen hören, er solle sich doch bitte ins Knie ficken.
Manchmal vermisse ich die nicht ganz so guten alten Zeiten.
Joyce scheint die Situation scharfsinnig und gewieft, wie sie ist, vollstens zu durchschauen. „Wir werden zurücksein, noch ehe du dich versiehst, mach dir da mal keine Sorgen." Sie schenkt uns noch ein warmherziges Lächeln. „Ich liebe es, euch zwei wieder zusammen zu sehen. Als wäre überhaupt keine Zeit vergangen. Und trotzdem komme und komme ich nicht umhin, mich zu wundern, wie sehr du doch gewachsen bist, Max. Du hast schon jetzt diese erwachsene Ausstrahlung an dir."
Ich werfe Chloe einen Blick zu. „Wenigstens eine von uns sollte die Erwachsene sein."
„Leck mich, Caulfield."
Pass auf, wozu du mich herausforderst, werfe ich ihr schon beinahe entgegen, dann erinnere ich mich jedoch, dass wir ja nach wie vor direkt vor meinen vermaledeiten Eltern stehen. „Dem ist nichts mehr weiter hinzuzufügen."
„Können wir dann jetzt bitte endlich verduften?"
Ich mache eine ausladende Geste in die Runde. „Mit Erlaubnis der Herren und Damen Geschworenen."
Dad gibt ein Glucksen von sich. „Erlaubnis erteilt."
Wir winken noch beide zum Abschied und suchen dann schleunigst das Weite, ehe sich noch mehr Fragen auftun sollten. „Du bist doch echt die allergrößte Arschkriecherin überhaupt," nörgelt Chloe mich von der Seite an, sobald wir das Haus endlich verlassen haben.
Ich zucke nur eine Schulter. „Je zufriedener sie sind, desto mehr Freiheiten lassen sie mir. Ergibt nur Sinn, oder nicht?"
„Oh, ja, natürlich. Eiskalt berechnet von Anfang an, was hatte ich nur anderes erwartet? Ich wette, coole Eltern zu haben schadet auch nicht gerade, hab' ich Recht?"
„Schon auch irgendwie, ja. Ich weiß, du willst es wirklich ehrlich nicht hören, aber Joyce und David—"
„Ich weiß, ich weiß, schon gut, ich will's wirklich ehrlich nicht hören." Sie wirft ihr Skateboard mit Schwung auf den Gehsteig, springt hinterher und rollt lässig davon. „Übrigens danke für den krassen Schlitten, Loser!"
Sie zeigt mir noch den Stinkefinger und sieht sich dabei nicht einmal um.
Ich könnte schäumen vor Wut, fände ich es nicht schon so dermaßen verdammt witzig. „Das ist die falsche Richtung, du Schlaubergerin!"
„Aah, Kacke." Sie macht einen Tailslide (glaub' ich) und dann ohne Umschweif auf der Stelle kehrt, weil Chloe ist'n echt höllisch abgefahr'nes Skatermädel, yo. Dann stößt sie sich gekonnt vom Asphalt ab zurück in meine Richtung und rollert unter graziler Balance über die holprig unebene Strecke zwischen uns. Ihr Strahlen eins mit der Sonne.
Es ist nur das erste Foto, welches ich heute schieße. Im Laufe des Tages sollten noch so viele weitere entstehen, dass mir später dann sogar der Film ausgeht, selbst noch das Extra aus meiner Tasche.
Unvergesslich und kostbar, alle und jedes einzelne davon.
Samsam
Blu
19.03. 17:04
Bluuuu
19.03. 17:06
Blu, antworte
19.03. 17:07
Blublublublu
19.03. 17:09
Lady in Blu
19.03. 17:09
Frostqueen
19.03. 17:09
Blus Clus
19.03. 17:09
Blau und schlau
19.03. 17:10
Du bist kacke
19.03. 17:12
Lauren
Verdammt nochmal Sam
19.03. 17:33
Ich will für dich hoffen, dass das ein ernsthafter Notfall war
19.03. 17:33
Ich hab nur eine Minute, also was hast du gebraucht?
19.03. 17:33
Samsam
Hey du hast geantwortet!
19.03. 17:33
Mir is laaaaaaaaaangweilig
19.03. 17:33
Niemand ist on, los mach hinne
19.03. 17:34
Lass Dämonen schnetzeln
nomml Omor legen oder so
19.03. 17:34
Lauren
Dein ernst?
Das war alles?
19.03. 17:34
Ich bin gerade nicht mal im land
19.03. 17:34
Ich sagte doch ich würde für die woche weg sein
19.03. 17:34
Samsam
Wo bist du?
19.03. 17:34
Und warum konnte ich nicht mitkommen?
19.03. 17:34
Lauren
1, geht dich nichts an, junger Pandawahn
19.03. 17:34
2, weil ich alleine viel schneller reise
19.03. 17:34
Und weil du ne superätzende Nervensäge bist
Manchmal
19.03. 17:34
Ich muss jetzt auch wirklich weiter, habe viel zu tun.
Leben Und Tod Zeugs.
19.03. 17:35
Mach deine blöden hausaufgaben
19.03. 17:35
Bestell dir ne pizza oder so
19.03. 17:35
Und level endlich auf 85 hoch, du n00b
19.03. 17:35
Samsam
Uuuurgh
19.03. 17:35
Isjaguuuuuuuuuuuuuuut
19.03. 17:35
Aber das Verbrechen schläft auch nie
19.03. 17:35
Vergiss das niemals!
19.03. 17:36
Du bist fertig mit antworten, stimmts
19.03. 17:36
Wusste doch dass du n arsch bist
19.03. 17:36
Hätte dir niemals vertrauen dürfen
19.03. 17:36
Lauren
Ich versprach dir nichts als Freiheit
Kein wort darüber auch noch nett zu dir zu sein
19.03. 17:36
Machs gut für die nächsten sieben tage, Sams.
19.03. 17:36
Für Monate wollte ich nicht einmal mehr eine Kamera anrühren.
Schon bei der bloßen Vorstellung überkam mich stets eine Welle an falschen Erinnerungen, blanke Furcht packte meine Eingeweide allein bei dem Gedanken. Zu großer Horror erfüllte mein Innerstes. Zu viel Last lag damit verbunden. Zu viel Gram. Es war, als schlüge jedes Klick eines Objektivs eine Brücke über jene Kluft zwischen mir und der längst vergangenen Zukunft, als risse jedes frisch gedruckte Foto alte Narben des Krieges wieder ganz von Neuem auf.
Dann, vor einem halben Jahr, schickte Chloe mir Williams alte Kamera zum Geburtstag. Sie nach all den Jahren wieder in Händen zu halten, Chloe wäre bestimmt völlig ausgeflippt, hätte sie auch nur ahnen können, welch bittere Tränen ich darüber weinte. Mit jedem Foto, das ich mich selbst zu schießen zwang, nur um ihr diese Freude zu schenken, rückte die Welt wieder ein klein wenig in alte Fugen zurück. Tage verstrichen, Wochen, und binnen weniger Monate schon wurde es kein Zwang mehr. Nicht mehr lange darauf und es wurde abermals ganz zu meiner zweiten Natur.
Und wie ich mich so sehr in Zeug lege, für sie wieder Freude im Leben zu finden, mag es nach außen erscheinen, als sei es ein einseitiger Heilungsprozess. Es mag so erscheinen, als litte ich leise vor mich hin in meinem stillen Ecklein, um ihr ihre Blütezeit zu ermöglichen. Doch das entspricht nicht einmal im Entferntesten der Wahrheit. Der einzige Unterschied zwischen uns ist, dass sie sich dessen nicht gewahr ist, wie viel sie mir schon geholfen hat, wie sehr sie mich aufbaut, wie gut sie mir tut.
Und nun, da wir hier so liegen, Seite an Seite und Kopf an Kopf auf meinem alten und fransigen Flauscheteppich, schwimmen wir gemeinsam durch ein gewaltiges Meer verschiedenster Fotos, auf und über und um uns herum verstreut. Es ist überwiegend Chloe, Skateboard fahrend, Unheil anrichtend, vor sich hin grinsend, die Augen verdrehend, mir den Stinkefinger zeigend. Chloe beim „Moshen", wie sie es später mit nur einem Hauch Ironie genannt hatte. Chloe, hoch oben auf dem Ast eines Baumes, einfach weil ihr nach Klettern zu Mute war. Chloe, einmal vor, einmal nach unserem Besuch im Einkaufszentrum, und jedes Mal tut sie fast so, als posierte sie vorsätzlich ohne wirklich so tun zu müssen.
Ganz ohne mein Zutun entschied sie sich für eine etwa ohrlange Ponyfrisur sowie einen kräftigen Streifen Kobaltblau. Ich glaube, meine ehrlichste Meinung bislang war „verfickt nochmal umwerfend". Sie streicht sich immer mal wieder eine wildgewordene Strähne hinters Ohr in der absolut bezauberndsten Geste, jemals erdacht auf Erden Gottes.
Und ja, ich bin wohl oder übel auch in einigen der Bilder zu sehen, denn sie hat lange Finger und schien der festen Überzeugung, mir fast schon routinemäßig die Kamera aus der Tasche stibitzen zu müssen. Da bin ich, wie ich eine Grimasse ziehe, weil sie sonst einfach nicht die Klappe halten wollte. Ich, wie ich uns Süßkram für zwischendurch von einem der Straßenverkäufer besorge, dann wie ich mit dem Gleichgewicht kämpfe auf ihrem Skateboard und zum Schluss noch einmal ich, wie ich die Kamera ihren fiesen Fängen zu entreißen versuche.
Und zu guter Letzt natürlich noch das obligatorische Vorher-Nacher-Bild, das wir ganz extra von uns beiden gemacht haben. Wie die langweilige Spießerin, die ich immer schon war, sollte es für mich mal wieder derselbe kinnlange Kurzhaarschnitt sein, der schon einen Großteil meiner späteren Jugend geprägt hatte. Ich bin ihr allerdings auch nicht davongekommen, ohne dass sie mich vorher noch zu ein paar blonden Strähnchen verdonnert hätte. Ich muss zugeben, der Kontrast ist durchaus nicht ohne. Außerdem hat sie mir einen dieser supercoolen Choker aufgehalst, damit ich noch etwas habe, was gut mit den Lederarmbändern geht, weshalb ich ihr im Ausgleich noch ein nigelnagelneues Nietenarmband spendieren musste, denn Chloe und Nietenarmbänder sind praktisch schon synonym über sämtliche Realitäten hinweg. Sie trägt es noch immer.
Kein einziges der Fotos ist ein richtiges Selfie, mit Ausnahme derjenigen mit uns beiden darin, und von denen wurden die meisten von ihr geschossen. Selfies… sind nicht mehr so wirklich mein Ding mittlerweile.
„Ich liebe dieses hier," verkündet sie nicht zum ersten Mal, denn sie liebt wirklich einen ganzen Haufen davon. Das Bild, welches sie jetzt gerade in Händen hält, zeigt mich, wie ich gerade dabei bin, mir eines dieser pappsüßen und flockigen Bausche-Dingern, die wir uns gegönnt haben, in die Futterluke zu schieben. Weißer Puderzucker verschmiert über Mund, Lippen und sogar Nase, weil sie mich natürlich ausgerechnet dann zum Lachen bringen musste.
„Du liebst doch alles, was mich aussehen lässt wie ein Dummdepp."
„Ist doch nicht meine Schuld, dass du nun mal ein Dummdepp bist. Ich sammle hier doch nur Beweismaterial für die Nachwelt." Sie stöbert immer noch weiter durch die Unmenge an Fotos, stets auf der Suche nach einem, welches ihr noch besser gefallen könnte, hebt eines auf, legt es dann wieder hin, um dann das nächste herauspicken zu können, außerstande, sich endlich auf eines festzulegen. „Scheiße, Max. Du bist sowas von talentiert."
Im Augenblick bewundert sie welches aller Wahrscheinlichkeit nach mein persönlicher Favorit sein dürfte unter all den Fotos. Es ist eine Aufnahme aus ihrem Rücken, während sie gerade ein Treppengeländer hinabgrindet. Ich habe ihr sogar noch extra Anweisungen und all das gegeben, kniend am Geländer auf sie gewartet, damit es auch ja perfekt rauskam, und zwar ganz. Exakt. So. Ihr Körper umrahmt eine Hälfte des Fotos, Kapuzenpulli flattert ihr hinterher über eine Schulter und eine Hand nach vorne in Richtung Bildmittelpunkt ausgestreckt für noch zusätzliche Balance. Die Sonne steht gerade so seitlich im Bild und bescheint sie mit absolut perfektesten Schatten, auf die exakt richtige Weise, glitzernd und glänzend durch die silbern verchromten Innenseiten der Räder.
Es könnte außerdem durchaus sein, dass ich sie das ein oder andere Mal zurückdrehen musste, sowohl um des richtigen Winkels Willen als auch dem ihres Po, der mir schon beinahe magnetisch angezogen schien vom steinharten Pflaster.
„Kacke. Ich weiß, ich bin egoistisch, aber darf ich das hier behalten? Noch cooler werde ich wahrscheinlich niemals im Leben irgendwo aussehen."
„Aber du bist doch auch so schon immer cool. Und klar, natürlich darfst du es behalten. Die Fotos sind ebenso sehr deine wie sie die meinen sind. Erinnere mich bloß noch daran, dass ich es auch einscanne, bevor du wieder fährst."
„Abgefahren." Sie legt es sich beiseite und nimmt dann wieder das puffige Zuckerfoto in die Hand. „Und dieses hier landet in meinem Geldbeutel, keine Widerworte, ich frage auch gar nicht erst nach Erlaubnis."
Sie zerrt dieses alte, lumpige Teil hervor aus ihrer Hinterntasche, reißt das Klett geräuschvoll auseinander und steckt das Foto in das einzige Innenfach, welches ihr genug Platz dafür bieten will, wenn auch nur knäpplichst.
Die Geste allein schon erfüllt mich mit einem schier lächerlich unverhältnismäßigen Gefühl purer Wonne. Ich kann spüren, wie sich Hitze breitmacht in meinen Wangen. „Das ist echt süß von dir, Chloe."
„Das Ding wird ein kleines Vermögen wert sein, sobald du endlich mal ganz groß rauskommst," zieht sie mich auf. „Alle Welt wird sehen wollen, welch riesen Dummdepp diese genialen Fotos eigentlich knipst."
„Aha, natürlich."
Ihr dümmliches Grinsen weicht einem sehr viel aufrichtigeren und tiefempfundenen Lächeln. „Hey." Ihre Hand landet sanft auf der meinen. Chloe sieht mich an, als wäre ich ihr das allerkostbarste und liebste auf dieser Welt.
Was… gut möglich sogar zutreffen könnte, behaupte ich einfach mal ganz dreist.
„Ich weiß, ich quatsche manchmal ganz schön viel Scheißdreck, wenn der Tag lang ist," beginnt sie, „aber ich meine wirklich ernst was ich gesagt habe. Du hast da dieses Wahnsinnstalent, Max. Du bist, irgendwie, was wirklich Besonderes. Einzigartig. Ich mein's ernst. Du wirst irgendwann eine von den ganz Großen. Und ich will, dass du auch selbst daran glaubst."
Es ist mir jedes Mal wieder ganz aufs Neue verblüffend, in welch Windeseile sie doch umschalten kann von arschiges Arschgesicht zu absolut entwaffnend und liebenswert.
Sie erwischt mich weit offen und unvorbereitet, ich habe nicht die leiseste Ahnung, was darauf erwidern soll. Ich könnte die Zeit anhalten oder zurückdrehen, bis ich die perfekteste aller Antworten gefunden habe, doch das ist nicht wie dieser Laden zu laufen hat mit Chloe. Nur komplette Total-Katastrophen und unvorhergesehene Skateboard-Unfälle dürfen zurückgenommen werden.
„Wenn… wenn du das glaubst, dann… muss es wohl wahr sein."
Gott, was war das denn? Sowas von öde, das ergibt ja noch nicht mal einen richtigen Sinn. Sie rollt jedoch nicht mit den Augen und schubst mich auch nicht in die Schulter. Sie… strahlt mich nur an. Sieht mir ins Gesicht, dass es mir den Atem verschlägt, und strahlt mit all der Wärme und Lebenskraft einer Chloe, die ich früher schon einmal kannte.
Und dies ist auch der Augenblick, in dem ich sie erneut zum allerersten Mal spüren kann. Diese ätherische Zugkraft zwischen uns, als wanderte dort ein gemeinsamer Atemzug zwischen unseren Lungen, hin und her, immer schneller, immer kräftiger, und bald schon müssten wir um ihn Kämpfen in einem mörderischen Tauziehen um Leben und Tod. Unsere Augen bleiben verbunden für ein paar wenige Sekunden zu lange. Länger als es für gewöhnliche allerbeste Freunde der Fall sein dürfte in solch nächster Nähe zueinander.
Ihr Lächeln schwindet allmählich dahin, bis ihre Lippen nur noch einen leisen Spalt weit geöffnet bleiben. Ganz kurz nur, unauffällig, kein Atemzug an Länge schnellt ihr Blick hinunter zu meinem Mund, dann sofort wieder zurück…
„Mädels! Essenfassen, runterkommen, reingehauen!"
Dads Stimme schallt herauf durchs Treppenhaus, als wäre er der Moderator von Der Preis ist Heiß. Die Darbietung ist jedenfalls verstörend genug, um diesen geisterhaften Bann, der uns soeben noch umgab, wie Konfetti in tausend kleine Stücke zu bersten.
Wir verfallen beide in ein Kichern, das alles nur nicht peinlich berührt wirken will.
„Dein alter Herr ist der eigentliche Dummdepp hier. Muss wohl in der Familie liegen."
„Sieht fast danach aus, fürchte ich."
„Tja, perfektes Timing jedenfalls, ich bin am Verhungern!" Sie springt flugs auf die Beine, womöglich sogar etwas zu plötzlich, doch ebenso gut möglich bilde ich mir auch schon Dinge ein an diesem Punkt. Sie steigt über die Fotos am Boden und verschwindet schließlich zur Türe hinaus.
Ich starre ihr hinterher. Mein Herzschlag noch immer nicht gänzlich entschleunigt, wie ich erst jetzt überrascht feststellen muss. Ich habe absolut keinen Schimmer, was ich an dieser Stelle fühlen sollte.
Schlucke es herunter, was immer es sein mag. Schlucke es herunter auf dieselbe Weise wie du es immer tust.
Nichts ist gerade passiert. Gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen.
Chloe
Max
19.03. 18:10
Yo Max yo
19.03. 18:10
Yo yo yo
19.03. 18:11
MAX
Hast du echt dein handy mit aufs klo genommen?
19.03. 18:11
Was machst du da drin überhaupt noch?
19.03. 18:11
Warte
19.03. 18:12
Beantworte das bitte nicht
19.03. 18:12
Chloe
Alarmstufe Rot
Die kacke ist mal wieder am dampfen
19.03. 18:12
Also
Nicht die echte Kacke
19.03. 18:12
Das wäre ja grauenhaft
19.03. 18:12
Wo ist euer Pömpel
19.03. 18:13
MAX
Omg Chloe
19.03. 18:13
Chloe
War nur spasss
19.03. 18:13
Aber mal ernsthaft
Komm besser nicht hier rein für ne weile
19.03. 18:13
Du könntest draufgehen
19.03. 18:13
MAX
...
19.03. 18:13
Ich kann nicht glauben, dass ich mich befassen muss mit dieser KACKE
19.03. 18:13
Chloe
Lolz
Wasn Scheißwitz
19.03. 18:14
Wusste doch was in dir steckt
19.03. 18:14
MAX
Du bist echt unmöglich.
19.03. 18:14
„Psst."
„Mh?"
„Hey, Max."
„Was denn?"
„Wenn-die-Bom-be-fällt—"
„Oh Himmel." Nicht schon wieder.
„Wenn-die-Bom-be-fällt—" Chloes leise bedrohlicher Singsang ist nur der grausame Vorreiter des unausweichlich Bevorstehenden. Sobald sie das Ende ihres Liedes erreicht haben sollte, wird es soweit sein, und es gibt nichts, was ich tun kann, um mich auf ihr Einschlagen vorzubereiten.
„—Sind-wir-alle-alle… alle-TOT!" In einer plötzlichen Seitwärtsrolle kullert sie sich vom Bett und lässt sich mit all ihrem Gewicht herabplumpsen auf mich und die Luftmatratze am Boden.
„Uff!"
Jup, Chloe zieht diesen lahmen Gag ausnahmslos jedes Mal ab bei unseren gemeinsamen Übernachtungen. Das überraschendste daran ist eigentlich nur noch, warum ich mich dennoch jedes Mal wieder völlig aufs Neue übertölpeln lasse davon. Sie ist und bleibt ein Kindskopf. Ich bin froh, dass sich manche Dinge wohl niemals ändern…
Wir sind nichts als verknotete Gliedmaßen und gedämpftes Gekicher für eine ganze Weile, ich kann kaum sagen, wo ihr Körper anfängt und der meinige aufhört. Es stellt eine nicht zu unterschätzende Herausforderung dar, dabei ja nicht zu laut zu werden, dass uns meine Eltern nicht im Schlafzimmer hören direkt den Flur gegenüber. Alle Lichter sind aus, wir können uns gerade noch so erkennen im finsteren Halbschatten der Jalousie-gefilterten Straßenlaternen.
Endlich gelingt es mir, mich von unter ihr zu befreien. „Noch lange kein Grund, mir den Ellbogen in die Rippen zu rammen, du Troll. Du bist viel schwerer geworden als früher…"
„Oh mein Gott, du nennst mich fett? Du wagst es!" Sie piekt mir einen anschuldigenden Finger in den Bauch, ein weiterer Vorreiter der sich bereits anbahnenden Kitzel-Attacke. „Ich verlange Genugtuung!"
„Chloe, ich schwör' dir, falls du gleich anfangen solltest, mich zu kitzeln, wird es allein deine Schuld sein, wenn mein Dad an die Türe hämmert, dass wir endlich die Klappe halten sollen."
„Das wär's aber sowas von wert, wenn du mich fragst." Ihre fiesen Finger nähern sich kontinuierlich, unaufhaltsam rücken sie vor. „Hättest es dir besser zweimal überlegen sollen, bevor du meine Gefühle verletzt…"
Dies ist eine ernsthafte Bedrohung, sie verlangt sorgfältig diplomatisches Fingerspitzengefühl. Ihr Sieg wird gewiss sein, nun da ich meine Kräfte nicht mehr missbrauchen darf—
Vor anderthalb Lebenszeiten.
Ein Knäuel Servietten segelt durch die Lüfte.
Sie bebt vor Lachen, atemlos warm zwischen meinen Schenkeln.
Wellen säuseln leise über den glitzernden Sand im Mondschein.
Vor und zurück.
Chloe ist die See und ich versinke in ihrer Wärme.
Vor und—
Kacke.
Ich muss für einen Moment lang die Augen zukneifen. Von Zeit zu Zeit schließt sich jene gähnende Kluft zwischen Zukunft und Vergangenheit auf gänzlich unerwartete Weise. Wer ich bin und wer ich war verschmelzen in einer schmerzlichen Erinnerung an alles Verlorene.
Ich klammere ihre Hände fest an meine Seiten. „Bitte. Tu's nicht," flüstere ich.
Was immer sie in meiner Stimme zu hören scheint, es macht ihr dussliges Grinsen unmittelbar stocken. „Äh… ich hab' doch nur Spaß gemacht. Geht's dir gut?"
„J-ja. Natürlich. Ich versuche, zu lächeln, und es will mir sogar halbwegs gelingen. Fort von diesem Ort, bittersüße Erinnerungen. „Ich will einfach nur keine Schwierigkeiten bekommen, ist alles. Ich will, dass meine Eltern es ganz genauso sehr lieben, dich bei uns zu haben, was dummerweise bedeutet, ihnen die Tatsache zu verheimlichen, dass du in Wahrheit ein hundsgemeiner Plagegeist bist."
Die kurze Sorge weicht umgehend aus ihren Augen und ihr deppertes Grinsen kehrt zurück an deren statt. „Ich bin mir recht sicher, sie können es bereits ahnen."
Chloe macht es sich gemütlich auf der Matratze, streckt sich noch einmal nach ihrem Kissen auf dem Bett und kuschelt sich dann vollständig unter unsere gemeinsame Decke. Wenn vergangene Erfahrung irgendein Indikator ist, dann hegt sie absolut jede Absicht, am Ende genau dort einzupennen, wo sie sich jetzt gerade befindet.
Ich beschwere mich nicht. Ihre Wärme wird auf ewig willkommenen sein an meiner Seite.
Kann mich allerdings nicht vom Nörgeln abhalten. „Wegen dir platzt am Ende noch die Matratze, wenn du weiter so rumwurschtelst."
„Wow, vielen Dank auch. Schon wieder nennt sie mich fett. Das wird irgendwann noch ein Nachspiel tragen, weißt du? Ein grausames, Eiswürfel-in-Unterhose Nachspiel." Ich versuche ihr so gut ich kann behilflich zu sein bei ihrem fortwährenden Herumgewurschtel und Plagegeistertum. Halte ihr Kissen an Ort und Stelle, während sie anderweitig mit der Decke beschäftigt ist. Mein linkes Armband streift leicht ihre Wange.
„Oh Gott, machst du Witze? Du trägst diese Dinger sogar noch im Bett?"
„Na ja, hast du jemals 'ne Uhr oder ein Armband für mehrere Tage am Stück getragen und wenn du sie am Ende dann ablegst, fühlt es erstmal total komisch und… einfach falsch an? Ist dasselbe hiermit, ich komme mir komisch vor, wenn ich sie ausziehe."
Ich lüge sie nicht an, es entspricht tatsächlich der Wahrheit. Man könnte jedoch noch hinzufügen, dass ich es lieber vermeiden würde, die Zeit unnötig zurückdrehen zu müssen, sollte ich eines Morgens vergessen, sie wieder anzuziehen, und meine Mom flippt dann voll aus, als wäre mir ein zweiter Kopf gewachsen.
„Das nenne ich mal Hingabe zu irgend 'nem Möchtegern-Modegespinst. Fangen die nicht irgendwann mal an zu riechen?"
„Ich wasche sie auch mal, du Schlaumeier. Ich hab' schon mehr als nur die zwei hier."
„Oh, wirklich? Na, wenn du das sagst…"
Das ist ja sowas von köstlich. Und das von derselben Person, die dazu in der Lage war, Tag und Nacht ohne Ende ein und dieselbe Mütze für ganze Wochen am Stück zu tragen.
Sie wurschtelt noch immer weiter, findet dann endlich eine zuträgliche Liegeposition, ihren Kopf aufgestützt mit einem Ellbogen auf dem Kissen und von oben auf mich herabgrinsend. „Heute war ein einziger Wahnsinnstag, findest du nicht?"
„Das war es wohl. Sogar noch wahnsinniger als ich es erwartet hatte, irgendwie."
„Nicht wahr? Ich hab' dich so beschissen vermisst, seitdem ihr weggezogen seid, mit den paar Besuchen hier und da ist es einfach noch lange nicht getan." Ihr Ton nimmt etwas ab an Frivolität. „Ich wünschte wirklich, das Leben wäre die ganze Zeit so wie heute. Nur wir zwei beide."
Ich rolle mich auf meine Seite, Kissen eingeklemmt zwischen Arm und Wange. Unsere Knie streifen sich dabei ein paar Mal, denn die Luftmatratze ist eigentlich nicht für zwei Personen gedacht und ich kann mich nicht viel bewegen ohne sie zu berühren. „Mein Angebot steht noch immer offen, weißt du? Wollen wir gemeinsam davonlaufen?"
„Pff, und dann was, essen aus 'ner Mülltonne und pennen in 'nem Karton? Du hast für dein Leben doch hier schon ausgesorgt, Schwester. Da würde ich lieber einfach gleich einziehen."
„Oh, gute Idee. Wenn du auch ganz brav und artig bist, lassen mich meine Eltern dich garantiert behalten. Dann hätte ich meine ganz eigene Haus-Chloe."
„Bin dabei. Solange ich die Familienkatze sein und tun und lassen darf, was zur Hölle auch immer ich will."
„Wir könnten dir sogar hin und wieder den Bauch kraulen, wenn du das magst."
„Nur du. Bei allen anderen fahr' ich nämlich die Krallen aus. Pffch!"
Ich gebe ein lautloses Kichern von mir und wir verfallen in eine kurze Stille.
Hier liegen wir nun also, grinsen uns mal wieder an wie zwei Dummdeppen. Unsere gegenläufigen Blicke fühlen sich nicht ganz so direkt oder aufdringlich an in der Dunkelheit meines Zimmers. Ich kann so tun, als bemerkte sie gar nicht, wie sehr ich sie eigentlich angaffe.
Und selbst wenn sie es bemerken sollte und sie sich dabei etwas befremdlich verquer fühlt… das ist es sowas von wert. Wie oft schon erhalte ich noch Gelegenheit dieser Tage, mich sonnen zu dürfen in der strahlenden Schönheit ihres abgöttischen Antlitzes? Kaum noch einige Zentimeter von mir entfernt? Ich suche mir meine Freuden am Leben, wo immer ich sie finde.
So oder so scheint es sie nicht weiter zu stören. Es dauert nicht lange, ehe sie erneut zu flüstern beginnt.
„Früher, als wir noch Kinder waren, hast du es da wirklich schon kommen sehen, dass wir so eng befreundet bleiben würden? Ich meine nur… Freunde leben sich andauernd auseinander."
„Chloe, wir sind doch auch jetzt irgendwie immer noch Kinder…"
Sie schnaubt. „Ja, klar doch. Ich hab' mich schon nicht mehr richtig als Kind gefühlt, seit… na ja, du weißt schon. Und ich hab' auch das Gefühl, bei dir ist's genauso. Ist dir überhaupt richtig bewusst, wie sehr du dich verändert hast? Meine Mom hatte schon recht, weißt du? Da ist etwas an der Art, wie du dich oftmals verhältst, wie du mit Leuten umgehst und sprichst. Seitdem du von Arcadia Bay weggezogen bist, ist es irgendwie… ich weiß auch nicht, als wüsstest du immer haargenau, was du tust. Halt irgendwie erwachsen, ganz einfach."
„Hah. Ja, natürlich. Als ob."
„Es stimmt! Aber du hast mir auch noch gar nicht geantwortet. Hast du es kommen sehen, dass wir zusammenbleiben?"
Ich hatte ihr nicht geantwortet, da ich lieber nicht an meine geheimste und dunkelste Schande denken will. Ich will sie nicht deswegen anlügen müssen. Nachdem ich aus erster Hand miterleben durfte, wie es für sie war… da will ich manchmal einfach nur noch vergessen, dass es jemals eine Version von mir gab, die so etwas zulassen konnte.
„Ja, das habe ich." Ich kann meine Verbitterung nicht aus den Worten heraushalten. Warum zum Teufel fragt sie mich überhaupt sowas? „Diese ganze Beste-Freunde-Für-Immer Geschichte… ich hab's damals echt ernst gemeint. Und gleich darauf bin ich weggezogen und hab' dich sitzenlassen für viel zu lange Zeit, wie der bescheuerte Vollidiot, der ich—"
„Klappe halten, du!" Sie gibt meiner Schulter einen kräftigen Knuff, um mich auch ja zum Schweigen zu bringen. „Ich will diese sinnlose Selbst-Zerknirschung nie wieder hören, kapiert? Du bist zurückgekommen zum exakt richtigen Zeitpunkt, als ich dich am allermeisten gebraucht habe, und keine Sekunde später, verstanden? Und letzten Endes haben wir uns doch sogar noch inniger angefreundet. Inniger als wir es jemals waren. Das kann man doch so sagen, oder nicht? Wir sind inniger denn je."
„Öh. Ja, schon. Inniger als jemals zuvor."
Ihre Hand wandert leicht unter der Decke. Finger berühren sanft den Arm unter meinem Kopfkissen.
„Ich… ich fühle mich wirklich viel inniger mit dir verbunden, Max. Ich kann mir mein Leben nicht ohne dich vorstellen. Ich fühle mich… besonders, wenn wir zusammen sind. Als hätte mein Leben andernfalls keine eigene Bedeutung."
Ihr Körper verlagert sich unmerklich. Sie liegt mir nun einen guten Zentimeter näher, ich kann ihre Wärme von ihrem Körper ausstrahlen spüren, kaum eine Handbreit entfernt von meinem Gesicht. Wir umarmten uns hunderte Male, wir berühren uns beinahe routinemäßig, fast schon wie selbstverständlich—doch dies hier ist nicht einmal im Entferntesten vergleichbar. Dieses Mal ist anders, alles ist anders. Ich kann nicht einmal mehr klar denken.
Ihre Stimme ist die zarteste Brise der See auf meinem Gesicht. „Wie zum Beispiel… als wir heute Nachmittag durch unsere Fotos gegangen sind." Sie beißt sich leicht auf die Unterlippe, in ihren Zügen der mildeste Hauch eines Lächelns, auf ihren Wangen der delikateste Anflug einer Röte, kaum mehr eine flüchtige Illusion. „Da… das hat sich doch… besonders angefühlt, hab' ich nicht Recht?"
Oh.
Oh, Chloe.
„Ja… Das hat es."
Die Worte entgehen meinem Mund ganz ohne mein Zutun.
Sie verlagert sich erneut. „Das hat es wirklich."
Ihre Hand wandert zaghaft weiter in Richtung meiner Wange, streift sie jedoch kaum, ehe ihre Fingerspitzen die Kontur meines Kiefers eingehend nachempfinden.
Ich schlucke schwer unter ihrer Berührung. „Ja…"
Ihre Hand ist so warm, nur ein Haarbreit von meiner Haut. Chloe wird mich küssen, es liegt in der elektrisiert angestauten Luft um uns herum, in der flachen Kadenz ihres unsteten Atems, der strahlenden Hitze ihrer geröteten Wangen und auch der Art, wie ihre Augen dezent zwischen meinen Gesichtszügen herwandern. Es steht geschrieben in jeder einzelnen Silbe ihrer Körpersprache.
Doch ich darf es nicht zulassen. Sie weiß noch immer nicht, wer oder was ich wahrhaftig bin.
Sie lehnt sich herein. Augen nahezu geschlossen. Lippen leicht geöffnet. Ich muss sie aufhalten, ich muss, ich muss, ich muss.
Ich kann nicht.
Meine Göttin, ihr Mund. Innig, eifrig und begierig gepresst gegen den meinen, und doch so behutsam und sachte wie niemals zuvor. Ihr Geschmack, entfernteste Erinnerungen an eine längst vergangene Zukunft auf meiner Zunge. Ihre Berührung, zärtlichste Fingerspitzen in der Tiefe der Nacht an der Seite meiner Wange. Sie alle kommen zusammen in einer schicksalhaften Vereinigung, einem körperweiten Beben, das durch unsere Haut wallt, ich kann meine Lippen nicht davor zurückhalten, mit den ihren zu verschmelzen und eins zu werden. Ich habe sie so, so sehr vermisst.
Als wir uns wieder voneinander trennen, macht es meine Brust in sich zusammenfallen wie eine gähnende Leere, die sich schlagartig öffnet zwischen Thorax und Lungen, wie der unersättliche Schlund jenes Ungeheuers, welches niemals jemals genug von ihr bekommen wird…
„Wow," haucht sie gegen meine Lippen, ehe sie sich gleich noch einmal hereinlehnt für noch mehr.
„Chloe. Chloe, ich kann nicht..."
Sie blinzelt. Blinzelt noch etwas mehr, wie als erwache sie aus einer Trance. Ihre Pupillen erlangen ihren Fokus zurück und landen auf mir. Sie bemerkt die tiefe Reue in meinen Zügen, die schwere Schuld in meinen Augen, die quälende Sorge in meinem Innern. Sie war noch erhitzt zuvor, nun steht sie praktisch in Flammen.
„Scheiße." Sie fährt vor mir zurück, Augen groß wie Spiegeleier, in voll ausgebrochener Panik, so als hätte sie eben auf ihr Leben gepokert und haushoch verloren. „Scheiße, tut mir so leid, ich war nur—ich dachte nur… ich hatte den ganzen Tag schon diese Funken zwischen uns gespürt, und wir haben doch schon das ganze Jahr über so krass miteinander geflirtet, da dachte ich einfach, du könntest vielleicht… Kacke, Max, tut mir echt sowas von leid, ich hab' Mist gebaut, bitte hasse mich jetzt nicht deswegen."
„Nein, nein, das es ist nicht!" Ihre Hände liegen verkrampft in der Schwebe irgendwo zwischen uns, so als ob sie nach mir reichen wollte, mich zu beschwichtigen, sich jedoch gleichzeitig nicht traute aus Angst, alles nur noch viel schlimmer zu machen. Also halte ich sie fest in den meinen und drücke sie gegen meine Brust, verzweifelt bemüht darum, sie wieder zu beruhigen. „Chloe, ich könnte dich doch niemals hassen, ich—ich empfinde doch genau dasselbe für dich, es ist bloß… ich kann diesen Schritt noch nicht mit dir gehen. Ich kann einfach nicht."
Sie wirkt so sehr verletzt, blanker Horror in ihren Augen, kreidebleich angelaufen und fürchterlich verlegen—nicht auf diese gewohnt possierliche Chloe-Art und Weise wie sonst so oft, sondern vielmehr so als ob sie unter der Decke verschwinden und einfach im Boden versinken wollte vor Scham. Als meine Worte dann endlich zu ihrem Verstand durchzudringen scheinen und sich dort setzen, da runzelt sie fragend die Stirn, ihren Kopf zur Seite gelehnt. „‚Noch nicht'? Was soll das heißen? Hast du, irgendwie, einen von diesen Enthaltsamkeitsschwüren geleistet oder so'n Rotz? Weil das wäre so ziemlich das bekloppteste, was du mir an dieser Stelle weißmachen könntest."
„Nein, es ist nur—"
„Und außerdem… ich glaub' nicht mal, dass sowas überhaupt zählt mit zwei Mädels. Der ganze Sinn und Zweck besteht doch darin, dass man sich keinen Satansbraten ins Rohr schieben lässt."
„Chloe, es geht nicht darum. Es ist viel komplizierter als nur das. Ich…"
Ich habe es schon so lange nicht mehr versucht, ihr zu erzählen…
Es fing an als eine unabdingbare Notwendigkeit, dann bald nur noch die oberste Priorität. Irgendwann wurde es etwas, worauf es hinzuarbeiten galt, ein langfristiges Ziel. Etwas, was früher oder später von ganz alleine passieren würde. Wenn ich ganz ehrlich bin, ich hatte all die Zeit seither eine Todesangst davor, und dieser Tage ist es vielmehr zu etwas verkommen, dass es zu verbergen besser wäre, denn worauf ich jemals stolz sein könnte…
Und es ist nun da ich zur schmerzlichen Erkenntnis komme, dass ich mich wohl irgendwann im Laufe all dieser Zeit einfach den Gegebenheiten angepasst habe. Wann war noch gleich das letzte Mal, dass ich ernsthafte Pläne gefasst hatte, es ihr zu erzählen? Jenseits meiner nächtlichen Eskapaden ertappte ich mich schon des Öfteren dabei, dass ich mir doch tatsächlich ernsthafte Sorgen gemacht habe über so mancherlei kindisches Teenager-Problemchen meines vorgegaukelten Alltagslebens. Trage nur eine Maske für zu lange und all das.
„Also gut, hör zu. Ich habe dieses… Geheimnis. Etwas, das unser Leben für immer verändern wird. Etwas, über das du garantiert mega ausflippen wirst."
Sie sieht mich nur betont gelangweilt an, so als ob mein allergrößtes Geheimnis unmöglich schwerwiegender sein könnte als ich hab' bei diesem doofen Mathetest letzte Woche geschummelt.
„Bist du'n Alien? Weil das würde so einiges erklären."
Ich grolle kurz und schubse sie in die Schulter. „Ich mein's ernst. Ob du es glaubst oder nicht, das wäre noch viel einfacher zu erklären. Mein Geheimnis ist… viel größer."
„Größer als von 'nem gottverdammten anderen Stern zu kommen. Dein Ernst." Sie verdreht die Augen. „Also gut, ich hab's ja kapiert, sag mir ganz einfach, dass ich schlichtweg alles, was zwischen uns passiert ist, falsch gelesen habe, und du nicht wirklich auf mich abfährst, in Ordnung? Ich weiß, ich hab' diese Situation gerade eben echt merkwürdig werden lassen, aber—"
„Aber ich fahre doch sowas von auf dich ab, Chloe—ich… ich liebe dich. Chloe, ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt, oh Gott, du hast ja gar keine Ahnung…"
Die Worte sprudeln einfach so hervor aus meinem penetranten Plappermaul. Ich musste sie schon für viel zu lange drinbehalten und nun hat meine zügellose Zunge sich offenbar kurzerhand entschieden, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und das Geständnis in die weite Welt hinauszuposaunen, atemlos schwebend zwischen ihrem Mund und dem meinen. Es entsteht dieser Moment einer angespannten, geladenen Stille. Dann kann ich ihre Brust anschwellen spüren, direkt vor mir, nur wenige Zentimeter entfernt von meinem Herzen.
„Du… du liebst ich?"
Die pure Wonne und Ehrfurcht in ihrer Stimme ist nichts als ein Dolch in meiner Kehle, denn es wird all das hier nur noch weit schwieriger machen. Denn ich versuchte es ihr ein weiteres Mal zu erzählen, ein paar Wochen nach ihrem sechzehnten Geburtstag, vor knapp einem Jahr.
Es lief sogar noch schlimmer als das Zwölfter Oktober Desaster, in gewisser Weise.
Furcht breitet sich rasch aus in meinen Gedanken. Eine Vision der der Zukunft, wenn man so will, gemeißelt in den Felsen unserer ungeschehenen Vergangenheit. Ich muss eine Hand an meine Stirn bringen, so sehr überwältigt sie mich. „Kacke, ich will das hier nicht schon wieder zurücknehmen müssen, ich hab' sowas von die Schnauze voll davon, ständig alles zurückzunehmen…"
„Was redest du denn da? Das ist doch großartig, Max! Das ist sogar das allerbeste überhaupt, ich hatte solche Angst, ich könnte unsere Freundschaft kaputt—"
„Du verstehst nicht, Chloe, ich werde dir alles erzählen, und dann werde ich dich wieder verlieren."
„Was? Jetzt komm schon, es gibt nichts, was dermaßen schlimm sein könnte, du weißt doch, du kannst mir alles verraten! Ganz ehrlich, ich… ich bin sogar fast schon ein wenig gekränkt, dass du dieses ominöse Geheimnis vor mir gehalten hast, was immer es sein sollte."
„Du wirst mir nicht glauben. Und dann werde ich dir es zeigen, und du wirst ausflippen und mich auf alle Zeit fürchten."
Es muss allmählich endlich zu ihr durchgesickert sein, wie ernst mir diese Angelegenheit tatsächlich ist, denn ihr geduldig herunterspielendes Grinsen schwindet mit jeder weiteren Sekunde. „Also gut, so langsam mach' ich mir hier echt Sorgen." Sie sucht meine Augen, versucht so sehr, ihnen irgendein Verständnis abzutrotzen. „Max, was immer es ist, du kannst es mir verraten. Du kannst mir alles verraten, du… du hast mir das Leben gerettet, du bist mein Engel. Ich werde für immer deine allerbeste Freundin sein, ganz egal was passiert."
„Nicht mehr hiernach. Du wirst mir nicht mehr in die Augen blicken können. Du wirst am Ende nicht einmal mehr wissen, wer ich wirklich bin."
„Alter, woher willst du das denn überhaupt so genau wissen? Na los doch, versuch's halt! Ich schwöre dir, ich werde nicht ausflippen, in Ordnung? Ich versprech's, ganz egal was. Was denn, hast du irgendwo was mitgehen lassen? Was geklaut? Hast du vielleicht… oh Scheiße, hast du irgendeinen kaltgemacht? Ist- ist mir egal. Ernsthaft. Das Arschloch hat's bestimmt nicht anders verdient, wenn er sich mit dir anlegt. Ich könnte dir helfen, die Sache zu vertuschen. Mach' ich wirklich, ich bin für dich da, Max."
Gott, sie hat mich noch nie zuvor derart gedrängt deswegen. Ich will ihr so, so sehr Glauben schenken, doch unser beider gebrochene Herzen aus einer Vielzahl ungeschehener Vergangenheiten macht meine Kehle sich zuschnüren unter tausend unsichtbar seidener Fäden.
„Schon zwei Mal zuvor habe ich es versucht," beginne ich endlich, meine Stimme fast schon ein Flehen. „Ich musste es alles wieder zurücknehmen."
„Was zur Hölle soll das denn überhaupt bedeuten? Hast du irgendwie… hast du mich vergessen gemacht oder so? Seht alle her, es ist Agent Max in Black und ihr Neuralisator-Blitz-Dings oder sonstwas."
„Ist gar nicht allzu weit entfernt von der Wahrheit."
„Also gut, willst du mich jetzt noch ewig auf die Folter spannen oder erzählst du's mir dann beizeiten auch mal?"
Es spielt sich einfach nur wieder und wieder in meinem Kopf ab. Enthüllung, Ungläubigkeit, Beweis, totaler Ausraster. Und der Ausraster war noch das aller normalste, damit war leicht zu rechnen, war es wirklich. Ich konnte damit leben. Es waren die Tage und Monate danach, die ich nicht mehr ertragen konnte.
Die Art, wie sie begonnen hatte, mich anzusehen. Der Wandel in der Weise, wie wir anfingen, miteinander zu sprechen. Das Misstrauen, die Paranoia, die stetig zunehmende Distanz, die sich zwischen uns öffnete, da sie erstmals genau verstanden hatte, was ich wirklich bin, was meine Kräfte bedeuten und was ich getan habe. Ohne all die Tragödie und das Trauma jener allerersten Schicksalswoche, die uns zu einer Einheit verschweißte, konnte Chloe niemals über dieses Ungeheuer, das hinter meinen Pupillen lauert, hinwegsehen.
Aus all den Leiden und Qualen, die meine Erinnerungen noch immer umnachten, schmerzt keine so sehr wie der Verlust ihres Vertrauens.
„Max, du musst es mir verraten." Sie bringt unsere ineinandergeschmiegten Hände an ihre Lippen und küsst meinen Zeigefinger. „Was immer es sein mag, du musst mir vertrauen. Lass mich für dich da sein."
Deine kostbare Chloe wird dich fürchten. Sie wird dieses Ungeheuer, zu dem du wurdest, niemals akzeptieren geschweige denn gutheißen.
Ich tue einen tiefen Atemzug und sammle meine Gedanken. Wie viel dieser Furcht, die ich spüre, entstammt nichts als den Worten einer verzweifelten Teufelin, sich klammernd an jeden Strohhalm? Es war nun schon nahezu ein ganzes Jahr, wir haben uns beide verändert, inzwischen. Wir haben uns… verliebt.
Wenn schon an sonst nichts, so kann ich mich doch wenigstens an dieses unglaubliche Körnchen der Glückseligkeit klammern. Chloe liebt mich. Nicht meine Kräfte, nicht was ich für sie alles tun und erreichen kann. Sie liebt mich, diesen banalen und superlangweiligen Spießer, den sie schon ihr ganzes Leben lang kennt.
Wenn ich also diese Chance, hier und jetzt, nicht ergreife… wann dann? In einem Jahr? Einem Jahrzehnt?
Niemals?
Ich muss es versuchen. Nichts von alledem, was ich bis hierhin erreicht habe, wäre auch nur im geringsten Ansatz von einer Bedeutung, wenn ich es nicht zumindest auf diesen einen weiteren Versuch ankommen lasse.
Ein Versuch, langsam und bedacht. „Urteile bitte nicht zu früh, ja? Das hier wird mitunter übernatürlich werden. Es ist eine lange Geschichte."
Ein Versuch, gewaltig und episch. „Alles begann in einer Zukunft, die niemals sein wird, mit der Vision eines Tornados und der Zerstörung Arcadia Bays."
Ein Versuch, sie zu faszinieren. „Was wenn ich dir erzählte, dass es da draußen Menschen mit Superkräften gibt, und ich einer von ihnen bin?"
Ein Versuch, Sympathie zu gewinnen, durch Selbstmitleid. „Ich bin ein entsetzliches Ungeheuer, Chloe."
Kotz. Würg. Sie alle beginnen das exakt selbe Muster. Enthüllung, Ungläubigkeit, Beweis und Alles-im-Arsch.
Sie sieht mich einfach nur an, geduldig, erwartungsvoll, gibt mir alle Zeit, die ich benötigen könnte, um die richtigen Worte herauszubekommen. Und es sind genau diese Worte, die ich nicht finden kann. Ich kann mir einfach nichts vorstellen, was gewichtig genug wäre, stark genug, um auf einen einzigen Schlag zu ihr hindurch zu dringen durch ihre Ungläubigkeit. Wenn ich doch nur ganz einfach diesen Teil überspringen könnte, geradewegs hin zu Staunen, zu Akzeptanz. Wenn ich es doch nur wieder nicht mehr zu nur meiner, sondern unserer Sache machen könnte, so wie es war in jener längst vergangenen Zukunft—
Warte.
Warte mal eine Minute.
Unsere Superkraft.
Unsere Hände, gemeinsam und innig ineinandergeschmiegt.
„Chloe, ich bin diese ganze Zeit über völlig falsch an die Sache herangegangen."
„Öh… Ah-ha?"
Ich werfe unsere Zudecke fort und mache mich daran, aufzustehen, ziehe sie mit mir hoch auf die Beine. „Komm mit mir." Ich begebe mich hinüber zum Fenster und öffne es zur kalten Nachtluft hinaus. „Wir gehen nach draußen."
„…Zur Hölle soll das jetzt wieder?"
Ich habe es niemals zuvor versucht. Könnte es funktionieren?
Wenn es funktionieren sollte… Gott, wenn es funktionieren sollte, dann würde das einfach alles verändern.
„Vertraust du mir, Chloe?"
„Alter, ich würde dir mein beschissenes Leben anvertrauen, musst du da überhaupt noch fragen?" Sie sieht zu, wie ich über das Fenstersims auf das schräge Vordach über dem Hof klettere. Von Zeit zu Zeit lese ich hier oben oder höre Musik, wann immer ich mich wehmütig fühle.
Sie streckt ihren Kopf heraus. „Was wollen wir denn hier draußen?"
„Ich teile alles mit dir, Chloe. Es braucht nicht furchterregend zu sein. Es kann etwas Wundervolles werden…" Ich setze mich draußen auf die kühlen Dachziegel, und während sie mir über das Sims nach draußen nachfolgt, streife ich die Lederarmbänder ab, zuerst noch das eine, dann auch das andere. Das erste fällt, entblößt blasse, zarte Haut, weichgescheuert durch jahrelanges Tragen. Das zweite halte ich noch für eine Weile länger, fest um mein linkes Handgelenk.
Sie kauert sich dicht gegen meine rechte Seite. „Scheiße, ist ganz schön frisch hier draußen. Du wirst dir noch den knochigen Hintern abfrieren in dem Oberteil."
„Es macht mir im Augenblick überhaupt nichts aus, ich spür's nicht mal richtig." Ich hebe meinen Arm und lasse das Band endlich fallen. Bluewings Mal ist erfüllt mit knisternden, lebhaften Farben selbst noch im düsteren Schwarz-Weiß von Mondlicht und Straßenlaternen.
Eine mir allzu bekannt fragend gerunzelte Stirn. „Ist… das'n Tattoo? Ein Schmetterlings-Tattoo?"
„Nein. Es ist eine Gunst, die uns zuteilwurde durch Tränen und Blut."
Sie blinzelt mich an, als hätte ich gerade in einer anderen Sprache zu ihr gesprochen. „Ah-ha, wow, das… klingt ganz schön dramatisch. Wen genau meinst du… ‚uns'?"
Es ist gerade mal die allererste Frage von vielen, doch schon kann ich spüren, wie dieser plötzliche Ansturm der Zuversicht in mir zu verfliegen beginnt.
„Chloe… du musst mir glauben. Jedes Wort, das ich dir sagen werde, ist nichts als die Wahrheit. Alles, was du hier sehen wirst, nichts als die Wirklichkeit. Bitte, du musst mir vertrauen, ich kann nicht noch einmal—"
„Heilige Scheiße, Max." Sie greift mit einer Hand nach meiner Schulter und schüttelt mich leicht, ihr standfester Blick bohrt sich in meine Augen. „Ich vertraue dir zu einhundert Prozent. Was immer du sagst, ich werde dir glauben. Das hier ist offensichtlich 'ne superernste Angelegenheit, ich hab's ja kapiert, du kannst jetzt damit aufhören, dich ständig nur selbst im Kreis zu drehen. Du wirst mich nicht verlieren, verstanden? Einfach… raus damit, was immer es ist."
Sie sagt es wieder und wieder. Vielleicht hat sie Recht. Vielleicht muss ich ihr mein Vertrauen ganz genauso sehr schenken.
„O.K.… also gut. Ich werde dir… ich zeig's dir ganz einfach."
Ich hake meinen Arm bei ihr unter, klammere unsere Hände ineinander mit eng verwobenen Fingern. Ihre Wärme ist der linderndste Balsam gegen die nächtliche Kälte auf meiner Haut.
„Bitte. Bleib an meiner Seite," beschwöre ich die Welt, die Sterne und das Universum über unseren Köpfen, gleich eines Wunschtraumes hinunter in den tiefschwarzen Schacht eines Brunnens.
„Immer," kommt ihre Antwort.
Ich warte noch einen Augenblick, bis ein einsames Auto an uns vorüberzieht, die Straße hinab, meine Rechte noch immer unerschütterlich an sie geklammert, dann ergreife ich die Grundfesten der Raumzeit mit Links. Ihr Blick ist auf das Mal gerichtet, lebendig und kraftsprudelnd mit außernatürlichen Farben und Kontrasten. Bitte, bei all den Göttern, die zusehen mögen, bei beknackten Gespinsten des Schicksals und lange toten Avataren der Hoffnung—bitte lasst es funktionieren.
Lasst sie gemeinsam mit mir auf der Zeitlinie schreiten.
…Zurück.
Leuchtend gewundene Ranken sprießen empor aus den Flügelspitzen des Schmetterlings, sie schlängeln sich um mein Handgelenk, kringeln sich auf die Fläche meiner Hand. Licht und Wärme und Schmerz breiten sich aus in geschmeidigen Linien meinen Unterarm hinauf, vorbei an meinem Ellbogen, vorbei an meiner Schulter bis auf meinen Rücken und meine Brust. Sie strahlen hell und blendend weiß im finsteren Grau der Nacht, heller und blendender noch als jede einfache Zeitreise es für gewöhnlich vermöchte.
Chloe ringt neben mir nach Luft. Ihr Griff wird nur noch fester.
Sie sieht es. Chloe kann es tatsächlich sehen.
Ich beobachte sie, sehe zu, wie ihre Augen groß werden vor Überraschung, ihre Nasenflügel sich weiten vor Erstaunen, ihr Atem stockt vor Sprachlosigkeit. Chloe sieht was ich sehe, denn es besteht nicht einmal der geringste Zweifel, dass sie gerade mit mir durch die Zeit reist, an meiner Seite in die Vergangenheit. Meine Weggefährtin des Schicksals. Meine Genossin in Raum und Zeit und Leid.
Unsere Augen treffen sich, meine entflammen mit Hoffnung, ihre durchfluten in Ehrfurcht. Ich neige meinen Kopf in Richtung des Autos und sie folgt meinem Blick.
„Oh! Oh, Scheiße…"
Und so wie einige Lichter, die eben noch in der Distanz erloschen, abermals aufleuchten, so wie der Verkehr der entfernten Hauptstraße und der vereinzelte Gesang einiger Nachtvögel in fremdländischem Murren und Surren rückwärtsverlauft, so sucht auch das einsame Auto von eben in aller Seelenruhe seinen Weg zurück die Straße hinauf und an uns vorbei in perfekt verlaufendem Rückwärtsgang. Mit offenem Mund starrt sie ihm hinterher, sieht dann wieder mich an, dann wieder die Straße hinunter auf das Auto.
„Du bist es… Du bist es, die das macht. Oh mein Gott."
Um Welten davon entfernt, von mir abzulassen, Chloe umklammert meine Hand fest genug, dass es schon schmerzt. Ich entlasse die Zeit aus meinem Griff und senke meinen Arm. Das Auto kehrt zurück in alteingefahrener Geschwindigkeit und Richtung.
„Heilige Scheiße," flüstert sie in die stille Nachtluft hinein, beobachtet noch, wie die Linien verblassen. „Heilige. Scheiße…"
Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich sagen soll. Ich glaube nicht, dass ich im Augenblick überhaupt irgendwelche treffenden Worte finden könnte. Erleichterung, schiere Euphorie und… Stolz waschen durch mein Innerstes. Tränen bauen sich schon auf und drohen, meine Lider zu fluten, bei diesem schlichten, simpelsten aller Gedanken, dass ich all das vielleicht, mit ein klein wenig Hoffnung, niemals wieder alleine tun muss. Wenn wir beide über das hier hinweg kommen sollten… ich müsste sie niemals, jemals wieder zurücklassen in einer ungewissen Zukunft…
Sie wendet sich zu mir um. Jenseits des aufgeregten Blinzelns und angestrengten Verarbeitens liegt nichts als… Erstaunen in ihrem Blick. Pures Staunen. Kein sich anbahnendes Misstrauen. Keine lähmende Furcht.
Mit einem Schlag landet sie zurück in der Gegenwart, dreht sich zu mir um und boxt mich mit ihrer freien Hand in die Schulter.
"Aua!"
„Du hast verfickt nochmal Superkräfte?" Ihre Stimme klettert gut eine oder zwei Oktaven die Tonleiter hinauf. Außerdem mischt sich ein zaghaftes Lachen unter ihre Worte. „Und du erzählst mir nichts davon?"
„Ich hab's versucht! Ich schwör's!"
„Heilige Scheiße, Max! Heilige Scheiße, das is' echt zu viel, das is'… einfach zu abgefahren—wie lange? Wie lange schon kannst du sowas, wie kannst du sowas, und was—oh mein Gott, du musst mir einfach alles erzählen."
„Also glaubst du mir? Du glaubst wirklich, dass es echt ist?"
„Scheiße, mir bleibt wohl kaum was anderes übrig, oder? Nach allem, was ich dir eben noch versprochen habe? Ich meine, ich hab' gerade mit zugesehen, wie du's gemacht hast! Scheiße echt, ich glaub' ich spinne, das is' doch sowas von bekloppt—kannst du's nochmal machen? Einmal noch? Nur damit ich auch weiß, dass ich nicht total spinne?"
„Öhm, ja, klar doch."
Ich gebe echt mein Bestes, nicht allzu viel Wind um die Sache zu machen, doch es ist mir nun mal eine wahrhaft aufrichtige Wonne, ihr erstauntes Grinsen sich vor Begeisterung nur noch weiten zu sehen, sobald Bluewings Mal noch einmal hell lodernd entflammt und das Auto von eben einmal mehr die Straße hinauf auf unsere Höhe zurückholt.
„Ha! Da fährt's dahin!", kreischt sie freudestrahlend und rempelt mich seitwärts gegen die Schulter, beide ihrer Hände klammern sich fest an die meine. „Verfickte Superkräfte, verdammte Kacke noch eins! Scheiß mir doch einer die Wand an, das is' sowas von abgefahren!"
Ich kann mir einfach nicht helfen, selbst jetzt noch in dieser Situation bringt sie es auf ihre wundersame Weise fertig, mich zum Lachen zu bringen. Es fällt mir schlichtweg schwer, mich nicht von ihrer Obszönitäten-geladenen Begeisterung anstecken zu lassen.
„Willst du's noch schneller?"
„Ähm, na gut?"
Ich beschleunige unsere Zeitreise noch etwas und dann, knapp bevor das Auto vollständig außer Sichtweite verschwindet, halte ich sie kurzerhand fest. Es entlockt ihr ein weiteres überraschtes Japsen, als die Zeit eingefroren um uns herum zum Stehen kommt.
„Max… Scheiße, Max, du bist 'ne menschliche Zeitmaschine…"
„Und das nur wegen dir," erkläre ich ihr. „Der entscheidende Grund, weshalb ich diese Kraft besitze… bist du. Von daher ist sie ganz genauso sehr deine wie sie die meine ist."
„Äh… was?"
„Es ist eine lange Geschichte. Ich würde sie dir liebend gerne erzählen, wenn du sie denn hören möchtest."
„Null Chance, dass du sie mir jetzt nicht mehr erzählen könntest." Sie starrt weiter unentwegt auf meinen Arm, wie gebannt. „Tut das… tut dir das weh? Dein Leuchte-Tattoo-Dingens? Sieht irgendwie aus, als würde es wehtun."
„Ja, schon ein bisschen. Aber nicht schlimm."
„Oh, Kacke. Dann hör auf damit!"
„Ist echt keine große Sache, ich kann es sogar kaum noch spüren, wenn du mit dabei bist."
„Und… ist es irgendwie anstrengend? Geht dir irgendwann einfach die Puste aus?"
„Nicht mehr. Ich könnte den Spaß ganze Tage am Stück abziehen, wenn ich wollte—zumindest solange ich dabei dann nicht aus Versehen einpenne."
Sie befeuchtet ihre Lippen. „Darf ich… darf ich mal anfassen? Deine Tätowierung… oder wasauchimmer?"
„Sie macht dir keine Angst?"
„Nein, machst du Witze? Bist doch bloß du! Ich meine, merkwürdig, klar, aber sie ist auch… sowas von superhübsch."
Ich zögere noch einen Augenblick, dann reiche ich ihr meinen linken Arm, die brennenden Linien nach wie vor lichterloh. Chloe kommt mir vorsichtig entgegen, sie nimmt meine Hand, ihre Fingerspitzen empfinden sanft die spiralförmigen Pfade auf meiner Haut nach. Es mag Einbildung sein, doch in dem Moment, da sie Kontakt mit der Markierung herstellt, schwelt ihr Strahlen noch einmal auf, kraftvoll und herzerwärmend.
Sie stößt einen ehrfürchtig überraschten Atemzug aus. „Oh, wow…"
„Wie… fühlt sie sich an? Niemand hat sie jemals zuvor anfassen können."
„Sie ist so… so richtig warm." Mit etwas nahe der Ehrerbietung erfühlt sie ihren Verlauf, studiert ihre Muster und feinen Linien bis ins kleinste Detail. Ich habe keine Ahnung warum, doch das brennende Stechen erlischt schlagartig wo auch immer sie mich berührt. „Das ist echt das allercoolste überhaupt."
Ihr feuriger Eifer ist viel zu ansteckend für mich. Ich spüre schon wieder dieses kindliche Verlangen in mir, sie unbedingt beeindrucken zu müssen, um dieses erstaunte Flackern in ihren Augen um jeden Preis noch weiter zu entfachen. „Willst du wissen, was wir sonst noch alles machen können?"
„Es gibt noch mehr?"
„Lass mich es dir zeigen, das wird echt spitzenmäßig. Es ist sowas von spitzenmäßig, das alles endlich mit dir teilen zu können. Komm, steh auf mit mir."
Wir kommen auf die Beine, beide wohl darauf bedacht, zu ja keiner Zeit unsere Hände loszulassen. Nicht, dass es groß etwas ausmachen dürfte; sie würde vermutlich nur für einen Augenblick lang in der Zeit einfrieren, bis ich sie wieder an mir festhielte. Soweit zumindest diese allererste Theorie. Wir werden noch so einiges an Experimenten durchzuführen haben, um herauszufinden, wie genau das alles funktioniert. Für die Wissenschaft.
Ich führe sie den restlichen Vorsprung hinab Richtung Traufe. „Wir springen gemeinsam vom Dach," erkläre ich ihr.
„Du kannst fliegen?"
Ein albernes Grinsen macht sich auf meinen Wangen breit. Ich bringe schon beinahe diesen billigen ‚nur wenn wir uns schöne Gedanken machen' Kalauer, der mir spontan in den Sinn kommt, doch ich hatte ihr vorhin extra versprochen, alles, was meinen Mund verlässt, wäre nichts als die Wahrheit. „Vertrau mir einfach. Ich könnte niemals zulassen, dass dir ein Leid widerfährt."
Sie zaudert noch etwas nervös auf der Stelle, wirft einen unsicheren Blick den Vorhof hinunter. Ist eigentlich gar nicht mal allzu tief, in etwa gut ein Stockwerk, keine drei Meter. „Ich vertraue dir."
„Es ist etwas schwieriger, wenn wir uns im Stillstand bewegen. Was immer du tust, lass ja nicht los, verstanden?"
„Ich werde niemals loslassen, Max."
„Auf die Plätze?"
Sie atmet etwas schneller. „Fertig," kommt ihre Antwort mit einem nervösen, knappen Kichern.
„Los!"
Sie tut es. Ich springe zwar den Bruchteil einer Sekunde früher los, doch sie ist direkt neben mir, als ich meinen Schritt nach vorne tue und wir uns gemeinsam über die Kante lehnen. Sie… hat mir ganz einfach vertraut.
„Waa—wohaaah!"
Wir verfangen uns beide sofort im Wackelpudding der gestauchten Luft im Stillstand der Raumzeit, sinken allmählich und sanft Richtung Boden. ‚Wackelpudding' ist einer dieser Begriffe, die genaugenommen nicht wirklich akkurat sind, sich jedoch schlichtweg eingebürgert haben im Laufe der Zeit. Tatsächlich ist das einzige, was im Augenblick entfernt an Wackelpudding erinnert, dieses wilde Herumfuchteln von Chloes Beinen, die unbeholfen in den leeren Raum unter sich treten, wie als befände sie sich unter Wasser. Sie sieht einfach nur lächerlich aus. Ein Glück haben die Nachbarn das nicht mitbekommen.
„Was zur Hö-hölleh-eh!", kreischt sie dabei und stimmt ein mit meinem Lachen, gemeinsam den ganzen Weg hinunter, bis wir endlich den Boden erreicht haben und sogar noch darüber hinaus. Sie zieht aufgeregt an meiner Hand mit kleinen, euphorischen Hüpfern, sobald unsere Füße unten aufsetzen. „Das war ja sowas von abgefahren! Lass uns das nochmal machen! Wir müssen das unbedingt nochmal machen, können wir das nochmal machen?"
„Wow, du liebst da ja wirklich."
„Machst du Witze? Wie könnte ich sowas denn jemals nicht lieben? Du bist, irgendwie, praktisch Batman, Max! Du bist Bat-Max! Ha!"
Heiliger Scherzkeks, ‚Bat-Max'? Sie ist ja mal wieder sowas von selbstzufrieden mit sich, ganz von alleine auf diesen uralten Gag gekommen zu sein.
„Also gut… mal sehen. Warte. Ich weiß genau, was wir machen können."
Eine reguläre Zeitreise könnte uns hier nicht mehr großartig weiterhelfen, doch Gott sei Dank ist das auch nicht mehr das einzige, was ich dieser Tage so draufhabe. Ich habe keinen Schimmer, ob es funktionieren wird. Noch weniger, wie es sich wohl auf sie auswirken könnte, körperlich physisch wie auch geistig emotional. Ich bin erschreckend begierig, es herauszufinden.
Ich tauche ein in den Quell der Kraft, noch einmal tiefer und nach dem Komplettneustart. Ich greife nach ihr mit meiner ausgestreckten Hand, die Linien entflammen in blendendem Weiß und einmal mehr spaltet sich meine Wahrnehmung auf diese merkwürdige Weise—diese geisterhafte Präsenz meines eigenen Selbst über mir selbst, nicht unähnlich der Autoskopie einer Nahtoderfahrung. Während unseres kurzen Sprunges zurück aufs Dach und noch während dieser außerkörperlichen Erfahrung, kann ich Chloe neben mir erneut nach Luft schnappen hören.
„Oh, Kacke," keucht sie direkt an meiner Seite. Wir sehen einander an. Unsere Hände, eng umschlungen. Unsere Gedanken, verbunden jenseits von Raum und Zeit. Wir beobachten unsere leiblichen Selbst, wie schwebend zurück aufs Dach springen und sich dort abermals niederlassen, denn alles, was wir eben getan haben, wird wieder zurückgesetzt wie es war. Ich lasse ab von der Zeit, als das einsame Auto zum fünften Mal oberhalb der Straße in Sichtweite erscheint.
Die Realitäten werden aufs Neue vereint, und auch wir kommen wieder zu uns vor dem kühlen Sims meines Fensters. Ich konnte mich bis heute schon reichlich daran gewöhnen, habe inzwischen keine Probleme mehr, mich jedes Mal wieder anzupassen an den regulären Fluss der Zeit. Chloe wiederum sackt sofort gegen meine Seite, ihr Atem wiegt schwer, ihre freie Hand klammert sich an den Saum meiner Schlafanzughose.
„Oh Gott… oh. Mein Gott. Scheiße!"
Eine jähe Sorge durchsticht meine Eingeweide. Die schlimmste Sorte von allen. Jene um ihr Wohlergehen. Ich entlasse uns endgültig in den normalen Zeitfluss. „Geht's dir gut? Hat's dir wehgetan?"
„Nein… nein, es war nur… heilige Scheiße, sowas von abgefahren…"
„Ich hab's zu weit getrieben, ich hätte dir das jetzt noch nicht antun sollen, es tut mir so leid, Chloe."
„Hörst du dann endlich mal auf, dich andauernd nur zu entschuldigen…" Sie bringt sich stützend auf mein Bein aufrecht. Auch wenn ihr Griff um meine Hand mittlerweile etwas nachgelassen hat, seitdem die Zeitreise vorüber ist, so scheint dennoch sie in keinerlei Eile, alsbald von mir loszulassen. Ihre Atemzüge arbeiten noch immer schwer wie Blasebalge in ihrer Brust, während sie sich umsieht.
„Oh, Kacke. Wir sind wieder hier oben." Dasselbe einsame Auto fällt ihr ins Auge, als es wieder einmal die Straße hinab außer Sichtweite rollt. Sie blinzelt ihm hinterher. „Bekloppte Kack-Scheiße. Max… Max, wir sind gerade in der Zeit zurückgegangen. Stimmt's? Ich hab' doch Recht, oder? Sag mir bitte, dass ich Recht habe, dass ich mir das eben nicht nur eingebildet habe."
„Es stimmt. Ich hatte noch nie zuvor 'nen Passagier mit dabei."
Chloe schüttelt entgeistert den Kopf, Augen geweitet. Ihr Grinsen… es strahlt so breit, als hätte ich gerade erst eine Kakerlake auf einer Jukebox prophezeit.
„Heilige Scheiße, du hast mir buchstäblich 'ne Gänsehaut verpasst, das ist… das doch… oh, Kacke, Max, das ist…"
„Affentittengeil?"
Sie prustet lauthals los vor Lachen. ‚Affentittengeil' ist nichts, was sie bislang jemals gesagt hätte—oder auch nur jemals sagen wird, höchstwahrscheinlich. „Also gut, affentittengeil von mir aus, wo zur Hölle auch immer du dieses Wort aufgeschnappt haben magst."
„Es ist was du beim allerersten Mal gesagt hast."
„Das erste Mal? Als… als ich dir noch ausgerastet bin, oder…"
Ich schüttle den Kopf. „Nein."
Sag es ihr einfach, Max. Überwinde deine Furcht, erzähle ihr alles. Nun tu es endlich.
„Das aller-allererste Mal, als ich die Kräfte selbst noch ganz neu hatte. Damals war ich gerade erst nach Arcadia Bay zurückgekehrt. Du warst neunzehn Jahre und… wir hatten uns auseinandergelebt. So wie du vorhin sagtest, wie es Freunde halt manchmal tun."
„Ich, öhm… ich kapier's nicht—" Sie hält für einen Moment inne, sortiert ihre Gedanken. „Willst du sagen…"
„Es war eine andere Realität. Eine andere Zeitlinie, in der… in der ich dich niemals besucht oder mich auch nur bei dir gemeldet hatte und in der einfach alles schrecklich schiefging.
„Ist das jetzt gerade dein Ernst?" Sie bemerkt sofort selbst, was sie eben gesagt hat, und bringt sogleich eine entschuldigende Hand an meinen Arm, so als hätte ich auch nur das entfernteste Anrecht darauf, mich von ihr gekränkt zu fühlen, dass sie noch immer Zweifel hegt. „Natürlich ist es dein Ernst, 'tschuldige." Ihre Augen huschen unruhig hin und her, scheinbar auf Suche nach den richtigen Worten, irgendwo hier verstreut auf den Dachziegeln. Ihr Mund öffnet sich einige Male, ohne dass etwas passiert, ehe sie schließlich ihre Frage formuliert.
„Du bist aus der Zukunft?"
Ich nicke. Schuld macht meine Lippen sich schürzen für jede einzelne Lüge, die ich über all die Zeit hinweg anhäufen musste. „Drei Jahre aus der Zukunft."
Sie wird ganz still. Gedankenverloren. Das alles bisher mag ja ganz lustig gewesen sein, doch die unausweichliche Wahrheit wird jetzt gleich jeden Augenblick einschlagen mit all ihrer explosiven Kraft und diese harmlose Spielerei sprengen und Wirklichkeit werden. Gegen den Fensterrahmen zurückgelehnt, sie wird geradezu schweigsam und umsichtig.
„Eine Zeitreisende…" sagt sie, mehr zu sich selbst denn sonst irgendwem. „Also… für ehrlich, 'ne gottverdammte Zeitreisende."
„Ich weiß, es klingt absolut bekloppt, du brauchst es nicht zu sagen. Es ist wahr."
Der leise Gedankenstrudel dreht sich noch eine ganze Weile so weiter in ihrem Kopf. Ich kann es ihr nicht verübeln, wie sollte ich auch, doch diese anhaltende Stille, sie treibt mich allmählich in den Wahnsinn. Diese desolate Distanz zwischen uns, sie bringt mich langsam um.
„Heute," beginnt sie endlich, „als du mich davon zurückgehalten hattest, ein paar meiner Tricks abzuziehen, oder vorgeschlagen hattest, ich solle doch stattdessen was anderes machen… da wusstest du es. Du wusstest schon längst, was passieren würde, hab' ich Recht?"
Ich nicke erneut. „Es stimmt, du hast Recht. Ich kann es einfach nicht ertragen, wenn du verletzt wirst. Auch wenn es nur ein paar blaue Flecken oder Schrammen geworden wären. Aber ich schwöre dir—ich belasse immer alles bei der Wahrheit zwischen uns. Ich nehme niemals etwas zurück, nur um irgendwas anderes zu sagen oder auch… auch wenn ich mal Mist bauen sollte, dann lasse ich das einfach so stehen und entschuldige mich anstelle von… na, du weißt schon. Es war… es war eine unserer Regeln."
Sie schnaubt ein distanziertes Glucksen aus, ihre Augen noch immer auf den Vorhof tief unter uns gerichtet. „Unsere Regeln?"
„Ja, Regeln. Für… f-für unsere Beziehung? Wir nehmen niemals Streit und auch niemals Tränen zurück. Keine Zeitreisen ohne beiderseitiges Einverständnis. Falls ich es jemals aus welchem Grunde auch immer doch tun sollte, dann muss ich dir später davon erzählen."
Sie wirft mir nun endlich einen Blick von der Seite zu, wenn auch nur flüchtig. „Über welche Art von Beziehung reden wir hier genau?"
Au Backe, mein Gesicht, es besteht durchaus die Möglichkeit, dass es soeben spontan Feuer gefangen hat. Dem Gefühl nach zu urteilen, jedenfalls.
„Ich… ich glaube, deine Worte waren… ‚unsterblich verliebt'. Selbst noch nach allem, was wir zusammen durchmachen mussten, war die wenige Zeit, die ich an deiner Seite verbringen durfte, die absolut beste meines ganzen Lebens. Genau wie heute auch, jeder einzelne Augenblick, den wir gemeinsam erleben…" Ich halte ihre Finger mit beiden Händen, wage es, ihr geradewegs in die Augen zu blicken und keinesfalls von ihr zu weichen. „Du bist mein Ein und Alles, Chloe. Mein Ein und Alles."
Keine sichtliche Reaktion. Ihre Hand ist… nichts als schlaff in der meinen.
Es ist ihr zu viel, nicht wahr? Ich belade sie hier mit diesem hirnverbrannten Verlangen, diesem seelenerdrückenden Drang, dieser grenzenlosen Gier, welche ich Liebe nenne, nur mangels eines Wortes, das groß genug wäre, diesem klaffenden Loch in meiner Seele einen Ausdruck zu verleihen. Doch was sie an diesem Punkt in unseren Leben fühlt, kann kaum mehr sein als ein winziger Schritt über einer voreiligen Vernarrtheit. Wie konnte ich da jemals von ihr erwartet haben, dass sie hiermit so einfach zurechtkommt?
Sie blickt mich an, sieht mich jedoch nicht wirklich. „Ist es… ist es das, was du diese ganze Zeit über für mich empfunden hast? Seit… Seit du zu mir zurückgekommen bist, seit unserem allerersten Tag wieder zusammen?"
Gottverdammte Scheiße nochmal, es klingt echt unheimlich, wenn sie es so ausdrückt. Ich verziehe das Gesicht in einer Weise, dass es vielleicht noch als unschuldiges Grinsen durchgehen könnte. „So ziemlich?"
Sie wirkt nur noch fassungsloser. „Und… du hast nur auf mich gewartet seit all dieser Zeit. Du hast all das für dich behalten, Tagein Tagaus, nur um… mir mit meinen ganzen dusseligen Problemchen zu helfen, hast so getan, als wärst jemand ganz anderes, für mich?" Sie schüttelt entgeistert den Kopf, betroffen bis ins Innerste. „Hast du den Verstand verloren? Wer in aller Welt tut so etwas? Wie konntest du so etwas nur tun?"
Oh nein, nein, neineinein, nicht schon wieder. „Chloe, es tut mir so leid, ich…ich wusste mir einfach nicht anders zu helfen, ich hatte ja versucht, es dir zu—"
„Was?" Einen Augenblick lang wirkt sie weit verwirrter als noch vor einer Sekunde, dann scheint ihr ein Licht aufzugehen. „Ich bin dir doch nicht böse, du Dummbeutel! Ich bin verfickt nochmal platt. Du hast diese… diese gottgleiche Kraft in dir, du kannst tun und lassen was immer du willst, und du—und du verbringst Jahre deines Lebens damit, dich um mich zu sorgen? Du bist ein leibhaftiger Engel, wie dumm musste ich gewesen sein, dich zurückzuweisen, alles zu sein nur nicht dankbar!" Sie rüttelt sich wach und sieht mich geradewegs an, lässt meine Hand los, damit sie mich am Arm halten kann, mich in meiner Gänze begreifen. Ihre Finger kommen warm zur Ruhe auf meinen Schultern, berühren mich leicht wie eine Feder am Hals, als wäre ich ihr kostbarster Schatz, den es für alle Zeiten zu bewahren gälte.
„Dieses vergangene Jahr… da hab' ich mich so unendlich glücklich geschätzt, dich bei mir zu wissen—einfach immer wenn ich auch nur daran zurückgedacht habe, wie du ständig, immer für mich dagewesen bist und mir zur Seite standest, und manchmal… habe ich mich auch gewundert, warum… warum nur liebt sie mich so sehr? Ich wusste ja schon lange, dass du die genialste Person auf diesem Planeten sein musst, ich… ich war mir bislang nur noch nicht im Klaren über das gesamte Ausmaß. Aber heute, mit dir zusammen, da hatte ich irgendwie dieses Gefühl, diese… Verbindung, die sich einfach nicht normal angefühlt hat, und jetzt—jetzt ergibt sie irgendwie einen Sinn. Es ergibt alles einen Sinn, Max…"
Sie war ja schon von Beginn an ernstlich, überwältigt gar—doch je mehr sie spricht, desto mehr erhellen sich ihre Züge. Ich halte mich an ihr fest, nur zur Hälfte um sie ja festzuhalten auf dem schrägen Vordach, und zur anderen Hälfte, um auch wirklich sicherzugehen, dass sie nicht nur ein Traum ist. „Chloe…"
„Sogar… sogar als wir uns vorhin geküsst haben… ganz besonders als wir uns geküsst haben. Es war… wie aus dieser bekloppten Märchen-Kacke, so als ob… heilige Scheiße, als ob so ein elektrischer Funke zwischen uns übergesprungen wäre. Mein allererster Kuss, und zugleich das abgefahrenste, was ich jemals gespürt habe. Alles nur dank dir."
Ich blicke sie an, außerstande, irgendwelche Worte über die Lippen zu bekommen, die diesem Gefühl in meiner Brust auch nur ansatzweise gerecht würden. In ihren Augen finde ich jenes Glitzern aufleuchten, welches meinem Leben all diese Zeit über gefehlt hatte.
Und das ist es auch. Chloe scheint… erleuchtet.
In diesem Augenblick denkt sie zurück an alles, was ich jemals gesagt habe, jeder noch so beiläufige Wortwitz, jede noch so plötzliche Erkenntnis oder Einsicht, und in diesem Moment kann ich schon beinahe hören, wie es ‚Klick' macht in ihrem Kopf, sowie alle Puzzleteile perfekt ineinander zusammenfallen. Sowie sich der Schleier von ihren Augen lüftet und sie zum allerersten Mal in ihrem Leben diese unsere Welt sieht in all ihrer wahnsinnigen, aberwitzigen Pracht.
„Ich will es alles wissen, Max. Ich will dich endlich kennenlernen, alles über dich erfahren. Fang am Anfang an."
Chloe hält meine Wangen, ihre Fingerspitzen sanft wie eh und je an der Seite meines Gesichtes. Sie lehnt sich herein und küsst meine Lippen so leicht und flüchtig wie ein Schmetterling. Ihr strahlendes Lächeln bringt mein Herz zum Schmelzen.
„Erzähl mir alles..."
„Nein, ich hatte nicht mal gemerkt, dass du es bist. Du hattest dich komplett anders angehört und ausgesehen."
„Wäre es dir lieber, ich würde jetzt noch genauso aussehen? Das Tattoo klingt echt draufgängermäßig."
„Ich möchte, dass du aussiehst wie du selbst am liebsten aussehen möchtest—"
Von der Küchentüre ist ein Knarzen zu hören und Dads verschlafenes Gesicht erscheint kurz darauf im Spalt zwischen ihr und dem Rahmen.
„Habe ich also doch richtig gerochen," brummt er in seinen Bart hinein, als er die Küche vollends betritt. „Habt ihr zwei euren Verstand verloren? Warum trinkt ihr Kaffee um zwei Uhr in der Nacht?"
„Morgen, Paps. Wir zwei hatten eben einiges nachzuholen."
„Das hier geht nicht in Ordnung, Mädels. Ich verstehe, wenn ihr aufgeregt seid und so weiter, aber—"
„Dad, was wenn ich dir verriete, dass Chloe und ich verliebt sind? Also… ineinander, und zwar richtig romantisch und so?"
Chloes Gesicht wechselt von Null auf Feuerrot in Rekordgeschwindigkeit. „Alter, was geht bei dir ab, bist du noch ganz dicht?"
Im selben Zeitraum, wenn auch nicht ganz so plötzlich, wechselt auch Dads Gesicht von schlaftrunken zu völlig übertölpelt. Er reibt sich den verbleibenden Schlaf aus den Augen, zweifelsohne fallen ihm auch unsere eng umschlungenen Hände und herumfüßelnden Zehen auf- beziehungsweise unter dem Esstisch sowie unser allgemein dicht zusammengeschmiegtes Sitz-Arrangement auf. Chloes erster Instinkt war, sofort von mir abzulassen, doch ich hielt sie an mir fest.
„Na ja, Liebling, ich würde vermutlich antworten, dass es wahrscheinlich das am schlechtesten gehütete Geheimnis der Menschheitsgeschichte ist."
Hö?
„Wa—äh… echt jetzt?"
Wir haben selbst Augen und Ohren, Maxine. Ich glaube, der jüngste Scherz deiner Mutter heute Morgen war, dass eigentlich nur noch kleine Zeichentrick-Herzchen um eure Köpfe herum fehlten und das Bild wäre perfekt. Wegen uns könnt ihr auch getrost darauf verzichten, euch extra deswegen zu outen, wir lieben euch beide und wir hatten mehr als genug Zeit, uns an den Gedanken zu gewöhnen. Aber jetzt… ich werde euch kein Hausarrest aufbrummen, solange ihr nichts wirklich aberwitziges macht, doch je mehr solcher Abenteuer wie das hier ihr abzieht, desto eher werde ich euch später auch die Hölle heiß machen. Bislang habt ihr zwei uns noch keinen Anlass zur Sorge bereitet und ich will auch schwer hoffen, dass das so bleibt. Haben wir uns da verstanden? Also hört auf, dieses Zeug zu trinken, und ab zurück ins Bett mit euch, meine Damen."
Er verlässt die Küche ohne auch nur auf eine Reaktion zu warten. Wir sehen einander an.
„Das, äh… ist gut zu wissen, nehme ich mal an."
„Leck mich fett," stößt Chloe ungläubig aus. „War es echt so offensichtlich?"
„Anscheinend."
„Ich hab's dir gesagt. Du hast echt die coolsten Eltern überhaupt."
„Ja… na ja. Das wird sowieso nicht hängenbleiben, ich wollte nur mal ein Gefühl für die Lage bekommen. Vergiss nicht, deine Tasse festzuhalten."
„Oh, ja, 'türlich. Stimmt ja, ich denke noch immer nicht richtig in Portalen."
„Keine Sorge." Ich bringe uns zurück bis vor die Unterbrechung, bevor wir uns den Kaffee überhaupt gekocht hatten. „Das wird schon noch..."
x x x
Wir schlendern durch die Straßen bei Nacht. Überraschend viele Menschen unterwegs hier, selbst jetzt noch um diese Uhrzeit.
„Rachel. Rachel Amber. Du… du hast sie so sehr geliebt, es hatte dir das Herz gebrochen, als sie eines Tages plötzlich verschwand. Ich bin noch immer eifersüchtig jenseits aller Vernunft.
„Rachel? Diese blöde Kuh, die sie von der Schule geworfen haben, nach nicht mal einem vollständigen Jahr dort? Soweit ich weiß, ist sie anschließend wieder nach Kalifornien zurückgezogen, nachdem ihr Dad seinen Posten in Arcadia Bay verloren hatte."
„Ich weiß. Da, wo ich herkomme, ist einiges anders gelaufen. Rachel durfte auf Blackwell bleiben, sogar noch bis Mark Jefferson dort später seine Lehrstelle eingenommen hatte."
„Warte… Mark Jefferson und Blackwell? Der Mark Jefferson, den sie damals dauernd in den Nachrichten gebracht haben?"
Wir überqueren die Straße im Stillstand, weil scheiß auf Ampeln.
„Bloß nicht die Autos berühren," erkläre ich ihr, „sie sind nach wie vor in voller Fahrt, du würdest dir nach wie vor höllisch wehtun."
„Hah. Lässig. Also… Mark Jefferson, gebürtiger Arcadianer und Serienpsychopath?"
„Ebenjener. Er wurde niemals gefasst bis sehr viel später in jener Realität. Er konnte tun und lassen was zum Teufel auch immer er wollte und frei seine hilflosen Opfer entführen, welche ihn für seine Arbeit vergötzten."
„Oh Scheiße, sag jetzt bloß… diese Rachel hat er dann am Ende auch noch entführt, hab' ich Recht?"
Ich nicke ernstlich. „Nebst einer der wenigen Freundinnen, die ich auf damals Blackwell hatte—dich ausgenommen natürlich. Und nicht zuletzt auch… nebst mir. Nachdem er dich erschossen hatte."
Chloe kommt abrupt zum Stehen, hält mich fest an einer Hand, sodass ich ebenfalls stoppe. „Was?"
„Ja, du wurdest auch noch ein paar Male öfter erschossen im Laufe der Geschichte. Dazu komme ich noch."
„Quatsch, scheiß doch auf die Geschichte! Max, hat er… was hat dieser Perversling mit dir gemacht? Er—er hat all diese Mädchen unter Drogen gesetzt, Bilder von ihnen gemacht und… und—"
„Er hat mich nicht angerührt, Chloe. Ich meine… nicht auf diese Weise. Obwohl, ganz ehrlich, die Art, wie man sich anschließend fühlt? Wenn man einmal solch einer Gewalttat ausgesetzt war, spielt es im Nachhinein kaum mehr eine Rolle, ob es nun irgendwie körperlich war oder rein psychologischer Missbrauch. So oder so fühlt man sich einfach nur noch abscheulich."
„Scheiße, Max…"
„Ist schon gut. Er hat bekommen was er verdient hat, letzten Endes."
„Knast? Er hätte verdient, dafür zu sterben, ich bin sowas von scheißwütend im Augenblick!"
„Ja? Ich weiß nicht so recht, denk doch nur mal darüber nach. Gefängnis kann eine ganz besondere Form der Hölle sein für verweichlichte Wichtigtuer wie ihn. Ziemlich sicher ist er im Moment gerade jemandes Bückstück oder sowas. Ist zumindest ein tröstlicher Gedanke."
„Gott, Max…" Sie zieht noch einmal an meiner Hand, bis ich mich ihren Armen befinde. Ich habe ihre Umarmung zwar gerade wirklich nicht nötig, doch wer bin ich, als dass ich ihre Nähe jemals zurückweisen könnte. „Ich weiß, ich muss echt scheißspät dran sein mit dem Angebot, aber… wenn du dich jemals danach fühlen solltest, dass du mit jemandem reden willst über diesen Albtraum…"
„Keine Sorge. Ich bin drüber hinweg, ehrlich jetzt."
„Bist du sicher? Weil ich würde dich niemals verurteilen, falls—"
„Erinnerst du dich noch an die Details aus den Nachrichten, die sie über den Fall gebracht haben? Dass da wohl ein gewisses Mädchen gewesen wäre, das ihn auf wundersame Weise überwältigen konnte, und die Polizei gerufen hätte? Diese „mysteriöse Fremde", wurde sie, glaube ich, auch mal genannt, die ihm ins Ohr geschossen und ihm sein eigenes Gift injiziert hat, nur um dann ohne eine Spur zu verschwinden? Hast du dich jemals gewundert, wer zum Teufel das gewesen sein könnte?"
Sie hält mich wieder nicht ganz auf Armes Länge Entfernung, damit sie mich mit offener Kinnlade anstarren kann, ihre Augen so groß wie der Vollmond über uns.
„Rache genießt ihren schlechten Ruf manchmal zu Unrecht," sage ich ihr und lächle dabei wie das unschuldige, kleine Mäuschen, das ich bin. „Von Zeit zu Zeit schmeckt sie mir bittersüß ganz ausgezeichnet."
x x x
Chloes Stimme dringt gedämpft durch die hölzerne Schwingtüre der Umkleidekabine. Der Schlüssel ins Modegeschäft war ein Pflasterstein draußen von der Straße. Wir stöbern nur ein wenig durch Sortiment und probieren nebenbei ein paar Outfits. Ich schwör's. Hoch und heilig.
Außerdem war es von Anfang an Chloes Idee.
„Du verarschst mich doch. Es war so einfach?"
„Du warst sowas von geplättet danach. Ich werde mich auf ewig daran erinnern, wie sehr du in diesem winzigen Augenblick ausgeflippt bist, bevor du dann wieder so getan hast, als wäre nichts dabei gewesen."
„Das is' doch sowas von unfair! Hast du irgendeine Ahnung, was ein Herzrasen ich vorhin hatte? Stellt sich heraus, alles, was es gebraucht hätte, war, dir 'ne kindische Mutprobe zu stellen?"
„Ich war übrigens wahnsinnig beeindruckt deswegen. Hätte niemals erwartet, dass du es wirklich durchziehst."
„Tja, ich bin halt 'ne richtige Draufgängerin und mach's auf die harte Tour, denn offenbar müsste ich dir nur für einfach alles 'ne gottverdammte Mutprobe stellen, gehe ich Recht in der Annahme?"
„Vielleicht solltest du sie einfach für dich selbst ausprobieren und mal sehen, was dabei rauskommt."
Es entsteht diese wunderbar langgezogene Pause, in welcher ich mir Chloe da drin halb gekleidet vorstelle, wie sie verschiedenste Szenarien in ihrem Kopf durchspielt, dann zu dem Schluss kommt, dass das Resultat im einvernehmlichen Interesse aller Beteiligten liegen sollte.
„Ich fordere dich heraus, hier reinzukommen und mich zu küssen."
Ein Meer aus Lichtern erstreckt sich unter uns. Wir sind noch immer ein wenig außer Puste vom letzten Treppenaufstieg nach unserer Aufzugfahrt bis ins oberste Stockwerk. In dem Moment, als wir auch nur einen Blick in den fast schon lächerlich tiefen Abgrund geworfen hatten, da haben wir beide wieder feige gekniffen vor unserem ursprünglichen Plan, hinunterzuspringen, und stattdessen lehnen wir nun Seite an Seite gegen das äußere Geländer.
„Das ist doch sowas von bescheuert, Max. Wie konnte ich nur so selbstsüchtig sein?"
„Inwiefern ist das bitte selbstsüchtig? Du musstest die ganze Zeit über unter schrecklichsten Schmerzen leiden, du hattest es gehasst, deine Familie das alles nur für dich auf ihre Schultern nehmen zu sehen, mit dem festen Gewissen, dass du früher oder später sowieso sterben würdest…"
„Es war selbstsüchtig dir gegenüber! Hatte ich überhaupt einen Gedanken daran verschwendet, wie es dir mit dieser Entscheidung gehen würde? Dass meine Eltern gut möglich superaufgebracht wären und am Ende auch noch dich beschuldigen könnten? Ich konnte schließlich nicht wissen, dass du diese Wahnsinnskräfte hattest, stimmt doch, oder?"
„Nein, ich hatte gar nicht erst versucht, es dir zu verraten…"
„Siehst du? Ich habe mich also einen Scheißdreck um dich geschert, alles hatte sich mal wieder nur um mich gedreht. Ich meine, was zum Teufel? Bin ich eigentlich echt in allen Realitäten das totale Arschloch oder was? Bist du wirklich in jedem Universum dazu verdammt, mich ständig zu babysitten, bis mir endlich mal ein Licht aufgeht und ich wenigstens ein halbwegs erträglicher Mensch werde?"
„Du bist schon wieder viel zu hart mit dir selber. Du musstest dich durch jeden einzelnen Tag deines Lebens quälen und nun wolltest du es ganz einfach mit einer letzten glücklichen Erinnerung beenden. All das Zeug, wovon du hier sprichst, war mir damals gar nicht erst in den Sinn gekommen."
„Vielleicht hätte es das aber. Vielleicht solltest du mir bei solchen Dingen in Zukunft endlich mal öfter 'nen Spiegel vorhalten und mich freiheraus damit konfrontieren. Genau wie auch in dem Moment, als ich dir über Rachel ausgerastet bin, dass sie angeblich diesen Wohnwagen-Vollhonk geknallt haben soll. Du hättest mir vorwerfen müssen, dass ich mich nur wie ein verficktes Kleinkind aufführe und endlich erwachsen werden sollte, anstatt immer alle anderen für meine Problemchen verantwortlich zu machen, und dann wäre es vielleicht gar nie erst dazu gekommen, dass du mich in dieser abgedrehten Wunderland-Realität von meinem Leid hättest erlösen müssen. Hattest du daran schon jemals gedacht?"
„Au weia, ich kann dir schon jetzt versprechen, du wirst es nochmal sowas von bereuen, all das hier eben gesagt zu haben. Es wird mir eine wahre Freude sein, dich an irgendeinem wunderbaren Punkt in der Zukunft an genau dieses Gespräch erinnern zu dürfen, da kannst du aber Gift drauf nehmen."
„Heh! Du? Das würdest du nie wagen. Wie auch, ich werde dir schließlich die makelloseste und zuvorkommenste Freundin sein, die du dir jemals hättest erträumen können. Wenn es nach mir ginge, solltest du dich glücklich schätzen."
Ich kuschle mich gegen ihre Seite, damit sie ihren Arm um mich legt. Sie ist noch immer etwas zurückhaltend und unbeholfen was das angeht. Ich kann spüren, wie sie mein Profil von der Seite beäugt, als ich meinen Kopf auf ihre Schulter lehne und sie tief einatme.
„Du machst schon wieder dieses Gesicht," stellt sie urplötzlich fest. „Was geht dir durch die Rübe?"
„Gesicht? Welches Gesicht?"
„Du weißt schon, dieses Gesicht halt. Das, bei dem du die Lippen so komisch zusammenpresst und die Augenbrauen verziehst. So als wartest du nur darauf, dass die Welt jetzt gleich jeden Moment vor deinen Augen explodiert."
„Ich habe ein extra Gesicht dafür?"
„Du hast sowas von ein extra Gesicht dafür."
„Seit wann bist du so scharfsinnig geworden?"
„Hey, du kannst mir ruhig auch mal was zutrauen. Genau wie jetzt gerade, da spielst du nur mal wieder auf Zeit. Versuchst irgendwie herauszubekommen, wie du es am besten formulieren willst, was immer es ist."
Mein lieber Spitz, ihre Kräfte der Allerbesten Freundschaft schlagen wieder einmal zu.
„Ich schätze…" Ich gebe einen schweren Seufzer von mir. „Ich schätze mal, ich warte nur darauf, dass du mich fragst, ob ich deinen Dad zurückbringen könnte."
„Oh."
Stille legt sich über uns. Allein der ferne Vor-Berufsverkehr rauscht leise vor sich hin, tief unter uns. In der Ferne bringt ein Flugzeug seine Triebwerke auf Touren, schwenkt ein auf seine Rollbahn unter rhythmisch blinkenden Positionslichtern.
Sie lehnt ihre Wange gegen mein Haupt. „Würde ich all das wieder vergessen, wenn du es tätest, Max? Würden alle meiner Erinnerungen, seitdem du zurückgekehrt bist, wieder gelöscht werden?"
„Ja, das würden sie—doch sie würden ersetzt werden durch sogar noch bessere. Das müsste ich zumindest hoffen. Obwohl… ich bin mir auch gar nicht mal sicher, ob es klappen könnte mit dem Komplettneustart und all das. Ich habe es bislang nie gewagt, allzu viel damit herumzuspielen. Aber ich könnte es jederzeit probieren, wenn es das wäre, was du möchtest."
Erneute Stille. Die Passagiermaschine hat mittlerweile den Boden verlassen und abgehoben. Stetig gewinnt sie an luftiger Höhe, gleitet sanft gen Gebirge im Osten, wo ein tiefes Stahlblau des Nachthimmels allmählich zu weichen beginnt, verdrängt von zartem Lila-Orange.
„Müsstest du dich dann noch einmal durch solch eine schreckliche Tortur quälen? Sei bitte ehrlich mit mir."
Ich denke darüber nach. Folge gedankenverloren dem Flugzeug, wie es immer kleiner und kleiner wird, als es sich mehr und mehr dem leuchtenden Horizont annähert.
„Wahrscheinlich ja. Ich kann es wirklich nicht genau wissen. Ich würde in einer neuen Realität landen und müsste wohl erstmal wieder ganz bei null anfangen. Müsste… müsste so manche Dinge noch einmal wiederholen. Dinge, die ich dir bis jetzt noch nicht erzählt habe. Gut möglich, dass ich auch einige größere Langzeit-Risiken eingehen müsste, schwer zu sagen."
„Und du würdest es trotzdem tun?"
„Ja. Sofort. Wenn es das wäre, was du wolltest. Wenn du mir sagtest, es würde dich glücklich machen."
Könnte sie sich überhaupt noch einmal in mich verlieben? Wenn ich niemals zu ihr zurückkehrte in einer Zeit der Not, da sie mich am meisten braucht?
Ich stelle mir liebend gerne vor, dass sie es könnte.
Chloe hält mich noch etwas fester gegen ihre Brust gedrückt und küsst meine Schläfe. „Alles gut, Max. Mach dir darüber keine Gedanken."
„Oh… Ach so. Ehrlich?"
Ihre Lippen streifen ganz sachte die Spitze meines Ohres. „Mm-hm," macht sie und kitzelt mich dabei ganz fürchterlich.
Eingehüllt in unser beider Wärme beobachten wir, wie das Flugzeug eins wird mit dem Horizont, noch im selben Augenblick, da die Sonne ihr gold-gleißendes Antlitz über die Berge im Osten erhebt und uns strahlend eintaucht in Feuer und Flamme. Ihr warmes Flüstern der himmlische Hauch gottgleicher Glückseligkeit auf meiner Haut.
„Ich bin glücklicher jetzt als ich es zuvor jemals war."
Die ganze Nacht über aufbleiben und ich bekomme jedes Mal diesen Bärenhunger. Es gibt da diesen niedlichen, unscheinbaren Sandwichladen in der Innenstadt, der sich im Laufe der Zeit zu meinem Favoriten hochgemausert hat. Vieles dort im Angebot reicht dem Two Whales schon beinahe das Wasser. Beinahe. Chloes befriedigend lautstarkem Mampfen nach zu urteilen, als wir es uns in der kleinen, kuschligen Terrassennische gemütlich gemacht haben, empfindet sie dasselbe.
Zugegeben, es steht durchaus in gewisser Dissonanz zu unserem aktuellen Gesprächsthema.
„O.K., also nochmal von vorne, ich bin verwirrt," schmatzt sie und leckt ihre Finger. „Wir sind zurück im Psychostuhl, weil…?
„Weil das Zerreißen meines Wettbewerbsfotos eine neue Zeitlinie geschaffen hatte, in der Jefferson mein Tagebuch verbrannt hat. Er war ziemlich übel angepisst, weil ‚ich mein Potential vergeudet hätte' oder was auch immer. Und ohne mein Tagebuch konnte ich entsprechend kein Foto daraus benutzt haben, um zu entkommen. Daher wurde zwangsläufig die andere Zeitlinie, in der ich David gewarnt und den Wettbewerb gewonnen hatte, ebenfalls ausgelöscht. Sie konnte schlichtweg niemals stattfinden."
„Aber… du bist doch zuvor schon entkommen… weil du eins deiner Fotos benutzt hattest. Du kannst dich sogar selbst noch daran erinnern, wie es passiert ist—aber dann wurden die Bilder verbrannt, was bedeutet, dass du niemals entkommen sein konntest, was wiederum bedeutet, dass auch deine Erinnerungen eigentlich nicht existieren dürften… ist das nicht eins dieser bekloppten Zeit-Paradoxa? Oder hab' ich da irgendwo in der Mitte was verpasst?
„Nicht wirklich, du denkst nur immer noch aus einer Perspektive von außerhalb. Du hast schon Recht, von einem ultimativen Standpunkt aus ist alles, was jemals existiert, diese eine finale Zeitlinie und all diese anderen Sachen geschehen am Ende niemals wirklich. Aber… mein Bewusstsein besteht offenbar irgendwie außerhalb des Ganzen, weshalb ich all diese Erinnerungen behalte, auch wenn sie niemals wirklich passiert sind. Also, ich schätze mal… unser beider Bewusstsein, von jetzt an. Solange wir nur zusammenbleiben."
„Wie zur Hölle hast du eigentlich noch nicht völlig Verstand verloren in all diesem irren Zeitlinien-Wirrwarr?"
„Ich glaube, genaugenommen habe ich das schon längst, ich bin mittlerweile nur gut im Maskieren geworden."
„Oder aber—wie wär's damit—du bist ganz einfach dieses richtig knallharte Stück megacooler Draufgänger-Braut, getarnt als harmloses Hipster-Mauerblümchen, ich denke, das entspricht schon viel eher der Wahrheit. Doch mir kannst du nichts vormachen, ha!" Triumphal wie eh und je stopft sie sich ihren Dämonenschlund mit einem letzten Siegesbissen. „Wie bischu 'ausghe'omm?"
„Genau das war doch das Problem, es gab schlicht keinen Ausweg." Ich nehme mir extra viel Zeit, um zu kauen. Dramatische Spannung aufbauen und so weiter. „Er hätte mich gleich dann und dort umgebracht, wäre mir nicht ein gewisser jemand in allerletzter Sekunde vollkommen überraschend zur Hilfe geeilt. Kannst ja mal wild drauflosraten, wer es gewesen sein könnte."
Sie schluckt runter. „Mmh, ich wünschte, ich könnte jetzt behaupten, ich selber, aber ich war ja mal wieder tot. Dann eben… oh, vielleicht dein weißer Recke, Warren? Hat er dir etwa nachgestellt bis in rauf auf diese Scheune?"
„Oh Gott behüte, bloß das nicht. Das sollte hoffentlich ein Witz sein, oder?
„Hey, er hat zumindest dieses Prescott-Balg vermöbelt!"
„Stimmt, das hat er wohl. Nein, tatsächlich war es niemand geringeres als dein Freund und Helfer, David Madsen."
„Ach du Kacke. Stief-Dödel? Echt jetzt?"
„Ist einfach reingeplatzt, hat Jefferson windelweich geprügelt und mir das Leben gerettet."
Ach ja, ich denke, ich lasse den Teil besser aus, in dem David zunächst kläglich versagt hatte, eben genau das zu tun, bis es mir endlich gelungen war, ihm auch eine entsprechende Ablenkung als Hilfestellung zu liefern. Es sind schließlich ganze zwei Jahre vergangen, seit es passiert ist, man kann wohl kaum von mir erwarten, dass ich mich noch an jedes einzelne Mal erinnere, wie sich Army-Veteran David von Weichei Jefferson volles Pfund verhauen hat lassen.
Chloes nachdenkliche Schockstarre löst sich mit einem resignierten Augenrollen. „Ach, Gottverdammich."
„Was denn?"
„Na, was denkst du wohl? Jetzt schulde ich dem Typen auch noch was—und zwar gehörig! Das ist doch schon wieder mal sowas von unfair, einfach alles! Kein Wunder, dass du so dermaßen auf ihn abgefahren bist all diese Zeit."
„Dir vorzuschlagen, ihm doch vielleicht mal eine Chance einzuräumen, ist jetzt also gleich ‚dermaßen auf ihn abfahren'? Was du bislang ohnehin kaum der Rede wert versucht hättest, nebenbei bemerkt…"
„Hey, es liegt ja auch nicht bloß an mir, O.K.? Ich mein's ehrlich, der Kerl ist manchmal ein riesen Vollpfosten. Der hat ernsthafte Probleme, sag ich dir."
„Wie war das noch gleich vorhin, als du sagtest, ich solle dir doch öfter mal den Spiegel—"
„Ach, scher dich doch zum Teufel, Caulfield!"
„David liebt dich, Chloe, ob du es nun glauben willst oder nicht. Und du hast sogar Recht damit, weißt du, er hat wirklich so seine Probleme, es liegt nicht ausschließlich nur an dir. Aber irgendwo nimmt diese Geschichte nun mal ihren Anfang, weißt du? Worauf es hier jedoch ankommt, ist wie du sie beenden willst. Und ich kann dir garantieren, ich verspreche dir, er wird am Ende auch selbst einlenken und dir entgegenkommen. Rede doch einfach mal mit ihm, als wäre ein normales menschliches Wesen. Es mag vielleicht seine Zeit brauchen, aber du wirst schon sehen…"
„Hört alle her, das Zeitreise-Besserwisser-Orakel hat einmal mehr gesprochen. Wird mich von jetzt an nur noch selbst in den Arsch beißen, irgendwas zu bestreiten, was aus deinem Mund kommt, hab' ich Recht?"
„Was soll ich sagen, ich bin als Herrin der Zeit wohl besonnen. Ich werde zusehen, jegliche Art der Bevormundung auf ein Minimum zu beschränken."
„Mh-hmm, klar doch. Mach einfach endlich weiter mit deiner hanebüchenen Schote…"
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Der Stadtpark ist irgendwie ganz anders bei Nacht. Irgendwie… unheimlich—oder zumindest wäre er das, könnte ich nicht grundsätzlich jeden dahergelaufenen Tunichtgut ungespitzt in den Boden stampfen.
Wir haben uns ein trockenes Plätzchen abseits der Wege gefunden, zwischen den Felsen bei diesem süßen, kleinen Weiher. Die Uhr steht wieder auf Nacht, hauptsächlich damit meine Eltern nicht noch krank werden vor Sorge, wenn sie daheim ein verlassenes Zimmer vorfänden… und außerdem ganz einfach weil wir es können.
Ich bin an der Uferlinie und versuche, Kiesel übers Wasser flippen zu lassen. Versuche und scheitere. Chloe sitzt auf einem der Steine ganz in der Nähe, sie hält ihren Kopf nun schon eine längere Weile gedankenverloren in Händen. Schließlich sieht sie wieder zu mir auf.
„Was'ne beschissene Entscheidung soll das bitte sein?"
„Sie war schlicht und ergreifend was letzten Endes noch vor uns stand."
„Die Stadt zerstören oder mich sterben lassen? Was ein riesensadistischer Scheißdreck, Max…"
„Feuerproben..."
„Was?"
„Es ist was du zu mir sagtest, viel später. Jede Entscheidung und jede Zwickmühle auf unserem Weg war nur eine weitere Feuerprobe, um uns vorzubereiten auf das große Übel am Ende der Reise. Du hattest sogar Recht damit, wie so oft, auch wenn sich später herausstellen sollte, dass die Wahrheit noch weit komplizierter sein würde. Wir hatten damals noch keinen blassen Schimmer von diesem ganzen Tiergeister-Zeugs."
„Tiergeister-Zeugs," grummelt sie nur und schüttelt dabei ungläubig den Kopf. Von all den diffusen Dingen, die ich ihr heute Nacht schon erzählt habe, ist es ausgerechnet die Idee eines magischen Pantheons der Götter, die ihr das größte Kopfzerbrechen bereitet. Sie war ja schon immer mehr der Typ für knallharte Sci-Fi denn für geradeheraus Übernatürliches.
„Also… ich gehe mal davon aus, du hattest gar nicht erst riskiert, noch einmal zurückzugehen? Nachdem ich später scheinbar noch immer mit von der Partie war, um dich mit meinen Weisheiten zu unterstützen?"
„Nein, ich bin tatsächlich zurückgegangen. Ich musste einfach—ich meine, du hattest mich zwar nicht gerade gedrängt, aber ich hatte dennoch das Gefühl, dass du das Gefühl hattest, dass es das richtige war, es zu tun. Ergibt das irgendeinen Sinn?" Ich erwarte ihre Reaktion, ehe ich fortfahre. Sie zuckt nur wenig hilfreich mit den Schultern. „Na ja, so wie du es gesagt hattest, da schien es mir schon recht deutlich, als fändest du, dass es das richtige wäre, dein Leben aufzugeben und so alle anderen zu retten. Ich hatte mich dem angeschlossen und so saß ich ein weiteres Mal in dieser Schultoilette, wo alles seinen Anfang fand, und habe diesmal rein gar nichts getan. Und… der Tornado ist niemals gekommen. Dein Opfer hatte Arcadia Bay verschont, es hatte funktioniert. Das einzige Problem war, ich… ich konnte einfach nicht damit klarkommen."
Sie ist offensichtlich verwirrt, doch noch vor allem anderen zeigt sich ihr inniges Mitgefühl. „Natürlich konntest du das nicht, Max. Es hätte mich am Boden zerstört, wenn ich sowas an deiner Stelle hätte durchmachen müssen."
„Ich hatte es wirklich, ernsthaft versucht, weißt du? Beinahe ein halbes Jahr lang am Ende. Ich hatte versucht, nach vorne zu blicken, aber es wurde immer nur noch schlimmer und schlimmer. Ich… ich brauchte dich. Wenn mich diese kurze Zeit damals eines gelehrt hat, dann ist es, dass ich nicht mehr länger ohne dich leben konnte. Und somit schlug ich den selbstsüchtigen Weg ein. Ich benutzte das Schmetterlingsfoto ein weiteres Mal und ging damit zurück auf diese scheiß Toilette. Ich hinterließ mir selbst eine Nachricht, damit ich nicht denselben Fehler noch einmal begehen und ich dich dieses Mal um jeden Preis retten würde. Ich wusste ganz genau, was in den nächsten Tagen als Konsequenz daraus geschehen würde… und ich habe es dennoch getan."
Sie kommt herüber an meine Seite. Beide ihrer Arme schlingen sich um meinen Oberkörper, ziehen mich an der Hüfte noch näher an sie heran. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das für dich gewesen sein muss…"
Mühelos versinke ich in ihrer Wärme. Ihre Stirn ruht sanft an meiner Schläfe, doch plötzlich hebt sie sich wieder wie getroffen von einem Geistesblitz. „Warte. Warte, also hattest du in dieser Chloe-losen Realität deine Kräfte behalten, und der Sturm ist dann trotzdem nicht passiert? Aber ich dachte, sie zu bekommen war der eigentliche Auslöser für dieses Realitäts-Schockwellen-Tohuwabohu, weil… na wegen des Dingsbums. Du weißt schon, dieses Erkorenen-Grabenbruch-Dingens?"
„Stimmt. Hast Recht, ja, die Kräfte waren auch futsch. Zumindest zeitweise. Ich, ähm… ich habe sie später wiederbekommen, als ich…"
Nächster Halt: Unannehmlichkeitshausen. Einwohnerzahl: Max Caulfield.
„…Ich… könnteamEndeversuchthabenmichvomLeuchtturmzustürzen?"
Eine überraschend unangenehm angespannte Pause entsteht zwischen uns. Dann neigt Chloe ihren Kopf langsam zu Seite, starrt mich entgeistert an. Sie blinzelt auf dieselbe Weise, die ich mittlerweile schon viel zu gewohnt bin von ihr. Sie sieht aus wie… na ja, wie man halt aussieht, wenn einem die allerbeste Freundin beziehungsweise Liebe des Lebens gerade eben erzählt hat, sie sei von einem sehr, sehr hohen Ort aus gesprungen, um damit unter Umständen, eventuell ihre einstigen Superkräfte zurückerlangen zu können.
„Weißt du was?" Sie bringt eine Hand auf meinen Kopf, als sei ich irgendein dahergelaufener Rotzlöffel. „Ich wette, Andre-Chloe hat dich schon gebührend dafür zusammenschissen, also werde ich dir ausnahmsweise den Gefallen tun und dich weiterreden lassen. Einverstanden?"
Sie bringt mich zurück in die vertraute Wärme ihrer Arme. „Erzähl mir, wie sehr du mich vermisst hast, mein süßes Engelchen."
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Mich wieder leibhaftig und ohne eine Zurückhaltung an sie herankuscheln zu dürfen fühlt sich noch immer an wie eine zarte Traumblase, die jeden Augenblick zu bersten droht. Wir haben uns oben auf dem großen Rutschturm eingenistet, versteckt hinter einigen Spielzeug-Befestigungswällen. Ich hatte schon halb jemand obdachlosen erwartet, der hier oben die Nacht verbringt, doch wie ich feststellte ist es überraschend sauber.
Chloe wird hart wie ein Brett neben mir.
„Sean Prescott."
Der Name kommt mit nichts als dem Hauch eines Flüsterns, gleichermaßen vor Ehrfurcht wie Alarmierung, so als ob bloßes Aussprechen genügte, tote Geister zu wecken. Ich kann sie schlucken spüren, ihre Gedanken rasen. „Scheiße, Max. Wird das hier so enden, wie ich denke, dass es das wird?"
Schon im Tonfall ihrer Stimme alleine kann ich perfekt erkennen, was sie meint. „Gut möglich. Was glaubst du denn, wie es enden wird?"
„Die Prescotts wurden ermordet, vor bald zwei Jahren, Sean Prescott erschossen. Es hieß, es sei ein regelrechtes Attentat gewesen—Meuchelmord sogar… und keiner konnte daheinterkommen, wer es war—oder auch nur wie überhaupt. Ihr gesamtes Anwesen ist noch am selben Tag bis auf die Grundmauern niedergebrannt mit seiner Frau—wie hieß sie noch gleich?—noch immer darin. Angeblich war es offensichtliche Brandstiftung. Man konnte tagelang nicht den Fernseher einschalten ohne damit bombardiert zu werden, ziemlich sicher bin ich dir das ein oder andere Mal in den Ohren gelegen deswegen."
„Das bist du wohl. Ich erinnere mich."
Die Flammen brannten sich an jenem Tag deutlich ein in mein Gedächtnis. Meine Finger stanken nach Benzin, selbst noch eine Woche danach. Als ich mit ihr fertig war, blieb nichts als Schutt und Asche von ihrer kostbaren Kunstkammer.
„Aber sie waren am Leben in deiner Realität, Jahre später. Und sie hatten es auf uns abgesehen. Also… jap…"
„Ich war es, Chloe. Ich habe es getan, es war das allererste, was ich tat, nach dem Neustart. Ich musste es tun, sie… ich hatte wirklich keine andere Wahl mit ihnen. Ich war ein einziges Wrack, als es endlich vorüber war.
Ich warte und erwarte stetig wieder aufs Neue, die finale Bombe fallen zu lassen, die ihr das Spiel endgültig zu weit treiben wird, doch stattdessen zeigt sie zunächst überhaupt keine Reaktion. Ihr Atem verbleibt stet. Ihre Wange, angeschmiegt an mein Haupt, rührt sich nicht einen Millimeter. Sie verbleibt noch immer angespannt in meinen Armen, doch selbst das verfliegt binnen Kürze. Wenn überhaupt, dann drückt sie mich nur noch etwas fester an sich.
Chloe justiert nun zum wiederholten Male das Okular, durch welches sie unsere Welt betrachtet.
„Du hast Jefferson nicht getötet," stellt sie schließlich fest, „selbst noch nach all dem kranken Scheißdreck, den er verbrochen hatte. Wenn du ihn kaltgemacht hättest, dann wäre es nur verdient gewesen."
„Ich weiß."
„Aber… sie hast du getötet."
„Und nicht nur das. Was ich getan habe zerstörte ihre ganze Familie. Ihr Vermächtnis. Ich weiß nicht, wie viel du im Anschluss von Nathan gehört hast, doch nach dem Tod seiner Eltern ist er schließlich vollständig durchgedreht und musste schlussendlich sogar an eine Anstalt übergeben werden. Seine Schwester Kristine Prescott verließ letzten Endes das Land und ließ dabei auch all ihren Familienreichtum zurück. Ihre Besitztümer wurden Staatseigentum, ihre Firma aufgespalten und stückchenweise an den Höchstbietenden verscherbelt. Alles, woran die Prescott Zeit ihres Lebens gearbeitet hatten, ist heute futsch oder in Trümmern."
Es liegt kein Feuer in den Worten. Schande genauso wenig. Oder gar Reue, Gott behüte. Es sind nichts als… Fakten. Das unveränderliche Endresultat einer lange verworrenen Verkettung der Ereignisse.
Chloe zieht mich noch näher an sich.
„Was haben diese Arschwichser dir angetan, Max?"
„All das bringt dich wirklich nicht aus der Fassung?"
„Ist schon echt starker Tobak, aber… ich habe dir versprochen, dass ich für dich da sein würde, ganz egal was passiert. Und ich habe nicht vor, dieses Versprechen jemals zu brechen. Wenn du aus allen Menschen dieser Welt zu so etwas getrieben wurdest, dann wird es einen verdammt guten Grund dafür geben. Ich meine, wenn ich jemanden getötet hätte, würdest du mich dann fallen lassen? Oder würdest du sofort glauben, ich hätte schlicht keine andere Wahl gehabt?"
Ich bleibe einen Moment lang still, meine Hand streichelt nebenher ihren Arm, den sie um meinen Schoß geschlungen hat. „Ich würde mich vorher selbst mit 'ner Gabel abstechen als dich fallenzulassen."
„Heh. Das dachte ich mir." Sie begräbt ihre Nase in meinem Haar. „Das hier ist echt, Max. Ich bin echt, ich bin bei dir. Du musstest durch all diese Realitäten irren, mich häufiger zurücklassen als dass ich noch mitzählen könnte—ich kann es dir nicht verübeln, wenn du nach all diesen Jahren noch immer Zweifel in dir trägst, aber… du brauchst von jetzt an keine Angst mehr haben."
Chloes Liebe. Sie ist der eine Grund für all unsere Opfer. Heimat am Ende der Reise. Darf ich mich nun wahrlich selbst dem Glauben hingeben, sie nun endlich erreicht zu haben? Könnte dies das wahrlich letzte Mal sein, das wir all unsere Säumnisse nachholen?
„Du hast Recht. Ich habe noch immer Angst. Ich muss… dir einfach nur vertrauen."
„Ich bin hier für dich für immer. Glaube mir, Max. Glaube an uns."
Ich nicke langsam gegen ihre Brust. „Ich glaube dir," antworte ich ihr. „Ich glaube an uns."
„Gut so." Ihre Lippen auf meinem Hals besiegeln unseren Bund. Ihr süßes Kribbeln sendet einen Schauder hinab in meinen Bauch, wo hunderte Schmetterlinge ihren Siegestanz darbieten. „Also… was zur Hölle haben diese verfluchten Arschlöcher angestellt, um sich den geballten Zorn meines kleinen Racheengels auf sich zu ziehen?"
„Na schön… aber dazu komme ich erst später. Zunächst hätten wir da noch die traurigen Chroniken der BetaMax."
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Ich stoppe den Fluss der Zeit, als wir uns dem Haus meiner Eltern nähern, sodass uns auch bestimmt niemand hören kann. Ja, ich weiß, wir machen das hier sowieso alles wieder ungeschehen, also was soll die falsche Vorsicht, mir doch egal, leck mich. Zweifelsfrei könnten meine feuerroten Wangen die Straße schon ganz von sich alleine taghell erleuchten, wer braucht da noch schnöde Laternen.
„Du bist schon wieder so ein hundsgemeiner Plagegeist deswegen, du bist doch echt unfassbar."
Chloe lacht erneut. Zu meinem größten Unmut findet sie all das auch noch fürchterlich amüsant. „Jetzt komm schon, du willst es mir wirklich nicht erzählen?"
„Es ist einfach komisch, O.K.? Wir sind immer noch—wieder… Kinder, irgendwie. Ich komme mir schon vor wie ein Perversling."
„Ähm, du weißt schon, dass ich Zugang zum Internetz habe, richtig? Ich hab' mir schon derart viel Schindluder reingezogen, du hast praktisch keine Chance, mich jetzt noch mit irgendwas abzuschrecken."
„Das ist aber nicht dasselbe! Das hier ist persönlich. Privat. Es ist intimes ‚du-und-ich' Zeugs…"
„Na gut, dann sag mir einfach ja oder nein. Könntest ja wenigstens das für mich tun, oder? Ich kenne die Antwort sowieso schon. Nie im Leben haben wir nicht—"
„Ach ja? Und wie kommst du bitteschön zu dieser Annahme?"
„Ähm, vielleicht weil ich wahnsinnig in dich verknallt bin und ich mir selbst unmöglich zutraue, meine Hände so lange bei mir behalten zu haben?"
„Tja, nur mal zu deiner Information: Es war fortwährend ich, die den ersten Schritt wagen musste, also da hast du's."
„Also gab es einen ersten Schritt, wie? Erzähle mir mehr über diesen legendären ‚Ersten Schritt', den du da gewagt hast."
„Willst du dann endlich mal aufhören? Das ganze ist nicht einmal relevant für die Geschichte! Ich jedenfalls denke gar nicht erst daran. Es treibt mich bloß auf die Palme."
„Alter, du denkst sowas von andauernd daran. Scheiße, ich denke ja schon die ganze Zeit nur an das eine, und dabei habe ich noch nicht mal irgendwelche Erinnerungen, mit denen ich mir einen von meiner Palme wedeln könnte."
„Gott, Chloe, halt endlich die Klappe!"
„Warum denn? Das ist was verliebte Menschen nun mal machen, weißt du? Darüber zu reden ist doch ganz normal. Meine Güte, warst du eigentlich immer so prüde?"
Es geht doch nicht darum, es ist bloß, ich weiß auch nicht, unangemessen! Die ganzen Zeitreisen haben mich übrigens völlig auf den Kopf gestellt, was das angeht. All diese Zeit über hatte ich diese ganz und gar legitimen Erwachsenengefühle für dich, nur noch viel schlimmer gemacht durch all die blöden Teenie-Hormone, und währenddessen musste ich mich dann dauernd wie ein Perversling fühlen, weil, hallo, beide noch alles andere als volljährig und so weiter! Ich sitze hier auf ewig fest in dieser verrückten Zwischenwelt, in der ich gleichzeitig älter und jünger bin als du, was doch total bescheuert ist! Ich wünschte, all das wäre erst in unseren Zwanzigern passiert. Hätte mir jedenfalls einiges an Dilemma erspart."
„Ooh, armes, kleines Maxilein, sie ist ja so affentittengeil auf ihre allerbeste Freundin! Ich erschaudere schon bei der Vorstellung, wie oft sie wohl spielen geht mit ihren Lieblingsfingerfarben…"
„Oh mein Gott, können wir jetzt bitte endlich weitermachen mit all dem anderen grausamen Scheißdreck, von dem ich dir noch erzählen muss?"
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Vordämmerungs-Eiscreme im Garten unter einem lichten Stadt-Sternenzelt, weil warum zur Hölle eigentlich nicht.
„Oh, Kacke. Max. Mir kommt gerade erst… müssten diese Tornados nicht auch noch irgendwann wieder passieren? Daran dürfte sich doch nichts geändert haben, oder?"
„Ich habe da ganz ehrlich keinen blassen Schimmer. Wir werden darauf vorbereitet sein, komme es, wie es wolle."
„Ich nehme an, du hattest seitdem keine neuen Visionen mehr?"
„Nein. Seit dem Neustart nichts mehr. Ich glaube, ich kann sie an diesem Punkt auch noch gar nicht bekommen, gut möglich entwickeln sie sich erst, wenn ich achtzehn werde."
„Aber, öhm… du hast doch auch diese Kräfte jetzt schon." Sie schaufelt sich einen extragroßen Löffel Schoko in den Mund. „I' schnallsch nih'."
„Ganz ehrlich, wie machst du das ohne gleich Hirnfrost davon zu kriegen?"
Sie zuckt mit den Schultern, schluckt runter. „Dicker Schädel, vermute ich mal."
„Nimmst mir den Witz geradewegs aus dem Munde…"
Sie leckt ihren Löffel sauber. „Ich weiß. Wusstest du… wie der wissenschaftliche Begriff für Hirnfrost lautet? Sphenopalatine Ganglioneuralgia."
„Oh mein Gott. Du bist echt der größte Nerd aller Zeiten, wir kannst du sowas Unnützes überhaupt so einfach aus dem Stegreif raushauen?"
„Hab's genaugenommen erst vor ein paar Tagen rausgefunden! Und ich dachte mir, klingt irgendwie cool, also hab' ich's mir gemerkt. Sphenopalatine Ganglioneuralgia, Bitches!"
„Das… ist ein wahrhaft grauenerregender Schlachtruf, Chloe."
„Ich weiß, nicht? Wir werden sie noch das Fürchten lehren! Aber zurück zu deinen Visionen?"
Ich schüttle den Kopf. Gespräche tendieren zu persistentem Entgleisungssyndrom in ihrer Anwesenheit. „Oh, ja, richtig, ähm… Also die Visionen sind offenbar ihr ganz eigenes Ding. Die hätte ich wohl auch ohne diese ganze Schmetterlings-Einmischerei drum herum. Sie sind allerdings ein Grund dafür, warum die Geistwesen überhaupt so häufig dazwischenfunken, manche Menschen da draußen besitzen nun einmal diese merkwürdigen Begabungen, wenn man sie denn so nennen möchte."
„Also… mit anderen Worten: Du bist jetzt auch noch 'n Mutant oder wie?"
„Wow, vielen herzlichen Dank dafür."
„Hey, das muss doch nicht sofort was schlechtes sein! So kann ich dich zu Beispiel Kitty Pryde nennen, von jetzt an."
„Bitte nicht."
„Zu spät, Kitty. Abgemacht ist abgemacht. Also, unter diesen Umständen gehe ich davon aus, dass wir erst sicher von den Wirbelstürmen erfahren werden, wenn sie sich schon längst zusammenbrauen. Wir werden uns aber entsprechend darauf vorbereiten, hab' ich Recht?"
„Na logo." Sie ist fertig mit ihrer Eiscreme, also tausche ich meine Schüssel mit ihrer. Ich sehe sie gerne essen. „Und ob du es glaubst oder nicht, ich glaube, es wäre sogar besser, wenn die Stürme tatsächlich passieren. Und zwar weil danach etwas noch weit schlimmeres auf Arcadia Bay zukommt und die Leute bestimmt viel gewillter sein würden, auf Warnungen zu hören und das Weite zu suchen, wenn zuvor schon ein paar Tornados die Stadt auf den Kopf gestellt hätten."
„Etwas… noch schlimmeres?"
Sie wirkt besorgt, doch auch nicht allzu besorgt. Sie ist nicht gerade mächtig verliebt in unsere alte Heimatstadt. Ziemlich sicher wäre es ihr jedoch schon lieber, wenn keine unschuldigen Menschen sterben müssten, solange es sich vermeiden ließe. Ich kann nicht wissen, ob ich diesen Durchgang wirklich jede einzelne Person retten kann, doch eine Sache zeichnet sich schon jetzt glasklar ab in meinem Kopf.
Joyce, Kate und Pompidou werden allesamt ein langes, erfülltes Leben genießen in dieser Realität…
„Arcadia Bay ist verloren, Chloe, ganz buchstäblich dem Untergang geweiht. Die Stadt wird restlos ausradiert werden. Ich war gerade dabei, dir zu erzählen warum."
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Zurück auf den kühlen Dachziegeln vor dem Fenster meines Kinderzimmers, während das erste Licht der Dämmerung uns mit ihrer goldenen Wärme zu erleuchten sucht, meine tränengerötete Sonne trauert um meinetwillen. Sie hält mich, lauscht den Worten aus meinen Mund, schluchzt leise in ihrem Einklang.
Chloe bat mich, nichts zurückzuhalten. Ich log sie an und versprach, dass ich es nicht tun würde. Denn was könnte schon Gutes dabei herumkommen, wenn sie um jedes noch so nichtige und dunkle Detail wüsste? Sie kann derlei grausige Scheiße nicht brauchen in ihrem Leben. Niemand kann das.
Doch… ich begann. Und je mehr ich sprach, desto mehr fluteten die Worte—und Tränen—aus mir heraus. Ich erinnerte mich zurück an so manche Dinge, die ich zuvor vergessen geglaubt hatte, ich fand andere, die mir abhandengekommen waren, allesamt hässlich, allesamt grausam. Ich hatte sie für so lange in mir aufgestaut und versteckt gehalten, dass es mir gar nicht bewusst war, wie sehr es sie nach Freiheit schmerzte. Nach jemandem, der ihnen Gehör schenken möge, Glauben, und mir bestätigen, dass es alles unvorstellbar beschissen sei, dass ich so etwas jemals hätte durchmachen müssen, und ich so etwas niemals hätte durchmachen dürfen.
Sie tut all diese Dinge, und noch weit mehr. Denn Chloe ist die einzige Menschenseele in dieser Welt, die dazu in der Lage wäre. Und so beschissen und selbstsüchtig, wie ich immer war, höre und höre ich nicht auf zu sprechen, sie zu beladen mit meiner Pein. Ich spreche durch ihr ringen nach Luft und ihren verzweifelten Klammergriff um meine Hüfte, und über ihre zusammengekniffenen Augen hinweg und ihre bebende Hand, die ihren Mund vor qualvollen Schluchzern bedeckt.
Meine Augen sind feucht und meine Wangen nass, denn es existiert kein Universum, in dem ich sie weinen sehe, und dabei nicht meine ganz eigenen Tränen vergieße. Doch ich halte durch bis zum Schluss. Ich erzähle ihr alles. Dies ist wie sich Katharsis anfühlen muss.
Die Tage verschwimmen ineinander, die erzwungenen Trainingstorturen und unermessliche Schmerzen auf einer Skala. Ich erzähle sie ihr.
Schwarze Ranken wie Spinnengebein in meinen Gedanken und mein Wille gerichtet gegen mich selbst, der lange Abstieg in eine dunkle Gruft der Verzweiflung und mein letzter, tödlicher Ausweg. Ich erzähle sie ihr.
Bluewing und ihre Entscheidung, die niemals eine war, Liebe stark genug, die Grundfesten der Realität zu erschüttern, und ein Schreckensgespinst des Schicksals vernichtet durch meine Hand. Ich erzähle sie ihr.
Ein Versprechen, eingelöst durch Kugeln, gefangen im Schoße der Zeit. Eine Magenwunde, die, unsere Ketten gesprengt, unsere Freiheit erkaufte. All die Zeit, die ich damit verbachte, jene Frau zu betrauern, die ich nicht länger sein konnte, und die schrecklichen Qualen, die mein Herz heimsuchten vor ihrer Türschwelle.
Ich erzähle ihr alles. Chloe hält mich, und mit tränenbenetzten Fingern erhebt sie die Last von meinen Schultern, auf dass wir sie fortan gemeinsam ertragen, Seite an Seite. Mit Geifer auf der Zunge und Feuer in den Augen sagt sie mir, ich sei zu verzeihend gewesen. Ihre Tode allein wären gar nicht genug, sie gingen viel zu schnell von der Bühne und sie hätten noch weit schlimmeres verdient. Ich dürfe mich niemals schuldig fühlen für unsere rechtmäßige Rache.
Wir kommen zur Ruhe unter einem sich ankündigenden, zarten Licht, in Frieden legen wir die Last zwischen uns bei und spüren innen wie außen allmählich das warme Aufblühen unseres innigen Bundes. Es ist eine neue Verbindung zwischen uns—eine andere als jene, die wir einst einmal besaßen, nicht länger geschmiedet in den Gluten der Hölle, die wir durchlitten, und stattdessen beschieden im Schein der strahlenden Sonne am Horizont, und doch so stark und innig wie eh und je. Sie fühlt sich an wie gerade erst der Anfang.
Und eine Weile später, als sie mir ins Ohr haucht, dass sie mich niemals, jemals loslassen wird…
Dann glaube ich ihr.
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Wir blicken einander in die Augen, eng aneinander gekuschelt oben in meinem Bett. Ist, glaube ich, irgendwann kurz nach elf gestern Abend, so um den Dreh. Ich habe der Zeit nicht besonders viel Beachtung geschenkt mit ihr an meiner Seite. Wir kämpfen beide darum, dass uns die Augen nicht zufallen, auch wenn wir so müde sind wie man menschenmöglich nur sein könnte.
Wir sprechen nicht. Ich fahre ihr so sanft ich nur kann mit den Fingern durchs Haar, spiele weltvergessen mit ihrer einen blauen Strähne und lausche dabei ihren immer weicher werdenden Atemzügen. Die Rückseite ihrer Hand streichelt mir warm die Wange in langsamer, verträumt schwärmerischer Liebkosung.
Ich würde auf der Stelle alles noch einmal ganz genauso von Vorne machen, nur um am Ende wieder in exakt diesem Augenblick landen zu dürfen.
Unsere Körper verlagern sich im Einklang, lehnen sich hingebungsvoll einander entgegen und trunken vor Liebe. Sie überkommt uns so natürlich wie ein Herzschlag, als wir uns küssen. Ich könnte ein ganzes Lebensalter genau hier verbringen, genau jetzt, an ihrer Seite. Sie schmeckt besser denn jede Erinnerung, süßer denn jedes Versprechen.
Unsere Lippen trennen sich, doch sie verweilen keinen hauchbreit voneinander entfernt. Sie atmet mich ein, auf dieselbe Weise wie sie es früher tat. Wie sie es noch unzählige Male tun wird in unserer gemeinsamen Zukunft. Unsere Häupter lehnen aneinander, Stirn an Stirn, wir rauben einander den Atem in geteiltem Vor und Zurück dieses alchemischen Augenblickes. Geteilt und minzig, genau wie unsere gemeinsame Zahnbürste, weil sie ihre mal wieder Zuhause vergessen hat.
„Also… Max?"
„Mh?"
„Wie soll es von hier aus weitergehen mit uns?"
Ich hatte bereits versucht, Pläne in meinem Kopf zurechtzulegen, doch wenn ich ganz ehrlich bin, ich habe wirklich keine Ahnung. Wenigstens diesen Durchgang sollten wir aber eine gescheite Schulausbildung abschließen, schon alleine aus Prinzip. Meine Eltern spielen noch immer eine wichtige Rolle, verletzlich und hoffnungsvoll für ihre harmlose und unschuldige junge Tochter. Arcadia Bays Untergang droht noch immer in einer nicht mehr ganz so entfernten Zukunft. Eine Welt voll mit superkräftigen Knallköpfen wird früher oder später bestimmt so ihre Aufmerksamkeit erfordern, sobald die Zeit dafür kommt. Ich dürfte theoretisch noch immer nicht legal Auto fahren.
Im Augenblick ist mein Herz so sehr erfüllt von Wonne und Lebenslust, ich kann mich selbst beim besten Willen nicht einmal die Bohne dafür interessieren. Stattdessen schenke ich ihr das süßeste Lächeln, das ich auf meine Lippen zu zaubern imstande bin.
„Es geht weiter mit was zur Hölle auch immer wir lustig sind, meine Sonne."
Ihr breites Grinsen strahlt mir ungebrochen entgegen, leuchtend und voller Hoffnung. Oh meine wunderschöne Chloe…
Ich bin nicht besorgt über die Zukunft. Wir werden uns schon rechtzeitig etwas ausdenken—und wenn nicht… dann können wir auch immer wieder genauso gut zurückgehen und es noch einmal versuchen. Wir werden den richtigen Weg finden.
Gemeinsam.
