Epilog: Forget the Horror here

Kapitel 15: Zukünftige

Meine Schritte sind weich und feucht auf der kalten, laubbedeckten Erde, als ich meinen Weg bahne entlang einzelner karger Bäume und hüfthoch verwahrloster Sträucher. Dieser Ort ist mir wohlvertraut, der Pfad einer, welchen ich zuvor schon beschritt. Ein sternenloser Himmel dräut über mir. Eine einzige, gewaltige Sturmfront, in eifriger Erwartung, ihre allesverschlingende Endzeitflut zu entfesseln.

In der Ferne rumort ein monoton dröhnendes Donnern, nicht unähnlich dem von eintausend Düsentriebwerken in der Distanz. Nicht ein Blatt rührt sich in dieser düster grollenden Totenstille.

Ich bewege mich hinauf auf die Klippe, mein Blick schweift über die finstere Aussicht unter mir: Arcadia Bay, tot in der Schwärze der Nacht. Anstelle des Leuchtturms auf dem Kliff uns gegenüber, auf der anderen Seite der Bucht, thronen dort nur noch die kümmerlichen Überreste seiner einstigen Pracht auf dem nackten Felsen. Nur wenige Schiffe liegen auf Grund gelaufen im Hafen vor Anker, nun da sich das Wasser kilometerweit in den für gewöhnlich friedlichen Pazifik hinaus zurückgezogen hat.

Doch heute, dort draußen, in dieser dunkel drohenden Distanz, eine Präsenz. Ein Ungeheuer von meiner Hand krümmt den Horizont in einer Weise, die nicht aus dieser Welt stammt. Ein Kaventsmann erhebt aus den schwarzen Tiefen der windstillen See, schwillt an zu einer turmhoch aufragenden Wölbung, nähert sich gleich einem herannahenden Güterzug, unaufhaltsam. Deshalb sind wir hergekommen. Um zu sehen, wie es geschieht.

Chloe tritt an meine Seite, stets bei mir, wo sie hingehört, immer da für mich, wenn ich sie brauche. Sie nimmt meine Hand, denn es existiert keine Last, die ihr jemals zu schwer wäre, sie mit mir gemeinsam zu ertragen.

„Ich wünschte, du würdest endlich aufhören, dich so sehr selbst zu quälen damit. Du musst es dir nicht noch einmal ansehen, Max."

„Doch. Ich muss."

Eine Wand aus Wasser, hoch wie ein Berg; der Leviathan erwächst aus den Wellen, donnernd und fluchend mit weit aufragendem Schlund, gekommen, über die Küste hereinzubrechen, sie auf seinem Pfad nichts als dem Meeresboden gleichzumachen und nun auch meine verbleibende Schuld bis auf den Rest zu tilgen.

„Du kommst ständig wieder hier her, als wäre es deine verdammte Schuld."

„Ist sie das nicht? Ich hatte die Wahl, sie aufzuhalten."

„Und dann was, sterben? Mich sterben lassen? Es war doch überhaupt keine richtige Entscheidung. Hör doch endlich auf, dich selbst deswegen umzubringen." Sie schließt mich fest in ihre Arme. „Wir haben wirklich alles getan, was in unserer Macht stand, hier gibt es sonst nichts mehr. Das ist hoffentlich das letzte Mal."

„Das ist es. Danke, Chloe."

„Wofür? Wir haben doch nur unsere Pflicht getan."

„Du warst es, die mich bei Verstand gehalten hat über all diese Jahre."

Sie schnaubt. „Halbwegs bei Verstand…"

Unsere Hände schmiegen sich gegen meine Brust, wir beobachten den Ozean, wie er diese seelenlose Hülle Arcadia Bays, die einst unsere Heimat war, rest- und rücksichtslos mit sich in die Untiefen reißt. Wir beobachten die Nacht hindurch, bis dass sich eine früher einmal nahezu unverhoffte Morgendämmerung jenseits der Berge ankündigt mit ihrem ersten, gold-gleißenden Licht.

Schlussendlich zieht sie ich weg von der Klippe.

„Zeit nachhause zu gehen, Max."

„Was? Nein, es gibt noch immer so viel Arbeit zu erledigen, wir haben doch nicht einmal die—"

„Entschuldigung, aber klang das vielleicht wie ein Vorschlag für dich? Ich frage nicht, ich weise an. Du wirst mich dich mit nachhause nehmen lassen und dich dort mit deinem Allerwertesten für ein Nickerchen aufs Sofa pflanzen, weil Bongo 'nen Schlafplatz in deinem Schoß braucht, während ich uns dreien heute was extraleckeres zu Abend zaubere."

Meine missbilligende Miene verraucht in dem Augenblick, da von ihren Zauberkünsten die Rede ist. „Wie extralecker genau?"

„Super-mega extralecker, wirst schon sehen… Also komm, auf geht's, dieses gottverlassene Dreckskaff wird uns schon nicht davonlaufen. Ich weiß doch, wie du immer wirst, und ich werde nicht zulassen, dass du dich hier schon wieder halb zu Tode ackerst."

„Pff, als wäre ich da die Einzige. Warst doch selbst keinen Deut besser damals bei Sams Prüfung, bis wir sie endlich hingekriegt hatten."

Ihr entgeht ein bitteres Lachen. „Dieses Mädel ist doch sowas von irre. Ich werde ausrasten, sollte sie noch einmal meinen, die tickende Zeitbombe spielen zu müssen."

„Sei nicht so hart mit ihr, sie konnte doch selbst nichts dafür. Wenn jemand Schuld hatte, dann ja wohl Kristine und ihre kleinlichen Ränkespielchen. Ich verstehe nicht, warum sie uns das Leben manchmal so schwermachen muss."

„Ähm, Max, ich will ja nicht die Spielverderberin sein—und ich weiß, sie haben es nicht anders verdient und all das—aber vielleicht hängt es mit dieser Sache zusammen, als du ihre Eltern umgebracht hast?"

Ich presse meine Lippen zur schmalen Linie. „Danke für die Erinnerung, das hatte ich ja beinahe schon wieder vergessen."

„Keine Ursache. Also los jetzt, Baby." Sie gibt mir einen beiläufigen Klaps achtern und bricht auf in Richtung Pfad die Klippe hinab. „Kann's gar nicht erwarten, endlich unter die Dusche zu kommen."

Ich verharre felsenfest an Ort und Stelle, verschränkte Arme, entschieden unnachgiebiger Blick. Wo kommt sie mir davon, mich so einfach herumzukommandieren?

„Mach ein Bad daraus und wir sind im Geschäft."

Sie sieht zurück, dieser diabolische Funke der Lebenskraft, den ich so sehr an ihr vergöttere, blitzt einmal mehr auf in ihren Augen. „Wir waren zwar nicht in einer Verhandlung, aber ich denke…" Sie blickt demonstrativ an mir herunter und grinst. „Dafür könnte ich mich erwärmen."

Ob ihres Frevels hinreichend beschwichtigt folge ich ihr also nach, während sie schon die günstigste Stelle sucht. Sie wandert ein wenig umher, Augen auf halb acht, so als lauschte sie nach dem Wind, sie zu leiten.

Sie kommt zum Stehen neben einem alten, verkrüppelten Baum, der mit einem säulenartigen, von Wind und Wetter erodierten Felsen verwachsen scheint. „Hier drüben. Ist 'ne gute Stelle. Von mir aus kann's losgehen."

„Vergiss nicht, sie richtig zu verankern."

„Zum Teufel nochmal, willst du mir das echt auf ewig nachtragen?"

„Oh, entschuldige, dass mir heute nicht danach ist, in den Weltraum hinausgesogen zu werden."

„Jetzt übertreib doch nicht, es war nicht mal ansatzweise so schlimm, ich hab' sie doch sofort wieder dichtgemacht!"

„Stimmt, nachdem sie uns die halbe Bude um die Ohren geschleudert hatte. Es wäre mir lieber, das würde sich nicht so bald wiederholen."

Sie verdreht nur die Augen, reicht mir dabei ihre Hand. „Meinetwegen, so schlimm war's nicht…"

Ich nehme sie an. „Ich muss zugeben, du bist schon viel besser geworden damit."

„Uuh, missgönntes Lob, meine allerliebste Sorte." Sie hebt ihre rechte Hand. „Und jetzt Klappe zu, Frau."

„Warte…" Ich reiche flugs nach oben und rücke den Kragen ihrer Bluse zurecht, glätte ihn fein säuberlich aus. Sie sieht wie immer blendend aus in ihrem obercool aufgedonnerten ‚Formeller Punk' Stil; mit ihren Piercings und ihrem flammend roten Undercut, alle beide im starken Kontrast zu Hosenanzug und todschicken Hemden. Sie rockt ihre Kluft wie es niemand sonst außer Chloe je könnte. Ich ergreife die Gelegenheit beim Schopfe und stehle außerdem noch einen Kuss von ihren Lippen. „So, jetzt darfst du."

„Muss schließlich glänzend aussehen für die Kamera, hab' ich Recht?"

„Ein jeder deiner Augenblicke schreit geradezu nach einem Schnappschuss, meine Schönheit."

„Wem sagst du das?"

Ich kann doch auch nichts dafür, Chloe Angaffen ist mir nun mal mein allerliebster Zeitvertreib, wird niemals alt. Und Fotos halten ganz einfach länger.

Sie greift erneut aus. Ihre Fingerspitzen ertasten ein übersinnlich verborgenes Geflecht, welches nur sie alleine wahrzunehmen imstande ist. Die auf ihrer Rückhand verewigte Feuerlibelle fängt glühend Flammen.

„Halt dich fest, Baby," warnt sie mich.

„Los, ich bin bereit."

Ihre Hand taucht förmlich ein in die leere Luft vor uns, verschwindet einen Augenblick lang im Raum zwischen der Zeit; schillernde Farben bersten ihren Arm hinauf in einer Explosion aus strahlend leuchtenden Ranken und Linien, die sich so perfekt mit ihrem Armtattoo verweben, als wären sie schon die ganze Zeit über eins gewesen. Eine geballt elektrisierte Ladung durchfährt ihren Körper und erwischt meine Sinne als unangenehmer Schock, doch ich bin sie inzwischen mehr als nur reichlich gewohnt. Knisternde Funken und verkohlte Fetzen der Raumzeit wehen um uns wie schmutzige Schneeflocken oder grauschwarzes Konfetti im selben Moment, da sie ihre Hand aus der Spalte zu befreien beginnt. Der dabei eruptierende Donnerschlag hämmert ein auf meine Trommelfelle und erinnert an eintausend Seiten Papier, die zeitgleich unisono zerreißen.

Chloe bringt ihre Beine noch einmal in Stellung für noch mehr Halt und Zugkraft, zerrt mit aller Stärke und Macht, als wolle sie jenen unsichtbaren Weltvorhang vor sich zu Fall bringen. Der Weg geradeaus eröffnet sich unter stiebenden Funken, sie regnen überall um uns herab. Ihr Arm ist ein flammendes Leuchtfeuer aller Farben des Regenbogens, sowie sie ihr Loch in ein anderes Universum vollendet.

O.K., na gut, genau genommen führt es nur in unser weltentlegenes Winklein am Fuße der Alpen, aber das klingt einfach nicht bei Weitem so cool.

Sie strauchelt kurz, ich stehe ihr sofort zur Seite und halte sie aufrecht. Ihre Brust wallt unter Anstrengung, ihre Schläfe glitzert in Konzentration. Sie blickt vor uns hinein in die Spalte.

„Volltreffer," keucht sie zwischen zwei Atemstößen. „Und gleich auf den ersten Versuch."

Die Spalte macht einen wölbenden Bogen und frisst sich in die nasse Erde vor unseren Füßen, ihre Ränder sprudeln vor Leben unter tanzenden Blitzen und flüssigem Gold. Und wie immer, der Geruch ist dieses eindringlich feucht-verbrannte Etwas, und erinnert mich stets an den von frisch beregnetem Asphalt.

Auf der anderen Seite des Portals lacht uns eine schläfrige Nachmittagssonne entgegen, spiegelt sich in exquisiten, karminroten Dachziegeln über blütenweiß verputztem Mauerwerk. Und über dem schmiedeeisernen Gartentürlein, steter Wächter des Vorgartens, baumelt schwarzgefärbt von Gischt und Gezeiten eine alte, geschwungene Treibholztafel in der lauwarmen Brise. Ein jeder Buchstabe handgeschnitzt in besonnen geduldiger Sorgfalt.

Das Haus am Ende der Zeit.

Ihr Anblick wärmt mir jedes Mal wieder aufs Neue das Herz. Es gibt Zeiten, wenn die Nostalgie wieder einmal zuschlägt und ich mir unsere alten Tage auf der Straße und unsere Abenteuer mit Betsy Dreipunktnull schmerzlich zurücksehne, ehe diese wahnwitzige Libellensaga unser ganzes Leben abermals ganz von Neuem in die Scheiße reiten konnte…

…Und dann erinnere ich mich stets wieder daran, wie es tatsächlich war, damals. Ich glaube, mein armer, alter Po wird sich niemals gänzlich erholen vom ewigen Wundhocken.

„Du hattest ja so Recht, meine Sonne." Ich schmuse mich an sie heran und küsse sie von unten am Kiefer, direkt bei ihrem Ohr, wo sie es mag. „Es tut gut, mal wieder für eine Weile nach Hause zu kommen."

Chloe lacht und schlingt einen Arm um meine Hüfte. Die Spalte knistert und prasselt um uns, als wir hindurchschreiten.

Die vergangenen zwölf Jahre verlangten uns so einiges ab, niemals wurde es langweilig, und soweit können wir auch noch lange nicht erkennen, dass in nächster Zeit einmal Ruhe einkehrt in unserem Leben…


Man sagt, es sei unmöglich, eine perfekte Welt zu erreichen, und dass wir vielleicht besser lernen sollten, alles Menschenmögliche zu geben, um das Beste aus den uns zugespielten Karten zu machen. Man sagt, wir sollten Trauer und Tragödie und Verlust akzeptieren. Und dass wir stets vorwärtsblicken, Verlorenes vergessen und aus Leid und Kummer lernen sollten, auf dass wir stärker aus ihnen erwachsen.

Es ist guter Rat. Viel Weisheit wohnt in diesen Worten. Ich selbst glaubte sie früher einmal.

Menschen, die so etwas behaupten, sind wahrlich keine Zeitreisenden.

Die Frage, welche uns tagein tagaus quält, lautet nicht Wie viel können wir erreichen mit dem, was wir haben. Unsere Frage lautet Wann hören wir auf. Wo ziehen wir den Schlussstrich.

Wir führen unser Leben gemeinsam, Seite an Seite, zuerst und vor alledem. Wir taten alles in unserer Macht Stehende, um für die Menschen Arcadia Bays Sorge zu tragen, es lag in unserer Verantwortlichkeit. Wir trafen Nachsorge für all die Opfer Jeffersons und gingen sicher, dass er in jenem Drecksloch fortvegetiert, wo er auch hingehört. Wir passen gut auf unsere Eltern auf, selbst wenn sie niemals vollends verstehen werden, wer oder was ihre Töchter wurden.

Harmonie in diesem fürchterlichen Durcheinander, dem das große Pantheon nach dem Untergang der Prescotts verfiel? Wir können es nur versuchen. Wir haben ein waschechtes Team an dem Fall dran. Manch einer bereitwilliger als sein Nächster.

Geistesgestörte Verbrecher aufhalten, noch ehe sie überhaupt handeln? Ist mittlerweile schon so etwas wie Routine geworden. Ihren armseligen, kleinen Leben wird keine Träne nachgeweint werden.

Umweltkatastrophen vorbeugen? Beistand leisten bei unvermeidlichen Katastrophen? Wir können so einiges erreichen, nun da wir die richtigen Ansprechpartner kennen.

Wie steht es um Terrorismus?

Wie um die Umverteilung von Vermögen und Reichtum?

Wir könnten bei so ziemlich allem etwas erreichen. Wann hören wir auf?

Wir könnten alles erreichen. Wo ziehen wir den Schlussstrich?

Wo liegt die Grenze zwischen „wir können" und „wir sollten"? Wann wird „vieles tun" zu „genug tun"?

Ich weiß es nicht. Es ist möglich, dass eine solche Grenze nicht einmal existiert. Ich bin jedoch guter Dinge, dass wir es bald herausfinden werden.

Chloe und ich, wir lassen es euch wissen, sobald wir sie erreicht haben…


A/N: Also gut, das war das. Wer noch immer nicht genug hat von Better Then, für den gibt es noch ein offizielles Nachwort in Israels englischer Originalfassung.
Ihr könnt mich nicht zwingen, diesen Unsinn jetzt auch noch zu übersetzen. Ätsch.