Tag 2, noch liege ich gut in der Zeit :D

sternenhagel: Okay, DAS war jetzt wirklich mal ein Monsterreview :D Du hast dich selbst übertroffen. Und wie gesagt, für Kanda und Ian hab ich mir schon was überlegt ... ich glaube, Kanda wird keine Zeit zum Schmollen haben, muhaha. Ganz im Gegensatz zu Lavi, der jetzt alle Zeit der Welt hat, sich an den Gedanken zu gewöhnen ... naja, wie man's nimmt. Die Mission macht es nicht gerade einfacher. Was Musik angeht, hör ich mich quer durch die Bank, von Sevendust über Papa Roach, Breaking Benjamin, Rammstein, Skillet, Drowning Pool, Slipknot, Disturbed, Spineshank, Linkin Park, TFK, Sick Puppies, System of a Down, 3DG und äh ... noch ein paar mehr - ich hab da nicht wirklich viel Überblick :D Und, äh die Flasche war ... sagen wir mal so, sie hat sich selbständig gemacht. Urgh, Honigmelone mag ich nicht, aber die Wassermelone nehm ich gerne - ich behaupte mal, ich habe sie mir auch redlich verdient. Ich glaube solange, dass Kanda tot ist, bis Hoshino-sensei mir das Gegenteil beweist ... sich unbegründete Hoffnungen machen tut nämlich weh *kopf schüttel*


1.1 Der berühmte Morgen danach…

Nur wenige Minuten später wachte auch Jack auf; als sie die Augen öffnen wollte, blendete sie das Licht, sodass sie sie sofort wieder zukniff. „Aua." Sie legte die Hand über die Augen und blinzelte im Schatten. Verschwommen, weil ihr die Augen tränten, erkannte sie einen roten Fleck, der ihr nur Zentimeter entfernt schien. „Lavi?"

Einem Fluchtimpuls folgend, wich sie zurück, aber hinter ihr war das Bett zu Ende. Sie rutschte über die Kante hinaus und landete mit einem dumpfen Knall auf dem Boden, mitsamt Decke und Polster; sie hatte sich an beidem festhalten wollen, aber vergebens.

Lavis Kopf und Schultern erschienen über der Kante; besorgt beugte er sich über sie. „Hast du dir was getan?"

Wüst fluchend befreite sie sich aus der verhedderten Decke, dann setzte sie sich auf und blinzelte gegen das grelle Licht an, während sie versuchte, ihn anzusehen. „Nein", antwortete sie, nachdem sie einmal tief durchgeatmet hatte, um sich zu beruhigen. Es war ja nicht seine Schuld gewesen, dass sie sich so erschreckt hatte.

Er setzte sich auf seine Betthälfte, als sie Polster und Decke wieder auf das Bett schleuderte. Unwillkürlich musste er lächeln, als sie beim Aufstehen entgegen ihrer Behauptung das Gesicht verzog. Wahrscheinlich wollte sie einfach nicht zugeben, dass sie sich, wie jeder andere Mensch, der aus dem Bett fiel, doch wehgetan hatte. Wieder mal ihr Stolz, mutmaßte er. „Jack."

Sie wandte den Blick, um ihn anzusehen; er klang so ernst. Dann fielen ihr die Ereignisse der letzten Nacht wieder ein; alles von ihrem abrupten Aufwachen bis hin zu seinem abweisenden Verhalten nach dem Kuss. Genauso ernst setzte sie sich auf die Bettkante und wappnete sich für das, was kommen würde. Nur hatte sie keine Ahnung, wie das aussah.

„Was ist mit Ian?" fing er an. Das war einer der wichtigen Punkte, die es noch zu besprechen galt; darauf wollte er aufbauen. Es war am besten, so anzufangen.

Sie verstand, was er meinte: War Ian auch ein Mädchen? „Ian is mein Bruder." So wie ich sein Bruder bin, fügte sie in Gedanken hinzu. Gerne hätte sie ihm die Wahrheit gesagt, aber sie musste Ian beschützen, wenn sie schon nicht auf ihr eigenes Geheimnis aufpassen konnte. Wenigstens Ian sollte sicher sein.

„Ich nehme an, er hat dir geholfen, dich wie ein Junge zu verhalten."

Jack nickte nur stumm; besser, gar nichts sagen, als noch mehr zu lügen; besser, ihn in dem Glauben zu lassen, Ian hätte nichts zu verbergen, als ihn durch unbedachte Worte verdächtig zu machen. Und ihre Worte wären unbedacht, wenn sie schnell antwortete; aber sie musste schnell antworten, überlegte sie zu lange, würde er misstrauisch werden.

„Wieso?"

Sie waren am Kern angelangt. Noch eine Lüge. Aber diesmal konnte sie wenigstens glaubhaft lügen; sie hatten sich jahrelang darauf vorbereitet, als hätten sie nur auf diesen Moment gewartet. Sollte jemals jemand ihr Geheimnis entdecken, hatten sie eine Ausrede parat. „Ich musste. Ein Mädchen überlebt nich lang; ein Junge hat größre Chancen."

„Und wieso hast du das weitergespielt, als du zu uns gekommen bist? Im Orden hättest du kein solches Versteckspiel spielen müssen."

Darauf hatte sie keine Antwort. Wenn sie ihm die Wahrheit sagte, musste sie ihm auch alles andere erzählen; aber dann wäre sie nicht mehr sicher und Ian erst recht nicht. Während sie schweigend ihre Bettdecke betrachtete, überlegte sie fieberhaft, was sie sagen konnte; welche Antwort sie ihm geben könnte, die ihn zufrieden stellen, aber nichts verraten würde. Aber ihr fiel einfach nichts ein; sie musste zugeben, dass sie ihm etwas vorenthielt; dass es eine Sache gab –eine, von der er wusste- die sie ihm nicht erzählen konnte. „Das kann ich nich sagn. 's is was Persönliches; ich kann dich nur bittn, mich nich zu verratn. Is unfair, weiß ich, aber 's geht nich anders." Sie wagte es nicht, ihn anzusehen.

Eigentlich hatte sich Lavi mehr erhofft. Egal, wie viel er sich den Kopf darüber zerbrach, ihm fiel einfach kein Grund ein, warum sie gelogen hatte, nachdem sie in den Orden eingetreten war; er hatte gehofft, sie könnte ihm einen nennen. Auch wenn Jack impulsiv und leichtsinnig war, ihr Handeln in dieser Sache war rational; ihr Grund hätte es auch sein müssen. Er seufzte. Auch wenn er nicht zufrieden war mit der Antwort, änderte das nichts an seinem Entschluss, Stillschweigen zu bewahren. Fürs erste würde er sich wohl damit zufrieden geben müssen, dass sie ihm immer noch etwas verschwieg. „Gut."

Überrascht sah sie auf. Damit hatte sie nicht gerechnet; sie hätte gedacht, er würde darauf beharren, eine vernünftige und plausible Antwort zu erhalten, solange nachbohren, bis sie mit der Wahrheit herausrückte.

„Du hast mich gebeten, zu schweigen." Er lächelte plötzlich. „Dann werde ich das auch tun."

Ihr fiel die Kinnlade herunter. Völlig entgeistert starrte sie ihn an, als hätte er den Verstand verloren.

Lavis Lächeln wurde bei ihrer verblüfften Reaktion nur noch breiter. Er drehte sich um und griff nach seinem Bandana auf dem Nachttisch. Während er es sich umband, sah er sie nicht an, aber er wusste, dass sie immer noch genauso dasaß.

Und er hatte Recht; Jack war vollkommen perplex. Erst als er aufstand, um seine Hose anzuziehen, fiel ihr ein, dass sie sich umdrehen sollte. Hastig widmete sie sich ihrer Weste und ihrem Mantel und streifte beides über. Es war egal, dass sie ihn schon heute Nacht so gesehen hatte, er hatte ein Recht auf Privatsphäre. Dass dieser Gedanke überhaupt keinen Sinn ergab, war ihr bewusst, aber sie war im Moment sowieso nicht ganz klar im Kopf. Mechanisch zog sie sich an, wobei sie ihm den Rücken zukehrte.

Nach den ganzen Wochen, die sie in seiner Gesellschaft verbracht hatte, fühlte sie sich jetzt auf einmal befangen. Es war etwas anderes, wenn er dachte, sie wäre ein Junge; irgendwie hatte sich ihr Verhalten ihm gegenüber geändert.

Auch Lavi bemerkte es; an der Art, wie sie krampfhaft vermied, ihn anzusehen, daran, wie sie sich förmlich hinter ihrem schwarzen Mantel versteckte. Er zog sich seinen eigenen Mantel an und steckte Nyoibo wieder in den Gurt, dann kam er um das Bett herum auf sie zu. „Jack?"

Sie sah ihn nicht an, nestelte stattdessen hastig an ihrem geschlossenen Reißverschluss. Sie hatte den Zipp bis unter ihr Kinn hochgezogen; wahrscheinlich hätte sie am liebsten auch noch die Kapuze aufgesetzt. Um etwas zu tun zu haben, damit sie ihn nicht ansehen musste, überprüfte sie den Sitz ihrer Sai, dann fuhr sie mit den Händen in ihre Ärmel und kontrollierte die Dolche. Es waren neun; einer fehlte. Ihr fiel wieder ein, wo der zehnte war; er steckte immer noch in dem Holz an der gegenüberliegenden Wand. Rasch ging sie hinüber, zog ihn aus der Täfelung und verstaute ihn wieder. Dann blieb sie stehen; sie wusste nicht mehr, was sie jetzt noch tun konnte.

„Jack!"

Sie fuhr herum. Lavi kam direkt auf sie zu, einen Ausdruck im Gesicht, den sie unmöglich einordnen konnte. War er wütend? Verwirrt? Besorgt?

Lavi blieb vor ihr stehen und versuchte, ihren Blick einzufangen; vergebens, sie sah überall hin, nur nicht auf ihn. „Wir sind doch immer noch Freunde, oder?" Jetzt sah sie ihn endlich an, allerdings nur für einen Moment; lang genug, dass er die Unsicherheit und Nervosität erkennen konnte.

„Sin wir", murmelte sie mit gesenktem Kopf.

„Können wir dann auch bitte so miteinander umgehen? Ich hab schon wieder das Gefühl, dass du sauer bist, wenn du mir so aus dem Weg gehst." Jack musste lächeln; das konnte er durch ihre Stirnfransen hindurch erkennen. Dann sah sie ihn wieder an, immer noch lächelnd.

„Du weißt genau, dass ich nich sauer bin."

Lavi lächelte ebenfalls. „Ja, aber jetzt redest du wenigstens wieder mit mir."

Ihr Lächeln verschwand. „Is es wirklich in Ordnung für dich, deine Freunde anzulügn? Wenn du schweigst, tust du schließlich genau das."

„War es für dich okay, mich anzulügen?"

Jack schüttelte heftig den Kopf; über diesen Punkt konnte sie ehrlich sein. „Nein, ich hab mir oft gewünscht, 's dir sagn zu können, aber…" sie verstummte. Weiter konnte sie nicht erklären; er wusste sowieso, dass sie ihr Geheimnis aus einem ihm unbekannten Grund schützen musste.

Lavi nickte nur; er hatte verstanden. Die Frage war jetzt, ob er bereit war, sie auch vor seinen Freunden zu schützen. Vor allen im Orden, vor allen Leuten, denen sie begegnen würden. Er hatte sich aus freien Stücken dazu bereit erklärt, ihr Geheimnis zu bewahren, trotzdem musste es ihm nicht zwingend gefallen, das zu tun. Tatsächlich fühlte er sich ein wenig unwohl dabei, aber schließlich wäre es nicht für immer, sagte er sich. Sie konnte das schließlich nicht ihr Leben lang durchziehen.

Er beugte sich ein Stück vor und küsste sie. Diesmal drängte er nicht auf mehr; es war ein Fehler gewesen, heute Nacht gleich einen Schritt weiterzugehen. Sie hatte ihr Leben in Jungenkleidern verbracht; höchstwahrscheinlich war es ihr erster Kuss gewesen. Dass sie diesmal nicht zurückwich, zeigte, dass sie ihm vertraute, und er wollte ihr Vertrauen nicht missbrauchen. Also beließ er es dabei, behielt seine Hände bei sich und seine Lippen geschlossen.

Schließlich beendete er den Kuss von sich aus und sah sie an. Schon wieder erwiderte sie seinen Blick überrascht; anscheinend tat er ziemlich viel, das sie nicht erwartet hätte. Lächelnd strich er ihr die Stirnfransen aus den Augen, dann erst sprach er. „Es wird sicher nicht leicht, aber ich glaube, ich krieg das hin."

Es klopfte an der Tür; als er sie öffnete, stand erneut ein Bediensteter davor, der ihm mitteilte, dass ‚die Herrschaften sie zum Frühstück erwarten' würden. Nachdem er seine Nachricht vorgetragen hatte, machte er eine knappe Verbeugung, dann stolzierte er den Gang hinunter. Lavi sah ihm einen Moment nach, bevor er die Tür schloss. „Der geht, als hätte er einen Besen verschluckt."

„Tun sie alle", nuschelte Jack, während sie mit Zeigefinger und Daumen an ihrer Unterlippe zupfte. Als sie bemerkte, was sie tat, wurde sie rot und ließ schnell die Hand sinken. „Halten sich für was bessres, weil wir keine von denen sin."

Mit ‚denen' waren die anderen Gäste der Bredows gemeint, allesamt Leute mit einem ‚von' vor ihrem Namen. Sie konnten freundlich sein, aber auch nur, weil die Exorzisten ebenfalls Gäste der Bredows waren; wären sie ihnen auf der Straße begegnet, sie hätten sie wahrscheinlich ignoriert. Die Frauen hätten bestimmt ihre Röcke enger an sich gezogen, um nicht mit ihnen in Berührung zu kommen.

Lavi zuckte nur mit den Schultern. „Nach heute sind wir hier weg; die sehen wir nie wieder. Da kann es uns eigentlich egal sein, was die tun."

Jack nickte. Es störte sie nicht wirklich, dass die anderen so distanziert waren; für sie war es besser, einerseits, weil sie dann ihrer Arbeit nachgehen konnten, ohne gestört zu werden; andererseits, weil sie dann nicht Gefahr lief, dass noch jemand herausfand, wer sie war.

Die Bredows hatten ein eigenes Frühstückszimmer, in dem sich die Familie und die Gäste nach und nach einfanden. Wieder saß Jack neben Lavi, diesmal aber wurde ihre andere Seite nicht von Amalie in Beschlag genommen; stattdessen saß dort eine Frau, höchstens fünfundzwanzig, mit schwarzen Haaren, die sie im Nacken zu einem lockeren Knoten aufgesteckt hatte, und intelligenten blauen Augen. Das Interessante an ihr war, dass sie keine Röcke, sondern eine Hose trug und dazu hohe Stiefel. Augenscheinlich die Schwester, von der Amalie erzählt hatte.

Sie stellte sich als Friederike Elisabeth von Bredow vor und deutete dann auf eine Frau am anderen der Tafel, die ihr wie ein Ei dem anderen glich, mit der Ausnahme, dass sie ein lavendelfarbenes Kleid trug. „Meine Zwillingsschwester Gabriele Juliane von Bredow. Sie meidet mich, weil ich Hosen trage", fügte sie zwinkernd hinzu.

Ein seltsamer Zufall. Zwillingsschwestern, eine davon in Hosen. Nicht ganz so wie bei uns, aber…

„Wieso denn?" fragte Jack nach. Sie verstand nicht ganz, was daran auszusetzen war –aber das konnte vielleicht auch daran liegen, dass sie selbst acht Jahre lang Hosen getragen hatte.

Friederike lächelte. „Es ist ihrer Meinung nach undamenhaft und jemandem wie mir unwürdig. Sie findet, ich beschmutze damit das Ansehen unserer ganzen Familie." Sie warf einen Blick auf Jacks kurze Haare. „Vielleicht sollte ich mir auch die Haare abschneiden. Ich frage mich, was sie wohl dazu sagen würde." fügte sie hinzu, so leise, das niemand außer Jack sie hören konnte.

Ihre Augen weiteten sich einen Moment, dann hatte sie sich wieder unter Kontrolle. Den Blick auf ihren Teller gerichtet, murmelte sie: „Ich hab mir schon gedacht, dass Sie's merkn würn."

Die Frau konzentrierte sich ebenfalls auf ihren Teller; für alle anderen sah es so aus, als würden sie gar nicht miteinander sprechen. „Schon gestern Abend beim Essen. Amalie hat mir erzählt, dass Sie mit ihrem Partner in einem Zimmer schlafen. Und dass er es nicht weiß."

„Stimmt. Sollt auch so bleibn."

„Ich kann schweigen."

Von Jacks anderer Seite konnte Lavi allerdings ziemlich genau hören, was die beiden besprachen. Er hatte gar nicht gewusst, dass Amalie Jack als Mädchen erkannt hatte. Irgendwie ziemlich beschämend für einen Bookman, das ganze.

Nach dem Frühstück blieben noch ein paar Stunden bis zu dem Fest; Bredow bat sie in die Bibliothek, um über das Schwert zu sprechen. Dort holte er aus einem Safe –hinter einem Gemälde, wo sonst- die mit Samt ausgeschlagene Mahagonibox, in der das Schwert aufbewahrt wurde. Es war ein wunderschöner Galadegen, mit verschiedenen Edelsteinen und Halbedelsteinen am goldenen Griff und einer ebenfalls goldenen, gravierten Schwertscheide, die neben dem blanken Schwert in der Box lag.

„Es wird das Beste sein, wenn das Schwert vorerst im Safe bleibt; nach dem Fest können Sie es dann mitnehmen. Ohnehin fahren bis morgen Früh keine Züge mehr von hier weg; die Lokführer nehmen ebenfalls an dem Fest teil. In London mag so etwas nicht möglich sein, aber das hier ist eine Kleinstadt", ergänzte er, als er Lavis hochgezogene Augenbraue sah. Er schloss den Kasten wieder und stellte ihn in den Safe. Dann klappte er das zur Seite geschwenkte Bild wieder zu und drehte sich zu ihnen um. „Nach dem Mittagessen gehen von hier aus die Kutschen in die Stadt; Amalie hat den Wunsch geäußert, dass Sie beide mit uns, also meiner Schwester und mir, in unserer Kutsche mitfahren. Wenn Sie einverstanden sind, würde ich ihr diesen Wunsch gerne erfüllen."

Lavi und Jack warfen sich einen raschen Blick zu; aus ihrer Sicht sprach nichts dagegen, also stimmten sie zu. Bredow warf offensichtlich erleichtert, diese Sache hinter sich gebracht zu haben, denn er vertrieb sie sehr hastig –ohne dabei unhöflich zu wirken- aus der Bibliothek. Binnen zehn Sekunden standen sie auf dem Gang; hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss.

Und was jetzt? dachten beide. Bis zum Mittagessen waren es noch gut sechs Stunden hin; was sollten sie in der Zeit machen? Sie warfen sich einen unsicheren Blick aus dem Augenwinkel zu; keiner hatte irgendeine Ahnung, wie sie sechs Stunden totschlagen sollten –ohne Zugang zu irgendwelchen Dingen, mit denen sie sich beschäftigen könnten.

Der Zufall war auf ihrer Seite; Amalie stand auf einmal wie aus dem Boden gezaubert neben ihnen. Sie lud sie ein, ihr zu helfen, sich um ihre Pflanzen zu kümmern. Bevor sie in die Stadt gebracht wurden, mussten sie noch einmal gegossen und dann verpackt werden, aber die Dienstboten waren mit den Gästen vollauf beschäftigt; ihre Geschwister wollten nicht helfen, dabei brauchte sie dringend ein paar helfende Hände.

Sie schleppte sie in das Gewächshaus und erklärte ihnen, was zu tun sei. Die nächsten Stunden verbrachten sie damit, jeder Pflanze eine genau dosierten Menge Wasser zu verabreichen, sie dann vorsichtig in Papier zu wickeln und in eine der Kisten zu stellen, in denen sie dann in die Stadt transportiert werden würden. Erst, als mindestens hundert von den Roseneibischen verpackt und verstaut waren, gestattete Amalie ihnen eine kleine Pause.

Erschöpft setzten sie sich auf einen der leeren Tische, wo zuvor noch die kleineren Stöcke gestanden hatten. Sie waren von oben bis unten voller Erde, auch Amalie. Vor dem Mittagessen würde sie sich umziehen, denn mit ihrem hellroten Kleid mit den Erdflecken kam sie ihren Geschwistern besser nicht unter die Augen, geschweige denn den Gästen.

Müde strich sich Jack zum wohl hundertsten Mal die Stirnfransen aus den Augen. Dabei hinterließ sie mit der Hand einen schmalen Schmutzstreifen auf ihrer Wange, bemerkte es aber nicht einmal.

Lavi lachte leise und fuhr ihr mit dem Daumen über die Stelle. „Du wäschst dir wohl besser das Gesicht, bevor du zum Essen gehst."

„Du schaust auch nich besser aus", versetzte Jack grinsend. Lavis Gesicht wies ebenfalls ein paar Flecken Erde auf, unter anderem einen, der sich von seinem Augenwinkel über seine Nasenwurzel bis hin zu der schwarzen Augenklappe zog. Jack legte den Zeigefinger auf die Stelle und wiederholte die Bewegung, genau wie Lavi es bei ihr getan hatte. „Nich der einzige Makel, übrigens."

Er schob gespielt beleidigt die Unterlippe vor. „Man macht sich eben dreckig, wenn man mit Dreck arbeitet." Er verpasste Jack einen neuen Erdfleck auf ihrem Kinn.

„Hey!" Sie revanchierte sich an seinem Hals, direkt unter seinem linken Ohr.

„Wenn man euch so zusieht…" Amalie ließ offen, was dann wäre, aber sie verstanden auch so. Beide wurden leicht rot, aber sie lachte nur. „Das sieht wahrscheinlich nur für mich so aus", wiegelte sie ab.

„Nicht nur für dich, Schwesterherz." Drei Köpfe fuhren herum zu der Tür des Gewächshauses. Gemächlich schlenderte Friederike zu ihnen herüber, die Hände in den Hosentaschen.

„Liegt das daran, dass ihr wisst, dass Jack ein Mädchen ist?" Jetzt war es an den Schwestern, Lavi überrascht anzusehen.

„Du weißt es? Jack hat gemeint, du hättest keine Ahnung", wunderte sich Amalie.

„Gestern hatte er das auch noch nich." Jack hatte das Gesicht hinter den Stirnfransen versteckt, sodass es niemand sah. So blieben ihnen auch die roten Wangen verborgen. Sie wusste, welche Fragen die beiden als nächstes stellen würden.

„Und wie…" Amalie wurde tiefrot und schlug die Hand vor den Mund. „Er hat doch nicht-"

„Hey, ich bin auch noch da!" Lavi konnte nicht fassen, dass sie ihm das zutrauten.

„Reg dich ab, kleine Schwester, sie sieht nicht so aus, als ob", meinte Friederike.

Die Jüngere blickte ihre Schwester wütend an. „Du bist natürlich eine Expertin auf dem Gebiet, aber bitte lass mir meine… meine…"

„Ja? Deine was?" Die Frau genoss es anscheinend, dass ihrer Schwester das Thema so unangenehm war.

„Du weißt, was ich meine!"

„Oh, ich weiß, dass du es für absolut verwerflich hältst, solange man nicht verheiratet ist, aber eines sage ich dir, naive kleine Schwester: Es ist kein kirchlicher Segen nötig, damit es funktioniert."

Wenn möglich, wurde Amalie noch roter. Jack sah verwirrt von einer zur anderen. „Was meint ihr?"

Friederike lächelte leicht. „Sie meint, dass ich meine Unschuld, meine Jungfräulichkeit aufgegeben habe, bevor ich verheiratet war. So wird mich kein Mann wollen, und so. Erst haben sich alle aufgeregt, dann haben sie es totgeschwiegen, damit ja keiner was erfährt. Mir ist es eigentlich egal; wenn ich jemanden finde, den ich heiraten möchte, dann wird er mich höchstwahrscheinlich auch nehmen, wenn ich keine Jungfrau mehr bin." Sie zuckte nur mit den Schultern. „Aber es befreit einen von dem Druck, unbedingt heiraten zu müssen, nicht wahr, Amalie?"

Jetzt veränderte sich Amalies Gesichtsfarbe erneut. Das Rot verschwand und wurde erst von Blässe, dann von hektischen roten Flecken auf ihren Wangen ersetzt. „Ich muss nicht unbedingt heiraten. Ich habe aus freien Stücken zugestimmt, Adams Frau zu werden, und das weißt du auch. Und ich werde… das… erst tun, wenn ich seine Frau bin. Ich bin nicht so wie du."

Ihre ältere Schwester zuckte nur wieder mit den Schultern, während Amalie zu einer Erklärung ansetzte, denn die beiden Exorzisten verstanden offensichtlich nicht, worum es hier ging. „Ich bin einem Mann aus der Gegend hier versprochen. Sein Name ist Adam und das Fest heute ist zugleich unsere offizielle Verlobungsfeier. Und ich wurde nicht gezwungen, so wie Friederike das darstellen will."

„Ach", erwiderte Jack nur tonlos, dann stand sie auf. „Wenn du uns nich mehr brauchst, dann würd ich mir jetz gern den Schmutz ausm Gesicht waschn, bevor das Essen serviert wird. Ihr entschuldigt mich."

Sie ging an den anderen drei vorbei in Richtung Tür; Lavi entschuldigte sich rasch und folgte ihr. Erst an der Treppe nach oben holte er sie ein. „Alles in Ordnung?" fragte er besorgt ihren Rücken. Sie war so schnell geflüchtet, dass er nicht anders konnte, als sich Sorgen zu machen.

„Ja klar, nur… 's ganze Gerede über Hochzeitn und…" Sie machte eine wilde Handbewegung, aus der wohl hervorgehen sollte, was sie noch meinte. Leider machte sie sich damit eher noch unverständlicher. „Außerdem will ich mir das Gesicht waschn, bevor der Dreck anfängt, hart zu wern. Vielen Dank übrigens", fügte sie jetzt erheblich besser gelaunt hinzu.

Lavi grinste und ging hinter ihr den Gang hinunter. Als er das Bad betreten wollte, hielt sie ihn davon ab. "Was denn?" Er wollte sich auch das Gesicht waschen; was war so schlimm daran?

„Du wartest."

„Und wieso?"

Eine leichte Röte überzog ihre Wangen; dann beugte sie sich leicht vor und flüsterte, so leise, dass niemand außer ihm sie hören könnte: „Ich muss den Verband neu wickeln. Durch die Arbeit is er verrutscht." Damit schlug sie ihm die Tür vor der Nase zu.

Lavi stand vor der Tür; den Mund halb offen in einer Erwiderung, von der er nicht einmal wusste, wie sie aussah; dann machte er eine Drehung nach links und ging den Gang entlang zu ihrem Zimmer. Erstens sah es dämlich aus, zweitens würde jemand stutzig werden, wenn er ihn vor der Tür stehen sah. Er wartete wohl besser im Zimmer.

Innen lehnte er sich an das dunkle Holz der Tür und schloss die Augen. Sofort öffnete er sie wieder, denn vor seinem geistigen Auge war das Bild von Jack erschienen, wie sie den Verband entfernte. Nicht gut. Gar nicht gut.


Wir sehen uns morgen zu einem weiteren Kapitel :)

Bleibt mir gewogen.