Tag 3 ist noch nicht vorbei ... ist ja erst Uhr ... ich bin stolz auf mich, ihr auch? :D
sternenhagel: Sick Puppies ist *hach* Metal und Rock, das ist einfach meins. Obwohl auch ab und zu etwas R'n'B oder ähnliches darunterrutscht ... Mein absoluter favorite ist immer noch GazettE *-* Die ich gestern ganz vergessen habe zu erwähnen *schäm* Obwohl ich von denen alle Alben und Live-DVDs hab *chrm* Ohoh, gebrannte Mandeln, dazu sag ich nicht nein. Magst du dafür was von meinem Kartoffelbrot abhaben? Das ist sensationell - vielleicht verzeihst du mir dann auch the lack of KandaxIan in diesem Kapitel. Bitte?
Rated: T
Disclaimer: Wie in allen meinen bisherigen Fanfictions gehört alles Katsura Hoshino. Nur meine OCs beanspruche ich für mich, weil ich ein Masochist bin und von ihnen in den Wahnsinn getrieben werde, ohne dafür irgendeine finanzielle Entschädigung zu erhalten.
1.2 Straßenkinder
Binnen zwei Minuten war Jack wieder da; offenbar hatte sie sich in Rekordzeit neu verbunden und das Gesicht gewaschen, denn ihr Gesicht war leicht gerötet und sie keuchte, weil sie gerannt war. „Beeil dich, die deckn schon auf."
Lavi stieß sich mit den Schultern von der Wand ab, an der er gelehnt hatte. „Woher weißt du das denn?" fragte er, als er auf sie zukam.
„Einer der Diener is grad vorbeigekommn, der hat mir das gesagt. Wollt sich wohl ersparn, klopfn zu müssn. Jetz mach schon."
„Ja, ja, komm wieder runter." Er blieb vor ihr stehen. „Wir kommen schon noch rechtzeitig."
„Nich, wenn du nich an-" Was sie sagen wollte, ging in dem Kuss unter, den Lavi ihr verpasste. Dieses Mal hatte er ihr Gesicht zwischen seine Hände genommen; ein weiterer Schritt, aber einer, vor dem sie nicht Angst hatte. Anscheinend bekam sie nicht gleich Panik, wenn er Schritt für Schritt vorging.
Sie kam allerdings erst dazu, das zu denken, als er sie wieder los- und das Zimmer verlassen hatte. Wie angewurzelt stand sie da und starrte auf die Stelle in der Luft, an der sich noch Sekunden zuvor sein Gesicht befunden hatte. Wieso hatte er das getan? Dreimal hintereinander?
War es vielleicht nur, weil sie in Reichweite war? Die einzige, die noch in Frage kommen würde, war Amalie, aber die war einem anderen versprochen, also tabu –mal abgesehen davon, dass sie ein halbes Dutzend Brüder hatte, die auf sie aufpassten. Aber sie, Jack, war weder das eine noch das andere –im Moment. Im Hauptquartier hatte sie Ian, aber der war gerade nicht da.
Dachte er an eine andere, wenn er sie küsste? An wen? Letzte Nacht hatte er sie angesehen, das wusste sie, aber was war mit jetzt? Sie hatte gesehen, dass Lavi von Frauen fasziniert war; war es ihm egal, welche er küsste? Und was würde auf dem Fest passieren? Dort waren ungefähr zweihundert hübscher Mädchen, sie würde Jungenklamotten tragen, sie wären in der Öffentlichkeit –alles denkbar schlechte Voraussetzungen. Und sie wollte nicht sehen, wie Lavi ein anderes Mädchen küsste, wollte es nicht einmal in Erwägung ziehen. Dafür gefiel es ihr viel zu gut, wenn er das bei ihr tat.
Aber würde er das noch tun wollen, wenn Ersatz verfügbar war?
Bestimmt nicht, fiel ihr unzufrieden stellendes Ergebnis aus.
„Jack?" Lavi stand in der Tür, die Stirn in Falten gelegt; sie hatte nicht einmal bemerkt, dass er zurückgekommen war. Dann fiel ihr auf, dass sie mehrere Minuten allein gewesen war, ohne Angst zu bekommen. Toll, denk einfach darüber nach, wie Lavi ein anderes Mädchen küsst, dann kriegst du überhaupt nichts mehr mit, nicht mal mehr das.
Sie schüttelte den Gedanken ab. Wieso machte es ihr überhaupt etwas aus? Jack beschloss, dass es das nicht tat, denn alles andere wäre unlogisch. Sie waren Freunde und Freunde dachten nicht so über andere Freunde. Dann hält sich Lavi wohl nicht für deinen Freund, flüsterte ein boshaftes kleines Stimmchen in ihrem Hinterkopf, aber sie ignorierte es. Sie war nur ein Ersatz, bis er etwas Besseres gefunden hatte. Trotzdem tat es weh, so behandelt zu werden.
Aber sie ließ sich nichts anmerken, als sie nebeneinander die Stiegen hinuntergingen; auch nicht während dem Essen oder der Kutschfahrt. Sie teilten sich, wie vereinbart, die Kutsche mit Bredow und seiner jüngsten Schwester, aber auch mit Stutterheim, der ebenfalls die Nacht auf dem Gut verbracht hatte. Nach einer Stunde hatten sie den Hauptplatz erreicht, wo noch immer an den Instandsetzungen von gestern gearbeitet wurde. Die Akuma hatten einigen Schaden angerichtet; zum Glück waren die Bewohner fast fertig, sodass bei Beginn des Festes wahrscheinlich nichts mehr zu sehen war.
Der ganze Platz war voller Menschen. In der Mitte war ein Podest aufgestellt worden mit einer Tanzfläche davor; beides wurde jetzt mit den Roseneibischen geschmückt. Am Rand der Fläche waren Tische und Bänke aufgereiht, dahinter gab es mehrere Buden, die Verschiedenes verkauften: Getränke, Bratwürste und Gebäck, Blumengestecke und –sträuße und Obst.
Neben dem Obststand stand ein kleiner Junge, versteckt und für die Menschen, die an ihm vorbeiliefen, nicht zu sehen. Aber sie schenkten ihm ohnehin keine Beachtung. Er war klein und dürr, eine Straßenratte, wie man sie jeden Tag sah, daran war nichts Ungewöhnliches. Und das Fest lockte sie hervor, in der Hoffnung, dass etwas für sie abfallen würde. Mit sehnsüchtigem Blick betrachtete er das Obst, das auf der Verkaufsfläche ausgebreitet war: Äpfel, Bananen, Orangen, Kirschen, Trauben und noch viel mehr.
Gerade als der Händler nicht hinsah, streckte er die Hand nach einem der Äpfel aus. Nur einer, das würde reichen, um seinen ärgsten Hunger zu stillen-
Einen Zentimeter vor seinem Ziel verharrte er, die Hand immer noch sehnsüchtig ausgestreckt. Der Dolch, der vor ihm im Holz des Standes steckte, hatte seine Fingerkuppen nur um Millimeter verfehlt.
Der Händler, ein dicker, rotgesichtiger Mann, war durch das Geräusch auf ihn aufmerksam geworden und wurde jetzt vor Wut noch roter. Er wollte den Bengel schon am Kragen packen und anbrüllen, aber jemand kam ihm zuvor. Der Junge wurde mit einer Hand am Kragen hochgehoben; die andere spielte lässig mit einem weiteren Dolch. „Eigentlich hatt ich auf deine Hand gezielt", bemerkte sein Gegenüber auf Englisch und mit gelangweilter Stimme.
Der Junge war gerade mal doppelt so alt wie er selbst, und ebenso dünn und schmächtig; trotzdem konnte er ihn mit einer Hand hochheben. Die schwarzen Augen unter den dunkelbraunen Strähnen verrieten nichts anderes als Langeweile, als er mit dem Daumen über die scharfe Kante der Klinge fuhr.
Jetzt wurde der Händler still; das Kreuz auf dem schwarzen Mantel des Jungen wies ihn als Geistlichen aus, aber abgesehen davon, dass er ziemlich jung war –ein bewaffneter Priester? Nervös rieb er sich die Hände an der fleckigen Schürze; er wusste nicht, wie er diesen Jungen einschätzen sollte. Auf jeden Fall fing er wohl besser damit an, sich zu bedanken. „Dan-"
„Den nehm ich mit, wenn sie nix gegen ham." Der Junge steckte den Dolch weg, zog den ersten, den er geworfen hatte, aus dem Holz der Verkaufsfläche und entfernte sich, den Dieb immer noch am Kragen gepackt und hochgehoben.
Kaum hatten sie den Hauptplatz verlassen und eine kleine Nebengasse hinter den Ständen betreten, begann der Junge wie wild zu strampeln und wollte sich losreißen. Er hatte Angst, was der Fremde mit ihm anstellen würde; da wäre es noch besser gewesen, er hätte ihn dem Händler überlassen. Aber als der andere zu sprechen begann, wurde er schlagartig still.
„Das war so blöd, dafür hättest du 'nen Preis verdient, ehrlich." Er stellte ihn auf die Füße, ließ ihn aber nicht los. „Hier." Er zauberte zwei Äpfel hervor und hielt sie ihm hin. „Du hast noch nich das Geschick für 'nen Dieb. Solang du das nich kannst, arbeit besser nich allein. Du brauchst 'ne ordentliche Ablenkung." Damit ließ er ihn los; der Junge überlegte nicht lange, sondern rannte davon, die beiden Äpfel fest an seine Brust gepresst.
Jack sah ihm nach und seufzte. Am Anfang war sie genauso gewesen; sie und Ian. Aber sie waren zu zweit gewesen, nicht so wie er. Einer hatte abgelenkt, der andere eingesteckt. Solange sie noch nicht schnell und geschickt genug gewesen waren, hatten sie nie alleine gearbeitet; das wäre tödlich gewesen. Erst später hatten sie langsam das Feingefühl und den Instinkt eines Diebes entwickelt, im Laufe der Zeit.
Und jetzt, wo sie ihre Fähigkeiten perfektioniert hatten, brauchten sie sie nicht mehr. Jack hatte es nie viel ausgemacht, zu stehlen; wenn es ums Überleben ging, kannten sie beide keine Skrupel. Skrupel waren ein Luxus, den man sich nicht leisten konnte, wenn man zur untersten Gesellschaftsschicht gehörte. Und die, die sich leisten konnten, Skrupel zu haben, die hatten keine; empörten sich aber über Diebe.
Projektion nennt man so was, glaub ich. Die eigenen Unzulänglichkeiten anderen Personen zuschreiben.
Sie trat wieder aus der Gasse auf den Hauptplatz und betrachtete im Gehen die Gäste der Bredows. Allesamt reich und gut situiert, gelangweilt und vom Leben nicht gefordert. Bestimmt hatte jeder von ihnen schon mindestens einmal das eine oder andere Gesetz übertreten, nur um des Nervenkitzels wegen. Jeder andere wurde dafür hart bestraft, aber wegen ihres Geldes und ihres Einflusses kamen sie davon. Diese Leute hatten keine Ahnung, wie es sich am anderen Ende der Nahrungskette anfühlte.
Dann widmete sie ihre Aufmerksamkeit den Bredows selbst. Genau dasselbe. Auch wenn manche von ihnen sympathischer waren als andere, so galt für sie doch genau das gleiche.
Sie sind alle gleich.
Als sie ihren Blick wieder weiterwandern ließ, wäre sie fast gestolpert. Sie fing sich gerade noch rechtzeitig, sodass es keinem auffiel. Unwillkürlich zuckte ihre Rechte zu einem ihrer Messer, aber es gab kein Ziel, auf das sie werfen hätte können.
Außer auf die Schwarzhaarige, die an Lavis Arm hing.
Sie gehörte nicht zu dem Gefolge der Bredows; weder Gast noch Familienmitglied, soviel stand fest. Sie waren noch keine fünfzehn Minuten hier und er hatte sich schon jemanden gefunden. Aus ihrer Haltung und ihren Blicken zu schließen, hätte sie den Exorzisten wahrscheinlich am liebsten gleich in irgendeine dunkle Seitegasse gezogen. Jack wurde schlecht.
Dann wurde sie -mal wieder- wütend auf sich. Schön für ihn, dass er sich amüsierte, das sollte sie eigentlich freuen; nur freute es sie eben nicht, und das machte sie wütend. Auch, dass sie das Mädchen am liebsten an den Haaren von ihm weggezerrt hätte.
Um die Energie zu nutzen, die ihr ihre Wut verschaffte, half Jack, die Blumen abzuladen, und brachte sie zu den Leuten, die damit dekorierten und sie in Position rückten, bis sie damit zufrieden waren. Bewegung hatte ihr bisher immer noch geholfen; im Wald war sie einfach so lange durch die Baumkronen gehetzt, bis sie vor Erschöpfung fast umfiel; im Orden hatte sie Botengänge erledigt. Etwas zu tun, bei dem sie ruhig sitzen musste, und das über Stunden, diente eher dazu, ihre Wut noch weiter anzufachen. Das wusste sie noch aus ihrer Kindheit, denn wenn sie sich mit Ian gestritten hatte, hatte Ruhe sie nur noch mehr aufgebracht, Bewegung hingegen besänftigt. Außerdem half es ihr, sich auf etwas anderes zu konzentrieren, dann musste sie nicht daran denken, warum sie wütend war.
Leider gelang ihr das diesmal nur mäßig, denn auf ihrem Weg musste sie immer wieder an der Quelle ihres Zorns vorbei, was ihren Unmut nur aufs Neue entfachte. Sie hatten sich auf eine der Bänke gesetzt und waren offenbar ganz in ein Gespräch versunken; ein sehr einseitiges Gespräch, wie sie feststellte –sie redete und er hörte zu. Mehr verbot sie sich, nachzuschnüffeln. Es. Ging. Sie. Wirklich. Nichts. An.
Nach einer Stunde war ihr Zorn immer noch nicht verraucht und das Pärchen –wie sie dieses Wort hasste- hatte sich immer noch nicht von der Bank wegbewegt. Sehr zu ihrem Missfallen gab es nun auch nichts mehr zu tun, weswegen sie jetzt auch nichts mehr hatte, was sie ablenkte. Sie stieß ein unwilliges Geräusch aus, nachdem sie den letzten Blumenstock abgeliefert hatte und zwang sich, nicht in die Richtung der beiden zu sehen. Stattdessen wanderte sie auf dem Platz herum, sah sich alles genau an und beobachtete die Leute.
Irgendwann fingen ihre Gedanken an, auf Wanderschaft zu gehen, während sie langsam an den Hausreihen vorbeischlenderte. Was wohl Ian gerade machte? Vermutlich übte er oder spielte Poker mit Allen. Er konnte es sich auch in der Bibliothek gemütlich gemacht haben, mit einem Buch und einer Tasse Tee, die er Jeryy abgeschwatzt hatte. Es konnte allerdings auch sein, dass er gerade jetzt, in diesem Moment, mal wieder wie der erste Mensch aussah, weil er Kanda gesehen hatte. Jack war nicht blind; sie hatte gemerkt, dass ihr Plan mit dem Duell nicht aufgegangen war. Es war von Anfang an ein bescheuerter Plan gewesen, aber der einzige, der ihr in dem Moment eingefallen war. Ians… was-auch-immer hatte sich dadurch nicht gebessert, eher noch verschlechtert.
Sie lachte bitter auf. Wer war sie, über Ian zu richten, wenn es ihr selbst nicht besser ging? Sie konnte Lavi ja nicht einmal mit jemand anderem sehen, ohne wütend zu werden. Wenn sie genau darüber nachdachte, dann ähnelten sich die Symptome ihrer und Ians ‚Krankheit' doch schon sehr. Sie kam nur nicht dahinter, wie die Diagnose lautete.
Jack war so in ihre Überlegungen versunken, dass ihr der Mann in der Seitengasse, an der sie gerade vorbeiging, gar nicht auffiel. Er hatte sie allerdings sehr wohl bemerkt, besonders das Silberkreuz auf ihrem Mantel.
„Achtung!"
Bei dem Ruf fuhr sie herum, in der linken Hand das Sai –gerade noch rechtzeitig, um die Kanone zu erkennen, die auf ihren Kopf gerichtet war. Sie wuchs aus dem Kopf des Mannes, der sich auf sie stürzte.
Ihre Klinge blitzte silbern, als sie durch die Luft zischte, dann war es vorbei. Sie zog ihre Waffe aus dem Hals des Akuma, das daraufhin zu Staub zerfiel. Erleichtert atmete sie auf. Das war gerade noch gut gegangen. Wäre der Schrei nicht gewesen…
Sie drehte sich zu ihrem Retter herum, während sie das Sai wegsteckte. Mit großen Augen starrte der kleine Dieb auf den Aschehaufen hinter ihr, dann huschte sein Blick zu dem Griff der Waffe, die aus der Tasche an ihrem Rücken ragte.
„Denk nich mal dran."
Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder ihr zu. Sie blieb vor ihm stehen, dann ging sie in die Hocke und lächelte. „Trotzdem danke. Hast mir den Arsch gerettet."
„Hast mir ja auch die Äpfel gegebn", erwiderte er mit all dem Ernst, den ein Kind aufbringen konnte.
„Dann sin wir jetz wohl quitt, was?"
Der Junge schniefte. „Nee, warn zwei Äpfel. Bin dir noch was schuldig."
Sie musste erneut lächeln. „Für 'ne Straßnratte bist du aber ganz schön großzügig."
Jetzt war er beleidigt. „Nenn mich nich so, bist ja selber eine."
„Touché." Jack betrachtete den Jungen genauer. Er war höchstens zehn, mit dichten, schwarzen Locken und hellen Augen. Einen Moment stockte sie, dann sah sie genauer hin. Im ersten Moment hatte sie sie für hellbraun gehalten, aber in Wirklichkeit waren sie bernsteinfarben, fast schon gelb, heller als die aus ihren Alpträumen. Er hatte Augen wie eine Katze.
Und er wand sich unter Jacks intensivem Blick. Als Straßenjunge war er es nicht gewohnt, so viel Aufmerksamkeit zu bekommen. „Was'n?"
Jack schüttelte den Kopf. „Nix. Hast du Eltern?"
„Ey, wenn du versuchst, mich in 'n Heim zu steckn-"
„Will ich nich. Also bist du Waise. Ich kenn wen, der hat auch keine Eltern mehr."
„Du bist doch auch vonner Straße-"
„Ja, aber ich hab schon Eltern." Sie lächelte bitter. „Kenn sie nur nich."
„Weiß nich, ob das schlimmer is, als keine zu ham." Er zuckte mit den Schultern. „Aber, keine zu ham, is auf jedn Fall scheiße."
Sie sah ihn misstrauisch an. „Woher kannst du eigentlich Englisch?" Seine Aussprache war furchtbar, sein Akzent deutlich zu hören, aber er beherrschte es, und das ziemlich gut.
„Da gibt's so'n Wirtshaus, wo der Wirt Engländer is. Ich schlaf aufm Dachbodn, wenn er's nich merkt. Der redt immer Englisch, führt Selbstgespräche un so. Hab's mir selbst beigebracht." Er grinste. „Der redt auch im Schlaf auf Englisch."
Jack musste ebenfalls lächeln. Das war bestimmt nicht einfach, sich eine Sprache selbst beizubringen, aber er hatte das ganz gut hinbekommen. „Wie heißt du?"
„Willst mich aushorchn?"
„Nur dein'n Namn. Ich heiß Jack."
„Ich war mal bei so 'ner Tante, Nonne oder so, die hat mich Gregor genannt." Er verzog das Gesicht. „Ich mag den Namn aber nich."
„Ich auch nich. Greg klingt viel besser."
„Greg? Mag ich." Er deutete mit dem Daumen auf seine Brust. „Dann heiß ich Greg."
„Schön, Greg, hast du Hunger?" Sein Magenknurren antwortete für ihn. Er verzog entschuldigend das Gesicht, aber sie winkte ab. „Wenn ich heut nur zwei Äpfel gegessen hätt, wär ich auch hungrig." Dann sah sie ihn ernst an und deutete auf den Stand, an dem Bratwürste verkauft wurden. „Ich lenk den Dicken da hinten ab, und du holst uns was, klar? Für uns beide, nich nur für dich."
„Geht klar." Er flitzte davon, während sie aufstand.
Das konnte sie sich gerade noch leisten, nachdem sie schon Geld für die Äpfel dagelassen hatte. Gut, dass sie Komui etwas Geld aus der Hüfte geleiert hatte, sonst hätte sie ihr Versprechen, nicht mehr zu stehlen, brechen müssen.
Also trat sie an die Bude und wechselte ein paar Worte und Münzen mit dem Händler. Er schaute dafür demonstrativ weg, während Greg zugriff, und tat so, als würde er sich mit ihr unterhalten. Ein paar Minuten später saßen sie beide auf der Kante eines Daches von einem der Häuser rund um den Hauptplatz, jeder eine Semmel und eine Bratwurst in der Hand.
Gierig schlang Greg seine Portion herunter, noch bevor sie angefangen hatte; dann sah er sehnsüchtig auf ihre. Mit einem leisen Seufzen überließ sie sie ihm, erinnerte ihn aber, nicht so hastig zu essen, damit er keine Bauchschmerzen bekam; man konnte nicht gut klauen, wenn einen Bauchschmerzen ablenkten. Außerdem wusste er nicht, wann er das nächste Mal etwas zu essen bekäme, er sollte es genießen.
Die zweite Portion aß er so langsam und andächtig, dass ihr vom Zusehen fast die Augen zufielen. Sie hatte von Anfang an vorgehabt, sie ihm zu überlassen, denn nach dem reichen Mittagessen hatte sie keinen Hunger mehr. Außerdem würde es am Tisch der Bredows auch noch ein Dinner geben, also musste sie nicht vorsorgen.
Um nicht schlafend hintenüber zu kippen, ließ sie ihren Blick über die Menge schweifen. Von hier oben hatte sie einen fabelhaften Blick auf den ganzen Hauptplatz und das Blumenmeer, in dem er badete. Überall standen Lampen, die angezündet werden würden, sobald es dunkel wurde, und dem Ganzen einen so romantischen Anstrich geben würden, dass sie sich unwillkürlich an die Romane erinnerte, die sie gelesen hatte; die Stücke, die alle von der Liebe handelten. Wirklich ideal, um eine Verlobung anzukündigen. Der ganze Kitsch und die Romantik würden heute sicher noch dazu führen, dass einige erst sehr spät ins Bett kommen würden, wenn überhaupt. Und am nächsten Morgen würde nicht nur ein Mädchen feststellen, dass die ganzen Versprechungen nichts wert waren. Das Leben war eben kein Stück von Shakespeare, wie ‚Ein Sommernachtstraum'; es war in keinster Weise so. Das Leben war hart, brutal und unbarmherzig; wenn man nicht aufpasste, wurde man überfahren. Die Welt nahm keine Rücksicht auf die romantischen Schwärmereien und die ganzen Flausen, die die jungen Leute im Kopf hatten; sie wurden gnadenlos niedergebügelt. Die Realität wurde ihnen ins Gesicht geknallt und wer nicht damit zurecht kam, der kam stattdessen unter die Räder.
Das war eine der Sachen, die sie auf die harte Tour hatte lernen müssen.
Greg hatte aufgegessen; er leckte sich noch einmal die Finger, dann folgte er Jacks Blick. „Du bist Engländer, oder?"
„Jep."
„Was machst du dann hier?"
„Arbeit. Ich hab 'n Job gefunden, bei dem ich ziemlich viel reis. Kein Geld, aber Essen und 'n Dach überm Kopf. Aber nix für dich", fügte sie hinzu, als sie seinen Blick sah.
Enttäuscht sank er in sich zusammen. „Hat was mit diesem Monster zu tun, richtich?"
„Bingo."
„Und ich kann das nich?"
„Erstens bist du zu jung, zweitens kann das nich jeder. Is 'ne spezielle Waffe, weißt du. Gibt Menschen, die können damit kämpfen, andre nich."
„Ich bin nich zu jung-"
„Doch, bist du. Jeder von uns riskiert jedes Mal seinen Arsch, wenn er kämpft. Die sin keine Menschen, die ham nur das eine Ziel, uns kaltzumachn. Denen is egal, wie viele sie umbringen, das macht ihnen sogar Spaß. Der Orden würd nie ein Kind für sich kämpfen lassn."
„Aber dich."
Sie lächelte traurig. „Ja. Gut, is vielleicht nich ganz richtig, keine Ahnung, ob die ein Kind nehmn würdn, aber ich glaub, Komui –mein Chef- wär dagegen. Außerdem", jetzt sah sie ihn an, immer noch mit dem traurigen Lächeln auf den Lippen „würd ich dich nich gern sterben sehn."
Greg wandte den Blick ab. Eine lange Zeit herrschte Schweigen, dann sprach er wieder. „Bist der erste, der so was sagt."
„Meins auch so." Jack grinste. „Aus irgendeinem Grund mag ich dich kleine Rotzgöre."
„Arschloch, selber Rotzgöre", gab Greg beleidigt zurück.
Sie lächelte wieder, dann blickte sie wieder auf den Hauptplatz. Es war inzwischen vier Uhr; in gut zwei bis drei Stunden würden die Lampen angezündet werden und der Tanz beginnen. Dann würden sich auch die Huren und Diebe unters Volk mischen und beginnen, sich ihr Geld zu verdienen. Auch eine Kleinstadt hatte ihren Teil an diesen Gewerben, auch diese, davon war sie überzeugt. Wenn es Gossenjungen gab, waren andere Gesetzlose meist nicht weit.
Jetzt schon erkannte sie ein paar besonders Waghalsige, die zwischen den Buden und Ständen umherstreiften; sie erkannte sie an ihren Bewegungen und ihren Gesichtern, der Art, wie sie die anderen Leute beobachteten. Für sie hoben sie sich so deutlich von der Menge ab, als würden sie Schilder tragen.
Sie begannen ein Spiel; es hieß ‚Finde-den-Dieb', bei dem sie die Diebe in der Menge finden mussten; es war mehr für Greg als für sie selbst, denn sie wusste schon im Vorhinein, wer ein Dieb war und wer nicht. Hin und wieder machte sie eine Bemerkung zu einem der Männer –oder zu einer Frau-, um ihm zu zeigen, wer besonders geschickt vorging und dadurch vermutlich ein paar Tage länger überleben würde.
Irgendwann blieb ihr Blick an der Gruppe hängen, mit der sie gekommen war. Gegen ihren Willen suchte sie nach Lavi und hatte seine roten Haare bald ausgemacht; leider auch das Mädchen, das noch immer wie eine Klette an ihm hing. Und es schien ihm auch überhaupt nichts auszumachen, wobei sie das von hier aus natürlich nur sehr bedingt erkennen konnte. Aber die Tatsache, dass er sich seit Stunden mit ihr unterhielt, sprach Bände. „Sag mal, Greg?" fragte sie –erneut gegen ihren Willen.
„Hm?"
„Kennst du die da? Die Schwarzhaarige, die da so an dem Karottenkopf hängt?"
Er folgte ihrem Finger in die Richtung der beiden und nickte. „'s is die Tochter vom Bäcker, Emilia. Aber ihn kenn ich nich."
Ich schon. „Wie is die so?"
Greg grinste viel anzüglicher, als er es für sein Alter können sollte. „Scharf?"
Jack warf ihm einen angewiderten Blick zu, woraufhin er lachte. „Bist wahrscheinlich der einzige, der so denkt. Alle andren fangen an zu sabbern."
Hässlich war sie ja nicht gerade.
„Aber normalerweis is ihr Alter immer in der Nähe, deswegen kommt keiner zum Zug. Komisch, dass der sich ausgerechnet heut nich blickn lässt, dabei lässt ihre Mutter sonst kein Jahr aus."
Natürlich musste ausgerechnet Lavi dieses Glück haben.
„Sicher sin nachher, wenn's dunkel wird, alle hinter ihr her, dann hat der Karottenkopf keine Chance mehr. Die is fast so beliebt wie die Jüngste von den Feinen, bei denen sie sitzt."
„Amalie?"
„Genau die."
„Jetz, wo die verlobt is, hat Emilia sicher noch mehr Verehrer am Hackn."
„Die is verlobt?"
Jack nickte stumm. Den Blick immer noch auf das Paar gerichtet, meinte sie: „Heut is Ankündigung."
Greg lachte. „Geht an Emilia sicher runter wie Honig. Die hat sie noch nie ausstehn können."
Jack musste ebenfalls lachen. Sie riss sich von den beiden los und sah Greg an. „Wird wahrscheinlich die ganze Nacht tanzn, jetz wo ihr Vater nich da und Amalie aus dem Weg is."
„Wahrscheinlich."
Sie blieben noch bis zum Sonnenuntergang auf dem Dach, den sie sich von dort aus ansahen; Greg erzählte, wie er einmal einen halben Kuchen aus der Konditorei hatte mitgehen lassen, Jack, wie sie es geschafft hatte, Linali das Foto abzunehmen. Sie schilderte, mit dem Rücken gegen das Dach gelehnt und die Augen auf die untergehende Sonne gerichtet, wie sie mit ihrem Bruder jahrelang in der Höhle gelebt hatte, zusammen mit den drei anderen, wie sie im Winter von fast nichts anderem als Nagetieren gelebt hatten und wie sie kämpfen gelernt hatten. An diesem Punkt zog sie einen ihrer Dolche aus dem Ärmel und hielt ihn gegen das Licht. Sie war sehr stolz auf ihre Sammlung; immerhin konnte sie zehn Dolche ihr eigen nennen, allesamt sehr gute Waffen und in tadellosem Zustand. Darauf hatten sie immer achten müssen; ein Dieb und Räuber war nur so gut wie seine Waffen. Nie hatte sie eine der Waffen hergegeben, das hatten ihr die anderen beigebracht; auch, wenn sie davon etwas zu essen kaufen hätte können, sie war nie so verzweifelt, dass sie ihre Waffen verkauft hätte. Sie lebte von dem, was sie damit verdiente.
Ian hatte ebenso immer seine zehn Dolche bei sich; sie trugen sie immer bei sich und legten sie nie weg. Sie wetteten auch nicht darum, denn ihre Messer waren ihnen heilig. Überhaupt wusste auch nur Lavi, wie viele sie hatte; die anderen hätten sicher nicht vermutet, dass sie mehr als einen bei sich trugen. Das wäre allerdings eine grobe Fahrlässigkeit; wenn sie werfen mussten, brauchten sie immer noch mindestens eine Waffe, mit der sie sich verteidigen konnten.
Jack bemerkte Gregs bewundernden Blick, als er die glänzende Klinge und den mit Leder umwickelten Holzgriff betrachtete. Er hatte bisher sicher selten die Gelegenheit gehabt, sich so eine Waffe aus der Nähe anzusehen –ohne befürchten zu müssen, damit verletzt, verstümmelt oder getötet zu werden. Sie erlaubte ihm, sich die Waffe genauer anzusehen, achtete allerdings auf jede kleinste Bewegung von ihm. Ihre Messer waren ihr heilig.
Gerade als er es ihr zurückgab und sie es wieder einsteckte, gingen unter ihnen die Lampen an. Sie hörten sich noch von oben die Rede an, die der Bürgermeister zur feierlichen Eröffnung hielt, dann kletterten sie wieder hinunter, als die Musik einsetzte. Greg hatte Recht gehabt; sogar von hier aus konnte Jack sehen, wie Emilia belagert wurde. Alle wollten mit ihr tanzen, stellte sie zu ihrer Befriedigung fest.
Sie wandte sich zu dem kleinen Jungen um. „Was machst du jetzt?"
„Du?"
„Ich muss wieder an die Arbeit." Nach Akuma und Emilia Ausschau halten.
„Ich auch." Stehlen.
Sie lächelte, dann ging sie vor ihm in die Hocke, stützte sich auf ihr linkes Knie und zog das Messer, das sie ihm vorhin gezeigt hatte. „Hier. Schenk ich dir."
Ehrfürchtig nahm er es in die Hand; sie zog das Lederband aus ihrem Ärmel, an dem sie es angebracht hatte. Wie einen Gürtel band er es sich um und steckte die Waffe hinein. „Warum?"
„Ich hab dir doch gesagt, dass ich kleine Rotzlöffel wie dich mag." Sie sah ihn ernst an. „Verwend es erst, wenn du damit umgehn kannst, klar? Sonst kann der nächste, der daherkommt, es gegen dich verwendn. Und versteck es gut; so was is ziemlich wertvoll. Üb damit, dann kannst du irgendwann kämpfn. Und, Greg."
Er sah von dem Messer auf.
„Such dir jemanden. Tu dich mit wem zusammn, mit dem du arbeitn kannst. Allein is es gefährlich, kapiert?"
Greg nickte feierlich. „Mach ich, kannst Gift drauf nehmn."
Jetzt lächelte sie. „Gut. Wenn ich mal wiederkomm, will ich sehn, dass du noch lebst."
„Gehst du denn?" fragte er mit großen Augen; sie glaubte, Enttäuschung darin zu erkennen.
„Heut is der letzte Tag; morgn geht mein Zug. Ich würd gern länger bleibn, aber das geht nich."
Sie wurde überrascht, als Greg sie plötzlich umarmte; das hätte sie nicht erwartet, nachdem sie sich erst wenige Stunden kannten. „Pass auf dich auf", sagte er ernst, dann rannte er davon.
Sie sah ihm nach, verblüfft, weil er sie umarmt hatte, und traurig, weil er weg war. Sie hatte ihn wirklich gern gewonnen; wie einen zweiten kleinen Bruder. Hoffentlich überlebt er, betete sie, bitte lass ihn leben.
Jack stand auf und atmete tief durch. Zeit, sich ihren eigenen Problemen zu widmen. Die Stunden mit Greg hatten sie ziemlich gut abgelenkt, aber jetzt musste sie sich trotzdem der Realität stellen; ein kurzer Moment der Ruhe war ihr gegönnt worden, aber mehr war leider nicht drin.
Und die Realität saß nun mal hinter ihr auf einer Bank und beobachtete die tanzenden Paare, und lag nicht auf einem Hausdach.
Während sie sich durch die Reihen aus Bänken und Tischen schlängelte, beobachtete sie die Leute, einerseits, um auf verdächtige Bewegungen sofort reagieren zu können, andererseits, um Lavi nicht ansehen zu müssen. Immer näher kam sie dem Tisch, an dem er saß, bis sie ihn erreicht hatte. Sie war sich sicher, dass er Emilia beim Tanzen zusah; das Mädchen war mit einem ihrer Verehrer auf und davon.
Dann stand sie schließlich neben ihm. „Hey."
Könntet ihr Lavi verzeihen und dabei ruhig bleiben? Ich nicht *hüstel*
Wir sehen uns morgen in alter Frische.
Bleibt mir gewogen.
