Tag 5, schon zwei Drittel haben wir schon geschafft - seid ihr nicht stolz auf mich? :D
sternenhagel: Oh, dass es im Schwarzen Orden auch mal langweilig werden kann, ist eine These, die ich mit Feuereifer vertrete. Wenn die Exorzisten nicht auf Missionen sind, sich nicht gegenseitig die Schädel einschlagen, schlafen, essen oder in Bädern verschwinden - was bleibt ihnen denn da noch zu tun? Richtig, nichts. Da muss man sich eine Beschäftigung suchen und die sind da vermutlich nicht sehr dicht gestreut, hab ich das Gefühl. Die expliziten Szenen bekommst du auch noch, versprochen, ich hab das Rating ja nicht umsonst höher geschraubt ... für später. Den ... Marillenstrudel darf ich wohl nur haben, wenn KandaxIan vorkommt, oder? Na ja, es war schön, davon zu träumen.
Rated: T
Disclaimer: Man kann nicht behaupten, ich hätte es nicht oft genug gesagt, oh nein, kann man nicht. Es gehört trotzdem nichts mir und verdienen tu ich damit schon gar nichts. So, seid ihr jetzt zufrieden?
1.4 Oh, die Netze, die wir knüpfen, wenn uns nichts Besseres einfällt…
Es dauerte noch einige Stunden, bis die Bredows entschieden, dass sie auf Gut Briesen zurückkehren würden. Gemeinsam mit ihren Gästen und den Exorzisten –Stutterheim blieb gleich in der Stadt- stiegen sie in die Kutschen und fuhren zurück.
Gleich nach ihrer Rückkehr überreichte der Erbe ihnen endlich das Schwert, mit der Mitteilung, dass um ein Uhr ein Zug gehen würde; wenn sie noch drei Mal umstiegen, würden sie auf direktem Wege nach London sein. Schon morgen Mittag wären sie dann wieder im Hauptquartier, um das Schwert bei Hevlaska abzuliefern. Sobald das Innocence extrahiert wäre, würden sie es zurückschicken; mit ein, zwei Findern in Begleitung, denn so etwas Wertvolles schickte man sicher nicht auf dem Postweg.
Sie verabschiedeten sich von der Familie; die Gäste waren schon zu Bett gegangen, und sie waren nicht wirklich scharf darauf, sich von denen zu verabschieden. Amalie überredete ihren Bruder, ihnen für ihre Rückkehr in die Stadt noch einmal die Kutsche zur Verfügung zu stellen, sodass sie schon nach wenigen Minuten in dem luxuriös gepolsterten Kutschenraum saßen.
Die Lampe, die an der Decke hing, schaukelte leicht, als die Kutsche über die holprige Straße rollte, aber das Gestell war sehr gut gefedert; sie spürten fast nichts von den rumpelnden Bewegungen der Räder. Jack fielen fast die Augen zu, während sie nach draußen in die stockdunkle Nacht starrte; es war fast Mitternacht, die Polster weich und der Innenraum der Kutsche trotz Lampe nicht wirklich sehr hell; eher schummrig, also war es nur natürlich, dass sie müde wurde. Außerdem war es noch eine gute Stunde hin, bis die Kutsche die Stadt erreicht hätte, denn in der Dunkelheit konnte der Kutscher die Pferde nicht so schnell gehen lassen, also dauerte die Fahrt etwas länger.
Sie gähnte leicht hinter vorgehaltener Hand. Im Zug würde sie vorerst auch nicht schlafen können, denn sie mussten aufpassen, ihre Station nicht zu verpassen, wenn sie umstiegen. Erst im Zug, der direkt nach London fuhr, würden sie schlafen können; er endete in London, also bestand keine Gefahr, dass sie zu weit fuhren. Zumal zwischendurch noch zwei Finder einsteigen würden, die ebenfalls auf dem Weg ins Hauptquartier waren und sich ihnen anschließen würden. Bei vier Leuten waren die Chancen höher als bei zwei, dass einer von ihnen rechtzeitig aufwachte, wenn der Zug in den Bahnhof einfuhr.
„Müde?" fragte Lavi aus der anderen Ecke der Kutsche, als er sie gähnen sah.
„Nein, Kaumuskelgymnastik." Jack lächelte. „Und du?"
Er nickte nur; der Nachmittag hatte ihn ziemlich geschlaucht, mehr noch als das Hin- und Herschleppen von Pflanzenkübeln am Vormittag. Dann gähnte er ebenfalls. „Vielleicht solltest du schlafen, hm?"
Sie schüttelte den Kopf. „Ich hab noch Energie; aber du kannst ruhig schlafn, ich pass schon auf, dass keiner kommt und dich wegträgt."
„Das wäre aber unfair dir gegenüber."
Jack grinste. „Dann sieh es als Wiedergutmachung für die Woche, in der du Krankenschwester spieln hast müssn."
Darauf wusste er nichts zu erwidern. Nach kurzer Zeit zuckte er schließlich mit den Schultern und machte es sich in den Polstern bequem. Es dauerte nicht lange und er war eingeschlafen.
Sie lächelte erneut, als sie den schlafenden Exorzisten betrachtete. Wenn er schlief, sah er so aus, als könnte er kein Wässerchen trüben. Aber wenn er wach war, fielen ihm die unmöglichsten Dinge ein; in diese Kategorie fiel auch, was er ihr zugeflüstert hatte. Allein die Vorstellung kam ihr so absurd vor, dass sie den Impuls unterdrücken musste, heftig den Kopf zu schütteln. Nie könnte sie…
Aber wenn nicht, dann würde er sie womöglich nie wieder küssen; die Vorstellung schreckte sie noch mehr ab. Er hatte es nicht direkt so gesagt, aber seine Formulierung ließ darauf schließen.
Das nächste Mal solltest du vielleicht versuchen, mich zu küssen.
Dieser kurze Satz ließ sogar auf sehr viel schließen. Zum einen, dass er ein nächstes Mal wollte; allein das hatte schon dafür gesorgt, dass ihr Herz einen Satz machte, als er das sagte. Außerdem drückte er damit aus, dass sie einmal die Initiative übernehmen sollte –aber sie wusste beileibe nicht, wie. Schlimmer noch, sie fürchtete, etwas falsch zu machen; so viel Erfahrung hatte sie ja nun auch wieder nicht. Was, wenn es ihm nicht gefiel?
Zu guter Letzt war damit eben sehr unsicher, ob er noch einmal auf sie zukommen würde, solange sie es nicht tat. Es lag jetzt an ihr; er würde höchstwahrscheinlich nichts mehr unternehmen, sondern sich zurücklehnen und abwarten.
Ein Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Wenn sie richtig schlussfolgerte, dann hatte sie damit auch die Zügel in der Hand. Auch, nachdem E- sie halt- verschwunden war, hatte Lavi sich in den folgenden Stunden auf dem Fest nicht mit anderen Mädchen abgelenkt. Die ganze Zeit war er neben ihr geblieben, auch, als sie vom langen Sitzen zappelig geworden war; er hatte vorgeschlagen, dass sie einfach eine Runde um den Platz drehten. Und kein einziges Mal hatte er sich nach einer anderen umgedreht, das wusste sie genau -wie sie zu ihrer Schande zugeben musste. Mit Adleraugen hatte sie verfolgt, wie andere ihm zulächelten, zuzwinkerten oder einfach auf ihn zukamen und ihn einluden, sich zu ihnen zu setzen oder mit ihnen zu tanzen; dabei kannten sie nicht einmal seinen Namen. Er hatte jedes Mal freundlich abgelehnt, sehr zum Verdruss der einzelnen Mädchen.
Und jetzt kam ihre grenzgeniale Schlussfolgerung. Andere Mädchen interessierten ihn offenbar nicht mehr; zumindest, so weit sie das sehen konnte. Anscheinend gefiel sie ihm aus irgendeinem Grund besser, als sie erwartet hatte. Immerhin hätte er nur ein Wort sagen müssen, und E- sie halt- wäre auf- und abgesprungen und hätte geschrieen wie ein Affe, wenn er das gewollt hätte. Egal, wie dumm sie war, hübsch war sie, und Intelligenz –oder ein Mangel derselben- hatte noch keinen Mann davon abgehalten, eine Frau flüchtig zu begehren. Sie hätte mit Begeisterung zugestimmt, da war sich Jack sicher. Aber –jetzt musste sie schlucken, bevor sie diese Worte auch nur dachte- Lavi wollte sie.
Und das war der springende Punkt. Es gefiel ihm allem Anschein nach, sie zu küssen. Wenn er sie gerne küsste, dann würde es ihm sicher nicht gefallen, auf einmal damit aufhören zu müssen. Und das für eine längere Zeit.
Sie grinste sardonisch. Er hatte sie testen wollen, aber sie konnte den Spieß genauso gut einfach umdrehen. Sie war neugierig, wie er reagieren würde, wie lange es dauerte, bis er von sich aus wieder auf sie zukam. Lassen wir ihn ein wenig zappeln, mal sehen, was passiert.
Darin war sie gut, sehr gut sogar. Ian hatte einmal gesagt, das war schon fast übermenschlich. Aber es lag einfach nur daran, dass sie diese Taktik sehr gut kannte, weil ihr über alles geliebter Bruder sie oft genug an ihr selbst ausprobiert hatte, wenn sie wieder mal Mist gebaut hatte. Sie kannte die Anzeichen, wenn jemand kurz davor war, aufzugeben, und hatte über die Jahre gelernt, sich davon nichts mehr anmerken zu lassen; bis sie so gut war, dass er sich zu dieser Aussage hatte hinreißen lassen. Jetzt war sie selbst eine Meisterin darin, jemanden zappeln zu lassen; schade nur, dass sie bisher wenig Gelegenheit gehabt hatte, es auszuprobieren, denn als ihr Zwilling wusste Ian es besser und hatte sich noch nie täuschen lassen. Er war der Bessere in dem Spiel und hatte bisher noch jedes Mal gewonnen, aber wer wusste schon, wie lange andere das aushielten?
Schade, dass sie dadurch ebenfalls darauf verzichten musste, geküsst zu werden; aber immerhin waren sie zum Hauptquartier unterwegs. Dort war es nicht so einfach, lang genug Mädchen zu sein, um geküsst zu werden, ständig war irgendjemand in der Nähe, der –wie alle anderen- nur Jack, den Jungen kannte. Und sie wollte beileibe nicht Lavis Ruf schädigen. Um ihren eigenen scherte sie sich eigentlich weniger, sie achtete nur darauf, dass niemand Verdacht schöpfte. Und da die Leute nur sahen, was sie sehen wollten, würden sie sich von einem einzigen Kuss nicht davon überzeugen lassen, dass sie ein Mädchen war. Da brauchte es schon mehr.
Sie musste nur aufpassen, dass Ian ja nichts davon mitbekam. Er würde sofort Lunte riechen, wenn sie sich auch nur irgendwie anders verhielt. Es würde ein wahrer Drahtseilakt werden, vorsichtig zu sein, aber sich nicht anmerken zu lassen, dass sie vorsichtig war.
Als hätte ich noch nicht genug damit zu tun, zu verstecken, dass ich ein Mädchen bin.
Ihr Blick schweifte zu der Holzbox neben ihr auf dem Sitz. Sie fragte sich, wie Hevlaska das Innocence extrahieren wollte; sie konnte sich darunter nicht wirklich viel vorstellen. Aber Komui hatte gesagt, sie würden es zurückschicken; also konnte sie davon ausgehen, dass sie das Schwert nicht zerstören mussten.
Sie zog ihre eigene Waffe. Nachdem sie in Chenonceau reines Innocence gesehen hatte, konnte sie sich nur schwer vorstellen, wie es in ihre Waffe passte. Innocence hatte doch eine eigene Form; wie konnte es sich dann in ihren Sai befinden? Vor allem, wie konnte es sich aufteilen?
Jack hoffte, dass sie es besser verstehen würde, wenn sie sah, wie Hevlaska dass Innocence aus dem Schwert entfernte. Beim letzten Mal hätte Ian es sich ansehen und ihr dann erzählen können, aber er hatte seinen Arm verbinden lassen müssen. Jetzt konnte sie ihm erzählen, was passierte.
Sie lächelte, als sie an den Tag zurückdachte, an dem sie die Sai bekommen hatte. Ben hatte sie ihr überreicht und sich dann so schnell wie möglich aus dem Staub gemacht. Keiner der drei war besonders gut im Nettsein; sie behaupteten sogar, dass ein netter Dieb eine Schande für alle anderen Gesetzlosen wäre. Als Ben und Johnny sie aufgegabelt hatten, hatten sie ihnen nach ihrer Aufnahme in die Gruppe zu essen gegeben; soviel, wie sie eben entbehren konnten. Nachdem sie aufgegessen hatten, wollten sie sich bedanken, aber die beiden hatten ihnen das Wort abgeschnitten und ihnen verboten, sich je wieder zu bedanken. Ein Dieb bat nicht und ein Dieb bedankte sich nicht; Diebe waren nicht höflich, und damit basta.
Danach hatten sie sofort mit ihrer Ausbildung begonnen. Die damals Zwölfjährigen hatten zwar schon etwas Erfahrung als Taschendiebe und waren auch in der Lage, den Händlern ab und zu etwas zu essen abzunehmen; nun aber lernten sie alle Feinheiten, um professionell vorzugehen. Sie waren beide gute Diebe, aber Ian war als Räuber besser als Jack; lange Zeit hatte Jack nicht alleine arbeiten können, weil es zu gefährlich war. Seit sie neun gewesen waren, hatte Ian die nötige Härte und Brutalität gehabt, etwas, das Jack auch danach noch gefehlt hatte.
Bis Michael gekommen war. Er hatte sich ihrer Gruppe angeschlossen und den Unterricht der beiden übernommen; sich in der Öffentlichkeit zu zeigen, war für ihn ohnehin schwer gewesen, also war er mit ihnen im Wald geblieben. Und wieder war Ian besser gewesen, während Jack intensivst Nachhilfe gebraucht hatte. Michael hatte jeden Trick anwenden müssen, den er auf Lager hatte, um ihr beizubringen, so zu wirken. Sie hatte es einfach nicht begriffen, bis Ian eines Tages wieder –aus Wut- die magischen Worte gesprochen hatte. Woraufhin Jack Michael fast umgebracht hätte, wenn sie nicht rechtzeitig wieder zu sich gekommen wäre. Ab da war er sehr vorsichtig bei diesem Thema; sie wussten nie, wie sie reagieren würde. Manchmal war sie lethargisch, dann wieder den Tränen nahe, aber am häufigsten war sie daraufhin rasend vor Zorn.
Allerdings hatte sie auch so den Schlüssel zu der Technik gefunden; zumindest glaubte sie das. Noch immer war sie nicht in der Lage, zu töten, aber sie war gut genug, um Leute auszurauben. Das reichte.
Lange Zeit hatten sie herumexperimentiert, welche Waffen am besten zu ihnen passten, hatten verschiedenste Typen ausprobiert, bis Ian schließlich das richtige gefunden hatte: seinen Bogen. Jack hatte noch länger suchen müssen; aber dann war Ben mit den Sai aufgetaucht und hatte gemeint, sie solle es einmal damit versuchen. Von da an waren es ihre gewesen.
Es war nicht einfach gewesen; im Gegenteil, sie hatte lange trainieren müssen, bis sie sie beherrschte, und noch länger, bis sie ihre Kampfkunst perfektioniert hatte. Ihr Bruder hatte es da einfacher gehabt; es war eben ein Unterschied, ob man ein Naturtalent mit Distanz- oder ein mittelmäßiger Schüler mit Nahkampfwaffe war. Auch wenn Ian immer behauptet hatte, sie wären gleich gut, hatte sie immer gewusst, dass sie nicht das nötige Talent mit sich brachte, diese natürliche Begabung, mit deren Hilfe ihrem Bruder alles so einfach fiel. Oft war sie in den Wald gegangen, hatte sich vor den anderen versteckt, und heimlich geübt, um nicht hinterher zu hinken. Sie hatte Blasen und Schwielen an den Händen davongetragen, blaue Flecken und Abschürfungen, aber ihre Wut auf sich selbst hatte sie angetrieben. Stumm, damit niemand ihre Wutschreie hörte, hatte sie weitertrainiert und die Schmerzen ignoriert. Aber am Ende war es immer dasselbe Ergebnis gewesen: Als sie zurückkam, war er immer noch besser.
Sie glaubte nicht, dass sie Ian hasste, weil er besser war; aber eifersüchtig war sie. Das gehörte zu den wenigen Sachen, wo sie sich wünschte, dass sie sich etwas ähnlicher wären. Es war einfach unheimlich ermutigend, im Schatten seines eigenen Zwillingsbruders zu stehen.
Leise seufzte Jack. So gesehen war Ian der bessere von ihnen beiden; nicht nur in der Hinsicht. Er war vernünftiger, mutiger, klüger, begabter, reifer... und stärker. Sowohl physisch als auch psychisch. Jack hätte nie fertig gebracht, was er getan hatte; sie war vor Angst wie gelähmt gewesen, aber er hatte... er hatte...
Nicht einmal denken kann ich es, ohne dass mir schlecht wird.
Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Besser, sie dachte an etwas anderes; alles, nur nicht daran. Es war nicht nur grauenhaft... furchtbar, es war auch unfair Ian gegenüber. Er konnte nichts dafür, dass sie so schwach war. In jeder Hinsicht.
Als sie die Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf den schlafenden Exorzisten ihr gegenüber. Unwillkürlich musste sie lächeln; Lavi brachte sie gleich auf ganz andere Gedanken.
Die Kutsche war verhältnismäßig groß und geräumig; ein Abbild des Reichtums der Bredows. Trotzdem war gerade genug Platz für fünf Personen, wenn sie eng zusammenrückten. Auf der Fahrt in die Stadt heute Mittag war sie fast auf Lavis Schoß gesessen, denn Bredow junior hatte darauf bestanden, dass seine kleine Schwester genügend Platz hatte. Deswegen waren sie und ihr breitschultriger Bruder auf der einen Bank gesessen und Stutterheim, sie und Lavi hatten sich ihnen gegenüber auf die Bank gequetscht. Verständlicherweise nicht gerade bequem, wenn man bedachte, wie sie noch heute Mittag über ihr Verhältnis zu dem rothaarigen Exorzisten gedacht hatte.
Auf der Rückfahrt hätte es ihr schon weniger ausgemacht, aber da war es nicht mehr nötig gewesen, denn Stutterheim war ja in der Stadt geblieben. Und jetzt saßen sie zu zweit in der Kutsche; sie konnte sich quer über beide Bänke legen… wenn sie das gewollt hätte. Wenn sie sich allerdings ein wenig streckte, dann konnte sie mit ihrem Knie seines berühren -woran man alles dachte, wenn man sonst nichts zu tun hatte.
Aber kaum war diese Idee gedacht, ließ sie sie nicht mehr los. Es war nur eine einfache Berührung, aber irgendwie musste sie trotzdem daran denken, dass es auf eine gewisse Art und Weise… ihr fiel einfach nicht das richtige Wort ein, aber dafür etwas anderes: Es wäre sozusagen eine gestohlene Berührung, denn er würde es nicht einmal mitbekommen. Je mehr sie darüber nachdachte, desto mehr reizte sie diese Idee; dabei wusste sie nicht einmal, woher sie kam. Bisher hatte sie noch nie über solche Dinge nachgedacht… aber bisher hatte auch noch niemand außer Ian gewusst, dass sie ein Mädchen war, in den ganzen acht Jahren nicht.
Dann kam ihr ein neuer Gedanke: Sie wäre unglaublich selbstsüchtig, wenn sie das täte. Denn immerhin wäre sie die einzige, die davon wusste, die einzige, die es genießen konnte, und sich daran erinnern würde. Was ihrem Plan in keinster Weise entspräche, überlegte sie weiter. Wenn sie wissen wollte, wie lange er durchhielt, dann sollte er doch zumindest wach sein, oder?
Jack musste erneut seufzen; es war schwieriger, ein Mädchen zu sein, als sie gedacht hatte. Worüber man sich alles Gedanken machen muss. Bisher war sie doch auch ohne diese Überlegungen ausgekommen; aber da war sie ja auch noch ein Junge gewesen. Wenn sie genauer zurückdachte, hatte das eigentlich erst richtig angefangen, als sie den Orden beigetreten waren; sowohl bei ihr als auch bei Ian. Kein Wunder, wenn man bedachte, von wie vielen Leuten sie seitdem umgeben waren; da fing man zwangsläufig an, sich Gedanken zu machen.
Verstört runzelte sie die Stirn. Sie schaffte es einfach nicht, die Idee in ihren 'Nie wieder denken'-Bereich zu verfrachten; immer noch spukte sie in ihrem Hinterkopf herum, wollte die Beachtung und Aufmerksamkeit, die Jack ihr verweigerte.
Zum Glück unterbrach der plötzliche Stillstand der Kutsche ihre Gedankengänge, bevor sie zu sehr in den Vordergrund drängen konnte. Durch das Fenster erkannte Jack, dass sie die Stadt erreicht hatten; sie hatte die ganze Fahrt verpasst, weil sie so in Gedanken gewesen war.
Sowohl auf der Hinfahrt als auch auf der Rückfahrt hatte man ihnen die Tür aufgehalten; sie fragte sich, ob der Kutscher das auch jetzt noch tun würde, obwohl keiner seiner Dienstherren dabei war. Ein Blick aus dem Fenster bestätigte ihre Annahme, dass es nicht so sein würde, allerdings nicht, weil sie weder Geld noch Titel hatten; es war vielmehr so, dass der Kutscher mit einem seiner Pferde beschäftigt war, das sich irgendwie in seinen Zügeln verfangen hatte. Das konnte gefährlich werden; wenn es sich erschreckte und losrannte, dann konnte es sich selbst dabei verletzen, schwer genug, um erschossen zu werden. Im Moment war der Mann damit beschäftigt, das Pferd mit einer Hand an der Trense zu halten, während er mit der anderen den Knoten um seine Beine entwirrte.
Hinter ihm erkannte sie das Bahnhofsgebäude; sie musste Lavi aufwecken. Sofort kam ihr ein neuer Gedanke; absolut selbstlos natürlich, aber trotzdem interessant. Sie würde damit nicht die Zügel aus der Hand geben; es war nur ein Test. Und diesmal folgte sie ihrer Idee.
Jack stand auf, soweit das in der niedrigen Kutsche möglich war und beugte sich auf Lavis Seite. Um nicht umzufallen, hielt sie sich am Griff in der Ecke über seinem Kopf fest; die Linke legte sie vorsichtig auf seine Schulter. „Lavi? Wir sin da."
Der Exorzist öffnete ein schläfriges Auge, als sie ihn leicht schüttelte, während sie sprach. Müde sah er sie an; dann weitete sich sein sichtbares Auge einen Moment, als er sah, wie nah sie war. Sein Puls beschleunigte sich unwillkürlich, als sie lächelte.
„Wir sin da. Komm, aufstehn." Jack nahm die Hand von seiner Schulter und wandte sich von ihm ab, um den Kutschverschlag zu öffnen; allerdings auch, um den zufriedenen Zug um ihren Mund zu verbergen. Der Test war zu ihrer vollsten Zufriedenheit ausgefallen; sie hatte gesehen, wie er auf ihre Nähe reagiert hatte, und auf ihr Lächeln. Eigentlich hatte sie ihr Lächeln nie für besonders gehalten, ein Lächeln wie jedes andere eben auch; aber wenn es dafür sorgte, dass Lavi, ohne es zu merken, schlucken musste, dann musste doch etwas mehr dran sein, als sie gedacht hatte.
So bestärkt in ihren weiblichen Reizen -von denen sie bis dato noch nicht einmal gewusst hatte- stieg sie aus der Kutsche, nahm dann die Holzbox mit dem Schwert vom Sitz und trat zur Seite, um Lavi herauszulassen. Höflich bedankten sie sich bei dem Kutscher, der inzwischen sein Pferd von seinem Zügelwirrwarr befreit hatte, und machten sich auf den Weg in die Bahnhofshalle.
Um diese Zeit war sie menschenleer; bis auf einen Beamten, der hinter seinem Schalter ungeniert gähnte. Er gab ihnen mit halbgeschlossenen Augen Auskunft, auf welchem der beiden Bahnsteige ihr Zug wartete, dann gähnte er erneut, ohne sich die Hand vorzuhalten. Anscheinend war er direkt vom Fest hierher gekommen, denn er trug hinter seinem rechten Ohr eine Blüte von Amalies Roseneibisch, die er nicht bemerkte, bis Jack sie ihm abnahm und gespielt tadelnd unter die Nase hielt. Sofort wurde er krebsrot, stammelte unzusammenhängendes Zeug und verdrückte sich in den Raum hinter seinem Schalter. Die beiden Exorzisten lachten leise, dann warf Jack die arme, zerrupfte Blume in einen der Mülleimer, bevor sie sich auf den angewiesenen Bahnsteig begaben.
Der Zug war genauso leer wie der Bahnhof; nach einigem Suchen fanden sie einen Schaffner, der ihnen ein Abteil zur Verfügung stellte, bevor er sich wieder auf seine Bank in dem Abteil, das er in Beschlag genommen hatte, zurückzog, um weiterzuschlafen. „Dass sie überhaupt arbeiten, heißt anscheinend noch lange nicht, dass sie dabei auch ihrer Arbeit nachgehen", meinte Lavi, als er die Abteiltür hinter ihnen schloss.
„Sie ham die Gelegenheit genutzt, um 'n wenig zu feiern; keiner kann ihnen verdenkn, dass sie jetz müd sin", nuschelte Jack schläfrig aus der Fensterecke.
Lavi grinste. „Jetzt bist du dran mit schlafen, während ich Wache schiebe. Abgemacht?"
„Geht klar", murmelte sie noch, dann war sie auch schon eingenickt.
Irgendwie bin ich froh, dass Lavi und Jack einander haben .. wer weiß, was die alleine anstellen würden ... brr.
Bleibt mir gewogen ... und dem alten Bekannten, der im nächsten Kapitel auftaucht. Er kann nichts dafür, ich hab ihn gezwungen.
