Tag 6 - wir befinden uns auf der Zielgeraden :D
sternenhagel: Komui zur Arbeit zwingen zu wollen stell ich mir nicht besonders produktiv vor ... Da wäre es effektiver, die Exorzisten gleich auf die Arbeit anzusetzen, die Komui NICHT erledigt, denke ich. Na ja ... krieg ich halt nichts zu essen für die nächste Zeit *hüstel* Vielleicht wirkt es als Ansporn? Die Kutschfahrt war als Introspektive für Jack gedacht, zwecks Charakter- und Plotentwicklung, das dauert ein bisschen ... wir können ja nicht alle so schwer von Begriff sein wie Jack :P Besser, alte Bekannte helfen Lavi und Jack ein wenig auf die Sprünge, sonst dauert diese story noch ewig.
Rated: T
Disclaimer: Es gehört alles Katsura Hoshino und sie ist die einzige, die damit ihr täglich Brot verdient.
1.5 Eric
Der Rest der Zugfahrt verlief ganz angenehm; bis die Finder zustiegen, wechselten sie sich ab mit Schlafen, danach schliefen sie alle -nachdem sie sich dreimal überzeugt hatten, dass die Abteiltür fest verschlossen war. Das Schwert war zu wertvoll, um ihnen jetzt gestohlen zu werden -zumal sie nicht jahrelang darum gerungen hatten, nur um es sich jetzt durch die Lappen gehen zu lassen.
Gleich nachdem sie in den Zug nach London gestiegen waren, hatte Jack Lavi noch einmal gebeten, sich nicht anmerken zu lassen, dass er wusste, wer sie war; der Rotschopf hatte nur gegrinst und gemeint, sie solle dafür daran denken, was er zu ihr gesagt hatte. Jack hatte sofort gewusst, was er meinte, und war rot geworden. Auch dass sie sich einen Plan zurecht gelegt hatte, um das Ganze zu ihren Gunsten ein wenig auszukosten, konnte nicht verhindern, dass ihr bei dem Gedanken daran heiß wurde; alle Pläne der Welt halfen nichts, solange sie in der Praxis nicht funktionierten, was sie wahrscheinlich auch nicht würden, wenn sie jedes Mal so reagierte. Sie konnte ja nicht einmal daran denken, ohne rot zu werden; wie sollte sie da den Mut aufbringen, es zu tun?
Dann schalt sie sich einen Narren; es hinauszuzögern hatte unter anderem den Vorteil, dass sie 1) sich ein wenig an den Gedanken gewöhnen konnte, 2) etwas Zeit hatte, um an ihrer Courage diesbezüglich zu feilen. Und um gleich damit anzufangen, lächelte sie trotz ihrer Röte und erwiderte, sie werde sich die Sache durch den Kopf gehen lassen. Wenn er zwischen den Zeilen lesen konnte, würde er erraten, dass sie damit auch ausdrücken wollte, dass er darauf noch warten müsse; allerdings war er offensichtlich viel zu sehr davon überrascht, dass sie es überhaupt in Erwägung zog, um weiter darüber nachzudenken. Stattdessen durfte sie erleben, wie er sie einen Moment ehrlich erstaunt anstarrte; dann hatte er sich wieder unter Kontrolle. Trotzdem bemerkte sie, dass er ihr noch einen schnellen Blick zuwarf, bevor er seine Aufmerksamkeit der vorbeifliegenden Landschaft widmete.
Und dann waren die Finder auch schon da; zu ihrer großen Überraschung stellte Jack fest, dass einer davon Eric war, den sie in Chenonceau kennen gelernt hatte. Er war gerade mal so alt wie sie beide, mit kurzen, leicht gewellten Haaren, die, wie sie jetzt zum ersten Mal feststellte, fast den gleichen Farbton wie ihre eigenen Augen hatten, und dunkelgrünen Augen. Erfreut begrüßte er Jack, dann setzte er sich gleich neben sie und fragte sie nach ihrer Mission aus. Während sie ihm davon erzählte, wie wenig eigentlich in den zwei Tagen passiert war, war sie sich allerdings nicht bewusst, dass Lavi erst Eric, dann sie aufmerksam musterte.
Im ersten Moment fiel ihm nicht ein, woher die beiden sich kannten, dann erkannte er in Eric den Finder wieder, mit dem sie aus Frankreich zurückgekehrt waren; allem Anschein nach hatte sie seitdem keine Gelegenheit mehr gehabt, mit ihm zu sprechen, obwohl sie die ganze Zeit im Hauptquartier gewesen war. Aber vielleicht lag das daran, dass er sich genau wie alle anderen nicht in ihre Nähe getraut hatte, aus Angst, ihrem Zorn zum Opfer zu fallen.
Er sah sich auch den anderen Finder an; ein älterer Mann um die fünfzig mit hellblauen Augen und grauen Ansätzen an den Schläfen, die in seinem sonst dunklen Haar hervorstachen. Er lächelte, als er sah, wie gut sich die beiden anderen verstanden; Lavi allerdings beobachtete er mit einem seltsamen Ausdruck, den der Exorzist nicht deuten konnte. Dann kontrollierte er als erster die Türe, ob sie verschlossen war und lehnte sich in der Bank zurück, um zu schlafen.
Eric erzählte noch kurz von der Mission, auf die er geschickt worden war -wobei Lavi allerdings nicht zuhörte- dann gähnte er verstohlen. Er grinste. „Entschuldigung, wir haben kaum Schlaf bekommen in den letzten Tagen."
Jack grinste zurück. „Wir auch nich; am besten haun wir uns auch aufs Ohr, sonst muss Komui uns seinen Kaffee überlassn." Sie lehnte sich in die Ecke zwischen Wand und Rückenlehne und zog die Füße auf die Bank. „Wenn wir im Boot einschlafn, kann er lang auf seinen Bericht wartn."
Eric nickte, kontrollierte zum zweiten Mal die Tür und lehnte sich dann seinerseits in seine Ecke; er ahmte Jacks Position nach, dann lächelte er. „Du hast aber nicht wieder so schlechte Laune gehabt wie letztes Mal, oder?"
Sie lachte leise und warf einen versteckten Blick unter gesenkten Lidern zu Lavi hinüber. „Nein, diesmal war ich die Fröhlichkeit in Person."
Der Finder tat so, als müsse er scharf nachdenken. „Dann wird es wohl doch an Kanda gelegen haben."
„Unter andrem. Sorry, dass wir so gemein zu dir warn, Ian und ich."
Der Junge winkte ab. „Schon vergessen." Dann gähnte er wieder. „Aber jetzt sollten wir wirklich schlafen, oder?"
Jack nickte und schloss die Augen; Eric tat es ihr gleich. Kurz darauf war er eingeschlafen, Jack aber öffnete noch einmal kurz die Augen. „Versprochn, Lavi?"
Er lächelte. „Wie oft muss ich dir denn noch sagen, dass ich schweigen werde? Oder", er lehnte sich leicht vor, „möchtest du, dass ich mir eine andere Methode ausdenke, um dich zu überzeugen?" Lavi grinste vielsagend.
Sie wurde leicht rot; das Gesicht hinter ihren Knien versteckt, nuschelte sie: „Glaub ich dir auch so."
Schließlich wurde die Tür ein drittes Mal kontrolliert, bevor auch Lavi sicher war, dass er beruhigt einschlafen konnte.
Er war auch der erste, der wieder wach wurde, als der Zug in London in den Bahnhof einfuhr; zuerst überzeugte er sich, dass der Kasten noch da war, samt Schwert und Schwertscheide, dann davon, dass ihm keiner seiner Mitreisenden abhanden gekommen war.
Sicher brachten sie ihre Fracht ins Boot und legten ab. Wieder fiel Lavi auf, dass Jack nervös war; bis sie die laute Stadt hinter sich ließen und den unterirdischen Wasserweg erreichten. Weswegen?
Das fragte sich Jack allerdings auch; sie hatte nirgends eine Spur von ihm entdeckt –allerdings gehörte er nicht gerade zu den Menschen, die am helllichten Tag durch die Gassen liefen. Er hatte eine pompöse Kutsche, in der er sich im Nobelviertel herumkutschieren lassen konnte, immerhin hatte er genug bezahlt, um sich dort ein Haus leisten zu können, auch wenn er nicht dazugehörte. Selten verließ er diesen Bereich, aber trotzdem lief es ihr kalt den Rücken hinunter, wenn sie auf Londons Straßen unterwegs war. Als stünde er hinter mir.
Sie war froh, als sie den geheimen Eingang zu der Wasserstraße erreichten; noch froher, als er sich hinter ihnen wieder schloss. Erst dann fühlte sie sich so weit sicher, dass sie ihre Kapuze wieder zurückschlagen und sich gerader aufrichten konnte. Trotzdem blieb das unangenehme Gefühl; es würde noch eine ganze Weile lang nicht verschwinden.
Jack behielt während der Bootsfahrt die Box auf ihrem Schoß, obwohl sie mit Schwert und –scheide gut und gerne zwanzig Kilo wog. Auf diese Weise konnte allerdings niemand neben ihr sitzen, denn das Boot war einfach zu schmal. Lavi und Eric saßen ihr gegenüber, während der andere Finder am Heck stand und mit dem Riemen ruderte. Sie starrte ins Wasser, Eric in die Luft und Lavi wurde langsam aber sicher selbst nervös. Wann war die Stimmung so angespannt geworden?
Zufällig hob sie den Blick und begegnete seinem. Nur einen Moment lang verzog sie die Lippen zu einem leichten Lächeln; nur ihre Mundwinkel hoben sich um ein paar Millimeter, dann war es wieder verschwunden. Dafür wirkte sie jetzt entspannter; als wäre ihr eine schwere Last von den Schultern genommen worden. Da erst fiel ihm auf, dass er zurückgelächelt hatte –das lag wohl auch an dem missbilligenden Blick, den ihm der alte Finder zuwarf. Sofort hörte er auf zu lächeln, woraufhin der Mann sich wieder auf das Ruder konzentrierte. Mit grimmiger Miene bewegte er den langen Stab im Wasser vor und zurück, wobei er trotzdem den einen oder anderen Blick zurück zu dem Exorzisten warf; dabei legte er jedes Mal die Stirn in Falten und presste die Lippen zusammen.
Ich muss ihn nicht mögen, ich muss nur mit ihm zusammenarbeiten können, sagte Lavi sich vor. Trotzdem bin ich froh, wenn ich aus diesem Boot raus bin.
Glücklicherweise erfüllte sich sein Wunsch ziemlich bald, denn schon nach ein paar Minuten kam der Steg in Sicht, noch zwei weitere Minuten und das Boot lag sicher vertäut an seiner Anlegestelle und alle Exorzisten, Finder und Schwerter waren ausgeladen. Sie erklommen die Stiegen und trennten sich dann am oberen Ende; die Finder suchten ihre Quartiere auf, während sich Lavi und Jack auf den Weg in Komuis Büro machten. Seltsamerweise begegneten sie auf der Strecke keinem einzigen Exorzisten; normalerweise traf man immer mindestens einen von ihnen, weil sie sich auf das ganze Gebäude verteilten. Aber heute: kein Allen, kein Ian, kein Kanda, keine Linali. Dabei liefen sie sich sonst ständig über den Weg.
Auch in dem Büro des Wissenschaftlers selbst war niemand zu sehen; nur Komui pennte über seiner Arbeit. Bis sie ihn wachgerüttelt hatten, dauerte es eine Weile; erst der (zum Patent angemeldete) Zauberspruch tat dann seine Wirkung. Sich räuspernd ordnete der Abteilungsleiter seine Unordnung, ließ es dann aber, weil das Chaos einfach zu groß war, und widmete sich stattdessen ihrem Bericht.
Nüchtern und knapp schilderte Lavi die Ereignisse; er kam nur einmal kurz ins Stocken, als er auf die erste Nacht zu sprechen kam –die er dann einfach unter den Tisch fallen ließ. Komui nickte zwischendurch immer wieder, dann, als Lavi geendet hatte, stand er auf und öffnete die Holzbox, die Jack zwischen sie auf das Sofa gelegt hatte.
Bewundernd strich er mit den Fingerspitzen über das Metall der Klinge. „Wunderschön… schade, dass wir es nicht behalten können, so wie die Pistole. Die Bredows wollen es ja leider wiederhaben."
„Was ham Sie eigentlich mit der Knarre gemacht?" Jack sah sich in dem Büro um, aber sie konnte sie nirgends entdecken. Gott sei Dank.
„Sie ist auf Umwegen in der Trainingshalle gelandet. Lange Geschichte." Er klappte den Deckel wieder zu. „Dann bringen wir das mal zu Hevlaska, oder?"
Es war nicht das erste Mal, dass Jack mit der Plattform zu Hevlaska fuhr; sie war ja bei ihrem Eintritt in den Orden auf demselben Weg dorthin gebracht worden. Trotzdem war es jedes Mal irgendwie unheimlich, die Dunkelheit um sie herum, nur unterbrochen von dem Strahlen des Lifts selbst… Wenigstens war sie nicht allein, das wäre noch schlimmer gewesen. Prinzipiell hatte sie nichts gegen Dunkelheit; die Dunkelheit war ihr Verbündeter, immer gewesen, als kleines Mädchen, als Dieb und als Exorzist, aber es gab Dunkelheit und Finsternis. Angenehme und unangenehme, die Art, vor der man sich fürchtet, und die, die man begrüßt. Und in der Hinsicht, dass sie besser verbarg, wer sie wirklich war, begrüßte sie jede Art von Dunkelheit.
„Wo sind eigentlich die anderen?" wandte Lavi sich an Komui.
„Kanda und Linali sind in St. Petersburg, einer Mission wegen. Was Allen und Ian angeht… keine Ahnung. Wahrscheinlich schlafen sie noch."
Die beiden Exorzisten warfen sich einen ungläubigen Blick zu. Um die Uhrzeit?
Komui hielt die Plattform an; sie hatten Hevlaska erreicht. Die wahrscheinlich älteste noch lebende Exorzistin hatte wahrscheinlich auch das größte Zimmer im ganzen Orden –mal so ganz nebenbei. Mit unsichtbaren Augen sah sie ihnen entgegen, dann sprach sie. „Willkommen zurück, Lavi und Jack."
„Hallo, Hevlaska", grüßte Lavi lächelnd zurück, dann klappte er die Box auf, damit sie das Schwert sehen konnte.
Es begann silberblau zu leuchten; dann trat das Innocence plötzlich aus der metallenen Klinge heraus. Es ging in Hevlaskas Körper über und schoss auf eines der Behältnisse zu, in dem es dann verschwand. Sofort hörte das Metall auf zu leuchten; das Innocence war entfernt und die bloße Klinge nicht mehr von Nutzen für den Orden. Wohl aber für die Bredows, weswegen Komui gleich, nachdem sie wieder in das düstere Ganglicht getreten waren, zwei Finder in sein Büro orderte, die es zurückbringen sollten. Er warf einen letzten sehnsüchtigen Blick auf die Mahagonibox, dann übergab er sie River und machte sich aus dem Staub.
Lavi und Jack ließ er auf dem Gang stehen.
Jack lächelte Lavi noch einmal zu, sagte „Danke, dass du mich nich verratn hast" und verschwand. Sie musste ihren Bruder suchen.
Allerdings fand sie ihn genau dort, wo Komui ihn vermutet hatte: im Bett. Noch in Hose und Hemd, die Decke unter statt über sich, lag er auf dem Bauch und schlief. Als sie ihn so sah, musste sie leicht lächeln. Er sah so erschöpft aus, sogar noch im Schlaf, dass sie ihn besser nicht weckte. Außerdem hatte sie so mehr Zeit, um sich vorzubereiten. Sie musste überzeugend sein, wenn er keinen Verdacht schöpfen sollte, also umging sie das Gespräch mit ihm besser noch ein paar Stunden. Ian war immerhin ihr Zwilling; er würde es sofort riechen, wenn etwas faul war. Also war sie besser doppelt vorsichtig.
Trotzdem fragte sie sich, was er wohl getan haben könnte, das ihn so erschöpft hatte. Und wie lange.
Wenn sie ihn sich genauer ansah, bemerkte sie ein paar Millimeter Blond, durchsetzt von einem Hauch Rot, an seinen Ansätzen; bestimmt waren ihre inzwischen auch wieder nachgewachsen. Sie würden wieder färben müssen, ehe es zu offensichtlich wurde. Es war egal, ob es nur ein paar Millimeter oder Zentimeter waren; sie konnten sich nicht leisten, dass auch nur irgendjemand einen misstrauischen Blick auf ihre Haare warf, weil ihn irgendetwas an ihrem Aussehen störte. Oft fiel es den Leuten nicht bewusst auf; aber sobald sie ein zweites Mal hinsahen, bemerkten sie es, und das mussten sie verhindern.
So leise, wie sie gekommen war, verließ sie das Zimmer wieder. Nun war nur noch die Frage, was sie machen sollte, bis Ian aufwachte. Wenn sie ehrlich war, hatte sie keine Ahnung. Aber es war nie schlecht, ein gutes Buch zu lesen; immerhin waren –fast- rund um die Uhr Leute in der Bibliothek. Sie ging den Weg zur Bibliothek entlang und betrat den Raum.
Allerdings hatte sie nicht damit gerechnet, auf Eric zu treffen; sie hatte gedacht, er wäre auf seinem Zimmer. Als sie hereinkam, sah er kurz auf, dann lächelte er. „Hallo, Jack. Das ging jetzt aber schnell."
Sie lächelte zurück. „Hey, Eric. Was machst du denn hier?"
„Alfred hat mich gebeten, die Berichte zu den Akten zu legen", er wies auf den Stapel Mappen auf dem Tisch neben sich „Und du?"
„Pure Langeweile, dabei bin ich grad mal ne halbe Stunde wieder hier." Sie ging die Regale der Reihe nach ab; Zeit, mal wieder an ihren Wissenslücken zu arbeiten. Nach längerem Suchen zog sie Darwins Werk über die Evolution heraus; nicht unbedingt ein fesselndes Thema, aber auch nicht zu verachten. Außerdem, dadurch, dass sie sich ihre Lektüre je nach Lust und Laune aussuchte, blieb ihre Bildung immer sehr lückenhaft und über mehrere unzusammenhängende Bereiche verstreut, sodass sie zwar zum Beispiel durchaus gebildet war, was die Philosophie und die Literatur anging, aber zum Beispiel in der Mathematik oder Geographie hinterherhinkte. Sie las, was sie interessierte, und dementsprechend sah es auch mit ihrer Bildung aus.
Leise seufzte sie; und wieder war es Ian, der ihr immer einen Schritt voraus war. Er las zwar nicht so viel wie sie, aber was die Intelligenz anging… Und dabei sollte sie als Ältere doch klüger sein; aber daran glaubte sie schon lange nicht mehr. Und auch nicht, dass diese Rangordnung –je älter, desto klüger, je jünger, desto dümmer- auch bei normalen Geschwistern so aussah. Es war schließlich oft so, dass man Leuten begegnete, die kreuzdumm waren, ihre jüngeren Geschwister aber dafür umso intelligenter, oder eben andersrum. Oft war ja auch überhaupt kein Unterschied mehr zu sehen. So oder so, Ian war eben klüger, und basta; mehr gab es da nicht mehr zu sagen.
„Jack?" Eric sah sie seltsam an; sie hatte eine volle Minute nur auf das Buch in ihrer Hand gestarrt und sich nicht vom Fleck gerührt.
Verlegen grinste sie. „Kommt davon, wenn man träumt." Rasch setzte sie sich in einen der weichen Sessel in der Nähe und begann zu lesen, bevor sie noch mehr Blödsinn machte.
Eric widmete sich wieder seiner Aufgabe und es verging gut eine halbe Stunde, bevor er fertig war. Plötzlich knurrte sein Magen laut; rasch legte er eine Hand auf seinen Bauch und wurde rot, als Jack von ihrem Buch aufsah und grinste. „Ich hab seit gestern Abend nichts mehr gegessen."
Sie klappte das Buch zu und stellte es zurück ins Regal. „Ich auch nich. Glück gehabt, dass mein Magn heut zur Abwechslung mal Ruh gibt, sonst hätt ich dich übertönt."
„Gehen wir essen, bevor ich ohnmächtig zusammenbreche?"
Sein Magen knurrte erneut, als Jack lachte. „Du? Ich brech gleich zusammen. Aber ich glaub, wenn wir uns aufeinander stützn, schaffn wirs bis in den Speisesaal."
Jetzt musste Eric lachen. „Dann gehen wir."
Nachdem sie im Speisesaal einen Tisch unter Beschlag genommen hatten, dauerte es nicht lange und sie wurden unterbrochen; Tapp stürzte herein und machte dabei solchen Lärm, dass alle erschrocken aufsahen. „K… K… Komui hat… er hat…", er musste tief Luft holen, bevor er so laut schrie, dass die Wände wackelten: „EINEN NEUEN KOMURIN!"
Kaum hatte er das ausgesprochen, brach Panik aus; Angestellte und Finder rannten wild durcheinander, stürmten gemeinsam auf den Ausgang zu und –blieben stecken. Hundert Menschen passen eben nicht alle auf einmal durch eine Tür.
Verwirrt sah Jack Eric an. „Was heißt das?"
Der Finder war schon aufgesprungen, machte aber kurz Halt, um Jack zu erklären: „Eine Maschine, die er gebaut hat; jedes Mal, wenn er einen neuen Komurin baut, zerstört er damit das halbe Hauptquartier! Bring dich lieber schnell in Sicherheit, Jack!" Damit rannte er los, auf die Traube vor dem Ausgang zu.
Jack konnte sich nur wenig unter einem ‚Komurin' vorstellen, aber sicherheitshalber stand sie auf und bewegte sich auf den Eingang zu; keine Sekunde zu früh, denn in dem Moment kam ein riesiges weißes Ungetüm durch die Decke gekracht und landete genau dort, wo sie noch vor einer Sekunde gesessen hatte. Es war ein gut zehn Meter hohes, weißes, spinnenartiges Etwas mit einer großen Linse anstatt seiner Augen in einem Gesicht, das keines war, und einem Kopf, der mehr wie ein Baseballschläger denn wie ein Kopf aussah. Das I-Tüpfelchen war ein Barett auf seinem ‚Kopf', das dem von Komui sehr ähnlich sah. Und wenn sie nicht alles täuschte, dann saß ebenjener Wissenschaftler auf dieser Höllenmaschine und strahlte wie ein Honigkuchenpferd.
Ich mag Komurin und es ist mir nicht leicht gefallen, ihn zu opfern. Aber was sein muss, muss sein. Alles plotwichtig und so. Ja.
Bleibt mir gewogen, morgen ist Endspurt.
