Ich hab dieses Kapitel letzten Sonntag ganz vergessen O.O Bitte verzeiht mir, das wollte ich nicht O.O

sternenhagel: Dich immer neugieriger und neugieriger zu machen ist meine Aufgabe :D Und natürlich ist Kanda nicht psychisch angeknackst, aber du kannst auch nicht leugnen ... naja, normal ist anders xD Aber wer will schon normal sein? xP Krieg ich den Kartoffelauflauf noch *bettelblick ausetz*

Yunaria: Deine zwei Reviews haben mich sehr gefreut :D Hast du das Prequel zu dieser Geschichte gelesen? Dann fällt das Verstehen leichter xD Und jaaa, ich beschäftige mich intensiv mit allem, was mit dem Ende des 19. Jahrhunderts zu tun hat, ich will das ja so authentisch wie möglich vermitteln o.o Und Ian und Jack haben eben auch die Kehrseite der Medaille erlebt und eine recht zynische Sichtweise der Dine entwickelt.

Rated: T

Disclaimer: Siehe alle Kapitel, die ich bisher geschrieben habe und über denen ein Disclaimer steht.


1.9 Temptation

Als Jack das nächste Mal aufwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ian schlief noch, also legte sie so geräuschlos wie möglich das Buch zur Seite und schlich aus dem Zimmer, bemüht, ihn nicht aufzuwecken. Sie würde nachher, wenn er wach war, die Tücher neu wickeln und seine Temperatur messen. Bis dahin hatte sie Zeit, etwas zu essen und auch für ihn etwas zu besorgen -und wenn möglich, nicht noch mehr von dieser Suppe, die Jeryy als Wundermittel anpries.

Im Speisesaal befanden sich nur wenige Finder, als sie eintrat; von Mitarbeitern keine Spur. Wahrscheinlich schoben sie Überstunden, weil sie gestern den ganzen Nachmittag anderweitig beschäftigt waren. Sie hoffte nur, dass Komui tatkräftig mitarbeitete, nachdem er schon für die ganze Unordnung verantwortlich gewesen war. Aber wahrscheinlich tat er das nicht, sie vermutete eher, dass er irgendwo seinen Komurin III beweinte.

Rasch besorgte sie Frühstück für sich und ihren Bruder, dann machte sie sich mit dem Tablett auf den Weg zurück zu ihrem Zimmer.

Sie hatte allerdings nicht damit gerechnet, Lavi dort vorzufinden, wie er gerade die Hand hob, um anzuklopfen. „Schhh!" Er fuhr herum, als sie ihn so anzischte; er hatte sie gar nicht kommen hören. „Weck ihn nich auf", flüsterte sie.

„Wen?" flüsterte er verwundert zurück.

„Ian."

„Was macht Ian in deinem Zimmer? Ich dachte, er ist krank."

„Is er auch; aber er is in meinem Bett krank geworn und deswegen bleibt er auch da."

„Und wieso?"

„Das is 'ne lange Geschichte, die wir vielleicht besser diskutiern, wenn ich mal kein tonnenschweres Tablett in den Händn hab."

„Oh, ja klar, natürlich." Sie machte Anstalten, mit dem Ellbogen die Tür zu öffnen, aber Lavi hielt sie schnell davon ab und öffnete für sie. „Nach dir", witzelte er.

Jack zog eine Grimasse, betrat das Zimmer und warf einen raschen Blick auf Ian, der zum Glück noch schlief. Leise stellte sie das Tablett auf den Sessel, denn der Nachttisch war ja belegt, und schloss die Tür wieder hinter sich. Im Flüsterton berichtete sie Lavi, wie es dazu kam, dass ihr Bruder ihr Zimmer übernommen hatte, ein Ohr immer auf mögliche Geräusche aus dem Raum gerichtet, die darauf hindeuten könnten, dass er aufwachte. Aber es blieb still.

„Und wo schläfst du jetzt?" fragte Lavi, als sie geendet hatte.

„In 'nem großn, weichn Sessel neben dem Bett. Is ja auch nich für lang. -Was?" Sein Gesichtsausdruck hatte diese Frage geradezu herausgefordert.

„Warum nimmst du nicht einfach sein Zimmer, bis er wieder gesund ist?"

„Erstens kümmer ich mich um ihn, muss also bei ihm sein, zweitens is er mein Bruder, also was is dabei?" Sie zuckte mit den Schultern. „Er hat sich auch immer um mich gekümmert, wenn ich krank war."

„Ich sag ja auch gar nichts, aber ein Bett wäre trotzdem bequemer, oder?"

„Ich schlaf auch so sehr gut", Jack grinste. „aber danke, dass du dir Sorgn machst." Sie öffnete wieder die Tür und wollte sie schon hinter sich schließen, aber Lavi trat hinter ihr ins Zimmer, bevor sie ihn davon abhalten konnte.

Er lehnte sich an die Wand neben dem Bett und warf einen prüfenden Blick auf den schlafenden Jungen. „Warum lässt du das nicht die Krankenschwestern machen? Ich meine, dafür sind sie ja da, oder?"

„Warum? Damit ich dann wieder nix zu tun hab? Außerdem kann ich das genauso gut selber machen; es is ja nur Fieber und nich 'n Oberschenkelhalsbruch oder so was." Auf seinen fragenden Blick hin grinste sie. „Ich hab 'n bisschen zu viel gelesn, oder?"

„Nur ein bisschen."

„Klingt egoistisch, aber irgendwie bin ich froh, dass er krank is; so hab ich wenigstens was zu tun. Solang keine Missionen anstehn…"

Er wusste, was sie meinte; immerhin war er ja selbst nicht viel besser gewesen, als sie sich den Knöchel verstaucht hatte. Obwohl er jede Wette einging, dass Ian ein angenehmerer Patient war als Jack. „Und was machst du, wenn er wieder gesund ist?"

Jack atmete tief ein; dann würde es wieder ziemlich langweilig werden –ein Glück, dass Lavi da war. Zum einen war es nie langweilig mit ihm, zum anderen hätte sie dann Gelegenheit, ihren unausgegorenen Überlegungen Form zu verleihen. Betont lässig zuckte sie mit den Schultern, bevor sie Ian eine Hand auf die Stirn legte. „Keine Ahnung; wahrscheinlich dasselbe wie vorher."

„Sonst nichts?" Er klang irgendwie beleidigt; sie richtete sich auf und lächelte, denn sie wusste, worauf er hinaus wollte.

„Was sollte ich denn sonst tun? Hast du irgendwelche Vorschläge?"

Lavi lächelte ebenfalls. „Wie wäre es damit, wenn du mir mal Bescheid gibst wegen der Sache, von der wir gesprochen haben? Immerhin hattest du ein wenig Zeit, um darüber nachzudenken."

„Du meinst den Vorschlag, den du mir gemacht hast?" Sie machte einen Schritt auf ihn zu und blieb dicht vor ihm stehen.

Sein Blick wanderte fast schon automatisch zu ihrem Mund. „M-hm. Genau den."

Sie beugte sich leicht vor und-

–griff nach dem Fieberthermometer neben ihm. „Ich weiß noch nich; weißt du, das sollt ich mir vielleicht etwas länger überlegn. Gehst du? Ich will ihn weckn, sonst lässt er sich nich die Temperatur nehmn; er wird maulig, wenn ich ihn damit weck." Jack lächelte unschuldig.

Lavi nickte nur stumm; zwei Sekunden später stand er auf dem Gang, die Tür schloss sich hinter ihm und –er kam sich irgendwie verarscht vor.

Jack auf der anderen Seite der Tür lächelte. Ihre Theorie –ihre ‚grenzgeniale Schlussfolgerung'- hatte einen neuen Beweis erhalten, denn, wenn sie nicht alles täuschte, war er kurz davor gewesen, seine Vorsätze einfach über Bord zu werfen und sie selbst zu küssen. Auch wenn ein Teil von ihr noch immer nicht daran glauben wollte, fühlte sich der andere Teil sehr in ihrem Selbstvertrauen gestärkt; dieser Teil schmiedete auch schon neue Pläne.

Sie berührte Ian leicht an der Schulter, woraufhin er irgendetwas Unverständliches murmelte und sich auf die Seite drehte. Das war ein Problem; wenn sie ihn nicht aufweckte, würde sie nicht seine Temperatur messen können. Es war nur teilweise wahr, was sie Lavi erzählt hatte; das letzte Mal, als sie das versucht hatte, ohne ihn zu wecken, hätte er ihr fast die Finger abgebissen, weil er so plötzlich aufgewacht war. „Ian." Diesmal schüttelte sie ihn leicht und jetzt wachte er auch auf.

Müde schaute er sie an; seine Augen waren nicht mehr glasig, was ein gutes Zeichen war. Aber er glühte immer noch, das hatte sie vorhin bemerkt, als sie ihm die Hand auf die Stirn gelegt hatte. „Mund auf."

Während sie darauf wartete, dass genug Zeit verstrich, um ein richtiges Ergebnis zu bekommen, begann sie ihr Frühstück und ignorierte dabei seinen hungrigen Blick. In zwei Minuten würde er auch essen können; solange würde er sich wohl gedulden können. Schließlich erbarmte sie sich seiner und nahm ihm das Thermometer aus dem Mund. Sofort stürzte er sich hungrig auf seinen Anteil, ohne das Ergebnis abzuwarten.

Erleichtert stellte sie fest, dass seine Temperatur über Nacht weiter gesunken war; sie betrug jetzt 37,9° C. Wenn er noch einen Tag liegen blieb und sie ihm oft genug frische Wadenwickel verpasste, wäre er schon morgen Früh wieder auf den Beinen.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, verzog er unwillig das Gesicht. „Muss ich wirklich noch einen weiteren Tag voller Wadenwickel ertragen?"

„Tu nicht so; gestern waren es nur zwei, außerdem werde ich sie heute nur stündlich bis alle zwei Stunden erneuern. Das sollte reichen, um dich bis morgen wieder fit zu kriegen." Jack ließ sich in den Sessel fallen, nachdem sie das Tablett hochgehoben hatte. Das Tablett in einer Hand, nahm sie mit der anderen das Buch vom Nachttisch, damit sie das Essen dort abstellen konnte, dann schlug sie dort auf, wo sie gestern aufgehört hatte. Während Ian aß, las sie weiter, danach, nachdem sie ihm erneut Essigwickel aufgezwungen hatte, lasen sie beide eine Zeit lang.

Irgendwann ließ er das Buch sinken und sah sie an. „Jack?"

Sie blickte ebenfalls auf. „Ja?"

„Sag mal, täusch ich mich, oder war Lavi vorhin da?"

Jacks Antwort blieb aus, denn zu ihrem Glück klopfte es in dem Moment an der Tür. Als sie ‚Herein' rief, ging sie ein Stück auf und Allen steckte den Kopf ins Zimmer. „Hallo. Ich wollte mich erkundigen, ob es dir schon besser geht, Ian."

„Ja, danke. Aber woher hast du gewusst, dass ich hier bin und nich drübn?"

„Ich habe gerade Lavi getroffen, der hat es mir gesagt."

Ian sah Jack an. „Also war er doch da."

„Ich hab nie was andres behauptet; aber er war ja nur kurz da, weil er wissn wollt, wie's dir geht", erwiderte seine Schwester; gelassener als sie wirklich war. Sie hatte Glück, dass Ian nichts von ihrem Gespräch mitbekommen hatte; zumindest nichts vom Ende. „Ach, übrigens, Allen?"

„Ja?"

„Hast du vielleicht 'ne Ahnung, wo wir Haarbänder herbekommn? Langsam nimmt das da", sie deutete auf ihren und Ians Kopf, „überhand; wenn ich nich gegen die nächste Wand knalln will, muss ich mir 'nen Zopf machn, und Ian auch."

Der weißhaarige Exorzist lächelte. „Das Problem kenn ich; ich hab zwei, die ich euch geben kann. Einen Moment." Er zog den Kopf aus der Tür und schloss sie.

Zwei Minuten später war er wieder da, zwei Bänder in der Hand, jedes ungefähr so lang wie die, die sie um den Hals trugen. Und sie hatten genau denselben Farbton; eines war hellgrün wie Jacks Schleife, eines dunkelblau wie Ians.

„Ach ja." Jack öffnete den Knoten seiner Schleife und zog sie sich vom Nacken. „Das is ja deine." Er gab sie Ian und nahm sich dafür von Allen das hellgrüne Band. „Brauchst du die nich mehr?"

Der Exorzist seufzte melancholisch. „Einmal. Einmal hatte ich genug Geld, um etwas für mich selbst zu kaufen. Meine Schleife, die ich jahrelang getragen hatte, war gerissen, also wollte ich mir eine neue kaufen. Der Händler, der mir die hier", er deutete auf seine rote, „verkauft hat, hat mir gleich noch die beiden anderen verkaufen wollen, aber ich hab abgelehnt. Und dann…", er sah aus, als würde ihm gleich schlecht werden, „dann ist mein Meister aufgetaucht und hat mir alles Geld abgenommen, das ich hatte. Ich hatte nicht einmal mehr genug, um mir die rote zu kaufen. Und der Händler hatte solches Mitleid mit mir, dass er mir alle drei geschenkt hat."

„Dein Meister?" fragte Jack verständnislos; dann hellte sich sein Gesicht auf. „Ach so. Hättest du mir auch ruhig früher sagn können", meinte er, an seinen Bruder gewandt.

Allen wusste, dass Ian Jack gedanklich von ihrem Pokerspiel im Zug erzählt hatte. Jedem anderen wäre das wahrscheinlich unheimlich vorgekommen, aber ihn konnte so leicht nichts mehr erschrecken. Immerhin konnte er Seelen sehen; er kämpfte gegen Akuma, mithilfe einer Materie, die sich in seinem Körper festgesetzt hatte, und von der niemand wusste, woraus sie bestand. Das war ja alles so normal. „Wie lange macht ihr das eigentlich schon? Das mit der Telepathie, mein ich."

Ian zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung; manchmal glaub ich, wir machn das schon ewig. Aber so richtig bewusst wahrscheinlich erst seit ein paar Jahrn." In Wirklichkeit wusste er sehr genau, seit wann, aber das verschwieg er lieber. Das waren ein paar zu viele Zufälle.

„Wir ham auch lang gebraucht, bis wir den Dreh raushattn, wie man das aus- und anschaltet. Wolln ja nich die ganze Zeit hörn, was der andre denkt", fügte Jack hinzu.

Der jüngere Exorzist lächelte. „Ihr wärt die perfekten Falschspieler; gegen euch zwei käme wahrscheinlich keiner an, wenn ihr gemeinsam spielt."

Ian grinste. „Lust, das rauszufinden?" Er war es jetzt schon leid, die ganze Zeit nur herumzuliegen und nichts tun zu können; ein kleines Kartenspiel käme da gerade recht.

Jack legte vorsorglich schon sein Buch weg; er wusste genau, dass Allen einer Herausforderung zum Pokern nicht widerstehen konnte. Die beiden können ganz schön berechnend sein, dachte der weißhaarige Exorzist. Aber weil er selbst nichts zu tun hatte und weil seine dunkle Seite schon nach einem Spiel lechzte, nahm er auf dem Bett Platz und teilte aus.

Sie spielten den ganzen Vormittag über; keine Einsätze, denn sonst hätte Allen bald ziemlich gefroren. Sie waren wirklich gut; alleine fast so gut wie er, zusammen schlugen sie ihn haushoch. Gemeinsam setzten sie jeden Trick, den er kannte, gegen ihn ein, schoben sich gegenseitig die guten Karten zu und nutzten jede Gelegenheit, ihre Blätter noch zu verbessern.

Schließlich aber trieben ihre Mägen sie hinaus; Jack verbot Ian, aufzustehen, er würde ihm etwas bringen. Vorher wiederholte er noch mal die Behandlung, was er im Laufe des Tages bisher mindestens drei Mal gemacht hatte, und maß erneut seine Temperatur. Zufrieden mit seinen 37,4° C rauschte er ab, gefolgt von Allen, der noch mitbekam, wie Ian seinem Bruder einen Blick zuwarf, der klarmachen sollte, dass er kein Kleinkind war.

Beim Mittagessen gesellte sich auch Lavi zu ihnen; Allen fiel auf, dass beide leicht rot wurden, als sie einen für ihn unmöglich zu entziffernden Blick tauschten, und wieder fragte er sich, wie bei der Wasabi-Sache vor ein paar Wochen, was zwischen den beiden vorgefallen war. Sie verhielten sich ganz normal, wenn man davon absah, dass Lavi leicht verwirrt schien; das war ihm auch schon vorhin aufgefallen, als er ihm auf dem Gang begegnet war –und Jack vor Selbstzufriedenheit strotzte. Er wurde einfach nicht schlau aus den beiden.

Er lud Lavi ein, ihnen beim Pokern Gesellschaft zu leisten; natürlich nur, wenn es den Zwillingen nichts ausmachte. Jack meinte, Ian würde sich sicher freuen, also brachen sie gleich, nachdem sie aufgegessen hatten, auf, aber nicht, ohne Ian noch etwas mitzunehmen.

Nach weiteren vier Stunden Poker beschlossen sie schließlich, es gut sein zu lassen; langsam wurde es langweilig. Lavi hatte schon lange nichts anderes mehr getan, als zuzusehen, wie die Zwillinge ihren Vorsprung weiter ausbauten; er war schon nach den ersten paar Runden nicht mehr in der Lage gewesen, mit den anderen dreien mitzuhalten. Er war nun mal leider kein Profi, aber auch Allen musste sich angesichts der beiden anderen Mitspieler geschlagen geben; beide, Ian und Jack, waren allein schon gute Spieler, aber mit ihrer telepathischen Verbindung waren sie fast nicht zu schlagen.

Aber irgendwann wurde auch das schönste Spiel fade und das Gewinnen eintönig; Ian war schon zu müde, um zu protestieren, als Jack seine Temperatur maß, gerade rechtzeitig zum Abendessen. Obwohl sein Fieber weiter gesunken war, durfte er noch nicht aufstehen, stattdessen versprach Jack ihm, wieder etwas für ihn mitzubringen. Im Gehen nahm sie das leere Tablett mit, mit dem sie ihm sein Mittagessen gebracht hatte, und ignorierte dabei völlig seine beleidigte Miene. Er hatte sie auch nie aufstehen lassen, wenn ihre Temperatur noch über der 37°-Marke gelegen hatte.

Während dem Abendessen sprach sie kaum ein Wort; rasch aß sie auf und raste dann mit Ians Essen aus dem Saal, nachdem sie sich hastig verabschiedet hatte.

Gedankenversunken betrachtete sie ihren Bruder, während er aß. Das hohe Fieber hatte seine Beweglichkeit gestern noch ziemlich eingeschränkt –wenn nicht sogar zum Erliegen gebracht- aber heute war davon nichts mehr zu merken; während der Stunden, die sie mit Pokern verbracht hatten, hatte sie ihn aufmerksam beobachtet und festgestellt, dass er nicht im Geringsten nachgelassen hatte, was die Geschwindigkeit und Fingerfertigkeit seiner Handbewegungen anging. Zum Glück war ihr Bruder nur selten krank gewesen und wenn, dann nicht für lange –sonst hätte das ziemlich übel enden können. Keiner ihrer drei Komplizen war besonders geduldig gewesen, wenn sie einmal ausgefallen waren, eher im Gegenteil. Sie hatten ihre netten Phasen, aber die waren nur von kurzer Dauer und beschränkte sich auf ein Minimum an Freundlichkeit. Was im Klartext hieß, dass sie, wenn sie das Glück hatten und ihre Krankheit mit einer dieser Phasen zusammenfiel, zur Abwechslung mal nicht aufarbeiten mussten, was der andere nicht schaffte, weil er außer Gefecht war.

Teilweise verstand sie die drei ja auch; das Leben eines Diebes war hart und unbarmherzig, sie mussten nehmen, was sie kriegen konnten. Keiner von ihnen konnte es sich leisten, mal einen Tag Pause einzulegen, weswegen sie auch in der Zeit, in der sie sie ausgebildet hatten, besonders missmutig und griesgrämig gewesen waren. Einer von ihnen hatte unterrichtet, der andere gleich vier Mäuler zu stopfen gehabt. Als Michael dazugekommen war, war zwar einer mehr zum Stehlen und Plündern zur Verfügung gewesen, aber gleichzeitig auch einer mehr zu versorgen. Erst, als sie beide auch imstande gewesen waren, zu arbeiten –was zum Glück nicht allzu lange gedauert hatte- hatten sie genug für alle gehabt. Dann war für die anderen drei auch mal eine Hure rausgesprungen, wenn sie genug zur Seite schaffen konnten.

Wenn das der Fall war, machten die Zwillinge lange Streifzüge durch den Wald, denn alles, was Recht war, aber das wollten sie nicht unbedingt mitbekommen. Am lustigsten wäre es ja gewesen, wenn einer der anderen ihnen auch noch angeboten hätte, auch mal ihren Spaß zu haben.

Sie schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken. Die einzigen Frauen, die ein kleiner Dieb sich leisten konnte, hatten nicht mal mehr genug Zähne zum Kauen und wenn, dann waren sie schwarz und faulig. Sie stanken noch ärger als die Männer selbst und verkauften sich schon für einen halben Penny oder ein, zwei Schluck Alkohol; selbst, wenn sie wirklich Jungen gewesen wären, wäre ihnen allein vom Anblick dieser Frauen speiübel geworden. So hätten sie auch enden können, kam ihnen jedes Mal in den Sinn. Sie hätten nur einmal in den Stews von London in ihrer Wachsamkeit nachlassen müssen und… Schon vor einem Jahrhundert waren die Stews so ziemlich das Letzte gewesen und daran hatte sich in all der Zeit nichts geändert; wohin man blickte, in den Gossen Exkremente –und nicht nur tierische-, beim Einatmen Uringeruch in der Nase und bei jedem Schritt Dreck an den Schuhen, von dem man lieber nicht wissen wollte, was es war. Die Bewohner waren nicht viel besser und es war pures Glück, dass sie nicht schon nach zwei Wochen irgendwo in einer Seitengasse gelandet waren, mit zerrissenen Kleidern und durchgeschnittener Kehle. Sie waren, so schnell sie konnten, aus London verschwunden, einerseits eben deswegen, andererseits auch wegen ihm und ihrer Familie – falls man das so nennen konnte. Manchmal kamen ihr ihre eigenen Eltern nicht viel besser vor als die Tiere in den Stews, die sich Menschen schimpften; der Abschaum einer überfüllten Großstadt, die aus allen Nähten platzte.

„Hey, ich rede mit dir!"

Erschrocken zuckte sie zusammen; Ian sah sie aus seinem Winkel im Bett verärgert an. „Sorry, was hast du gesagt?"

„Ich wollte wissen, ob du mich morgen endlich aufstehen lässt; noch einen Tag mach ich nicht mit."

„Das haben wir doch schon geklärt; dein Fieber wird bestimmt morgen weg sein. Ich denke, nach etwas Ruhe bis –sagen wir- zum Mittagessen spricht nichts dagegen. Dann können wir auch deine Haare nachfärben."

„Bis zum Mittag? Du hast sie ja wohl nicht mehr alle! Ich bleib auf keinen Fall so lange im Bett."

„Ich vergelte dir nur gleiches mit gleichem. Du hast mich auch immer noch etwas ausruhen lassen, besonders wenn ich so hohes Fieber wie du hatte. Wenn du deinen gesunden Menschenverstand einschaltest-"

„Wofür du natürlich Experte bist!"

„-dann siehst du auch ein, dass etwas Ruhe nicht schadet." Sie lehnte sich leicht vor. „Ian, wir sind nicht mehr in der Höhle. Es besteht kein Grund, die Dinge zu überstürzen, im Gegenteil, es ist deiner Tarnung sogar förderlich, wenn du so lange als möglich in Deckung bleibst. Jeden Moment, in dem du dich nicht der Gefahr aussetzt, enttarnt zu werden, solltest du nutzen."

Ian verschränkte die Arme. „Und warum haben wir dann den ganzen Tag Karten mit Allen und Lavi gespielt?"

„Erstens ist es hier nicht so hell, als dass sie misstrauisch würden, und zweitens weiß ich genau, dass du wahnsinnig geworden wärst, wenn du den ganzen Tag nichts zu tun gehabt hättest."

„Touché. Aber du bist auch nicht besser, und das weißt du. Das Problem ist jetzt nur, was ich morgen mache. Ich spiel sicher nicht noch einmal einen ganzen Tag lang Karten –und auch keinen halben, vergiss es. Und ich werde nicht lesen." Er sah sie warnend an. „Kein Wort über Lesen."

„Dann musst du dir selbst was einfallen lassen, viel steht dir nämlich nicht zur Verfügung."

„Schön. Dann tu mir wenigstens einen Gefallen."

„Der da wäre?"

„Für den Rest der Zeit, die ich noch an dieses Bett gefesselt bin- lass mich bitte den Verband abnehmen."

Jack überlegte. Das war mit einigem Risiko verbunden; es konnte jederzeit jemand hereinkommen. Ian konnte nicht gleichzeitig verbergen und verscheuchen, das war ausgeschlossen. Zum Glück gab es eine einfache Lösung, die nicht nur dieses Problem, sondern auch ihr eigenes lösen würde. „Unter einer Bedingung."

„Die da wäre?" äffte er sie nach.

„Solange du den Verband nicht trägst, bleibe ich da. Ich passe auf, dass keiner dich überrascht, herausfindet, wer du bist, oder es womöglich noch weitererzählt. Abgemacht?"

„Du willst wirklich noch eine Nacht in dem Sessel schlafen?"

Sie sagte besser nicht, dass sie bisher noch keine einzige Nacht in dem Bett geschlafen hatte. „Abgemacht?"

„Gut, abgemacht. Dann darf ich jetzt das Ding abnehmen?" Ian sah sie flehend an.

Sie lachte leise. „Ja, mach ruhig. Für den Rest der Nacht aber nur, klar? Morgen wäre es zu gefährlich."

„Das ist mehr als genug." Er war schon damit beschäftigt, die Leinenstreifen von seinem Oberkörper zu wickeln. Als er fertig und wieder das Mädchen war, das er eigentlich sein sollte, atmete er erleichtert auf. „Gott im Himmel!"

„Werd nicht gleich ausfallend." Jack nahm wieder ihr Buch in die Hand und machte es sich im Sessel bequem. „Sonst glaubt der da oben noch, wir wären wieder zu seiner Herde zurückgekehrt."

„Es ist schwer, ein Schäfchen zu sein."

„Ein Grund, warum wir sicher ins Fegefeuer kommen, immerhin haben wir uns nicht wirklich an die Gebote gehalten –nicht mal die einfachsten."

„Oh, es gibt ein paar, die haben wir nicht gebrochen, aber weder der Papst noch die Queen oder der Bischof von Canterbury wäre besonders begeistert über unseren Lebenswandel, besonders nicht über unseren Wandel von wohlerzogenen Töchtern der Oberschicht zu Räubern, Dieben und Falschspielern."

„Geschweige denn ließen sie sich überzeugen, dass wir gute Gründe hatten –zumindest ich."

„Du beliebst zu scherzen. Das zu sehen, war mehr als Grund genug für mich. Hätte ich gekonnt, hätte ich auch noch gegen das fünfte Gebot verstoßen, wenn ich Kraft und Gelegenheit gehabt hätte, das weißt du genau."

„Lass das. Ich will nicht darüber sprechen."

„Ich weiß, ich hatte auch nicht die Absicht."

Jack antwortete nicht mehr; sie konzentrierte sich so überdeutlich auf ihr Buch, dass sogar der dümmste Trottel verstanden hätte, dass sie das Thema nicht mehr vertiefen wollte. Ian konnte es ihr nicht verdenken.

Befreit von seinen einengenden Verbänden rollte er sich auf die Seite, genoss das Gefühl, völlig frei atmen zu können, und nutzte jeden Atemzug, um genau das zu tun. Er klinkte sich völlig aus und konzentrierte sich nur auf das Gefühl, dass ihm so oft verwehrt geblieben war. Immer nur für kurze Zeit hatten sie sich einen Moment gegönnt, in dem sie die Verbände lockerten oder sogar ganz abnahmen; das Risiko war bisher immer zu groß gewesen. Aber hier im Orden hatten sie ihre eigenen Zimmer, in die sie sich zurückziehen konnten, hier wurde geklopft und auf Erlaubnis gewartet, bevor man eintrat. Und solange Jack Wache hielt, konnte er sogar so schlafen. Das war besser als alle Musik dieser Welt.

Langsam glitt er hinüber in den Dämmerzustand, der dem fiebertrunkenen Schlaf vorausging; am Rande bekam er noch mit, wie Jack ihn mit einem raschen Blick für schlafend erklärte, dann war er endgültig auf dem Weg ins Land der Träume.

Fieberträume.

Fieberträume, die noch deutlicher und bildreicher waren, noch verrückter und abgedrehter als seine normalen Träume. Und diesmal gab es kein abruptes Erwachen, das ihn davor gerettet hätte, sich selbst für reif für die Klapse zu erklären. Wenn er so weitermachte, war er wirklich reif für Bedlam, aber er wusste nicht, was er dagegen tun sollte. Und sein fiebernder Verstand wusste auch nicht, warum er irgendetwas dagegen tun sollte.

Es war doch so schön, von Kanda zu träumen.


Jaaaa, ich weiß, für mehr als einen Traum hat's diesmal noch nicht gereicht ... aber ein Ende der Dürrezeit ist in Sicht. Versprochen.

Bleibt mir gewogen.