*kartoffelauflauf mampf* Ich muss den jetzt essen :D Um Platz zu schaffen für meeeehr :D

sternenhagel: Siehst du? Ich kann ja brav sein xD Und ich kann dir auch Kanda geben, wenn du mich nur lange genug dazu erpresst xD

Yunaria: Angst und Bange um WEN? :D Nein, hier geht Kanda nicht an Jinai und der Sieg auch nicht immer an Pokermonster Allen und in beiden Fällen sind die Zwillinge daran schuld und nicht ich xD

Rated: T

Disclaimer: [Hier bitte den Disclaimer der letzten Kapitel hereinkopieren.]


1.10 Knall auf Fall

„Du siehst noch missmutiger aus als sonst", meinte Linali mit einem Seitenblick auf ihren Begleiter.

Kanda verzog keine Miene, als er antwortete. „Che. Es ist vier Uhr in der Früh."

Die Chinesin seufzte leise. „Wenigstens haben wir diese Mission schnell beenden können. Wenn ich dafür eine stundenlange Zugreise und eine Ankunft um halb vier Uhr morgens in Kauf nehmen muss, dann bitte. Hauptsache, wir haben das Innocence."

Ein dumpfer Laut erklang, als die Holzwand des Bootes sachte gegen den steinernen Steg schlug. Sie stiegen aus und Linali bedankte sich noch rasch bei dem Finder, der sie begleitet hatte, dann folgte sie Kanda, der schon auf halbem Weg die Treppe hinauf war. Es folgte die übliche ‚Du-bist-wieder-da,-Linali-chaaaan!'-Begrüßung durch Komui, dann konnte der Japaner sich endlich verziehen. Linali übernahm freiwillig den mündlichen Bericht; dafür musste er dann den schriftlichen verfassen, der dann zu den Akten kam. Es war ihm lieber, als Komui noch eine Sekunde länger ertragen zu müssen; wenn Linali zurückkam, war er jedes Mal so aufgekratzt und hyperaktiv, dass der Exorzist ihm am liebsten schon für seine bloße Anwesenheit die Zähne ausgeschlagen hätte.

Und dass außer ihm kaum einer seine Handschrift lesen konnte, machte auch nichts. Auch nach Jahren der Übung fielen ihm die japanischen Kanji immer noch leichter als die Buchstaben der Europäer, aber die konnte außer ihm überhaupt niemand lesen. Mit Müh und Not hatte er die sechsundzwanzig Buchstaben zu schreiben gelernt; allerdings war es eher die Mühe seines Lehrers gewesen als seine eigene. Die Schwertkunst war so ziemlich das einzige Fach, in dem er ein gelehriger Schüler gewesen war; bei allem anderen hatte Tiedoll ob seines fehlenden Interesses die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Es war dem Marschall einfach unbegreiflich gewesen, wie es sein konnte, dass ein Elf-, Zwölfjähriger sich für nichts anderes interessieren konnte als den Umgang mit einem Schwert. Dass er außer diesem kaum etwas anderes beherrschte, sah man von den notwendigsten Dingen ab, war der Tatsache zu verdanken, dass Tiedoll es irgendwann aufgegeben hatte, aus Kanda einen zweiten Michelangelo machen zu wollen. Und da die Kunst, besonders die bildende Kunst, bei dem Marschall in sämtliche Fächer mit einfloss, war es auch nicht weiter verwunderlich, dass der Unterricht fast gänzlich zum Erliegen kam.

Es war ja nicht so, dass Kanda dumm war; nur ungebildet. Von den meisten Dingen hatte er nur rudimentäre Kenntnisse, wegen ebenjenes plötzlichen Lernstopps. Er konnte Englisch, schließlich sprach er es seit Jahren; Lesen und Schreiben fiel ihm nicht weiter schwer, nur mit der Mathematik… Aber er hatte ohnehin nie viel mit Zahlen anfangen können. Was er beherrschte, reichte zum Leben; nicht, dass er es oft bräuchte. Außerdem kam ihm seine begrenzte Auswahl an schreiberlichen Fähigkeiten in gewisser Weise auch zugute; es blieb nur selten an ihm hängen, Berichte schreiben zu müssen. Eine Plage weniger.

Apropos… dachte er, als er den Gang erreichte, auf dem sein Zimmer lag. Bevor er trainierte, wollte er sich noch kurz etwas ausruhen; die Abgeschiedenheit seines Zimmers war dafür ideal –zumindest war sie das gewesen, bevor die Zwillinge eingezogen waren. Seitdem war es schon fast unmöglich, diesen Gang auch nur zu betreten, ohne einem von beiden zu begegnen. Es war besser geworden, seit Jack und er sich aus dem Weg gingen, aber das änderte nichts daran, dass Ian immer noch jedes Mal lächelte, wenn er ihn sah. Und jedes Mal fragte sich Kanda, ob er vielleicht irgendetwas im Gesicht hatte, dass der Junge so lustig fand, oder ob der einfach nur lebensmüde war.

Dumm nur, dass er dann auch jedes Mal wieder an die Musik zurückdachte; gerade dann, wenn sie ihn einmal für fünf Minuten nicht verfolgte. Wieso er den Exorzisten und die Melodie assoziierte, wusste er selbst nicht; Tatsache war, dass sich seine Laune rapide verschlechterte. Wer wollte schon einen 24-Stunden-Ohrwurm? Dazu kam, dass er immer, wenn der Junge ihn anlächelte, ein mulmiges Gefühl in der Magengegend bekam. Unter anderen Umständen hätte er gedacht, dass er vielleicht Gefahr witterte, aber das war… irgendwie freudig. Als würde es ihm gefallen, Ian lächeln zu sehen. Kam wahrscheinlich von diesem dämlichen Wunsch, der immer noch in seinem Hinterkopf saß. Bei einem Mädchen hätte er vermutlich gesagt, sie würde ihm gefallen, ja, aber das war ein Junge. Keine Chance, dass es dieses Gefühl war; zumal er nicht wirklich der Typ für Gefühlsduselei war.

Er schlug die Tür seines Zimmers hinter sich zu und kümmerte sich nicht darum, ob er dabei vielleicht jemanden aufweckte. Die meisten der Finder, die auf diesem Gang wohnten, waren sowieso ständig unterwegs; außer ihm waren vielleicht höchstens zwei oder drei Finder hier –und die Zwillinge. Und denen gönnte er es, wenn sie davon wach wurden.

Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war, dass keine zehn Sekunden später seine Tür wieder aufgerissen wurde und ein ziemlich wütender Jack –oder Ian?- vor ihm stand. Während er noch nach den richtigen unfreundlichen Worten suchte, um ihn wieder loszuwerden, fiel der Junge auch schon über ihn her. „Kannst du vielleicht etwas Rücksicht nehmn? Es gibt hier Leute, die schlafn wolln, und Ian gehört dazu. Er is krank, also weck ihn nicht auf, nur weil du mal wieder schlechte Laune hast. Obwohl", fügte er hinzu, wobei er sich etwas zurücklehnte und die Arme vor der Brust verschränkte, „eigentlich könntest du gleich für den Rest des Tages diesn Gang meidn, da das bei dir ja Dauerzustand is."

„Verschwinde, baka."

„Erst, wenn du aufhörst, mit den Türn zu knalln, Bakanda."

Kanda wollte schon nach seinem Hals fassen, aber Jack duckte sich und tauchte unter seinem ausgestreckten Arm durch. Mit einem großen Schritt stand er hinter ihm, die Hände wieder verschränkt. „Heut nich, ich hab keine Zeit für deine ‚Ich-bin-Kanda-der-Obermacker'-Spielchen."

Selten hatte der Japaner ihn so ernst gesehen. Die Augenbrauen zusammengezogen und die Lippen fest aufeinander gepresst, starrte Jack ihn wütend an. Anscheinend würde er nicht eher gehen, bis er seinen Willen bekommen hatte; also war ihm die Sache ziemlich ernst. Weswegen –Moment, hatte er gesagt, Ian sei krank?

„Wenn Ian mal krank wird, dann versteh ich keinen Spaß; bis er wieder gesund is, reiß dich am Riemen, klar?" Seine Miene milderte sich etwas. „Ian war bisher in seinem ganzn Lebn grad mal drei Mal krank; das heißt schon was. Und weil er sich immer um mich gekümmert hat, tu ich das auch für ihn. Also: Du hast absolutes Lärm-Verbot, kapiert? Und zwar bis heut Mittag. Nacht."

Jack marschierte einfach an ihm vorbei, zur Tür hinaus, die er leise hinter sich schloss. Kanda blieb zurück, mitten im Zimmer, und verarbeitete, was gerade passiert war. Ian war krank, Jack kümmerte sich um ihn und er hatte gerade dafür gesorgt, dass der Patient womöglich aufgewacht war. Hätte Jack ihm gesagt, was genau sein Bruder hatte, hätte er jetzt gewusst, ob er sich Sorgen machen sollte oder nicht-

Sorgen?

Er schüttelte den Kopf. Der Gedanke war plötzlich aufgetaucht, hatte sich in seinen Gedankengang gemischt und jetzt wurde er ihn nicht mehr los. Er machte sich keine Sorgen. Das war absurd. Außerdem, fiel ihm jetzt auf, hatte Jack nur von ‚bis heute Mittag' gesprochen; es konnte also nichts Ernstes sein, wenn es nur noch wenige Stunden dauern konnte. Entweder das, oder er war schon wieder über den Berg und brauchte nur etwas Ruhe. Und nachdem Ian ihm vor seiner Abreise noch ziemlich gesund vorgekommen war –nicht, dass er dem Exorzisten besondere Beachtung geschenkt hätte- war es bestimmt nichts Schlimmes, wenn es in weniger als einer Woche auskuriert werden konnte.

Kanda hängte seinen Mantel über das Kopfende des Bettes, aber entschied sich dann doch dagegen, sich hinzulegen; vorher würde er ein Bad nehmen. Das Handtuch über der Schulter, verließ er den Raum und schloss die Tür –wie jeder normale Mensch- leise, dann machte er sich auf den Weg. Nach einer langen Mission war ein Bad genau das Richtige und wenn er Glück hatte und lange genug unter Wasser blieb, wurde er vielleicht die Melodie los, die sich schon wieder in seinem Kopf eingenistet hatte und ununterbrochen spielte.

Und danach war Training angesagt.

Kanda hatte Glück; Ian war nicht aufgewacht, nur Jack. Hätte er Ian mit seinem Türenknallen geweckt, wäre Jack nicht so zimperlich mit ihm umgesprungen. Leise schloss sie ihre Zimmertür hinter sich, um nicht selbst zu tun, was sie dem Japaner vorgeworfen hatte. So geräuschlos wie möglich nahm sie wieder in ihrem Sessel Platz, wobei sie ihren Bruder genau im Auge behielt. Aber er bewegte sich nicht, schlug auch nicht plötzlich die Augen auf, sondern blieb ruhig liegen, einen Arm unter dem Polster, den anderen darauf, aber unter dem Kopf.

Den Kopf leicht zur Seite gelegt, betrachtete sie ihn. Sah sie auch so aus, wenn sie schlief? Sie konnte sich kaum vorstellen, jemals so ruhig und friedlich zu schlafen, geschweige denn, überhaupt die Ruhe zu finden, in tiefen Schlaf zu versinken. Sie hatte einen leichten Schlaf und wachte beim geringsten Geräusch auf, wahrscheinlich die einzige Sache, die sie sich nicht erst hatte antrainieren müssen. Ian hatte etwas Übung gebraucht, bis er das beherrschte, aber das war so ziemlich ihr einziges Talent, hervorgerufen durch ihre Angst. Nicht wirklich etwas, auf das man stolz sein konnte, aber es war das einzige ‚Fach', in dem sie ihm etwas voraushatte.

Erbärmlich.

Ja, sie war erbärmlich –auf das es vom Himmel widerhalle. Sie stützte sich immer auf andere, benutzte sie, um nicht allein sein zu müssen, und konnte es nicht einmal zwei Minuten alleine in einem geschlossenen Raum aushalten. Ian, Lavi, Allen, Ben, Johnny, Michael –irgendwann musste sie dieses Problem in den Griff bekommen, sonst würde jemand Verdacht schöpfen. Aber sie wusste nicht, wie sie das bewerkstelligen sollte, denn wie kämpfte man gegen einen körperlosen Feind? Ein Gefühl war nicht so leicht zu bekämpfen wie ein Mensch aus Fleisch und Blut.

Jack schüttelte den Kopf. Besser nicht daran denken; es jagte ihr eisige Schauer über den Rücken, sich das vorzustellen. Sie sollte an etwas anderes denken, etwas, das ihr half, einzuschlafen; schließlich wusste sie nicht, wann sie wieder so viel Schlaf bekommen würde, jetzt, wo Ian fast wieder gesund war. Sie musste jede Minute nutzen, jede Sekunde.

Zu ihrem Glück fiel sie schon bald in einen leichten Schlummer und wurde erst wieder wach, als Ian sich im Bett auf die andere Seite warf und ein müdes Seufzen von sich gab. Sie streckte sich kurz und sah dann zu ihm hinüber. Jetzt war er noch ruhig, aber sobald er wach war, würde es die Hölle werden, ihn dazu zu bringen, liegen zu bleiben. Er würde maulen und meckern und sie an den Rand des Wahnsinns treiben, nur um aufstehen zu dürfen. Jede Sekunde, in der er noch schlief, war ein Genuss; sie hatte vor, sich etwas Gutes zu tun und so lange wie möglich zu genießen.

Trotzdem fragte sie sich, was ihn so aktiv machte; normalerweise war er ein ruhigerer Schläfer, der sich im Laufe mehrerer Stunden höchstens einmal bewegte –und vielleicht einmal in zwei Wochen wechselte er seine Schlafposition völlig. Ja, es war unglaublich langweilig, wenn man unter Schlafproblemen litt und nichts anderes zu tun hatte, als seinem Bruder beim Schlafen zuzusehen –aber in der ersten Zeit hatte sie kaum schlafen können, also hatte sie sich darauf verlegt, ihn zu beobachten. Er, der trotz allem so ruhig schlafen konnte, trotz der Dinge, die passiert waren, trotz den Sorgen, die sie ihm bereitete, sie und ihre Zukunft.

Aber jetzt hatte er schon zweimal binnen einer Nacht seine Position komplett geändert; ständig war er in Bewegung und sie hätte Stein und Bein geschworen, ihn im Schlaf sprechen zu hören. Leider war ihre telepathische Verbindung nicht so gut, dass sie seine Träume sehen konnte, dann hätte sie gewusst, was ihn so beschäftigte. Ein weiteres Problem war, dass sie nicht verstanden hatte, was er gemurmelt hatte, das eine Mal, als er im Schlaf gesprochen hatte. Sie wusste nur, dass mindestens ein ‚a' in dem Wort vorgekommen war, aber mehr hatte sie nicht entziffern können. Und wenn sie ihn fragte, würde er es sicher abstreiten.

Erneut rollte Ian sich herum und kam auf dem Bauch zum Liegen, eine Hand über den Bettrand geworfen, der andere Arm hatte den Polster neben seinem Kopf fest umschlossen. Das Gesicht zur Wand gedreht lag er da, nur um sich zwei Minuten später erneut herumzuwerfen und sich auf die Seite zu drehen, den Polster an Brust und Gesicht gezogen. Obwohl er sich Jack jetzt zugewandt hatte, konnte sie sein Gesicht nicht sehen, denn es wurde teils von seinen Haaren, teils vom Polster verdeckt. Gespannt verfolgte sie, wie er immer neue Haltungen ausprobierte, aber offenbar war er mit keiner zufrieden.

Sein Traum schien ziemlich intensiv zu sein, also wollte sie ihn auf keinen Fall wecken –außerdem wollte sie ihre Nerven behalten- und betrachtete ihn stattdessen weiterhin. Schließlich rutschte er so nah an die Bettkante, dass er fast heraus gefallen wäre, wenn er nicht plötzlich aufgewacht wäre. Erschrocken hangelte er sich zurück in Sicherheit, dann strich er sich die langen Strähnen aus dem Gesicht und sah seine Schwester müde an. „Morgen."

„Morgen, Zappelphilipp."

„Was heißt hier Zappelphilipp, ich hab geschlafen."

„Aber ziemlich unruhig, immerhin wärst du fast aus dem Bett gefallen, oder? Außerdem hab ich dich die letzten Minuten beobachtet; du hast mit dem Bettzeug gerungen, als hinge dein Leben davon ab."

Ian wurde leicht rot, ließ sich aber nicht dazu herab, das zu erklären, obwohl Jack ziemlich gespannt auf diese Erklärung gewesen wäre. Als er aber nichts erwiderte, zuckte sie schließlich mit den Schultern und stellte die Füße wieder auf den Boden, die bisher in der Luft gebaumelt hatten, weil sie die Beine über die Seitenlehne gelegt hatte. Die Ellbogen auf die Knie gestützt, musterte sie den vorgeblichen Jungen vor sich eindringlich, aber dann gab sie auf. Wenn Ian nichts erzählen wollte, dann würde er eben nichts erzählen; sie konnte ihn ja schlecht dazu zwingen -immerhin war sie ja auch nicht ganz sauber.

Sie stand auf und streckte sich. „Dann eben nicht. Ich hol mir jetzt Frühstück; bis dahin ist trotzdem Verbandspflicht-"

„Aber wir hatten eine Abmachung!"

„Unter der Bedingung, dass ich anwesend bin, was nicht gegeben ist, schließlich kann ich nicht gleichzeitig dort und hier sein, oder? Ich beeil mich ja und mein Frühstück nehm ich mit, dann bin ich in zehn Minuten wieder hier. Solange kannst du ja wohl warten, oder?"

Er brummte nur unwillig; sie fasste das als Ja auf und warf ihm den Leinenstreifen zu, den sie vorsorglich versteckt hatte, damit niemand, der plötzlich hereinkam, ihn sah. Während er den Verband neu wickelte, sah er sie immer wieder böse an, aber sie achtete nicht darauf. In seiner Lage hätte sie dasselbe getan, weil sie ihrer schlechten Laune Luft machen wollte, und er hätte sie ebenso einfach ignoriert.

Sie aßen gemeinsam und schwiegen sich dabei an; es gab einfach nichts, was sie sich zu sagen hätten. Als sie fertig waren, trug sie die leeren Tabletts wieder zurück; als sie die Zimmertür wieder hinter sich schloss, waren seine Finger schon an dem Knoten, der den Verband an seinem Platz hielt. „Wenn das so weitergeht, müssen wir uns irgendwann was Neues einfallen lassen."

Jack wusste, was er meinte; das Essen hatte inzwischen auch die letzten Zeichen, die darauf hingedeutet hätten, dass sie noch vor kurzem Hunger gelitten hatten, getilgt. Verschwunden waren die hohlen Wangen, die erschreckend dünnen Gliedmaßen und die leichte Blässe unter der gebräunten Haut. Im Wald hatte sie ihr Überlebenswille bei Kräften gehalten; jetzt war es das gute Essen, das sie schnell und wendig hielt. Was Muskelkraft anging, waren sie den Jungen in ihrem Alter zwar etwas unterlegen, aber dafür hatten sie Ausdauer und Beweglichkeit. Und Level 2 konnten sowieso Männlein nur dann von Weiblein unterscheiden, wenn sich diese als solche zu erkennen gaben; von Level 1 ganz zu schweigen, die waren dumm wie Brot.

Der Nachteil daran war, dass man ihre Formen deutlicher sah; ihre Hüften und Taillen waren zu eindeutig nicht männlich, eindeutiger, als ihnen lieb war, und wenn sie nicht aufpassten, würden ihre Brüste irgendwann den Rahmen sprengen, den der Verband vorgab. Was sie hatten, passte gerade noch so in ihre Hand -jetzt. Vorher waren sie kleiner gewesen, ernährungsbedingt, aber jetzt mussten sie verdammt aufpassen und jeden engeren Kontakt noch schärfer vermeiden als vorher.

Sie hatten also auf die harte Tour gelernt, dass sie das Wachstum ihrer Oberweite nicht dadurch beeinflussen konnten, dass sie zwar mehr als vorher, aber weniger als üblich aßen. Eigentlich hatten sie ja schließlich ihre Linie halten wollen, indem sie gerade so viel aßen, wie nötig war, aber -Satz mit x, das war wohl nix.

Allerdings machte sich Ian mehr Sorgen darum als Jack -erstens machte er sich immer mehr Sorgen als sie, zweitens konnte Jack sich darauf verlassen, dass wenigstens eine Person nicht misstrauisch werden würde, schließlich wusste diese ja schon davon. Und sie vertraute darauf, dass er sie nicht verriet, allerdings wusste sie nicht, wie jemand anderer reagieren würde, wenn er oder sie es herausfand –am besten noch in aller Öffentlichkeit. Wobei 'sie' wahrscheinlicher war, denn schließlich hatten auch Amalie und Friederike es ziemlich rasch gemerkt. Also mussten sie Linali von jetzt an meiden; was schade war, denn sie mochten die Chinesin beide und unter anderen Umständen hätten sie vielleicht sogar Freundinnen werden können.

Aber es half nichts, sich jetzt den Kopf darüber zu zerbrechen; sie würden sich zwar etwas überlegen müssen, aber das hatte noch etwas Zeit. Schließlich hielten ihre Verbände noch und versteckten ihre Brüste noch recht gut; solange das noch der Fall war, gab es keinen Grund zur Panik. Und ihre weiten Hosen verbargen auch noch ihre Formen, genauso wie es die Tatsache tat, dass alle sie für Jungen hielten. Die Menschen neigten dazu, zu glauben, was sie sahen und was man ihnen weismachte, wenn man nur überzeugend genug dabei war. Solange sie glaubten, Ian und Jack wären, wer sie zu sein schienen, warum sollten sie etwas anderes annehmen? Ignoranz war doch etwas Schönes.

Der Rest des Vormittags war unglaublich langweilig. Durch ihre Abmachung waren sie beide quasi in dem Zimmer gefangen und weil keiner von beiden gewillt war, nachzugeben, blieb das auch so. Also lasen sie oder spielten Karten oder fadisierten sich –bis es Zeit zum Mittagessen wurde. Um seinen guten Willen zu beweisen, hatte Ian sein Hungergefühl lange genug ignoriert, bis es soweit war, dass Jack von selbst vorschlug, in den Speisesaal zu gehen. Sonst würde sie behaupten, es sei noch zu früh zum Essen und er wolle nur so schnell wie möglich aus dem Bett; zweiteres stimmte ja auch. Deswegen wartete er, bis Jacks Magen nur noch mit eisernem Willen zu überhören war und sie schließlich nachgab. Dafür wurde er dann auch mit Nichtbeachtung gestraft; ihre Art, eingeschnappt zu sein, weil sie diese –unvereinbarte- Wette verloren hatte.

Nachdem Ian seinen Verband wieder angelegt hatte, durfte er endlich aufstehen; allerdings war er im ersten Moment noch nicht so sicher auf den Beinen, was kein Wunder war, wenn man bedachte, dass er fast drei Tage im Bett verbracht hatte. Aber sobald er sich gefangen hatte, war er nicht mehr aufzuhalten; sein Körper schrie nach Bewegung und Essen.

Auch in der Schlange bei der Essensausgabe war er unruhig und zappelig; er platzte fast vor Energie und Fröhlichkeit. Und dann fing er auch noch an zu summen, eine seiner Lieblingsmelodien von Beethoven, die er früher immer stundenlang gespielt hatte.

Wie der Zufall es so wollte, betrat genau jetzt Kanda den Speisesaal; der Japaner wäre fast gestolpert, als er über dem Lärm der Essenden ganz schwach jemanden genau die Melodie summen hörte, die ihn schon seit über einer Woche verfolgte. Aber egal, wohin er blickte, er konnte denjenigen, der summte, nicht ausmachen. Es waren einfach zu viele Leute im Saal; dazu kam noch, dass vor ihm in der Schlange, nur ein paar Plätze weiter, die Zwillinge warteten, dass die Reihe an ihnen war. So sehr, wie ihn Jacks bloßer Anblick schon nervte, machte ihn Ian nervös –inzwischen konnte er sie schon daran unterscheiden, welcher ihn nervte und welcher nicht, ohne sie erst reden hören oder ihre Waffen sehen zu müssen. Anscheinend konnte er seinem Gefühl besser vertrauen als seinen Augen und als Kämpfer konnte eine gesunde Portion Instinkt nie schaden; er bewahrte einen vor vielen unangenehmen Überraschungen. Deswegen verließ er sich fast bedingungslos darauf; auch in dieser Sache.

Was nicht hieß, dass es ihm gefiel. Weder den Jungen zu sehen, der ihn an Dinge denken ließ, die eigentlich eher eine Vertreterin des anderen Geschlechts als einen Vertreter des eigenen miteinbezogen, noch die Musik im Hinterkopf zu haben, die ihn dann wieder an genau diese Gedanken erinnerte. Um weiteren unangenehmen Gedanken so weit als möglich aus dem Weg zu gehen, fixierte er seinen Blick auf die Wand und konzentrierte sich fest darauf. Um jeden Preis wollte er verhindern, Ian ansehen zu müssen.

Jeryy machte seinen üblichen Aufstand, weil Ian wieder gesund war; offenbar hatte er beide schon fest in sein Herz geschlossen, denn er freute sich fast so sehr, auch Jack zu sehen, obwohl sie gar nicht krank gewesen war. Mit einem freundlichen Lächeln bedankte sich Ian für das Mitgefühl -und die Suppe- des Chefkochs, dann nahm er sein Tablett und verschwand so schnell wie möglich. Beiden war die unverhüllte Zuneigung des Mannes, die er jedem entgegenbrachte, unangenehm; so etwas kannten sie kaum bis gar nicht, weder von ihren Eltern, noch von ihren Komplizen, einzig und allein Christian war nett zu ihnen gewesen. Aber hier im Orden war das anscheinend Gang und Gäbe.

Rasch suchten sie sich zwei freie Plätze, möglichst weit weg von der Menge –was allerdings so ziemlich unmöglich war, denn die Finder und Mitarbeiter verstreuten sich über den gesamten Saal. Mittagessen war High Noon im Speisesaal des Hauptquartiers; fünf Minuten später saßen sie zwischen Lavi und Linali, Allen gegenüber, der seine übliche Riesenportion verschlang. Die Exorzisten hatten keine Widerrede gelten lassen, allerdings hatte weder Lavi noch Linali Kanda dazu bewegen können, sich auch zu ihnen zu setzen. Der Japaner zog es vor, sich durch seine bloße missgelaunte Anwesenheit einen Platz zu schaffen. In einem abgeschiedenen Eck begann er seine Portion Soba, während rund um ihn ungefähr zwei Meter Abstand zum Rest der Anwesenden bestand.

Jack und Ian hatten nicht das Glück, so viel Platz zu haben; der Tisch, an dem die Exorzisten saßen, war bis zum Bersten mit hungrigen Essern gefüllt. Links und rechts neben ihnen erstreckte sich eine lange Reihe von Mitarbeitern, nur Allen hatte, durch die Menge an Essen vor sich, etwas Ellbogenfreiheit. Wie die Hühner auf der Stange saßen die anderen vier Exorzisten ihm gegenüber, Ellbogen an Ellbogen; erst Lavi, dann Jack, Ian und Linali. Tischgespräche blieben platzbedingt auf der Strecke; es war Eile geboten, wenn sie es schaffen wollten, aufzuessen, bevor ihr Essen kalt wurde, denn durch die räumliche Enge waren sie in ihrer Bewegungsfreiheit ziemlich eingeschränkt. Dass drei von ihnen sich gleichzeitig bewegen konnten, war ein Ding der Unmöglichkeit; entweder aßen Linali und Jack oder Lavi und Ian, während die jeweils anderen zwei warteten.

Irgendwann war auch die anstrengende Aufgabe der Nahrungsaufnahme geschafft und sie konnten Messer und Gabel beiseite legen. Satt und zufrieden lehnten sie sich zurück, so weit es ging, ohne von der Bank zu fallen, aber dann kam plötzlich Komui angerauscht. „Ah gut, Ian ist auch wieder auf den Beinen. Bis auf Kanda –ach, da ist er ja, sagt ihm dann Bescheid- jetzt seid ihr ja alle versammelt, dann muss ich euch nicht lange suchen. Kommt alle in die Trainingshalle drei –sobald ihr fertig seid", fügte er mit einem raschen Blick auf Allen hinzu, der gerade an dem wahrscheinlich zwanzigsten Mitarashi Dango kaute. Dann verschwand er wieder, genauso schnell, wie er gekommen war.

Vier Exorzisten warfen Linali einen verwunderten Blick zu, aber die Chinesin lächelte nur hilflos. „Ich weiß leider auch nicht, was er damit meint. Aber ich tippe mal darauf, dass es um eine Erfindung geht, denn er hat sich in den letzten Tagen in seinem Privatlabor verbarrikadiert und ist höchstens zum Essen herausgekommen. Aber es ist bestimmt kein neuer Komurin", ergänzte sie rasch, als sie den Argwohn in den Gesichtern der anderen sah.

Das beruhigte diese allerdings nicht im Geringsten, denn der Wissenschaftler hatte ziemlich aufgeregt gewirkt; was, wenn nicht ein Komurin, sollte diese Euphorie hervorrufen? Andererseits –Komui würde sie höchstwahrscheinlich nicht extra einladen, um ihnen sein neuestes Monster zu präsentieren… oder?

Linali war als einzige dazu in der Lage, mit Kanda zu sprechen und dabei auch wirklich eine vernünftige Antwort zu bekommen, also musste sie ihm Bescheid sagen. Sofort, nachdem sie aufgestanden war, füllte eine Mitarbeiterin ihren Platz und begann hungrig zu essen. Allen beeilte sich, fertig zu werden, dann standen sie auch auf und brachten ihre Tabletts zurück. Die Chinesin hatte Kanda irgendwie dazu gebracht, mit ihr am Ausgang auf die anderen vier zu warten, dann machten sie sich gemeinsam auf den Weg zur Trainingshalle drei, die oberste von drei Hallen, die übereinander lagen. Üblicherweise wurde sie weniger genutzt als die anderen beiden; Halle Eins war am leichtesten zu erreichen und bis auf Säulen, die die hohe Decke stützten und zwei schmale Streifen für Sitzplätze vom eigentlichen Übungsbereich abgrenzten, vollkommen leer. Hier hatten auch die Zwillinge bisher die meiste Zeit geübt. Halle Zwei war ein Dschungel aus Säulen, Balken und Seilen, in denen man das Bewegen in unwegsamen Gelände trainieren konnte; diese Halle hatten sie bisher nicht betreten, denn sie zogen den Wald um das Hauptquartier vor.

Halle Drei allerdings war genauso leer wie Halle eins, mit dem einen Unterschied, dass sie in etwa doppelt so groß und um die Hälfte höher war.

Und sie war voller Akuma.

Als sie die Tür zur Trainingshalle aufstießen, wichen sie unwillkürlich einen Schritt zurück und griffen nach ihren Waffen. Vor ihnen schwebten in mehreren Metern Höhe ungefähr hundert Akuma, allesamt Level 1, die sich zu ihnen umdrehten, als sie sie bemerkten.

„Da seid ihr ja endlich! Ihr habt ganz schön lange gebraucht", begrüßte sie Komui, der plötzlich wie aus dem Nichts auftauchte.

„Komui… was ist das? Das sind keine echten Akuma, oder?" fragte Lavi und deutete auf die Menge der Akuma über ihnen.

Allen schüttelte den Kopf. „Nein, ich kann keine Seelen sehen. Was ha-"

„Jetzt kommt erst mal herein und setzt euch. Das erklärt man nicht zwischen Tür und Angel." Der Wissenschaftler zog und schob sie durch die Tür in Richtung der niedrigen Langbänke, die an einer Längsseite der großen Halle standen. Keines der Akuma bewegte sich vom Fleck; stumm verfolgten sie, wie die Exorzisten unter ihnen sich in die gewünschte Richtung begaben.

Es war ein seltsames und unheimliches Gefühl, von so einer großen Menge Akuma beobachtet zu werden, ohne einen Angriff befürchten zu müssen; noch seltsamer, direkt unter ihnen durchzugehen. Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend setzten sie sich; keinem von ihnen behagte die Situation.

Komui stellte sich vor die Reihe der Exorzisten auf der Bank; mit hinter dem Rücken verschränkten Händen lächelte er sie gewinnend an. „Was ihr hier vor euch seht, sind die sterblichen Überreste von dreieinhalb Komurins, drei großen und einem kleinen, den die Forschungsabteilung platt gemacht hat, bevor ich ihn der Öffentlichkeit präsentieren konnte –schönen Dank übrigens, Lavi und Jack. Ohne euch hätte Johnny wahrscheinlich nicht sofort allen von meinem Baby erzählt." Weinerlich schniefte er, bevor er fortfuhr. „Nummer Eins verdanken wir Kanda, Nummer Zwei meiner Linali-chan, den kleinen, inoffiziellen Komurin Drei Lavi, Jack und der Forschungsabteilung und den offiziellen dritten Allen. In mühevoller Arbeit habe ich die kläglichen Überreste zusammengesucht, Schutthaufen und Mülldepots durchwühlt, auf der Suche nach den letzten Erinnerungen, die mir von meinen Lieblingen noch geblieben sind-"

„Nii-san, bitte komm zum Punkt."

„Der Punkt ist, wie Allen schon richtig bemerkt hat: Das sind keine echten Akuma. Ich habe sie selbst gebaut, jedes einzelne. Es ist mir gelungen, eine Maschinerie zu entwickeln, die dem Aufbau eines Akumas sehr nahe kommt und auch noch funktioniert. Betrieben werden diese Level 1 mit einem Kraftstoff, den ich aus einem hochkomplizierten chemischen Gemisch gewinne; er garantiert Langlebigkeit, hohe Feuerkraft, und die Möglichkeit, sie schweben zu lassen und ist dabei vollkommen wieder verwertbar, sobald die Maschine einmal zerstört wurde. Und äußerst sparsam im Verbrauch; mit zehn Milliliter davon kann man eine dieser Maschinen fast eine Stunde lang betreiben-"

„Nii-san!"

„Ist ja gut. Also, der Grund, warum ich diese Akuma gebaut und euch hier versammelt habe, ist der: Ich habe bemerkt, dass es uns hier an den nötigen Möglichkeiten fehlt, um euch ein sicheres und ausreichendes Training zu garantieren. Das geht sogar so weit, dass sich ein paar von euch schon gegenseitig bekämpfen." Er sah niemand bestimmtes an, aber alle wussten, dass er Kanda und Jack meinte; allerdings schien das keinen von beiden besonders zu stören, denn sie sahen ihn weiterhin an, der eine erwartungsvoll, der andere gelangweilt. Als er nicht die erwartete Reaktion bekam, fuhr Komui fort. „Diese Maschinen sind in etwa so gefährlich wie echte Akuma, allerdings fehlt ihnen das tödliche Gift der normalen Level 1. Das einzige, was sie können, ist schweben, sich hin und her bewegen und aus allen Rohren feuern, was das Zeug hält. Also nicht wirklich viel Unterschied, wenn man es genau betrachtet."

„Und was genau soll das ganze jetzt?" fragte Lavi zweifelnd.

Der Wissenschaftler wurde ernst. „Nun, das ganze gehört zu einem umfassenden Training, einer Art Ausbildung, wenn man es so will, die ihr absolvieren werdet. Als Exorzisten steht ihr an vorderster Front; wir können es uns nicht leisten, dass ihr verletzt werdet. Deswegen werdet ihr, wenn ihr hier seid, zusätzlich zu eurem normalen Training, mit diesen Maschinen hier üben; weiters gibt es für euch außerdem noch einen Erste-Hilfe-Crashkurs, in dem euch das nötigste beigebracht wird. Ihr werdet lernen, wie man feststellt, ob etwas gebrochen ist, wie man Blutungen richtig stillt, wann man welchen Verband anlegt, wie man jemanden aus einer Gefahrenzone bringt, ecetera ecetera. Für den Fall, dass mal kein Finder zur Stelle ist, bekommt jeder von euch ein Notfallpaket mit, in dem sich Verbandszeug, Drucktuch und Desinfektionsmittel befindet. Das ganze Paket ist klein genug, um in eine Manteltasche zu passen. Wir wollen erreichen, dass ihr Verletzungen so schnell wie möglich behandeln könnt und sie möglichst bald wieder verheilen."

Er sprach es nicht aus, aber sie wussten, was er damit meinte: Dass ihr so bald wie möglich wieder einsatzfähig seid.

Ihre Seite in diesem Krieg war zum Warten verdammt; Warten darauf, dass die Gegenseite ihren Zug machte oder die Finder Innocence bestätigten. Aber sobald sie dann ausrücken mussten, zählte jede Sekunde, jedes Quäntchen Kraft, jede Minute, die sie sich auf diesen Moment vorbereitet hatten. Versagten sie, verloren sie womöglich nicht nur Innocence, sondern auch wertvolle Kompatible -unentdeckte als auch bereits synchronisierte. Bei der derzeitigen Lage war es ein fataler Rückschlag, einen Exorzisten zu verlieren; und ein nicht einsatzfähiger Exorzist war fast so schlimm wie ein toter. Im Gegensatz zu dem Grafen hatten sie leider keine Exorzisten-Fabrik, in der sie Kompatible wie am Fließband herstellen konnten.

Komui nahm die Hände nach vorne; in seiner Rechten hielt er eine Uhr, den Daumen hatte er auf den Startknopf gelegt. „Hier wird nicht nur eure Kampfkraft, sondern auch eure Teamfähigkeit getestet. Ihr müsst euch darauf verlassen können, dass euch die anderen den Rücken decken, genauso, wie sie sich darauf verlassen müssen, dass ihr dasselbe für sie tut." Er hob beide Hände; wie auf Kommando lösten sich die Akuma aus ihrer Starre und schwebten langsam herunter. „Sie haben den Befehl, nicht auf mich zu schießen, aber für euch kann ich nicht garantieren. Aktiviert eure Waffen; wir wollen sehen, wie schnell ihr Hackfleisch aus ihnen machen könnt."

Er ließ die Arme fallen und betätigte noch in der Bewegung den Knopf; die Uhr begann zu zählen, als die Akuma ihre Kanonen auf sie richteten und feuerten.

Sofort stoben sie auseinander, um den Kugeln zu entgehen. Komui hatte nicht gelogen; die Geschütze waren scharf. Der Kugelhagel pulverisierte die Bänke und übersäte die Wand dahinter mit Einschlaglöchern.

Hastig aktivierte jeder von ihnen sein Innocence, dann stürzten sie sich in die Menge der angreifenden Gegner. Der Wissenschaftler hatte ganze Arbeit geleistet, denn sogar die Reaktionsschnelligkeit der Roboter stimmte mit denen der echten überein; träge drehten sie sich um, um erneut anzugreifen, aber schon hatten die Exorzisten die ersten sechs von ihnen zerstört. Das hinderte die anderen allerdings nicht daran, das Feuer fortzusetzen, wodurch sie sie in ständiger Bewegung hielten. Linalis Innocence verschaffte ihr als einzige den Vorteil, schneller als die Geschosse zu sein, die anderen mussten schauen, wie sie zurechtkamen. Entweder wichen sie aus, oder blockten sie mit ihrem Innocence ab.

Ian hielt sich zurück; seine Aufgabe war es, von Anfang an, den anderen den Rücken zu decken. Als Distanzkämpfer war es tödlich für ihn, sich direkt ins Schlachtgetümmel zu stürzen; mit einem Bogen kam er im Vergleich zu fünfzehn auf ihn gerichteten Kanonen schlecht weg. Stattdessen konzentrierte er sich darauf, mit routinierter Ruhe und Gleichmäßigkeit ein Akuma nach dem anderen abzuschießen; immer dort, wo es gerade am dringendsten war. Nicht selten wurde einer der anderen davor bewahrt, von einer Kugel getroffen zu werden, weil er die Maschine gerade noch rechtzeitig außer Gefecht setzte.

In dem dichten Gewirr aus Akuma sah keiner von ihnen den anderen, obwohl sie die Roboter in rascher Folge erledigten; es schien, als würden sie einfach nicht weniger. Kurz sah Jack Lavis rote Haare aufblitzen, dann war er schon wieder weg. Linali war zu schnell unterwegs, um genau gesehen zu werden und Allens weiße Haare fielen in dem dichten Gewirr aus gedeckten Farben kaum auf; Kanda war untergetaucht, nur Mugens Klinge war zu hören, wenn sie durch die Luft sirrte, oder er selbst, wenn er seine erste Illusion anwandte. Im Grunde war das Innocence der anderen neben den Akuma so ziemlich das einzige, was sie zu Gesicht bekam, aber sie wusste, dass Ian auf sie aufpasste, denn ab und zu krachte eine Maschine, die geglaubt hatte, sie überrumpeln zu können, auf einmal wie vom Schlag getroffen zu Boden. Dummerweise konnte sie, dadurch, dass sie die ganze Zeit in Bewegung war, nicht genau ausmachen, wo genau er gerade war, was sicher auch damit zusammenhing, dass er seine Position öfters wechselte, um nicht von Kugeln getroffen zu werden, wenn er zu lange an einem Ort blieb.

Es schien ewig zu dauern, bis die Menge aus Akuma anfing, sich zu lichten, und sie die anderen öfter zu Gesicht bekam. Dann verschwanden die Akuma immer rascher; sie musste größere Sprünge machen, um von einem zum anderen zu gelangen und gleichzeitig den immer noch in großen Massen abgefeuerten Kugeln zu entgehen. Noch dazu begannen die restlichen Roboter, wieder aufzusteigen, sodass sie sie vom Boden aus nicht mehr erreichen konnte. Das brachte ihnen den Vorteil, schießen zu können, ohne von ihr getroffen zu werden.

„Jack!" Sie fuhr herum und sah Lavi, keine fünf Meter entfernt, auf Nyoibo. Er hatte den Griff so weit verlängert, dass er fast auf einer Höhe mit den Akuma war, die sich im Moment gute vier Meter über dem Boden befanden. Allerdings konnte er so schlecht kämpfen; dafür war diese Taktik allerdings auch nicht gedacht, sie diente eher als ‚Aufstiegshilfe'.

Jack grinste und rannte hinüber; sie griff nach seiner ausgestreckten Hand und zog sich daran hoch, sodass sie sich hinter ihn auf den Stiel stellen konnte. Mit dem Geschick eines Drahtseilkünstlers balancierte sie auf dem dünnen Metallstab –zum Glück hatte sie keine Absätze an ihren Stiefeln- und beugte sich leicht vor. „Danke. Lass mich nur obn aussteign, dann mach, dass du wegkommst, sonst sitzt du da wie aufm Präsentierteller." Sie richtete sich wieder auf, als sie nahe genug an den Akuma war; mit einer Hand griff sie nach den wurzelartigen Tentakeln, die an der Unterseite des Level 1 über ihr wuchsen, und zog sich an ihnen hoch, hoch genug, um zwischen den Kanonen eines anderen Roboters zum Sitzen zu kommen. Aus dem Augenwinkel beobachtete sie, wie Lavi sich wieder zurück auf den Boden begab; Linali hatte inzwischen Allen und Kanda hinaufbefördert. Erst, als sie sicher sein konnte, dass er den innersten Kreis der Gefahrenzone verlassen hatte, sprang sie in die Hocke; jetzt bemerkte das Akuma sie, konnte sie aber mit seinen Kanonen nicht erreichen. Sie überließ es den anderen, die ihre Kanonen schon auf sie gerichtet hatten, es zu zerstören; mit so einem Imitat konnte sie sich das leisten. Ein echtes Akuma hätte sie höchstpersönlich vernichtet, denn schließlich erlöste nur Innocence die eingesperrte Seele.

Trotz der Absturzgefahr bewegten sie sich genauso schnell wie am Boden und bald hatten sie fast alle Akuma erledigt; nur noch höchstens zehn oder elf waren übrig, als Kanda einem von ihnen ausweichen musste und dabei mit Allen zusammenstieß, der ebenfalls auswich; beide gingen zu Boden, wurden aber gerade noch von Linali und Lavi gefangen und sicher abgesetzt. Damit war Jack ein paar Sekunden lang allein dort oben, in gut acht, neun Metern Höhe, umzingelt von fast einem Dutzend Maschinen. Um nicht ins Kreuzfeuer zu geraten, rettete sie sich an den Rand der Gruppe; genau gegenüber von Ian. Er befand sich fast schon unter den Akuma und zielte auf das, das seiner Schwester am nächsten war.

Im selben Moment, in dem er schoss, stach Jack mit ihrem Sai auf die Maschine ein; als beide Waffen, Pfeil und Klinge, die harte Außenhülle des Gestells durchbohrten, sackte es für einen Moment ab und fiel binnen diesen Sekundenbruchteils einen halben Meter unter die anderen. Dann zerbarst es in einer Explosion, die so gewaltig war, dass sie die anderen Akuma einschloss und mit sich riss; Jack wurde von der Druckwelle zurückgeworfen und in hohem Bogen quer durch die Halle geschleudert.

Ein plötzlicher Ruck an ihrem Handgelenk brachte sie abrupt zum Stillstand; als sie aufsah, sah sie Linali über sich schweben, sie mit beiden Händen festhaltend. „Alles in Ordnung?" fragte sie bestürzt.

Völlig geschockt konnte sie nur stumm nicken, während die Chinesin sie vorsichtig absetzte. Es war ein Wunder, dass sie die Explosion unbeschadet überstanden hatte; eigentlich hätte sie schwerste Verbrennungen davontragen müssen, so nah, wie sie der Quelle gewesen war. Die Explosion hatte auch sie berührt, aber sie hatte nichts davon gespürt, obwohl sich die Feuerwalze über die halbe Halle erstreckt hatte -in der sich auch Ian befunden hatte. „IAN!"

„Alles okay! Mir is nix passiert." Ihr Bruder kam durch das Trümmerfeld auf sie zu, kaum dass sie den Boden berührt hatte. Erleichtert stellte Jack fest, dass er die Wahrheit sagte; auch er hatte es unverletzt überstanden.

Komui drückte erneut den Knopf an seiner Stoppuhr und warf einen Blick auf die Anzeige. „Dafür, dass es so viele Akuma waren… nicht schlecht. Die letzte Explosion hat das ihrige dazu beigetragen. Was war das?" fragte er neugierig.

Ian zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich dacht, du könntest uns das erklärn. Und, warum wir nich verletzt wurdn."

Allen sah von einem Zwilling zum anderen. „Ihr meint, ihr wisst nicht, wie ihr das gemacht habt?"

Wir warn das?" fragte Jack erstaunt.

Der Wissenschaftler verschränkte die Arme. „Es ist in dem Moment passiert, in dem ihr beide es getroffen habt. Offenbar hält euer Innocence noch eine kleine Überraschung parat, von der wir bisher nichts wussten." Er überlegte kurz. „Ich denke mir das ganze so: Ihr seid Zwillinge, und eure gedankliche Verbindung hat bereits bewiesen, dass ihr einen besonderen Draht zueinander habt; vielleicht ist das mit eurem Innocence genauso. Es könnte sein, dass eure Innocence-Einheiten erst in der direkten Zusammenarbeit ihr wahres Potenzial zeigen."

„Du meinst, sie haben ein Zwillings-Innocence, Nii-san?"

„Denkbar wäre es. Das Innocence sucht sich den Exorzisten, es könnte also auch möglich sein, dass es sich wirklich um so eine Art Zwillings-Innocence handelt. Es hat euch ja bestimmt nicht ohne Grund ausgesucht. Immerhin ist es sonst überhaupt nicht üblich –übrigens in der ganzen Geschichte des Ordens auch noch nie vorgekommen- dass zwei Exorzisten miteinander verwandt sind und erst recht nicht so eng."

„Aber was heißt das, ‚wahres Potential'?" Keiner der beiden Zwillinge verstand auch nur im Geringsten, was er damit meinte.

„Vielleicht ist diese Stufe, zwei Sai und ein Bogen, noch nicht die endgültige Form eurer Waffen. Es ist denkbar, dass dadurch, dass ihr noch enger zusammenarbeitet, die wahre Form eures Innocence zu Tage tritt, eine Form, in der ihr noch stärker als bisher seid. Ihr habt ja gesehen, was für eine Explosion ihr verursacht habt, weil ihr die Maschine gleichzeitig getroffen habt."

„Und wie können wir…" Jack wusste nicht recht, wie sie es ausdrücken sollte, aber Komui verstand auch so.

„Training. Kampf. Das ist eine Möglichkeit, denke ich. Genau weiß ich es nicht, weil wir ja noch nie so einen Fall hatten. Ich denke, dass wird ein paar Experimente benötigen, bis wir den richtigen Weg gefunden haben." Er wandte sich an alle. „Fürs erste reicht es; ich muss dafür sorgen, dass dieses Chaos beseitigt wird und dann muss ich weitere Akuma für morgen bereitstellen. Morgen Vormittag beginnt ihr den Erste-Hilfe-Kurs, bis dahin könnt ihr euer privates Training absolvieren; morgen Nachmittag halten wir dann eine weitere Schlacht ab –oder ich lassen euch in Paaren oder Gruppen gegen mehrere Akuma kämpfen, das werden wir noch sehen."

Lavi legte fragend den Kopf zur Seite. „Und was ist mit Miranda und Krory?"

„Sie werden das nachholen, sobald sie zurück sind." Er seufzte leise. „Was wahrscheinlich noch nicht allzu bald der Fall sein wird, befürchte ich. Ihre Mission hat ein paar unangenehme Überraschungen bereitgehalten, mit denen wir nicht gerechnet haben. Es ist nichts, mit dem sie nicht fertig werden, aber es zögert ihre Rückreise hinaus; leider auf unbestimmte Zeit, wie ich zugeben muss. Es wäre jetzt zu kompliziert, das alles zu erzählen, das hat Zeit, bis sie wieder da sind." Komui richtete sich gerade auf und straffte den Rücken. „Was euch betrifft: Ab morgen jeden zweiten Tag Training, bis ihr eine Mission zugeteilt bekommt. Heute war ein Testdurchlauf; morgen beginnt das echte Training. Eure Daten werden gesammelt und ausgewertet, damit wir eure Stärken ausbauen und an euren eventuellen Schwächen arbeiten können. Je besser ihr kämpft, desto besser seid ihr geschützt."

Er wies ihnen den Weg zur Tür. Wieder sprach er einen Teil des Satzes nicht aus, aber sie hörten ihn, als hätte er es getan: Und desto höher ist eure Überlebenschance.


Komui bastelt sich seine eigene Akuma-Armee xD Komurin, Akuma ... als nächstes erfindet der Mann die Atombombe o.O

Bleibt mir gewogen, ich habe Komui mit seinem Superhirn.