Huhu, da bin ich wieder, spät aber doch ...
sternenhagel: Du erfährst ja jetzt, wie ihr Innocence aussieht :D Und ein Fitzelchen Kanda gibt es auch ^-^ *essen verschling* Hoffentlich bist du mit dem Kanda-Teil des Kapitels so zufrieden wie ich mit dem Essen *unverschämt grins*
Rated: M für dieses Kapitel
Disclaimer: [Hier steht der Disclaimer der letzten Kapitel.]
1.13 Lieber ein Ende mit Schrecken…
Am nächsten Morgen hatten sie –wie versprochen- einen Kurs in Erster Hilfe. Wie in der Schule saßen sie im Krankenzimmer jeweils zu zweit an einem Tisch, die drei Tische im Halbkreis um die Oberschwester aufgestellt, die sich bereiterklärt hatte, diesen Kurs zu halten. Allerdings unter einer Bedingung, die sie zu spüren bekamen, als sie sich am Anfang setzen wollte. Die Frau, die von den zwei Wochen, die Jack verletzt gewesen war, schon mehr als genug hatte, gab ihnen eine Sitzordnung vor, nach der sie sich zu richten hätten, sonst würden sie ihr blaues Wunder erleben, erklärte sie mit einem scharfen Blick in Richtung Jack und Lavi.
Deswegen verfrachtete sie Kanda auf den äußersten Platz und Linali quasi als Puffer neben ihn; daneben Lavi und Ian und auf den letzten Tisch erst Allen und dann, auf den allerletzten Platz, Jack.
Allerdings hatte sie die Rechnung ohne die Zwillinge gemacht; als sie Ian aufrief –sie konnte die beiden einfach nicht auseinander halten, deswegen ging sie danach, wer sich meldete, und vertraute auf Ians Vernunft- meldete sich kurzerhand Jack; nach ein paar gedanklichen Bitten und Schmeicheleien erklärte sich Ian bereit, mitzuspielen. Er war eben doch unvernünftiger, als die Schwester ihm zutraute; keiner der beiden konnte einem Streich widerstehen. Also saß Ian aufs Jacks Platz neben Allen, Aug in Aug mit Kanda. Jetzt fing er doch an, zu bereuen.
Der Japaner war einen Moment lang verwirrt, denn er erkannte Ian eindeutig, obwohl der doch angeblich neben Lavi sitzen sollte. Ein kurzer Seitenblick in die Richtung des Rotschopfs bestätigte seine Vermutung: Die beiden hatten Plätze getauscht. Er entschied, dass es ihm egal sein konnte, was die beiden anstellten, solange sie ihn nicht mit hineinzogen. Das einzige, was ihn an der Sache störte, war, dass er jetzt Ian gegenübersaß; irgendwie hätte er Jack besser vertragen, den konnte er wenigstens umbringen, wenn er ihm auf die Nerven ging, aber mit Ian war das schwierig. Er konnte sich selbst nicht erklären, wieso, aber irgendwie… mochte er ihn –wenn das nicht absolut unmöglich gewesen wäre.
Lavi war weniger schwer von Begriff; er erkannte Jack sofort und unterdrückte ein Lächeln, das sie sofort verraten hätte.
Es wäre ein ziemlich langweiliger Vormittag geworden, wenn nicht die Notwendigkeit dieses Unterrichts wie ein Damoklesschwert über ihnen geschwebt hätte; die Schwester fing damit an, dass sie ihnen die Zahl der Opfer nannte, die der Orden seit seiner Gründung zu beklagen hatte, Exorzisten und Finder, die im Kampf gestorben waren. Auch wenn die Anzahl derer, die sie gerettet hatten, indem sie sie vor den Akuma beschützt hatten, überwog, mehrfach sogar, hatte es eine schlagartig ernüchternde Wirkung auf sie. Genau das hatte die Frau auch im Sinn gehabt; jetzt verfolgten sie den Unterricht aufmerksam und konzentrierten sich auf den Stoff, anstatt Blödsinn zu machen.
Als die Oberschwester die Schulung für beendet erklärte, war es gerade Zeit fürs Mittagessen; schweigend verließen sie den Raum, genauso schweigend nahmen sie ihre Mahlzeit ein, bevor sie sich auf den Weg zur Trainingshalle Drei machten, wo wieder das Training stattfand.
Komui wartete schon auf sie; er hatte die Halle über Nacht in ein Labyrinth aus Straßen und Gassen verwandelt, getrennt durch Kulissen, wie sie normalerweise beim Theater verwendet wurden. Die Kulissen waren zu Häusern zusammengestellt und sahen annähernd echt aus; dazwischen standen überall lebensgroße Puppen. Nur am Rand, dort wo die Bänke standen, war ein schmaler Streifen freigelassen worden, breit genug, damit sie sich setzen konnten. Falsche Akuma waren keine zu sehen.
Der Wissenschaftler lächelte. „Na, hat euch die Oberschwester ausreichend motiviert?" Die Exorzisten warfen ihm einen angewiderten Blick zu, während sie sich setzten; was der guten Laune des Chinesen allerdings keinen Abbruch tat. „Das war durchaus als Motivation gedacht, sowohl, um den Unterricht durchzustehen –und sich auch zu merken, was sie euch erzählt hat- als auch für jetzt. Es ist unsere Aufgabe –eure Aufgabe, die Welt vor den Akuma und dem Grafen zu beschützen, und das hat jeder eurer Vorgänger gewusst. Jeder Mitarbeiter und jeder Exorzist, jeder unserer Helfer und Verbündeten weiß, wie wichtig unsere Aufgabe ist und was er dafür aufs Spiel setzt. Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende; es warten noch tausende Akuma auf euch und noch mal tausend so viele Unschuldige, die ihr beschützen müsst. Jeder dieser Männer, jede dieser Frauen, ist in Ausübung seiner und ihrer Pflicht gestorben; es ist eine Ehre, ihre Nachfolge anzutreten… und dafür zu sorgen, dass ihr Opfer nicht umsonst war."
Zum Ende hin war er immer ernster geworden; jetzt rückte er seine Brille zurecht und lächelte wieder. „Heute habe ich etwas für euch vorbereitet, das ein wenig schwieriger ist als das, was ihr gestern gemacht habt. In diesen Straßen, die ihr hier vor euch seht, sind ungefähr siebzig Unschuldige aufgestellt, die nicht ins Kreuzfeuer geraten dürfen. Eure Aufgabe ist es, die Akuma ausfindig zu machen, zu vernichten und dabei keineeinzige Puppe zu beschädigen. Leider haben wir keine Mitarbeiter, die wir entbehren können, um diesen Job zu übernehmen, also müssen die Puppen herhalten." Er kassierte fünf missbilligende Blicke für diese Bemerkung. „Ihr werdet da hineingehen und Ausschau nach meinen Maschinen halten, die ich in diesem Labyrinth überall versteckt habe; und zwar alle gemeinsam. Euer Innocence dürft ihr erst aktivieren, wenn ihr drin seid. Also los." Er zog wieder seine Stoppuhr aus der Tasche.
„Aber woher wissen wir denn, wann wir alle Akuma ausgeschaltet haben, Nii-san?"
Komui lächelte erneut. „Im Normalfall wisst ihr das doch auch nicht, oder? Ihr müsst eben aufpassen und alle Gassen durchsuchen. Ein Tipp: Sprecht euch vielleicht ab, hm?" ergänzte er mit einem Seitenblick auf Kanda.
Er scheuchte sie durch den Eingang in das Labyrinth und schob die Wand vor den Eingang, die er daneben angelehnt hatte. „Und macht mir nicht zu viele von meinen Häusern kaputt!" rief er ihnen noch zu, dann war es still.
Ein wenig unsicher sahen sie sich in der dunkel gewordenen Gasse um, in der sie standen. Die Puppen verliehen der Atmosphäre etwas Unheimliches, wie ein Wachsfigurenkabinett.
Allen räusperte sich; in der Stille der künstlichen Gasse war das Geräusch so laut wie ein Donnerschlag. „Am besten, wir teilen uns auf, oder was meint ihr?" Die anderen hatten nicht wirklich bessere Vorschläge; eigentlich dachten sie alle dasselbe.
„Also, gehn wir." Ian zog Jack hinter sich her. Allen und Lavi beschlossen, ebenfalls zusammenzubleiben, was Linali mit Kanda zurückließ. Mit einem leisen Seufzen folgte sie dem Japaner aus der Dunkelheit der Gasse.
Sie mündete in einer größeren Straße, deren Verlauf sie bis zu einem Platz folgten, auf dem um die dreißig Puppen standen. Mehrere Straßen führten von dem Platz weg; sie wählten drei, die in unterschiedliche Richtungen führten, um ein möglichst großes Gebiet abzudecken.
Es dauerte keine Minute und schon hörten Ian und Jack die ersten beiden kämpfen; aus den Stimmen schlossen sie, dass es Allen und Lavi waren. Kurz darauf erscholl auch aus der anderen Richtung Kampfeslärm; also hatten Linali und Kanda die ersten Akuma aufgestöbert. Nur sie waren bisher auf keine gestoßen.
In dem Moment riss die Hauswand rechts von ihnen auf und sie mussten sich zu Boden werfen, um den Geschossen zu entgehen, die die nächsten vier Häuser durchschlugen.
„Nich wir, sondern die Maschinen machn die Häuser kaputt!" Ian sprang auf und zog Jack mit sich aus der Schusslinie, als das Akuma erneut feuerte. Im Laufen schlugen sie mit den behandschuhten Händen ein und aktivierten ihr Innocence; zehn Sekunden später senkte sich wieder Grabesstille über die Straße, nachdem der Roboter explodiert war.
„Weiter?" keuchte Ian.
Jack nickte. „Weiter."
Sie folgten der Straße, die sich bald mit einer zweiten kreuzte; als sie sie überquerten, wurden sie erneut angegriffen. Diesmal krachten gleich drei Akuma durch die Kulissen der Häuser und eröffneten das Feuer. Mit Müh und Not umgingen sie die Puppen und brachten sie aus der Gefahrenzone, bevor sie sich der Maschinen annahmen. Mit einem einzigen gezielten Schuss und ein wenig Fingerspitzengefühl in seiner Linken hatte Ian sie außer Gefecht gesetzt, sodass sie ihren Weg fortsetzen konnten.
Allerdings endete die Straße in einer Sackgasse; sie waren an der Mauer der Halle angelangt. Also mussten sie umkehren und bei der Kreuzung die Querstraße nehmen, um weiter voran zu kommen. Immer wieder begegneten ihnen Akuma, sodass sie oft nur, indem sie ihren Hals riskierten, sich und die ‚Unschuldigen' in Sicherheit bringen konnten. Nach einem solchen Manöver, bei dem sie gleich drei Puppen mit sich gerissen hatten, schlugen sie besonders gemein auf dem harten Boden der Halle auf.
„Also, eins muss man Komui lassn: Er macht keine halbn Sachn." Ian spuckte den Staub aus, den er geschluckt hatte, als er Fresse voran gelandet war.
Jack neben ihm lachte heiser und rappelte sich hoch; mit einer Hand rieb sie sich den schmerzenden Hinterkopf. Sie war gegen eine der Holzleisten gekracht, die die Kulissen zusammenhielten. „Besser Level 1 als Level 2, oder?"
Er gab ein verächtliches Geräusch von sich, rollte sich auf den Bauch und zielte auf das Akuma, das sich der Öffnung in der Papierwand genähert hatte. Eine Millisekunde später war die wahrscheinlich hundertste Explosion dieses Tages zu hören; erschöpft ließ er den Kopf nach hinten sinken. „Wie viele solche Maschinen baut der Mann in einer Nacht?"
„Wenn du bedenkst, dass er sonst kaum was macht, weil er immer schwänzt, lässt das ziemlich viel Zeit für solche Spompanadeln übrig." Jack wollte gerade aufstehen, duckte sich dann aber wieder hinter die Kulisse. Ein einsames Level 1 schwebte vorbei; eine Sekunde später war da keines mehr.
Ian ließ den Arm wieder sinken. „Weiter?"
„Weiter."
Ächzend setzte er sich auf, dann stand er auf und klopfte sich den Staub von der Hose. Sie stiegen durch das Loch in der Kulisse wieder hinaus auf die Straße, umgingen die Trümmer der Maschinen und hatten den Schauplatz bald hinter sich gelassen.
Jack streckte sich. „Bis jetzt läuft's doch ganz gut, oder?"
„Wie man's nimmt; die Puppen sind noch ganz und die Maschinen Schrott, unser neues Innocence funktioniert einwandfrei und wir sind unverletzt –ja, ich glaub, es läuft ganz gut." Er grinste.
Seine Schwester lächelte zurück; dann konzentrierten sie sich wieder auf den Weg vor sich. Jederzeit konnten weitere von Komuis Robotern auftauchen.
Als sie um die Ecke bogen, sahen sie Kanda und Linali, die ihnen entgegenkamen; die Chinesin lächelte ihnen zu, während Kanda allem Anschein nach nur mit Mühe dem Drang widerstand, mit den Augen zu rollen. Sie hatten sie fast erreicht, als hinter ihnen zwei Akuma durch die Hauswand brachen. Die Gedanken der Zwillinge waren schneller als die beiden Exorzisten; noch während Kanda und Linali sich umdrehten, um den Angriff abzublocken, schossen zwei gelbe Strahlen an ihnen vorbei, trafen die Maschinen und ließen sie ihn einer Explosion verschwinden.
Verblüfft wandten sich die beiden wieder zu Ian und Jack um; so hatten sie ihr Innocence gar nicht in Erinnerung. Beide trugen eine Art Rüstung, die ihren Rücken, Nacken, ihre Arme und ihre Schultern schützte, auf einem Arm befand sich bei beiden eine schwarze Kanone. Die Rüstungen waren sich sehr ähnlich, aber es gab ein paar mehr oder minder kleine Unterschiede. Bei Ian war ein Arm in silberne Platten gehüllt, der andere, der die Kanone trug, war schwarz und am Handgelenk befand sich ein schwarzer Schild, der seine obere Hälfte versteckte, wenn er den Arm hob. In der linken Hand hielt er ein Schwert, dessen Klinge an der oberen Hälfte Ähnlichkeit mit einem Wiegemesser hatte. Jacks Arme waren beide in die silberne Rüstung gehüllt, genauso wie sein gesamter Oberkörper, nur die Kanone auf seinem rechten Unterarm war schwarz; er trug keinen Schild, aber ebenfalls ein Schwert in der anderen, das genauso seltsam geformt war.
Auf einmal verschwand das Schwert aus Ians Hand, die Kanone an Jacks Arm löste sich ebenfalls in Luft auf und wurde von dem Schwert ersetzt, das Ian getragen hatte. „Das war knapp."
„Was- Wie habt ihr-" Linali verstand nicht, wie sie das gemacht hatten.
„Das is unser neues Innocence; so sieht es aus, wenn wir gemeinsam aktiviern. Aber das solltn wir später klärn, wenn wir hier raus sin, oder?" Jack schob sich an den beiden vorbei, gefolgt von Ian.
Linali hastete hinter ihnen her, nach ein paar Sekunden folgte auch Kanda. Zu viert streiften sie durch die Gassen; schon ihre bloße Anwesenheit reichte, um die Roboter aus ihrem Versteck zu locken. Da sie jetzt doppelt so viele waren wie zuvor, hatten sie ihre Augen praktisch überall und konnten dementsprechend schnell reagieren. Bald trafen sie auch auf Lavi und Allen, die sich ähnlich überrascht über ihr Aussehen zeigten; noch mehr, als sie sie im Kampf sahen.
Aber irgendwann hatte das Kämpfen dann ein Ende; schweigend streiften sie durch die Gassen, bereit, bei der kleinsten Bewegung zuzuschlagen, aber nichts geschah. Anscheinend hatten sie alle Akuma erwischt –und die Roboter hatten die ‚Stadt' auch erwischt. Überall klafften große Löcher in den Kulissen, genauso viele waren mit Einschusslöchern übersät, nur die Puppen waren alle heil geblieben.
Unvermittelt klappte neben ihnen eine Wand auf und Komuis Gesicht kam zum Vorschein. „Und?"
„Wir finden keine mehr, Nii-san. Ich glaube, wir sind fertig", antwortete Linali.
„Dann kommt mal raus; ich will das überprüfen." Er machte den Weg frei, damit sie das Labyrinth verlassen konnten; als er die Aufmachung der Zwillinge sah, hob er nur kurz eine Augenbraue, sagte aber nichts.
Stattdessen zog er wieder eine seiner obligatorischen Fernbedienungen aus der Kitteltasche und legte einen Hebel um; als nichts passierte, drückte er die Stopptaste an seiner Uhr und nickte zufrieden. „Alle erwischt. Gut gemacht; wären noch welche übrig, dann wären sie jetzt zum Vorschein gekommen. So, dann erklärt mal, was ist mit diesen Rüstungen? Hat das nicht gestern noch anders ausgesehen?"
„Ich würde gern wissen, wie ihr überhaupt zu diesen Rüstungen gekommen seid", ergänzte Allen.
Rasch erklärten sie, was passiert war, nachdem sie sich von den anderen getrennt hatten; dann kamen sie zu dem Punkt, an dem sie entdeckt hatten, dass ihre Handschuhe aufeinander reagierten. „Als wärn sie statisch geladn. Dann ham wir die Hände zusammengelegt und unser Innocence aktiviert und rausgekommen is das. Nach ein bisschen Üben ham wir entdeckt, dass wir, wenn wir unsren gedanklichen Kontakt benutzen, die Waffn tauschn können; ich bekomm eins von Jacks Schwertern und er eine Kanone wie meine", endete Ian.
„Aber wieso hast du einen Schild und er nicht?" wunderte sich Linali.
Jack schüttelte den Kopf. „Das einzige, was sich bei mir verändert hat, is der Brustpanzer", meinte sie.
„Das habt ihr dann also mit ‚halb' gemeint; Ians Schild schützt nur die Front und deine Rüstung nur den Rücken, aber gemeinsam habt ihr beides, Rüstung und Schild." Jetzt, da Lavi es wusste, war es offensichtlich.
„Stimmt. Das war dann aber auch schon die ganze Geschichte." Jack deaktivierte ihr Innocence; die Rüstung wanderte ihren Arm hinunter zurück in den Handschuh. Sie gähnte hinter vorgehaltener Hand. „Wie spät is es eigentlich?"
„Gerade mal vier Uhr", antwortete Komui nach einem schnellen Blick auf die Uhr.
„Also noch zu früh fürs Abendessn", ergänzte Ian grinsend.
Seine Schwester schnitt ihm eine Grimasse und gähnte dann abermals; sie hatte kaum geschlafen, weil sie wieder Botengänge erledigt hatte. Nur zwei Stunden lang hatte sie sich im Speisesaal verstecken können, viel zu wenig für eine Nacht. Und die zwei Stunden hatte sie davon geträumt, wie sie ihre Beziehung zu Lavi vertiefen konnte… körperlich. Aufgewacht war sie mit einem seltsamen Ziehen im Unterleib, das sich auf einen Punkt zwischen ihren Beinen konzentrierte, einem viel zu engen Verband über ihren schmerzenden Brüsten und dem dringenden Wunsch, sofort zu ihm zu gehen. Sogar jetzt noch wurde, wenn sie daran zurückdachte, genau dieses Gefühl wieder wach; es kostete sie einiges an Anstrengung, es sich nicht anmerken zu lassen, besonders, da Ian in der Nähe war.
Das einzige, was ihr Bruder von ihrem inneren Aufruhr mitbekam, war, dass sie unruhig von einem Fuß auf den anderen trat; in dem Versuch, sich zu beruhigen, bekam sie es gar nicht mit. Sie blockte seinen Versuch, gedanklich mit ihr in Kontakt zu treten, rigoros ab, meinte nur kurz, sie sei müde und wolle ins Bett, weil sie heute Nacht schlecht geschlafen habe. Dabei sollte sie, nachdem sie gestern so intensiv trainiert hatten, geschlafen haben wie ein Stein; zumindest war das bei ihm so gewesen, sah man davon ab, dass er wieder seinen ‚Kanda-weiß-dass-ich-ein-Mädchen-bin-und-tut-unanständige-Dinge'-Traum gehabt hatte. Es reichte offenbar nicht, dass er den Japaner ständig sah, nein, er musste auch noch von ihm träumen.
Komui erklärte das Training für diesen Tag beendet und erinnerte sie daran, dass sie übermorgen wieder nach dem Mittagessen hierher kommen sollten. Bis dahin würden sie wieder hauptsächlich mit Nichtstun beschäftigt sein.
Sie verließen den Saal und ließen den Wissenschaftler zurück in seinem selbst gebastelten Chaos; es würde einige Zeit dauern, bis die Halle wieder normal und begehbar aussah. Sie wussten auch nicht, wie er es gestern geschafft hatte, die Überreste von hundert Maschinen wegzuschaffen und gleich noch mehr zu bauen für heute –und nicht zu vergessen, wann er die Zeit gehabt hatte, diese halbe Stadt in der Halle zu errichten. Der Chinese hatte eindeutig zu viel Zeit, dabei fehlte es im Hauptquartier an allen Ecken und Enden an Mitarbeitern.
Auf dem Weg nach unten kam ihnen die Antwort auf die Frage, wie er das alles geschafft hatte, entgegen: Ungefähr zwanzig Finder wanderten in Richtung der Trainingshalle, offenbar extra für diesen Zweck hergerufen. Solange sie nicht auf Missionen waren, hatten sie auch nur sehr wenig zu tun, da kam ein wenig Arbeit gerade Recht. Auch Eric war unter ihnen; er lächelte kurz, als er Jack sah, dann ging er weiter. Hätte sie sich umgedreht, hätte sie gesehen, dass er noch einmal über die Schulter zurückblickte; aber sie war damit beschäftigt, nicht zu auffällig Lavis Blick einzufangen.
Die Gruppe löste sich am Treppenabsatz auf; Ian riet Jack, schlafen zu gehen, wenn sie so müde war, bevor er selbst in eine andere Richtung davon marschierte. Allen hatte nach dem Training großen Hunger und war als erster verschwunden; Linali beschloss, den Leuten in der Forschungsabteilung etwas Kaffee vorbeizubringen, da ihr Bruder ja mal wieder durch Abwesenheit glänzte, und Kanda verschwand einfach wortlos –aber von ihm war man es ja auch nicht anders gewohnt.
So blieben nur Jack und Lavi übrig, aber kaum war der letzte der anderen Exorzisten verschwunden, zog Jack den Rotschopf auch schon hinter sich her den Gang entlang. Er ließ sich von ihr über den glücklicherweise leeren Gang ziehen, ohne irgendwelche Fragen zu stellen; der vorhergegangene Blickwechsel hatte gereicht, um ihn wissen zu lassen, was sie vorhatte. Anscheinend wollte sie die Sache von sich aus etwas beschleunigen, was ihm nur Recht war; sie entschied schließlich selbst, wann sie soweit war.
Lavi war kaum zur Tür eines wahllos ausgesuchten Zimmers hinein, als sie ihn gegen die verschlossene Tür drückte und heftig küsste. Er ließ seine Hände ohne Umwege unter ihrem Mantel zu ihrem Po gleiten, während sie an den Knöpfen ihrer Weste nestelte. Als sie sie endlich geöffnet hatte, drängte sie sich eng an ihn, um ihn noch näher zu spüren; er konnte durch das Hemd hindurch jede einzelne Lage des Verbands fühlen, aber auch die hart aufgerichteten Brustspitzen darunter.
Dieses Mal war es an ihm, erstaunt aufzukeuchen, als sie plötzlich von seinem Mund abließ und ihn sanft ins Ohrläppchen zwickte. Er zog die Hände unter ihrem Mantel hervor und nahm ihr Gesicht in beide Hände, um ihre Lippen zu seinem Mund zurückzuführen. Ging sie zu schnell vor, würde er womöglich die Kontrolle verlieren. Das hielt Jack allerdings nicht davon ab, ihrerseits die Hände zu heben und auf seine Brust zu legen; langsam fuhr sie mit den Handflächen darüber hinweg, arbeitete sich tiefer und zog auf einmal ruckartig sein Hemd aus der Hose. Noch bevor er sie davon abhalten konnte, hatte sie ihre Hände schon unter den weißen Stoff geschoben und wanderte mit den Fingern über seinen Bauch und seine Rippen wieder hinauf.
Lavi griff nach ihren Handgelenken und zog ihre Hände unter seinem Hemd hervor. „Jack, nicht", murmelte er an ihren Lippen.
„Aber ich will-"
„Du bist noch nicht-"
„Doch!" Jack beendete die Unterhaltung, indem sie ihren Mund fester auf seinen presste und ihre Arme aus seinem Griff zog. Sie legte seine Hände auf ihre Hüften, knöpfte sein Hemd auf und strich mit den Handflächen über seine nackte Brust.
Nach einigem Zögern entschloss er sich, es darauf ankommen zu lassen; er konnte immer noch später anhalten, bevor es zu spät war. Jack war so wenig Mädchen gewesen bisher und jetzt schien es ihm, als versuchte sie, das alles in kürzester Zeit nachzuholen. Wenn er nicht aufpasste-
Weiter kam er nicht, denn sie hatte ihre Erkundungsreise beendet und drängte jetzt mit ihrem Oberkörper gegen seinen; die Nähe reichte aus, um sein Hirn in Wachs zu verwandeln. Er zog ihre Arme von seinen Schultern und knöpfte ihr Hemd auf; dann schob er es zusammen mit dem Mantel und der Weste über ihre Schultern und Arme. Jetzt bedeckte nur noch der Verband ihre Brust, aber bevor er den entfernte, zog er hastig seinen eigenen Mantel und sein Hemd aus; ganz oder gar nicht. Seine Hände zitterten vor Erregung, also öffnete sie den Knoten selbst, der den Verband zusammenhielt. Dann überließ sie es ihm, den Leinenstreifen abzuwickeln, und genoss es, wie er dabei mit den Knöcheln immer wieder die nackte Haut ober- und unterhalb streifte.
Jack war sich durchaus dessen bewusst, was sie da tat, aber sie hatte nicht die geringsten Bedenken. Seit sie ihn gestern geküsst hatte, wusste sie, dass sie genau das wollte; den ganzen Tag hatte sie auf genau diesen Moment gewartet. Und wer auf der Straße aufwuchs, wusste, was dabei zu tun war; umso bildhafter waren ihre Träume gewesen. Sie wusste ebenfalls, dass sie beim ersten Mal ihr Jungfernhäutchen verlieren würde, aber das war sowieso unnütz; also warum sollte sie etwas, das zu nichts zu gebrauchen war, nicht einfach wegwerfen? Zumal das mit so vielen angenehmen Empfindungen verbunden war.
Dann war der Verband endlich ab; unwillkürlich atmete sie tief ein, schließlich war das etwas, das sie nur sehr selten tun konnte. Noch bevor der Leinenstreifen ganz auf dem Boden lag, hatte sie Lavi durch bloßes Atmen schon so den Kopf verdreht, dass er im Moment wahrscheinlich nicht einmal mehr einen Aufnahmetest für die Grundschule bestanden hätte. In seinem Kopf herrschte eine Leere, die jedem schwarzen Loch zur Ehre gereicht hätte; aber sie drängte ihn weiter. Sie nahm seine Hände in ihre und zog ihn in Richtung Bett; gedankenlos folgte er ihr. Am Rande registrierte er noch, dass er einmal gedacht hatte, ihre Brüste wären klein, aber sie passten perfekt in seine Hand; als sie ihn mit sich hinunterzog, dachte er darüber aber auch nicht mehr nach.
Er stützte sich auf den Händen ab, um nicht ganz auf ihr zu landen; mit den Füßen streifte er Stiefel und Socken ab, während er kurz den Kopf hob und sich ein Stück weit hinunter schob, dann wanderte er mit den Lippen über ihren Hals zu ihrer Brust. Mit der Zungenspitze zeichnete er kleine Kreise um ihre linke Brustspitze, dann nahm er sie in den Mund und saugte sanft daran. Jack keuchte leise auf und bog den Rücken durch; mit den Händen entfernte sie gleichzeitig sein Bandana und ihr Haarband. Beides landete neben ihren Hemden auf dem Boden.
Lavi stützte sich auf den rechten Ellbogen, während er mit der linken Hand ihre andere Brust umfasste und sie sanft streichelte; inzwischen hielt Jack so viel Verstand zusammen, wie sie brauchte, um sich ihrer Stiefel und Socken zu entledigen. Als das erledigt war, zog sie ihn wieder zu sich hinauf; länger konnte sie nicht mehr warten. Sie brauchte es nicht zu sagen, er wusste es auch so; eine Hand unter ihrem Nacken, strich er mit der anderen über ihre Brust und ihren Bauch hinunter zum Verschluss ihrer Hose, während er sie zärtlich küsste.
Dann unterbrach er den Kuss und sah sie plötzlich überraschend ernst an; seine Finger verharrten an dem Knopf. „Bist du dir sicher?"
Jack nickte nur stumm; sie war sich absolut sicher. Er öffnete den Knopf und ließ seine Hand in ihre Hose gleiten; sie hob die Hüften, um das lästige Kleidungsstück schneller loszuwerden. Da die Hose weit geschnitten war, ließ sie sich leicht ausziehen; sie erlitt dasselbe Schicksal wie das Bandana und das Haarband, nur Sekunden später folgten Lavis restliche Kleidungsstücke.
Noch immer lag er neben ihr; er streichelte ihre Beine und ließ dann seine Finger zwischen ihre Schenkel gleiten. Jack spreizte leicht die Beine, um ihm leichteren Zugang zu verschaffen, zu dem Punkt, an dem sich alle Hitze ihres Köpers zu konzentrieren schien. Als er mit einem Finger in sie eindrang, musste er schnell seine Mund auf ihren pressen, sonst hätte sie sie verraten; unruhig bewegte sie die Hüften, wollte, dass er weitermachte. Im Moment war ihr der Rest der Welt herzlich egal, deswegen musste wenigstens er darauf achten, dass sie leise waren.
Sie war längst feucht und bereit für ihn; als er den Beweis ihrer Erregung spürte, war es aus mit ‚langsam und vorsichtig'. Binnen einer Sekunde war er über ihr, drängte sein Becken zwischen ihre Schenkel und drang in sie ein. Als er spürte, wie der Widerstand in ihrem Inneren riss, war seine Erregung jedoch mit einem Mal verschwunden; stattdessen fühlte er sich, als hätte ihn jemand mit eiskaltem Wasser übergossen.
Jack ging es nicht anders; sie war nicht auf den Schmerz gefasst gewesen, der jetzt einsetzte. Sie musste sich auf die Unterlippe beißen, um den Schrei zu unterdrücken, der in ihr hochstieg; es tat wirklich verdammt weh. Unbewusst verkrampfte sie sich, was die Schmerzen nur noch verschlimmerte; das hatte sie nicht gewusst, denn hätte sie es gewusst, hätte sie es nie zugelassen. Und wenn das jedes Mal passierte, dann würde sie es nie wieder tun.
Er hätte aufhören sollen, als er noch die Gelegenheit dazu gehabt hatte; aber jetzt war es zu spät. Lavi wusste nicht, was er Schlimmeres hätte tun können; er musste sie beruhigen und ihr sagen, dass der Schmerz nachlassen würde, wenn sie sich entspannte-
Es dauerte keine zwei Sekunden, und er lag auf dem Bauch; Jack saß auf seinen Beinen und hielt ihm den rechten Arm auf den Rücken gedreht, damit er sich nicht bewegen konnte. Die Schmerzen hatten etwas nachgelassen, denn während der routinierten Bewegung hatte sie sich entspannt und ihre Beckenmuskulatur hatte sich gelockert; trotzdem fühlte sie sich noch immer wund. Sie musste nachdenken, musste sich überlegen, was sie als nächstes tun sollte; aber zuallererst hatte sie dafür sorgen müssen, die Kontrolle zu erlangen. Solange er außer Gefecht gesetzt war, konnte er nicht weitermachen; es verschaffte ihr Zeit, um sich über ihre nächsten Schritte klar zu werden.
Wenn sie auf ihn hören sollte, musste er behutsam vorgehen; er durfte nichts überstürzen, oder gar von ihr verlangen, ihn aufstehen zu lassen. „Jack? Es wird nicht besser, wenn du mich festhältst. Wenn du mich erklä-"
„Halt die Klappe." Schritt Eins: Sie brauchte Kleidung; Kleidung schützte. Rasch ließ sie Lavi los und sprang vom Bett; sie zog ihre Hose und das Hemd über, ohne überhaupt zu versuchen, den Verband anzulegen. Sich zu bedecken, war im Moment das Wichtigste. Und sie musste möglichst viel Abstand zwischen sich und ihn bringen.
Beim Anziehen der Hose zuckte sie einen Moment zusammen, als sie das Blut an den Innenseiten ihrer Schenkel sah, aber dann streifte sie rasch die Hose über; das hatte Zeit bis später, wenn sie wieder klar denken konnte.
Lavi stand auf und zog ebenfalls wieder seine Hose an; vielleicht würde sie leichter mit sich reden lassen, wenn sie ihn nicht mehr als unmittelbare Gefahr betrachtete. „Jack-"
„Nein! Nein, lass mich einfach in Ruhe." Sie konnte jetzt nicht mit ihm reden; er würde nur versuchen, sie einzulullen und ihr weismachen wollen, dass alles in Ordnung war. Hastig machte sie sich einen neuen Zopf; wenn sie weniger mädchenhaft aussah, würde er hoffentlich mehr Abstand zu ihr halten.
Sie war offensichtlich völlig durcheinander. Vielleicht war sie sogar mehr als durcheinander, vielleicht bekam sie gleich einen Wutanfall oder würde ohnmächtig; sie war manchmal unberechenbar, weswegen er nicht sagen konnte, was davon eintreffen würde oder ob keines von beidem passierte.
„Lass mich erklären –bitte Jack, hör mir zu." Er stellte sich genau vor sie, aber sie senkte den Kopf und hielt sich die Ohren zu. Eine Haarsträhne war ihr ins Gesicht gefallen; ohne nachzudenken, hob er die Hand und wollte sie zurückstreichen, aber sie wich vor ihm zurück.
„Lass mich." In der Eile hatte sie nicht einmal ihr Hemd geschlossen; der Anblick des schmalen Streifens nackter Haut ließ seinen Puls hochschnellen, aber er beherrschte sich. Im Augenblick war es am wichtigsten, mit ihr zu reden und dafür zu sorgen, dass sie sich beruhigte.
Allerdings war das schwierig, wenn sie sich weigerte, ihm zuzuhören; so konnte er ihr nicht erklären, was passiert war und warum es ihm leid tat, dass er so einfach seine Selbstkontrolle verloren hatte. Aber am meisten leid tat es ihm, ihr wehgetan zu haben; noch gestern hatte er praktisch geschworen, das nie zu tun, und noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden später hatte er diesen Schwur schon wieder gebrochen.
Ich will nicht sehen, dass dich jemand verletzt, und noch weniger will ich selbst daran schuld sein.
Seine eigenen Worte stießen ihm bitter auf; er war ein Heuchler. Diese Schmerzen hätten sich zwar nicht ganz verhindern lassen können, aber er hätte sie darauf vorbereiten und dafür sorgen können, dass sie von möglichst kurzer Dauer waren. All das hatte er einfach vergessen, weil er sich nicht zurückhalten hatte können. Er hatte sich wie ein Wüstling benommen –mehr als das, wie ein Bastard, der erschossen gehörte.
Aber jetzt musste sie ihm zuhören, damit er ihr das sagen konnte; nur würde sie im Moment eher dem Grafen höchstpersönlich zuhören als ihm. Wenn er jetzt aber einfach ging, dann würde sie ihm nie wieder zuhören, geschweige denn, überhaupt etwas mit ihm zu tun haben wollen. Er konnte nur hier bleiben und darauf hoffen, dass sie sich möglichst bald beruhigte.
Da machte ihm Jack allerdings einen Strich durch die Rechung; es fiel ihr schwer, klar zu denken, wenn er so nah war –und so wenig anhatte- also musste dieses Problem zuerst behoben werden. Kurzerhand ging sie zu seinen Sachen hinüber, drückte sie ihm in die Arme und sperrte die Tür auf; nur um sie fünf Sekunden später wieder zu verriegeln, um den halbnackten Exorzisten auszusperren. Tief durchatmend lehnte sie sich gegen das kalte Holz der Tür; die Kälte sollte ihr helfen, ihren Kopf freizubekommen. Allerdings hielt Lavis Stimme sie davon ab, denn sie konnte sie immer noch durch das schwere Holz hören; sie konnte nur warten und hoffen, dass er verschwand. Er sprach zwar leise, damit ihn niemand außer ihr hören konnte, aber es wäre ihr lieber gewesen, er hätte sie einfach in Ruhe gelassen.
Vielleicht würde sie ihn nicht mehr hören, wenn sie weiter weg war; sie hob ihren Verband vom Boden auf und ging durch das Zimmer zum Fenster, das in die dicke Mauer eingelassen war, wodurch ein steinernes Fensterbrett entstand, das breit genug war, um sich hinzusetzen. Genau das tat sie dann auch, nachdem sie im Vorbeigehen noch ihre Unterwäsche, Stiefel, Socken und ihren Mantel wieder eingesammelt hatte. Im Sitzen zog sie sie an und wickelte den Verband um ihre Brust; sie war froh, etwas zu tun zu haben, dass sie ablenkte.
Lavi ließ die Stirn gegen die Außenseite der Zimmertür sinken. Seit vollen fünf Minuten redete er auf das Holz ein, aber Jack stellte sich offenbar taub. Er wusste nicht, was er machen sollte; wenn er sie zwang, ihm zuzuhören, würde er es nur noch schlimmer machen. Hinein konnte er nicht, aber auf dem Gang stehend würde er nichts erreichen. Sie hatte stur seine einzige Möglichkeit, mit ihr zu reden, zunichte gemacht; alles, was ihm jetzt noch blieb, war der Rückzug. Viel mehr, als ihr Zeit zu geben, sich zu beruhigen, konnte er nicht tun; hoffentlich wäre sie früher oder später bereit, ihm zuzuhören, damit er erklären konnte, was für ein Riesenidiot er war.
Es fiel ihm schwer und er tat es wirklich nicht gerne, aber er trat von der Tür weg; einen Schritt und dann noch einen. Stumm drehte er sich um und ging den Flur entlang zu einem der anderen Zimmer, um sich anzuziehen. Zum Glück erwischte er ein leeres; er stieg in seine Boxershorts und Hosen, warf sich Hemd und Mantel über und zog Socken und Stiefel an, während er blicklos zu Boden starrte. Dann bemerkte er, dass sein Bandana fehlte; es musste noch im Zimmer liegen. Jack hatte es in der Eile wohl übersehen oder es war ihr oder ihm aus der Hand gerutscht; so oder so war es weg.
Dann würde er es eben später holen; sie konnte auch nicht ewig in dem Zimmer bleiben. Als er das Zimmer wieder verließ, sah er im Vorbeigehen noch einmal zu der Tür hinüber, hinter der Jack saß, aber leider tat sie sich nicht wie durch ein Wunder auf; dann wandte er sich ab und ging.
Er hätte sich nichts vorstellen können, was ihm schwerer gefallen wäre.
Iiiiich kann solche Szenen immer noch nicht schreiben. Gnah. Gut, dass ich das nachts gepostet hab.
Bleibt mir gewogen.
