Da sind wir wieder, in alter Frische und mit einem neuen Kapitel ... wieso sage ich eigentlich 'wir'? Ich fasele.
sternenhagel: Ja ja, die erfahrene, aufgeklärte Jack, die so viele Jahre unter Räubern und übelstem Gesindel überlebt hat ... Man kann eben nicht alles wissen :D Ian soll Kanda sagen ... neeeeiiiiin, für die beiden hab ich was besseres. Was VIEL besseres, muhaha. Ihr werdet sehen. *salat mit putenstreifen ess und dabei diabolisch lach*
Rated: T
Disclaimer: Kennt ihr die Disclaimer aus den anderen Kapiteln? Denkt euch, einer davon stünde hier.
1.14 …als Schrecken ohne Ende
Jack hörte, wie sich seine Schritte entfernten, aber sie blieb auf der Fensterbank sitzen; volle zehn Minuten. Erst dann war sie sicher, dass er nicht wiederkommen würde, sicher genug, um die Tür zu entriegeln. Sofort danach bezog sie wieder ihren Platz am Fenster; dort war es kalt genug, um die immer noch andauernde Hitze in ihrem Körper zu kühlen.
Es war ihr egal, dass sie allein war; sie war viel zu aufgewühlt, um die Gefahr überhaupt zu bemerken. Diese war zwar aufgetaucht, aber unverrichteter Dinge wieder abgezogen; es machte keinen Spaß, wenn sich das Mädchen nicht fürchtete.
Blicklos starrte sie aus dem Fenster, das Kinn auf die angezogenen Knie gestützt und die Arme darum geschlungen. Sie hatte die zehn Minuten, in denen sie auf eventuelle Schritte gehorcht hatte, damit verbracht, um Fassung zu ringen und zu befürchten, er würde wieder vor der Tür stehen; dann hätte sie nicht gewusst, was sie tun sollte, wie sie ihn nicht hören sollte. Denn gehört hatte sie ihn, die ganze Zeit und jedes einzelne Wort; trotz allem war sie begierig gewesen, seine Stimme zu hören.
Außerdem hatte sie das Blut entfernt; aber sie hatte es nicht gewagt, den Waschlappen zu verwenden, weil es vielleicht Flecken hinterlassen würde, die sie nicht auswaschen konnte. Also hatte sie mit der hohlen Hand Wasser geschöpft und es sich auf die Beine geschüttet; dass das Wasser eiskalt war, war ihr nur recht gewesen.
Die Schmerzen waren abgeklungen, doch ihre Begierde war geweckt, aber nicht gestillt worden, weswegen sie immer noch dieses Pulsieren in ihrem Inneren spürte, dass sie zuvor auch gespürt hatte. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wieso, aber vermutlich hatte es irgendwas mit Evolution und Fortpflanzung zu tun; wahrscheinlich sollte es die Frauen willig machen, damit sie das mit sich machen ließen. Jetzt wusste sie auch, warum es Huren gab; Frauen, die sonst nichts konnten, nahmen Geld und ließen es über sich ergehen. Freiwillig würde das keine mitmachen.
Sie lachte leise bitter auf. Jetzt wusste sie auch, was sie erwartet hätte, wenn sie nicht weggelaufen wären; es wäre nur noch zehnmal schlimmer gewesen.
Jack beschloss, Lavi nie wieder zu nahe zu kommen; er war der einzige, der wusste, dass sie ein Mädchen war, also würde sie sich in Zukunft von ihm fernhalten. Bevor sie ihre eigene Dummheit und Unvernunft wieder zu solchen Taten verleitete; sie trug ja auch eine Teilschuld an der Misere.
Das würde allerdings auch bedeuten, dass sie ihre Freundschaft mit ihm aufgab, sowie jegliche Art von Berührungen –gerade diese waren ihr in diesen wenigen Tagen so wichtig geworden wie Atmen. Sie würde auf alles verzichten. Eigentlich war ihr zum Heulen zumute, aber sie verbot sich, solche Schwäche zu zeigen, selbst wenn niemand da war, der es hätte sehen können. Stattdessen zwang sie sich, tief und ruhig zu atmen, um den Kloß in ihrem Hals loszuwerden.
Plötzlich ging die Tür auf; Jack, die schon halb erwartete, Lavi zu sehen, sah auf. Da sie nicht wusste, was sie hätte tun sollen, wenn er wirklich zurückgekommen wäre, tat sie erst einmal gar nichts. Für Flucht war später noch Zeit, wenn der Fluchtweg nicht mehr blockiert wurde.
Halb erleichtert, halb verblüfft stellte sie fest, dass es nicht der Exorzist war; Eric war allerdings noch verblüffter als sie, Jack in seinem Zimmer vorzufinden. „Jack? Was machst du denn hier?"
„Das is dein Zimmer?" Sie sah sich um; mit einem Mal erkannte sie, dass es dasselbe Zimmer war, in dem sie auch gestern gelandet waren. Sie hatten verdammtes Glück gehabt, dass Eric nicht zurückgekommen war, solange sie hier gewesen waren.
Und noch mehr Glück hatte sie, dass er nicht hereingekommen war, als sie noch wie ein Mädchen ausgesehen hatte –oder es versucht hätte, denn die Tür war ja versperrt gewesen. Das hätte ihn nur zu der Frage geführt, warum sie sich in seinem Zimmer einsperrte; eine Frage, die sie noch weniger beantworten konnte, als die, die er ihr gerade gestellt hatte.
„Allerdings ist das mein Zimmer, aber warum bist du hier?"
Wie sollte sie das jetzt erklären? „Ich… äh… braucht einen Ort… zum Nachdenken. Und da bin ich… einfach wahllos in irgendein Zimmer rein?" Sie lächelte unsicher, obwohl ihr nie weniger danach zumute gewesen war.
Eric sah sie einen Moment mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht an, der unmöglich zu deuten war; dann zuckte er nur mit den Schultern. Allem Anschein nach gab er sich tatsächlich mit so einer lahmen Ausrede zufrieden. Er schloss die Tür hinter sich und ging hinüber zum Waschbecken. Jack verfolgte, wie er sich den Staub und Schmutz vom Gesicht wusch; es war sicher alles andere als lustig gewesen, Komuis Chaos zu beseitigen.
Er trocknete sich das Gesicht mit dem Handtuch ab, das neben dem Waschbecken gehangen hatte, dann sah er auf. „Alles in Ordnung mit dir?"
Sah man ihr so deutlich an, wie mies es ihr ging? „Was meinst du?" stellte sie sich unwissend.
„Ich weiß nicht, du wirkst irgendwie nicht so glücklich. Ist was passiert?"
Istwaspassiert? Oh, es war eine Menge passiert, aber nichts, was sie einfach so erzählen konnte; und noch weniger, das sie ihm einfach so erzählen konnte. Also schüttelte sie nur leicht den Kopf. „Ich bin nur 'n bisschen müd, das is alles."
„Aha. Was ist denn das?" Eric ging hinüber zum Bett und hob etwas Grünes auf.
Lavis Bandana –sie hatte es übersehen, als sie seine Sachen zusammengesucht hatte. Sie stand auf und nahm es ihm aus der Hand, bevor er es sich genau ansehen konnte –und womöglich noch darauf kam, wem es gehörte. „Äh… das is meins. Hab ich wohl verlorn." Hastig stopfte sie es in ihre Manteltasche; dann setzte sie sich wieder, wobei sie es vermied, ihn anzusehen.
Eric setzte sich auf den Bettrand und stützte die Ellbogen auf die Knie; mit einer Hand massierte er seine Schulter, die nach dem endlosen Schleppen von Roboterteilen höllisch schmerzte. Und übermorgen war er bereits wieder dafür eingeteilt, solange er nicht einer Mission zugeteilt wurde. Was er stark hoffte, denn alles war besser, als Komuis kaputte Maschinen durch die Gegend zu zerren; jedes der Teile wog gut hundert Kilo.
Er warf einen kurzen Blick zu Jack, der aus dem Fenster starrte, ohne die Wolken und den Himmel dahinter überhaupt wahrzunehmen. Eric hatte schon gehört, dass sein und das Innocence seines Bruders neue Formen angenommen hatte; er hätte gerne gesehen, wie es aussah, denn er konnte keine Waffe bei ihm sehen. Leider hatte Komui keine Zuschauer erlaubt und außerdem hätte man sowieso nichts sehen können, schließlich war der ganze Bereich von Kulissenwänden umzäunt gewesen.
„Kann ich… kann ich noch etwas hier bleibn?" Jack hatte den Kopf gewandt und sah ihn an, als erwartete er, er würde ihn sofort hinauswerfen.
„Wenn du willst; mich stört es nicht."
„Danke." Er drehte sich wieder zum Fenster; die nächste Stunde sprach keiner von ihnen ein Wort, während sie beide ihren Gedanken nachhingen.
Irgendetwas war seltsam an Jack; er wusste nur nicht, was es war. Obwohl er kaum etwas von ihm wusste, mochte er ihn doch –egal wie unfreundlich er auf ihrer ersten gemeinsamen Mission gewesen war. Aber irgendetwas an ihm passte nicht ins Bild, etwas störte; als ob er etwas verbergen würde. Es ging ihn zwar nichts an, aber es schien, als ob dieses Geheimnis, so es eines gab, der Grund dafür war, dass er so unglücklich aussah. Gern hätte er ihm geholfen, aber wenn er nicht darüber reden wollte, dann wollte er eben nicht darüber reden; hoffentlich wurde er auch allein damit fertig.
Er sah zu dem Bild hinüber, dem einzigen Teil dieses Zimmers, der ihm gehörte; sah man von den Finderroben ab. Es zeigte seine Eltern, als seine Mutter noch gelebt hatte. Sie waren einfache Leute gewesen, sein Vater Angestellter in einem kleinen Betrieb, seine Mutter Hausfrau; sie kamen gerade so zurecht. Aber dann war sein Vater plötzlich gefeuert worden und damit hatten sie alles verloren, was sie je besessen hatten; die kleine Wohnung hatten sie kündigen müssen, ihre Möbel und die wenigen Wertsachen waren verpfändet worden. Glück im Unglück, hatten sie bei Verwandten seiner Mutter unterkommen können, während sein Vater nach Arbeit suchte. Wochenlang hatte er nichts gefunden und ihre Ersparnisse waren kleiner und kleiner geworden. Und dann war seine Mutter plötzlich krank geworden; nur wenige Wochen später hatten sie sie zu Grabe getragen.
Die Ironie daran war, dass es ab da für seinen Vater wieder bergauf gegangen war; zwei Tage später hatte er eine Stelle gefunden, die es ihm sogar ermöglichte, seinen Sohn auf eine gute Schule zu schicken. Es war ein Internat gewesen, in dem er schon zwei Wochen später anfangen würde; aber während dem Packen fiel ihm zufällig das Tagebuch seiner Mutter in die Hände. Er erfuhr, dass sein Vater entlassen worden war, weil er Firmengelder in die eigene Tasche gearbeitet hatte, um seine Spielsucht zu finanzieren; auch danach hatte er nicht nach Arbeit gesucht, sondern seine Tage in diversen Spielhöllen zugebracht. Außerdem, so hatte seine Mutter geschrieben, war kurz vor ihrem eigenen Tod eine Verwandte von ihr gestorben, die ihr etwas Geld vermacht hatte; im Endeffekt war es an seinen Vater gefallen, ohne dass irgendjemand davon wusste.
Von den Verwandten seiner Mutter erfuhr er dann, als er sich unauffällig umhorchte, dass eine Stelle in einem Betrieb freigeworden war, die einem anderen Verwandten gehörte; diese Stelle war durch Vetternwirtschaft seinem Vater zugeschanzt worden. Gut bezahlt, verschaffte sie ihm das nötige Geld, Eric in ein Internat zu schicken, wo er ihn nicht mehr sehen musste, denn er erinnerte ihn viel zu sehr an seine tote Frau –zumindest hatte er ihm das erzählt, als er ihn zur Rede gestellt hatte. Dass Erics Mutter es gewesen war, die ihnen Unterkunft bei ihren Verwandten verschafft hatte, die nicht davor zurückgeschreckt war, eine Stelle in einer Fabrik anzunehmen, an einer dieser Maschinen, die einen, wenn man nicht vorsichtig war, an den Haaren oder der Kleidung packten, verschluckten und stückchenweise wieder ausspuckten, das schien ihn allerdings nicht zu interessieren. Sie hatte, so gut es ging, die Familie über Wasser gehalten, und ihren Mund verschlossen; erst durch das Tagebuch hatte er davon erfahren, obwohl er mit sechzehn alt genug gewesen war, selbst Arbeit zu suchen, um ihr zu helfen. Schlussendlich war sie an ihren Sorgen und Problemen dahingesiecht und gestorben.
Von da an hatte er seinen Vater nicht einmal mehr ansehen können; er war einfach gegangen, ohne ein einziges Wort des Abschieds. Eine Zeit lang hatte er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchgeschlagen, bevor er dann von Alfred aufgenommen worden und Finder geworden war. Dabei hatte er das Foto immer bei sich getragen, sogar auf Missionen nahm er es immer mit; auch wenn er seinen Vater lieber nicht gesehen hätte, es war das einzige Bild seiner Mutter, das er hatte, die einzige Erinnerung daran, wie sie ausgesehen hatte, als sie noch gesund gewesen war.
Sie war ein Mensch gewesen, der immer alles allein schaffen wollte, genau wie Jack es tat; und sie war daran zugrunde gegangen. Seine Erfahrungen hatten ihn gelehrt, dass es besser war, mit jemandem darüber zu sprechen, als es in sich hineinzufressen; man konnte nicht alles allein machen, es gab Dämonen, denen man sich besser zu zweit stellte.
Schließlich wurde die Stille unterbrochen, als die Sonne langsam hinter den Wolken verschwand; im selben Moment, in dem von ihr nichts mehr zu sehen war, ertönte vom Fenster ein leises Magenknurren.
Eric rührte sich nicht vom Fleck; auf dem Rücken lag er da, einem Arm über die Augen gelegt. „Ausschlussprinzip: Ich war es nicht, also warst du es. Gehen wir essen?"
Jacks Antwort war ein fast unhörbares, tonloses Lachen, das man für Atmen hätte halten können; nur der typische Rhythmus hielt ihn von diesem Irrglauben ab. „Okay."
Er raffte sich halb auf und stützte sich auf die Ellbogen. „Daraus schließe ich, dass es dir wieder besser geht."
„Ich weiß nich, was du meinst", entgegnete er ausweichend. Er stand auf und streckte sich kurz; er war eine Stunde lang auf der kalten Fensterbank gesessen, ohne sich auch nur einmal zu bewegen.
Nebeneinander gingen sie zum Speisesaal, aber während der ganzen Zeit fiel kein einziges Wort zwischen ihnen. Auch als sie im Saal Ian trafen und sich mit ihm gemeinsam hinsetzten, sprach Jack nicht.
Es beunruhigte Ian, seine Schwester so zu sehen; sie schwieg sonst nie. Außerdem hatte sie Lavi zwar gesehen, sich aber nicht zu ihm gesetzt; stattdessen zog sie die –schweigende- Gesellschaft von Eric vor. Obwohl ihm auffiel, dass der Exorzist ab und zu zu ihnen hinübersah und Jack immer dann, wenn sie glaubte, er merke es nicht, unter gesenkten Augenlidern aus den Augenwinkeln einen schnellen Blick zu ihm hinüberwarf, sagte er nichts. Er konnte sich schon denken, was passiert war; und dabei hatte er gedacht, sie hätte endlich gelernt, dass ihr kein Zacken aus der Krone brach, wenn sie sich entschuldigte.
„Also, was hast du jetz wieder angestellt?" fragte er, als sie fast fertig waren.
Mit ihrer Reaktion hatte er allerdings nicht gerechnet; wütend sprang sie auf. „Wieso glaubn eigentlich immer alle, dass ich schuld bin!"
„Weil es meistens auch stimmt", entgegnete er gelassener, als er war; jetzt war er erst recht beunruhigt. Was hatte Lavi getan, um sie so aufzuregen? Oder war am Ende er selbst schuld?
Jack schnappte sich ihren Teller, warf ihn fast zurück in die Küche und rauschte in einer Mischung aus wütendem Abgang und Flucht aus dem Saal. Sobald sie weg war, sah er unauffällig zu Lavi hinüber; der Exorzist starrte immer noch auf die Stelle, an der sie verschwunden war, dann bemerkte er seinen Blick und die fragend hochgezogene Augenbraue, zog es aber vor, den Kopf zu senken und sich wieder seinem Essen zu widmen.
Und jetzt war er hochgradig alarmiert; äußerlich ließ er es sich zwar nicht anmerken, aber sein Verstand arbeitete auf Hochtouren. Doch so sehr er auch überlegte, er fand keine Antwort; ihm wollte einfach kein vernünftiger, plausibler Grund einfallen, warum sich beide so seltsam verhielten.
Ian sah noch einmal zu dem Tisch hinüber, an dem Lavi saß –oder besser, gesessen hatte, denn der Exorzist war verschwunden.
Erst am oberen Ende der zweiten Treppe holte er sie ein; sie hatte schon fast zu rennen angefangen, als sie ihn bemerkt hatte. Um sie daran zu hindern, wieder zu flüchten, ohne sie zu berühren, stellte er sich genau vor sie. „Ich will nur mit dir reden. Bitte, Jack."
Sie hielt den Kopf gesenkt, damit er ihr Gesicht nicht sehen konnte, aber er wusste auch so, dass sie fieberhaft nach einem Ausweg suchte; schließlich gab sie auf. „Dann sag, was du zu sagn hast und geh."
Jede Sekunde gingen ungefähr zwanzig Menschen an ihnen vorbei; vielleicht nicht unbedingt der geeignetste Ort, um dieses Thema zu diskutieren. „Können wir das an einem weniger öffentlichen Ort besprechen, sonst hättest du eine Menge zu erklären." Nur ein Stockwerk weiter befand sich Komuis Privatlabor; dort ging niemand freiwillig hin. Und der Wissenschaftler hatte, kurz bevor Lavi ihr gefolgt war, den Speisesaal betreten, also würde auch er nicht plötzlich hereinplatzen.
Es dauerte ein wenig, bis sie schließlich fast unmerklich mit dem Kopf nickte; bis dahin ballte sie die Hände zu Fäusten und kaute an ihrer Unterlippe –beides sehr schlechte Methoden, um Nervosität zu verbergen.
In einem der voll gestopften Labore –nachdem sie bestätigt hatten, dass der Chinese krank war- lehnte Lavi sich gegen die Tür, damit sie ihm nicht gleich wieder abhaute. Jack hatte sich die am weitesten von ihm entfernte Ecke gesucht, was mit vier Quadratmeter Spielraum nicht leicht war; die Arme vor der Brust verschränkt und das Kinn leicht vorgeschoben, sah sie ihn entschlossen an. Entschlossen, ihn in Zukunft auch auf diese Distanz zu halten. Er unterdrückte ein Seufzen; das würde nicht einfach werden. „Zuerst… ich wollte dir sagen, dass es mir leid tut-"
„Das sollt es auch! Du hast mich verletzt; ich hab geblutet!"
Verblüfft starrte er sie an. Verletzt? Langsam dämmerte ihm, warum sie so extrem reagiert hatte. „Jack, sagt dir das Wort ‚Hymen' etwas?" fragte er nach einer kurzen Pause vorsichtig.
Sie überlegte kurz, schüttelte dann aber den Kopf. „Nein, aber was hat das jetzt damit zu tun?"
„Dann noch eine kurze Frage: Du weißt auch nicht –rein zufällig- was ein Jungfernhäutchen ist?"
„Hab ich schon mal gehört", erwiderte sie sichtlich genervt. „Was soll die Fragerei?"
In dem Moment hätte er nichts lieber getan, als sich selbst eine zu verpassen. Er begnügte sich mit der milderen Form des Sich-mit-der-flachen-Hand-vor-die-Stirn-Schlagens und schloss die Augen. Das machte seine Tat nur noch schlimmer. Weil sie bisher unter Dieben gelebt hatte, war er davon ausgegangen, dass sie wusste, was bei einer Entjungferung geschah, aber es war mehr als offensichtlich, dass sie es nicht wusste. Dass sie glaubte, er hätte sie verletzt, bewies das. „Jack… jede Jungfrau hat ein Jungfernhäutchen. Beim ersten Mal reißt es und sie blutet; zumindest die meisten. Deswegen auch der Schmerz; aber danach tut es nicht mehr weh. Ich dachte, du wüsstest das."
„Woher? Anscheinend is alle Welt der Meinung, dass Jungn mit diesem Wissn geborn wern; erklärt hat's mir auf jedn Fall keiner." Er sah ihr an, dass sie ihm nicht ganz glaubte.
Lavi lachte bei der Vorstellung, wie einer ihrer Komplizen ihr das Rätsel der Jungfräulichkeit erklärte; obwohl es völlig unangebracht war, konnte er nicht anders. Er brach allerdings abrupt ab, als sie mit einem herumliegenden Brillenetui nach ihm warf. Fast hätte es ihn am Kopf getroffen, wenn er nicht rechtzeitig ausgewichen wäre. Rasch machte er einen Schritt von der Tür weg, dann noch einen; dann stand er direkt vor ihr, zu nahe, um noch etwas nach ihm werfen zu können.
Sie wäre zurückgewichen, wenn Platz gewesen wäre; so musste sie sich damit begnügen, in den hintersten Winkel ihrer Ecke zu rutschen und zu hoffen, dass er nicht noch näher kam. Was er gesagt hatte, klang plausibel, aber sie traute dem Frieden immer noch nicht ganz. Es war noch nicht einmal zwei Stunden her und der Schmerz war ihr noch lebhaft in Erinnerung; sie konnte nicht sicher sein, dass er die Wahrheit sagte. Genauso wenig konnte sie wissen, ob es nicht doch wieder wehtun würde; möglich wäre es. Also behielt sie den eingeschlagenen Kurs lieber bei; allein der Gedanke daran, wieder von fieberhafter Erregung plötzlich in brennenden Schmerz zu fallen, drehte ihr den Magen um. Es war wunderbar gewesen, bis zu dem Moment, in dem er in sie eingedrungen war und der Traum von noch intensiveren Gefühlen zerplatzt war wie eine Seifenblase.
Nie, nie wieder.
Lavi bekam von ihrem still gefassten Entschluss nichts mit, denn sie ließ sich nicht anmerken, welche Richtung ihre Gedanken einschlugen; stattdessen wanderte ihr Blick von links nach rechts, immer an ihm vorbei, als ob sie eine Fluchtmöglichkeit suchte. Sie zuckte heftig zusammen, als er nach ihren Händen griff; bevor sie sie ihm entreißen konnte, hatte er schon seine Finger mit ihren verschlungen. „Jack." Flüchtig erwiderte sie seinen Blick, als er ihren Namen nannte; dann senkte sie den Kopf und sah zur Seite.
Auch die größte Entschlossenheit konnte nicht verhindern, dass sie auf seine Nähe reagierte –und er war verdammt nah. Sie müsste sich nur ein paar Zentimeter nach vorne lehnen, dann würde sie seine Brust berühren. Verdammt, es reichte schon, dass er nur ihre Hände hielt, und schon schlug ihr Puls schneller.
„Jack. Das nächste Mal wird es nicht wehtun."
Seine leisen Worte änderten zwar nichts an ihrem Gefühlschaos, sorgten aber dafür, dass ihr Stolz empört aufschrie. Gerade erst hatte sie sich geschworen, dass sie nie wieder mit ihm schlafen würde; sie würde diesen Schwur nicht jetzt schon brechen, nur weil er es wollte.
Ruckartig hob sie den Kopf und sah ihn wütend an; sie ignorierte ihre roten Wangen und schob es auf die Wut. „Allerdings, ein nächstes Mal gibt's nämlich nich. Ich werd dich nich lassn."
Er sah sie überrascht an; dann, binnen eines Sekundenbruchteils wandelte sich seine Miene von Überraschung zu siegessicherer Überlegenheit. Bevor sie eine Erklärung dafür finden konnte, überbrückte er den minimalen Abstand zwischen ihnen und küsste sie. Er zog sie eng an sich und schob seine Hände unter ihren geöffneten Mantel; dann fuhr er über ihren Rücken, erst hinauf bis zu ihren Schulterblättern, dann wanderte er mit leichten Berührungen bis zu ihrem Hintern, dass ihr der Kopf schwindelte. Im Moment hätte er ihr erzählen können, dass Mammuts aus Erdbeereis bestünden und sie hätte ihm geglaubt; aber zum Sprechen wäre er ohnehin nicht gekommen, denn seine Zunge war anderweitig beschäftigt.
Mit einer Hand schob er die Geräte und Zettel auf dem Tisch hinter ihr beiseite, dann hob er sie hoch und setzte sie auf die freie Fläche. Er machte den letzten Schritt zur Tischkante und trat zwischen ihre geöffneten Knie, unterbrach aber den Kuss keinen Moment; der Tisch war nicht besonders hoch, sodass sie jetzt nur knapp zwei Zentimeter größer war als er. Dann legte er seine Hände auf ihre Knie und wanderte langsam hinauf, auf den Punkt zwischen ihren Schenkeln zu; ohne, dass sie es verhindern konnte, stöhnte sie leise an seinem Mund. Wäre sie in der Lage gewesen, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen, hätte sie sein Lächeln an ihren Lippen gespürt, aber so registrierte sie es nur am Rande ihres Bewusstseins, mit dem Teil ihres Verstandes, der ihr Herz am Schlagen und ihre Lungen am Atmen hielt.
Jetzt, wo Jack wusste, was es noch alles gab, wollte sie mehr; es war ihr nicht genug. Aber genau in dem Moment, in dem sie die Hand nach Lavi ausstreckte, löste er sich plötzlich von ihr und trat zurück. Sie war noch leicht benebelt von ihren eigenen Gefühlen, sodass sie als erstes die fehlende Hitze und Berührung wahrnahm; dann erst wurde ihr Verstand klarer, und sie fragte sich, wann die Welt und Lavi wohl aufhören würden, sich um sie zu drehen. Und dann, mit der Wucht eines Hammers, wurde ihr klar, was sie zugelassen hatte –und was sie im Begriff gewesen war, zu tun. Auch, dass er aufgehört hatte und nicht sie selbst, was sie eigentlich schon tun hätte müssen, als er sie küssen wollte.
Hastig sprang sie vom Tisch und wollte sich an ihm vorbeidrängen, aber er hielt sie auf, einfach indem er sich rasch vorbeugte und flüsterte: „Du wirst mich nicht nur lassen, du wirst mich bitten, Jack." Es waren weniger die Worte, als die einfache Tatsache, dass er dabei ihr Ohr berührte, die sie zur Salzsäule erstarren ließ; erst, als er zurückwich, um sie vorbeizulassen, konnte sie sich wieder bewegen. Sie floh förmlich aus dem Raum, das Gefühl seiner Lippen und seines Atems wie auf ihre Haut gebrannt.
Das nennt man die Quittung bekommen. Hätte Jack ihn machen lassen, wäre das vermutlich nicht passiert. Oder? Hm. Ich weiß nicht, ob Lavi so gemein sein soll ... es ist Lavi.
Bleibt mir gewogen.
