Naja, Lavi wird wohl nicht so gemein sein ... Ich hatte jetzt eine Woche, um darüber nachzudenken ... und es ist LAVI. Ich glaube, dem fehlt da irgendein Gen dafür ... das haben sie wahrscheinlich Kanda gegeben xD

sternenhagel: So, diesmal hab ich mir das Essen aber auch wirklich verdient :D *schon magenknurrend vor der vollen platte sitz* Ich hab es mir doch verdient, oder? Wirf mal einen Blick auf den amount of Kanda in diesem Kapitel und sag mir, dass ich recht habe o.o

Rated: T

Disclaimer: Stellt euch vor, hier wäre einer.


1.15 Zufälle und ihre Folgen

Jack schaffte es ruhmreiche fünf Tage, Lavi völlig aus dem Weg zu gehen. Es kostete sie mehr Anstrengung als ihre Bemühungen, nicht alleine zu sein; der Rotschopf schien einfach überall zu sein.

Die ersten zwei Tage hängte sie sich fast schon wie eine Klette an Ian; als ihr Bruder schließlich genug hatte, war sie schon fast versucht, ihm alles zu gestehen, aber dann behielt sie es lieber für sich. Ians Wut wäre schlimmer als jedes Akuma gewesen.

Die nächsten drei Tage betete sie schon fast um eine Mission, aber nichts kam. Es lag wohl daran, dass ihre Gründe eigennützig waren, dass die einzige Mission, die sie aus dem Hauptquartier gerettet hätte, Allen zugeschanzt wurde. Er wurde begleitet von Eric, sodass sie sich auch nicht an den Finder wenden konnte; aber was hätte sie schon sagen sollen?

Dass sie sich lächerlich verhielt, wusste sie selbst, aber sie konnte einfach nicht anders; sobald sie Lavi sah, bekam sie Panik, egal, ob sie im Speisesaal saß –mit mindestens hundert anderen- oder er ihr auf dem Gang entgegenkam. War das der Fall, suchte sie schleunigst das Weite, sodass er sie erst gar nicht zu Gesicht bekam.

Nur so verhinderte sie, dass er seine Drohung wahr machen konnte, weil sie verschwand, sobald er auftauchte. Und so sah er mit schöner Regelmäßigkeit jedes Mal nur ihre Kehrseite, wenn er sie entdeckte –auch nicht zu verachten, allerdings war es ihm lieber, ihr in die Augen sehen zu können. Was sich momentan leider als sehr schwierig herausstellte.

Es war der Mittag des sechsten Tages und zum ungefähr zwanzigsten Mal in dieser kurzen Zeit verfolgte Ian erneut, wie Jack plötzlich erstarrte, hastig die letzten Bissen hinunterschlang und dann aus dem Speisesaal hastete, als wäre der Graf persönlich hinter ihr her. Sie hatte Lavi bei der Essensausgabe entdeckt.

Ihr Bruder konnte nur den Kopf schütteln. Erst war sie wütend, dann bekam sie fast schon Angst –anders konnte man ihr Verhalten schon gar nicht mehr nennen. Und Lavi schwieg eisern, egal, wie sehr er ihn drängte, ihm endlich zu erzählen, was los war. Unter anderen Umständen hätte ihn das in höchste Alarmbereitschaft versetzt, aber er sagte sich, dass der rothaarige Exorzist der erste richtige Freund war, den Jack hatte –mit dem sie nicht verwandt war. Vielleicht war es einfach nur ungewohnt für sie, jemand anderem als ihrem Bruder Gefühle entgegenzubringen –freundschaftliche Gefühle- die über ein Zweckbündnis hinausgingen. Im Wald war es darum gegangen, zu überleben, und das ging mit zehn Fäusten besser als mit vier, aber das Leben im Hauptquartier war anders; einfacher, auch wenn es auf seine Art für sie doch gefährlich war. Hier standen regelmäßige Mahlzeiten und ein Dach über dem Kopf an der Tagesordnung anstatt von Bandenkriegen und Überfällen.

Und er hätte sich auch noch länger mit den Problemen seiner Schwester auseinandergesetzt, aber das musste sie alleine regeln. Er konnte ihr nicht alles abnehmen; also beendete er das Sinnieren und verließ den Saal ebenfalls. Die letzten drei Tage waren um einiges besser verlaufen als die zwei davor; er hatte nicht gewusst, dass er seine Unabhängigkeit so schätzte, bis Jack sie ihm buchstäblich weggenommen hatte. Und er hatte nicht gewusst, dass es ihm so fehlen würde, spielen zu können; sie sollte nicht davon erfahren, dass er immer noch spielte, weswegen er in den zwei Tagen sein Geheimversteck nicht aufsuchen konnte. Zum Glück war er sie rasch losgeworden; sofort danach hatte er sich ans Klavier gesetzt und losgelegt. Als Kind hatte er noch nicht viele Stücke beherrscht und schwierige erst recht nicht, aber in der Bibliothek hatte er nach einigem Stöbern –und er hatte wirklich lang gesucht- einen Stapel Notenblätter mit ein paar bekannten Melodien gefunden. Sie waren zerknittert, fleckig und eingerissen, aber für seine Zwecke reichte es; er wollte ja kein Konzert geben. Seitdem hatte er Beethoven, Mozart, Tschaikowski, Strauß, Haydn, Bach, Smetana, Rimski-Korsakow, Schubert und Brahms auf und ab gespielt.

Genau das hatte er jetzt auch wieder vor. Leise seine Lieblingsmelodie summend, durchquerte er den einsamen Gang, auf dem das abgelegene Zimmer lag. Während er spielte, konnte er immer am besten abschalten; ganz in die Musik versunken, berührten ihn die Probleme des Alltags nicht mehr. Das war für ihn wie für Jack die Bücher; er bekam nichts mehr mit von dem, was um ihn herum geschah. Weder Langeweile noch Druck und Spannung, nur noch die Melodien großer Komponisten; so stellte er sich den Himmel vor.

Er betrat das Zimmer und klappte den Tastendeckel des Flügels auf; als er ihn gefunden hatte, war das erste, das er getan hatte, den gesamten Korpus des Instruments zu reinigen, denn er war von dem Staub der Jahre so verdreckt und verklebt, dass kein Ton zu hören war, als er eine Taste anschlug. Mit etwas Fingerspitzengefühl und Geduld hatte er ihn wieder hinbekommen, sodass er darauf spielen konnte. Es war ein Bösendorfer aus Wien; warum er hier im Hauptquartier stand, war ihm ein Rätsel, aber er beließ es dabei, denn unter Umständen hätten seine Fragen zu der Entfernung des Klaviers geführt, gerade jetzt, wo er es gefunden hatte. Es war fast, als gehörte es ihm; sein Geheimnis, sein Versteck, von dem niemand wusste.

Ian wollte auch Jack nicht dabei haben; sie sollte nicht an damals erinnert werden, an die Zeit, bevor sie verschwinden mussten. Es würde nur alte Wunden aufreißen.

Vorsichtig setzte er sich auf den wackeligen Stapel aus Kartons, der ihm als Hocker diente; einen echten Hocker gab aus irgendeinem unerfindlichen Grund nicht. Aber das machte nichts, er konnte auch so spielen. Nur einmal hatte er sich an dem ersten Mephisto-Walzer von Liszt versucht; gegen Ende hatte er fast so wild gespielt wie der Komponist selbst, weswegen er mitsamt den Kartons umgekippt und auf dem Boden gelandet war. Einige Augenblicke lang hatte er weder gewagt, sich zu bewegen, noch, zu atmen, in der Befürchtung, es könnte ihn doch jemand gehört haben. Erst als er sicher war, dass niemand kam, hatte er die Kartons wieder aufgestapelt; dann hatte er sicherheitshalber den Flügel überprüft, ob er noch in Ordnung war. Liszt hatte vorwiegend auf Bösendorfern gespielt, weil diese Instrumente seinem Spiel standhielten –er hatte mit seinem Klavierspiel bis dahin noch fast jedes Klavier ruiniert- aber das war ein alter Flügel, der Jahre der Vernachlässigung hinter sich hatte; wer wusste, wie viel er noch aushielt. Zum Glück war nichts passiert, sodass er auch weiterhin ab und zu den ersten Mephisto-Walzer gespielt hatte; allerdings nur sehr selten.

Behutsam strich er über die schwarzen und weißen Tasten, dann begann er zu spielen; nur wenige Sekunden später dachte er schon gar nicht mehr an die Außenwelt. Er ließ sich von der Musik davontragen und konzentrierte sich nur auf sein Spiel und die Harmonie der Töne und Klänge. Damit konnte er Stunden verbringen, wenn er sich in die richtige Stimmung versetzte; als Jack weg gewesen war, hatte er einfach nicht die nötige Ruhe gefunden, aber jetzt war er entspannt und fast schon hypnotisiert von den wunderschönen Melodien, die diese Männer gefunden und zu Papier gebracht hatten. In der Musik konnte er über die schönen Dinge staunen, zu denen Menschen fähig waren; in der Realität gab es leider wenig zu staunen, die sah anders aus.

Er wusste nicht genau, wie viel Zeit vergangen war, als er den Deckel wieder zuklappte; das Zimmer hatte auch kein Fenster, sodass er an dem Stand der Sonne schätzen hätte können. Aber sein Magen sagte ihm, dass es in ungefähr einer Stunde wieder Zeit zum Abendessen sein würde; dann würde Jack wieder Hunger haben, so großen, dass er einschreiten müsste, zum Schutze ihrer Identität.

Erneut summte Ian, als er in einen der vielen Gänge einbog, die in Richtung Haupteingang führten; er wollte noch etwas frische Luft schnappen, bevor er wieder von Jack heimgesucht wurde. So lieb ihm die Musik auch war, das Zimmer, in dem der Flügel stand, war stickig und die Luft voller Staub –er hatte Glück, dass er nicht auch gegen Staub allergisch war, so wie seine Schwester. Die stickige Luft und die Trance, in die ihn die Musik immer versetzte, vernebelten noch seinen Verstand; frische Luft würde ihm einen einigermaßen klaren Kopf bringen. Soweit er es von den Fenstern aus sehen konnte, war es ein schöner Tag, die Temperaturen genau richtig für Mitte April –er ging jede Wette ein, dass es dafür in den nächsten Tagen schütten würde wie aus Eimern.

Mit ein wenig Glück wäre er auf einer Mission, wenn das Unwetter einsetzte; weder er noch Jack mochten Sturm besonders. Mit Regen konnten sie umgehen, sie hatten auch kein Problem damit, wenn es nieselte, aber Blitz, Donner und heulender Wind –da sah die Sache schon ein wenig anders aus. Mal abgesehen davon, dass Arbeiten bei so einem Sauwetter nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich war –rutschige Äste, vom Wind durchgerüttelte Baumkronen, ganz zu schweigen von den Überfällen selbst- barg ein Sturm auch Erinnerungen, die sie lieber vergessen hätten. War es doch ein verregneter Tag gewesen, mit Blitzen und Donnerkrachen, dass man hätte meinen können, die Welt ginge unter, an dem die Lage eskaliert war. Wenn man vor lauter Regen keine zwei Meter weit sehen konnte, der Wind um die Häuser tobte und gegen die Fensterscheiben drückte, dass sie klirrten, der Donner den Lärm des Regens auf dem Straßenpflaster und den Dächern um ein Vielfaches übertönte und der schwarze Himmel nur von den leuchtenden, hundertfach verzweigten Blitzen erhellt wurde…

Ian schloss die Augen und schauderte bei der Erinnerung an diesen Tag; doch, weil er in diesem einen Moment nicht sehen konnte, sah er auch nicht, wer seinen Weg kreuzte –dieser zwar mit offenen Augen, aber auch blind für alle anderen. Und weil beide mit raschem Tempo unterwegs waren, landeten sie beide mit einem dumpfen Knall auf dem Boden, als sie zusammenstießen.

Es folgten zwei laute Flüche.

„Verdammt!"

„Chikushou!"

Ian riss die Augen auf.

Nein. Nicht schon wieder.

Leider bestätigten ihm seine Augen die Befürchtung: Zum dritten Mal binnen eines Monats war er mit Kanda zusammengestoßen. Mit einem gequälten Aufstöhnen ließ er sich gleich ganz auf den Boden des leeren Gangs fallen. „Warum? Warum kann ich nich einmal mit wem andren zusammenstoßn? Warum musst immer du in mich reinrennen?"

Kanda zog missbilligend eine Augenbraue hoch. „Hättest du halt die Augen aufgemacht."

„Und wenn du dich nich immer aufführn würdest, als wärst du hier allein, wär das auch nich passiert. Diesmal war's halt mal meine Schuld."

Che. Du tust so, als wäre es bisher immer meine Schuld gewesen."

Jetzt hob Ian vielsagend eine Augenbraue. Manchmal konnte er einfach nicht widerstehen, den Japaner zu ärgern; gnade ihm Gott, sollte Jack je davon erfahren –sie würde ihm die Hölle heiß mache, weil er ihr das praktisch verboten hatte. Er konnte sie schon hören: ‚Und wieso, bitteschön, gelten deine Regeln für mich, aber nicht für dich!' Ihm zog sich der Magen zusammen; sie konnte Furcht einflößend sein, wenn sie wütend war. Allerdings schien ihm, als hätte er selbst einen gewissen Spielraum, während der Exorzist bei Jack sofort auf hundertachtzig war; aber wie sollte er ihr das erklären? Seine Schwester würde ihn für plemplem erklären.

Die Augenbraue hätte schon gereicht, um Mugens Klinge zu spüren, wenn Jack das getan hätte, aber es machte ihm komischerweise nicht einmal halb so viel aus, wenn Ian das tat; eher wollte er dieses Spiel weiterspielen. „Dann denk mal zurück und erinnere dich wieder daran, dass du beim ersten Mal ebenfalls die Augen geschlossen hattest und beim zweiten Mal einfach nicht geschaut hast."

„Wenn du sehn konntest, dass meine Augen zu warn, warum konntest du mir dann nicht ausweichn?" fragte Ian mit einem breiten Grinsen im Gesicht.

Genau in diesem Moment betrat eine weitere Person den Gang. „Was macht ihr denn da?" fragte Linali, als sie die beiden auf dem Boden sitzenden/liegenden Exorzisten sah. Ian lag quer im Gang und grinste vergnügt, während Kanda ihm gegenüber saß und aus irgendeinem Grund das Gesicht abgewandt hatte, sodass man seine Miene weder aus dem Blickwinkel der Chinesin noch aus Ians sehen konnte.

„Pause", meinte der jüngere von beiden nur lässig, dann setzte er sich auf und schlang die Arme um die angezogenen Knie. „Was Kanda hier macht, weiß ich allerdings nich", fügte er weiterhin feixend hinzu; natürlich wollte er ihn nur ärgern.

Jetzt sah ihn der Exorzist an; er warf ihm einen wütenden Blick zu, mit dem man Granit hätte verflüssigen können, dann stand er auf. Ohne ein weiteres Wort stand er auf und ging. Er konnte nur hoffen, dass keiner der beiden anderen irgendein Anzeichen für die Hitze in seinem Gesicht entdeckt hatte. Deswegen hatte er auch schnell den Kopf gedreht; irgendetwas an Ians dämlicher Frage hatte diese Reaktion ausgelöst, auch wenn er sich nicht erklären konnte, warum. Er verschwand besser, wenn nicht noch mehr passieren sollte.

Linali sah ihm kurz nach, bis er um die Ecke gebogen war, dann wandte sie sich wieder Ian zu. Der Exorzist war inzwischen aufgestanden und lächelte sie jetzt freundlich an. „Willst du was Bestimmtes oder war das Zufall?"

Die Chinesin lächelte ebenso freundlich zurück. „Nein, ich bin nur durch Zufall hier vorbeigekommen. Aber du könntest mir einen Gefallen tun."

„Der da wäre?"

„Nii-san hat mich gebeten, ihm Kaffee zu bringen und ich wollte gleich noch welchen für die anderen Wissenschaftler in der Forschungsabteilung mitbringen; aber das sind alleine einfach zu viele Tassen…"

„Und deswegen stürzt du dich auf das erste Opfer, das deinen Weg kreuzt."

Sie wurde leicht rot; genau das hatte sie im Sinn gehabt, aber sie hätte es anders formuliert -nämlich so, dass das 'Opfer' nicht Nein sagen konnte. „Grob gesagt –ja. Hilfst du mir? Bitte, Ian."

Er war es von Jack gewohnt, angebettelt zu werden, weswegen er fast schon immun dagegen war -eigentlich. Aber er hatte keine vernünftige Ausrede, mit der er sich herauswinden hätte können; die gute Laune, die ihm der Zusammenstoß mit dem Japaner verschafft hatte, hatte gereicht, um den Staub aus seinem Kopf zu vertreiben. Also musste er wohl oder übel nachgeben.

Eine Sache war ihm allerdings doch aufgefallen. „Woher weißt du, dass ich es war?" fragte er das Mädchen, als sie ihn in die Kaffeeküche geschleppt hatte.

Linali lächelte. „An dem Handschuh; deiner ist rechts und Jacks links. Als ich den gesehen habe, war ich mir ganz sicher. Aber das erste, das mir aufgefallen ist: Wäre Jack mit Kanda zusammengestoßen -und ich weiß, dass genau das passiert ist- dann könntest du deinen Bruder jetzt von der Wand kratzen."

„Wie kommst du darauf?"

„Du meinst, es ist dir nicht aufgefallen? Seit einem Monat bist du hier und hast es noch nicht bemerkt?"

„Was bemerkt?" Wovon, zur Hölle, redete sie?

„Du bist so ziemlich die einzige Person, die… ich weiß nicht genau… also, wenn ich mit ihm rede und dein Name fällt, dann… reagiert er immer ganz komisch. Als ob ihm plötzlich etwas eingefallen wäre, aber frag mich nicht, was. Und, wenn du da bist, verhält er sich auch ganz anders. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll –du scheinst sein wunder Punkt zu sein." Sie wurde rot, als sie seinen Blick sah; offenbar dachte er, sie halluzinierte.

„Wunder Punkt? Also mir is echt nix aufgefalln; ich mein, ja, er scheint mir gegenüber zumindest toleranter als Jack gegenüber zu sein, aber das auch nur, weil ich ihn nich ständig nerv. Und das mit dem 'komisch reagiern'… also mir gegenüber verhält er sich eigentlich ganz normal, würd ich sag-" er brach ab, als ihm wieder einfiel, was vorhin passiert war. Wenn ihn nicht alles täuschte, dann glaubte er, einen Hauch Rot gesehen zu haben. Es konnte natürlich auch nur eine optische Täuschung sein, hervorgerufen durch das schlechte Ganglicht, die seine Haut ein wenig dunkler aussehen hatte lassen -aber es konnte auch sein, dass Kanda tatsächlich ein wenig rot geworden war. Weswegen? Nur weil er ihn gefragt hatte, warum er ihm nicht ausgewichen war? Mal abgesehen davon, dass dieser Vorfall schon fast einen Monat zurücklag, war daran doch nichts Schlimmes. Es konnte doch mal passieren, dass man jemanden übersah oder ihn zwar bemerkte, aber einem erst auffiel, dass man gleich mit dieser Person zusammenstieß, wenn es schon zu spät war, um auszuweichen. Weiß Gott, solche Sachen passierten täglich; weswegen also beschäftigte es den Japaner so sehr, dass er rot wurde? Und dazu gehörte schließlich schon eine ganze Menge, um Kanda auch nur ansatzweise so etwas Ähnliches wie offen gezeigte Gefühle abzuringen. Er wusste das, schließlich hatte er sich nicht gerade wenig Mühe gegeben, um dem Exorzisten eine Reaktion abzuringen, damit er wusste, woran er bei ihm war; dass Kanda immer diese stoische Maske aufsetzte, war auf Dauer nämlich ein wenig anstrengend. Gut, beruflich, ja okay, das ließ er sich noch einreden, da war er ja selbst nicht anders, aber ständig, rund um die Uhr? Wie sollte er denn reagieren, wenn er nicht wusste, ob sein Gegenüber müde oder gut gelaunt war- was beides anscheinend nie auf ihn zutraf- er könnte genauso gut mit einer Puppe sprechen. Die würde zwar nicht antworten, aber Kanda sprach in der Regel auch nicht viel mehr –außer, wenn sie alleine waren, fiel ihm auf. In Gegenwart anderer war er meist schweigsamer und zurückhaltender –nicht auf die schüchterne, sondern mehr auf die 'Ihr-nervt-mich-alle-maßlos'-Art- aber wenn er nur mit Ian sprach, dann stellte er auch mal von sich aus Fragen, interessierte sich für den anderen. Was ihm nur recht war, immerhin mochte er den Japaner irgendwie, auch wenn ihn alle anderen dafür schief ansahen; und er interessierte sich ja selbst für ihn-

Dachte er gerade, was er glaubte, zu denken?

„Ian?"

Er blinzelte; allem Anschein nach hatte er gerade volle fünf Minuten ins Leere gestarrt, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Das Tablett mit den Kaffeetassen hatte er immer noch in den Händen. Hastig murmelte er eine Entschuldigung und folgte ihr in Richtung Forschungsabteilung. Erst, als sie ihm den Rücken zudrehte und vorausging, erlaubte er sich, kurz rot zu werden, dann zwang er sich, wieder Normalfarbe anzunehmen; er war nicht der Typ für rote Wangen, ganz bestimmt nicht.

Ihnen wurden die Türen zur Forschungsabteilung geöffnet wie Königen; ganz offensichtlich hatte man sie erwartet. Die Forscher stürzten sich auf die beiden Tablettträger, als gäbe es kein Morgen. Allerdings zögerten sie kurz, als sie Ian sahen, schließlich hatten sie nur Linali erwartet; nichtsdestotrotz waren sie dankbar für ihre stark benötigte Kaffeeration. Was sie dann sagten, überraschte ihn aber.

„Danke, Jack."

Jack? Traute man ihm etwa nicht zu, so freundlich zu sein, Kaffee vorbeizubringen, wenn man ihn darum bat? „Wieso Jack?" fragte er Linali verwirrt.

„Leute, das ist Ian; er hat den rechten Handschuh", korrigierte sie der aus dem Nichts auftauchende Komui. Er nahm seiner kleinen Schwester seine blaue Tasse mit dem Hasen darauf ab und wandte sich dann wieder an seine Mitarbeiter. „Also, wieder an die Arbeit."

„Also heute keine Botengänge?" Johnny ließ enttäuscht die Schultern sinken.

„Botengänge? Wovon redet ihr?" Ian wurde langsam misstrauisch. Was meinten sie mit Botengängen?

„Oh, Jack hat öfters Botengänge für uns erledigt; er meinte, er hätte nichts zu tun, also…"

Anscheinend hatte ihm seine Schwester nicht alles erzählt; wenn er wissen wollte, was sie den ganzen Tag tat, dann war sie immer in der Bibliothek, mit Lavi unterwegs, draußen oder üben, aber davon hatte sie kein Sterbenswörtchen gesagt. Ihm fiel etwas ein; und das hieß nichts Gutes. „Wann macht er das?"

„Meistens abends, manchmal auch die ganze Nacht durch. Kommt darauf an; manchmal legt er so gegen zwei, drei eine Pause ein und ist dann für eine knappe Stunde weg. Ein, zwei Mal mussten wir ihn förmlich hinauswerfen, weil er schon so müde war, dass er kaum noch stehen konnte, aber er bestand darauf, weiterzumach-Au!" Johnny rieb sich den schmerzenden Kopf.

„Johnny, ich glaube, das reicht." River gab Linali ihr Tablett zurück. „An die Arbeit."

Er hätte sie umbringen können; ihm das zu verschweigen. Kein Wunder, dass sie den Springer gewonnen hatte, weil sie vor ihm aufgewacht war; sie war ja gar nicht schlafen gegangen, sondern die ganze Nacht von Abteilung zu Abteilung gehetzt. „Ja, ich sollt… dann auch gehn. Man sieht sich." Wenn er nur daran dachte, wie oft sie sich hätte verraten können, wurde ihm schon schlecht. Tagsüber war sie mit ihm und Lavi und allen anderen zusammen und die Nacht arbeitete sie durch –also, gesund war das sicher nicht. Was, wenn sie eingeschlafen wäre, wenn sie sich 'nur kurz' hingesetzt hätte, und jemandem wäre etwas aufgefallen? Wenn sie kaum Schlaf bekam, ging sie zwangsläufig dieses Risiko ein.

Nachdem er in sämtlichen Abteilungen gewesen war und immer dasselbe gehört hatte, war er wirklich kurz davor, Jack umzubringen.

Er raste die Treppe hinauf zu ihrem Zimmer, aber dort war sie nicht. Auch in der Bibliothek und in der Trainingshalle fand er sie nicht; weder der ersten, noch der zweiten oder dritten. Sie reagierte nicht auf seine Versuche, sie telepathisch zu erreichen; er konnte nicht sagen, ob sie ihn absichtlich blockierte oder es gar nicht mitbekam, dass er sie rief. Er suchte den halben Wald ab, aber sie war nirgends zu sehen; auch wenn sie sehr gut darin war, mit ihrer Umgebung zu verschmelzen –ein nötiges Talent, dass sie sich beide angeeignet hatten- er hätte sie auf jeden Fall gefunden. Ian kannte ihre Tricks und Taktiken in- und auswendig, er wandte sie ja selbst an; also hätte er sie eigentlich sofort entdecken müssen –wenn sie da gewesen wäre.

Schließlich gab er auf und ging zurück ins Hauptgebäude; Jack würde früher oder später wieder auftauchen. Ihr Hunger würde sie auf jeden Fall in den Speisesaal treiben; er brauchte nur dort zu warten.

Tatsächlich dauerte es auch nur wenige Minuten und seine Schwester tauchte auf; allerdings auf andere Weise, als er erwartet hatte. Statt wie jeder andere durch die Tür zu kommen, die auf den Gang hinaus führte, kam sie aus der Küche; erst, nachdem sie sich vorsichtig umgesehen hatte, tauchte sie ganz aus ihrem Versteck auf. Wie angewurzelt blieb sie stehen, als ihr Ian in den Weg trat.

Hallo,Jack. Bevor wir essn, muss ich mit dir redn."

„Jetz?"

Jetzt." Seine Aussprache und sein Ton ließen keinen Widerspruch zu; wenn er wie jetzt, jeden Buchstaben einzeln betonte, dann war er ziemlich wütend. Als ihr Magen protestierend knurrte, hob er nur missbilligend eine Augenbraue –Kanda war nichts gegen ihn- und ging voraus. Sie seufzte lautlos und folgte ihm; was hatte sie jetzt schon wieder angestellt?

Während sie hinter ihm hertrottete, in Gedanken halb bei dem leckeren Essen, dass jetzt auf sie wartete, beschäftigte sich die andere Hälfte ihrer Gedanken mit der Frage, was ihn so wütend gemacht haben konnte. Ian war unheimlich, wenn er wütend war; er war eiskalt und wartete förmlich auf den richtigen Moment, um dann zu explodieren -bevorzugt, wenn es niemand außer ihr hören konnte. Meistens ging es ohnehin darum, dass sie sich fast verraten hätte; viel anderes gab es nicht, weswegen Ian auf sie wütend sein konnte –mal abgesehen von ihrem Widerwillen, was bestimmte Ziele beim Messerwerfen anging.

Er öffnete seine Zimmertür und ließ sie vor sich eintreten, dann schloss er leise die Tür. Als sein Zwilling blieb ihr nicht verborgen, dass er sie am liebsten zugeknallt hätte, aber sie sagte nichts; ehe sie nicht wusste, was ihn so aufregte, war es besser, gar nichts zu sagen.

„Linali hat mich gebeten, ihr zu helfen, Kaffee in die Forschungsabteilung zu bringen. Und alle dort haben mich 'Jack' genannt."

O-oh.

„Wieso muss ich erst von hundertfünfzig Wissenschaftlern aus allen Abteilungen erfahren, dass du die Nächte durcharbeitest und praktisch nichts schläfst, ehe du auf die Idee kommst, es mir zu erzählen?" Ian kochte förmlich vor Wut. „Ich bin dein Bruder –dein Zwillingsbruder! Du weißt alles von mir, alles, aber hältst es nicht für nötig, mir zu erzählen, wie du deine Gesundheit ruinierst und deine Identität aufs Spiel setzt?"

„Ian…" Sie hatte keine Erklärung für ihr Verhalten, die ihn zufrieden gestellt hätte –ohne ihm von ihrer Angst zu erzählen- und wusste nicht, wie sie weitermachen sollte; aber irgendwie musste sie ihn beschwichtigen, sonst würde er weiterbohren und womöglich noch von selbst dahinter kommen.

„Erklär mir das!"

Alles, was sie sagen konnte, war: „Es tut mir leid." Allerdings entschuldigte sie sich nicht dafür, dass sie es ihm verschwiegen hatte, sondern dafür, dass sie nicht so stark war wie er –psychisch stark. Er hatte keine Angst vor dem Alleinsein, er genoss es sogar, und darum beneidete sie ihn; aber sie fand nicht die Kraft, allein zu sein, geschweige denn, irgendjemandem davon zu erzählen. Jack fühlte sich jämmerlich; erbärmlich und winzig im Vergleich zu ihm, zu allen anderen, die nicht dieses Problem hatten.

„Es tut dir leid? Das hilft mir nicht, Jack, ganz und gar nicht. Ich will wissen, warum du-"

„Nein. Ich kann nicht –ich kann dir nicht –Ian…" Sie brachte es nicht über sich, ihn anzulügen und zu behaupten, sie habe nur helfen wollen. Natürlich hatte sie helfen wollen, aber ihre Hauptmotivation war doch ihre eigene Feigheit gewesen.

Ian sah ihr an, dass er nichts aus ihr herausbekommen würde; an ihrer Mimik, ihrer Gestik und ihrer Körpersprache erkannte er die Abwehrhaltung –den Wunsch, sich zu verstecken und nie wieder herauszukommen. Es steckte wohl noch mehr dahinter, als er angenommen hatte; aber sie war nicht gewillt, ihm ihre Gründe zu nennen. Trotzdem, er musste sie wenigstens dazu bringen, damit aufzuhören; sowohl für ihre Gesundheit als auch für ihr gemeinsames Geheimnis. „Das hört auf. Sofort, Jack. Du setzt deine Gesundheit und unser Geheimnis aufs Spiel; jetzt, wo ich es durchZufall erfahren hab, kann ich das nicht mehr verantworten."

Der Seitenhieb erinnerte sie daran, wie enttäuscht er von ihr war; aber sie war nicht weniger enttäuscht von sich selbst, wenn auch aus anderen Gründen –zusätzlich dazu, dass sie sich schämte, weil sie es ihm nicht erzählt hatte. Mehr, als stumm zu nicken, konnte sie nicht.

„Versprich es mir."

Jack zögerte kurz. „Keine Botengänge mehr, versprochen." Dann würde sie eben in der Küche aushelfen, so wie sie es die letzten Tage auch getan hatte. Ihr letzter Rettungsring, bevor sie Gefahr lief, allein zu sein –oder mit Lavi allein zu sein. Sie fürchtete sich nicht wirklich davor, aber sie würde auch nicht das Risiko eingehen, es auszuprobieren. Ihren Schwur würde sie nicht brechen –es gab genug andere Mädchen, auch im Hauptquartier, warum wollte er sie? Gut, sie war nicht mehr so dünn wie vor einem Monat, als sie hier angekommen war; sie hatte auch weibliche Rundungen, wenn auch gut versteckte, immerhin dachte alle Welt, sie sei ein Junge –und genau da lag das Problem. Niemand sah sie als Mädchen, niemand würde auch nur im Traum daran denken; also was wollte er dann mit so jemandem? Sie reichte nun mal nicht heran an Mädchen wie Amalie oder –innerliches Schaudern- Emilia.

„Gut, dann gehen wir jetzt essen. Aber, Jack –die Sache ist noch nicht vom Tisch."

Sie nickte hastig, damit er nicht merkte, dass er gerade einen Gedankengang unterbrochen hatte, der ihm noch weniger gefallen würde. Ians Wut, wenn er herausfand, was Lavi wusste, wäre ausreichend, um eine zweite Sintflut heraufzubeschwören.

Rasch folgte sie ihm zurück zum Speisesaal; aber das Glück war nicht auf ihrer Seite und Ian auch nicht, denn sie trafen nicht nur auf Lavi, sondern ihr Bruder lud ihn auch noch ein, sich zu ihnen zu setzen. Lavi war allerdings ganz sicher auf ihrer Seite –links von ihr, keine zwei Zentimeter entfernt. Rechts neben ihnen hatte sich eine kleine Gruppe von Findern ihren Platz gesucht, sodass sie nicht ausweichen konnte; sie saß buchstäblich fest.

Es kam noch schlimmer.

„Du hast gewusst, dass Jack Botengänge erledigt, oder, Lavi?" fragte Ian zwischen zwei Bissen.

Die beiden Exorzisten ihm gegenüber erstarrten und tauschten einen hastigen Blick. „Woher…"

„Ach, das hab ich so aufgeschnappt; in der Verwaltungsabteilung, der Auswärtigen Abteilung, der Suchabteilung, der Medizinischen Abteilung, der Kommunikationsabteilung und der Überwachungsabteilung." Er grinste sarkastisch. „Anscheinend ham's alle gewusst, außer mir. Als nächstes erzählt ihr mir sicher, dass Kanda auch darüber informiert war."

Jack schüttelte hastig den Kopf. „M-m, nich alle… nur die… nur die Wissenschaftler."

„Aha, die Wissenschaftler also, aber nich dein eigener Bruder? Interessant." Er stocherte mit der Gabel in seinem Essen herum; dann sah er Lavi plötzlich an. Nur eine Kartoffel hätte die Schärfe in seinem Blick nicht bemerkt. „Und woher weißt du's? Oder besser, seit wann?"

Lavi lehnte sich unwillkürlich ein Stück zurück, als könnte er damit der Frage und der unangenehmen Situation entgehen. „Ich… äh… hab es durch Zufall herausgefunden. Vor ein paar Tagen", meinte er mit einem Seitenblick auf Jack.

Die beobachtete ihn genauso scharf wie ihr Bruder, allerdings aus einem anderen Grund. Jack war wütend, dass er sie beschützte, denn das machte es schwierig, ihn nicht zu mögen. Wenn er immer nur nett zu ihr war, wie sollte sie dann an ihrem Vorsatz festhalten?

„Und es nich für nötig gehaltn, das mal zu erwähnen?" fragte Ian spitz.

Sie wurden unterbrochen, als Allen, wieder zurück von seiner Mission, anrauschte und sich zu ihnen setzte. „Hallo, Leute. Was dagegen, wenn ich mit euch esse?" fragte der Fünfzehnjährige freundlich.

Jack schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin sowieso weg. Guten Appetit noch." Sie stand auf und war verschwunden, bevor einer der anderen Einwände erheben konnte.

Allen sah von seinem Essen auf, noch bevor er überhaupt angefangen hatte. „Ach ja, Komui hat mich gebeten, euch etwas auszurichten. Übermorgen ist ja wieder Training und diesmal wird er uns in Gruppen aus jeweils dreien antreten lassen, um sich besser auf die Stärken und Schwächen der einzelnen konzentrieren zu können. Deswegen wird es wahrscheinlich auch doppelt so lange wie sonst dauern. Linali weiß schon Bescheid, sie wird auch Kanda Bescheid geben. Es kann auch sein, dass er euch beide getrennt kämpfen lässt", sagte er an Ian gerichtet.

Der nickte nur. „Das wern wir dann ja übermorgn sehn."


Ich finde, es wird mal wieder Zeit für eine Mission o.O Die können doch nicht die ganze Zeit nur im Hauptquartier herumsitzen ... wie viele Kapitel machen sie das jetzt schon? Eben.