sternenhagel: Eh, ich glaube ... das funktioniert nicht ...
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Disclaimer: Hallo. Ich bins, Ihr Disclaimer. Sie nehmen mich oft gar nicht wahr, aber ich bin immer da. Und ja: Auch wenn Sie mich nicht wahrnehmen, muss ich da sein und meine Meldung verbreiten: Diese Mangaserie gehört Katsura Hoshino und die Autorin dieser FF verdient kein Geld damit. Und der Song 'Eternal' gehört auch der Band Evanescence.
1.16 Sturm
(Tipp: Hört euch den Song von Evanescence an ... passt wunderbar zum Sturm)
Komui ließ sie wirklich das nächste Mal in Dreiergruppen antreten, beim zweiten Mal allerdings teilte er sie zu Paaren auf, zuerst Linali und Lavi, dann Jack und Allen, schließlich Kanda und Ian, bevor er die Anordnung noch einmal mischte. Beim zweiten Durchlauf innerhalb eines Tages stellte er Ian und Linali, Kanda und Allen –urgh- und Jack und Lavi zusammen auf. Dann traten sie in der Reihenfolge gegen ein paar Akuma an, wobei sie nicht nur darauf achten sollten, die Akuma möglichst schnell platt zu machen, sondern auch auf ihren Partner aufzupassen.
Ian kam die Ablenkung nur Recht, denn vorhin war er, als er mit Kanda zusammen gekämpft hatte, einmal von der Druckwelle einer Explosion rückwärts gegen den Japaner geschleudert worden, so heftig, dass sie beide auf dem Boden gelandet waren. Mal abgesehen davon, dass das Punkteabzug gab und Kanda wütend auf ihn war, weil er ihn von den Füßen gerissen hatte, brauchte er dringend etwas zu tun, um das flaue Gefühl im Magen loszuwerden. Es war beinahe schon unheimlich, wie sein Puls raste –ganz zu schweigen davon, wie sich sein Magen immer zusammenzog, wenn er den Japaner ansah.
Sie legten eine ganz passable Vorstellung hin, dann kamen Allen und Kanda dran. Die beiden erledigten zwar die Akuma, ohne sich der Gefahr auszusetzen, getroffen zu werden, allerdings war ihre Teamarbeit miserabel. Sie konnten sich einfach nicht ausstehen, weswegen jeder für sich kämpfte. Trotz der Tatsache, dass keines der Akuma auch nur den Hauch einer Chance gehabt hatte, sie zu treffen, war Komui höchst unzufrieden –und das sah man ihm auch an.
„Lavi, Jack, ihr seid dran", knurrte er schon fast, als sie fertig waren. Jack warf einen unsicheren Blick zu dem anderen Exorzisten hinüber; sie hatte nicht die geringste Lust, so viel Zeit mit ihm zu verbringen, wie nötig war, um das Dutzend Akuma vor ihnen zu erledigen. Ihr Vorsatz war in Gefahr.
Lavi tat ihr einen Gefallen, indem er nicht lange fackelte, sondern kurzerhand ein Feuersiegel unter den Maschinen entstehen ließ, das alle zwölf Roboter röstete. Es gab eine große Explosion, die die Maschinenteile in alle Richtungen verteilte. In hohem Bogen sausten sie quer durch die Halle, sodass die anderen sich ducken mussten, um nicht getroffen zu werden.
Der Rotschopf selbst hatte nicht so viel Glück. Er hatte die Wucht der Attacke unterschätzt und auch die Tatsache, dass er dabei selbst getroffen werde konnte. Eines der Teile traf ihn am Fuß, sodass er laut fluchte und auf und ab hüpfte, wobei er den schmerzenden Fuß mit beiden Händen hielt. Es sah wahnsinnig komisch aus im ersten Moment, wäre da nicht die Tatsache, dass er drohte, das Gleichgewicht zu verlieren. Er stützte sich auf den, der am nächsten war, um nicht auch noch umzukippen –blöderweise war das Jack, die es wohl oder übel ertragen musste, ihm so nahe zu sein.
Die anderen kamen aus ihrer Deckung hinter den Säulen hervor. „Sorry, Leute, das wollte ich nicht", entschuldigte sich der rothaarige Exorzist zerknirscht.
Komui war alles andere als sauer. „Macht nichts, jetzt weiß ich wenigstens, wie meine Maschinen auf so eine Attacke reagieren. Gut, damit wäre die heutige Stunde beendet. Lavi, da solltest du vielleicht Eis drauf tun; lass dir von jemandem die Stiegen hinauf helfen. Kanda, Allen, ihr bleibt bitte hier, mit euch habe ich noch ein Hühnchen zu rupfen. Jack, kannst du Lavi helfen? Ich muss noch mit deinem Bruder und Linali sprechen, dich brauche ich nicht mehr." Er ließ ihr keine Zeit zu antworten, sondern wandte sich einfach zu den anderen um und ließ sie stehen, mit Lavi an ihrer Schulter.
Wohl oder übel musste sie sich fügen. Mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter legte sie sich Lavis Arm um die Schultern und verließ mit ihm, so schnell es ging, den Saal. Vor der Tür begegneten ihr die zum Aufräumen abkommandierten Finder, die Lavi allesamt mitleidig ansahen, bevor sie hineingingen.
„Man könnte meinen, ich hätte mir das Bein gebrochen und nicht einfach nur ein zentnerschweres Metallteil auf den Fuß gekriegt", murmelte er.
„Hättest du besser aufgepasst, wär nich mal das passiert", versetzte Jack bissig. Je eher sie ihn in seinem Zimmer ablieferte, desto geringer war die Gefahr, dass er auf dumme Gedanken kam. Es behagte ihr überhaupt nicht, dass der Weg bis dorthin so endlos lang war –zumindest in ihren Augen. In Wirklichkeit ging es nur zwei Treppen hinauf und einen Gang entlang, schon waren sie da. Für sie eine wahre Odyssee.
Glücklicherweise waren zu viele Menschen auf den Gängen unterwegs, als dass Lavi seine Gedanken in Taten umsetzen konnte. Das Glück hatte sie allerdings nur, bis sie in den Gang einbogen, auf dem sein Zimmer lag, das er sich mit dem Bookman teilte. Wenigstens war sein Zimmer nicht allzu weit entfernt, sodass sie schon nach wenigen Sekunden die Tür öffnen konnte. Der Bookman war nicht da, was nicht gerade zu ihrer Beruhigung beitrug.
Jack half ihm vorbei an den meterhohen Zeitungsstapeln, die so aussahen, als könnten sie jederzeit einstürzen und einen unter einer Flutwelle aus Papier begraben. „So ein Chaos könnt nich mal ich anrichtn, und wenn ich Jahre hätt", murmelte Jack, mehr zu sich selbst als zu Lavi. Für einen Moment hatte sie vollkommen vergessen, auf der Hut zu sein, so fassungslos war sie ob des Durcheinanders. Der einzige Zufluchtsort für Ordnung in diesem Zimmer war das obere Bett des Stockbettes, dessen Decken feinsäuberlich zusammengelegt und gestapelt und dessen Polster ordentlich aufgeschüttelt waren. Das untere Bett war total zerwühlt.
„Willkommen im Leben eines Bookman", riss Lavi sie aus ihrer Starre. Noch bevor sie reagieren konnte, hatte er sich auf das untere Bett fallen lassen und sie mit sich gezogen. Jack landete halb auf ihm, bevor er sie auf den Rücken drehte und sie küsste. Eine Hand unter ihrem Rücken, hielt er mit der anderen die Hand fest, die versuchte, ihn wegzustoßen. Gegen die andere konnte er leider nichts ausrichten. Aber er ignorierte sie zugunsten des Kusses, zumal ihr Widerstand mit jeder Sekunde schwächer wurde. Schließlich konnte er auch ihre andere Hand loslassen, damit er in ihren Nacken greifen und ihren Kopf ein Stück nach hinten biegen konnte, um den Kuss noch zu vertiefen. Solange er ihre Lippen in Beschlag nahm, konnte sie ihn nicht mit Beschimpfungen und Vorwürfen überhäufen.
Er hatte dieses Gefühl vermisst, ihre weichen Lippen auf seinen, ihr warmer Körper unter sich, und er wusste, dass sie, auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, es auch vermisst hatte. Egal, wie viele Vorsätze sie fasste und wie viele Schwüre sie ablegte, daran konnte sie nichts ändern. Und auch nichts an seinem Vorsatz, ihr zu zeigen, dass sie Unrecht hatte.
Lavi lag nur halb auf ihr, denn er hatte bewusst vermieden, mit ihrem Unterleib in Berührung zu kommen, um zu verhindern, dass sie Panik bekam. Er konzentrierte sich einzig und allein auf den Kuss… fürs erste. Der Rest würde schon noch kommen, sobald er ihr ihr Misstrauen genommen hatte. Eigentlich hatte er die Situation ja gar nicht geplant gehabt, es war einfach passiert. Eine Woche lang war sie ihm aus dem Weg gegangen, hatte ihn gemieden und war jedes Mal förmlich geflüchtet, wenn sie ihm doch über den Weg gelaufen war. Eine Woche lang hatte er sie nicht geküsst, nicht mit seinen Händen ihren Körper berührt, da kam ihm der Unfall mit dem Maschinenteil wie ein Wink des Schicksals vor. Er wäre ein Trottel, wenn er sich diese Gelegenheit entgehen ließ.
Er hatte Recht; Jack genoss es, ihn zu küssen und zu spüren. Sie hatte es tatsächlich vermisst, sogar davon geträumt, auch wenn sie beim Aufwachen jedes Mal furchtbar wütend auf sich selbst gewesen war. Sie hatte einfach nicht verstehen können, warum sie das immer noch wollte, wenn sie doch wusste, was sie erwartete.
Lavi entschied, dass er ihre Lippen jetzt freigeben konnte, denn sie hatte nicht nur jeglichen Widerstand aufgegeben, sondern auch noch die Arme um ihn gelegt. Vorsichtig beendete er den Kuss, aber noch bevor sie auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, hatte er seinen Mund auf ihren Nacken gepresst, genau auf die empfindliche Stelle zwischen Hals und Schulter. Jack reagierte mit einem leisen Aufkeuchen und einem zweiten, lauteren, als er sie sanft zwickte. Sie bog den Rücken durch und presste sich noch enger an ihn, sofern das überhaupt möglich war, während er beruhigend mit der Zungenspitze über die leicht gerötete Haut fuhr.
Als sie sich bewegte, kam sie unabsichtlich mit ihrer Hüfte an seiner an; was ungefähr dieselbe Wirkung hatte wie ein Peitschenhieb. Sofort stemmte sie die Handflächen gegen seine Brust und schob ihn von sich; Lavi, der gar nicht mehr damit gerechnet hatte, war zu überrascht, um sie davon abzuhalten.
Das Schicksal hatte ihm eine Chance geboten, aber sein persönliches Pech hatte sie ihm wieder zunichte gemacht. Jack war viel zu wütend und aufgebracht, um ihn noch einmal in ihre Nähe zu lassen, erkennbar daran, wie sie, wie von der Tarantel gestochen, aufsprang und Abstand zwischen sie brachte. Sie hätte sich fast den Kopf gestoßen, als sie das Bett verließ.
„Du… du…" Ihr fielen offenbar nicht die richtigen Schimpfworte ein, so sauer war sie. Ihre schwarzen Augen sprühten förmlich vor Zorn, einen Ausdruck, von dem er bis dato gar nicht gewusst hatte, dass er tatsächlich existierte. Bisher hatte er das nur für eine Erfindung der Romanschreiber gehalten.
Lavi wusste, dass er verloren hatte. Seufzend setzte er sich auf. „Sorry, Jack, das war wohl ein bisschen zu schnell. Aber du bist so süß und köstlich, da fällt es mir schwer, zu widerstehen."
Jack wurde flammend rot und ballte wütend die Fäuste. In solchen Momenten merkte man ihr an, wo sie ihr Leben bisher verbracht hatte. Jede andere hätte vor Empörung nach Luft geschnappt, weil er so etwas gesagt hatte; Jack sah eher so aus, als wollte sie dafür sorgen, dass er für den Rest seines Lebens Mus essen musste. „Ich bin nich süß und ungefähr so köstlich wie eine grüne Erdbeere –und tu nicht so, als sei es meine Schuld, dass du kein Fünkchen Selbstbeherrschung hast!" Sie trat noch einen Schritt zurück, als er sich vorlehnte, um die Ellbogen auf die Knie zu stützen. „Ich hab dir gesagt, ich werd dich nich lassn, und das hab ich ernst gemeint. Wenn du mir das nächste Mal zu nah kommst, geb ich dir was, was dir wirklich leid tun kann!" Damit rannte sie aus dem Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu.
Lavi ließ sich zurück aufs Bett fallen. Wieso lief alles schief? Da hatte er sich endlich verliebt und dann klappte gar nichts. Langsam kam es ihm so vor, als machte es dem Schicksal Spaß, ihn leiden zu lassen. Der schmerzende Fuß passte da auch ganz gut ins Bild.
Oder hatte er sich einfach nur zu viel herausgenommen?
Es kam ihm nicht so vor, Jack dafür umso mehr. Sie kochte vor Wut, als sie die Gänge entlang stürmte, Richtung Küche. Im Moment hatte sie genug Energie, um einen ganzen Berg Gemüse klein zu hacken. Sie musste sich einfach abreagieren. Was sie allerdings noch mehr fuchste als Lavis Verhalten, war ihr eigenes. In erster Linie war sie sauer auf sich selbst; sie hätte ihn stoppen anstatt ermuntern sollen. Aber sie hatte noch weniger Kontrolle über sich selbst, als sie ihm vorgeworfen hatte, und das regte sie am meisten auf.
Wüsste ich nicht, dass seine Fußverletzung ein Unfall war, hätte ich geglaubt, er hätte das mit Absicht gemacht, dachte sie aufgebracht, als sie die Küche betrat. Einen Wimpernschlag später lächelte sie schon freundlich und fragte, ob sie helfen könne. Arbeit war das beste Mittel gegen Wut.
Jack arbeitete den ganzen Nachmittag und Abend durch, bevor sie endlich auf Jeryy und die anderen Köche hörte und schlafen ging. Allerdings war ihr das Glück nicht hold; Jeryy erwischte sie, wie sie versuchte, sich zu einer der Bänke im Speisesaal zu schleichen, um zu schlafen. Der sonst so freundliche Chefkoch warf sie buchstäblich hinaus, mit der Begründung, es sei zu ihrem eigenen Besten, in einem weichen Bett zu schlafen, statt auf einer harten Holzbank, besonders, wenn ein Sturm käme. Kaum hatte er das gesagt, krachte direkt über ihnen der Donner, so laut, dass Jack fast einen Satz gemacht hätte. Ein gleißender Blitz erhellte den Speisesaal, dann prasselte der Regen auf den Turm ein, und der Wind, der schon den ganzen Tag über gegen die Steinmauern gedrückt hatte, wuchs zu einem ohrenbetäubenden Heulen an.
Ihr stellten sich die Nackenhaare auf, als sie an den Nachmittag vor acht Jahren erinnert wurde; bestimmt dachte Ian auch gerade daran, wenn er nicht schon schlief.
Es war spät und die meisten Leute im Hauptquartier schliefen schon, weswegen die Korridore menschenleer waren –ein unheimliches, Furcht einflößendes Extra zu dem Unwetter. Besonders für sie, die a) kein Unwetter und b) das Alleinsein nicht mochte. Die Gefahr saß ihr im Nacken und ließ die Erinnerung immer lebhafter werden, bis sie die Augen zukniff und heftig den Kopf schüttelte, um sie loszuwerden. Ein Fehler, wie sie erkannte, als sie die Augen wieder öffnete, denn die Gefahr schwebte jetzt genau vor ihr, begleitet von Donner, Regen und heulendem Wind. Sie sah die grausamen, hellbraunen Augen, die weißen, ebenmäßigen Zähne in dem bösen Grinsen, die gemeißelten Gesichtszüge, zu einer sadistischen Maske verzerrt, der Donner krachte über ihr und sie rannte los.
Jack wusste nicht, wohin sie rennen sollte, denn sowohl der Sturm als auch die Gefahr folgten ihr überall hin; in solchen Nächten war sie am stärksten. Blind hastete sie durch die Gänge, Treppen hinauf, Stiegen hinunter, um eine Ecke rechts, bei der nächsten nach links, ohne zu wissen, wohin sie rannte oder wo sie überhaupt war. Sie wollte nur schneller sein als die Gefahr.
Es kam ihr vor, als liefe sie stundenlang, ohne sich auch nur vom Fleck zu bewegen, während die Gefahr immer näher kam, ohne dass sie etwas dagegen tun konnte. Irgendwann öffnete sie einfach eine Tür, in dem Versuch, sie auszusperren, und der Hoffnung, dass sie dahinter jemand befände, bei dem sie bleiben könne, ohne ihn aufzuwecken. Am besten Eric, der war ihr seltsames Verhalten schon gewöhnt und stellte keine Fragen.
Sie sah sich das Zimmer gar nicht an, dessen Tür sie hinter sich schloss, sondern lehnte sich nur mit dem Rücken gegen das kalte Holz, die Augen geschlossen, und versuchte, ihre Atmung zu beruhigen. Sie spürte, dass noch jemand im Zimmer war; hoffentlich blieb die Gefahr dafür drauß-
„Jack?" Erschrocken riss sie die Augen auf.
Lavi stand aus dem Bett auf und kam auf sie zu. „Jack, was ist los?" Sie wich nicht vor ihm zurück, sondern starrte ihn nur entsetzt an. Entweder ein gutes Zeichen, oder eines, dass sie vor irgendetwas noch mehr Angst hatte, als vor ihm. Er tippte auf letzteres, ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen.
Bei meinem Glück kann ich ja nur hier landen, dachte sie, jetzt, da sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, der sich nicht ausschließlich mit Flucht beschäftigte. Der verstörte und besorgte Ausdruck auf Lavis Gesicht sagte ihr, dass sie diesmal nicht mit einer einfachen Entschuldigung davonkam. Aber erklären konnte sie es auch nicht.
Plötzlich waren über dem Regen Schritte zu hören, die sich näherten. Lavi fluchte leise und griff nach ihrem Handgelenk. Hastig zog er sie Richtung Bett und raunte: „Kein Wort", bevor er sie auf die Matratze drückte, sich neben sie legte, die Decke über sie beide ausbreitete und betete, dass es zu dunkel und der Bookman zu müde war, um misstrauisch zu werden. Jack hatte Glück gehabt, in dem Moment aufzutauchen, in dem der alte Panda aufs Klo verschwunden war, aber sie war nicht rechtzeitig wieder verschwunden. Und so alt, dass ihm nicht auffiel, wenn sie vor seinen Augen aus dem Zimmer kam, war er auch wieder nicht.
Die Tür öffnete und schloss sich wieder, dann kamen die Schritte näher. Sie erklommen die Leiter zum oberen Bett, dann legte der alte Mann sich nieder und jegliche Geräusche außer dem Regen verstummten. Lavi wusste, dass man dem Frieden nicht trauen konnte; sie waren erst sicher, wenn er eingeschlafen war, was noch lange nicht der Fall war.
Jack hingegen kam endlich zur Ruhe; die Wärme und die Nähe eines anderen Menschen gaben ihr Sicherheit und verjagten die panische Angst, die sie in solchen Nächten immer hatte. Es störte sie nicht im Geringsten, das Lavi nur sein schwarzes, ärmelloses Hemd und Boxershorts trug, auch ihre Vorsicht meldete sich nicht. Eingelullt durch seine Wärme rutschte sie sogar noch ein Stück näher und vergrub das Gesicht in seiner Halsbeuge, so leise wie möglich natürlich, um den Bookman nicht aufzuwecken. Im Moment hörte sie nicht einmal mehr den Donner.
Lavi wurde langsam unruhig. Der alte Panda brauchte seiner Meinung nach viel zu lange, um einzuschlafen, und Jack war viel näher, als es für seine Selbstbeherrschung gut war. Und für sie selbst. Neben ihrer Drehung um hundertachtzig Grad, was Nähe anging, beunruhigte ihn aber vor allem ihr gehetzter Blick, als sie hereingekommen war. Es war derselbe Blick, den sie gehabt hatte, als sie aus ihrem eigenen Zimmer geflohen war. Sie war wieder vor irgendetwas davongelaufen, das wusste er. Er wusste nur nicht, was es war.
Über eine Sache hatte er allerdings Gewissheit: wenn er es konnte, dann würde er ihr helfen, denn er konnte sie nicht damit alleine lassen. Dafür liebte er sie zu sehr. Beschützend legte er den Arm um sie und zog sie noch enger an sich, während er darauf wartete, dass der Bookman einschlief.
Jack selbst war schon fast eingeschlafen, als Lavi schließlich flüsterte: „Steh auf, aber vorsichtig und leise." Er löste sich von ihr und schob sich aus dem Bett. Geräuschlos half er ihr auf die Beine und dabei, das knisternde Zeitungspapier zu umgehen, dann hatten sie die Tür erreicht.
Lautlos schloss er sie hinter sich, nachdem er sie hatte vorgehen lassen, dann sah er sie ernst an. „Was ist los?" fragte er leise über den Sturm hinweg.
„Es tut mir leid, dass ich dich geweckt hab. Es is nix Besonderes, wirklich nich, nur… ich mag kein Unwetter", nuschelte sie. Das stimmte ja sogar, nur war es eben nicht die ganze Wahrheit.
Und das wusste Lavi. „Und deshalb rennst du durch die Gegend, als wäre eine ganze Horde Level 2 hinter dir her?" fragte er zweifelnd. Als sie nicht antwortete, wandte er sich enttäuscht ab. „Meinetwegen, mach was du willst. Ich geh schlafen."
Er hatte die Türklinke schon in der Hand, als ein besonders lauter Donner über ihnen krachte; durch den Türspalt war sogar das Licht des begleitenden Blitzes zu sehen. Auf einmal hatten sich zwei Arme um seine Mitte gelegt und ein Körper, nur wenig kleiner als er selbst, presste sich gegen seinen Rücken. Überrascht blieb er stehen.
„Ich hab gelogn", gestand Jack im Flüsterton, das Gesicht in seinem Nacken. „Ich mag es nich nur nich, ich hab Angst. Ich hab richtig Angst-"
„Aber nicht nur vor dem Unwetter, oder?" fragte Lavi. Er spürte, wie Jack zusammenzuckte und sich wieder von ihm löste. Als er sich umdrehte, hatte sie den Blick gesenkt und kaute nervös auf ihrer Unterlippe. Er hatte voll ins Schwarze getroffen.
„Ich… ich weiß nich, was du meinst…"
„Glaubst du, ich bin blind? Denkst du wirklich, ich bekomme das nicht mit? Du bist ständig unterwegs, immer unter Menschen, flüchtest aus deinem eigenen, leeren Zimmer und gibst keine klare Antwort, wenn man dich fragt, warum du die ganze Nacht durcharbeitest, obwohl du das nicht müsstest. Und wenn du dich verletzt oder krank wirst, dann hältst du es nicht aus, wenn du niemanden um dich hast. Ja, du hast Angst, aber nicht nur vor dem Sturm, sondern davor, allein zu sein. Du hast panische Angst davor, Jack!"
Jack schien bei jedem seiner Worte kleiner und kleiner zu werden. Sie wich zurück und schüttelte den Kopf. „Du irrst dich…", verteidigte sie sich lahm.
„Ich glaube nicht. Ich glaube eher, ich habe Recht –eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass es so ist." Er kam näher. „Warum hast du Angst, Jack? Wovor fürchtest du dich, dass es auf dich lauern könnte?"
Wieder schüttelte sie den Kopf. „Nix tut gar nix. Ich sollt jetz gehn…"
Sie wandte sich zum Gehen, aber Lavi hielt sie zurück. „Ziehst du es wirklich vor, weiterhin Angst zu haben, anstatt mir zu antworten? Ehrlich zu antworten? Ich weiß, dass du Angst hast, aber warum kannst du mir nicht sagen, wovor?"
Jack riss sich los und fing an zu rennen. Aber es dauerte nur wenige Schritte, bis Lavi bemerkte, dass ihre Schultern bebten; sofort war er bei ihr und hielt sie auf. Sie hielt den Kopf gesenkt, um die Tränen zu verstecken, aber sie konnte das krampfhafte Zucken ihrer Schultern nicht unterdrücken.
„Jack, es tut mir leid…", fing er an, wurde aber von ihr unterbrochen.
„Nein, du hast nix falsch gemacht. Ich… es is meine Schuld. Ich stütz mich immer auf andere, auf Ian, auf dich, Komui, Jeryy, Allen… auf alle, weil ich nich allein sein kann. Das is euch gegenüber nich fair und besonders nich dir gegenüber. Dich hab ich am meisten ausgenutzt." Sie wischte sich die Tränen von den Wangen und lächelte traurig. „Ab jetz brauchst du dir keine Sorgn mehr um mich machn, Lavi. Da muss ich allein durch; ich kann dich nich immer als meine Krücke missbrauchn, das is unfair."
Sie legte eine Hand auf seine Wange, beugte sich ein paar Zentimeter vor und küsste ihn sanft. Der Kuss war so federleicht, dass er sich nicht einmal sicher war, ob ihre Lippen seine wirklich berührt hatten. „Danke, dass du für mich da warst." Damit drehte sie sich um und rannte davon, diesmal so schnell, dass er sie nicht eingeholt hätte, wenn er es versucht hätte. Aber er stand nur da und starrte ihr hinterher.
Vor einer Woche hatte er noch gedacht, es wäre schwer, selbst zu gehen. Da hatte er noch nicht gewusst, dass Jack zu verlieren noch viel schwerer war. Denn nichts anderes war das eben gewesen; sie hatte sich von ihm getrennt, bevor sie überhaupt richtig zusammen gewesen waren.
Jetzt hab ich meinen Vorsatz, mal wieder eine Mission einzubauen, komplett vergessen. Egal, das hol ich nach.
Bleibt mir gewogen.
