sternenhagel: Hey, meinst du mit der Dramaqueen jetzt etwa mich? :o Beschwert sich da etwa der Junkie beim Dealer, weil er ihm Stoff verkauft? :D
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Disclaimer: Alles bis auf meine OCs gehört Katsura Hoshino. Ich verdiene kein Geld mit dieser FF.
1.17 Falle – schnapp!
Ian streckte sich und drehte sich im Bett auf die andere Seite. Trotz des Sturms letzte Nacht hatte er rasch einschlafen können und war jetzt ausgeruht; er hoffte nur, dass Jack keine Schwierigkeiten mit dem Einschlafen gehabt hatte. Sie hatte Gewitter nie gemocht und immer wachgelegen, wenn er durch Zufall einmal aufgewacht war.
Er blinzelte und öffnete die Augen, nur, um dann erschrocken zurückzuweichen, als keine zehn Zentimeter von seinem Gesicht entfernt ein anderes auf ihn wartete. Seines.
Erleichtert stellte er fest, dass es nur Jack war, die, den Kopf auf die Ellbogen auf der Matratze gelegt, seelenruhig neben ihm schlief. Er fragte sich, wie sie in dieser unangenehmen, sitzenden Position schlafen konnte. Er selbst hatte sich seit ihrer Ankunft im Hauptquartier viel zu sehr an weiche und komfortable Betten gewöhnt, um so etwas durchzuhalten.
Aber was machte sie überhaupt hier?
Sanft stupste er sie an; schläfrig öffnete sie die Augen und gähnte. „Sie haben geklopft?"
„Ich wüsste gerne, was du in meinem Zimmer machst."
„Bis vor zwei Sekunden hab ich noch geschlafen, sieht man das nicht?"
„Und warum?"
„Weil auch ich ein bestimmtes Maß an Schlaf brauche, so wie jeder andere Mensch auch."
„Nein, ich meine, warum hältst du dein Nickerchen in meinem Zimmer?"
Jack setzte sich auf und streckte sich genüsslich, bevor sie antwortete. Schließlich sah sie ihren Bruder ernst an und sagte: „Der Sturm hat mich wach gehalten. Also hab ich mich zu dir gesetzt und dir beim Schlafen zugeschaut. Irgendwann bin ich dann selbst eingeschlafen."
Es klopfte an der Tür; als Jack aufmachte, stand Linali davor. „Guten Morgen. Ich hoffe, ich habe euch nicht geweckt?"
Ian schüttelte den Kopf. „Nein, wir sin grad aufgewacht. Was gibt's?"
„Komui-nii-san möchte mit euch sprechen. Er hat eine Mission für uns."
„Uns? Wen meinst du mit uns?" fragte Jack verwirrt.
„Uns drei. Ich weiß bisher nur, dass es nach Volosca geht, einem Dorf in Istrien. Sonst hat Nii-san mir auch noch nichts gesagt."
Eine halbe Stunde später saßen sie auch schon im Zug. Komui musste anscheinend einiges aufarbeiten durch seine Bastelei an den falschen Akuma –oder baute er etwa schon wieder einen Komurin?- deswegen hatte er sich kurz gehalten und ihnen nur gesagt, dass sie wieder nur etwas abholen würden, so wie in Friesack. Dieselben Formalitäten, das solle ihnen dann Jack erklären, das wäre dann alles, gute Reise. Zum Glück hatte Linali daran gedacht, eine Mappe mit den Unterlagen mitzunehmen, sodass sie wenigstens nicht völlig unvorbereitet waren.
Es handelte sich um die Habe des verstorbenen Grafen Gyula Andrássy, eines ungarischen Politikers und engen Freundes des Kaiserpaares der Habsburgermonarchie, Kaiser Franz Joseph I. und Elisabeth. Er hatte das Paar auf die Weltausstellung in Paris begleitet und jetzt hatte der Orden davon erfahren, dass er dort in den Besitz eines Objekts gekommen sein sollte, in dem sich möglicherweise Innocence befand. Nach der Bestätigung durch die Finder wurden jetzt die Exorzisten dorthin geschickt, um es sicher nach London zu bringen. Nach Angaben der Finder handelte es sich bei dem Gegenstand um einen sehr alten Wandteppich, sehr alt und sehr kostbar. Andrássy hatte ihn durch irgendwelche dubiosen Geschäfte billig in Paris gekauft, aber lange hatte er sich nicht daran erfreuen können, denn schon nach kurzer Zeit war er tot.
Gestorben war er in einem kleinen Dorf namens Volosca nahe Abbazia, kroatisch Opatija, einem beliebten Kur- und Badeort des Adelsstandes. Dort wurde auch der Nachlass des verstorbenen Grafen geregelt; die Fahrt dorthin dauerte vierzig Stunden, wenn sie von London aus durch fuhren.
Wahrscheinlich hat Komui drei Exorzisten geschickt, damit wir den Teppich schleppen können, dachte Ian verstimmt. Seine Erfahrungen mit Wandteppichen wiesen sie allesamt als große, schwere Ungetüme aus, bei denen man eine halbe Stunde brauchte, um sie einzurollen – und die man noch schwerer wieder loswurde, schlich sich ein Gedanke ein, der eigentlich nicht dazu gehörte. Möbel und Kunstgegenstände, Dekorationen und Ziergegenstände erinnerten ihn immer an Michael und seine Binsenwahrheiten, was es sich lohnte zu stehlen und was nicht. Antiker Schrank, 14. Jahrhundert - zu sperrig, lohnt sich nicht - Schmuckkästchen samt Inhalt - einpacken - Kristallfigurine - zu zerbrechlich, dalassen - Wertpapiere und Bares aus dem Safe (wie üblich hinter einem Bild versteckt) - kann man mitnehmen - fertig. Nur selten, wirklich selten kamen auch Wandteppiche auf Michaels Einkaufsliste, meistens aus einer Impulshandlung heraus. Er stahl nichts, was er nicht alleine schleppen konnte, deswegen fielen große Möbel und Bilder, sowie Teppiche meistens flach, aber kleinere Wandteppiche, die ein einzelner Mann über der Schulter tragen konnte und denen man einen gewissen Wert ansah, sahen die Besitzer nie wieder.
Und hatte er Zeit, räumte er ihnen auch schon mal die ganze Bude leer. Das war der Fall, wenn sie den Krempel sowieso nicht mehr brauchten. Für diesen Fall kannte er ein paar Leute, die gerne für einen Anteil der Beute den Möbelpacker spielten, solange ihre Namen und Gesichter aus der Sache rausgehalten wurden. Denen machte es dann auch nichts aus, wenn sie auf dem Weg zur Kutsche und zurück über die Damen und Herren Hausbesitzer steigen mussten. Meistens räumte Michael die eh weg.
Wie gesagt, Wandteppiche waren schwer und sperrig. Das würde eine lustige Mission werden; er sah sie jetzt schon mit dem Stück auf der Schulter durch die halbe Stadt spazieren, sodass die Leute die Polizei riefen, weil sie glaubten, sie würden am helllichten Tag irgendwo einbrechen. Warum konnte sich das Innocence kein leichteres, unauffälligeres Gefäß aussuchen?
Diese Mission war wenigstens einfacher als die in Friesack, stellte Jack fest. Sie wurden von keinen Akuma in der Stadt erwartet, sodass sie ungehindert bis zu dem Notar kamen, der dann ohne Komplikationen ihre Identitäten feststellte und ihnen versprach, den Teppich am nächsten Morgen zu liefern. Solange würden sie in einem Gasthaus eben warten müssen.
Und zum Glück gab es in dieser Stadt und zu dieser Jahreszeit kein Festival oder ähnliches, das zufällig an genau dem Tag stattfand, an dem sie in der Stadt waren. Das hätte ihnen gerade noch gefehlt; Jacks Schilderungen, wie lange es in Friesack gedauert hatte – den persönlichen Kram mal außen vor gelassen - hatten ihnen schon gereicht. Linali schätzte die Bredows zwar als nette Menschen ein, aber Ian äußerte sich eine Spur abfälliger, besonders über den Erben. Der konnte ihm gestohlen bleiben.
Es war eine langweilige Zugfahrt, es war eine langweilige Stadt, eine langweilige Angelegenheit – nur eines war nicht langweilig. Ihr persönliches Pech wollte sich einen kleinen Scherz mit ihnen erlauben, genauer gesagt, das persönliche Pech der Zwillinge. Manchmal kam es ihnen wirklich so vor, als hätten sie es gepachtet.
Der einzige Lichtblick in der Angelegenheit war, dass Linali gerade ihre Bestellung aufgab war, als das Unglück über sie hereinbrach. Wie immer, spürte Ian es als erster. „Sch… Schinken", rettete er sich, inmitten der Gaststube. Ein Gedanke reichte und Jack und er machten sich auf dem schnellsten Weg nach oben zur Toilette.
Warum immer dann, wenn wir auf einer Mission sind? fragte Ian wütend und an niemand Bestimmten gerichtet.
Jack zuckte nur mit den Schultern. Buße für unsere Sünden?
Seit wann sind wir denn wieder gläubig?
Wahrscheinlich seit wir für eine Organisation arbeiten, die vom Vatikan finanziert wird. Hat halt nicht nur Vorteile.
Ian nestelte am Verschluss seiner Hose, um sie wieder zuzumachen. Zwangsreformiert, auch das noch. Dann können wir ja gleich allen unsere Geheimnisse beichten, die werden sich sicher freuen, was wir ihnen alles über ein Monat lang verheimlicht haben.
Wenn sie uns nicht gleich lynchen, fiel Jack in das Sarkasmus-Spiel ein.
Am liebsten wäre mir, sie würden uns zur Strafe gleich wieder exkommunizieren.
Ja, ja, auf dem Thema Kirche kann man wirklich lange herumreiten.
Solange die das nicht mit uns machen; unser Sündenstrafregister ist wahrscheinlich schon so lang wie die Bibel selbst.
Dabei sind wir wirklich kleine Fische, aber an die großen kommen die ja nicht ran. Jack grinste. Was glaubst du, was die mit Michael machen würden.
Ha! Regelschmerzen bis zum jüngsten Gericht.
Sie lachten kurz bei dem Gedanken, dann wurden sie still. Hoffentlich müssen wir diesmal nicht wieder in einen eiskalten Fluss springen. Das letzte solche Bad hat mir gereicht.
Ian schüttelte sich. Mir auch; eine Erfahrung,bei der ich nicht unbedingt Wert darauf lege, sie zu wiederholen.Er sah seine Schwester ernst an. Aber diesmal müssen wir aufpassen, noch stärker als sonst. Vergiss nicht, wir sind mit Linali unterwegs.
Wie könnte ich. Ich bin immerhin in Friesack enttarnt worden, ich hab damit ein bisschen mehr Erfahrung als du. – Und nicht nur ein bisschen, fügte sie heimlich hinzu.
Hoffen wir das Beste…
…und erwarten das Schlimmste, ergänzte Jack.
Dann machten sie sich wieder auf den Weg nach unten, wo Linali schon auf sie wartete. „Wo wart ihr denn?"
„Toilette", antworteten sie wahrheitsgemäß. Soweit stimmte das ja auch noch.
Linali sah sie einen Moment lang genau an, dann zuckte sie mit den Schultern und widmete sich ihrem Essen. Nach ein paar Minuten Schweigen sagte sie plötzlich: „Es ist noch hell draußen. Was haltet ihr davon, wenn wir uns nach dem Essen ein wenig die Beine vertreten? Immerhin haben wir eine vierzigstündige Zugfahrt hinter uns."
Sie sahen keinen Grund, abzulehnen – Ausrede fiel ihnen auch keine ein - also stimmten sie zu. Nach dem spärlichen Mahl, das die Gasthofküche hergegeben hatte, wanderten sie also über einen der Plätze der Stadt und besahen sich die wenigen Stände. Es war gerade nicht Saison, also war nicht viel los und nur wenige Händler boten hier ihre Waren feil; sah man von den Lebensmittelhändlern ab, die mit ihren Waren einen Großteil der Stadtbevölkerung versorgte.
Die Apriltage hier waren wärmer als in England und um ein ganzes Eck schwüler, die Luft roch nach Meer und sorgte bald dafür, dass sie ihre Mäntel auszogen und über dem Arm trugen. Einzig und allein ihre Wachsamkeit hielt sie davon ab, auch noch die schwarzen Westen auszuziehen.
Ein Stand erregte Linalis Aufmerksamkeit und sie näherte sich dem Verkäufer, der auf seiner Warenfläche Schmuck anbot. Die Zwillinge interessierten sich nicht für seinen Tand, aber die Chinesin studierte ihn eingehend, bevor sie sich dann allerdings abwandte und weiterging.
Ian und Jack tauschten einen schnellen Blick. Linali hatte nicht uninteressiert an ein paar von den Stücken gewirkt und Komui hätte es ihr bestimmt verziehen, wenn sie sich eines davon gekauft hätte, zumal sie nicht wirklich teuer gewesen waren. Warum also…
Als hätte das Mädchen ihre Gedanken gelesen, sagte sie plötzlich: „Wenn ich will, kann ich jederzeit in London einkaufen gehen; also warum sollte ich durch ganz Europa reisen, um eine Muschelkette zu kaufen?"
Beide waren zusammengezuckt, als sie das sagte. Offenbar hatten Mädchen doch bessere Antennen, wenn es um die Gedanken und Gefühle anderer Mädchen ging, selbst, wenn diese vorgaben, gar keine zu sein. Es war direkt unheimlich, so gelesen zu werden; ein Gefühl, das ihnen bisher gänzlich fremd gewesen war. Kunststück, seit sie keine kleinen Mädchen mehr gewesen waren, hatten sie wenig bis gar keine Frauen mehr getroffen. Und wenn, dann war diese Beziehung ziemlich kurz; sie raubten sie aus und verschwanden wieder.
Sie gingen weiter; Linali ein Stück vor ihnen, die Zwillinge hinter ihr. Je mehr Abstand sie zu ihr hielten, desto besser.
Am Rand des Platzes verkaufte ein Händler Waffen; die Gruppe machte wohlweislich einen großen Bogen um den Stand, an dem sich auch jetzt noch ein paar Männer unterschiedlichen Alters und Grad der Alkoholisierung eingefunden hatten, um zu fachsimpeln. Weder Ian noch Jack gefielen die Blicke, die Linali folgten, als sie vorbeiging. Das war der Nachteil an ihrer Methode: Die Leute glaubten, die Chinesin wäre alleine unterwegs.
Aber noch bevor sie aufschließen konnten, waren ein paar der Männer auf das Mädchen zugekommen und wollten sie überreden, ‚doch ein wenig Zeit mit ihnen zu verbringen'. Dass sie höflich ablehnte, hörten sie gar nicht, denn sie schmeichelten weiter und rückten immer näher.
Sie waren am Ende des ovalen Platzes und vor ihnen standen noch ein paar Buden; der Waffenhändler hatte sich bewusst hierher gestellt, um keinen Ärger zu bekommen. Aber jetzt erwies sich diese Situation als Falle für die Exorzistin; keiner würde sehen, was passierte, weil die Stände das Geschehen verdeckten.
Keiner außer den Zwillingen, die jetzt aufgeholt hatten, gerade, als ein junger, sturzbetrunkener Bursche, noch nicht mal trocken hinter den Ohren und wahrscheinlich sogar noch jünger als sie, lallend versuchte, seine Anmache über die Lippen zu bringen.
„Was… was… hä-hältst du dav-"
„Sie hat jetzt mindestens fünf Mal gesagt, dass sie kein Interesse hat. Willst du's schriftlich?" unterbrach ihn Jack. Ihr gefiel nicht, wie der Besoffene und vier von den anderen Kerlen Blicke tauschten. Ganz und gar nicht.
„Hau ab!" rief einer von den noch Nüchterneren. „Sie is beschäftigt."
„Mit dir? Und wenn du hundert wirst, eine wie sie wird dich nich ranlassen", meinte Ian lässig, obwohl sein Unterleib schmerzte, als ob er seine Dolche dort aufbewahren würde. Dummerweise machte der Schmerz ihn etwas reizbarer, als er es gewohnt war.
„Wer hat dich gefragt, Inselhund?"
„Anscheinend hast du ihn unterschätzt, Brüderchen. Der weiß sogar, dass England ne Insel is. Als nächstes sagt er dir noch das Alphabet auf." Jack kämpfte mit demselben Problem.
Einer von denen, die noch geradeaus sehen konnten, ließ die Finger knacken und rief: „Frage: Wann ham wir das letzte Mal Zwillinge verklumpt?"
Seine Freunde lachten hämisch, da sie sich zu fünft überlegen fühlten, auch wenn sie im nüchternen Zustand gewusst hätten, dass die meisten ihrer Schläge ins Leere gegangen wären. Aber ihre mit Alkohol abgefüllten Hirne registrierten nur am Rande die präzise gesetzten Schritte, in den Ärmeln versteckten Fingern und abschätzenden Blicke, die verrieten, dass die Zwillinge ihnen Jahre an Kampferfahrung voraus hatten, auch wenn sie jünger als die Hälfte ihrer Gegner waren.
Linali stand hinter den Brüdern, die sich vor sie gestellt hatten, damit sie nicht hineingeriet, und wusste nicht, was sie tun sollte. Mit Akuma konnte sie umgehen, aber das waren nur ein paar Betrunkene. Menschen. Sie hatte Skrupel, Unschuldige zu schlagen, nur weil die ein wenig zu tief ins Glas geschaut hatten, und morgen sowieso nicht mehr wussten, was passiert war. Eigentlich hatte sie sie irgendwie abwimmeln wollen, aber als sie nicht verschwunden waren, war sie schon fast versucht gewesen, deutlicher zu werden. Dann waren die Zwillinge aufgetaucht und jetzt war die Stimmung so geladen, dass sie das Testosteron förmlich sehen konnte, das beide Parteien verströmten. Hier ging es nicht um sie, sondern um das Revierverhalten der Männer – und auch wenn sie sich sonst nicht duckte, sie war nicht so blöd, jetzt noch dazwischen zu gehen.
Mit einem Mal stürmten die einheimischen Jungen los, als hätte jemand ein Startsignal gegeben. Jegliche Überlegungen, wie man die Schlägerei jetzt noch verhindern könnte, waren spätestens jetzt umsonst, als zwei von ihnen Ians Arme packten und ein dritter ihm mit voller Wucht die Faust in den Magen rammte.
Er keuchte überrascht auf, als die gepeinigten Muskeln in seinem Inneren gequält aufschrieen, dann packte ihn die Wut. Er hatte schon genug damit zu kämpfen, das Gefühl zu ignorieren, als würde jemand mit einem Rasiermesser das Blut aus seinem Inneren kratzen, da konnte er so etwas nicht auch noch gebrauchen! Seine Schmerzen ignorierend, schlug er dem, der seinen linken Arm festhielt, mit der Faust in den Magen und riss sich los. Den Bruchteil einer Sekunde später hatte er dem anderen eine gebrochene Nase verpasst und war gerade vollauf damit beschäftigt, herumzuwirbeln und mit dem letzten das gleiche zu machen, als dieser auf einmal die Flucht ergriff, gemeinsam mit den anderen.
Sich umblickend entdeckte er Jack, die neben ihm gleich fünf Dolche im Anschlag hielt und den Flüchtenden hinterher blickte. „Kein Grund, so aufzudrehn, Brüderchen", raunte sie ihm zu und ließ die Waffen verschwinden. „Alles okay?"
Sie hatte gespürt, wie Ian wütend wurde und sich für die Radikalmethode entschieden, um die lästigen Kerle loszuwerden. Das fehlte ihnen gerade noch, dass sie Probleme bekamen, weil sie ein paar Betrunkene ins Krankenhaus befördert hatten.
Ian atmete tief durch, um sich zu beruhigen; mit der Beruhigung kamen aber auch die Schmerzen wieder und zwar stärker als zuvor. Beleidigt durch die viele Bewegung, spannten die Muskeln und schmerzten so stark, dass er für einen Moment in die Knie ging.
Linali kniete sich besorgt neben ihn. „Alles in Ordnung mit dir?"
Er winkte ab, bemüht, sich nichts anmerken zu lassen. „Ja, nur der Schlag. Hölle, der hatte vielleicht eine Rechte. Das ging bis in die Zähne."
Jack lenkte die anscheinend nicht ganz überzeugte Chinesin ab. „Wir solltn besser zurück in'n Gasthof. Ich würd den Spaziergang für beendet erklärn, meinst du nich?"
Sie nickte bloß; auf dem Rückweg sprach sie kein Wort, allem Anschein nach ganz in Gedanken versunken. Geistesabwesend wünschte sie ihnen eine gute Nacht und legte sich ins Bett; sie teilten sich ein Zimmer, weswegen sich die Geschwister nur mittels Gedanken unterhielten.
Geht's? fragte Jack besorgt.
Ian grinste müde. Geht schon, das steck ich weg. Was mir mehr Sorgen macht als mein Unterleib, sind die Typen.
Ist dir also auch aufgefallen?
Wie könnte es nicht? Einer von denen war glasklar, kein Tropfen Alkohol. Dafür hat er getönt wie ein Säufer.
Und zwei von den anderen waren auch nicht so dicht, wie sie sich den Anschein gaben.
Nur zwei von denen waren besoffen, aber dafür richtig. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich sagen, die anderen haben sie abgefüllt und aufgehetzt.
Und verschwunden sind sie auch erst, als die beiden Besoffenen die Beine in die Hand genommen haben.
Ich wette, da steht uns noch ein Besuch ins Haus. Die kommen früher oder später vorbei, das wett ich.
Nur so ein Gefühl?
Ja, und zwar ein ganz schlechtes.
Könnten auch deine Tage sein, witzelte Jack, wofür sie einen bitterbösen Blick kassierte. Okay, schon verstanden. Sollen wir Linali einweihen?
Warten wir erst mal ab, ob sich mein Gefühl bewahrheitet. Dann können wir immer noch Klump aus ihnen machen, Linali hin oder her.
Jack zuckte mit den Schultern, ließ es aber sofort bleiben, als sich die Muskeln in ihrem Unterleib bei der Bewegung meldeten. Jetzt hatten die Schmerzen auch bei ihr begonnen. Na, das kann ja heiter werden.
Wegen der Schmerzen brauchten beide lang, bis sie einschliefen, sodass sie beide ein wenig missmutig waren, als sie am nächsten Morgen hinunter kamen.
Und zu allem Überfluss wartete in der Schenke auch noch eine böse Überraschung auf sie. Ebenjener Notar, der die Übergabe des Wandteppichs arrangieren sollte, stand in der Mitte des Raumes, neben ihm drei der Kerle von gestern Abend. Einer davon deutete auf sie, als sie herunterkamen, woraufhin der alte Mann erst die Augen aufriss und dann kirschrot im Gesicht wurde. „Ich habe mich für sie eingesetzt, weil sie Exorzisten sind, und das ist der Dank? Sie bedrohen meinen Sohn und seine Freunde, fesseln sie und verprügeln sie!" Er brüllte so laut, dass er wahrscheinlich noch auf der gegenüber liegenden Straßenseite zu hören war.
Linali setzte dazu an, zu erklären, aber Jack ging einfach an ihr vorbei auf den zu, der neben dem Notar stand, und von dem sie ausging, dass es sein Sohn war. Einen Moment musterte sie sein Gesicht, dann sah sie sich seine Freunde an.
„Was soll das? Wollen Sie Ihr Werk begutachten?" fuhr der Notar sie an.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, ich frag mich, wem von seinen beiden Kumpels ich zu der meisterhaftn Arbeit gratuliern darf. Wer auch immer das war, hat ihm das schönste Veilchen der Welt verpasst." Sie drehte sich zu ihrem Bruder um. „Ian? Du hast doch gesagt, die drei warn vollkommen nüchtern, oder?"
„Ja, das warn die drei." Ihr Bruder taxierte den Notar. „Wolln Sie wissn, was passiert is? Wir warn auf dem Hauptplatz unterwegs, als Ihr feiner Herr Sohn, seine beiden Mitläufer da und noch zwei unsre Freundin angegangn sind." Er deutete auf Linali hinter sich. „Was passiert wär, wenn wir sie nich verscheucht hättn, wolln sie wahrscheinlich lieber nich wissn, aber als sie abgehaun sin, sahn die drei Möchtegernschauspieler da noch genauso aus wie vorher."
„Wollen Sie etwa behaupten, mein Sohn lügt?" Der Notar blähte sich auf wie ein Frosch. „Mein Sohn lügt nicht! Er ist der ehrlichste Mensch, den man sich vorstellen kann und-"
„Die Verletzungn sin aber grad mal drei Stundn alt. Wie erklärn sie sich das, wenn wir seit gestern Abend unser Zimmer nich mehr verlassn ham?" Ian sah zu dem Wirt hinüber. „Fragn sie ihn, seine Tochter hat an der Tür gelauscht."
Der Notar wandte sich wutentbrannt dem stämmigen Wirt zu, der nur unbeeindruckt in den Bierkrug in seiner Hand spuckte und weiterpolierte. „Is wahr, sorry. Ihr Zimmer hat kein Fenster und mein Mädel schläft am Ende der Treppe. Keiner kommt an der vorbei, ohne dass sie es mitkriegt."
Der alte Mann sah jetzt so aus, als würde er jeden Moment explodieren; Ian glaubte, schon sehen zu können, wie ihm Rauch aus den Ohren kam. Sein Gesicht wurde so dunkel, dass er sich schon fragte, wie lange der Mann wohl noch die Luft anhalten konnte. Und dann explodierte er tatsächlich, mit solcher Wucht, dass sie ihn durch zugehaltene Ohren noch laut und deutlich hören konnten.
„Sie halten mich wohl für komplett bescheuert! Natürlich haben Sie den Wirt bestochen, damit er das sagt; Sie glauben doch nicht wirklich, dass ich Ihnen ihre Geschichte abkaufe? Mir reicht es mit Ihnen! Ich bin nicht nur Notar, sondern auch der Bürgermeister von Abbazia und als solcher fordere ich Sie auf, meine Stadt sofort zu verlassen!" Er wandte sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal um, um zu brüllen: „Und den Wandteppich können Sie sich in die Haare schmieren!"
Gefolgt von den drei Männern, verließ er das Wirtshaus, wobei er so heftig mit der Türe knallte, dass sie gleich wieder aufsprang. Der Wirt fluchte und warf ihm den Lappen hinterher; wie gelähmt verfolgten die Exorzisten, wie der nasse Fetzen die Holztür traf und mit einem satten Klatschen auf dem Boden landete. Linali ließ sich auf einen Sessel fallen und legte den Kopf in den Nacken; blicklos starrte sie auf die Holzdecke. Sie hatten das Innocence verloren und praktisch Hausverbot für die ganze Stadt erteilt bekommen.
„Es tut uns Leid, Linali." Sie fuhr mit einem Ruck hoch und sah die Zwillinge an, die zerknirscht zu Boden starrten. „Wir hättn die Sache gestern Abend anders lösn müssen; dann wär das auch nich passiert."
Entgeistert blickte sie die beiden an. „Das ist doch nicht eure Schuld! Die hatten es doch darauf angelegt; egal was ihr gesagt oder getan hättet." Dann ließ sie die Schultern fallen und seufzte; an den Wirt gewandt, meinte sie: „Wir holen unsere Sachen und verschwinden. Es tut uns Leid, dass wir Ihnen solche Schwierigkeiten bereitet haben."
Der stämmige Wirt winkte ab. „Von mir aus, bleibt, solange ihr wollt; der Alte wird sich schon wieder einkriegen. Seit seine Frau gestorben ist, steht er ein bisschen neben sich; deswegen lässt er auch nichts auf seinen Sohn kommen, weil der ihr wie aus dem Gesicht geschnitten ist und das einzige, das er noch von ihr hat."
Die Chinesin bedankte sich höflich bei ihm, worauf der Mann leicht rot wurde und irgendetwas Unverständliches in seinen Bart murmelte. Dann brüllte er nach seiner Tochter, Dunja, damit sie ihnen etwas zum Essen brächte. Das Mädchen tauchte nur wenige Minuten später auf, mit einem Tablett in den Händen, das sie ihnen auf den Tisch stellte, um dann hastig wieder zu verschwinden. Der Wirt meinte, sie müssten entschuldigen, sie sei schüchtern.
Auf dem Tablett befanden sich verschiedene istrische Speisen, wie zum Beispiel Manestra, eine Art Eintopf, hauptsächlich aus Gemüse und Trockenfleisch bestehend, Pršut, getrocknetem Schweineschinken, oder ein Fleischgericht mit Kartoffeln und Gemüse, dessen Namen sie nicht einmal aussprechen konnten und das auf glühenden Kohlen auf der Feuerstelle, abgedeckt mit einem Blech, der so genannten Cripnja, gebacken wurde. Dazu gab es einen Krug Wasser und einen Nachtisch namens Pinca, ein süßes Brot, das in der Osterzeit zubereitet wurde.
Während sie aßen, versuchten sie, sich einen Weg zu überlegen, doch noch an den Wandteppich zu kommen; aufzugeben, stand für sie außer Frage. Schließlich waren sie an dem Punkt angekommen, an dem sie anfingen, misstrauisch zu werden, noch misstrauischer, als die Zwillinge ohnehin schon waren. Als sie Linali erzählten, dass die drei, die mit dem Notar hier gewesen waren, gestern keinen Tropfen Alkohol intus gehabt hatten, wohingegen die anderen beiden sturzbesoffen gewesen waren, schürte das auch ihr Misstrauen. „Da stimmt doch was nicht. Die ganze Sache passt irgendwie nicht zusammen; wenn sie es wirklich darauf angelegt haben, uns aus der Stadt zu jagen, welches Motiv haben sie dann?"
„Der einzige Grund, den ich mir vorstelln kann, is derselbe, aus dem wir hier sin", meinte Ian. „Sie ham es auf das Innocence abgesehn."
„Akuma? Das würde einiges erklären; aber Level 1 sind zu so etwas nicht fähig, das müssen schon Level 2 sein."
„Da wünscht man sich doch glatt Allen her, nich?" seufzte Jack.
„Ja, aber leider ham wir kein Fluchauge, das uns sagt, wer Mensch is und wer nich", fügte Ian unnötigerweise hinzu.
„Also, was machen wir?" lenkte Linali das Gespräch wieder auf das eigentliche Thema zurück.
„Keine Ahnung. Uns den Teppich mit Gewalt holn und dabei die halbe Stadt in Schutt und Asche legen? Kommt sicher gut", meinte Ian sarkastisch.
„Vielleicht könnten wir noch einmal mit dem Notar reden", versuchte es Linali hoffnungsvoll.
Jack schüttelte den Kopf. „Das solltn wir lieber nich tun. Wenn er ein Mensch is, dann wird er uns nicht zuhörn und gleich wegbringn lassn, wenn er ein Akuma is, steckt er mit drinnen; dann is überhaupt nich mit ihm zu reden."
„Und was schlägst du sonst vor?" fragte ihr Bruder gereizt.
Die Frage blieb unbeantwortet, denn in dem Moment wurde die Tür aufgestoßen und gut ein Dutzend Polizisten in Uniform kamen herein, gefolgt von dem immer noch wütenden Notar. „Ich habe Ihnen doch gesagt, dass Sie die Stadt verlassen sollen! Wenn Sie nicht augenblicklich verschwinden, dann lasse ich Sie mit Gewalt hier heraus schaffen!"
„So, jetzt reicht's!" rief Ian und sprang auf. „Ich hab endgültig die Schnauze voll!" Er aktivierte sein Innocence und zielte auf den Notar, Linalis erschrockenen Protest ignorierend. „Entweder Sie geben uns den Teppich, oder Sie dürfen sich ein paar neue Polizisten suchen! Ich lass mich von Ihnen nich herumkommandiern, nur weil Sie zu dämlich sin, um die Augn aufzumachn und zu erkennen, was sie da großgezogn ham!"
Panisch wichen die Männer zurück; sie waren zu erschrocken, um ihre Waffen zu ziehen. Einer schrie sogar auf, als auch Jack der Kragen platzte und sie ihr Innocence aktivierte. Linali versuchte vergeblich, die Zwillinge zu beschwichtigen; keiner hörte ihr zu.
Entweder war der Notar ein sehr guter Schauspieler, oder seine Furcht war echt; mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf die Zwillinge, die beide auf ihn zielten. „Das… das sind… Monster!" rief er ängstlich, während er sich hinter einem der Polizisten zu verstecken versuchte.
„Bitte nehmt die Waffen runter! Ian! Jack!" Linali wandte sich an die eingeschüchterte Gruppe bei der Tür. „Wir wollen ihnen nichts tun, wirklich nicht! Bitte geben sie uns einfach den Wandteppich und wir verschwinden", versuchte sie zu vermitteln.
„Sie… Sie glauben doch nicht… ich gebe doch nicht… das Erbe eines Diplomaten… Monstern wie denen da!"
„Wolln Sie, dass wir ihn uns holn?" meinte Jack aufgebracht.
„Ich… ich gebe Ihnen gar nichts!" schrie der Mann, drehte sich um und stürzte zur Tür hinaus. Sofort setzten die Zwillinge ihm nach, wobei sich die Gruppe der Polizisten vor ihnen teilte wie das rote Meer; panisch versuchten sie, sich in Sicherheit zu bringen, während Linali den beiden folgte, um wenigstens zu versuchen, das Schlimmste zu verhindern. Sie wäre fast in sie hineingerannt, als sie abrupt stehen blieben.
Vor ihnen füllte eine Menschenmenge die Gasse, die sie anstarrte, allen voran der Sohn des Notars und seine beiden Freunde.
Der Bürgermeister war ebenfalls stehen geblieben, als er die vielen Menschen gesehen hatte, die allesamt auf die drei Exorzisten hinter ihm starrten. „Was… Milan, was tust du hier?" fragte er, als er seinen Sohn erkannte.
‚Milan' grinste. „Dasselbe könnte ich dich fragen, Vater. Schade, dass du es so erfahren musst; aber so ist das, wenn man zur falschen Zeit am falschen Ort ist."
„Es braucht schon mehr als die Fäuste eines Menschen, um 'nem Akuma tatsächlich ein blaues Auge zu verpassn, stimmt's, Milan?" Ian versuchte, abzuschätzen, wie viele Menschen sich in der engen Gasse befanden – besser gesagt, wie viele Akuma, denn ohne Zweifel befand sich kein einziger lebendiger Mensch in dieser Menge. Milan war offenkundig ihr Anführer, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sein Vater hier sein würde, wenn er diesen Angriff organisierte. Die Frage war nur noch, wie viele Level 2 sich hier befanden und wie schnell sie den Notar, den Wirt und seine Familie aus der Gefahrenzone bringen konnten.
Erneut grinste Milan. „Natürlich tut es das; du glaubst doch nicht wirklich, dass eure Kraft ausreicht, um uns zu verletzen?"
„Deshalb habt ihr euch auch zurückfalln lassn und die Flucht ergriffn, und nich, weil ich meine Messer gezückt hatte. Ihr wusstet, dass Ian den Unterschied bemerken würd, wenn er einen von euch schlägt, statt die beiden Hampelmänner, die ihr abgefüllt habt." Jack bewegte sich nicht vom Fleck; jede Bewegung könnte als Angriff gesehen werden. Sie mussten verhindern, dass die Lage eskalierte, mussten die Unschuldigen in Sicherheit bringen.
„Das gehörte zu meinem Plan. Die beiden Menschen würden euch überzeugen, dass ihr es tatsächlich nur mit ein paar Betrunkenen zu tun habt; die Verletzungen, die wir uns selbst zugefügt haben, meinen Vater, dass ihr es wart. Wir kommen nicht an den Wandteppich und damit auch nicht an das Innocence, solange es in Verwahrung ist; deswegen haben wir Gerüchte verbreitet, damit die Exorzisten davon erfahren und versuchen, ihn zu bekommen. Erst dann holte mein Vater ihn endlich aus seinem Versteck. Tja, und jetzt müssen wir nur noch euch loswerden."
Der Bürgermeister zuckte bei der Erwähnung seiner Person zusammen; als würde er jetzt erst begreifen, dass sein Sohn tatsächlich vor ihm stand, starrte er ihn unverwandt an. „Aber Milan… was soll das… was willst du hier?"
Sein ‚Sohn' rollte mit den Augen. „Ich bin schon seit über einem Jahr nicht mehr ‚Milan'. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich hier bin, aber ich bin nicht ‚Milan'."
„Du bist seine Mutter, die Ehefrau des Notars, die vor einem Jahr gestorben ist. Milan hat dich zurückgeholt und zu einem Akuma gemacht", erklärte Linali tonlos.
„Richtig, und in dem Jahr hatte ich Zeit, zu töten und mich weiterzuentwickeln, genug, um ein eigenes Bewusstsein zu erlangen und als erster und einziger einen Plan zu entwickeln, wie wir an das Innocence kommen. Ich habe die Zeit auch genutzt, um mir Mithelfer zu suchen – oder sollte ich sagen, zu machen?" Grinsend wies er mit ausgestrecktem Arm auf die Leute hinter sich. „Und jetzt genug der langen Reden. Fangen wir an!"
Die menschliche Hülle schmolz; hinter ihm begannen, wie auf Kommando, auch die anderen Akuma aus ihren Hüllen zu wachsen. Linali schaltete schnell und nutzte die wenigen Sekunden, um den Notar zurück ins Haus zu ziehen, die Tür zuzuwerfen und beide Zwillinge am Ärmel zu packen. „Lauft!"
Das brauchte sie ihnen nicht zweimal zu sagen. Sie wussten, was sie damit bezweckte; die Menschen hier waren in Gefahr, solange sie in der Nähe waren; es war keine Flucht, es war ein Ablenkungsmanöver.
Sie schafften es mit viel Glück aus der Gasse und um die erste Ecke, als hinter ihnen schon die ersten Level 1 auftauchten. Das war der Nachteil an ihrer Flucht; sie wussten nicht, ob nur ‚Milan' ein Level 2 war oder ob es noch mehr gab. Außerdem gab das ihren Verfolgern die Möglichkeit, sich aufzuteilen, und da sie sich in dieser Stadt auskannten, ganz im Gegenteil zu den Exorzisten, konnten sie von überall kommen.
„Wir müssn aus der Stadt raus!" schrie Jack, während Ian sich umdrehte und im Rennen die Akuma abschoss. „Da kann keiner verletzt wern und wir ham mehr Überblick!"
„Einverstanden!" rief Linali und hielt den Zwillingen ihre Hände hin. „Festhalten!"
Sie ergriffen die Hände der Chinesin noch gerade rechtzeitig, bevor diese ihr Innocence aktivierte und mit den Dark Boots beschleunigte. An der nächsten Ecke stieß sie sich von der Hauswand ab und sprang auf das Dach; wie ein Blitz sprang sie über die Dächer hinweg, auf der Suche nach deren Ende.
„Nach links", rief Ian über den Wind, der ihnen um die Ohren pfiff, „dort sind Wälder, dicht genug für uns!"
Linali änderte ihre Richtung und steuerte auf die Bäume zu, die sich am Stadtrand am Berghang wie eine grüne Mauer auftürmten und den gesamten Berg bedeckten. Sobald sie den Boden erreicht hatten, ließ sie die beiden Exorzisten los, die, sogar noch schneller als sie, einen Platz in den Baumkronen gefunden hatten. Sie ließen den Blick über die Stadt schweifen, auf der Suche nach einem Anzeichen, dass die Akuma entdeckt hatten, wo sie sich versteckten, aber anscheinend patrouillierten diese noch durch die Gassen und Straßen.
„Und was jetz?" fragte Ian.
Hat jemand eine Idee? Hebt die Hand, wenn euch eine Lösung eingefallen ist.
Bleibt mir gewogen.
