sternenhagel: Ähm ... heute auch kein Kanda ... das heißt dann wohl auch keine Kässpätzle für mich *deprimiert auf den teller schiel* Aber aber aber ich VERSPRECHE dir: Bei der nächsten Mission kriegst du Kanda! Er ist fix eingeplant! Ich schwöre auf- auf- auf drei Monate ohne Zucker! Außerdem gehen sie jetzt wieder in die Stadt zurück, die können ja nicht ewig da draußen auf den Bäumen hocken. Dass dir mal die Kommentare ausgehen, erstaunt mich jetzt aber o.o Das heißt dann wohl, dass die Missionen, die ich mir ausdenke, nicht so vorhersehbar sind, wie ich befürchtet habe, hehe *mir stolz auf die brust klopf* jinai gut! xD

Rated: T

Disclaimer: Nichts gehört mir, nicht mal die Kässpätzle.


1.18 Wie viel kann man eigentlich kaputt machen?

„Was schätzt ihr, wie viele Akuma waren das?" fragte Linali.

Die Zwillinge zuckten nur mit den Schultern. „Zwanzig, vielleicht dreißig oder mehr", mutmaßte Ian.

„Machst du dir Sorgn um die Stadtbewohner?"

Die Chinesin nickte, ohne Jack anzusehen. „Wir brauchen dringend einen Plan, wie wir die Akuma hierher locken, aber wir dürfen nicht alle auf einmal auf uns aufmerksam machen, sonst sind es zu viele für uns. Vor allem, da sie ein Level 2 als Anführer haben", überlegte sie, den Blick weiterhin auf die Stadt gerichtet.

Ian rutschte auf seinem Ast hin und her. „Wenn sie sich über die ganze Stadt verstreun, können wir sie möglicherweise in kleinen Gruppn herauslockn und erledign."

Jack schüttelte den Kopf. „Wie solln wir das anstelln? Wir kommen nich in die Nähe der Stadt, ohne entdeckt zu wern; außerdem, wenn sie den Lärm hörn, kommen sie sicher alle. Und wir wissn nich, welche Fähigkeitn dieses Level 2 hat", erwiderte sie.

„Dann mach du doch einen Vorschlag", fauchte Ian. „Wenn du eh alles besser weißt. Immer nur kritisiern kann ich auch, dafür brauch ich dich nich."

„Wenn nich alle deine Vorschläge schwachsinnig wärn, bräucht ich das gar nich", schoss Jack nicht minder giftig zurück.

„Aber wenigstens mach ich welche-"

„Hört auf zu streiten, davon wird es nicht besser", fuhr Linali dazwischen. „Überlegen wir uns lieber, wie wir vorgehen sollen, okay?" versuchte sie es versöhnlich.

Die Zwillinge schnaubten wütend, aber schwiegen. Alle drei betrachteten die Stadt vor sich, hinter der sich der Ozean mit seinen Inseln ausbreitete. Jeder Plan musste beinhalten, dass sie sich nicht trennten, denn dann wären sie am schwächsten und verwundbarsten, aber sie mussten die Akuma voneinander trennen und einzeln oder wenigstens in kleinen Gruppen zerstören, sonst waren sie Mus.

„Hey, erinnert ihr euch noch an Komui-nii-sans Training?" fragte Linali plötzlich.

„Ja, was soll damit sein?"

„Er hat doch einmal diese Stadt aufgebaut, erinnert ihr euch nicht? Wir mussten die Akuma finden und zerstören und durften kein einziges übrig lassen."

„Wir erinnern uns lebhaft, Linali, aber was soll das mit der jetzigen Situation zu tun ham?" Ian wurde ungeduldig. Er hasste solche Spielchen –zumindest dann, wenn er so reizbar wie jetzt war. Also einmal im Monat.

„Na ja, wenn wir es schaffen, unbemerkt in die Stadt zu kommen, und uns verstecken, dann können wir sie uns einzeln vornehmen. Durch das Gewirr an Gassen", sie wies auf das Stadtlabyrinth aus Mauern, „können sie nicht alle gleichzeitig angreifen. Wie im Training."

Jack runzelte die Stirn. „Du vergisst zwei wichtige Dinge: Erstens kommen wir nich in die Stadt, ohne dass sie uns bemerkn, und zweitens können sie immer noch aus der Luft angreifn."

Die Chinesin schüttelte den Kopf und deutete auf einen großen, weißen Bau mit einem weißen Spitzturm an der Küste. „Nicht, wenn wir es schaffen, uns dorthin durchzuschlagen. Es ist nicht weit von hier und die Kirchenmauern sind stabil; zur Not können wir uns dorthin zurückziehen."

Die Zwillinge musterten die Stadt. Sie war in einen sanften Hang gebaut, hinter sich die Gebirgskette des Ucka Gebirges, die sich die Küste entlang zog, und zwischen den einzelnen Straßen befanden sich viele Parks mit Bäumen; Zypressen, mediterrane Nadelbäume, Laubbäume und subtropische Pflanzen. Sie standen voller Grün und konnten ebenfalls als Versteck herhalten. Mit Linalis Dark Boots und ihren Kletterkünsten wäre es durchaus machbar, bis zur St. Pauls-Kirche zu kommen, die nur ein paar hundert Meter entfernt war. Eigentlich war es die reinste Ironie, wie nahe sie der Stadt waren, ohne entdeckt zu werden, wo doch Grün die gesamte Stadt durchzog und sie fast schon wie eine Ansammlung von großen Villen und Bauten inmitten eines Waldes aussehen ließ.

„Nichtsdestotrotz müssn wir unsre Uniformen versteckn. Das Schwarz und Silber verrät uns, egal, wie unsichtbar wir uns machn", warf Jack ein.

„Das ist kein Problem", winkte die Chinesin mit einer wegwerfenden Handbewegung ab, „ein paar Mäntel lassen sich immer finden."

Mäntel. In dieser Hitze.

„Wir müssen unsren Job wirklich liebn, dass wir das mitmachn", murmelte Ian düster.

„Was tut man nicht alles, um die Welt zu rettn", stimmte Jack mit ein.

Linali lächelte nur. Sie maulten zwar, aber wenigstens widersprachen sie nicht.

Sie kletterten durch die Bäume zu einem der Häuser am Stadtrand, mit einem Auge und Ohr immer bei verräterischen Bewegungen oder Geräuschen, die auf Akuma hinweisen konnten. Michaels Training sei Dank konnten die Zwillinge mühelos ein Fenster öffnen und in das leere Zimmer im ersten Stock einsteigen, während Linali so tat, als bekäme sie nichts davon mit. Es war Sonntagvormittag, die Eigentümer in der Kirche und die Wintermäntel weggeräumt; nach zwei Minuten kehrten die Brüder mit drei langen Mänteln zurück und kletterten zurück auf den Ast neben dem Fenster.

„Die bringen wir zurück", flüsterte Linali; sie hatte jetzt schon ein schlechtes Gewissen, obwohl sie nichts getan hatte, außer wegzusehen – und das kam ihr schon schlimm genug vor. Ian und Jack nickten nur, obwohl sie bezweifelte, dass sie den Sinn ihrer Worte überhaupt mitbekommen hatten; es schien schon fast eine automatische Reaktion zu sein.

Es war ziemlich schwierig, mit den langen Mänteln über ihren Exorzistenmänteln zwischen den Ästen hindurchzuklettern, ohne sie zum Rascheln zu bringen – schwierig, aber machbar. Es kostete nur extrem viel Zeit, was aber nicht weiter schlimm war; es war ohnehin besser, wenn sie erst bei der Kirche ankamen, wenn die Messe aus war. Erst dann konnten sie mit ihrem Plan beginnen, sonst würden Unschuldige mit hineingezogen werden.

Schließlich hatten sie die Kirche erreicht und legten sich zwischen den Ästen auf die Lauer. Durch die geöffneten Fenster war das Sermon der Priester zu hören, die Messe wurde also noch verlesen. Anscheinend hatten die Kirchgänger von dem Aufruhr vorhin nichts mitbekommen.

Sie konnten sogar den leichten Weihrauchgeruch wahrnehmen, der durch die Fenster strömte, so nahe waren sie an der Steinmauer; er wurde begleitet von dem leicht salzigen und feuchten Duft des Meeres wenige Meter entfernt. Darunter war ein leichter Hauch Blumenduft gemischt; ein paar der Pflanzen behaupteten sich schon jetzt in dem milden mediterranen Klima, geschützt vor stärkeren Winden, die sie zerrissen hätten, durch das Ucka Gebirge in ihrem Rücken. Es war eine wunderschöne Stadt; kein Wunder, dass sie ein beliebter Bade- und Kurort für viele Reiche und Adlige war. Das dichte Grün, nur durchsetzt von den prunkvollen, hellen Villen, dem Blau des Himmels und des Ozeans gegenüber gestellt, in der Ferne die dunkelgrünen Schatten der Inseln –es war ein außergewöhnlicher Anblick, den sie sicher gerne noch länger betrachtet hätten, wenn sie sich nicht auf ihre Mission konzentrieren hätten müssen.

„Okay, wir machen es so, dass ich, sobald die Leute die Kirche verlassen haben, die Akuma herlocke; ich bin mit meinen Dark Boots die Schnellste von uns dreien", sagte sie, bevor einer von ihnen protestieren konnte, „und deswegen spiel ich den Lockvogel. Haltet sie mir einfach nur vom Leib, verstanden?"

Die Zwillinge zögerten einen Moment, dann nickten sie langsam. Es blieb ihnen nicht viel anderes übrig; die Chinesin sah dies als einzige Möglichkeit, die Stadt – und sich selbst - von den Akuma zu befreien.

„Aber pass auf, wenn du Milan triffst; wir wissn immer noch nich, welche Fähigkeiten er hat", flüsterte Ian zurück.

Linali lächelte. „Keine Sorge, ich bin zu schnell, als dass er sie überhaupt einsetzen kann."

Sie verstummten und lauschten weiter der Predigt des Priesters, der etwas von Auferstehung und Vergebung erzählte; wahrscheinlich eine der Osternpredigten, die die Geistlichen zu tausenden aus dem Ärmel zaubern konnten. Es ging immer um dasselbe Thema: Gottes Macht ist groß, sein Sohn ein Heiliger, tugendhafter als es ein sterblicher Mensch je sein könnte, und beide soll man verehren und ihnen folgen, wohin die Priester, die Männer Gottes, einen leiten.

Den Zwillingen stieß es bei diesen Worten sauer auf. Wenn Gott so mächtig war, wenn er angeblich alles sah und überall war, wo war er dann vor acht Jahren gewesen? Wieso hatte er nie dafür gesorgt, dass ihre Eltern sie wenigstens ansahen? Die Kirche predigte die reine Liebe der Eltern zu ihren Kindern und umgekehrt, aber hinter verschlossenen Türen sah es anders aus. Die Doppelzüngigkeit der Gesellschaft und der Kirchenmänner war es, das dafür gesorgt hatte, dass sie nicht mehr an Gott glaubten; Schwarzer Orden hin oder her. Letztendlich war auch dieser nur eine menschliche Institution, geschaffen von Menschen und nicht von Gottes Hand. Schließlich schickte nicht Gott die Seelen der Akuma zurück, um in Frieden zu ruhen; wenn er allerdings so mächtig war, wie es gepredigt wurde, dann sollte das doch ein Leichtes für ihn sein. Es gäbe keine Akuma, keine Noah, keinen Millennium-Grafen. Keinen Krieg, der unter der Oberfläche seit hundert Jahren brodelt, und keine toten Exorzisten, Finder oder Unschuldige. Wenn Gott sich wirklich um das Wohl der Menschen sorgte, dann ließ er zu viele davon sterben, nur weil er nichts dafür tat.

Ihre düsteren Gedanken wurden unterbrochen, als die letzten Choräle verklangen und die Tore der Kirche sich öffneten. Die Gläubigen strömten heraus, in ihren feinen Sonntagskleidern und ihre Bibeln in der Hand. Ein paar Kinder blinzelten müde; so gläubig sie auch waren, die monotone Stimmen der Priester, der Weihrauchgeruch und die Dauer der Messe waren sehr ermüdend, wenn man noch klein war. Genau dasselbe Problem hatten die Zwillinge als Kleinkinder auch oft gehabt.

Sie warteten, bis sich der Strom aus Besuchern in den Gassen verlief, und noch mal ein paar Minuten, um sicherzugehen, dass sie auch wirklich allein waren, dann zog Linali ihren Mantel aus. Die Zwillinge folgten ihrem Beispiel und verstauten die drei Mäntel dann in einer Astgabelung, damit sie sie später zurückbringen konnten. Sie kletterten auf den Boden, wechselten einen letzten Blick, bevor die Chinesin in Richtung der Gassen aufbrach und die Brüder zu dem großen Tor der Kirche rannten. Im Laufen schlugen sie die behandschuhten Hände zusammen und aktivierten ihr Innocence; jeweils eine Kanone auf dem Arm, nahmen sie Stellung vor den geöffneten Holzflügeln ein.

Es dauerte keine volle Minute, und aus der Nähe waren Schüsse zu hören; Linali war anscheinend auf ein paar Level 1 gestoßen. Schon konnten sie hören, wie sich die Schüsse näherten, und nur hoffen, dass die Exorzistin nicht getroffen wurde. Die Kanonen im Anschlag, zielten sie in die Richtung des Lärms; dann raste die Chinesin auch schon aus einer der Straßen auf sie zu, mindestens ein halbes Dutzend Akuma im Schlepptau. Zielsicher sausten die gelben Strahlen an ihr vorbei und durchbohrten die Maschinen, die daraufhin in einer lauten Explosion verschwanden. Noch bevor sie die Stufen zum Eingang der Kirche erreicht hatte, hatte sich das letzte der Akuma in Luft aufgelöst.

„Dann hoffen wir mal, dass der Lärm sie angelockt hat", lächelte Linali und drehte sich um, um die vor ihr liegenden Straßen und Gassen zu überblicken. Die Zwillinge tauschten einen unsicheren Blick; sie konnten wirklich nur hoffen, dass Linalis Plan aufging. Einen anderen hatten sie nämlich nicht.

Aber wenigstens in dieser Sache war das Glück auf ihrer Seite; nach ein paar Sekunden brachen schon die ersten Maschinen aus dem Schutz der Häuser hervor. Einen Moment noch orientierungslos nach den Exorzisten suchend, hatten sie sie allerdings rasch gefunden; kein Wunder, schließlich saßen sie wie auf dem Präsentierteller. In der Zeit, die die ersten von ihnen brauchten, um ihrer Kanonen auf sie zu richten, tauchten weitere Akuma auf; binnen weniger Sekunden hatten mindestens zehn weitere den Platz erreicht, auf dem sich bereits noch mal so viele tummelten – oder auch nicht, denn sie wurden gnadenlos abgeschossen, noch bevor sie selbst feuern konnten. Linalis Dark Boots taten das ihrige dazu, eines nach dem anderen verschwinden zu lassen; allerdings konnte sie nicht wirklich viel tun, denn die Zwillinge konnten mit ihren Kanonen umgehen und lenkten jeden Schuss durch mindestens drei Akuma, bevor er erstarb.

Es war eine Sache von Sekunden, die anwesenden Akuma fertig zu machen, aber durch die Gassen strömten immer mehr auf sie zu und über den Dächern vor ihnen erhoben sich weitere. Am beunruhigendsten war, dass Milan sich nirgends blicken ließ; das Level 2 war wie vom Erdboden verschluckt. Spätestens jetzt hätte der Kampflärm es anlocken müssen, aber noch immer war von ihm nichts zu sehen, weder in seiner menschlichen noch in seiner Akuma-Form.

Wenigstens kam niemand, um nachzusehen, was sie für einen Lärm veranstalteten; Zuschauer konnten sie nicht gebrauchen. Aber die Einwohner hatten anscheinend genug gesunden Menschenverstand, um sich fernzuhalten; die Frage war nur, wann die Neugier sie doch noch hierher treiben würde. Auf jeden Fall mussten sie fertig sein, sowohl mit den Level 1 als auch mit Milan, bevor irgendjemand hier auftauchte.

Ein paar schlecht gezielte Akumageschosse sausten den Zwillingen um die Ohren, aber keines davon traf; obwohl sie ganz in ihre Aufgabe, Linali vor Schüssen zu schützen und sich selbst zu verteidigen, vertieft waren, wichen sie automatisch aus. Sie hatten genug Zeit gehabt, um mit ihren neuen Waffen zu trainieren und Komui sei Dank auch genug Gelegenheiten. Trotzdem, eines brauchten sie erst gar nicht zu lernen, das wussten sie automatisch: zu zweit waren sie am stärksten. Was das anging, bedurfte es keines Trainings, keiner Eingewöhnungszeit, das war tief in ihrem Bewusstsein verankert; sie waren ein Team, aufeinander eingespielt – sie waren darauf trainiert, zusammen zu kämpfen.

Und das spiegelte sich nicht nur in ihrer Kampfweise wider, die Linali oft bei ihrem Training beobachtet hatte; es war auch in ihrer Ausstrahlung zu sehen, die unerschütterliche Ruhe, die ihnen die Anwesenheit des jeweils anderen gab, das Vertrauen ineinander, die Sicherheit, mit der sie angriffen und sich zurückzogen, genau wissend, was der andere tat und tun würde. Und diese Sicherheit sprang auch auf andere über und bezwang ihre Nervosität und Aufregung; sie wussten, dass sie sich auf die Zwillinge verlassen konnten, die, genauso sicher, wie sie sich gegenseitig retten würden, auch jeden anderen von ihnen retten würden, sollten sie sich in Gefahr befinden. Ihre gedankliche Verbindung perfektionierte ihre Zusammenarbeit und erhöhte ihre Effizienz auf ein Maß, von dem Komui nur träumen konnte – und die er jedem anderen predigte.

Die Gewissheit, die Brüder in ihrem Rücken zu haben, beruhigte Linali und garantierte ihr, dass die beiden den Schaden, der ihr widerfuhr, auf ein Minimum senken würden. Es würde sie nicht wundern, wenn sie, ohne auch nur einen Kratzer zu haben, aus diesem Kampf hervorgehen würden.

Allerdings lag in genau dieser Verbindung ihre Schwäche: sie verließen sich darauf und darauf, dass der andere immer da sein würde. Und genau das war auch der Grund, warum Komui sie auch mit anderen trainieren ließ, sie getrennt auf Missionen schickte: sie waren nur so lange gute Exorzisten, solange sie auch alleine zurechtkamen.

Auf dieser Mission war das allerdings nichts, worum sie sich Sorgen machen mussten.

Nach wenigen Minuten senkte sich Grabesstille über den Platz; immer neue Akuma waren durch die Gassen und über die Dächer hereingeströmt, um hier ihr Ende zu finden, aber Milan hatte sich noch nicht blicken lassen.

Linali landete zwischen den Zwillingen vor dem Tor. „Habt ihr ihn irgendwo gesehen?" Synchrones Kopfschütteln. „Ich auch nicht; aber irgendwo muss er doch sein!"

Genau das war der Moment, in dem mehrere Akuma gleichzeitig zwischen den Dächern in die Höhe schossen und das Feuer auf sie eröffneten; sie konnten sich gerade noch ins Innere der Kirche retten, denn diesem Ansturm hätten ihre Schilde nur wenig entgegenzusetzen gehabt. Es waren allerdings keine gewöhnlichen Level 1-Geschosse, die gegen die Steinmauern zu beiden Seiten des massiven Tors schlugen, sondern mit der Geschwindigkeit von Blitzen abgeschossene Dornen. Sie bohrten sich mit Wucht in den Stein, wo sie stecken lieben, sie rollten über den Marmorfußboden im Kircheninnern und erschreckten die wenigen, verbliebenen Mönche zutiefst. Zum Glück schaffte es Linali, sie dazu zu bewegen, schleunigst von hier zu verschwinden und sich irgendwo zu verbarrikadieren; unschuldige Opfer fehlten ihnen jetzt gerade noch.

„Das sieht nich nach Level 1 aus!" rief Ian über den Lärm hinweg zu Jack und Linali auf der anderen Seite des geöffneten Tores.

„Aber das ist auch nicht der Angriff eines einzigen Level 2", antwortete die Chinesin, „das sind mehrere; aber normalerweise haben nicht so viele die gleichen Fähigkeiten!"

Ian fluchte laut, als Jack todessehnsüchtig einen kurzen Blick hinaus warf und fast von einer der Dornen getroffen wurde. „Spinnst du!"

„Da draußen is mindestens ein Dutzend Akuma, lauter Level 2! Und sie schaun alle identisch aus!" brüllte Jack zurück.

„Kein Grund, deinen Kopf zu riskiern!"

„Soll ich mit den Fingern schaun, oder was!"

„Hört auf!" rief Linali über den fortwährenden Dornenhagel. „Irgendwie müssen wir einen Weg finden, sie auszuschalten!" Sie blickte von Jack zu Ian, in der Hoffnung, eine Antwort zu bekommen, aber beide hatten die Köpfe schief gelegt und schienen angestrengt zu lauschen, während die Außenfassade der Kirche schon zu bröckeln anfing. „Hallo!" schrie Linali; beide zuckten zusammen.

Sie tauschten einen raschen Blick, dann wandte sich Jack an die Exorzistin. „Hörst du nix?"

„Was soll ich hören?"

„Nix, das is es ja. Ich dachte, Level 2 können sprechn; normalerweise sin die ja nich grad auf'n Mund gefalln, oder? Also, warum schweign die sich dann aus?"

Jetzt horchte auch die Chinesin; es stimmte, die Akuma schwiegen. Ein sehr ungewöhnliches Verhalten für Level 2, die, immer, wenn sie sich überlegen fühlten, die Exorzisten verhöhnten und verspotteten. Langsam keimte in ihr ein Verdacht und er gefiel ihr gar nicht. „Was denkt ihr", wandte sie sich an Jack, in dem Wissen, dass er die Frage auch an Ian weiterleiten würde, „könnten das Kopien sein? Kopien von ein und demselben Akuma?"

„Du meinst, das ist Milans Fähigkeit?" rief Ian von der anderen Seite; er war zu weit weg, um zu hören, was sie gesagt hatte, aber er hatte Jacks Gedanken sehr wohl mitbekommen.

Linali nickte. „Dann ist Milan entweder einer von denen da draußen oder…" Ihr kam ein noch schlimmerer Verdacht; den Zwillingen anscheinend auch, ihren Gesichtern nach zu urteilen. Milan hatte sie hierher gelockt, damit sein Vater den Teppich und damit das Innocence freigab; jetzt, nachdem sein Vater davon erfahren hatte, wo würde er sich wohl aufhalten? „Ich wette, diese Kopien sind ein Ablenkungsmanöver für uns, während er inzwischen seinen Vater zwingt, ihm den Teppich zu geben!" schrie sie.

„So oder so, wir müssn erst hier raus. Wenn er hier is, geht er mit drauf, wenn nich, schießn wir uns trotzdem den Weg frei!" antwortete Ian; Jack nickte.

„Und wie!" gab Linali zurück. „Wenn die auch nur ein Haar von uns sehen…"

„Die Fenster!" brüllte Ian und rannte an der Mauer entlang, damit ihn die Dornen nicht trafen. Jack folgte ihm auf der anderen Seite, Linali an einer Hand hinter sich herziehend. Noch länger im Eingang stehen zu bleiben, war definitiv zu gefährlich.

Sie erreichten den Treppenaufgang gleichzeitig und stürmten nach oben. Das Kirchenschiff an sich war nur ein Teil des St. Jakobs-Klosters und hatte an der Torseite, über den Holzflügeln, seine Orgel und die Balustrade für die Choräle; jetzt war dieser Bereich, genauso wie der Rest der Kirche, menschenleer. Teile der bunten, kreisrunden Fenster zu beiden Seiten der Orgelpfeifen ließen sich öffnen, sodass die Zwillinge dadurch zielen konnten. Es war ein gefährliches Spiel: Sie durften jeweils nur ein paar Schuss abgeben, bevor sie die Fenster schließen und in Deckung gehen mussten, damit die Akuma nicht herausfanden, woher die Schüsse kamen. Jeder Schuss musste genau sitzen, denn zu oft konnten sie diese Nummer nicht durchziehen, und es brauchte sicher mehr als einen Schuss, um ein Level 2 zu zerstören; mit dieser Art von Problemen hatten sie schon während des Trainings ab und zu Bekanntschaft gemacht.

Sie ließen Linali hinter der Orgel in Deckung gehen, bevor sie synchron jeweils einen Fensterflügel öffneten und die Akuma, die es sich inzwischen auf dem kleinen Platz vor der Kirche gemütlich gemacht hatten, anvisierten. Der Park um das Kloster erschwerte das Zielen aus der Höhe etwas, denn die Bäume versperrten ihnen teilweise die Sicht. Die letzten Akuma mussten sie wohl oder übel direkt angreifen.

Es waren große, bienenartige Maschinen und ungefähr dort, wo man auch bei einem Menschen das Gesicht vermuten würde, saß das schwarzweiße Gesicht des ehemaligen Level 1, aber die römische Zwei war auf keinem zu sehen. Wahrscheinlich trug Milan sie am Körper.

Schon die ersten zwei Schuss durchbohrten die Hälfte der Akuma, aber töteten sie nicht; rasch zogen sich die Brüder zurück, bevor sie entdeckt wurden. Ein paar Sekunden lang erklang kein Feuer von unten; die Akuma waren offensichtlich verwirrt, aber dann fuhren sie mit dem Feuer auf den Haupteingang fort.

„Okay, Milan is definitiv nich da dabei; so blöd kann doch kein echtes Level 2 sein", murmelte Ian, was Jack und Linali ein Grinsen entlockte. Die Lage war jetzt schon wesentlich entspannter als vor ein paar Minuten.

Auch nach den nächsten drei Malen hatten die Akuma immer noch nicht herausgefunden, aus welcher Richtung sie angegriffen wurden; dafür wurden es immer weniger. Beim fünften Versuch allerdings hatten sie mehr Glück; eine der Kopien sah die Lichtreflexion, als das Fenster geschlossen wurde. Mit einem Schwung drehten sich alle verbliebenen Akuma um und eröffneten erneut das Feuer.

Die Arme schützend über den Kopf gehalten, retteten sich die Zwillinge neben Linali hinter die Orgel, als die Fenster zerstört wurden und es scharfe Glassplitter regnete. Das bunte Glas verteilte sich über den ganzen Boden, aber der Platz hinter der Orgel blieb glücklicherweise davon verschont.

„Plan B!" schrie Jack über den Lärm. Ian nickte und streckte den rechten Arm aus. Er legte die linke Hand auf den Oberarm und schoss. Mit geschlossenen Augen dirigierte er den Strahl zu einem der offenen Seitenfenster hinaus; eine Explosion auf dem Platz hinter ihnen zeugte von seinem Erfolg. Das Feuer erstarb.

Jack rannte über das gesplitterte Glas zurück zum Fenster. Ians Plan war aufgegangen: die Akuma hatten sich durch den unvermuteten Angriff in ihrem Rücken verwirren lassen und sich umgedreht. Die letzten sechs suchten die Hausreihen am Ende des Platzes ab.

Viel Zeit hatten sie nicht mehr.

Die Zwillinge versuchten erst gar nicht, weitere Schüsse abzugeben, sondern ließen die Kanonen auf ihren Armen verschwinden. Die zerstörten Fenster waren groß genug, dass Linali sie beide mit sich ziehen konnte, als sie ihre Dark Boots aktivierte und in den Himmel startete. Direkt über den Kopien ließen sie sich fallen; zwei Schwerthiebe später waren es nur noch vier Akuma –es genügte ein gut gezielter Kick der Chinesin, um zwei weitere unschädlich zu machen. Die Zerstörung der letzten zwei Maschinen war nur noch eine Frage von Sekunden.

Jetzt bleib allerdings noch ein Problem: Wo würde Milan sein? Hatte er seinen Vater schon in das Büro geschleift oder befand sich dieser noch im Wirtshaus? Hatte Milan sich das Innocence schon geholt?

Ihnen blieb keine Zeit, sich für eine Möglichkeit zu entscheiden, denn die geisterhafte Stille, die sich über den Platz gesenkt hatte, hatte unweigerlich neugierige Zuschauer angelockt, die jetzt aus allen Gassen zur Kirche strömten. Sie mussten schnell handeln.

„Rathaus", entschied Linali und hielt ihnen ihre Hände hin. Ohne zu zögern ergriffen die Zwillinge sie; sie waren schneller, wenn sie mit Linalis Innocence unterwegs waren. Das letzte, was sie noch mitbekamen, war, dass jemand im Park schrie: „Hey, das sind doch unsere Mäntel!", dann waren sie außer Hörweite.

Es dauerte nur Sekunden, bis sie vor dem Rathaus landeten; der große Bau war wie leergefegt. Kein Mensch begegnete ihnen, als sie die leeren Korridore entlang hasteten; auch die Büros hinter den offenen Türen waren unbesetzt. Das Chaos, das überall herrschte, deutete darauf hin, dass die Mitarbeiter panisch geflüchtet waren; ein paar armlange Dornen, die in den Wänden steckten, bestätigte ihnen, dass sie richtig entschieden hatten, als sie hierher kamen. Die Frage war nur, ob sie noch rechtzeitig kamen.

Das Büro des Notars war gleichzeitig auch das Büro des Bürgermeisters und lag im zweiten Stock der umfunktionierten Patriziervilla. Vor der geschlossenen Tür verharrten sie einen Moment; kein Laut war aus dem Zimmer zu hören. Entweder war das eine Falle, oder sie kamen tatsächlich zu spät.

Die Hand schon auf der Türklinke, entschied Ian, dass es auf einen Versuch ankam, und stieß die Tür auf. Vor ihnen breitete sich das leere Büro aus, der Safe hinter dem Schreibtisch aufgebrochen, sämtliche Schubladen aus den Schränken herausgerissen, der Inhalt aller Fächer und Regalfächer auf dem Boden ausgebreitet. In dem wuchtigen Sessel hinter dem Schreibtisch saß der Bürgermeister selbst.

Ein Dorn steckte in seiner Stirn; das Blut rann über sein Gesicht. Sein Mund stand halb offen, was ihm einen überraschten Ausdruck gab, die Pupillen hatte er verdreht, sodass nur das Weiß hinter den halboffenen Lidern zu sehen war.

Linali schlug erschrocken die Hand vor den Mund, als sie die Leiche sah. Ungewollt traten ihr Tränen in die Augen.

Jack hingegen trat ungerührt neben den Toten, griff nach seiner Hand und musterte sein Gesicht, während sich Ian im Zimmer umsah. „Noch warm, das Blut noch nich getrocknet. Als wärs grad erst passiert."

„Is es wahrscheinlich auch. Aber wenigstens hat er das Innocence nich gefundn", erwiderte sein Bruder geistesabwesend.

„Wie…" Mehr brachte Linali nicht heraus.

„Wie uns die Leiche egal sein kann, oder wie wir wissn, dass das Innocence noch in Sicherheit is?" fragte Ian.

„Beides", antwortete die Chinesin schwach, „Ich meine…", ihr Blick huschte zurück zu der Leiche.

Die Zwillinge tauschten einen kurzen Blick, dann kam Jack zurück zur Tür, wo die Exorzistin stand und brachte sie aus dem Raum, ohne sie dabei zu berühren. Leise schloss er die Tür hinter sich, damit sie den leblosen Körper nicht mehr sehen musste. „Wir ham schon mehr Leichen gesehn, als uns lieb is, und so traurig es klingt, irgendwann gewöhnt man sich daran. Irgendwann macht es einem nix mehr aus", erklärte der Junge mit sanfter Stimme.

Linali schüttelte sich innerlich. Sie hatte ihr Leben auf Schlachtfeldern verbracht, aber an diesen Anblick hatte sie sich nie gewöhnen können. Und das würde sie auch nie.

„Das zweite: Glaubst du wirklich, ein Wandteppich wär in einer Schublade versteckt?" brachte Jack sie auf andere Gedanken. Als sie verwundert den Kopf schüttelte, fuhr er fort: „Ich auch nich, aber das ganze Büro is verwüstet. Die einzige Erklärung dafür is, dass das Innocence sich nie hier befundn hat; der Notar hat ihn auf eine falsche Fährte gelockt. Aus lauter Wut hat Milan ihn dann, als er den Teppich nirgends findn konnt, umgebracht und das Büro verwüstet."

Ian kam aus dem Büro, wobei er darauf achtete, dass Linali den Toten nicht sehen konnte. Durch die paar Zentimeter, die er größer war, und die geschmeidigen Bewegungen, mit denen er sich durch den schmalen Türspalt schlängelte, gelang ihm das auch ganz gut. Genauso vorsichtig wie Jack schloss er die Tür hinter sich. Mit einem Kopfnicken den Gang hinunter bedeutete er den beiden, ihm zu folgen. „Ich hab die Adresse gefunden, wo er wohnt; wahrscheinlich wird Milan es dort als nächstes versuchn. Es wird ihn ganz schön fuchsen, wenn sich herausstellt, dass er das Innocence die ganze Zeit unter der Nase hatte. Wir müssn uns beeiln, wer weiß, was er sonst anstellt."

„Und wenn es dort nicht ist, was dann?"

„Tja, viele andre Möglichkeitn gibt's nich mehr", antwortete Jack mit einem Schulterzucken.


Also,jetzt sind die Exorzisten in der Stadt, das Innocence ist in der Stadt (irgendwo), nur die Akuma sind anscheinend nicht in der Stadt ... die Rechnung ist doch gut, oder?

Bleibt mir gewogen.