sternenhagel: Geht die Rechnung auf? Sag es mir am Ende des Chaps xD Du darfst alles, du sorgst dafür, dass ich nicht verhungere - vorausgesetzt, du bekommst Kanda dafür, ich weiß :D

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Disclaimer: Mir gehört nichts hiervon, es gehört alles Katsura Hoshino. Wieder mal. Aber ich bin ihr unendlich dankbar dafür, dass sie uns Kanda wiedergegeben hat.


1.19 Reine Mädchensache

Gerade, als sie das Haus des Bürgermeisters betreten hatten, schoss Linalis Golem aus ihrem Kragen hervor. Das Auge der flatternden Maschine blinkte weiß auf; unsicher blieben sie stehen. Das Blinken war ein Zeichen dafür, dass jemand versuchte, sie zu erreichen, aber sie mussten sich beeilen, wenn sie das Innocence retten wollten. Sie konnten jetzt nicht telefonieren.

„Das ist Nii-san", murmelte Linali plötzlich. Die Zwillinge starrten sie verblüfft an und ihre Augen wurden sogar noch größer, als sie das Verbindungskabel herauszog und am Telefon in der Eingangshalle anschloss.

„Was machst du da? Wir ham keine Zeit für so was! Ruf ihn an, wenn wir fertig sin", flüsterte Ian hektisch.

„Wenn ich jetzt nicht abhebe, dann wird er in der nächsten halben Stunde immer wieder anrufen – und wenn ich dann nicht abhebe, schickt er die Kavallerie", flüsterte die Chinesin zurück.

Es knackte im Hörer, als die Verbindung offen wurde; sofort tönte Komuis Stimme aus dem Gerät: „Linali-chan, endlich hebst du ab! Ich dachte schon, es ist etwas passiert!"

Die Exorzistin schenkte den Brüdern einen vielsagenden Blick a là ‚Hab-ich's-nicht-gesagt?', dann antwortete sie: „Es geht uns gut, Nii-san, aber wir sind sehr in Eile-"

„Das kann warten." Komui klang ungewohnt ernst. Normalerweise schlug er seiner imouto gegenüber einen anderen Tonfall an; es musste etwas passiert sein. „Ihr kommt zurück."

„Was!" flüsterten die Zwillinge gleichzeitig entsetzt.

„Die Mission wird jemand anderem übertragen; es ist alles schon in die Wege geleitet. Kommt mit dem nächsten Zug zurück; ich brauche euch hier in London."

„Nii-san, was ist passiert?" fragte Linali besorgt.

„Die Erklärungen haben Zeit bis später. Macht euch auf den Weg, das ist alles, was ich euch im Moment sage."

„Aber-" setzte Jack an.

„Keine Widerred-" Es knackte erneut, als Jack einfach das Kabel aus dem Telefon riss. Ian nahm Linali den Hörer aus der Hand und legte auf; der Golem kroch zurück in sein Versteck.

„Was macht ihr da?" flüsterte das Mädchen entsetzt.

„Wir sin keine fünf Meter von dem Ende der Mission entfernt, du glaubst doch nich, dass wir jetz kehrtmachn?" antwortete Ian, während er seinem Bruder schon die Halle hinunter folgte.

Die Exorzistin rannte ihnen hinterher. „Aber Nii-san hat gesagt…"

„Wenn wir jetz nich handeln, dann findet Milan das Innocence. Wer auch immer an unsrer Stelle kommt, er kommt zu spät", flüsterte Jack zurück, „Willst du das Innocence etwa den Akuma überlassn?"

„Natürlich nicht", erwiderte Linali heftig; sie wussten genau, wie sie sie ködern konnten. Einfach umzudrehen und zu gehen, kam nicht in Frage.

Ein Geräusch im oberen Stockwerk ließ sie anhalten. Der dicke Teppich hatte ihre Schritte gedämpft und durch die Decke konnte man ihre geflüsterte Unterhaltung nicht hören. Wenn Milan sie nicht kommen hatte sehen, hatte er keine Ahnung, dass sie sich bereits im Haus befanden, und suchte noch nach dem Innocence. Mit viel Glück konnten sie ihn überraschen und ausschalten, bevor er weitere Kopien von sich selbst erzeugen konnte. Und mit noch mehr Glück gelang ihnen das, bevor er das Innocence fand.

Sie schlichen leise die Treppe hinauf, die zum Glück mit einem Läufer ausgelegt war. Dieser zog sich zu ihrer Erleichterung auch über den Gang im oberen Stockwerk. Alle Türen standen offen, die Möbel waren wild durcheinander geworfen, die Kleider aus den Schränken gerissen, jeder Quadratzentimeter verwüstet. Milan war gründlich.

Aus einem der hinteren Räume war ein zweites Poltern zu hören; er machte sich nicht einmal die Mühe, leise zu sein.

Den Blick auf die Tür vor ihnen gerichtet, hinter der der Lärm stattfand, übersah Jack eine Falte im Teppich und wäre fast gestürzt, wenn Ian ihn nicht am Kragen zurückgerissen hätte. Alle drei konnten allerdings ein entsetztes Luftholen nicht unterdrücken; die Luft anhaltend, starrten sie auf die Tür, bereit für einen Angriff. Sie beteten, dass er sie nicht gehört hatte.

Als ein paar Sekunden später weiteres Kramen zu hören war, ließ Ian seinen Bruder erleichtert los. Pass auf, wo du hintrittst, ermahnte er ihn wütend, du hättest uns fast verraten.

Pass lieber auf, dass du nicht selbst drüberfällst, gab Jack zurück.

Sie schlichen weiter und blieben kurz vor der Tür stehen. Sie war angelehnt, aber durch den Spalt war nichts zu sehen, außer durch die Luft segelnde Kleidungsstücke. Milan befand sich offenbar hinter der Tür, immer noch mit der Suche nach dem Wandteppich beschäftigt.

Von dem, was durch den Türspalt zu sehen war, schlossen sie darauf, dass es das Schlafzimmer des Notars selbst sein musste. Nachdem Milan im Büro nicht fündig geworden war, vertraute er offenbar nicht mehr darauf, dass sein Vater das Innocence in seinen eigenen Räumen versteckte, deswegen war er systematisch durch alle Räume gezogen und hatte sich von der Treppe aus nach hinten zum Ende des Ganges durchgearbeitet.

Kopien hatten sie in keinem der Räume gesehen, auch rund um das Haus nicht. Und die mannsgroßen Maschinen ließen sich wohl schwer in einer Schublade oder unter dem Bett verstecken.

Das einzige, das sie noch von Milan trennte, war die dünne Holztür mit den Schnitzereien und Einlegearbeiten.

Die Zwillinge tauschten einen schnellen Blick. Sie konnten entweder die Tür mit Schwung öffnen und hoffen, dass das Akuma zu überrascht war, um sofort zu reagieren; dann konnten sie ihre Schilde aktivieren und es angreifen, bevor sie vor den Dornen zurückweichen mussten. Oder sie konnten vorsichtig versuchen, die Tür millimeterweise aufzuschieben und beten, dass er ihnen den Rücken zukehrte. Das wäre die sicherste Option, wenn sie nicht getroffen werden wollten, aber dafür brauchten sie Glück, und das hatten sie heute schon überstrapaziert.

Auf jeden Fall mussten sie Linali heraushalten. Diese Situation erforderte Schützen und in dem engen Raum konnte sie sich mit ihren Dark Boots nicht richtig bewegen; sie wäre mehr eine Gefahr für sich selbst als für ihn.

Jack, der neben Linali kniete, lehnte sich zu der Chinesin. Sie musste zwar hören, was er jetzt sagte, aber Milan durfte nichts mitbekommen. Also wisperte er, so leise er konnte: „Bleib hier. Da drin nützen dir deine Boots nix, der Raum is zu klein. Bleib hier neben der Tür."

Seine Worte waren nicht mehr als ein Hauch an Linalis Hals, aber die Exorzistin nickte. Ian, der mit einem Ohr bei Milan in dem Raum war, stellte erleichtert fest, dass das Akuma anscheinend tatsächlich nichts gehört hatte. Er richtete sich auf und nahm auf der offenen Türseite Stellung; Ians Schild schützte seine gesamte obere Körperhälfte, Jacks Brustschild aber nicht, deswegen musste Jack die Tür aufstoßen. Sie aktivierten gemeinsam ihr Innocence, jeder eine Schusswaffe auf dem Unterarm.

Die Hand auf das Holz gelegt, warf er seinem Bruder einen raschen Blick zu, dann stemmte er sich dagegen und die Tür schwang auf. Ian machte eine Drehung in den Türrahmen hinein und feuerte einen Schuss auf das überraschte Akuma vor ihm ab, den Bruchteil einer Sekunde später gefolgt von Jacks Schuss. Beide trafen und das Akuma explodierte, wobei es die restliche heil gebliebene Einrichtung auch noch zerstörte. Nur der große Eichenschrank schien unverwüstlich zu sein.

„Das war irgendwie…"

„…leicht", vervollständigte Ian. Er blickte sich in dem Raum um, sah auch hinter der Tür nach, aber das Zimmer war leer.

Linali kam herein. „Glaubt ihr, das war das echte?"

Synchrones Schulterzucken.

„Wir solltn das Innocence suchn, bevor noch mehr auftauchn. Wenn das nich der echte war, dann steht uns sicher noch mehr Besuch ins Haus", meinte Ian.

Aber das Zimmer war tatsächlich leer; auch hier befand sich kein Wandteppich. Der Beschreibung nach war er fast zwei Meter lang, halb so breit und zeigte eine mittelalterliche Darstellung Karl des Großen. Ein kleines Vermögen wert, aber das war nebensächlich; Geld brachte nichts, wenn es nicht zu finden war. Und der Teppich war nicht zu finden, weder unter dem Bett, noch in dem Schrank oder hinter einem der Möbelstücke. Hinter dem Schrank konnten sie nicht nachsehen, denn der wog mindestens eine Tonne und konnte nicht einmal von allen dreien gemeinsam bewegt werden; kaum vorstellbar, dass ein einzelner Mann ihn vom Fleck bekam. Und Helfer konnte der Notar sich auch keine geholt haben, denn das wären erstens Mitwisser und damit als Gefahren einzustufen, zweitens wäre das viel zu auffällig. Dann hätte Milan ihn sofort gefunden, denn er hätte ja gewusst, wo er suchen sollte.

„Dämlicher Teppich", murmelte Ian verärgert, „wo liegt dieses blöde Ding rum?"

Jack erstarrte. „Sag das noch mal."

„Was? Blödes Ding?"

„Nein, das andere. Herumliegen…" Er wandte sich zur Tür um und ging hinaus. Ian und Linali tauschten einen ratlosen Blick und folgten ihm.

Jack folgte dem Gang den Weg zurück, den sie gekommen waren, bis ungefähr zur Hälfte, dann blieb er stehen. Mit einem seiner Dolche schlitzte er den Läufer auf und zog ihn beiseite.

Unter dem Läufer lag der Wandteppich.

„Einen Teppich unter einem Teppich verstecken", grinste Ian, „der Mann hatte Sinn für Humor."

„Woher hast du…"

„Ich bin über die Kante gestolpert. Der Läufer wölbt sich über dem Wandteppich, wodurch eine Kante an beiden Enden entsteht. Und an einer von denen is mein Fuß hängen geblieben."

Jack beugte sich vor, um den Teppich unter dem Läufer hervorzuziehen und aufzuheben, als hinter ihnen eine Stimme schnarrte: „Vielen Dank für die Mühe. Wenn ich jetzt den Teppich haben dürfte."

Die drei Exorzisten fuhren herum. Vor ihnen stand Milan, einen Arm in eine Pistole umgeformt und die andere Hand fordernd ausgestreckt. Seine Augen glitzerten triumphierend unter den dunklen Haaren und der Mund war zu einem hämischen Grinsen verzogen.

„Du hast dich hinter dem Schrank versteckt", stellte Ian gelassen fest; gelassener, als er in Wirklichkeit war. Sie mussten Zeit gewinnen, um einen Plan zu finden; ihnen kam zugute, dass Milan sich selbst offenbar gerne reden hörte, wie er ja schon vor dem Wirtshaus unter Beweis gestellt hatte. Sie konnten ihm seinen ganzen Plan schildern und er würde mit Freuden zuhören, das sah er an seinem Blick.

„Natürlich", erwiderte Milan.

„Zuerst lockst du uns hierher, dann versuchst du uns loszuwern, sobald der Wandteppich in der Stadt is, und schickst uns deine Kopien auf den Hals. Als wir sie erledigt hatten, du das Innocence aber immer noch nich gefundn hast, hast du den Notar umgebracht und dich hier auf die Lauer gelegt. Du hast deine Kopie suchn lassn und dich in dem Hohlraum hinter dem Schrank versteckt, damit wir für dich den Wandteppich finden."

„Richtig", flötete ihr Gegenüber grinsend, „und jetzt gebt ihn her."

„Eine Frage noch", warf Linali ein, die das Spiel erkannt hatte, „woher wusstest du, das wir ins Rathaus kommen würden? Woher, dass dein Versuch, uns hinzuhalten, nicht lange genug funktioniert hat?"

„Die Kopien sin wie Drohnen" sagte Jack an seiner Stelle, „und er is quasi die Königin. Das war klar, als die Kopien alle gleichzeitig angegriffen ham, sich gleichzeitig bewegt ham und alle synchron umgedreht ham. Sie reagiern auf seine Befehle, und nur darauf, deswegen wusste er, dass wir unterwegs warn. Er hat es praktisch durch ihre Augen gesehn."

„Wieder richtig", antwortete Milan und jetzt schwang in seiner Stimme Ungeduld mit, „und jetzt her mit dem Ding."

Sie konnten es nicht weiter hinauszögern. Er würde keine Verzögerung mehr dulden.

Jack trat langsam einen Schritt zurück, dann noch einen zweiten, bevor er in die Knie ging. Die Augen fest auf das Akuma in Menschengestalt gerichtet, griff er nach der Ecke des Teppichs und rollte ihn zusammen. Genauso langsam wie zuvor stand er wieder auf und kam zurück. Keine Sekunde ließ er Milan aus den Augen. Er trat direkt vor ihn und Ian und Linali verschwanden aus seinem Blickfeld. Mit ausgestreckten Händen hielt Jack ihm den Wandteppich hin.

In dem Moment, in dem Milan den Blick auf den Stoff in seinen Händen senkte, machte Jack einen Satz nach vorne. Der schwere Teppich und seine Arme trafen das Akuma an der Brust und rissen es von den Füßen. Gemeinsam stürzten sie zu Boden, aber Milan hatte sich rasch von der Überraschung erholt und rollte sich herum, um sich auf ihn zu setzen. Mit den Händen hielt er seine Handgelenke fest, während sich sein Gesicht zu einer Waffe formte.

Jack grinste nur, was ihn einen Moment aus dem Konzept brachte, als er durch unsichtbare Augen die weißen Zähne hinter den Lippen aufblitzen sah. Mehr war nicht nötig, um ihm mit einem gezielten Tritt von Linali den Schädel wegzureißen, bevor Ian ihn mit einem Schuss vollkommen zerstörte.

Jack kniff die Augen zusammen und presste die Lippen aufeinander, um nichts von den Überresten zu schlucken. Mit angehaltenem Atem wedelte er mit der Hand vor dem Gesicht, dann setzte er sich auf. „Bwah. Das war kein Akuma, das war ein Staubdämon. Igittigitt."

Ian zog ihn auf die Füße und hob den bei der Drehung neben ihnen gelandeten Wandteppich auf. „Das war der Läufer. Die Angestelltn hat er wohl schon vor langem in Akuma verwandelt. Is dir die Staubschicht nich aufgefalln?"

Wie zur Bestätigung nieste Jack laut. „Ham Glück gehabt, dass ich nich schon vorher zum Niesen angefangen hab" - erneutes Niesen - „außerdem hätt ich dann nix mehr gesehn."

Über seinem fortwährenden Niesen fragte Linali Ian, ob sie Komui verständigen sollte. Ian rief zurück, dass Komui die Kavallerie und die anderen Exorzisten ruhig schicken solle, wenn es ihm Spaß mache, aber besser, er pfiff sie zurück.

Hier unterbrach ihn Jack: „Und wisst ihr, was noch besser wär? Wenn wir jetz verschwindn, bevor ich noch das Dach einstürzen lass."

Draußen auf der Straße beruhigte sich seine Nase bald, bis sich das Niesen schließlich auch legte. Seine Augen tränten aber immer noch und Ian musste ihn ständig davon abhalten, sich mit den Fingern in die Augen zu fahren, um den Juckreiz zu lindern. Dafür hatte er allerdings nur eine Hand frei, denn unter einen Arm hatte er sich den Wandteppich geklemmt.

Sie kamen unbehelligt bis zum Bahnhof, wo Linali sich dann eine Standpauke von ihrem Bruder anhören durfte, die allerdings sehr kurz ausfiel, weil Jack ihr einfach den Hörer aus der Hand nahm, knapp erklärte, sie seien auf dem Rückweg und Ian und er nähmen alles auf ihre Kappe, bevor er aufhängte. Das keine zwei Minuten später einsetzende Blinken des Golems ignorierten sie alle drei.

Obwohl kaum eine Stunde vergangen zu sein schien, war doch der ganze Vormittag an ihnen vorbeigezogen, ohne dass sie es gemerkt hatten. Und mal abgesehen davon, dass sie durch die ganze Stadt gehetzt waren und ständig gekämpft hatten, hatten sie jetzt auch langsam Hunger. Linali organisierte noch Pinca, das sie in der Bahnhofshalle verzehrten, während sie auf ihren Zug warteten, der in einer halben Stunde ankam. Sie sprachen nicht miteinander, dafür waren sie zu erschöpft.

Im Zug sperrten sie die Abteilstür ab und ließen sich auf die weichen Bänke fallen. Nach allem, was dieser Tag bisher für sie bereitgehalten hatte, waren sogar diese Bänke weich. Ein paar Minuten lang saßen sie nur da, verfolgten, wie der Zug ruckend anfuhr, den Bahnhof verließ, betrachteten die vorbeifliegende Landschaft und warfen noch einen letzten Blick zurück auf die Küstenstadt.

Irgendwann sagte Linali plötzlich: „Und jetzt müsst ihr mir erklären, warum ihr uns alle so belogen habt."

Beide starrten sie einen Wimpernschlag lang entsetzt an, dann glitt eine verständnislose Maske über ihre Züge. „Was meinst du?" fragte Jack betont ruhig.

„Tut nicht so, ich weiß es. Haltet mich nicht für so blind, dass ich nicht merke, dass ihr Mädchen seid."

Die Masken fielen ab und enthüllten die entsetzten Gesichter der Zwillinge; einen Moment lang hofften sie, wenn sie sie nur lange genug so ansahen, würde sie diesen Gedanken fallen lassen und es als Unsinn abtun. Dann erkannten sie, dass die Chinesin nicht von ihrer Ansicht abweichen würde, und das Fünkchen Hoffnung schwand.

„Seit wann weißt du es?" fragte Ian niedergeschlagen.

„Ich glaube, ich habe es schon vermutet, als ich euch das erste Mal gesehen habe – irgendwo im hintersten Winkel meines Kopfes. Euer seltsames Verhalten hat euch nicht gerade männlicher aussehen lassen", fügte sie unnötigerweise hinzu; das brauchte sie ihnen nicht zu sagen, das wussten sie selbst. Dabei hatten sie sich solche Mühe gegeben, es zu verbergen. „Und dann sind wir hierher gekommen und ihr habt euch noch seltsamer verhalten. Erst habe ich gedacht, es sei nur eine Laune, aber dann ist mir plötzlich aufgefallen, dass ihr euch genauso verhaltet wie ich – wenn ich meine Tage habe", endete sie mit einem Blick, bei dem ihnen ganz anders wurde. Sie hatte sich anscheinend einiges von Kanda abgeschaut; der konnte auch so schauen, dass man am liebsten alles gestehen wollte.

„Das letzte Mal hat es keiner gemerkt", maulte Jack, aber Linali legte nur den Kopf schief.

„Wann war das?"

„Als wir in Frankreich warn, auf unsrer Mission mit Kanda und Eric", erklärte Jack. An das eiskalte Bad im Fluss mit den Unterleibsschmerzen und dem verstauchten Knöchel konnte sie sich lebhafter erinnern, als ihr lieb war.

„Kanda ist kein Mädchen und Eric auch nicht. Die haben keine Ahnung, wie sich so was anfühlt. Aber was ich von euch wissen will, ist eigentlich, warum ihr das getan habt."

Ian seufzte. „Am Anfang zum Selbstschutz. Als Mädchen wird man nich alt auf der Straße, irgendwann, früher oder später, kann man nur noch Hure werden. Fürs Stehlen wird man zu groß, keine Einbrecherbande nimmt einen ohne Hintergedanken auf und alleine arbeitn is viel zu gefährlich. Und niemand nimmt ein Dienstmädchen oder eine Angestellte von der Straße. Wir wollten uns das ersparn, als haben wir einfach beschlossn, Ian und Jack zu wern."

„Das verstehe ich ja, aber warum habt ihr nicht aufgehört, als ihr Exorzisten wurdet?"

Die Geschwister tauschten einen schnellen Blick. „Es hat sich einfach verselbstständigt", erklärte Ian zögernd; keiner von beiden hatte eine plausible Erklärung. Sie hatten ja nicht damit gerechnet, so bald und so einfach enttarnt zu werden. „Wir ham Kanda getroffen, als wir Jungen warn, wir ham euch getroffen, als wir Jungen warn, und dann alle andren und auf einmal…"

„Waren wir mittendrin und für alle Ian und Jack", ergänzte Jack. Sie fühlte sich in ihrer Haut noch unwohler als ihr Bruder; es verlangte viel Ehrlichkeit und noch mehr Lügen, das zu erzählen. Wenigstens wusste Linali sonst nichts – und hoffentlich konnte sie schweigen.

Das verstehe ich nicht; ihr hättet das doch gleich am Anfang aufklären können", beharrte die Chinesin stur.

Wieder bemerkte sie, wie die beiden einen raschen Blick wechselten, bevor Jack schließlich sagte: „Konnten wir nich und können wir auch jetz nich. Tut uns leid, Linali. Wir müssn dich auch bittn, keinem was zu sagn."

Es war ihr unangenehm, das Mädchen so vor den Kopf zu stoßen, fast so unangenehm wie beim letzten Mal, als sie das bei Lavi hatte tun müssen, aber noch unangenehmer war es ihr, den Kopf schütteln zu müssen, als die Exorzistin fragte: „Nicht einmal Nii-san?"

„Nicht einmal deinem Bruder", bekräftigte Ian.

„Soll das heißen, ich bin die einzige, die davon weiß?" fragte sie.

„Keiner außer dir", erwiderte Ian.

„…bis auf Lavi", murmelte Jack so leise, dass die Geräusche des Zuges die Worte fast verschluckt hätten; das war auch der Effekt gewesen, den sie hatte erzielen wollen, aber die anderen beiden hatten scharfe Ohren.

Ian ging mit der Lautstärke einer Bombe in die Luft. „WAS!"

„Lavi?" fragte Linali überrascht.

„Wie konntest du – wann – wieso hast du – Jack!" Ian brachte keinen geraden Satz über die Lippen vor lauter Wut.

Sie sah ihn unter ihren Stirnfransen von unten hinauf an. Jetzt war es gesagt, da konnte sie auch gleich alles zeigen. Wortlos öffnete sie ihren Geist, stellte die Verbindung zu ihm her und wich einen Moment vor seiner Wut zurück, die wie glühend heiße Lava auf sie zuschoss; dann aber stellte sie der Wut ihre Gedanken und Erinnerungen entgegen und Ian, der natürlich wissen wollte, was sie sich dabei gedacht hatte, schob seine Wut einen Moment beiseite, um die Bilder aufzufangen.

Was er sah, erschreckte ihn.

Sie enthielt ihm nichts vor, zeigte ihm jeden Moment, von dem Zeitpunkt an, als sie in Friesack plötzlich aufgewacht war, weil sie geglaubt hatte, eine Berührung zu spüren, bis zu dem Augenblick, als sie Lavis Zimmer verlassen hatte, nachdem sie ihm geholfen hatte, mit seinem verletzten Fuß dorthin zu kommen. Den letzten Gedanken, die letzte Erinnerung, an die Nacht vor ihrer Abreise behielt sie allerdings für sich, denn er sollte nicht erfahren, wie nahe Lavi ihrem Geheimnis gekommen war, von dem Ian noch nicht einmal gewusst hatte. Ihrem vorletzten Geheimnis.

Ian glaubte sich plötzlich wieder an jenen Nachmittag zurückversetzt, als Linali ihn zum Kaffeeholen eingespannt hatte. Mit einem Mal erkannte er, wie ähnlich sich Jacks Gefühle und seine waren, dass sie in Bezug auf zwei vollkommen verschiedene Personen so gleich fühlten. Jack war nur einen Schritt weiter gegangen.

Und seltsamerweise verstand er sie – zum Teil. Es machte ihn immer noch wütend, wie leicht sie sich erwischen hatte lassen, und dass sie ihm nichts gesagt hatte, machte ihn noch wütender und gleichzeitig verletzt. Wie konnte sie ihm das so lange Zeit vorenthalten? Wie konnte sie es ihm überhaupt vorenthalten?

Es dauerte nur eine Sekunde und Ian war über alles im Bilde, nicht aber Linali, die immer noch ihrer Antwort harrte. „Lavi?" fragte sie erneut, immer noch überrascht über das Geständnis.

Jack nickte leicht, den Kopf immer noch gesenkt. „Er weiß… er weiß nur, dass ich ein Mädchen bin. Von Ian hat er keine Ahnung."

„Ausgerechnet Lavi…", stöhnte Ian und ließ den Kopf auf den Rückpolster sinken.

„Er wird dichthalten!" fauchte Jack; wenn es eine Sache gab, derer sie sicher war, dann das. „Er hat es mir versprochen!"

Ian warf ihr einen zweifelnden Blick zu, zuckte aber zusammen, als er die Wut in ihren Augen sah. Sie zweifelte keine Sekunde lang an dem Exorzisten; Ian fragte sich, ob wohl ihre Gefühle daran schuld waren, dass sie so fest an seine Integrität glaubte. Aber was auch immer es war, es änderte nichts daran, dass sie darauf vertraute, dass Lavi Wort hielt.

Er hingegen würde allerdings noch ein Wörtchen mit dem Rotschopf zu reden haben. So leicht würde er sich nicht abspeisen lassen.

Jack hingegen wandte sich Linali zu, um der Exorzistin endlich die erwartete Erklärung zu liefern: „Er hat es allein rausgefunden. Als wir in Deutschland warn. Es hat ihm nicht gefalln, aber er hat mir versprochen, mich nicht zu verraten. Und bis jetz hat er das auch nich getan."

Jetzt. Das war zwei Wochen her, und noch immer hatte Lavi das Geheimnis bewahrt, hatte keinem von ihnen auch nur ein Sterbenswörtchen gesagt. Es war für einen Bookman etwas ganz alltägliches, Geheimnisse zu haben, aber diese Sache war anders. Hier ging es um Freundschaft und darum, zu entscheiden, was ihm mehr bedeutete: sie, seine Freunde, oder Jack, das Mädchen, das… ja, was eigentlich? überlegte Linali, wie viel bedeutet sie ihm, dass er sich darauf einlässt? Und wie viel davon ist ihr selbst bewusst?

Wenn sie an das Verhalten des Exorzisten in letzter Zeit dachte – insbesondere in der Nähe von Jack, oder wenn es um Jack ging - dann erklärte das so einiges. Aber das war nicht das eigentliche Thema, um das es ging; mit ihren Überlegungen und Mutmaßungen bezüglich Lavis Verhältnis zu Jack schob sie nur das Unvermeidliche hinaus.

Sie mochte den Gedanken nicht, den anderen etwas zu verheimlichen, besonders nicht ihrem Bruder, aber die beiden sahen verzweifelt aus. Sie mussten einen triftigen Grund dafür haben, den sie ihr nicht sagen wollten oder konnten; wenn es nur Jack alleine gewesen wäre, hätte sie sich vielleicht noch einmal überlegt, nicht doch noch weiter nachzufragen, aber auch Ian, der Besonnenere und logisch Denkendere, sah die Geheimhaltung dieses Grundes wohl als notwendig an. So wie es aussah, war er sogar die treibende Kraft dahinter gewesen; außerdem sagte ihr ein ungutes Gefühl, eine Art dunkle Vorahnung, dass sie vielleicht gar nicht wissen wollte, warum die beiden Zwillinge Jungen spielten. Es war wie ein Klumpen Eis im Magen, von dem einem übel wurde; ihr siebter Sinn warnte sie vor etwas, auch wenn sie nicht wusste, was das war.

„Ich…", begann sie zögernd, „ich werde niemandem etwas sagen. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr das Spiel nicht ewig spielen werdet. Irgendwann müsst ihr auch den anderen die Wahrheit gestehen."

„Das werden wir", sagten beide gleichzeitig, und Linali wusste nicht, ob ihnen die Lüge einfach nur so leicht von den Lippen kam, weil sie das Lügen gewohnt waren, oder ob sie es tatsächlich ernst meinten, weil sie das Versteckspiel langsam müde wurden.


Linali findet alles raus. ich glaube, Sir Arthur Conan Doyle hat sie sich zum Vorbild genommen o.O

Bleibt mir gewogen.