Argh, zu spät ... dann beginnen wir gleich mit der nächsten Arc (das Wort hört sich so viel besser an als das deutsche Äquivalent xD)
Rated: T
Disclaimer: Alles gehört Katsura Hoshino, bis auf Weihnachten, das gehört Coca Cola.
1.20 Leere Gänge und einsame Orte findet man im Hauptquartier selten …
Als ihr Boot am Steg des Ordensgebäudes anlegte, wartete niemand auf sie, aber sie waren ohnehin in eine Unterhaltung vertieft, die nicht für andere Ohren bestimmt war.
„Aaalso", begann Jack mit einem Grinsen: „Erstens: Niiicht anfassen. Niemals. Zweitens: Nichts Beleidigendes, Anzügliches oder Drohendes sagen. Niemals. Und drittens: Vor anderen, die das tun oder tun wollen, beschützen. Notfalls mit Gewalt."
Linali staunte. Ihr geliebter – ha, ja geliebter; bald von der Krankenschwester geliebter - Bruder hatte Regeln für die Zwillinge aufgestellt, wie sie sich ihr gegenüber verhalten sollten, solange sie auf der Mission waren. Sie fragte sich, wie vielen anderen er diese Benimmregeln schon eingebläut hatte und ob diese wirklich so viel Respekt vor Komui hatten, dass sie ihr nichts davon erzählten. Ausgerechnet Ian und Jack, die aller Welt verheimlichten, dass sie in Wirklichkeit Mädchen waren, waren so ehrlich, ihr von diesen absurden Vorschriften zu berichten.
Sie waren zwar auf die ernsten Gesichter gefasst, die sie in Komuis Büro begrüßten, aber nicht auf deren Grund. Ursprünglich waren sie davon ausgegangen, Komui wäre wütend, weil sie seine Anordnungen nicht befolgt hatten, aber weit gefehlt.
„Schön, dass ihr so schnell kommen konntet", grüßte der Chinese sie ohne jede Spur von Sarkasmus; den Vorfall in Abbazia schien er schon vollkommen vergessen zu haben. „Setzt euch bitte."
Beunruhigt nahmen sie neben Kanda und Allen auf dem Sofa Platz.
„Ich habe euch zurückholen lassen, weil ich eine dringende Mission für euch habe, die keinen Aufschub duldet. Wir haben auch Verbündete hier in der Stadt und diese berichten uns seit mehreren Wochen beunruhigende Dinge. Wir haben versucht, diese zu überprüfen, aber alle Finder, die wir losgeschickt haben, sind verschwunden. Wir haben Grund zu der Annahme, dass sie tot sind."
Sie mussten schlucken. Finder verschwanden, buchstäblich vor ihrer Nase?
„Wir brauchen jemanden, der der Sache auf den Grund geht, jemanden, der sich seiner Haut zu erwehren weiß. Da es sich hierbei um Akuma handelt, liegt die Lösung klar auf der Hand: Ich will Exorzisten in London haben und zwar so viele wie möglich. Sie sollen sich unauffällig umhören und Bericht erstatten."
„Das ist ja alles schön und gut", warf Allen ein, „aber sollten wir nicht wenigstens wissen, worum es geht, bevor wir losgeschickt werden?"
Der Wissenschaftler seufzte. „Wir befürchten, dass direkt unter unseren Füßen an einer Akumafabrik gebaut wird, gesponsert durch irgendein Mitglied der Aristokratie. Aber wir wissen weder, wer es ist, noch, wo sich die Fabrik befindet. Und da kommt ihr ins Spiel: ich will, dass ihr euch überall umhört; bei den Verheirateten, den Unverheirateten, den Alten, den Jungen, den Torys, den Whigs. Überall", betonte er deutlich, damit keine Unklarheiten herrschten.
„Damit ich Sie richtig versteh", sagte Ian langsam, „Sie wolln, dass wir so tun, als wärn wir welche von denen und sie ausspioniern, aber wie stelln Sie sich das vor? Wie solln wir herausfinden, wer Dreck am Stecken hat und wer nich? Und was is mit den Frauen? Wie solln wir genug aus denen herausbekommen? Linali kann nich alles machen!"
„Linali wird euch nicht begleiten", erwiderte Komui; der Ausdruck in seinem Gesicht sagte klar, dass er nicht einmal daran denken sollte, das noch einmal vorzuschlagen.
„Und wer soll dann…?" fragte Jack hilflos.
„Ich sagte doch: die Verheirateten, die Unverheirateten…", der Chinese ließ seinen Blick vielsagend über die vier Exorzisten auf seinem Sofa schweifen.
Der Augenblick, in dem ihnen dämmerte, worauf er hinaus wollte, war der lauteste seit Tagen.
„WAS?" brüllten alle vier gleichzeitig.
„Nur zwei von euch", schrie Komui gegen sie an, „nur die Zwillinge!"
„Was, wieso wir?" riefen Ian und Jack entsetzt.
„So ist es am einfachsten. Wir brauchen jeweils eine unverheiratete und eine verheiratete Dame, damit es funktioniert. Ihr seid Töchter des englischen Landadels, entfernte Verwandte unserer Verbündeten in der Oberschicht. Allen ist euer Bruder und Kanda…", der Wissenschaftler verstummte.
„Und Kanda?" hakte Ian zweifelnd nach; er hielt das Ganze schon jetzt für eine ausgemachte Schnapsidee. So etwas konnte einem doch nur im Suff einfallen!
„Kanda spielt den Ehemann", sprudelte Komui hervor und ging fast schon hinter seinem Schreibtisch in Deckung.
Alle Blicke wanderten zu dem Japaner, der stocksteif in der rechten Ecke des Sofas saß, offenbar zur Salzsäule erstarrt.
Hastig fuhr der Wissenschaftler fort, bevor der Vulkan ausbrach: „Er wird so tun, als wäre er ein asiatischer Aristokrat, der mit einer der Schwestern verheiratet ist und ihr den Gefallen tut, ihr zu helfen, ihre Schwester in die Gesellschaft einzuführen. Allen als der kleine Bruder kommt natürlich auch mit. Unsere Helfer sind eingeweiht und wissen über alles Bescheid; sie werden euch vorstellen und bekannt machen, damit ihr in die Gesellschaft aufgenommen werdet."
„Nein."
Alle sahen erstaunt zu dem Sprecher, der erneut den Kopf schüttelte; er hatte beide Hände so fest zu Fäusten geballt, dass die Knöchel weiß hervortraten, und seine Stimme zitterte leicht. „Nein. Ohne mich."
Er stand auf und verließ das Büro, bevor einer der anderen so weit aus seinem Erstaunen aufgewacht war, dass er ihm folgen konnte. Ian war der erste, der aufsprang, um seinen Bruder zurückzuhalten, wurde aber selbst zurückgehalten.
„Ian." Komuis Stimme hatte einen befehlenden Unterton, dem er sich nicht zu widersetzen wagte. Entmutigt sank er auf das Sofa zurück und wartete darauf, dass der Wissenschaftler weitersprach.
„Bleib wenigstens du da, um es dir anzuhören. Es ist bereits beschlossene Sache; Jack kann nichts daran ändern. Der Plan wird in die Tat umgesetzt."
Komuis Worte änderten allerdings auch nichts daran, dass Kanda nun doch der Kragen platzte. Und er machte es noch weniger taktvoll als Jack, sondern rauschte einfach ab, um seine Wut an irgendetwas anderem abzureagieren, vorzugsweise etwas Totem, Kalten, Holzigen.
Sie würde das nicht mit sich machen lassen. Ausgeschlossen.
Sie waren nicht acht Jahre durch die Städte, Dörfer und Wälder gezogen, um jetzt zurückzukehren. Komui kann uns das doch nicht abverlangen, dachte sie verzweifelt, während sie durch die Gänge stürmte und die Angestellten ihr reihenweise ausweichen mussten; sie war blind für ihre Umgebung.
Und wenn die Hölle zufriert, dachte sie, keine zehn Pferde bekommen mich dorthin. Ihr war schleierhaft, wie Komui auf so eine Idee kommen konnte. Lag es am Kaffee oder daran, dass der Mann einfach nicht schlief, dass er auf so aberwitzige Pläne kam? Das würde doch nie funktionieren! Wie sollte man vier Exorzisten, die keine Ahnung von den Regeln der Gesellschaft hatten – gut, zwei und zwei die es nicht wissen wollten - als Lords und Ladys ausgeben? Ein Abend und sie würden die Beine in die Hand nehmen müssen – und nie wieder zurückkehren können. Was ihr nur recht war; lieber zehn Jahre lang einmal täglich Mäuse und sonst nichts, als eine Woche – nein, schon ein Abend war schlimm genug - unter den versnobten und eingebildeten Mitgliedern der feinen Gesellschaft, die die Nase so hoch trugen, dass es ihnen bei den Nasenlöchern hineinregnete!
So wütete sie vor sich hin, um ihre eigentlichen Gefühle zu verstecken: die Angst davor, zurückkehren zu müssen und womöglich entdeckt zu werden – schlimmer noch, von ihm entdeckt zu werden; ihn, den sie nie wiedersehen wollten! Sie wollte sich nicht einmal vorstellen, was passieren würde, wenn sie ihm begegneten. Wahrscheinlich würde sie zur Salzsäule erstarren oder ohnmächtig werden – etwas, das ihr noch nie in ihrem Leben passiert war - Ian hingegen würde vermutlich versuchen, ihn umzubringen.
Jack schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht daran denken, sich nicht erinnern, nicht an ihn, nicht an ihre Vergangenheit, an gar nichts. Sie wünschte sich, alles vergessen zu können, ihre Vergangenheit, ihre Gegenwart, ihr Selbst. Ihr Kopf sollte leer sein, damit nie wieder sein Gesicht darin auftauchen konnte, damit sie nie wieder daran denken musste, wovor sie weggerannt waren und wohin sie jetzt zurückkehren mussten. Alles wäre so viel einfacher, wenn sie nicht sie selbst wäre, sondern irgendjemand anderes, der den Adel nur vom Hörensagen kannte, der zufrieden damit war, ein Dach über dem Kopf und drei warme Mahlzeiten am Tag zu haben, sei es Bauer oder Bäcker, Schuster oder Schreiner.
Sie wollte einfach nicht mehr.
Beinahe hätte sie sich den Hals gebrochen, als sie eine Treppenstufe übersah, aber sie fing sich noch rechtzeitig. Der Gedanke, der in diesem schier endlosen Augenblick der Schwebe ihr Bewusstsein streifte, ließ sie ihren Schritt nur noch beschleunigen. Sie wollte nicht stehen bleiben, während sie darüber nachdachte; sie musste in Bewegung bleiben.
Es wäre so einfach.
Aber ihr ganzes Sein sperrte sich dagegen, schrie ihr entgegen, das ja nicht zu wagen, und tat alles, um den Gedanken wieder verschwinden zu lassen. Doch der Gedanke blieb, setzte sich hartnäckig in ihrem Hinterkopf fest und ließ sich nicht vertreiben, egal, wie sehr alles in ihr darauf pochte und beharrte, dass es falsch wäre.
Nur leider kam es ihr im Augenblick gar nicht so falsch vor, sich einfach fallen zu lassen. Zu fallen und nie wieder aufzuwachen.
Hunderte von Möglichkeiten schossen ihr durch den Kopf und alle endeten mit ewiger Stille. Als Neunjährige noch hätte sie das nie gewagt, aber als Siebzehnjährige dachte sie darüber nach und der Gedanke schien von Sekunde zu Sekunde freundlicher auszusehen.
Eine Überdosis Schlafmittel, ein Treppensturz, ein morscher Ast, eine Pistole – ha, welche Ironie! Sie könnte sich mit genau der Pistole erschießen, die er ihr vor acht Jahren gezeigt hatte. Wäre sie zu im Moment zu irgendeiner mimischen Emotion fähig gewesen, sie hätte die Gefahr, die keine zwei Schritte vor ihr schwebte, angegrinst. Sie war gespannt, welche Reaktion sie gezeigt hätte. Ihr Ziel und ihre einzige Freude war, dem Mädchen Angst einzujagen, aber wovor sollte ein Mädchen Angst haben, das mit dem Leben abgeschlossen hatte? Wen sollte es das Fürchten lehren, wenn sie nicht mehr da war, sie, die einzige, die sie je hatte sehen können?
Das manische Grinsen wollte sich seinen Weg bahnen, aber es erreichte ihren Mund nie. Jack hatte eine weitere Treppe erreicht und blieb auf der obersten Stufe stehen; nachdenklich blickte sie auf den Boden mehrere Meter unter sich. Treppen waren etwas Gefährliches; ein falscher Schritt und man spielte mit den Engeln Harfe.
Langsam setzte sie sich auf den Treppenabsatz und legte das Kinn auf die verschränkten Arme, während sie weiter auf die Stufen unter sich starrte. Hier war sie nun, ihre Gelegenheit, ihr Leben zu beenden. Sie müsste nur aufstehen und einen Schritt ins Leere machen. Wenn sie Glück hatte, beendete dieser alle ihre weiteren Gedanken; wenn nicht, wäre sie vermutlich für den Rest ihrer Zeit gelähmt. So oder so, nach London kam sie nicht mehr.
Jack betrachtete die glatten, scharfkantigen Steinstufen. Gott allein wusste, wie viele Leute sich hier wohl schon die Schienbeine aufgeschrammt hatten. Es sah ganz danach aus, als würde sie mit dieser Treppe hier Glück haben. Gruben sich die scharfen Kanten in ihren Schädel, dann würden sie ihre Schädeldecke durchbrechen und ihr Gehirn treffen. Bis man sie verarztet hatte, wäre sie wahrscheinlich schon verblutet an den vielen Verletzungen, die sie sich zwangsläufig zuziehen würde. Der Gedanke hatte einen unangenehmen Beigeschmack. Wenn möglich, würde sie einen Tod mit weniger Schmerzen vorziehen, bei dem sie möglichst wenig mitbekam; die Schlafmittel schienen ihr da doch die bessere Wahl.
Aber dafür brauchte sie mehr Zeit, die sie nicht hatte. Wer wusste, wann man sie suchen würde, wann sie finden, wer ihren Versuch – falls es je dazu kam - vereiteln würde. Kam man dahinter, was sie vorgehabt hatte, würde man sie unter ständige Beobachtung stellen. Und dann hatte sie keine Chance mehr.
Also stand sie wieder auf. Ein paar Sekunden lang starrte sie nur auf die Stufen unter sich, dann hob sie den linken Fuß und ließ ihn über dem Abgrund schweben. Langsam senkte sie ihn, tiefer und tiefer …
… er traf auf die Stufe unter der, auf der sie stand. Sie zog den rechten Fuß nach und setzte einen Fuß vor den anderen, schritt eine Stufe nach der anderen hinunter. Jack wusste nicht, warum sie das tat, warum sie sich nicht hatte fallen lassen; irgendein Überlebenstrieb war offenbar stärker gewesen. Es gab etwas, das sie davon abhielt.
Als sie die Treppe hinter sich gelassen hatte, ging sie einfach weiter. Wohin sie ging, wusste sie nicht, aber es war ihr, ehrlich gesagt, herzlich egal. Es war ja nicht so, dass sie irgendwohin musste. Also ging sie einfach nur, immer weiter und weiter, bog, so wie es der Gang verlangte, mal links, mal rechts ab, stieg Treppen hinab und ließ ihre Finger über Brüstungen streifen. Vielleicht führten sie ihre Schritte ja in die Krankenabteilung, überlegte sie, oder in die Trainingshalle, dann hatte sie zwei weitere Versuche. Auch wenn sie wusste, dass beides weit über ihr lag.
Alles nur, weil Komui sie unbedingt in die Londoner Gesellschaft einschleusen wollte. Sie fragte sich wirklich, ob er dafür nicht zwei andere Deppen hätte finden können; aber genauso gut wusste sie, dass nur Exorzisten mit Akuma fertig wurden. Und es ging hier offensichtlich um Akuma, wie der Wissenschaftler klargemacht hatte. Trotzdem… bei dem Gedanken daran, ausgerechnet dorthin zu gehen, zog sich ihr der Magen zusammen.
Eine Gänsehaut rieselte ihr den Rücken hinunter. Was, wenn sie auf ihre Eltern trafen? Gut, die beiden würden sie wahrscheinlich nicht wieder erkennen, sie hielten sie bestimmt für tot, aber was war mit Christian? Was war mit ihrem Bruder? Wie sollten sie ihm begegnen, wie verstecken, was für ihn offensichtlich war? Christian kannte sie, besser als sonst jemand; es würde ihn genau einen Blick kosten, herauszufinden, wer sie waren.
Wenn möglich, fürchtete sie sich davor fast so sehr wie vor ihrem Zusammentreffen mit ihm. In Momenten wie diesen wünschte sie sich, gläubig zu sein, um sich in ein Gebet retten zu können, das ihr ein wenig Frieden schenken würde, aber sie glaubte nicht daran, dass irgendwo im Universum eine Gottheit saß, die über sie wachte und sie beschützte. Ein Gebet zu sprechen hatte nur dann Sinn, wenn man an das Wesen glaubte, an das man das Gebet richtete. Wenn man daran glaubte, dass dieses Wesen dafür sorgen würde, dass sich alles zum Guten wenden würde.
Außerdem war es den Christen verboten, zu lügen und zu stehlen – und Selbstmordgedanken durften sie schon gar nicht hegen. Damit fiel sie als Kandidatin für göttlichen Beistand eindeutig durch den Raster. Schade aber auch, dass ihr das so absolut nichts ausmachte. Von ihr aus konnte Gott Purzelbäume schlagen, es interessierte sie nicht im Geringsten.
Also blieb sie eine Heidin, ohne göttliche Führung, ohne himmlischen Beistand und ohne Aussicht, jemals in den Himmel zu kommen.
Das passt ja auch so wunderbar mit den Idealen des Ordens zusammen, dachte sie halb sarkastisch. Halb, schließlich wusste sie, dass auch der Orden sich nicht ganz an die Gebote der Bibel hielt – obwohl der Vatikan über ihm stand. Aber man konnte sich seine Geldgeber schließlich nicht aussuchen.
Genauso wenig, wie man sich seine Eltern aussuchen konnte. Sie hätte viel darum gegeben, in eine andere Familie geboren worden zu sein, in eine, in der sie nicht nur ein lästiges Anhängsel war, das man durchfüttern und kleiden musste. Nur Ian und Christian hatten ihr Halt gegeben und dafür gesorgt, dass sie sich nicht ganz alleine vorkam. In jeder anderen Familie wäre das nicht passiert, dachte sie, was vor acht Jahren passiert ist. Das konnte sie sich bei keiner anderen Familie vorstellen; zwar hatten alle ihre Fehler, aber so gravierend …
Sie erinnerte sich, wie sie als kleines Kind um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern gebettelt hatte, gemeinsam mit Ian, bis sie einsehen hatten müssen, dass es vergeblich war. Für ihre Eltern waren sie ungewollt und würden es immer bleiben. Wahrscheinlich hatten sie, nachdem sie den ersten Schock ihrer Flucht überstanden hatten, keinen zweiten Gedanken mehr an sie verschwendet und ihr Leben für ein besseres ohne sie erklärt.
Erneut erreichte Jack eine Treppe. Wieder blieb sie stehen, mit heißen Augenwinkeln und zugeschnürter Kehle. Sie war ungewollt und daran hatte sich in den letzten acht Jahren auch nichts geändert. Jetzt war sie eine Exorzistin, aber noch immer hatte sich nichts geändert. Für den Orden war sie eine wichtige Kraft, aber man brauchte sie nicht um ihrer selbst willen. Sie war eine Maschine, die man benutzte, wenn man sie brauchte, und beiseite legte, wenn man sie nicht brauchte.
Wütend starrte sie auf die Stufen unter sich, die es wagten, da zu sein und sie zu locken, mit dem Versprechen ewiger Stille. Wie konnten siebzehn Jahre ihres Lebens umsonst sein? Hatte nicht jeder Mensch eine Bestimmung? Gab es keinen Grund für ihr Dasein?
Sie musste schlucken.
Was hält mich eigentlich noch hier?
„Jack?"
Sie fuhr herum. Lavi stand keine drei Schritte hinter ihr.
„Was machst du hier?" fragte er besorgt, als er den Ausdruck auf ihrem Gesicht sah. Langsam trat er einen Schritt näher.
Jack wandte sich wieder ab. „Nix. Nachdenken."
„Und worüber?" Er kam noch einen Schritt näher an sie heran.
Sie zuckte mit den Schultern. „Unterschiedlich."
„Aha." Jetzt stand der Exorzist neben ihr. „Und das soll ich dir glauben?"
Überrascht von der Frage drehte sie den Kopf, um ihn anzusehen; Lavis ernster Blick brachte sie ins Wanken. Halt suchend lehnte sie sich an die Wand an ihrem Rücken. „Natürlich", brachte sie mit trockener Kehle gerade noch so über die Lippen.
„Ich glaube dir nicht", entgegnete er und wandte sich zu ihr um, „kein einziges Wort. Was hast du wirklich gemacht, am Absatz einer Treppe?"
„Gar nix", antwortete sie schwach; dass er ausgerechnet jetzt auftauchen musste, machte die Dinge nicht gerade einfach für sie.
„Lüg nicht", erwiderte Lavi, „ich habe dein Gesicht gesehen. Wovor läufst du diesmal weg?"
„Du irrst dich, ich lauf nich weg-"
Jack zuckte zusammen, als der Exorzist sie an den Schultern packte; sein Gesicht war nur Zentimeter von ihrem entfernt. „Jack, ich kenne dich zu gut, um nicht zu erkennen, was in dir vorgeht. Du kannst vielleicht andere mit deinen Lügen täuschen, aber ich glaube sie dir nicht. Allerdings", fügte er spöttisch hinzu, „warum sollte ich auch? Du tust nichts anderes als zu lügen."
„Das is nich…", begann Jack, verstummte aber. Er hatte Recht; sie hatte sie alle belogen, von Anfang an. Auch Ian. Die Lügen nagten an ihrer Seele und raubten ihr den Frieden; sie wünschte sich nichts mehr, als ihm die Wahrheit sagen zu können.
Warum eigentlich nicht, flüsterte es in ihrem Hinterkopf, erzähl ihm davon. Es ist keine Lüge, wenn du gewisse Dinge einfach verschweigst.
Sie wollte sich am liebsten alles von der Seele reden, aber das konnte sie nicht, nicht um ihrer selbst willen und auch nicht um Ians willen. Es musste genügen, ihm einen Teil zu erzählen. Das musste es einfach.
Jack sah hoch. In seinem Gesicht war kein Hohn oder Spott, keine Wut, nur Sorge. Sein Anblick zwang sie, den Blick wieder zu senken. Sie machte ihm immer Sorgen; es versetzte ihr einen Stich, zu wissen, dass sie so ein Problem für ihn war. Es wäre für ihn einfacher, wenn er sich nicht um sie kümmern würde, wenn er sich nicht immer um sie sorgte und für sie da war. Aber das war er und sie fühlte sich noch schuldiger, weil sie das schamlos ausnutzte. Sie erstickte beinahe an ihren Schuldgefühlen; das wollte sie nicht, sie wollte nicht, dass er sich Sorgen machte. Nicht um sie; sie hatte sein Mitgefühl nicht verdient, nach all ihren Lügen.
„Wieso bist du da", flüsterte sie erstickt, „wieso bist du immer da und … und wieso kümmerst du dich um mich? Wie kannst du … kannst du für mich da sein, obwohl ich so … obwohl ich … trotz all meiner Lügen? Warum bist du da und erstickst mich mit deiner Fürsorge?" Sie hatte zu weinen begonnen, ohne es zu merken. Sie biss sich auf die Lippe, um sich am Weiterreden zu hindern, aber die Worte brachen sich ihre Bahn, flossen über ihre Lippen wie die Tränen aus ihren Augen. „Hab ich dich nicht belogen und betrogen? Hab ich nicht vorgegeben, etwas zu sein, was ich gar nicht bin? Ich hab dir etwas vorgemacht und dich ausgenutzt – warum bist du immer noch da? Ich bin es nich … nich wert, dass du … ich hab keinen Wert … keinen Platz … ich sollte gar nicht existieren. Also warum bist du da?"
Abrupt zog er sie in eine Umarmung, die sie verstummen ließ. Sekundenlang hielt er sie einfach nur fest, ohne dass ein Wort fiel, bevor er sagte: „Jack, du glaubst das doch nicht ernsthaft, oder? Wie kommst du darauf, dass du nichts wert bist, dass du nicht existieren solltest?"
Das Entsetzen in seiner Stimme überraschte sie nicht wirklich; jeder wäre wohl entsetzt, so etwas zu hören. Umso schmerzhafter war es, dass diese Worte wahr waren. „Ich bin ungewollt", antwortete sie leise, „ich und Ian. Wir sind am Leben geblieben, aber wir hatten kein Ziel, keinen Zweck. Wir waren einfach nur da. Jetzt haben wir zwar eine Aufgabe, aber … diese Aufgabe hat nichts mit uns persönlich zu tun. Wir sind Exorzisten, Waffen, die gebraucht oder gelagert werden. Nicht mehr und nicht weniger. Sag mir, wenn man mich nicht um meiner selbst willen braucht, warum sollte ich dann am Leben bleiben?"
Lavi löste sich von ihr und hielt sie wieder auf Armeslänge fest; sein Entsetzen spiegelte sich auch in seinen Augen. „Bist du wahnsinnig? Wie kommst du auf so was? Wolltest du etwa dein Leben einfach so wegwerfen, weil du glaubst, niemand hier würde dich brauchen, und nur dich? Jetzt will ich dir mal was sagen: Es verletzt mich persönlich, dass du so denkst. Glaubst du etwa, ich bräuchte dich nicht – sieh mich nicht so überrascht an, das tue ich tatsächlich." Er brachte sein Gesicht auf Augenhöhe mit ihrem, keine drei Zentimeter von ihr entfernt.
„Ich bin absolut verrückt nach dir", fuhr er leise fort, „und nur nach dir, aber das siehst du nicht einmal. Ich will für dich da sein, wenn du mich brauchst, wenn du Angst hast – auch wenn es vielleicht manchmal nicht leicht ist, das ist kein Grund, es nicht zu versuchen." Sanft strich er durch ein paar lose Strähnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten. „Du machst es mir nicht leichter, wenn du dir nicht von mir helfen lässt, wenn du leidest; mehr noch, es tut mir selbst weh, dich leiden zu sehen. Ich habe es dir einmal gesagt und ich sage es dir wieder: Eher würde ich mir selbst die Hand abschlagen als dir wehzutun. Ich will nicht sehen, dass dich jemand verletzt, und noch weniger will ich selbst daran schuld sein. Und ich werde das noch um einen Zusatz erweitern: Lieber würde ich mir alle Probleme dieser Welt aufbürden, als sie auf deinen Schultern zu sehen. Und wenn nötig, dann sage ich dir das ab jetzt jeden Tag, solange, bis du es verstanden hast."
Lavi überwand den letzten Abstand zwischen ihnen und legte sanft seine Lippen auf ihre, ihr Gesicht zwischen seinen Händen.
Alles, was Jack sagen wollte, all ihre Gedanken erstarben auf der Stelle. Ihre Knie wurden weich, als alle ihre Aufmerksamkeit von der lästigen Aufgabe des Stehens auf seinen Mund auf ihrem konzentriert wurde. Sie war viel zu aufgewühlt, um sich zu wehren, um daran zu denken, dass das eigentlich nicht sein sollte, viel zu vertieft in den Kuss, um überhaupt irgendetwas außer diesem wahrzunehmen. Vage bekam sie mit, wie sie die Hände in den Stoff auf seinem Rücken krallte, als sie die Wand hinunter zu rutschen drohte, weil ihre Beine sie nicht mehr trugen; genauso am Rande ihres Bewusstseins passierte es, dass Lavi sie gegen die kalte Steinwand presste und sein Knie zwischen ihre schob, um sie auf gleicher Höhe mit ihm zu halten.
Und hier legen wir eine kurze, zweiwöchige Pause ein :D Nachträglich einen frohen 4. Advent und schon mal frohe Weihnachten euch allen!
Bleibt mir gewogen *mit weihnachtskeksen wink*
