Sooo, hier ist ein neues Chap und auch eine neue Mission :D Gehen wir es an.

sternenhagel: Jaaa, jetzt fängt die Mission an :D Ich hoffe, sie gefällt dir, es kommt sogar Kanda vor xD *gemüselasagne verputz*

Rated: T

Disclaimer: Alles gehört Katsura Hoshino. Meine OCs gehören mir, aber an denen verdiene ich nichts.


1.23 Ich will kein Truthahn sein!

Der Morgen graute mit Horror. Es war einer der Morgen, bei denen man glaubte, dass der Tag selbst nicht anbrechen wollte. Die Zwillinge konnten es ihm nachfühlen. Sie hatten zu viel durchgemacht, um zurückzukehren, aber es blieb ihnen keine Wahl.

Noch dazu als Frauen. Ian rümpfte die Nase. Die Leute in der Verwaltungsabteilung und der Wissenschaftsabteilung hatte ganze Arbeit geleistet; in ihren Koffern steckte Kleidung für mindestens zwei Monate und sie hatten versprochen, noch mehr nachzuliefern, da junge Damen ja immer Kleider brauchten.

Zwei Monate! Er war der festen Überzeugung, schon nach den ersten zwei Stunden auf dem hohen Damenabsatz kehrtmachen und in die tröstliche Sicherheit des Ordens fliehen zu wollen! Mal abgesehen davon, dass er sich in diesen Kleidern gar nicht bewegen konnte; diese eigneten sich nicht für die Flucht a lá Hals-über-Kopf, die er sich ausmalte.

Er steckte in so vielen Schichten Kleidern, dass er sich vorkam wie eine Zwiebel. Die Kinderkleider waren schon schlimm gewesen, aber junge Damen schleppten mindestens zwei Tonnen Stoff mit sich herum! Die ganze Unterwäsche an sich war ja noch nicht so schlimm: Zarte Strümpfe aus hauchdünner Spitze, eine lange, rüschenbesetzte Hose - „Wer sollte mir bitte schön unter den Rock gucken!" - ein genauso grausam verunstaltetes Hemd. Aber dann kam das Korsett aus Walfischknochen, das schlimmste Folterwerkzeug, das sich die Menschheit je ausgedacht hatte (und Ian war überzeugt davon, dass dieses auf dem Mist eines Mannes gewachsen war). Er war so fest darin eingeschnürt worden, dass er vermutlich schon blau im Gesicht war - was erklärt, warum alle jungen Damen sich so dick einpudern, dachte er zynisch.

Eigentlich war dieses ja dafür gedacht, die weiblichen Rundungen zu betonen und eine schöne Linie zu machen, aber das ging schlecht, wenn man sich als Junge verkleidet hatte. Er war ja nur dankbar dafür, dass sein Kleid nicht so tief ausgeschnitten war wie Jacks, sondern züchtig den gesamten Busen verhüllte, sodass er sich keine Sorgen darum machen musste, ob der Busen darunter nun echt war oder nicht.

Jack musste - als unverheiratete Dame - in ihren Abendkleidern einen falschen Busen tragen, damit man sie nicht als der Junge erkannte, der sie in Wirklichkeit gar nicht war. Ein Mädchen, das sich als Junge verkleidete, der als Mädchen verkleidet war. Es wäre zum Schießen gewesen, wenn Ian nicht in dem gleichen Dilemma stecken würde.

Und zum Abschluss noch Handschuhe, Schmuck, Hut, Make-up, Parfüme, Schuhe - Schuhe! Dass diese Dinger sich Schuhe schimpfen durften, war eine Beleidigung für alle Schuhe der Welt! Gemacht für kleine Damenfüßchen, passten sie Ian sogar, weil er keine Quadratlatschen hatte wie ein echter Mann, aber sie waren trotzdem unbequem wie die Hölle. Und die hohen Absätze, die angeblich die Haltung anmutiger machen und die Beine vorteilhafter hervorheben sollten - „Welche Beine? Die sieht niemand!" - waren bestimmt auch die Erfindung von Männern, damit die Frauen nicht so schnell davonlaufen konnten.

Ian hatte beschlossen, auf dieser Mission alles furchtbar zu finden, und deswegen war auch das Kleid, das eigentlich ganz hübsch war - dank der weiblichen Mitarbeiterinnen - einfach potthässlich. Der creméweiße Rock war hässlich, die strahlend weiße Bluse auch, genauso wie der pflaumenfarbene Überrock, der gleichzeitig die tief ausgeschnittene Jacke seines Kostüms bildete, mit an den Schultern gepufften Ärmeln. POTT.HÄSSSSSLISSSCCCHH. Der Hut in der gleiche Farbe mit der großen Pfauenfeder. Die creméweißen Handschuhe. Die Kameè am Halsansatz, die die vielen, winzigen Rüschen der Knopfleiste seiner Bluse zierte. Der Amethystring an seinem linken Ringfinger. Alles furchtbar.

Ebenso Jacks Gewand, das im gleichen Stil geschnitten war, aber statt in creméweiß und pflaumenfarben in smaragdgrün und dunkelblau gehalten war. Auch der Saphir an ihrer rechten Hand. Jack war nie schöner und femininer gewesen, aber in Ians Augen war es einfach G.R.A.U.E.N.H.A.F.T.

Allens schlichtes Gewand in weiß und grau, mit der roten Schleife. Abscheulich.

Kandas Gewand, ganz in schwarz und mitternachtsblau. Ian musste kurz Spucke sammeln, bevor er auch nur in Gedanken 'Hässlich' sagen konnte. Ganz leise und verstohlen.

Sie waren ein Schautrupp der Hässlichkeit.

Hör auf, so herumzustolzieren. Du führst dich auf wie ein Pfau auf der Balz.

Prompt blieb Ian mit dem Ansatz hängen und strauchelte. Ich stolziere nicht, fuhr er Jack wütend an und fauchte dabei in Gedanken wie eine Katze. Aber soll ich lieber humpeln wie ein angeschossener Truthahn?

Weder das eine noch das andere. Geh so, wie du es im Unterricht gelernt hast.

Ian schnaubte in Gedanken. Der Unterricht ihrer Eltern, für den nur die besten Lehrer herangezogen wurden, war ihm auch heute noch lebhaft in Erinnerung. Es war leicht, wieder die gleiche Anmut an den Tag zu legen wie damals, aber das Unternehmen 'Anmut' scheiterte leider an Ians Unwillen.

Willst du auffliegen?

Nein, und das weißt du genauso gut wie ich. Aber ich will da auch nicht wieder hin.

Ich auch nicht. Aber jetzt ist es zu spät, um umzukehren.

Was ist mit dir los? Gestern warst du so vehement dagegen, aber heute resignierst du schon wieder.

Ich bin der Meinung, je besser wir schauspielern, desto schneller kommen wir dem Übeltäter auf die Schliche und können wieder verschwinden.

Da hast du Recht. Aber ich muss es nicht mögen.

Das tue ich auch nicht.

Zum Teufel, hör auf, so verdammt reif und erwachsen zu klingen! Du bist sonst auch nicht so vernünftig!

Er spürte Jacks Gleichgültigkeit und wusste, dass sie das nur tat, damit er sich aufregte. Es machte ihn wahnsinnig, wenn sie das machte, genauso wie es umgekehrt sie wahnsinnig machte, wenn er sich so gleichgültig gab.

„Kommt ihr?", fragte Allen vor ihnen und sie nickten rasch und schlossen zu der Gruppe auf. Es war ihr offiziell erster Tag in London - angekommen waren sie schon gestern Abend, aber das zählte nicht - und sie machten einen Spaziergang im Park, damit die Leute sie sehen konnten und wussten, dass die Gerüchteküche gerade frische Zutaten geliefert bekommen hatte.

„Kanda, du solltest deiner Frau eigentlich deinen Arm anbieten", zischte der weißhaarige Brite, dessen Haare genau wie Ians und Jacks unter einer schwarzen Perücke verschwunden waren. „Um den Schein zu wahren."

„Mach dir um deine eigenen Arme Gedanken, wenn du sie noch länger haben willst", knurrte der Japaner zurück, zog aber Ians Hand auf seinen Unterarm.

Ian geriet für einen Moment aus dem Takt, fing sich aber wieder, bevor er eine undamenhafte Bruchlandung hinlegte. Er war nur froh, dass sie diese Komödie nur aufführen mussten, bis sie die Kutsche erreicht hatten, denn langsam, aber sicher wurde ihm verdammt heiß. Außerdem kribbelten seine Finger, dort, wo sie auf Kandas Arm lagen. Zugegeben, es befanden sich mindestens drei Lagen Stoff zwischen ihnen, aber er konnte die Körperwärme des Japaners spüren und sie stieg ihm mit jedem Schritt mehr zu Kopf. Und so dicht neben ihm konnte er auch riechen, dass Kanda sich standhaft geweigert hatte, das schwere Herrenparfüm zu verwenden, das man ihm hatte aufdrängen wollen. Sein Duft – Ian schluckte - war wie immer klar und frisch; unparfümierte Seife, klares Wasser und Kandas eigener Duft …

… der zugegebenermaßen ein wenig nach Schweiß roch, aber das war auch kein Wunder. Kanda schwitzte vermutlich fast so sehr wie er selbst unter der sengenden Sonne und in den teuren, aber auch schweren Stoffen. Und Ian hatte nichts gegen den Geruch; er störte ihn kaum. Leider minderte er auch nicht den Effekt, den der Japaner auf ihn hatte -

Jetzt humpelst du wirklich wie ein angeschossener Truthahn, waren Jacks amüsierte Gedanken in seinem Hinterkopf zu hören. Und hör auf, ihn so anzustieren. Du siehst aus wie ein wahnsinniger Massenmörder.

Kümmer dich um deinen Kram!, versetzte Ian eingeschnappt, wandte aber sofort den Blick ab.

Bald hatten sie die die Kutsche erreicht und stiegen ein, um wieder zum Stadthaus ihres ‚Verwandten' zurückzufahren. Sobald sich die Kutschentür hinter ihnen schloss, atmeten alle erleichtert auf und fingen an, an diversen Kragen zu ziehen, Krawatten zu lösen und sich mit Fächern Luft zuzufächeln.

Ian fächelte, als ginge es um sein Leben. Nun musste er auch noch neben Kanda sitzen. Vom Knie bis zur Schulter presste sich Kandas Seite an seine eigene – das war viel, viel schlimmer als im Park!

Ian fragte sich, womit er dieses Martyrium verdient hatte. Sicher nicht, weil er ein paar Leute beklaut hatte. Nein, das reichte nicht, um ihm diese Strafe aufzuerlegen. Er musste irgendetwas furchtbar Gotteslästerliches begangen haben, von dem er nichts wusste. Bestrafte ihn Gott vielleicht dafür, dass er nicht an ihn glaubte? Aber wie konnte ihn jemand bestrafen, den es seiner Meinung nach gar nicht gab? Oder steckte jemand anderes dahinter?

Ian war inzwischen alles egal; ob nun Gott oder Teufel dafür verantwortlich war, ob er sich durch das orkanartige Fächeln die Frisur der schwarzen Perücke ruinierte, ob Allens Perücke auf seiner anderen Seite dadurch langsam, aber sicher von seinem Kopf rutschte, vielleicht, weil sie das Schicksal von Ians Perücke nicht teilen wollte (alles eine Frage der Fächeltechnik, Leute) ob Jack ihn inzwischen wieder mit einem Pfau oder sein Gesicht mit dem roten Hintern eines Pavians verglich – alles egal! Er wollte nur noch raus aus dieser dreimal verfluchten Kutsche!

Nach einer endlosen Viertelstunde, in der Ians Gesicht mindestens fünf verschiedene Schattierungen von Rot angenommen hatte, erreichten sie endlich das Haus. Aber damenhaft – er hasste dieses Wort inzwischen bis aufs Blut - musste er sitzenbleiben und darauf warten, dass Kanda ausstieg und ihm dann aus der Kutsche half. Dann wieder seine Hand auf dessen Unterarm legen und sich von ihm die Treppe hinaufgeleiten lassen.

Als sich die Tür des Hauses hinter ihnen schloss, riss Ian die Hand von Kandas Unterarm, als hätte er sich verbrannt, stürmte wortlos die Treppe in den ersten Stock hinauf, trat fast auf den Saum seines Rocks und fiel der Länge nach hin, stolperte den Gang entlang in das Zimmer, das er mit Kanda bewohnte, riss die Tür auf, knallte sie hinter sich wieder zu, sperrte ab, bis der Schlüssel sich nicht mehr drehen ließ, riss sich Handschuhe und Hut vom Leib, raste zur Anrichte, stieß sich dabei den großen Zeh am Bettpfosten, brüllte aus Leibeskräften, fluchte wie ein Brauereikutscher und tauchte sein Gesicht in die Waschschüssel auf der Anrichte, wo er seine Flüche im Wasser ertränkte.

Jack, Allen und Kanda standen sprachlos am Fuß der Treppe, während sie Ian oben im ersten Stock wüten hörten.

„Alles in Ordnung mit ihm?", fragte Allen schließlich unsicher. Er sah Jack an, als zweifle er an der geistigen Gesundheit ihres Bruders.

„Ach, er ist nur wütend wegen dieser ganzen Scharade", wiegelte Jack ab. „Und verletzt in seinem männlichen Stolz, weil er ein Mädchen spielen muss."

Weil englische Ladys ordentlich sprachen, mussten Ian und Jack auf ihren derben Dialekt verzichten und waren nun um einiges verständlicher. So konnte Allen nur stumm nicken und Jacks Ausrede akzeptieren. Schließlich ergab sie ja auch Sinn.

Kanda stampfte die Treppe hinauf und kurze Zeit darauf war deutlich zu vernehmen, wie er brüllte: „Mach die Tür auf, sonst mach ich sie auf!"

„Einen Moment!", gab Ian gereizt zurück.

„Sofort!"

„Nein! Jetzt! Nicht!"

„Mach! Auf!"

„Scher dich zum Teufel!"

„Wo zur Hölle ist mein katana?"

„Das wagst du nicht!"

„Da kennst du mich aber schlecht!"

„Wir sind hier nur Gäste! Du kannst nicht rumlaufen und Türen demolieren!"

Ein deutlicher Tritt gegen hartes Holz war zu hören. „Dann mach auf!"

„Warum sollte ich?"

„Weil das auch mein Zimmer ist!"

„Na und? Ich will jetzt meine Ruhe haben!"

„Dann geh woandershin!"

„Geh du doch!"

„Nein! Mach auf!"

„Nein!"

Allen schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Das geht jetzt noch Stunden so weiter, nicht?", wandte er sich an Jack, während die beiden oben weiterstritten.

„Nicht, wenn die Nachbarn die Polizei rufen", meinte die trocken und ging nach oben. Während sie die Treppe emporstieg, versuchte sie zu Ian durchzudringen, aber er wollte partout nicht die Tür öffnen.

Wenn du nicht sofort aufmachst, dann mach ich auf, drohte Jack. Und im Gegensatz zu Kanda lass ich die Tür dabei ganz, dann kann ich euch beide nachher da drin einsperren.

Ich will ihn nicht hier drin haben!

Du hast es nicht anders gewollt. Jack hatte die Zimmertür erreicht und trat neben Kanda. „Darf ich?", fragte sie freundlich.

Wütend fuhr der Japaner zum nächsten Opfer seines Zorns herum. Wenn er schon ein Zimmer mit Ian teilen musste, dann konnte man doch wenigstens erwarten, dass er dieses auch betreten durfte, oder? Er wollte nichts lieber als sich aus diesen schweren und einengenden Klamotten befreien und ein wenig Zeit zum Durchatmen finden. Er hatte nicht erwartet, dass er mit Ian in einem Zimmer viel Ruhe finden würde, aber dass dieser ihn gleich am ersten Tag aussperren würde, war des Guten zuviel.

„Und was willst du jetzt?", fuhr er Jack an.

„Immer mit der Ruhe. Heute will ich dir mal helfen", meinte Jack ruhig und zog ihre Dietriche aus der kleinen Tasche, die sie am Arm trug. Auf die hatte sie nicht verzichten wollen; nun waren sie auch zu etwas gut.

Undamenhaft hob sie die Röcke bis zu den Knien, damit sie nicht schmutzig wurden – so viel Anstand hatte sie noch - und kniete sich vor die Tür. Nach zehn Sekunden schwang die Tür auf.

Beide, Kanda und Jack erstarrten.

Ian kniete ebenfalls, allerdings in einer noch undamenhafteren Position als Jack. Alles, was von ihm zu sehen war, waren die blütenweißen Unterröcke, der creméweiße Rock, der pflaumenblaue Überrock, die weißen Strümpfe und die pflaumenblauen Stöckelschuhe; der Rest von Ian war unter dem Bett verschwunden. Ab und an waren Flüche unter der Matratze zu hören.

Als Ian die Handschuhe ausgezogen hatte, hatte er den Ring mit dem Amethyst vergessen. Der war auf den Boden gefallen und unters Bett gerollt, wo er jetzt lag und sich weigerte, sich von Ian hervorholen zu lassen. Also hatte Ian die Streitpause mit Kanda genutzt, um halb unters Bett zu kriechen und zu versuchen, den Ring darunter hervorzuholen.

Als er den kleinen Schlingel endlich zu fassen bekam, hörte er in seinem Kopf Jacks amüsierte Stimme: JETZT siehst du noch mehr wie ein Pfau aus. Erschrocken zuckte er zusammen, knallte mit dem Kopf gegen das Bettgestell und fiel bäuchlings zu Boden.

„Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, dann behalte es für dich", brummte er missmutig, dann spürte er zwei Hände um seine Fußknöchel und wurde unter dem Bett hervorgezogen.

Jack und Kanda beugten sich über ihn. „Und das kommt ausgerechnet von dir?", grinste seine Schwester. „Du hast vorhin ziemlich viel gebrüllt, dass du besser für dich behalten solltest."

„Wie seid ihr überhaupt reingekommen?", fragte Ian, um von dem leidigen Thema abzulenken.

„Du vergisst, dass ich meine Dietriche immer bei mir trage", meinte Jack belustigt.

„Das nächste Mal klemm ich einen Stuhl unter die Klinke."

„Dann findet sich sicher jemand mit einem Schwert, der die Tür damit öffnet", gab Jack ungerührt zurück.

Ian brummte etwas unverständliches, aber mit Sicherheit undamenhaftes in seinen nicht vorhandenen Bart und versuchte, sich aufzusetzen, was nicht so ganz funktionierte. Kanda hatte seinen Knöchel zwar ziemlich schnell wieder losgelassen, aber Jack war nicht so freundlich. „Würdest du bitte?", knurrte Ian so unhöflich, dass er sich das 'Bitte' eigentlich auch sparen hätten können.

„Immer doch, Schwesterherz", erwiderte Jack übertrieben freundlich und ließ Ians Knöchel los, sodass dieser sich aufsetzen konnte. Vom Boden aufstehen ließ sich in dem Kleid schon erheblich schwieriger bewerkstelligen, aber Jack half ihm auch damit. „Am besten ziehst du das Kleid aus", meinte seine Schwester. „Du bewegst dich darin wie ein-"

„Sag es nicht!"

„-Truthahn."

Ian knurrte. Er sah es ein, dass er das Kleid besser loswurde, aber er spielte die Rolle der wohlerzogenen Dame und musste das durchziehen – außerdem stand Kanda immer noch am Waschbecken und wusch sich ungerührt die Hände; er hatte es leichter, er konnte Jackett und Weste ausziehen und die Krawatte ablegen. Mit den obersten Hemdknöpfen geöffnet atmete er wesentlich leichter.

Hör auf, dir das vorzustellen.

Was stell ich mir denn vor?

Ihm das Korsett anzuziehen, damit er weiß, wie du dich fühlst. Mitleid wird er deswegen nicht mit dir bekommen.

Man wird ja wohl noch träumen dürfen. Hilfst du mir wenigstens?

Jetzt klang Ian wehleidig. Jack trug das gleiche schwere und unangenehme Kleid und fühlte sich genauso unwohl darin, aber sie beschwerte sich nicht. Und sie musste ihr Zimmer gleich mit zwei Jungen teilen – Allen und Eric, weil sie ja einen Butler brauchten. Da hatte man zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen und alle drei im geichen Zimmer einqartiert, was unglaublich praktisch für ihre Gastgeber war. Weniger für Jack, die sich vor Allen und Eric verstecken musste.

In dem Moment kam Allen durch die immer noch offene Tür ins Zimmer. „Das hier wurde gerade für uns abgegeben", sagte er und wedelte mit einem Brief, auf dem in feinen, geschwungenen Buchstaben eine Anschrift stand. „Wie es aussieht, hat sich unsere Anwesenheit schneller herumgesprochen, als wir erwartet haben."

„Wieso, was steht'n da drin?", fragte Ian, was ihm einen Seitenblick von Jack einbrachte. „Was steht denn da drin?", wiederholte er die Frage missmutig.

„Wir sind für heute Abend auf einen Ball eingeladen. Ein äh... Lord Harkis lädt uns sehr herzlich zu unserem ersten Ball in London ein. Dabei ist das erst unser zweiter Tag hier."

„Das wird dann wohl seine Gattin sein", meinte Jack und nahm Allen den Brief aus der Hand, um ihn sich selbst durchzulesen. „Ja, 'Im Namen meiner Familie'. Der Ärmste wurde von seiner Frau gezwungen, wildfremde Leute einzuladen."

„Das heißt, noch unangenehmere Kleider." Ian ließ sich mit einem dramatischen Stöhnen aufs Bett fallen; sein Reifrock hob die Röcke, die er bereits trug, auf imposante Weise hoch.

Ein paar Sekunden lang sagte niemand etwas.

„Hört auf, dem Truthahn unters Kleid zu schauen!"


Guter Anfang, schlechter Anfang? Grauenvoller Anfang, noch schlimmerer Anfang? Sagt was xD

Ich antworte euch dann in zwei Wochen. Bleibt mir bis dahin gewogen.