Sie hat sich mehr gewünscht. Schreiten wir ohne weitere Umschweife zur Tat.

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Disclaimer: Gehört alles Katsura Hoshino - bis auf das, was ich erfunden hab (und womit ich natürlich kein Geld verdiene).


1.26 Inflationär

Ian schloss die Zimmertür hinter sich und drehte sich um. Ihre Gastgeber hatten sich nichts dabei gedacht, ihn und Kanda in einem Zimmer unterzubringen, und so schlimm fand er das auch nicht. Die Tatsache, dass es in ihrem Zimmer nur ein einziges Bett gab, war viel schlimmer.

Kanda schien bereits zu schlafen. Genau konnte er es nicht erkennen, da der Exorzist ihm den Rücken zugewandt hatte, aber er rührte sich nicht, als Ian zum Bett hinüberging und die Decke anhob, um sich ebenfalls hinzulegen. Auf der anderen Seite des Bettes, versteht sich.

IAN!

Er zuckte heftig zusammen und ließ die Decke wieder fallen. Jack. Da stimmte etwas nicht. Mit zwei großen Schritten war er wieder bei der Tür, riss sie auf und achtete nicht darauf, dass sie krachend wieder ins Schloss fiel, als er den Gang entlang stürmte. Ian riss auch die Tür zu Jacks Zimmer stürmisch auf und erstarrte im Türrahmen, bevor er überhaupt nur ein einziges Wort herausgebracht hatte.

Allen und Eric saßen auf ihren Betten, Jack auf dem Boden und alle drei blickten auf, als er hereinkam, und sahen ihn dann sehr schuldbewusst an. Ein Blick auf Jacks offen stehendes Hemd sagte ihm alles, was er wissen musste.

Ians Miene verdüsterte sich und er zog die Tür hinter sich zu, diesmal wesentlich leiser. „Bedeck dich endlich", murrte er und ging in die Hocke, um seiner Schwester die verhedderte Krawatte von den Füßen zu ziehen.

„Es tut mir leid, Ian."

„Konntest du nicht besser aufpassen?"

„Ich bin gestolpert. Woher sollte ich wissen-"

„Ich wiederhole es noch einmal: Konntest du nicht besser aufpassen?"

„Es war dunkel."

„Ausflüchte machen es auch nicht rückgängig. Du hättest besser aufpassen sollen."

„Ähm …"

„Ja, Allen?"

„Ian, wieso habt ihr uns das verschwiegen?"

„Das hat euch nicht zu interessieren."

„Jack ist ein Mädchen und das hat uns nicht zu interessieren?"

„Genau. Und ihr werdet kein Wort darüber verlieren."

„Werden wir nicht?"

„Werdet ihr nicht, wenn euch eure Zungen lieb sind."

„Ian …"

„Nein, Jack, halt dich da raus. Nur weil du nicht aufgepasst hast, sind wir jetzt in diesem Schlamassel, also hast du überhaupt kein Mitspracherecht."

„Ich finde, du gebrauchst dieses Wort ziemlich inflationär."

„Ich finde deinen Gebrauch des Wortes inflationär ziemlich inflationär."

Ian stand auf und taxierte Allen und Eric. „Ihr werdet euch weiterhin so verhalten, als wüsstet ihr von nichts, und Jack wie einen Jungen behandeln. Das ist besser für euch und für uns."

Allen sah den anderen Exorzisten nur verblüfft an, aber Eric hatte noch etwas zu sagen. „Es ist nicht richtig, das geheimzuhalten. Ihr belügt uns und alle anderen Mitglieder des Ordens. Ihr missbraucht unser Vertr-"

„Was richtig ist und was nicht, das hast du nicht zu entscheiden", fuhr Ian ihn mit schneidender Stimme an, wobei er den Umstand ausnutzte, dass Eric saß, um drohend über ihm aufzuragen. „Jack ist meine Schwester und ich beschütze sie, das ist richtig. Und wie ich das tue, geht euch nichts an. Tut einfach so, als hättet ihr nie gesehen, was ihr gesehen habt, und lasst meine Schwester in Ruhe, das ist auch richtig. Um das Warum kümmere ich mich."

„Linali und Lavi wissen es auch."

„Jack!"

„Was denn? Dann müssen sie wenigstens den beiden nichts vorspielen. Außerdem schweigen Lavi und Linali auch darüber, also können sie das auch." Jack stand ebenfalls auf, den Ausschnitt ihres Hemdes mit einer Hand zusammengerafft. „Die beiden haben akzeptiert, dass wir unsere Gründe haben, es geheimzuhalten, dann können Allen und Eric das auch. Oder?", wandte sie sich an die beiden Jungen.

Allen war wesentlich schneller damit, bestätigend zu nicken, als Eric. Ian musste sich damit zufrieden geben, dass sie ihr Wort halten würden, auch wenn es ihm nicht passte.

Mit einem letzten wütenden Blick in Richtung seiner Schwester – der auch ein paar sehr deutliche gedankliche Zurechtweisungen enthielt – verschwand er wieder und ließ die drei alleine zurück.

Jack verschwand so schnell in ihrem Bett, dass Allen und Eric nur einen huschenden Schatten sahen. Einen Augenblick später war von ihr nur noch der dunkle Haarschopf zu sehen, der zwischen dem weißen Kissenbezug und der ebenfalls weißen Decke wie ein dunkler Abgrund aussah.

Der weißhaarige Exorzist fasste sich schneller wieder. „Wir sollten schlafen gehen", erklärte er nüchtern und blies die Kerze aus. Allerdings dauerte es sehr lange, bis auch nur einer der drei einschlief. Denn obwohl jeder von ihnen seinen eigenen Gedanken nachhing, dachten alle drei über das gleiche nach.

oOo

Ian trat sehr fest auf, polterte geradezu über den Flur. Mit jedem Schritt verpasste er dem Boden einen wütenden Tritt, obschon es eigentlich Jack war, die seine Wut verdiente. Hatte sie sich schon wieder verraten! Durch so ein dummes Missgeschick! Die Zahl der unfreiwilligen und unerwünschten Mitwisser wurde mit jedem Tag größer, kam es Ian vor.

Missmutig riss er die Tür zu seinem und Kandas Zimmer auf und warf sie hinter sich wieder ins Schloss. Der Japaner lag schon im Bett, mit dem Rücken zur Tür, und drehte sich nur um, um Ian einen finsteren Blick zuzuwerfen, weil der Junge so viel Lärm machte.

„Ja, 'tschuldige", knurrte Ian patzig und nicht sehr reuevoll und stiefelte zu seiner Hälfte des Bettes hinüber.

Das Doppelbett, das man ihnen zur Verfügung gestellt hatte, war gleich nach ihrer Ankunft aufgeteilt worden: Ian hatte bei seinem Anblick sofort die Hälfte beschlagnahmt, die näher bei der Tür lag, und Kanda hatte es stillschweigend und teilnahmslos hingenommen. Es hätte allerdings größer sein können, war der Gedanke, der beiden durch den Kopf gegangen war, und jetzt hätte Ian Kanda am liebsten bis auf die andere Straßenseite gewünscht. Er war viel zu aufgewühlt und fand einfach keine Ruhe; stundenlang, so schien es ihm, wälzte er sich von einer Seite auf die andere, ohne Schlaf zu finden.

Das lag nicht nur an dem Japaner neben ihm, der ihn sowieso viel zu empfindlich machte, sondern auch daran, dass er so wütend auf Jack war. Er spürte, dass sie auch noch nicht schlief, aber er versperrte sich vor ihren ruhelosen Gedanken, die von ihrem Bewusstsein in seines sickerten. Wenn es so weiter ging wie bis jetzt, dann konnten sie morgen zu Komui gehen und eine Pressekonferenz vor dem gesamten Orden halten, auf der sie ihr Geheimnis verkündeten. Seine Schwester war viel zu nachlässig geworden, seitdem sie dem Orden beigetreten und Exorzisten geworden waren.

Wieder drehte er sich unruhig auf die andere Seite und rollte sich auf den Bauch. Im nächsten Moment sah er Sterne und ein stechender Schmerz fuhr durch seinen Kopf. „Bist du weich in der Marille?", fauchte er Kanda mit Tränen in den Augen an. „Was soll denn das?"

„Wenn du nicht endlich still bist, bekommst du noch ein paar", gab der Exorzist drohend zurück und hob Mugen zur Warnung hoch. „Schlaf endlich. Das ist ja nicht auszuhalten."

„Kümmer dich doch um deinen eigenen Kram", versetzte Ian patzig.

„Das würde ich gerne, aber du störst mich dabei", erwiderte Kanda und legte das Schwert beiseite. Er legte sich wieder hin, das Gesicht zum Fenster hin- und von Ian abgewandt, und ignorierte die Todesblicke in seinem Rücken.

Schmollend wandte sich Ian ebenfalls ab. Wenn jede Nacht so verlief, dann konnte er sich gratulieren. „Dann eine gute Nacht, mein Göttergatte", sagte er noch sarkastisch.

„Klappe."

oOo

Der Vormittag war keine Zeit für die High Society von London. Man stand prinzipiell nicht zu Uhrzeiten auf, die sich nur im einstelligen Bereich befanden, und vielleicht nicht einmal vor der Mittagsstunde. Das gab den Exorzisten viel Zeit, um sich auszuschlafen, bevor sie von ihren Gastgebern geweckt wurden.

Jeder von ihnen hatte nun anderen Verpflichtungen nachzugehen. Während Ian und Jack sich wieder in ihre viel zu kleinen Rüstungen zwängten, um der Einladung zum Tee zu folgen, musste Kanda alleine zum Carlton Club aufbrechen und Allen es über sich ergehen lassen, zu einem alten Mann geschminkt zu werden. Ein paar Falten und eine Unterrichtseinheit im Gehen, als rolle er über ein Wagenrad, später war er fertig.

Bei den Zwillingen dauerte es etwas länger.

Ohne ein Frühstück einzunehmen saßen sie schließlich in der Kutsche, die sie zu Lady Seymour bringen sollte. Frühstück hätte in diesen Kostümen keinen Platz mehr gefunden.

„Wir werden dort nichts essen können, ohne unsere Korsetts zu sprengen", meckerte Jack in einem fort.

„Sei froh, dass die Mode, Korsetts wie Stundengläser zu schnüren, schon vorbei ist", widersprach Ian. „Diese S-Kurve ist wesentlich bequemer."

„Was du bequem nennst, nennen andere Leute ein Folterinstrument."

„Nur weil du zugenommen hast. … Was?", fragte Ian verwundert, als seine Schwester ihn nur mit offenem Mund anstarrte.

„Ian … das klang jetzt fast wie von einer echten Frau."

„Unter all diesem Stoff steckt ja auch irgendwo eine." Mit gerecktem Kinn zupfte Ian an der bauschigen Schulterpartie seiner sonst eng anliegenden Ärmel.

Jack schnippte gegen die glänzende schwarze Masche, die fast wie eine Fliege aussah, am Halsausschnitt von Ians Bluse. „Schon, aber normalerweise ist sie nicht so zickig."

„Das hat sich ihre Schwester selbst zuzuschreiben", antwortete Ian gelassen und förderte aus der Tasche seines gefältelten, trompetenförmigen Rocks einen kleinen silbernen Handspiegel zutage.

„Das musste gesagt werden, oder?", entgegnete Jack schnippisch und brachte die bauschigen Schultern ihres ähnlich geschnittenen Kostüms besonders gut zur Geltung, indem sie die Arme verschränkte. Wenigstens war dieses Kostüm bis zum Hals hochgeschlossen und sie musste keinen falschen Busen tragen. Das eng geschnürte Korsett schränkte zwar immer noch sehr ein, aber sie hatte zumindest zum Teil das Gefühl, einigermaßen tief einatmen zu können. Tageskleidung war so viel bequemer als Abendkleidung.

„Ja", meinte Ian kurz angebunden und arrangierte ein paar Strähnen der kunstvollen Hochsteckfrisur neu, zu der seine Perücke geformt worden war. „Komm, wir sind da."

Die geschlossene Kutsche hielt ein paar Sekunden später wurde ihnen die Tür geöffnet und sie betraten das Stadthaus von Lady Elizabeth Seymour. Die Gastgeberin trug zwar eine ähnliche Hochsteckfrisur, aber keine Jacke, wie Ian und Jack sie über ihren Blusen trugen. Kein Wunder, sie war auch den ganzen Tag zuhause gewesen und hatte sich ein rosafarbenes Teekleid anziehen können, das an Brust und Rücken mit aufwendigen Stickereien verziert war, die von breiten Rüscken gesäumt wurden, ebenso wie die Enden der ellbogenlangen Ärmel. Die Halskrause reichte bis unter das Kinn, im Nacken zusammengehalten von einer voluminösen Schleife und ebenfalls ausgestattet mit den obligatorischen Rüschen – allerdings in kleinerer Ausführung – am Kragen. Die Stickereien wanden sich in einem Bogen über den Rock, ansetzend ungefähr auf Höhe des Nabels, und teilten den Rock unterstützt von weiteren Rüschen, bis sie auf dem rückseitigen Fußende des Rockes ausliefen und unter einer schmalen gefältelten Schleppe ausliefen. Unter diesem Rock trug die Lady einen weiteren der gleichen Farbe.

Ian und Jack schätzten das Kleidungsstück auf ungefähr das Jahresgehalt eines guten Schneiders. Die anderen anwesenden Damen trugen ähnliche Kostüme wie Ian und Jack, da auch sie mit der Kutsche gekommen waren, und alles in allem sahen die Zwillinge – ihre eigenen Gewänder mit eingeschlossen – ein halbes Vermögen in diesem Raum in Stoff.

Jede von denen hat mindestens zehn Pfund für ihr Kleid ausgegeben, dachte Jack.

Und zwar nur für das Kleid – Schuhe, Unterwäsche und Schmuck nicht mitgerechnet, ergänze Ian.

Die müssen von ihren Familien oder Ehemännern horrende Taschengelder bekommen. Mindestens hundert Pfund in der Woche oder so.

Beginnen wir besser erst gar nicht zu rechnen, wie viel unsere eigenen Kleider gekostet haben.

Oh verdammt, die haben da Törtchen, jammerte Jack im nächsten Moment. TÖRTCHEN, Ian. Verdammt.

Reiß dich zusammen, du nervst, wies Ian seine Schwester zurecht. Konzentrier dich lieber darauf, warum wir hier sind, dann denkst du nicht mehr ans Essen.

Innerlich seufzend setzte Jack ein freundliches Lächeln auf und antwortete höflich auf die Begrüßung ihrer Gastgeberin. Es waren rund ein Dutzend Damen anwesend, verteilt auf mehrere zierliche Sitzmöbel, und alle plauderten leise miteinander, tranken Tee und aßen die Törtchen, bei deren Anblick Jack der Magen knurrte. Zum Glück hatte sich Lady Seymour schon wieder entfernt, um weitere Gäste zu begrüßen, sonst hätte sie das undamenhafte Geräusch gehört.

Beherrsch dich endlich, mahnte Ian gerade, nahm auf einem Stuhl mit so dünnen Beinen Platz, dass Jack nicht wusste, wie er überhaupt sein eigenes Gewicht tragen konnte, und … stieß beinahe die Teetasse um. Jack hob verwirrt beide Augenbrauen und wollte schon nachfragen, aber Ians Blick war starr auf den Türrahmen gerichtet, durch den sie eben selbst noch gegangen waren. Jack drehte sich um.

Oh verdammt.

Ich finde, du gebrauchst diesen Begriff ziemlich inflationär.


Es war sogar ein bisschen Kanda dabei. Bis zum nächsten Mal und bleibt mir gewogen, Leute.