Immer wieder Sonntag - gabs da nicht mal ein Lied? Das ging aber ein bisschen anders, glaube ich. Auf jeden Fall gibts bei mir sonntags immer wieder neue Kapitel.

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Disclaimer: Da ist nichts, was Katsura Hoshino sich nicht ausgedacht hat. Und wenn doch, dann hab ich es mir ausgedacht, und das ist nicht viel.


1.27 Christian

Allen kratzte sich am Kopf. „Eric, findest du das ..."

„Was?"

„Nun ja … richtig?"

„Er war ein Mitglied des Ordens. Er hat schon aufgehört zu existieren, als er dem Orden beitrat."

„Ja, aber seine Sachen wegzuwerfen ..."

„Die wichtigen habe ich doch behalten."

„Und was ist mit den persönlichen?"

Eric sah den jungen Exorzisten mit ruhigem Blick an. „Wieso sollten wir die behalten? Sie wären nur für seine Familie von Bedeutung, aber die wird nie von seinem Tod erfahren. Stell dir vor, er würde zum Akuma wegen ihrer Trauer; sie dürfen es nicht wissen."

Der weißhaarige Junge senkte den Kopf. Es tat ihm leid um den namenlosen Finder, der einen ebenso namenlosen Tod gefunden haben musste und um den nun niemand trauern durfte. Das war gängige Praxis im Orden, aber er konnte sich einfach nicht damit anfreunden.

„Seine Freunde im Orden werden um ihn trauern", sagte Eric tröstend, ehe seine Aufmerksamkeit auf etwas anderes gelenkt wurde.

Sie befanden sich in Spitalsfield, ganz in der Nähe von Whitechapel – genauer gesagt musste man nur diese Straße, die Great Eastern Street, hinunter gehen und man betrat Whitechapel. Am südlichen Ende der Great Eastern Street führte nämlich die Whitechapel High Street nach Nordosten, ging dann in die Whitechapel Road über und dort lag das Herzstück des Elendsviertels: Die St Mary Matfelon Kirche, gemeinhin als St Mary's oder Whitechapel bekannt. Man konnte sie gar nicht verfehlen, denn sie war der Orientierungspunkt schlechthin in dem nach ihr benannten Viertel.

Und in einer Seitenstraße der Whitechapel Road war die Frauenleiche gefunden worden, von der Ian und Jack am Morgen berichtet hatten.

Straßen waren in London eine kniffelige Angelegenheit. Manche waren so breit wie die Great Eastern Street und die Whitechapel Road und boten Platz genug, damit bis zu vier Kutschengespanne nebeneinander über die ungepflasterten Straßen rumpeln konnten, während daneben noch ein schmaler Bordstein aus unebenen Pflastersteine Platz fand, der den weniger mutigen als Weg diente, die sich nicht zwischen den Kutschen hindurchschlängelten.

Andere Straßen waren so schmal wie die Buck's Row, in der Mary Ann Nichols gefunden worden war, und die Beleuchtung dort war so schlecht, dass man erst sah, worauf man trat, wenn man darauf trat. Die Polizei patroullierte dort nicht, die Nachbarn waren taub und blind und die Leiche hätte dort verrotten können, ohne dass es jemandem aufgefallen wäre.

Inzwischen war der Mord natürlich Thema Nummer Eins im London Borough of Tower Hamlets und wurde wieder und wieder durchgekaut, aber was Erics Aufmerksamkeit erregt hatte, war nicht die alte Geschichte von diesem Mord, sondern die Gruppe von Leuten, die um eine Zeitung herumstanden, die einer von ihnen in Händen hielt, und heftig debattierten. Je länger sie dort standen, desto mehr Neugierige kamen hinzu, warfen einen Blick auf die Schlagzeile und begannen, lebhaft mitzudiskutieren.

Schließlich konnte der Finder auch einen Blick auf die Zeitung erhaschen und kehrte mit einem besorgten Blick zu Allen zurück. „Wir besorgen uns besser rasch eine Lloyd's Weekly", sagte er düster und schwieg dann so lange und so hartnäckig, bis sie einen Zeitungsjungen aufgetrieben hatten, der diese Sonntagszeitung verkaufte.

Als sie den Leitartikel gelesen hatten, der direkt unter der fetten Schlagzeile gedruckt worden war, wechselten die beiden einen Blick.

„Das ist doch sicher übertrieben, oder?", meinte Allen zweifelnd.

„Das sind Zeitungsartikel immer, vor allem die aus diesen Pennyzeitungen", meinte Eric verächtlich. „Aber … es könnte etwas wahres dran sein."

„Wir zeigen das besser den anderen."

„Wie denn? Kanda ist im Carlton Club und die Zwillinge sind auf einer Teegesellschaft. Wir müssen warten, bis sie zurückkommen."

„Aber das kann noch ewig dauern."

„Dann schlage ich vor", erwiderte Eric, „du kramst jetzt deine ganze Autorität als Exorzist und dein Abzeichen hervor und wir fragen der Polizei ein Loch in den Bauch."

oOo

Ian … Ian … Ian …

Ja, Herrgott, ich sehe ihn auch. Verhalt dich endlich normal, du bist schließlich Joanne Lyell und du kennst diesen Typen gar nicht.

Jack war wahrhaftig um Contenance bemüht, doch der Mann, der eben zur Tür hereingekommen war, hatte sie genauso geschockt wie Ian. Nur dass ihr Bruder seine Fassung schneller wiedererlangt hatte.

Sie versuchte, nicht hinzusehen, nicht die Veränderungen zu bemerken, die in den letzten Jahren an ihm vor sich gegangen waren, nicht auf seine allzu bekannte Stimme zu hören, als er mit der Gastgeberin sprach. Als diese allerdings damit anfing, ein paar Leute mit ihm bekannt zu machen, brach Jack der kalte Schweiß aus. Lady Seymour kam direkt zu ihr und Ian.

„Ich glaube, ich konnte Ihnen meinen Verlobten noch gar nicht vorstellen", sagte Elizabeth Seymour mit ihrer weichen, melodischen Stimme. „Meine Damen, darf ich Sie mit Lord Hawksblood, dem Earl of Pembroke, bekannt machen? Wir haben uns am Beginn dieser Saison verlobt. Christian, das sind die Verwandten von Viscount Hereford, die vor zwei Tagen in London eingetroffen sind. Joanne Lyell und ihre ältere Schwester Kaneda Iris … oh, habe ich das richtig ausgesprochen? Ich habe gehört, im Japanischen stellt man den Familiennamen voran", sagte sie entschuldigend, weil die Zwillinge sie immer noch mit leerem Blick ansahen und die Lady das als Entsetzen deutete.

„Kaneda?", wiederholte Christian nachdenklich. Seine dunkle Stimme ging beiden durch Mark und Bein. Wie lange war es her, dass sie diese Stimme gehört hatten? In sein Gesicht mit den aristokratischen Zügen, eingerahmt von dunklem, fast schwarzen Haar geblickt hatten? Den Blick seiner ebenso dunklen Augen auf sich gespürt hatten? Früher hatte er die Haare länger getragen und sein Gesicht war von weniger Sorgenfalten gezeichnet gewesen …

„Ja, ihr Mann ist Japaner, nicht wahr, Lady Kaneda?", erzählte Elizabeth Seymour schnell, um die entstandene Pause zu überbrücken.

„Ja … Ja, das ist er", brachte Ian endlich heraus. „Kennen Sie ihn, Lord Hawksblood?"

Jack beneidete ihn dafür, wie leicht ihm der Name über die Lippen zu gehen schien. Sie war sich sicher, dass sie das nicht fertig gebracht hätte.

„Nun, ich komme gerade aus dem Carlton Club", sagte der Earl und den Zwillingen brach erneut der Schweiß aus. Was hatte Kanda jetzt wieder getan, um alle Leute im Umkreis von zehn yards gegen sich aufzubringen?

„Oh, bist du ihm dort etwa begegnet?", fragte Lady Seymour.

„Er kam herein, kurz bevor ich gegangen bin. Verzeihen Sie mir die indiskrete Frage, Lady Kaneda, aber … tragen alle Japaner ihr Haar so lang?"

Nun hätte Jack am liebsten zu lachen angefangen. Von allen Fragen, angefangen bei ihrer wahren Identität bis hin zu den dunklen Perücken, die sie trugen, war das die banalste und abwegigste, die sie sich vorstellen hätte können. Und sie schien der Beweis dafür zu sein, dass Christian keine Ahnung hatte, wer sie waren.

Ian hingegen wurde rot, ein damenhaftes, entzückendes Erröten, bei dem sich Jack erneut fragte, wie er das hinbekam. „Nun, nein", antwortete ihr Bruder verlegen. „Aber ich kann ihn nicht dazu bringen, es abzuschneiden, und ehrlich gesagt … will ich es gar nicht." Das Rot auf seinen Wangen wurde noch tiefer, sodass Jack daran zweifelte, ob auch nur die Hälfte davon gespielt war.

Lady Seymour verpasste ihrem Verlobten einen Klaps. „Siehst du, mit deiner indiskreten Frage hast du meinen Gast in Verlegenheit gebracht. Schäm dich."

„Verzeihen Sie mir", bat Christian Ian. „Das war wirklich nicht meine Absicht. Erlauben Sie mir, Sie und Ihren Gatten zur Wiedergutmachung einzuladen. Übermorgen findet ein kleines Essen anlässlich unserer Verlobung statt und da wäre es nett, jemanden dabei zu haben, der schon ein wenig mehr Erfahrung mit der Ehe hat."

„Das klingt eher nach Eigennutz als nach einer Entschuldigung", mischte sich Jack unerwartet ein, aber keineswegs unfreundlich, eher mit einem gutgemeinten Zwinkern. Sie glaubte vor Lachen gleich zu platzen. Erfahrung in der Ehe.

Halt ja die Klappe. Halt einfach die Klappe, warnte Ian drohend.

„Dann verzeihen Sie mir gleich noch einmal und erlauben Sie mir, die Einladung auf Ihre Schwester auszuweiten", erklärte Christian mit dem leisesten Anflug eines Lächelns, wie Jack es früher so selten bei ihm gesehen hatte. „Sie scheint mir geeignet dafür, meiner Verlobten dabei zu helfen zu vermeiden, dass ich mich vollends blamiere."

„Oh, nun …", erwiderte Ian zögerlich und sah Lady Seymour ein wenig verlegen an. „Sie müssen wissen, mein Mann hatte ihr eigentlich versprochen, dass er sie an diesem Abend zu einer Kutschfahrt in den Hyde Park mitnehmen würde … Natürlich könnte Viscount Hereford diese Verpflichtung übernehmen, da er sich in der Stadt besser auskennt, aber ich würde die Kutschfahrt nur ungern ganz absagen. Joanne hat sich schon sehr darauf gefreut."

Habe ich das?

Oh ja, hast du.

„Schon sehr darauf gefreut", betonte Jack ein wenig hölzern.

Wenn das mal nicht die dickste Lüge des Jahrhunderts war. Wie Ian so etwas erzählen konnte, ohne dabei wieder rot zu werden, war Jack ein Rätsel. Erstens: Als ob sie sich darauf freuen würde, etwas mit Kanda zu unternehmen. Zweitens: Als ob Kanda sich zu so etwas überreden ließe. Drittens: Als ob sie ihren ganzen Abend damit verbringen wollte, eingesperrt in einen Zweispänner Bäume und Wiesen zu betrachten. Und Viscount Hereford würde sie auch schief ansehen, wenn sie ihn um so etwas bitten würden. Aber noch weniger wollte sie in Christians Elternhaus einkehren.

„Nun …", meinte Elizabeth Seymour nachdenklich. „Christian, du hast das Angebot bereits gemacht, aber du stellst mich damit vor die Herausforderung, nun noch einen Tischpartner für die Dame zu finden, und wenn sie bereits eine Verabredung hat … Ihren Gatten können Sie aber für uns entbehren, oder, Lady Kaneda?"

„Ja, das kann ich", erwiderte Ian und schluckte unmerklich. Wenn Kanda sie dafür nicht rösten, teeren und federn würde, dann könnte sie das.

„Dann macht es Ihnen hoffentlich nichts aus, wenn ich die Einladung mit Bedauern zurückziehe", entschuldigte Christian sich formvollendet bei Jack. „Ich hätte daran denken sollen, dass Sie bereits Ihre eigenen Pläne gemacht haben, bevor ich Sie mit meinen Entschlüssen überfalle."

„Oh, es macht mir nicht das geringste aus", versicherte Jack salbungsvoll. „Ich denke, Sie werden mit meiner Schwester und ihrem Mann genug Unterhaltung haben."

Für diese Bemerkung erdolchte Ian sie geradezu mit Blicken. Wenn Christian etwas mit den Investitionen zu tun hatte, die gerüchteweise den Grafen unterstützten, dann musste jemand das herausfinden, und dieser Jemand war nun einmal Kanda. Mit Frauen oder Jungen wie Allen, die noch jünger als der Japaner aussahen, würde Christian sich nie über Finanzen unterhalten. Also hatte Ian die Einladung für Kanda und sich selbst natürlich nicht ausschlagen können.

Irgendwann entschied Lady Seymour, dass es an der Zeit war, ihren Verlobten einigen der anderen weiblichen Gäste vorzustellen – Jack dachte im Stillen, dass sie nur mit ihm angeben wollte – und ließ sie allein. Keiner von beiden konnte erleichtert aufatmen; Ian nicht, weil ihm noch ein ganzer Abend in Christians Gesellschaft bevorstand, und Jack, weil ihr Korsett das nicht zuließ.

Nach und nach entspann sich schließlich eine Unterhaltung zwischen ihnen und den anderen geladenen Damen. Je größer der Abstand zwischen ihnen und Christian wurde, desto mehr konnten sich die Zwillinge entspannen und auf ihre eigentliche Aufgabe konzentrieren. Unauffällig horchten sie die Damen aus, welchen Geschäften denn ihre Ehemänner, Väter, Brüder und Söhne so nachgingen, in welchen Bereichen sie selbst sich karitativ betätigten und stellten jede erdenkliche Frage, die ihnen im Zusammenhang mit Geld noch einfiel. Wer einmal eine aristokratische Erziehung genossen hatte, der konnte sehr leicht wieder in diese Rolle schlüpfen und die Informationen, die er brauchte, aus den Leuten herauskitzeln, ohne dass sie es überhaupt mitbekamen. Dieses Talent hatten Ian und Jack in den Jahren auf der Straße und im Wald sogar noch verfeinert, mit noch mehr Skrupellosigkeit, List und Tücke angereichert und zur Vollendung gebracht.

In Gedanken teilten die beiden eine Liste und füllten diese mit den erhaltenen Informationen. Nachdem es Zeit geworden war, sich zu verabschieden – auch von Christian; ein Vergnügen, das sie sehr kurz gestalteten – und wieder in die Kutsche zu steigen, die sie zum Stadthaus von Lord Devereux bringen würde, steckten sie mental die Köpfe zusammen und arbeiteten die Liste ab. Es waren keine besonders ergiebigen Details, die sie erfahren hatten, aber sie konnten zumindest einige der Namen ausschließen, bei denen sie sicher sein konnten, dass sie mit dem einseitigen Geldtransfer auf das Konto des Grafen nichts zu tun hatten.

In dem Haus, das sie zeitweise 'Zuhause' nannten, mussten sie nur einen Blick auf Kandas Gesicht werfen, um zu erkennen, dass sein Tag noch nervtötender gewesen war als ihrer. Er hatte sich nie auch nur im geringsten für Finanzen interessiert und jetzt war er gezwungen, den ganzen Tag über mit anderen Männern darüber zu fachsimpeln. Seine abweisende Art kam ihm zugute, denn dadurch fragte ihn selten jemand nach seiner Meinung, während er praktisch überall einfach zuhören konnte, aber manchmal geschah es doch, dass ihn jemand fragte. Und dann musste er eine Antwort parat haben.

Dementsprechend glänzend war seine Laune, als die Zwillinge den Salon betraten, in dem er saß und vor sich hin brütete.

„Allen und Eric sind noch nicht da?", erkundigte sich Ian und nahm in einem der bequemen Sessel Platz. Er hätte sich lieber hineinfallen lassen, aber das war in seinem Aufzug nicht möglich. Es hätte möglicherweise das Korsett gesprengt.

„Nein", antwortete der Japaner so einsilbig wie immer und damit senkte sich eine schon fast als friedlich zu bezeichnende Ruhe über den Salon. Alle drei schwiegen mehr oder weniger einträchtig, bis die Haustür aufgerissen wurde und die zwei fehlenden Mitglieder ihrer Gruppe hereinstolperten.

Weil Ian und Jack am längsten gebraucht hatten, um sich umzuziehen, waren Eric und Allen schon fort gewesen, als sie aus dem Haus gingen. Darum hatten sie erst jetzt Gelegenheit zu sehen, was sie mit Allens Gesicht gemacht hatten.

Er sah richtig alt aus. Das weiße Haar hatte er ja schon immer gehabt, aber sein junges Gesicht zierten nun Falten und Leberflecken und er trug Kleidung, die vielleicht vor fünfzig Jahren in Mode gewesen war.

„Ihr werdet nicht glauben, was in der Zeitung steht", sprudelte der jüngste Exorzist atemlos hervor und wedelte mit knisterndem Zeitungspapier herum. „Es gab schon wieder einen Mord an einer Prostituierten!"


An wen erinnert uns das? :D

Bis nächste Woche und bleibt mir gewogen, Leute.