Ach, wenn das so gut ankommt, quälen wir Kanda doch noch ein bisschen länger, hrhr.

Rated: T

Disclaimer: Gehört alles Katsura Hoshino.


1.29 Für Elise

Als Kanda zurückkam, war das Bad frei und von Ian nichts zu sehen. Er – sie hatte das Badewasser abgelassen und die nassen Handtücher weggeräumt. Eine Reinlichkeit, die man von Aristokraten nie erwarten durfte.

Der Gedanke daran, wie sie vollkommen nackt in dieser Wanne gelegen hatte, als er hereingekommen war, um selbst ein Bad zu nehmen, bevor er sich umziehen würde, sorgte bei Kanda für einige Beklemmung in Hinblick auf seine Absicht, jetzt das Bad nachzuholen, das er nicht genommen hatte. Er war fünfzehn Minuten lang durch das West End gelaufen und hatte dann irgendwie den Weg zurück gefunden, aber bis dahin hatten nicht nur seine Kleider den zweifelhaften Duft von Londons Straßen aufgenommen. Er hatte das Gefühl, der Geruch würde geradezu an seiner Haut kleben, und so sollte er auf keinen Fall bei einem Abendessen in gehobener Gesellschaft auftauchen.

Zum Glück befand sich Ian auch nicht in ihrem gemeinsamen Zimmer, als Kanda nach dem Baden zurückkam, also ging er davon aus – nach einem Blick auf die Uhr – dass sie sich bereits für das Abendessen umzog, das sie für sie beide arrangiert hatte. Wieso diese Einladung so wichtig war, wusste der Japaner nicht, doch er hatte allgemein das Gefühl, dass die Zwillinge sich in der Londoner Gentry und Peerage besser auskannten als die anderen drei zusammen. Vielleicht hatten sie die meisten von ihnen schon beklaut.

Er zog sich gerade um, als es an der Tür klopfte. Schon halb in der Erwartung, dass es Ian sein würde, drehte er sich von der Tür weg, bevor diese sich öffnete, aber es war zum Glück nur Eric. Kanda hätte nicht gewusst, wie er Ian jetzt begegnen sollte, ohne ständig darüber nachzudenken, dass sie ein Mädchen war und wie sie es geschafft hatte, das so lange vor allen im Orden zu verheimlichen.

„Ich soll dir ausrichten, dass die Dame dich bereits erwartet", meinte Eric mit einem Lächeln, das Kanda versicherte, dass er absolut ahnungslos war. Einen Moment lang hatte er ein ungutes Gefühl bekommen, als Eric die Dame gesagt hatte.

„Dann soll sie warten", murrte er und legte sich die weiße Krawatte um, die auf dem gestärkten weißen Hemd kaum zu sehen war. Inzwischen wusste er, dass es nicht wichtig war, ob man die Farbe der Krawatte erkannte – sie musste nur richtig gebunden werden. Eine Kunst, die er immer noch nicht beherrschte und die dementsprechend zeitintensiv war. Der schwarze Frack und die schwarze Weste, die er dazu tragen musste, entsprachen zwar seinem persönlichen Geschmack, aber so etwas kompliziertes wie die Krawatte hätte man ihm ruhig erlassen können. Und den Hemdkragen, der vor lauter Stärke schon alleine stand und ihm die Kehle zuschnürte, ebenfalls.

„Was dauert denn hier – ach, du bist es", ertönte eine bekannte Stimme von der Tür und Kanda drehte den Kopf um ein paar minimale Grad, um Jack einen vernichtenden Blick zuzuwerfen. Der Kerl bewegte sich in dem Kleid, das er trug, als hätte er nie etwas anderes getragen, und unter anderen Umständen hatte Kanda das sehr amüsant gefunden. Nicht aber jetzt, wenn Jack mit schwingenden Röcken auf ihn zukam, ihn bei den Schultern packte und herumdrehte. Es war nicht amüsant, wenn ihm ein Kerl in einem Kleid die Krawatte band und sich dabei so geschickt anstellte, als hätte er nie etwas anderes gemacht.

„Das hätte ich auch alleine hinbekommen", gab Kanda verdrießlich von sich.

„Vor morgen vermutlich nicht und so lange solltest du Ian nicht warten lassen."

„Sonst was?"

„Sonst komme ich und hole dich."

„Tust du doch schon."

„Da siehst du, wie lange du schon herumtrödelst."

„Che."

„So, fertig. Und jetzt Abmarsch."

Solchermaßen herumgescheucht ging Kanda lieber gleich – nicht, weil er Jacks Aufforderung Folge leistete, sondern weil er ihr entkommen wollte. Je schneller er das Haus verlassen konnte, umso schneller war er die Nervensäge los. Inzwischen verhielt er sich ja schon einigermaßen vernünftig und zu einem Duell war es auch schon seit langem nicht mehr gekommen, aber jetzt spielte er sich als großer Beschützer seiner Schwester auf und das war etwas, das Kanda sich wirklich nicht antun wollte. Lieber ging er.

Viscount Hereford hatte ihnen seine Kutsche geliehen, damit sie heute Abend standesgemäß bei den Hawksbloods vorfahren konnten. Ian saß schon in der Kutsche und wartete, aber Kanda sah sie nicht an, als er einstieg und auf der gegenüberliegenden Bank Platz nahm.

„Das hat ja lange genug gedauert", merkte sie an, ohne den Blick von der Fensterscheibe zu nehmen, durch die hindurch sie etwas beobachtete, das wohl nur sie alleine sehen konnte.

„Meine Schuld war das ja wohl nicht", erwiderte der Exorzist nachdrücklich und würdigte sie ebenfalls keines Blickes.

„Meine auch nicht."

„Doch. Du hast das Bad blockiert."

„Und du bist einfach verschwunden und erst viel zu spät wieder aufgetaucht."

„Was, wie gesagt, nicht meine Schuld war."

„Wessen dann?"

Auf die Frage schwieg Kanda beharrlich. Soweit, dass er ihr erzählen würde, wer ihn praktisch aus dem Haus geworfen hatte, würde der Japaner es nicht kommen lassen. Vielleicht verbuchte Ian das jetzt als Sieg für sich, weil sie dachte, sie hätte das Wortgefecht für sich entschieden, aber damit konnte er leben. Mit der anderen Sache nicht.

„Wer sind unsere Gastgeber?", fragte er schließlich nach einer Weile.

„Christian Hawksblood, der Earl of Pembroke. Und seine Verlobte, Lady Elizabeth Seymour. Beide alter Adel, beide reich. Gewissermaßen unser Schlüssel zur Finanzwelt der Peerage."

„Wie interessant."

„Sei nicht so zynisch. Wir sind gleich da und dann musst du wieder meinen liebenden Ehemann spielen."

„Spiel erst mal deine eigene Rolle und dann reden wir über meine."

„Willst du behaupten, ich bin dir keine gute Ehefrau?"

„Eine miserable."

„Ich verlange die Scheidung."

„Mit Freuden."

Danach herrschte Schweigen, bis sie in die Einfahrt zum Stadthaus der Familie Hawksblood einbogen. Kanda fiel auf – obwohl er natürlich nicht hinsah – dass Ian sich ein wenig verspannte, als sie das schmiedeeiserne Eingangstor passierten. Sie sah wirklich hübsch aus in diesem gelb-roséfarbenen Kleid mit der bunt bedruckten Schleppe und den kurzen gerafften Ärmeln, doch sie hielt sich gerader als nötig und wirkte so, als würde sie am liebsten im nächsten Moment weglaufen.

„Stimmt etwas nicht?"

Ian schreckte merklich auf. „Hm? Nein, alles bestens", gab sie zurück und der Eindruck verschwand, als ob er nie dagewesen wäre.

Die Kutsche hielt, bevor Kanda sich darüber wundern konnte, und er musste aussteigen, damit er seiner 'Ehefrau' aus der Kutsche helfen konnte. Wie sie es geübt hatten, legte er sich ihre Hand auf den Unterarm und führte sie das kurze Stück zur Treppe und diese hinauf, woraufhin sich ihnen die Tür öffnete und ein Butler sie höflich begrüßte. Hätte Vermögen einen Geruch gehabt, es wäre dieser gewesen: teures Parfüm, köstliches Essen und auf Hochglanz polierte Möbel. Diesem Haus strömte der Geruch von altem Geld aus jeder steinernen Pore.

Ians Finger verkrampften sich leicht um Kandas Unterarm. Als der Exorzist ihr einen fragenden Blick zuwarf, bemühte sie sich um ein beruhigendes Lächeln und löste ihre Finger wieder, doch das änderte nichts daran, dass Kanda wusste, was er gesehen hatte.

Ian hatte Angst.

„Willkommen in meinem bescheidenen Heim", begrüßte sie da auch schon der Gastgeber höchstpersönlich, begleitet von seiner Verlobten, die ein noch aufwändigeres Kleid trug als bei ihrer letzten Begegnung. Als inoffizielle Gastgeberin musste sie natürlich strahlend schön aussehen und sie gab sich alle Mühe, diesen Vorgaben gerecht zu werden.

„Wir danken Ihnen für die großzügige Einladung", erwiderte Ian im leichten Plauderton und alle Nervosität, die Kanda gerade noch an ihr wahrgenommen hatte, schien wie weggewischt.

„Das war doch das mindeste, was ich tun konnte", lächelte Hawksblood und wandte sich an Kanda. „Ich glaube, wir haben uns vor zwei Tagen knapp verpasst. Ich betrat den Carlton Club, als Sie ihn gerade verließen."

„Ja, meine Frau hat mir davon berichtet. Es freut mich, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen", antwortete Kanda und spürte Ians Blick auf sich ruhen. Was denn? Auch er konnte sich höflich geben, wenn er es wollte. Wenn er denn wollte.

„Man erzählte mir, dass Sie sich auf den Import und Export von asiatischen Waren spezialisieren. Vielleicht könnten wir uns bei Gelegenheit einmal darüber unterhalten. Ich trage mich mit dem Gedanken, in das Geschäft einzusteigen, und da wäre der Rat eines Experten natürlich sehr willkommen."

„Bei Gelegenheit", erwiderte der Exorzist unverbindlich und nickte.

„Unterhaltet euch aber nicht den ganzen Abend nur über eure Geschäfte", ermahnte Lady Elizabeth ihren Verlobten gespielt streng. „Als Frau fühlt man sich da ganz schnell ausgeschlossen."

„Und das wollen wir natürlich nicht", erwiderte der Earl mit einer Mischung aus Zuneigung und Necken. Als seine Verlobte ihm dafür einen leichten Hieb mit dem Ellbogen versetzt und sich so angemessen revanchiert hatte, führten sie ihre Gäste in den Salon, wo sich bereits ein paar weitere Leute eingefunden hatten, die ebenfalls eine Einladung erhalten hatten.

Kanda empfand es als ermüdend, wieder einmal die Vorstellrunde durchzumachen, aber zum Glück war diesmal die Gesellschaft kleiner. Nach ihnen trafen nur noch zwei weitere Paare ein, sodass sie insgesamt gerade einmal zwölf Leute waren. Keiner davon war für ihn auch nur annähernd interessant und auch Ian hielt sich merkwürdig zurück. Er hätte erwartet, dass sie ihn von einem Paar zum nächsten schleifte, um die Leute auszuquetschen und Informationen zu sammeln, wie sie und Jack das offenbar so gerne taten, doch daran schien sie gar nicht zu denken.

Es sah zwar so aus, als würde Kanda vorgeben, wohin sie gingen, doch in Wirklichkeit folgte er gerade Ian, die ganz in Gedanken zu dem Flügel hinüberspazierte, der in einer Ecke des großen Salons stand. Sie klimperte ein paar Töne mit der freien Hand und setzte dann zu einer kleinen Melodie an.

Einer, bei der es Kanda kalt den Rücken hinunterlief.

Genau diese Melodie hatte ihn all die Wochen verfolgt, wann immer er sich im Hauptquartier aufgehalten hatte. In jeder wachen Sekunde sowie im Schlaf hatte er diese Musik im Kopf gehabt und egal, was er unternommen hatte, er war sie nicht losgeworden.

Hatte Ian sie damals schon gespielt oder war das nur Zufall?

„Du …"

„Spielen Sie etwa Klavier, Lady Kaneda?", mischte sich in diesem Moment Lady Elizabeth ein und lächelte ihr bezauberndstes Lächeln.

„Oh, nur ein klein wenig", gab Ian charmant zurück. „Ich beherrsche nur ein paar einfache Stücke, das ist alles. Nichts großartiges. Spielen Sie denn Klavier, Lady Seymour?"

„Leidlich", entgegnete diese entschuldigend. „Aber das, was sie da eben gespielt haben – Für Elise, nicht wahr? - das kann ich auch spielen. Wollen wir es nicht zu zweit spielen? Mein Verlobter hat sicher nichts dagegen, wenn wir uns kurz seinen Flügel ausleihen."

„Meinen Sie?"

„Natürlich. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir."

Bildete sich Kanda das nur ein oder zögerte Ian einen Moment zu lange? Nein, sie zögerte wirklich, und das nicht bloß, weil sie nicht so unhöflich sein wollte, sich gleich darauf zu stürzen oder weil sie gar nicht Klavier spielen konnte. Denn dass sie das konnte, das glaubte er sofort.

Er hörte, wie die Gespräche ringsum verebbten, als die beiden zu spielen begannen und die sanfte Melodie sich im Raum ausbreitete. Leise, unaufdringlich und schön, doch Kanda ging sie wie jedes Mal durch Mark und Bein. Er fühlte sich an jeden einzelnen Traum erinnert, der mit dieser Melodie einher gegangen war, jedes Mal, wenn er sich deswegen schuldig gefühlt hatte, jedes Mal, wenn er die Melodie wieder irgendwo im Hauptquartier gehört hatte, und da saß Ian, gar nicht der Junge, der sie immer behauptet hatte zu sein, und spielte dieses Stück, als hätte sie ihn nicht hunderte Male damit schier in den Wahnsinn getrieben.

Kanda hätte jetzt nur allzu gerne einen Moment für sich gehabt, die Möglichkeit, irgendwo hin zu flüchten, wo er sich in Erinnerung rufen konnte, dass es jetzt nicht angebracht wäre, seine 'Ehefrau' mit einer Klaviersaite zu strangulieren, doch es wäre aufgefallen, wenn er einfach gegangen wäre, während seine 'Ehefrau' so wunderschön Klavier spielte.

Innerlich verfluchte Kanda jede Sekunde, die er diesem Stück länger zuhören musste, und noch schlimmer verfluchte er seine unpassende Reaktion darauf – Wut und Zorn, vermischt mit etwas, das er nicht benennen wollte, nicht einmal in Gedanken. Es war eine Qual für ihn, den mehr oder minder interessierten Zuhörer zu geben, während jeder Ton auf seinen Nervenbahnen tanzte.

Hätte er es nicht besser gewusst, hätte er gedacht, dass Ian das mit Absicht machte – dass sie absichtlich genau diese Melodie auf dem Klavier gespielt hatte, als ihre Gastgeberin in Hörweite gewesen war. Aber auch, wenn er wusste, dass das Unsinn war, die Vorstellung allein gab der Wut in seinem Inneren noch Nahrung. Hätte er eine plausible Erklärung dafür, warum er so aufgebracht war wegen dieser einfachen Melodie, dann hätte er Ian später deswegen zur Rede gestellt. Wenn sie allein waren und keine neugieren Leute oder Brüder dabei, die glaubten, das Recht zu haben, sich überall einmischen zu dürfen. Doch Kanda konnte nicht begründen, warum ihn diese Melodie so aufregte, ohne mit alldem herauszurücken, was er damit verband, und eher hätte er sich selbst den Kopf abgeschlagen, als das zuzugeben.

Also musste er weiterhin so tun, als würde er einfach nur die Musik genießen, so wie jeder andere im Raum, und seine Mordgedanken irgendwohin schieben, wo sie keinen Schaden anrichten konnten.

Und hoffen, dass keiner eine Zugabe verlangte.


Da es jetzt wieder dreißig Kapitel sind, ziehe ich hier einen Schlussstrich. Alles weitere folgt im dritten Teil - für den ich noch einen Titel finden muss (Vorschläge sind herzlich willkommen) - den ihr in zwei Wochen erwarten dürft. Eventuell wird er etwas kürzer ausfallen als die ersten beiden Teile, aber das wird sich noch zeigen.

Bis dahin - bleibt mir gewogen, Leute.