Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Abend 1 - Hufflepuff
"HUFFLEPUFF!"
Severus war nicht wirklich überrascht über die Entscheidung. Hatte das Gespräch mit dem Sprechenden Hut nicht darauf abgezielt? Dennoch, er war nicht wirklich glücklich mit der Entscheidung. Er wusste, dass er keine gesellige Person war. Was, wenn er nicht mit den Hufflepuffs klarkam? Er schüttelte innerlich den Kopf, als er wackelig aufstand. Die nächsten Jahre würden zeigen, ob das die richtige Entscheidung gewesen war.
Er warf einen kurzen Blick auf den Slytherintisch, bevor er sich auf den Weg zum Hufflepufftisch machte - die beiden Tische waren merkwürdigerweise direkt nebeneinander. Vielleicht ... Severus sah erneut zu den Slytherins, die ihn jedoch kaum eines Blickes würdigten. Nein. Er sollte sich nicht zu viele Hoffnungen darauf machen, sich mehr mit den Slytherins anzufreunden. Er war jetzt schließlich ein Hufflepuff. Weiter weg von ambitionierten Einzelgängern konnte man kaum sein.
"Willkommen in Hufflepuff", sagte ein älterer Junge mit einem Vertrauensschülerabzeichen, als er sich an den Tisch setzte. "Der Sprechende Hut hat ziemlich lange gebraucht - gab es irgendwelche Probleme?"
Severus sah ihn schweigend an. Erwartete der Kerl tatsächlich, dass er ihm sein Herz ausschüttete, obwohl er ihn kaum zwei Minuten kannte? Er wusste ja noch nicht mal seinen Namen!
"Nur nicht schüchtern sein", fiel ein Mädchen ein und stieß ihn freundschaftlich an. "Und mach dir keine Gedanken, der Sprechende Hut weiß, was er tut. Hufflepuff ist nicht so schlecht, wie sie immer tun. Sicherlich werden deine Eltern das auch verstehen, wenn du ihnen erzählst, was los ist."
Severus blinzelte, sagte aber nichts. Seine Eltern? Sicher, seine Mutter würde sicherlich irgendwie enttäuscht sein, dass er nicht in Slytherin war - und stattdessen in Hufflepuff gelandet war - aber dachten die beiden wirklich, das wäre der Grund für seine Missstimmung? Schwer vorstellbar, aber er konnte nicht sagen, ob es nicht zum Bild des Hauses passte. Hufflepuffs waren per Definition dumm und naiv - also entweder stimmte es oder die beiden taten nur so.
"Vielleicht ist er auch einfach nur überwältigt", meinte noch jemand anderes, den Severus jedoch nicht einmal eines Blickes würdigte. "Vielleicht ist er ja muggelstämmig, ihr wisst doch, wie groß die Umstellung da ist -"
Severus schüttelte innerlich den Kopf. Was stimmte mit denen nicht? Konnten die ihn nicht einfach in Ruhe lassen? Schlimm genug, dass er mit Leuten in einem Haus war, die sich in fremde Angelegenheiten einmischen mussten. Nein, er musste ja auch noch an die Sorte geraten, die Vermutungen über Vermutungen anstellte und den Wink einfach nicht verstand. Andererseits, vielleicht sollte er es ihnen einfach erklären - würde er auch tun, wenn es sie etwas angehen würde. So jedoch ... besser, er ignorierte sie einfach. Früher oder später würden sie sich so oder so anderen Dingen zuwenden.
Und das recht schnell. Severus war Dank seines Namens einer von denen, die zuletzt aufgerufen worden waren. Nach einer kurzen Ansprache des Schulleiters, die Severus nicht mitbekam, weil er zu sehr darauf achtete, auf nichts zu achten, erschien wie von Zauberhand das Essen vor ihnen. Severus musterte den überladenen Tisch. Speisen und Gerichte, die er bisher noch nie zu Gesicht bekommen hatte. Und die Mengen! Nun gut, soweit er es mit einem Blick in die Runde feststellen konnte, bestand die Möglichkeit, dass es zu wenig war. Was war das hier, eine Versammlung der neunköpfigen Raupen?
Severus seufzte innerlich und griff nach etwas, was bekannt wirkte. Lieber nichts riskieren, nicht am ersten Abend. Nicht so wie die anderen, die sich wie Fässer ohne Boden benahmen und scheinbar alles in sich hineinstopften.
"Doris Crockford", stellte ein Mädchen sich begeistert vor. "Und das ist meine neue Freundin Greta."
Severus starrte sie an. Dann sah er sich Greta an. Er wusste augenblicklich, dass er sie nicht leiden konnte. Irgendwie wirkten beide wie eine leicht veränderte Version von Petunia Evans: schrill, aufdringlich und nervtötend. Erstaunlich, dass er nur zwei Minuten brauchte und schon wusste, von welchen Personen er sich fernhalten wollte. Bisher hatte er noch keinen gefunden, den er näher kennen lernen wollte. Leider würde wollen nicht ausreichen.
Die Vorstellungsrunde setzte sich fort, und Severus schenkte vorerst nur den Jungen seine Aufmerksamkeit, denn mit denen würde er demnächst zusammenleben. Seine neuen Mitbewohner hießen nun also Eric, Shawn, Aaron, Bertram und Ambrosius. Severus merkte sich die Namen, ohne jedoch viele Gedanken daran zu verschwenden, was mit den Namen kam. Er wollte eigentlich nur seine Ruhe, vor allem jetzt. Er sah zu Lily hinüber, die am Gryffindortisch saß und lachte. Und die Kerle aus dem Zug saßen auch noch an dem Tisch, von allen Leuten. Er schnaufte. Na toll.
Lily hockte gezwungenermaßen mit Potter und Black zusammen, und Severus musste sich mit einem aufdringlichen Haufen abplagen. Wenn er je einen Beweis dafür gebraucht hatte, dass die Welt ungerecht war, dann hatte er ihn jetzt.
Für einen Augenblick war er verwirrt gewesen. Vielleicht lag es auch insbesondere daran, dass er immernoch der Ansicht war, er hätte eigentlich in Slytherin sein müssen. Er war einfach kein Hufflepuffmaterial, und jede Sekunde in Gesellschaft der anderen Hufflepuffs schien es nur noch einmal zu bestätigen. Hufflepuff war einfach kein Ort für einen Pessimisten.
Umso mehr hatte es ihn gewundert, als die Hufflepuffs zeitweise den gleichen Weg nahmen wie die Slytherins. Dann jedoch hatten sich ihre Wege getrennt - während die Slytherins sich tiefer in die Kerker zu begeben schienen, waren die Hufflepuffs abgebogen. Scheinbar lagen beide Häuser auf Erdniveau oder zumindest nahe demselben. Die Slytherins schienen eher unter der Erde zu hausen, auch wenn Severus nicht wusste, ob das nicht auch ein Vorteil sein konnte. Die Gryffindors und Ravenclaws waren in die oberen Stockwerke gegangen - was bedeutete, dass Lily und er ihre Gemeinschaftsräume am jeweils anderen Ende des Schlosses hatten. Tolle Aussichten.
"Das hier ist der Eingang zum Gemeinschaftsraum", erklärte ein Vertrauensschüler ihnen und deutete auf einen Wandbehang mit einigen Wildtieren. "Ihr nennt das Passwort - Honigbiene - und die Wand dahinter wird durchlässig. Macht euch keine Sorgen, falls ihr das Passwort vergesst. Die meiste Zeit ist der Durchgang offen. Nur abends solltet ihr sicherstellen, dass ihr nicht ausgesperrt seid. Solange ihr aber vor der Nachtruhe zurück seid, sollte euch jemand reinlassen können." Er grinste sie schelmisch an.
Severus fragte sich, wozu es überhaupt ein Passwort gab, wenn der Durchgang sowieso offen war. Nur damit sie nachts die Schüler aussperren konnten? Dann wäre es besser, wenn die Schüler das Passwort gar nicht erst kannten. Vielleicht waren die meisten Hufflepuffs aber auch einfach zu vergesslich. Severus wusste zumindest, dass es ihm nicht gefiel. Schlimm genug, dass er von jetzt an mit fünf anderen Jungen zusammenleben musste, in einem Haus, das aufdringlich hoch zehn war - nein, jetzt musste er auch noch erfahren, dass seine wenigen Besitztümer praktisch frei zugänglich waren. Er würde sich gleich morgen daran machen, ein paar Schutzbanne zu recherchieren.
"Nun dann, rein in die gute Stube!" Ihr Vertrauensschüler, der eindeutig nicht vertrauenswürdige Tendenzen zeigte, führte sie hinter dem Wandbehang hindurch durch eine Öffnung in der Steinwand - und sie standen mitten im Gemeinschaftsraum.
Sie sahen sich um, und Severus stellte zum ersten Mal fest, dass Hufflepuff vielleicht doch nicht so schlecht war. Der Gemeinschaftsraum war kein einzelner Raum, sondern ein großer Bereich mit abzweigenden kleineren Räumen. Es war wohl ein wenig einem Bau nachempfunden, dachte Severus. Der gesamte Bereich war angefüllt mit gemütlich aussehenden Sesseln und Sofas, sowie Tischen, an denen man Hausaufgaben machen oder Spiele spielen konnte. Alles in allem war es eine heimelige Atmosphäre - und auch, wenn Severus definitiv seine Ruhe bevorzugte, konnte er sich ihrer nicht erwehren.
"So", fuhr ihr Vertrauensschüler fort, "hier geht es zu den Mädchenschlafsälen, die Jungs hier herüber." Er deutete auf einen Durchgang. "Geht einfach den Gang entlang, bis ihr eine Tür mit der Aufschrift erste Klasse seht."
Er winkte ihnen aufmunternd zu - dann waren sie für den Moment auf sich allein gestellt. Severus sah zu den anderen Erstklässlern, die noch immer den Gemeinschaftsraum bestaunten. Vielleicht sollte er die Chance nutzen. Er drehte sich um und ging den Gang entlang, auf der Suche nach dem Raum, den er für das nächste Jahr bewohnen würde. Er fand ihn recht schnell - das Messingschild war kaum zu übersehen. Der Schlafsaal unterschied sich von der Atmosphäre kaum vom Gemeinschaftsraum, und Severus stellte mit Freude fest, dass die einzelnen Betten in kleinen Alkoven standen, so dass man doch eine gewisse Privatsphäre hatte - vor allem dann, wenn man die Vorhänge zuzog. In der Mitte des Raumes waren ihre Koffer aufgestapelt.
Severus griff sich seinen und suchte sich das Bett hinter der Tür - so würde er hoffentlich am ehesten in Ruhe gelassen, sollte jemand hereinplatzen. Er streckte sich auf dem Bett aus und starrte an die Decke. Er rührte sich nicht, als die anderen Jungs hereinkamen.
Vielleicht war Hufflepuff doch nicht so schlecht.
