Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Abend 1 - Ravenclaw
"RAVENCLAW!"
Für einen Moment rührte er sich nicht. Nach der Debatte mit dem Hut hatte er fast gedacht, er würde in Hufflepuff landen. Sicher, er hätte sich bestimmt auch dort irgendwie zurechtgefunden, aber ... am Ende war er froh, in Ravenclaw zu sein. Es war, wenn man sich die vom Hut genannten Eigenschaften ansah, Slytherin noch am ähnlichsten. Zumindest hoffte er das.
Er stand wackelig auf, den Hut vom Kopf nehmend. Sein Blick schweifte durch die Halle, während er zu seinem Haustisch stolperte. Er taumelte fast schon, aber seine Aufmerksamkeit galt auch mehr dem Meer an Schülern. Irgendwo war sie. Er fand Lily am Gryffindortisch, eingequetscht zwischen den Jungs aus dem Zug. Sie wirkte nicht sehr glücklich darüber, aber dennoch schaffte sie es, ihn anzustrahlen. Sie machte eine Geste in seine Richtung, die wohl aufmunternd sein sollte. Er lächelte matt zurück.
"Steh da nicht rum wie die Ölgötzen!"
Severus wurde mit einem Ruck auf die Bank gezogen. Er plumpste mehr als alles andere. Er sah verwirrt zur Seite, um zu sehen, wer ihn gezogen hatte. Es war einer der älteren Schüler, aber Severus konnte nicht genau sagen, in welchem Jahrgang er war.
Der Junge musterte ihn. "Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen, und ich meine nicht die Schulgeister. Ist mit dir alles in Ordnung?"
Severus brauchte einen Moment, um sich zu fangen. "Einen Geist?", fragte er.
"Das ist nur so eine Redewendung", sagte ein anderer Junge in demselben Alter wie der andere und stöhnte verhalten. "Wieder so ein Blitzmerker. Warum kriegen wir die immer? Man sollte meinen, dass in Ravenclaw nur intelligente Leute landen."
Der erste knuffte ihn in die Seite. "Ach, komm schon. Lass ihn in Ruhe, manche Muggelstämmige haben eben eine etwas schwere Zeit, wenn sie das erste Mal in die Zaubererwelt kommen." Er lächelte Severus schief an. "Wir sollten ihm eine Chance geben."
Severus runzelte leicht die Stirn. "Ich bin nicht muggelstämmig", merkte er fast abwesend an, während sein Blick erneut zum Gryffindortisch wanderte. Die einzige Muggelstämmige, die er kannte, war Lily, und sie schien sich wie ein Fisch im Wasser zu fühlen.
Die beiden Jungen sahen ihn an.
"Bist du sicher, dass alles okay ist?", fragte der erste Junge noch einmal. "Du bist weiß wie eine Kalkwand."
Severus blinzelte. "Bist du muggelstämmig?", fragte er leise.
Der Junge ging sofort in die Defensive. "Hast du ein Problem damit?"
"Nein", sagte Severus verwirrt. Irgendwie hatte er das Gefühl, dem Gespräch nicht ganz folgen zu können. "Meine beste Freundin ist muggelstämmig. Ich meine nur ... du benutzt so viele Muggelausdrücke ..."
Der andere machte ein Gesicht. "Oh", meinte er nur, "okay. Tut mir leid. Hab wohl etwas überreagiert, aber nun ja ... es gibt da einige Leute, die ein wenig extrem sind. Von wegen Reinheit des Blutes, weißt du. Das sind zwar vor allem Slytherins, aber die gibt es überall. Oh, ich bin übrigens Michael."
Severus starrte ihn einfach nur an, während Michaels Freund nur den Kopf schüttelte. Irgendwie war Severus nicht so ganz sicher, wie er die beiden einordnen sollte. Das mochte auch daran liegen, dass er nicht gerade viel Erfahrung damit hatte - Freundschaften schließen gehörte definitiv nicht zu seinen Stärken. In der Hinsicht schien es die richtige Wahl zu sein, eben nicht Hufflepuff genommen zu haben. Ein Blick zu dem Haustisch der Hufflepuffs bestätigte Severus nur noch mehr in der Meinung. Hufflepuff war denkbar ungeeignet für jemanden, der Probleme damit hatte, auf andere auch mal zuzugehen.
"Severus", erwiderte Severus leise auf die Vorstellung Michaels.
Sein Blick wanderte weiter zum Slytherintisch. Michaels Worte darüber, dass viele Slytherins eine extreme Sicht auf den Blutstatus hatten, ließen in Severus auch die Frage aufkommen, ob der Sprechende Hut das gewusst hatte und ihn deshalb davon hatte abbringen wollen. Was, wenn es wirklich wahr wäre? Was würde Lily denken, wenn Severus in einem Haus gelandet wäre, dass sie wegen ihrer Abstammung belächeln würde? Er war zwar fest davon überzeugt, dass es zwischen ihm und Lily nichts geändert hätte, aber er konnte sich gut vorstellen, dass es insgesamt für Spannungen gesorgt hätte. Und er wollte keinen Ärger.
"Weißt du, Severus", sagte Michael und riss Severus aus seinen Gedanken. Er klang besorgt. "Du siehst aus, als würdest du gleich umkippen. Tu mir den Gefallen und schau gleich im Krankenflügel vorbei, ja? Nicht, dass du dir irgendwas eingefangen hast."
Severus zuckte nur die Schultern. Er wusste nicht, ob Michaels Sorge nicht einfach nur übertrieben war - seines Wissens nach sah er immer kränklich aus. Deshalb machte er sich auch wenig Gedanken darüber. Sicher, ihm war eben nicht besonders gut gewesen, aber er schob es auf die Situation. Jetzt ging es ihm auch besser. Vielleicht war er eben einfach wirklich nervös gewesen.
Michael schien jedenfalls damit zufrieden zu sein. Er klopfte Severus auf den Rücken und wandte sich einem Gespräch mit seinen Freunden zu. Severus schien bereits vergessen. Er seufzte innerlich.
Vor ihnen erschien das Essen - und Severus realisierte, dass er die Rede des Schulleiters verpasst hatte. Für einen Moment war er wie erstarrt. Was, wenn er etwas Wichtiges zum weiteren Ablauf gesagt hatte und Severus es nun nicht wusste? Aber vielleicht konnte er nachher jemanden danach fragen. Er wollte nicht, dass er nur wegen seiner Unachtsamkeit irgendetwas verpasst hatte und dann bereits zu Anfang des Schuljahres Punkte verlor. Mit diesem Entschluss wandte er sich dem reichhaltigen Angebot vor ihm zu.
Er gab zu, dass er noch nie so viele Speisen auf einmal gesehen hatte und einen Großteil kannte er nicht einmal. Zuhause war es meistens mehr Improvisation als alles andere, da sie nicht so viel Geld hatten. Sein Blick schweifte über die Menge an verschiedenen Tellern, Schüsseln und Schalen. Er wusste nicht, wie er anfangen sollte oder womit. Er könnte neue Dinge ausprobieren, aber gleichzeitig scheute er sich davor. Schließlich rang er sich dazu durch, doch etwas zu essen, auch wenn er nicht viel Hunger hatte.
"... und was ist mit dir?"
Severus sah irritiert von seinem Teller auf. "Meinst du mich?", fragte er den Jungen gegenüber. Es war ein anderer Erstklässler, irgendwann vor ihm eingeteilt. Severus hätte jedoch nicht sagen können, wie er hieß.
"Wen sonst?", brummte ein anderer Junge. "Ehrlich, er versucht seit gut zehn Minuten dich anzusprechen, warum auch immer."
"Tut mir leid", sagte Severus. "Was ist denn?"
"Oh, nichts weiter", erwiderte der zweite mürrisch. "Nur eine kleine Vorstellungsrunde, aber das ist wohl unter deiner Würde."
"Ich sagte doch ... ach, vergiss es." Severus sah zu dem ersten Jungen. Er war schlohblond und wirkte auf den ersten Blick etwas seltsam, aber Severus wusste, dass er gar nicht darüber zu reden brauchte - er selbst sah vermutlich nicht viel seriöser aus. "Wie heißt du?"
Der Blonde lächelte. "Xenophilius Lovegood. Du bist Severus Snape."
Severus blinzelte. Das war irgendwie merkwürdig, aber er beschloss, es so hinzunehmen. Besser nicht vorschnell urteilen. Deshalb nickte er bestätigend, auch wenn es keine Frage gewesen war.
"William de Worde", fügte der andere Junge hinzu, und Severus war für einen Moment versucht, ihn anzuschnauzen, dass ihn niemand gefragt hatte. Er unterließ es. Er wollte sich am ersten Tag nicht noch mehr Feinde machen, als er bereits hatte - er hatte die Begegnung mit den Gryffindors nicht vergessen, und die reichten ihm.
"Hast du Vampire in deiner Verwandtschaft?", fragte Xenophilius.
Severus starrte ihn ungläubig an. "Wie bitte?"
"Vampire. Du bist so blass und du hast auch ein paar andere der Merkmale, die allgemein als Hinweise auf Vampirismus gelten", erklärte Xenophilius als sei es das Normalste auf der Welt.
Darauf wusste Severus nichts zu erwidern. Was sollte er auch sagen? Ja? Nein? Vielleicht? Es war eine eigentlich ungeheuerliche Frage. Er hatte keine Ahnung, wie er reagieren sollte. Seine erste Reaktion wäre Wut gewesen, aber Xenophilius wirkte nicht so, als wolle er ihn provozieren. War es als Scherz gemeint? Oder war das eine unterschwellige Beleidigung? Oder war es die dritte Variante und Xenophilius war einfach nur merkwürdig?
"Hör nicht auf ihn", riet William. "Xeno ist ein komischer Kauz."
Severus warf ihm einen Blick zu. "Da ist er nicht der einzige", murmelte er. Er wandte sich Xenophilius zu. "Meines Wissens nach nicht", antwortete er auf die Frage. Das schien zu genügen.
Er schüttelte innerlich den Kopf und kehrte zu seinem Essen zurück. Die anderen beiden taten es ihm gleich. Er stocherte in seinem Salat herum und fragte sich, ob alle Schuljahre so sein würden. Severus wusste, dass er sich mit Xenophilius und William einen Schlafsaal teilen würde. Es war ein ungewohntes Konzept - ein Schlafsaal. Severus war ein Einzelkind. Lily hatte immer mal wieder angedeutet, dass es nervig sei, sich mit Geschwistern ein Zimmer teilen zu müssen. Aber immerhin kannten sie sich. Severus kannte die beiden nun gar nicht, und es gab noch mehr Erstklässler. Er konnte es sich nicht wirklich vorstellen. Nicht, wenn er sich ansah, was für seltsame Typen Xenophilius und William waren, selbst wenn William relativ normal schien.
Es würden sieben sehr interessante Jahre werden. Severus seufzte.
