Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Tag 1 - Hufflepuff
Severus öffnete am nächsten Morgen die Augen und war hellwach. Für einen Moment lag er nur da und starrte an die Decke, nicht sicher, was er tun sollte. Aufstehen, natürlich, aber ein kurzer Blick auf den Wecker hatte ihm gezeigt, dass es wirklich früh war. Frühstück wäre erst in zwei Stunden. Was sollte er bis dahin tun? Er seufzte leise und setzte sich auf. Er zog den Vorhang seines Bettes zurück und sah in die Runde. Seine Mitschüler schienen noch im Tiefschlaf befindlich. Nun, vielleicht sollte er einfach die Gunst der Stunde nutzen und das Bad in Beschlag nehmen. So musste er sich wenigstens keine Sorgen darum machen, dass ihn jemand überraschte.
Tatsächlich schliefen alle noch, als er schließlich frisch geduscht zurück in den Schlafsaal tapste. Severus schüttelte den Kopf. Er konnte nicht wirklich verstehen, wie die anderen noch immer schlafen konnten. Sicher, er war ein Frühaufsteher, aber selbst er war fast schon ungewöhnlich früh wach. Natürlich würde er es niemals zugeben, dass es war, weil er nervös war - das war einfach zu peinlich. Trotzdem: Es war ihr erster wirklicher Schultag.
Severus beschloss, die Zeit bis zum Frühstück produktiv zu nutzen. Nur, weil er jetzt ein Hufflepuff war, musste er schließlich nicht seine anderen Tendenzen ignorieren. Sollten sie ihn einen Streber nennen, er hatte vor, seine Zeit sinnvoll zu nutzen. Vor allem, da er jetzt als Hufflepuff das Gefühl hatte, dass er beweisen musste, dass er nicht so ein Dummkopf war, wie viele vermutlich annahmen. Er wusste nicht übermäßig viel über die Häuser, aber ihm war klar, dass die anderen Häuser die Hufflepuffs für dumm hielten - er würde nicht zulassen, dass man ihn für dumm hielt. Er war alles andere als das! Und das würde er allen zeigen. Er schnappte sich eins seiner Bücher und setzte sich in den Gemeinschaftsraum.
Er war so vertieft in sein Buch, dass er die Ankunft der anderen Hufflepuffs gar nicht bemerkte. Erst als seine Mitschüler ihn ansprachen - wie hieß er noch gleich? Eddy? Emil? Nein, Eric - wurde ihm bewusst, dass er drauf und dran war, das Frühstück zu verpassen. Er bedankte sich kurz bei ihnen, stopfte das Buch in seine Schultasche und eilte ihnen nach in die Große Halle. Er wollte schließlich nicht gleich am ersten Tag zu spät kommen. Welchen Eindruck würde das vermitteln?
"Ist das Buch interessant?", fragte Eric ihn, als sie sich an den Hufflepufftisch setzten. Er schien beschlossen zu haben, dass Severus sein neuer bester Freund sein würde. "Hast uns gar nicht bemerkt, so vertieft warst du."
Severus zuckte die Schultern. "Kommt darauf an, was man als interessant bezeichnet", wich er aus. Er hatte wirklich keine Ahnung, wie er sich gegenüber den anderen Jungen verhalten sollte. Wenn es etwas gab, was ihm abging, dann waren es sicherlich zwischenmenschliche Beziehungen. Man musste sich ja nur angucken, wie viele Freunde er vor Hogwarts gehabt hatte. Apropos Freunde ... er drehte den Kopf und sah zum Gryffindortisch, in der Hoffnung, einen Blick auf Lily zu erhaschen. Die Tatsache, dass sie in unterschiedlichen Häusern gelandet waren, war äußerst ungünstig. Was, wenn sie keinen Unterricht zusammen hatten? Severus wollte ganz sicher nicht seine Freundschaft mit Lily deswegen verlieren.
"Suchst du wen?", fragte Eric, der seinen Blick bemerkt hatte. "Ist dein Freund in Gryffindor gelandet?"
"Meine Freundin, ja", sagte Severus. "Meine beste Freundin."
Eric blinzelte. "Echt?" Er suchte nun ebenfalls den Gryffindortisch ab, aber Severus wusste nicht, was er zu finden hoffte. Eric kannte Lily nicht einmal. "Muss übel sein, in verschiedene Häuser zu kommen", meinte er mitfühlend. "Vor allem, wenn es die Gryffindors sind. Ich meine, es wäre schlimmer, wenn sie in Slytherin wäre, die hacken auf einem herum, hat mein Cousin gesagt, aber die Gryffindors bleiben auch meistens unter sich -"
Severus sah ihn missmutig an. "Weißt du, du musst es nicht noch schlimmer machen, als es bereits ist." Er verschwieg wohlweislich, dass er durchaus auch ein Slytherin hätte sein können. Severus war sich nur zu bewusst, was es bedeutete, als schlechter Umgang gewertet zu werden. Das musste er in Hogwarts nicht auch noch haben.
Eric zuckte mit den Schultern. "Ich mein ja nur." Er grinste. "Und wenn ihr wirklich so gut befreundet seid, dann ist es auch egal, oder? Ich meine, ist ja nicht so, als wäre es verboten - ist ja nicht so wie zwischen Slytherin und Gryffindor, das würde Ärger geben. Stell dir das mal vor - nicht, dass ich behaupten will, dass einer von euch da gelandet wäre, aber -"
"Halt die Klappe", schnappte Severus, dem der Geduldsfaden riss. "Halt einfach die Klappe, okay?"
Er wich Erics Blick aus, nicht gewillt, zuzugeben, dass er ein gutes Argument hatte. Vielleicht hatte der Sprechende Hut ihm in der Hinsicht einen Gefallen tun wollen. Severus konnte es nicht sagen. Aber wenn selbst die als so tolerant geltenden Hufflepuffs eine Freundschaft zwischen Slytherin und Gryffindor für unmöglich hielten ... Er seufzte innerlich. Warum musste alles so kompliziert sein?
Severus runzelte die Stirn, während er den Stundenplan studierte. An sich gab es daran nichts zu meckern, der Plan war nicht schlecht. Es ärgerte ihn nur, dass er irgendwie viel zu wenig Unterrichtsstunden mit den Gryffindors hatte. Nun, er hatte immerhin Glück, dass er direkt die ersten beiden Stunden mit den Gryffindors hatte. Vielleicht würde sich eine Gelegenheit ergeben, mit Lily zu sprechen. Ein kurzes Lächeln huschte über seine Züge. Das war sicherlich nicht die beste Arbeitseinstellung - er plante sogar noch vor dem Unterricht, nicht aufzupassen.
"Was freut dich so?", fragte Eric und versuchte, über seine Schulter zu sehen. "Ist was Gutes passiert?"
"Nein, nicht wirklich", erwiderte Severus mürrisch. "Warum versuchst du eigentlich, meinen Stundenplan zu lesen? Wir haben denselben!"
"Na, vielleicht hast du ja irgendwelche Extrastunden oder so was", meinte Eric schulterzuckend.
Severus zog es vor, nicht zu antworten. Stattdessen warf er ihm einen entnervten Blick zu und setzte seinen Weg fort. Sie hatten als erstes eine Doppelstunde Kräuterkunde - mit den Gryffindors. Und bei ihrer Hauslehrerin, wenn Severus das richtig gehört hatte. Danach hatten sie erst mal nur langweilige Stunden, absolut unmagisch - Mathe und Englisch. Na ja, Severus würde sich darüber nicht beschweren, zumindest wusste er, dass er darin keine Probleme haben würde. Er hatte zwar nie eine Muggelschule besucht, aber er hatte Lily häufiger bei den Hausaufgaben Gesellschaft geleistet und hatte sie angenehm einfach gefunden. Wie viel schwerer konnte es also sein?
Als sie am Gewächshaus eins ankamen, waren bisher nur Hufflepuffs anwesend. Severus grüßte seine Mitschüler kurz angebunden, wissend, dass er zumindest ein paar Manieren zeigen sollte. Nun, zumindest gegenüber den Jungen. Er wusste bereits, dass er Doris und Greta nicht ausstehen konnte, und er würde auch nicht so tun, als könnte er es. Er konnte es ja nicht mal gegenüber Petunia, und die war Lilys Schwester.
"Sev! Sev!"
Severus drehte sich um, bereits ein leichtes Lächeln im Gesicht. "Lily!", rief er und winkte seine beste Freundin zu sich rüber.
Statt jedoch vor ihm zu warten, sprang sie ihm geradezu in die Arme. Er fing sie mit Mühe auf und erstarrte dann fast zur Salzsäule. Er war es definitiv nicht gewohnt, dass man ihn umarmte. Nur am Rande bekam er mit, dass Lily wie ein Wasserfall redete - ihm von allem erzählte, was nach ihrer Einteilung passiert war. Über die Gryffindors, die vielen Gemälde, an denen sie auf dem Weg zum Gemeinschaftsraum vorbeigekommen war, die sich bewegenden Treppen ... Severus hörte ihr stillschweigend zu. Er kam gar nicht dazu, etwas zu sagen.
Lily verstummte erst, als Professor Beasley zu ihnen kam. "Guten Morgen", begrüßte sie sie alle fröhlich. "Wir fangen erst einmal damit an, dass wir die Sicherheitsvorkehrungen besprechen und uns ein wenig mit der Theorie der Kräuterkunde befassen."
Sie führte sie ins Gewächshaus, wo sie ihnen erklärte, wo all die verschiedenen Dinge zu finden waren und wie sie man sie benutzte. Severus hörte nur mit halbem Ohr zu, seine Aufmerksamkeit galt mehr Lily, die neben ihm stand und wirkte, als würde sie unter Strom stehen. Sie schien sich mit Gewalt davon abhalten zu müssen, sofort wieder loszureden, sobald sie die Chance dazu hatte. Severus musste sich das Lächeln verkneifen.
"Sag, Sev", flüsterte Lily, "wie ist es in Hufflepuff? Ich meine -"
Bevor Severus irgendwas erwidern konnte, wurde er durch ein Kichern unterbrochen. Er drehte sich um und sah direkt in die unliebsamen Gesichter der beiden Kerle aus dem Zug - Black und Potter. Ausgerechnet. Er hatte ganz vergessen, dass die beiden auch in Gryffindor waren. Nun, das bedeutete wohl, dass es selbst im goldenen Haus Gryffindor schwarze Schafe gab.
"Was ist denn so lustig?", grollte Severus.
"Alles - du!" Black krümmte sich fast. "Wie war das noch? Du willst nach Slytherin? Soviel dazu - du hast selbst für Slytherin zu wenig Charakter, was?"
Severus runzelte die Stirn. "Was weißt du schon über Charakter, Black?", grollte er. "Der einzige Grund, warum du in Gryffindor gelandet bist, ist, weil du ein Übermaß an Übermut besitzt!"
"... und Übermut kommt vor dem Fall", fügte Lily grinsend hinzu. "Komm, Sev!" Sie zog ihn hinüber zu den anderen Hufflepuffjungen. Severus ließ sich widerstandslos mitziehen. Immerhin, mit den fünfen kam er relativ gut zurecht - sofern sie ihn nicht ansprachen. "Und jetzt erzähl mir ganz genau, was passiert ist!"
