Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Tag 1 - Ravenclaw
Der Rest des Abends war relativ schnell vorbei gegangen. Severus hatte abwesend den Gesprächen der anderen Schüler gelauscht - besonders interessant waren die Gespräche zwischen William und Xenophilius. Inzwischen war Severus überzeugt davon, dass Xenophilius irgendwie leicht verrückt sein musste, aber es war nicht unerträglich. Nur kompliziert.
Später waren sie von einem Vertrauensschüler - Severus hatte sich den Namen nicht gemerkt, und er hoffte, dass es nicht Schwierigkeiten bedeutete - zu ihrem Gemeinschaftsraum geführt worden. Und da hatte Severus eine kleine Überraschung erlebt. Scheinbar gab es in Ravenclaw keine Passwörter wie in den anderen Häusern, sondern man musste eine Frage beantworten. Severus wusste nicht, was er davon halten sollte, aber es reizte ihn schon ein wenig. Immerhin, es bedeutete, dass man intelligent sein musste.
Der Gemeinschaftsraum war recht spartanisch eingerichtet, wenn man so wollte. Es gab ein paar Sitzgelegenheiten, Tische, Stühle und eine Statue von Rowena Ravenclaw. Der Raum wirkte etwas kühl und unpersönlich, nicht zuletzt durch die vorherrschende blaue Farbe, aber es war keine abweisende Kühle. Es war mehr eine professionelle Umgebung, fand Severus. Zumindest im Vergleich mit dem Rest des Schlosses - soweit er es bisher gesehen hatte. Der Schlafsaal fügte sich dem ebenfalls an - der Raum war ein Mehreck, und an jeder Wand, außer der mit der Tür, stand ein Bett mit einem kleinen Arbeitstisch. Die gesamte Einrichtung wies darauf hin, dass die Bewohner von Ravenclaw wohl eifrige Lerner waren. Severus war das nur recht.
Der nächste Morgen dämmerte viel zu früh für Severus' Geschmack. Während er eigentlich ein Frühaufsteher war, war ihm das Einschlafen am Vorabend nicht gerade leicht gefallen. Einerseits die Tatsache, dass er den Schlafsaal mit mehreren Jungen teilte, dann auch noch der Fakt, dass er weit von Zuhause war ... die gesamte Umgebung machte ihn unsicher. Er war selbstsicher, was den Unterricht betraf, aber alles andere. Es war sein Traum, aber dennoch war es auch eine komplette Umstellung.
"Vielleicht hat er ja doch einen Vampir in der Verwandtschaft", bemerkte eine Stimme neben seinem Kopf.
Severus öffnete verschlafen die Augen - und schrak fürchterlich zusammen, als er direkt über sich das Gesicht seines unliebsamen Mitschülers sah. "Was soll das werden?", fauchte er erbost.
William grinste ihn nur unverschämt an. Severus war sich sicher, wenn das nur der Auftakt war, dann würde er nicht einmal das erste Jahr in Hogwarts überleben. So viel dazu. William war ganz offensichtlich mindestens genauso irre wie Xenophilius, nur gleichzeitig auch noch gemeingefährlich.
"Du hast verschlafen", bemerkte Xenophilius und warf ihm eine Robe zu.
Severus fing sie auf und starrte ihn an. "... wie sehr?", fragte er nur, während er sich aus seiner Decke schälte. Die Robe legte er neben sich aufs Bett - er hatte schließlich nicht vor, nur mit Robe und Pyjama herumzurennen. Insbesondere nicht, wenn sein Pyjama schon bessere Tage gesehen hatte.
"Zehn Minuten", meinte William mit einem breiten Grinsen. "Und davor bereits fünf Minuten."
"Also eine Viertelstunde." Severus seufzte. "Sag, William, hast du irgendwas gegen mich oder ärgerst du mich nur aus Spaß?"
William zuckte die Schultern. "Irgendwen muss ich ärgern - Xeno reagiert nicht wirklich darauf und die anderen sind schon weg, um sich zu verirren."
Severus runzelte die Stirn, während er sich umzog. "Wieso verirren?"
Xenophilius lächelte matt. "Weil keiner von uns sich den Weg gemerkt hat. Wir beide hoffen ja auf dich ..."
Severus rollte mit den Augen und verschwand im Bad. Irgendwie sollte er verärgert sein, dass die beiden Knalltüten vom Dienst ihn belagerten, andererseits war es mal etwas Neues, dass man seine Hilfe wollte. Das war aber auch der einzige Grund, warum er sie nicht sofort links liegen ließ und allein loszog. Wie es wohl in Slytherin wäre? Ob die anderen ihn geweckt hätten? Oder wären sie ohne ihn gegangen? Er hatte gesehen, dass die Slytherins ihre Räumlichkeiten scheinbar irgendwo in den Kerkern hatten. Ob man sich dort leicht verirrte?
"Hey, Sev, bist du ins Klo gefallen?" William streckte seinen Kopf zur Tür rein.
Severus rollte mit den Augen und warf einen Waschlappen nach ihm. Er traf William mitten ins Gesicht, was Severus' Laune deutlich hob, auch wenn er sich trotzdem nicht ganz auf der Höhe fühlte. William schien sich dadurch auch nicht sehr beeindrucken zu lassen, er schüttelte nur den Kopf und zog sich zurück.
Kaum zehn Minuten später trottete Severus William und Xenophilius nach durch die Gänge von Hogwarts. Auch, wenn sie behaupteten, dass sie keine Ahnung hatten, wie sie zur Großen Halle finden sollten, gingen sie zielstrebig los. Severus schüttelte den Kopf darüber. Aber vielleicht würden sie ja doch noch irgendwo ankommen.
"Wo wollt ihr denn hin? Hier geht's zum Krankenflügel", fragte ein vorbeikommender Schüler und blieb mit seinen Freunden stehen. "Ihr seid doch Erstklässler?"
"Vielleicht sind sie krank?", schlug ein anderer vor. "Der eine ist so blass."
Severus zog die Brauen zusammen. Fingen die jetzt auch noch damit an? "Mir geht's gut", grummelte er mürrisch, während William zur gleichen Zeit sagte: "Ihm geht's schlecht."
Sie starrten sich für einen Moment lang an, dann sah Severus entnervt weg. Warum war er eigentlich noch hier? Wollten sie nicht in die Große Halle? Und warum kümmerte er sich überhaupt darum, was mit den beiden Knalltüten war, die sich seine Mitschüler schimpften? Er schnaubte verhalten und machte auf dem Absatz kehrt, um den Weg in die Große Halle zu suchen. Er würde sich die beiden keine Sekunde länger als nötig antun - außerdem, er wollte schließlich seinen Stundenplan haben. Gleich am ersten Tag so ein Theater!
"Hey, wo willst du hin?", fragte William.
"Wohin wohl?", grummelte Severus und warf einen Blick über seine Schulter. "Weg von euch, zur Großen Halle ... such es dir aus."
Xenophilius sah zwischen ihnen kurz hin und her, als wisse er nicht, wen er unterstützen sollte. Währenddessen hatte William sich wieder zu den älteren Schülern umgedreht. "Seht ihr? Ich sag's ja, ihm geht's schlecht!"
"Definitiv", gluckste einer von ihnen. "Ich schätze, wir haben es mit einem Morgenmuffel zu tun, was meint ihr?"
Severus spürte, wie seine Ohren zu glühen begannen. Morgenmuffel? Von wegen! Aber jetzt hatte William es geschafft und sie alle lachten über ihn. Als hätte er davon nicht schon genug gehabt. Seine Stimmung fiel und fiel und bald würde sie selbst unter dem Kerkerniveau liegen. Warum nur war er nicht in Slytherin? Bestimmt würde er da nicht mit solchen Knallköpfen ringen müssen.
"Kommst du?", fragte Xenophilius ihn und tippte ihn in die Seite. Severus funkelte ihn an. "Du bist sehr blass", fuhr Xenophilius fort, so, als hätte er den Blick nicht bemerkt. Hatte er vermutlich auch nicht. "Du solltest wirklich in den Krankenflügel gehen. Vielleicht bist du ja krank."
Severus rollte mit den Augen. "Lass uns einfach in die Große Halle gehen, frühstücken, unsere Stundenpläne in Empfang nehmen und dann zum Unterricht gehen. Wenn ihr danach immernoch der Ansicht seid, dass ich offensichtlich krank bin, dann könnt ihr mich ja zum Krankenflügel schleifen. Deal?"
William nickte grinsend. "Auf das Schleifen kannst du dich verlassen - Deal!"
Severus unterdrückte ein Schnauben. Als ob er zulassen würde, dass er am Ende des Tages immer noch von den beiden Irren belästigt wurde. Nein, er würde untertauchen und lange weg sein, bevor sie ihn irgendwohin schleifen konnten, und wenn er auf dem Zahnfleisch davonkriechen musste.
"Oh Mann!"
Severus sah von seinem Teller auf, auf dem er gerade sein Rührei neu sortiert hatte. "Was ist denn jetzt schon wieder?"
"Was los ist?", fragte Florean mürrisch. "Wir haben sofort zwei Stunden mit den Slytherins! Das ist los!"
Die anderen Ravenclaws wirkten ähnlich missgelaunt. Severus blinzelte nur. Was war denn so schlimm daran, Unterricht mit den Slytherins zu haben? War ja nicht so, als wären die irgendwie giftig. Und Ravenclaw hatte auch keine übermäßige Rivalität mit den Slytherins. Nein, Severus verstand das ganz und gar nicht. Er hatte definitiv nichts dagegen. Vielleicht konnte er sogar ein paar Verbindungen knüpfen. Vorausgesetzt, Zauberkunst hatte ein paar Gruppenarbeiten in petto. Bei Einzelarbeit konnte man nicht so einfach mit anderen reden.
"Na, wenigstens haben wir danach nichts mehr mit denen", fuhr Florean fort. "Auch wenn ich es ein wenig viel finde, direkt am ersten Tag Astronomie zu haben - man sollte irgendwie doch wohl Vorwarnung haben. Ich wette, ich schlafe ein!"
Severus schnaubte. "Ist doch ganz einfach", brummte er, "jetzt hast du die Vorwarnung. Wenn du so müde bist, dann kannst du dich heute Nachmittag hinlegen. Ist doch wohl genug Zeit zwischen der letzten Stunde und dem Abendessen."
William sah ihn beinahe erstaunt an. "Das ist eine gute Idee", bemerkte er. "Da spricht wohl ein wahrer Ravenclaw aus dir."
Severus verkniff sich einen Kommentar. Vor allem, da er sich definitiv mehr als wahrer Slytherin fühlte. Er hatte sowieso ganz andere Sorgen - alle Stunden heute würden entweder nur mit den Ravenclaws sein oder mit den Slytherins. Das bedeutete, er musste versuchen, Lily irgendwann zwischen den Stunden abzufangen, aber wenn er seinen eigenen Rat befolgen wollte ... dann hatte er ein Problem. Wenigstens würde er später Xenophilius und William entgehen können. Er seufzte.
"Aber Severus ist krank", bemerkte Xenophilius. "Er sollte sich abmelden - es ist nicht gut, wenn man krank ist und so lange wach ist -"
"Fängst du schon wieder damit an?", grollte Severus. "Ich dachte, das hätten wir geklärt!"
"Da hatten wir den Stundenplan noch nicht", merkte William an. "Wir sollten dich nach der letzten Unterrichtsstunde in den Krankenflügel schleifen, aber wenn das mitten in der Nacht ist -"
"Merlin!" Severus verdrehte die Augen. "Ich gehe nach der sechsten Stunde in den Krankenflügel, okay? Es ist garantiert nichts!"
"Berühmte letzte Worte", meinte William. "Sei dir sicher, dass wir dich gnadenlos verfolgen werden. Du hast keine Chance."
"Das fürchte ich auch ...", murmelte Severus kopfschüttelnd.
