Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Tag 2 - Hufflepuff
Severus fühlte sich am nächsten Morgen wie gerädert. Er wusste, dass er Donnerstage von nun an hassen würde - nicht, weil er etwas gegen Kräuterkunde hatte, ja, er hatte nicht einmal Probleme mit den sterbenslangweiligen Stunden in Mathe und Englisch. Nein, es waren die Flugstunden, die ihm die Galle hochkommen ließen. Das einzig Gute an den Stunden war, dass sie mit den Ravenclaws waren - er würde sich also weder vor Potter und Black, noch vor Lily zum Affen machen. Er war auch für die kleinen Dinge dankbar. Es war schlimm genug, dass Potter und Black beschlossen zu haben schienen, dass Severus ein gutes Ziel für Spott war, eben wegen seiner zuvor großspurigen Ankündigung, dass er ein Slytherin werden würde. Er seufzte schwer. Er konnte in der Hinsicht wirklich nur hoffen, dass es den beiden schnell langweilig wurde. Immerhin, als Hufflepuff hatte er zumindest den Vorteil, dass er nicht direkt in der Schusslinie stand - Severus hatte bereits das Werk der beiden bewundern dürfen. Nichts Großes, aber Severus konnte sich vorstellen, dass, wäre er ein Slytherin, er derjenige gewesen wäre, dem eine Stinkbombe in die Tasche geschmuggelt worden wäre. So jedoch war er es wohl nicht wert, dass sie mehr als nur dumme Sprüche an ihn verschwendeten.
"Hey, Sev!"
Severus drehte den Kopf und funkelte Eric finster an. "Welchen Teil von Nenn mich nicht Sev! hast du nicht verstanden?", zischte er säuerlich.
Eric grinste ihn an. "Lily nennt dich auch Sev", meinte er nur.
Severus schnaubte und setzte sich auf. "Lily", sagte er düster, "ist meine Freundin. Du bist es nicht."
Seine Worte verfehlten die gewünschte Wirkung. Scheinbar hatte Eric es sich in den Kopf gesetzt, dass unbedingt Severus sein bester Freund für immer und ewig werden musste. Wusste Merlin, warum. Severus konnte keinerlei Gemeinsamkeiten feststellen, die über ihr Alter und Haus hinausgingen. Ihre Persönlichkeiten waren polare Gegensätze. Aber vielleicht war es die hufflepuff'sche Natur, die Severus so abging. Der Sprechende Hut hatte durchaus eine wichtige Tatsache festgestellt: Severus musste dringend einige soziale Fähigkeiten erwerben. Nur irgendwie hatte er das Gefühl, dass er in Hufflepuff eher wahnsinnig werden würde.
"Nun, auf, auf!", rief Eric der Immerfröhliche und warf Severus seinen Umhang zu.
"Warum die Eile?", fragte Severus mürrisch. "Wir haben Zeit!"
Eric schenkte ihm einen langen Blick. "Du weißt schon, dass wir vor dem Frühstück noch kurz in die Bibliothek wollten?"
Severus schnaubte. "Korrektur, du wolltest in die Bibliothek." Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare. "Ich weiß sowieso nicht, was du da willst, und ich bin der Bücherwurm hier. Wir haben bisher noch keine Hausaufgaben auf, die über das Lesen unserer Bücher und das Lösen von ein paar Rechnungen hinausgeht."
"Nicht jeder kann so überschlau wie du sein", brummte Eric. "Ich hab dir doch gesagt, ich will mir vorher noch mal kurz was zu Zaubertränke angucken und -"
"Merlin!" Severus grollte. "Wir haben Zaubertränke nicht vor dem Mittagessen! Warum musst du in aller Herrgottsfrühe in die Bibliothek um etwas dafür nachzuschlagen?"
Eric druckste herum. "Die Sache ist die ...", murmelte er. "Wenn es um Zaubertränke geht, irgendwie habe ich zwei linke Hände -"
"Wir hatten noch nie Zaubertränke", brummte Severus und zog sich um. "Ich weiß nicht, warum du der Ansicht bist, dass du in der ersten Stunde bereits perfekt sein musst."
"Nun, du -"
"Vergleich mich nicht mit dir", fuhr Severus dazwischen, "das sind zwei vollkommen verschiedene Dinge." Er zögerte einen Augenblick. Wie sollte er es begründen, ohne Eric vor den Kopf zu stoßen? Er musste ja nicht extra gemein zu ihm sein, selbst wenn er ihm ein wenig auf die Nerven ging. "Ich meine, ich wäre fast in Ravenclaw gelandet", meinte er, auch wenn das nicht so ganz den Tatsachen entsprach. "Aber was ist mit dir?"
Eric zuckte nur die Schultern. "Ich bin eben nervös", verteidigte er sich.
"Und es hilft dir wie, wenn du in die Bibliothek gehst und dann vor dem Zaubertränkeregal stehst?", fragte Severus spitz. "Weißt du überhaupt, was du da nachschauen willst?"
"Err ..."
"Genau." Severus seufzte entnervt. "Was hältst du davon, wenn wir einfach zum Frühstück gehen und uns Zeit lassen und du vergisst einfach Zaubertränke? Mach dir lieber Gedanken um Verteidigung gegen die Dunklen Künste - das haben wir nämlich in den ersten beiden."
Eric wirkte unentschlossen, aber er folgte Severus letztendlich doch in die Große Halle. Severus schüttelte innerlich den Kopf. Warum machte er sich überhaupt die Mühe mit Eric? Er konnte ihn nicht einmal wirklich leiden. Gut, er verabscheute ihn auch nicht, er war nur genervt von ihm, aber trotzdem. Wieso hatte er Eric nicht einfach in sein Verderben rennen lassen? Okay, das war ein wenig extrem.
Vielleicht lag es einfach daran, dass Eric von sich aus auf Severus zugegangen war. Das hatte vorher noch nie jemand gemacht. Nicht einmal Lily. Severus wusste zwar noch nicht, was er davon halten sollte, aber irgendwie war es ein ... gutes Gefühl.
Die Gruppe Hufflepuffs war ungewöhnlich leise auf dem Weg zum Klassenraum für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Severus war der einzige, der nicht besorgt war. Das lag vor allem daran, dass der Grund für die Besorgnis ihn nicht betraf. Die anderen waren verunsichert, da sie zusammen mit den Slytherins Unterricht haben würden. Während sie keine Probleme damit hatten, mit den Ravenclaws oder Gryffindors Stunden zu haben, war Slytherin ihnen unheimlich. Da Severus jedoch beinahe selbst einer war, machte er sich darüber eher wenige Gedanken. Im Gegenteil - er hoffte auf eine Chance, sich vielleicht mit den Slytherins anzufreunden.
Die Endsituation machte die Chance jedoch ziemlich zunichte, wie Severus feststellte: Im Klassenraum gab es eine definitive Trennung der Häuser. Auf der einen Seite saßen die Hufflepuffs, auf der anderen die Slytherins. Und die Blicke waren ziemlich finster. Severus seufzte innerlich. Vielleicht sollte er die Idee von Freundschaft mit den Slytherins begraben.
"Sev", zischte Eric, "beeil dich, sonst sind die guten Plätze weg!"
Severus runzelte die Stirn. "Was meinst du?"
Eric deutete auf die noch freien Sitzplätze. Severus zog ein wenig die Brauen zusammen. Erste Reihe und Raummitte. Natürlich - die unbeliebtesten Plätze: direkt vor dem Lehrer und nah an den Slytherins. Severus sah zu Eric, dann wieder zu den Sitzplätzen. Schließlich wählte er kurzerhand einen Tisch in der zweiten Reihe - direkt an der Grenze zu den Slytherins. Eric machte einen verzweifelten Gesichtsausdruck, setzte sich aber trotzdem neben ihn.
"Warum habe ich das Gefühl, dass du das mit Absicht gemacht hast?", fragte Eric mit einem Kopfschütteln.
Severus grinste finster. "Weil es Absicht war?" Er sah zur Seite, wo sich nun auch ein paar Slytherins hingesetzt hatte. Ihre Namen wusste er jedoch nicht mehr. Sie ignorierten die beiden Hufflepuffs. Severus wandte sich wieder Eric zu. "Abgesehen davon, irgendwer muss ja hier sitzen, oder?"
Eric sah ihn mürrisch an. "Warum müssen wir das sein?"
Severus tat erstaunt. "Wieso wir? Niemand zwingt dich dazu, hier zu sitzen. Du kannst die Gunst der Stunde nutzen und dir einen anderen Platz suchen, solange noch nicht alle besetzt sind ..."
Er beobachtete Eric aus den Augenwinkeln. Er wusste nicht, was er erwartet hatte - vermutlich, dass Eric die Chance nutzte und das Weite suchte. Stattdessen kniff er die Lippen zusammen, verschränkte die Arme und blieb sitzen. Severus blinzelte. Was war jetzt schon wieder los? Eric murmelte irgendetwas von "Prüfung" und "schwierige Freunde". Severus starrte. Dachte Eric etwa, er hätte sich hier her gesetzt, um ihn zu testen? Er würde den Kerl vermutlich nie verstehen.
Er überlegte, ob er nachhaken sollte, aber bevor Severus irgendetwas sagen konnte, fanden sich die restlichen Schüler ein und ihr Lehrer betrat den Raum. Musste es eben bis nach dem Unterricht warten. Es war jedenfalls ein seltsames Gefühl, dass jemand eine unangenehme Situation für ihn auf sich nehmen wollte - bisher war nur er derjenige gewesen, der unliebsame Gesellschaft ertragen hatte, namentlich Lilys Schwester Petunia. Vielleicht war es am Ende eben doch eine Hufflepuff-Eigenschaft, die er sich mit Eric teilte. Severus sah zu den Slytherins am Nachbartisch. Was würde Eric dann tun, wenn Severus versuchte, sich mit denen anzufreunden? Ob er trotzdem bei ihm bleiben würde?
Severus dachte darüber nach, während er mit halbem Ohr der Rede des Professors darüber, was sie im Unterricht alles lernen konnten, zuhörte. Bisher hatte er keine Idee, wie er eine Kontaktaufnahme überhaupt gestalten sollte. Der einzig positive Punkt in dieser ganzen Angelegenheit mit den Slytherins war bisher, dass die ihm keine dummen Sprüche an den Kopf geworfen hatten. Gleichzeitig ignorierten sie ihn.
"Okay, Sev - wie macht man das mit dem Zauber?"
Severus sah Eric an. "Hat Flitwick das nicht gerade erklärt?", fragte er.
"Nun, ja, aber ich will testen, wie gut du bei Nachhilfe bist, wenn du mir später mit Zaubertränke helfen sollst", grinste Eric.
Severus schüttelte seufzend den Kopf. "Wie du meinst ..." Auch wenn er nicht wusste, wieso, ließ er sich doch dazu hinreißen, Eric den Zauber noch einmal zu erklären. Vielleicht war es Mitleid. Vielleicht war es auch Langeweile, denn Severus hatte keine Probleme mit dem Zauber. Das Ende vom Lied war jedenfalls, dass Eric beschloss, dass Severus nun offiziell sein Helfer in allen Lebenslagen sein würde.
Wo hatte er sich da nur reingeritten?
Severus sah Eric mürrisch an. "Du hättest mich vorwarnen sollen", grummelte er. "Ich meine, es ist doch wohl nicht zu viel verlangt, dass du einfach mal die Anweisungen liest."
Eric zuckte die Schultern. "Ich habe gesagt, dass ich eine Niete in Zaubertränke bin."
"Das hat nichts mit Zaubertränke zu tun, sondern damit, dass du nicht lesen kannst."
Es war wirklich eine Katastrophe. Severus hatte bereits damit gerechnet, dass Eric irgendwie Probleme haben würde. Er hatte sich schließlich nicht umsonst Erics Panikmache anhören müssen. Aber dennoch ... er hatte irgendwie doch erwartet, dass Eric es zumindest versuchen würde. Hatte er aber nicht. Stattdessen hatte er sich wild im Klassenraum umgesehen, wahllos irgendwelche Handgriffe imitiert und sie dadurch beinahe in die Luft gejagt. Was für eine Art Idiot musste man auch sein, um einfach kreuz und quer irgendwelche Zutaten in den Kessel zu werfen.
Severus war froh, dass sie noch lebten. Nun, er hatte auch ein Erfolgserlebnis gehabt, denn er hatte Erics Tun rechtzeitig bemerkt und es tatsächlich geschafft, ein Unheil abzuwenden. Er hatte sogar ein Lob von Slughorn, dem Lehrer für Zaubertränke, bekommen. Und die Andeutung, dass Slughorn ihn - und seine Begabung - im Auge behalten würde. Er konnte sich nicht einmal darüber ärgern, dass er nun für den Rest des Schuljahres mit Eric als Partner gestraft war.
"Ich warne dich", sagte Severus finster, "wenn du uns das nächste Mal wieder beinahe in die Luft jagst -"
"Ja, ja, Sev, ich passe schon auf. Ich meine -"
"Du hast die gesamte Doppelstunde über gemeint, du würdest alles richtig machen", schnappte Severus. "Ich sollte von dir verlangen, dass du mir jeden Schritt mitteilst, bevor du ihn ausführst. Das würde mir sehr viel Leid ersparen. Uns allen."
"Merlin!" Eric zog einen Schmollmund. "Ich war eben nervös!"
Severus schnaubte. "Erzähl das deiner Großmutter. Du hattest einfach keine Lust, auch nur einen Blick ins Buch zu werfen."
Eric sah verlegen zur Seite. "Nun ..." Er druckste etwas herum. "In Wahrheit hatte ich das Buch vergessen ... und deins ist vollgekritzelt."
Severus starrte ihn ungläubig an. "Und du hättest nicht fragen können?"
"Hey, es war mir einfach peinlich, okay?" Eric wurde rot. "Ich habe dir doch den ganzen Morgen damit in den Ohren gelegen ..."
Severus schüttelte den Kopf. "Du bist einfach unmöglich."
