Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Tag 2 - Ravenclaw
"Guten Morgen, Sonnenschein!"
Severus funkelte seine beiden Mitschüler finster an. "Der Morgen war gut - bis ihr kamt."
William zog einen Schmollmund, während Xenophilius sich einmal mehr unbeeindruckt ob Severus' Worte zeigte. Warum konnten die nicht so reagieren, wie man es wollte? Severus warf ihnen einen letzten vernichtenden Blick zu und zog die Vorhänge um sein Bett mit einem Ruck zu, um sich in Ruhe umziehen zu können. Es war schon schlimm genug, dass er im Krankenflügel war - dank der beiden Idioten - da musste er sich nicht auch noch vor der gesamten Mannschaft umziehen.
"Ach, hab dich nicht so", meinte William und zog den Vorhang einen Spalt zur Seite.
"Hey!" Severus wirbelte erbost herum und versuchte dabei vergeblich, sich das Bettlaken überzuwerfen. "Kannst du nicht anklopfen?"
"Wo denn, du hast hier keine Tür!"
"Das ist kein Grund!"
Severus zog den Vorhang gewaltsam zu und zog sich schnell zu Ende um, bevor William zu drastischeren Maßnahmen griff. Als er schließlich fertig angezogen war, stellte er sich den beiden Ravenclaw-Knalltüten. Warum waren sie überhaupt hier? Dachten sie, er brauchte eine Nanny, um zur Großen Halle zu finden? Er sah sie mürrisch an, aber er wusste bereits, dass es keine Wirkung haben würde.
"Bist du sicher, dass du jetzt gesund bist?", fragte Xenophilius. "Du bist immer noch blass."
"Ich bin immer blass", knurrte Severus. "Das ist meine normale Hautfarbe!"
William grinste. "Genau, Xeno, unser Sev ist doch ein Vampir." Er stieß Severus kumpelhaft in die Seite - so kumpelhaft, dass Severus sicher war, dass er blaue Flecken bekommen würde. "Sag mal, Sev, was genau war es denn jetzt? Ich meine, die wollten uns nicht sagen, was los war, und -"
"Schon mal was von ärztliche Schweigepflicht gehört?", spottete Severus. "Natürlich sagen die dir nicht, was ich habe. Und ich sehe auch keinen Grund, dir das zu sagen. Wozu auch?" Es war nicht so, als hätte er irgendeine schreckliche Krankheit gehabt, nur eine äußerst üble Erkältung. Da hatte aber auch ein Aufpäppeltrank gereicht - samt rauchenden Ohren. "Wegen euch habe ich Astronomie verpasst", merkte er an. "Ich hoffe für euch, dass ihr gute Notizen gemacht habt."
William und Xenophilius sahen sich an. Severus sah sie stirnrunzelnd an. Der Blick, den sich die beiden zuwarfen, schien ein deutlicher Hinweis darauf zu sein, dass sie sich keine Notizen gemacht hatten. Was bedeutete, dass er versuchen musste, sich von jemand anderem die Materialien zu besorgen. Schule war definitiv schwierig - man musste sich offensichtlich auf andere verlassen, wenn man nicht zum Unterricht erscheinen konnte. Nicht so wie zuhause, wo ihn seine Mutter unterrichtet hatte.
"Na schön", knurrte Severus, "aber ihr habt die Aufgaben, oder? Wenn nicht, dann Gnade euch Merlin und wer sonst noch ein Interesse daran haben könnte, euch gnädig gestimmt zu sein, denn ich werde es nicht sein!"
William sah beleidigt drein. "Für was hältst du uns?"
"Willst du meine ehrliche Meinung hören?", fragte Severus zuckersüß, während sie sich auf den Weg zur Großen Halle machten. "Ja? Für Idioten. Ich meine, wie blöd muss man sein, um sich keine Notizen zu machen? Vor allem dann, wenn man dafür sorgt, dass jemand in den Krankenflügel gekarrt wird."
"William war zu müde", merkte Xenophilius an, Williams empörtes "Hey!" ignorierend, "weil er nicht auf deinen Rat gehört hat. Er hat sich auch nicht die Aufgabe notiert, sondern sie von mir abgeschrieben."
Severus seufzte. Das war doch nicht normal, dass der Typ, der am realitätsfernsten schien, der einzige war, der praktisch handelte, oder? "Okay. Dann hoffe ich, dass du mir zumindest erzählen kannst, was ihr gemacht habt."
William zog die Brauen zusammen. "Und ich?"
Severus grinste. "Du darfst meine Bücher tragen, da ich jederzeit rückfällig werden könnte." Sprach's und warf William seine Büchertasche zu - die natürlich überfüllt war mit Büchern, die alle mehr oder weniger notwendig für den Unterricht waren.
William fing die Tasche mit einem leisen Aufstöhnen auf, aber zu Severus' Überraschung protestierte er nicht. Andererseits, Williams Blick deutete an, dass er noch vor Ende des Tages versuchen würde, Severus um irgendetwas zu fragen. Nun, sollte er fragen - Severus war sehr gut darin, Nein! zu sagen.
Severus stellte fest, dass er nichts verpasst hätte, wenn er noch eine Stunde länger im Krankenflügel geblieben wäre - außer dem Frühstück. Geschichte der Zauberei war ein Witz, vor allem, da Severus Geschichte interessant gefunden hätte. Zumindest bis er den Lehrer sah und erkennen musste, dass Professor Binns' Existenz als Geist das einzig aufregende war, das er in seinen Stunden wohl erleben würde. Nicht nur, dass er es nicht schaffte, auch nur einen einzigen Namen in ihrer Klasse richtig von seiner Liste abzulesen, nein, er hatte auch die spezielle Fähigkeit, einen nach einem Satz bereits wünschen zu lassen, dass die Stunde zu Ende sei. Severus schaffte es mit Mühe, sich eine Notiz dazu zu machen, was ihnen vorgetragen worden war, denn es war schwer, sich zu konzentrieren.
Die Stunde danach zeigte sich als um einiges interessanter, aber auch nur deshalb, weil Severus Dank seiner Mutter ein gewisses Vorwissen hatte und demnach nicht vollkommen auf dem Schlauch stand. Wenigstens würde Latein ihm in Zukunft nützlich sein, so viel hatte er bereits aus Zauberkunst mitnehmen können. William zeigte sich weniger interessiert und Xenophilius schien noch immer in seiner Geschichtstrance zu sein. Alles in allem war es jedoch langweilig.
Ein Lichtblick zeigte sich in Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Nicht nur, dass das Fach versprach, interessant zu werden, da die Klasse wohl von einem Auror unterrichtet wurde, der momentan keine Feldeinsätze leisten konnte - also einem Mann vom Fach - nein, sie hatten Verteidigung zusammen mit den Gryffindors. Während es den Nachteil hatte, dass Potter und Black in der Klasse waren, so hatte es den viel größeren Vorteil, dass auch Lily in der Klasse sein würde. Entsprechend gehoben war Severus' Laune, als sie sich ihre Plätze suchten.
Severus überflog suchend die Schülerschar und ein Grinsen zeigte sich auf seinem Gesicht, als er Lily erspähte. "Hey!", rief er und setzte sich neben sie, bevor William und Xenophilius ihn einkesseln konnten. "Ich hatte schon die Befürchtung, wir hätten gar keine Klassen zusammen."
Lily lächelte verschmitzt. "Ich kann mir vorstellen, dass du irgendeinen Weg drumherum gefunden hättest. Wenn ich mich recht erinnere, hast du mir früher auch nach der Schule aufgelauert."
Severus errötete. "Das ist doch ... ich meine ... also, das war ... hey!" Lily lachte laut los, aber Severus konnte ihr nicht wirklich böse sein. Immerhin, er hatte ihr mehr oder weniger aufgelauert. Er stieß sie spielerisch an. "Sag mir lieber, wie es dir ergangen ist mit denen." Er nickte zu Potter und Black hinüber.
Lilys Gesicht verfinsterte sich. "Das sind zwei Idioten sondergleichen", sagte sie. "Kannst du dir vorstellen, dass das erste, was sie gemacht haben, ein Streich war? Und kein besonders witziger, möchte ich hinzufügen."
Severus zog die Brauen zusammen. "Was haben sie gemacht?"
"Stinkbomben. Ich weiß nicht, woher sie die hatten, vielleicht von Zuhause, aber ich meine - wie blöd muss man sein?" Lily schnaufte. "Mitten im Gemeinschaftsraum. Also wirklich! Wenn ich mir vorstelle, dass ich es sieben Jahre mit denen aushalten soll ..."
"Vielleicht findet sich ein Weg, wie du ihnen entkommen kannst", meinte Severus.
"Habt ihr noch Platz? Ich stell mir ein Feldbett auf oder nehm einen Schlafsack." Lily grinste. "Das würde das längste Übernachten bei einem Freund werden, das es je gab."
Severus schüttelte mit einem leisen Lachen den Kopf. "Und du glaubst, dass das die ganzen sieben Jahre nicht auffallen würde?"
Lily zuckte die Schultern. "Man kann ja wohl hoffen."
Severus' Laune war deutlich besser, als sie am Nachmittag in den Gemeinschaftsraum zurückkehrten. Während er es William und Xenophilius immernoch übel nahm, dass sie keine Notizen angefertigt hatten, hatte das Gespräch mit Lily seine Laune doch um Meilen gehoben. Das war etwas, was nur Lily konnte, was auch daran liegen mochte, dass sie sich eben kannten. William und Xenophilius versuchten zwar, mehr oder weniger, sich mit ihm gut zu stellen, aber die meiste Zeit über fragte Severus sich nur, was in ihren Köpfen durcheinander geraten sein könnte.
"Also", sagte Severus und setzte sich an den Tisch, den er erobert hatte - man sollte es kaum glauben, aber es war nicht wirklich einfach, im Ravenclaw-Gemeinschaftsraum einen freien Tisch zu ergattern. "Xenophilius, was habt ihr in Astronomie genau gemacht? Jedes Detail."
"Xeno reicht", merkte Xenophilius an und setzte sich zu ihm.
"Ja, wie auch immer." Severus machte eine abwertende Handbewegung. "Also, Astronomie?"
Xenophilius sah ihn einen Moment lang mit einem undefinierbaren Blick an - wenngleich Severus so langsam das Gefühl bekam, dass alles an Xenophilius undefinierbar war - und nickte dann langsam. "Astronomie", sagte er langsam, so, als müsse er sichergehen, dass Severus auch wusste, worum es ging.
William ließ sich neben ihn auf die Bank fallen und schüttelte den Kopf. Severus ignorierte ihn, während er Xenophilius' Worten lauschte. Am Ende half ihm das nicht viel. Sicher, es war vielleicht halbwegs interessant, dass sie sich damit befasst hatten, wie man die ganzen Sternbilder und Planeten und was auch immer zuordnete, aber das war nichts Neues. Während Severus nie die Planeten beobachtet hatte, konnte er doch mit ziemlicher Sicherheit die meisten Sternenbilder am Himmel finden - er hatte oft genug bis in die späten Abendstunden draußen herumgesessen, um seinem Vater aus dem Weg zu gehen. Aber irgendetwas sagte ihm, dass Xenophilius den wichtigsten Teil ausließ. Leider wusste auch William nicht, was es sein könnte. Severus würde wohl seine anderen Mitschüler fragen müssen. Oder aber, er hoffte einfach, dass er die Antwort in einem Buch finden würde.
"Okay", sagte er und unterbrach Xenophilius' Ausführung darüber, wie er Bootes gefunden hatte, und sah zwischen seinen beiden Mitschülern hin und her. "Am Ende läuft es also darauf hinaus, dass ihr mir nicht sagen könnt, was in der Stunde passiert ist, so, dass ich daraus einen wirklichen Nutzen ziehen kann. Die Hausaufgabe scheint ihr auch nicht mehr richtig im Kopf zu haben, da das, was ihr aufgeschrieben habt - oder eben nicht - bestenfalls dürftig ist." Er seufzte. "Ihr zwei, man sollte euch auf den Mond schießen."
"Der Mond ist zunehmend im zweiten Viertel", merkte Xenophilius an.
Severus widerstand dem Drang, den Kopf auf die Tischplatte fallen zu lassen. Wenn er nicht befürchten müsste, dass Xenophilius die wahre Bedeutung hinter dem Kommentar nicht ignorierte, würde Severus ihn ein Mondkalb nennen. So jedoch beschränkte er sich darauf, vollkommen entnervt zu sein. Er überlegte, ob er jemand anderen fragen sollte, aber ein kurzer Blick durch den Gemeinschaftsraum zeigte ihm, dass außer ihnen kein anderer Erstklässler zugegen war. Astronomie würde wohl warten müssen.
"Na schön", sagte er finster, "wenn Astronomie nicht geht - wie sieht es mit Zauberkunst aus? Können wir uns daran versuchen?"
"... du musst ein Steinbock sein", schlussfolgerte Xenophilius. "Du bist willensstark und erfolgsorientiert. Vielleicht -"
"Ich hasse Horoskope", zischte Severus grimmig. "Die sagen mir nämlich ständig nur Pech voraus."
"Horrorskope", grinste William. "Vielleicht bist du ja unter einem schwarzen Stern geboren?"
Severus sah ihn missmutig an. "Eher ein schwarzes Loch. Können wir uns endlich etwas sinnvollerem zuwenden als irgendwelchem Quark, den sich die Leute ausgedacht haben, um andere Leute zu verarschen und ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen? Bitte?"
"Du solltest etwas dagegen tun, weißt du?", fuhr Xenophilius fort, so, als habe er ihre Zwischenrufe gar nicht mitbekommen. "Steinböcke haben Probleme damit, neue Kontakte zu knüpfen, und es könnte dich in den Hintern beißen."
"Ich beiße gleich", schnappte Severus. "Zauberkunst. Jetzt!"
Xenophilius zuckte mit den Schultern. "Ich dachte nur, es sollte mal gesagt werden."
"Xeno!"
