Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Tag 3 - Hufflepuff
"Das ist doch mal eine Woche!"
Severus sah Eric an und rollte die Augen. "Eine Woche besteht aus sieben Tagen. Das waren gerade mal zwei."
"Eben!" Eric grinste von einem Ohr zum anderen. "Das ist ja gerade das Tolle! Nur zwei Tage Schule und schon ist Wochenende."
Severus sagte dazu nichts. Ihm hätte es nichts ausgemacht, noch drei Tage Unterricht zu haben. Vor allem, da er einige Fächer noch nicht hatte, und er wollte sie haben. Er würde es lieber in einer einzigen Woche hinter sich bringen, vor allem, wenn er darüber nachdachte, dass er sich trotz allem Selbstbewusstsein in seine Fähigkeiten in irgendeinem Fach blamieren könnte. Nein, ein Wochenende hätte ihm nach einer kompletten ersten Schulwoche gereicht. Irgendwie hatte er nämlich das befremdliche Gefühl, dass ihre Schonfrist am Montag um sein würde.
"Wo willst du eigentlich hin?", fragte Eric und sah sich um. "Zum Gemeinschaftsraum geht es genau in der entgegengesetzten Richtung."
"Damit weißt du zumindest, dass ich, wenn ich mich nicht an einem sehr ausgefeilten Umgehungsweg versuche, nicht zum Gemeinschaftsraum will." Severus verdrehte die Augen. Er wusste, dass Eric nicht lockerlassen würde. Er hatte in den letzten Tagen nie lockergelassen. Es schien nicht im Rahmen seiner Fähigkeiten zu liegen, zu akzeptieren, dass manche Leute einfach kein Interesse daran hatten, zu reden oder in ständiger Gesellschaft zu sein. Severus warf seinem neuen Schatten einen kurzen Blick zu. "Ich gehe in die Bibliothek", erklärte er dann in der Hoffnung, dass das Eric abschrecken würde.
Tatsächlich blieb Eric kurz stehen. "In die Bibliothek?", fragte er in einem beinahe weinerlichen Tonfall, bevor er sich zusammenriss und wieder zu Severus aufschloss. Scheinbar gewichtete er die Loyalität gegenüber jemanden, den er kaum kannte und der ihn auch nicht gerade freundlich behandelte, schwerer als seine Abneigung, an ihrem ersten freien Tag sofort wieder mit dem Lernen anzufangen. "Sag, bist du wirklich kein Ravenclaw in Verkleidung?"
Nun war es an Severus stehen zu bleiben. Er zog ein wenig die Brauen zusammen. Konnte er sich Ravenclaw in Verkleidung nennen? Nicht wirklich. Außer natürlich, er sponn es weiter - ein Slytherin der sich als Ravenclaw verkleidet hatte, damit er sich danach als Hufflepuff verkleiden sollte. Auch wenn er nicht wusste, warum jemand sich solche Mühe geben sollte, um Hufflepuff zu infiltrieren.
"Nein, ich habe nur Ravenclaweigenschaften", sagte Severus schließlich. Er drehte sich zu Eric um und grinste bösartig. "Denn in Wahrheit bin ich eigentlich der sogenannte Wolf im Schafspelz."
Eric blinzelte. "Was für ein Wolf? Und wieso Schafe?"
Severus seufzte. Das hatte er davon, Muggelausdrücke zu benutzen. Was wäre das Zaubereräquivalent? Vermutlich Schlange im Löwenfell oder so, aber er wollte mit den hiesigen Löwen nichts zu tun haben - mit Ausnahme von Lily. "Eine Muggelredewendung", erklärte Severus jedoch, wissend, dass es besser war, derartige Fragen zu beantworten. "Lass es mich anders ausdrücken - in Wahrheit bin ich ein Slytherin, der sich nur als Hufflepuff ausgibt."
Er musterte Eric und wartete gespannt auf die Reaktion. Sie fiel jedenfalls nicht so aus, wie er es erwartet hatte: Eric lachte. "Dazu bist du viel zu nett!"
Irgendwas musste Severus ganz gehörig falsch machen.
"Was willst du eigentlich in der Bibliothek machen?", fragte Eric, als sie durch die großen Flügeltüren gingen. Sein Blick schweifte über die gewaltigen Regale, alle vollgestopft mit Büchern aller Art, wie es schien.
Er teilte definitiv nicht Severus' Vorliebe für Bücher, das war eindeutig.
"Was wohl?", meinte Severus, noch immer missgelaunt, weil er ja scheinbar unglaublich nett war. "Party und Randale. Was glaubst du?"
Eric sah ihn schief an. "Lesen?"
Severus verkniff es sich, darauf hinzuweisen, dass man Ironie nicht ernst nehmen sollte. Vielleicht machte Eric das auch mit Absicht, einfach um ihn zu ärgern. Das musste es sein. Und weil Severus so herzensgut war und ihn noch nicht auf den Mond gehext hatte, war er eben nett. Das war eine gute Erklärung, auch wenn Severus sich nicht als herzensgut betrachten würde - er hatte nur noch keine Idee, mit welchem Fluch man das bewerkstelligen könnte.
Er sah sich nach einem freien Tisch um. Da es das erste Wochenende im Schuljahr war, gab es da wenig Probleme - die wenigsten wollten den ersten Samstag in der Bibliothek hocken. Die meisten waren wohl unterwegs und redeten darüber, was sie in den Ferien so gemacht hatten oder, im Falle der Erstklässler, wo sie herkamen und solche Dinge. Severus hatte kein Interesse daran, selbst wenn er jetzt ein Hufflepuff war - Vorstellungsrunden waren definitiv nicht seine Idee eines spaßigen Vormittags.
"Komm", sagte er zu Eric und lotste ihn zu einem Tisch, der etwas abseits war. Er musste schließlich nicht riskieren, von irgendwelchen älteren Schülern angefaucht zu werden, die bereits jetzt mit Hausaufgaben beladen waren. "Ich glaube, das ist ein guter Tisch." Severus sah sich um. "Nicht zu sehr im Mittelpunkt. Hier sollten wir unsere Ruhe haben - merk dir die Position."
Eric runzelte die Stirn. "Ja, klar, aber was wollen wir hier?"
Severus sah ihn milde überrascht an. "Hausaufgaben, natürlich. Sag bloß, dir ist noch nicht aufgefallen, dass im Gemeinschaftsraum nicht gerade die beste Lernatmosphäre herrscht."
"Hausaufgaben?" Eric sah ihn an, als ob er verrückt geworden wäre. "Aber es ist Wochenende!"
"Und auch das geht einmal vorbei", erwiderte Severus ernst. "Glaub mir, wenn wir jetzt unsere Hausaufgaben machen, dann vermeiden wir den Stress Sonntagabend, wenn der Rest der Schule versucht, eine Nachtschicht einzulegen."
Eric seufzte. "Wenn du meinst ..." Er ließ sich lustlos auf einen Stuhl sinken. "Ich glaube immer noch, du bist fehlsortiert."
"Bin ich", sagte Severus ernst, "aber du wirst mir noch dankbar sein. Außerdem, ich habe keine Lust, dass du mir morgen Abend wegen Zaubertränke in den Ohren liegst. Mir hat die Doppelstunde gestern gereicht."
Eric verzog das Gesicht. "Nicht jeder kann da so ein Genie sein", brummte er. "Aber na schön. Wehe, wenn sich das hier nicht lohnt!"
Severus ignorierte ihn und holte seinen Aufgabenzettel hervor. So oder so war er Eric bereits voraus mit seinen Hausaufgaben - wenn er eines aus Lilys Erzählungen über die Schule gelernt hatte, dann, dass man mit den Hausaufgaben am besten an dem Tag anfing, an dem man sie bekommen hatte. Das ersparte einem viel Kummer, wie Severus festgestellt hatte. Seine Notizen waren nicht immer so umfangreich, wie sie es hätten sein können, und er hatte wirklich keine Lust, später darüber zu rätseln, was genau er mit irgendeiner Aufgabenstellung gemeint hatte. Dementsprechend hatte er sich bereits mit den Aufgaben befasst und musste nun nur noch die Informationen heraussuchen.
"Okay, was haben wir alles auf ...?" Severus studierte seinen Zettel. "Hm ... ich schätze, wir werden uns mit Verteidigung und mit Zaubertränke befassen müssen. Kräuterkunde war nur lesen und Geschichte ist ein Witz. Latein ... na ja, da reicht ein Wörterbuch eigentlich aus ..."
Eric seufzte leise. Severus ignorierte ihn, während er einen Plan machte. Englisch und Mathe hatte er bereits - die Stunden waren ein Witz, wenn es einen gab. Geschichte war etwas, was er eher verdrängen wollte, Dank des Lehrers. Er wusste nicht, ob er dafür überhaupt etwas machen sollte, immerhin hatte ihr Geisterlehrer nicht einmal ihre Namen richtig hinbekommen. Vermutlich würde es das Fach werden, dass Severus aufschob.
"Wie wäre es dann, wenn wir mit Zaubertränke anfangen?", schlug Eric vor. "Dannach kann ich gehen und du machst weiter -"
Severus sah ihn finster an. "So ist das also, wie?" Er grummelte. "Na gut, aber sag morgen nicht, ich hätte dich nicht gewarnt! Von mir kriegst du keine Hilfe!"
"Akzeptiert - und jetzt mach schon hinne!"
Eric würde das Grinsen noch vergehen, so viel stand fest. Severus freute sich schon darauf.
Severus blätterte lustlos durch sein Kräuterkundebuch. Nachdem er Eric bei seinem Zaubertränkeaufsatz geholfen hatte und danach von ihm kläglich im Stich gelassen worden war, hatte er sich zunächst an Verteidigung gesetzt. Es war auch nicht weiter schwierig gewesen, aber ihm hatte dann doch der Nerv gefehlt, es ins Reine zu schreiben. Also hatte er sich hingesetzt und Kräuterkunde hervorgeholt - aber das Lesen half auch nicht, seine Laune zu bessern. Fakt war, dass er zwar lernen wollte, doch das Alleinsein dabei ihm irgendwie den Spaß daran raubte. Vielleicht war es auch das Gefühl, dass er nicht voran kam. Oder der Gedanke, dass Eric abgehauen war und sich jetzt irgendwie amüsierte. Es war zum Haareraufen.
"Sev!"
Er sah verwirrt auf. Dann breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. "Lily", meinte er, und seine Laune hob sich schlagartig. "Nicht unterwegs mit all den anderen?"
Lily schüttelte den Kopf und setzte sich zu ihm an den Tisch. "Na, weißt du, ich dachte mir, ich schaue mal vorbei - ich weiß doch, dass du hier bist. Mit deinen ständigen Bemerkungen dazu, dass ich eben früher mit den Hausaufgaben anfangen sollte und so."
Severus lächelte verschmitzt. "Was wäre ich denn für einer, wenn ich meine eigenen Ratschläge nicht befolgen würde? Und, folgst du meinem Beispiel auch?"
"Teilweise." Lily seufzte. "Ich habe zumindest einen Teil der Aufgaben fertig. Und du?"
"Ich muss es eigentlich nur noch ins Reine schreiben. Na ja, und eine Lateinübersetzung, aber das kriege ich schnell hin. Hoffe ich."
"Streber!" Lily streckte ihm die Zunge raus. Dann blickte sie ernst. "Weißt du, diese Knalltüten Black und Potter, ich wünschte mir, die würden in den See springen und uns von ihnen erlösen."
Severus blinzelte. "Ich dachte, du bist tierlieb", sagte er.
"Bin ich, aber was hat das damit zu tun?"
"Du willst Black und Potter in den See springen lassen - was wird dann mit dem Kraken und all den anderen Geschöpfen da drin?"
Lily lachte laut auf. "Oh, du!" Sie knuffte ihn in die Seite. "Du weißt, was ich meine." Sie sah ihn mit schiefgelegtem Kopf an. "Sag, warum bist du allein hier?"
"Eric, die treulose Tomate, hat mich im Stich gelassen", sagte Severus mit einem leisen Seufzen. "Und das, nachdem ich ihm in Zaubertränke geholfen habe. Undankbarer Kerl."
Lily zog die Brauen zusammen. "Bist du dir sicher, dass er dich nicht nur ausnutzt? Ich meine, wenn er nicht mal bleibt -"
Severus dachte einen Moment darüber nach. Traute er Eric zu, dass er ihn wegen seines Talents in Zaubertränke ausnutzen wollte? Die Antwort war nein. Eric hatte sich bereits an ihn geheftet, bevor Severus irgendetwas in der Richtung erwähnt hatte. Das sagte er auch Lily.
"Na, wenn du meinst." Lily zuckte die Schultern. "Sei bloß vorsichtig - es gibt einige faule Socken, die nicht selbst den Stift in die Hand nehmen wollen."
"Denkst du an wen bestimmtes?"
"Black und Potter, natürlich." Lily seufzte. "Fragen mich die Deppen doch ernsthaft, ob sie meine Notizen haben können. Weil sie in der Stunde keine Lust hatten aufzupassen. Ich habe denen meine Notizen gegeben - nachdem ich sie etwas frisiert habe. Ich bin mal gespannt, was Professor McGonagall dazu sagen wird."
Severus schüttelte lachend den Kopf. "Bestimmt nichts Gutes." Er hob ein wenig sein Buch. "Lernen wir zusammen?", fragte er dann hoffnungsvoll.
"Nur, weil du es bist", erwiderte Lily.
