Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Tag 3 - Ravenclaw
"Der echte Ravenclaw - verbringt seine Freizeit, sein Wochenende in der Bibliothek."
Severus sah von seinem Buch auf. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte er sich Sorgen gemacht, dass William und Xenophilius ihn aufgestöbert hatten, und das, wo er ihnen gerade entkommen war. Nicht, dass die beiden wirkliche Störenfriede waren. Die beiden wussten trotz allem, wie man sich in der Bibliothek verhielt, und sie konnten zumindest auch lernen. Aber trotzdem gingen sie ihm auf die Nerven. Es reichte ja schon, wenn sie ihm immer seltsame Blicke zuwarfen. Xenophilius war dabei am Schlimmsten.
"Hallo, Lily." Severus lächelte. "Für einen Moment dachte ich schon, dass die anderen mich gefunden hätten ..."
"Sind die beiden denn so schlimm?", fragte Lily verdutzt. "Ich meine, ich habe nur gesehen, dass sie oft mit dir zusammen sind ... aber so schlimm?"
Severus zuckte die Schultern. "An sich nicht. Zumindest nicht im Vergleich zu den anderen Möglichkeiten - ich muss nur an Petunia denken." Er sah Lilys bösen Blick. "Du musst zugeben, sie könnte durchaus netter sein. Oder sich zumindest neutral verhalten."
Lily seufzte. "Du hast ja recht. Tuney ist wirklich ein wenig ... unfreundlich." Severus verkniff es sich, sie darauf hinzuweisen, dass das maßlos untertrieben war. "Und was haben ... err ... wie heißen sie noch?"
"Willam und Xenophilius."
"Genau, was haben sie gemacht?"
Severus verzog das Gesicht. "William ärgert mich nur, aber Xenophilius ..." Er schüttelte den Kopf. "Ich weiß nicht, ob er es mit Absicht macht oder nicht. Ich weiß nicht einmal, ob er sich wirklich dessen bewusst ist, was er eigentlich sagt. Aber er ist ständig dabei, mich darauf hinzuweisen, dass ich vampirische Eigenschaften zu haben scheine. Ständig! Ich meine, das war fast das erste, was er mir gesagt hat, und er kann es einfach nicht lassen."
Lily sah ihn schweigend an. Severus hatte das unerfreuliche Gefühl, dass sie ihn intensiv musterte und sich fragte, ob Xenophilius vielleicht ein paar wahre Bemerkungen gemacht hatte. Sie kniff die Augen zusammen, legte den Kopf schief. Severus erwartete beinahe schon, dass sie ihn danach fragte, den Mund aufzumachen und seine Zähne zu zeigen. Vielleicht erwartete sie ja wirklich, spitze Eckzähne zu entdecken. Severus wich leicht zurück, als Lily sich auch noch vorbeugte.
"Nun", sagte sie langsam, "man könnte dich, mit viel Phantasie, für einen Klischeevampir halten. Oder zumindest für einen Teilvampir."
Severus ließ den Kopf auf die Tischplatte fallen. "Nicht du auch noch!" Er seufzte schwer. "Et tu, Lily?"
Lily blinzelte. "Ich glaube, du hast gerade irgendeine Anspielung gemacht, aber ich habe keine Ahnung, was für eine."
"Shakespeare", meinte Severus nur. "Weißt du, wenn ihr alle glaubt, dass ich irgendeine Art Vampir bin, dann sollte ich dem entsprechen. Gibt es nicht solche Vampirzähne zu kaufen?"
"Ich kenne mich mit Zaubertrankzutaten nicht so gut aus, Sev." Lily schauderte. "Außerdem ... du willst echte Vampirzähne? Das ist doch irgendwie ... gruselig."
"Nicht echte - solche aus Plastik. So welche für Fasching." Severus gestikulierte. "Du könntest deine Mutter oder so fragen, ob sie welche besorgen könnte."
Lily öffnete den Mund - vielleicht, um ihn darauf hinzuweisen, dass er selbst fragen könnte - aber dann schloss sie ihn wieder und dachte nach. Severus war froh, dass er das Thema seines Familienlebens nicht neu aufrollen musste. Und Lily schien über Severus' Idee nachzudenken. Scheinbar fand Lily sie gut, denn sie lächelte und nickte.
Severus beschloss, ein paar Zauber herauszusuchen, um die Tarnung perfekt zu machen. Schwer sollte es nicht werden - und er freute sich auf die Reaktionen der beiden Vampirverschwörer.
"Ich hoffe doch, du erzählst mir am Ende alles darüber", meinte Lily. "Und ich will ein Foto!"
"... besorg dir einen Fotoapparat und ich posiere für ein Bild", bot Severus an - er wusste, in der Hinsicht konnte er sowieso nur Schadensbegrenzung betreiben. "Schreibst du deinen Eltern?"
"Sofort", lachte Lily. "Ich will dich in Vampirverkleidung sehen!"
Severus schüttelte den Kopf, als sie leise lachend davonstob.
Severus hatte die Nase in ein Zauberkunstbuch gesteckt und grinste in sich hinein. Er hatte bereits eine kleine Liste an Zaubern, die ihm helfen würden. Er traute sich - noch - nicht zu, eine Verwandlung zu benutzen. Vor allem, da er befürchten musste, dass er es am Ende nicht mehr rückgängig machen konnte. Andererseits ... es würde vielleicht keinen schlechten Effekt haben, wenn er grinste. Es würde seinem Lächeln einen gewissen Touch geben.
"Warum bist du so fröhlich?", fragte William und ließ sich ihm gegenüber auf die Sitzbank fallen.
"Nichts", behauptete Severus sofort. Er konnte seine Pläne schließlich nicht verraten. Er beäugte William und auch Xenophilius, der sich etwas gesitteter hinsetzte. "Was ist denn mit euch los?"
Xenophilius musterte ihn. "Du bist verdächtig", sagte er.
Severus starrte ihn an. "Verdächtig? Wegen was? Vampirismus?"
"Nein", erklärte William, "du wirst des ... Diebstahls verdächtigt."
"Was? Diebstahl? Ich?" Severus war überrascht. Oder nein, er war vollkommen verwirrt. Er hatte keine Ahnung, wie die beiden darauf kamen. Das war einfach nur absurd. Selbst Lilys Schwester, die ihm nur derartige Sachen andichtete, war noch nie auf die Idee gekommen, ihn einen Dieb zu nennen. "Wie kommt ihr auf den Blödsinn?"
"Die Bücher." Xenophilius deutete auf Severus' Recherchematerial. "Das sind die einzigen Zauberkunstbücher abgesehen von den eigenen Schulbüchern, die aufgefunden werden konnten. Die Bibliothek ist geräumt."
Severus blinzelte. Er sah auf die Zauberkunstbücher, die er sich aus der Bibliothek ausgeliehen hatte. Das sollten die einzigen Bücher sein, die zu dem Thema noch aufzufinden waren? Das war lächerlich. Da gab es so viele Bücher in der Sektion - die konnte man nicht alleine ausleihen. Und was sollte Severus mit den ganzen Büchern? Einen Teil davon verstand er sowieso noch nicht. Das war so ... Severus fand keine Worte dafür. Es war einfach unmöglich, dass er sie alle gestohlen haben sollte. Er war zwar ein recht guter Schüler, aber wer glaubte denn ernsthaft, dass ein Erstklässler die Bibliothekssektion für Zauberkunst ausräumen konnte?
"Ihr seid bescheuert", sagte er mürrisch. "Was glaubt ihr, wer ich bin? Arsène Lupin?"
Xenophilius musterte ihn. "Du siehst nicht so aus, als wärst du mit den Lupins verwandt."
Severus schüttelte den Kopf. "Xeno", seufzte er, "Arsène Lupin ist eine Romanfigur. Ein französischer Gentlemandieb." Er sah zu William. "Erklär mir mal, wie ihr darauf kommt, dass ich die Zauberkunstsektion der Bibliothek ausgeräumt haben soll."
Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. "Wie gesagt, du bist der einzige, der noch Zauberkunstbücher hat, die nicht auf den Bücherlisten der Schüler auftauchen."
"Ernsthaft jetzt?" Severus hatte keine Ahnung, wie jemand das schaffen sollte. "Als ich vorhin in der Bibliothek war, waren die alle noch da. Das kann höchstens zwei, drei Stunden her sein - und ich habe nur die Bücher hier ausgeliehen."
Xenophilius sah ihn an, und Severus hatte das Gefühl, dass er seine Gedanken lesen wollte. "Ich glaube dir", beschloss er schließlich.
"Da bin ich ja beruhigt", ätzte Severus. "Und das machst du woran fest?"
"Es gibt bestimmte Anzeichen, um Lügner aufzuspüren", erläuterte Xenophilius geduldig.
William sah zwischen ihnen hin und her. "Ihr beide seid die merkwürdigsten Kerle weit und breit. Xenophilius ist zu ehrlich, um zu wissen, was Lügen sind, und du bist ... nun, du bist einfach ein Vampirverschnitt, das reicht bereits." Er schüttelte den Kopf. "Aber gut, du hast die Zauberkunstbücher nicht - wer hat sie dann?"
"Der wahre Dieb, schätze ich." Severus seufzte schwer. "Warum muss immer irgendein Mist passieren, wenn ich meine Ruhe will? Kommt", er stand auf, "lasst uns die Bücher hier in Sicherheit bringen, bevor sie sich ebenfalls in Luft auflösen, so wie die anderen."
Severus prüfte noch einmal - zum vermutlich zehnten oder doch hundersten Mal - das Schloss an seinem Koffer. Er war froh, dass er bereits im Vorfeld dafür gesorgt hatte, dass sein Koffer um einiges geräumiger war als normal. Er hatte von Anfang an damit gerechnet, viele Bücher darin unterzubringen. Er hatte nur nicht damit gerechnet, dass er irgendwann einmal eine ganze Reihe an Bibliotheksbüchern darin unterbringen würde. Er konnte nur hoffen, dass es nicht dazu führen würde, dass er Schwierigkeiten bekam. Er wollte nicht wissen, was passieren würde, wenn Flitwick am Ende doch noch eine Kofferdurchsuchung anberaumte und man die ganzen Bücher bei ihm fand. Vielleicht sollte er Flitwick darüber informieren, dass er die alle ausgeliehen hatte?
"Und du glaubst, damit sind die Bücher sicher?", fragte William zweifelnd. "Ich meine, klar, du bist nicht schlecht, aber wir sind schlussendlich alle Erstklässler ..."
Severus zuckte die Schultern. "Ich hoffe es." Er setzte sich auf sein Bett und zog die Beine an. "Ich frage mich sowieso, wer etwas davon haben sollte, die ganzen Zauberkunstbücher einzusacken. Ich meine, viele stehen doppelt in den Regalen."
"Hm..." William sah zu Xenophilius. "Hast du eine Idee?"
"Eine Verschwörung", schlug Xenophilius prompt vor.
"Eher ein blöder Streich", meinte Severus. Er schüttelte den Kopf. "Eigentlich sollte es dadurch offensichtlich sein, dass es höchtwahrscheinlich kein Ravenclaw ist. Die Hufflepuffs wirken auch nicht gerade so, als wäre das ihre Handschrift, und von den Slytherins würde ich eigentlich etwas Subtileres erwarten. Bücher vertauschen oder den Inhalt manipulieren, etwas in der Richtung."
William schnaubte. "Dann können wir wohl froh sein, dass du dich nicht an Streichen beteiligst, was?"
Xenophilius wiegte den Kopf hin und her. "Du meinst also, es ist wahrscheinlich ein Gryffindor", stellte er fest. "Und es gibt viele Gryffindors. Weitere Hinweise und Indizien?"
"Ich bin nicht Sherlock Holmes", brummte Severus. "Außerdem, ich bin voreingenommen - ich glaube so oder so, dass es Potter und Black waren. Aber ohne Beweise ...?"
William ließ sich rücklings auf sein Bett fallen und gab ein entnervtes Stöhnen von sich. Severus beobachtete ihn schweigend. Es war irgendwie ... beruhigend zu erfahren, dass er nicht der einzige war, der sich über das Verschwinden der Bücher ärgerte. Er wollte sich gar nicht vorstellen, wie die meisten Gryffindors - nein, die meisten Schüler reagierten. Vermutlich schmissen die meisten eine Party und feierten die Tatsache, dass sie keine Zauberkunsthausaufgaben machen konnten. In der Hinsicht war er definitiv im richtigen Haus gelandet: Die meisten Ravenclaws wussten die Gelegenheit, etwas zu lernen, zu schätzen. Er würde hier definitiv nicht so leicht als Streber und Bücherwurm verschrieen werden.
"Mal sehen, wo das alles hinführt", sagte Xenophilius. "Früher oder später tauchen sie bestimmt wieder auf - und bis dahin ..."
Er holte ein anderes Buch hervor - Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind. Severus sah ihm einen Moment lang zu. Dann holte er selbst sein Zaubertränkebuch heraus und begann zu lesen. WIlliam stöhnte auf, folgte ihrem Beispiel jedoch. Was sollten sie auch sonst großartig tun?
