Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Tag 4 - Ravenclaw
Severus war froh, dass er diesen kleinen Scherz vorbereitet hatte. Lily musste eine Express-Eule benutzt haben - sie hatte ihm bereits beim Frühstück ein kleines Päckchen zugespielt, das, nachdem er es in aller Heimlichkeit geöffnet hatte, die gewünschten Fake-Vampirzähne enthielt. Severus hatte sich kurz danach zurückgezogen, um seine Verkleidung perfekt zu machen. Glücklicherweise schien weder William noch Xenophilius irgendetwas zu ahnen.
Er traf die beiden später in der Bibliothek, damit beschäftigt, sich alle Notizen aus Büchern rauszuschreiben, die sie in nächster Zeit brauchen konnten. Ein kurzer Blick in die Runde zeigte ihm, dass Lily ihnen scheinbar gefolgt war, um auch ja sicher zu gehen, nichts zu verpassen. Er gab ihr ein kurzes, unauffälliges Zeichen. Sie gab ihm ein Daumen-hoch.
Zeit, in Aktion zu treten.
Severus prüfte noch einmal kurz den Sitz seiner neuen Zähne - es war definitiv ein gewöhnungsbedürftiges Gefühl, vor allem, da er ein wenig aufpassen musste, dass er sich nicht auf die Zunge oder die Lippen biss. Vielleicht hätte er sich nicht so sehr auf Realismus versteifen sollen. Nun, was sollte es? Er würde die nicht besonders lange tragen, also warum sich so viele Gedanken machen. Er rückte seine Tasche ein wenig zurecht und trat hinter dem Bücherregal hervor.
"Hi!", sagte er, sich dazu zwingend, William und Xenophilius nicht anzugrinsen.
William warf ihm sofort einen misstrauischen Blick zu. "Was denn, seit wann benutzt du so eine simple Ausdrucksweise?"
Severus rollte mit den Augen. "Merlin ... gefällt dir Seid gegrüßt, meine Freunde! besser? Oder sollte ich das noch weiter ausführen, damit du zufrieden bist?"
William runzelte die Stirn. "Schon gut ... sag, ist irgendwas passiert?"
Severus setzte sich an den Tisch und sah ihn fragend an. "Was meinst du?"
"Irgendetwas ist ... anders", sagte nun auch Xenophilius.
Severus fragte sich, wie lange die beiden brauchen würden, um seine neuen Eckzähne zu bemerken. Aber gut, solange Severus sie nicht herumzeigte, würde es nicht so einfach werden. Auch wenn er festgestellt hatte, dass er dazu neigte, den Mund leicht geöffnet zu lassen mit den Fake-Zähnen. Aber gut, dass sollte seinen Plänen nur helfen. Hoffte er. Vorerst jedoch würde er ganz unwissend tun.
"Ich weiß nicht, wovon ihr redet", behauptete Severus im Brustton der Überzeugung. Er war sich sicher, dass er gut genug schauspielern konnte. Nun ... nicht schauspielern, aber doch lügen. Er warf seinen beiden Mitschülern einen verdeckten Blick zu und holte seine Bücher hervor.
Er konnte die Blicke der beiden auf sich spüren, gab sich jedoch alle Mühe, sie zu ignorieren. Sie sollten gar nicht erst wissen, was los war - er wollte sich definitiv nicht selbst verraten. Und er fürchtete irgendwie, dass er anfangen könnte zu grinsen, wenn nicht sogar zu lachen.
"Sev", sagte Xenophilius, "ich weiß, dass ich dich schon einmal gefragt habe ..."
Severus sah von seinem Buch auf, Verwirrung heuchelnd. "Was gefragt?"
Xenophilius sah bemerkenswert unsicher aus. Er wechselte einen Blick mit William, der nun ebenfalls einen seltsamen Gesichtsausdruck aufgesetzt hatte. Sie wirkten geradezu verunsichert, wenn nicht sogar ein wenig ängstlich. Severus musste sich wirklich zusammenreißen, um nicht loszulachen.
"Du ... deine ... eh ..." William gestikulierte vage in Severus' Richtung. "Ich meine ... grins nicht!"
Severus hob beide Augenbrauen. "Ich grinse nicht", behauptete er und er war sich eigentlich sicher, dass er es nicht tat. Oder doch? Die beiden sahen ihn so an ...
"Du hast definitiv Vampirblut ist", sagte Xenophilius, sein Blick auf Severus' Mund gerichtet. "... ich glaube, es schlägt deutlich durch."
William warf Xenophilius einen ungläubigen Blick zu. "Merlin, alles was du dazu zu sagen hast, ist es schlägt durch?" Er schüttelte den Kopf. "Du bist irre - Snape!"
Severus hob eine Augenbraue und sah ihn an. "Was ist, de Worde?", fragte er, ebenso auf den Nachnamen zurückgreifend.
"Du - du bist ein verdammter Vampir!" William deutete mit dem Finger auf Severus. "Von wegen, du hast keine Ahnung von irgendeiner Vampirverwandtschaft! Das ist der Beweis!"
Severus schnaubte. "Ja, klar." Er rollte mit den Augen. Er hätte vielleicht erwarten sollen, dass die beiden nicht so reagierten, wie er gedacht hätte. Er schüttelte den Kopf und beschloss, die Maskerade zu beenden. Er griff nach seinen Fake-Zähnen und mit ein paar Handgriffen hatte er sie auch schon entfernt und hielt sie den beiden anderen wortlos hin. "So viel zu deinem Beweis", bemerkte er.
William blinzelte. Xenophilius blinzelte. Severus grinste.
"Du!" William stieß ihn angesäuert in die Seite. "Du hast uns reingelegt!"
"Das war nur die Rache dafür, dass ihr mich ständig mit diesen Vampiranspielungen aufzieht", meinte Severus schnippisch.
Xenophilius musterte das falsche Gebiss nachdenklich. "Du hast dir Mühe gegeben", sagte er. "Viel Mühe. Die sehen ziemlich echt aus."
Ein ungewöhnlicher Glanz hatte sich in seine Augen geschlichen. Severus runzelte die Stirn. Er hatte ihn noch nie so gesehen, es war irgendwie unheimlich. Vor allem, da man Xenophilius aus irgendeinem Grund so oder so nicht wirklich widersprechen konnte - so auch nicht seinem Vorschlag. Severus hatte wirklich keine Ahnung, warum er sich darauf einließ. Aber am Ende hatte Xenophilius ihn mit Williams Hilfe davon überzeugt, weiter den Vampir zu spielen. Was wenigstens nicht besonders schwer war, da er sowieso schon vampirhaft zu sein schien.
Und, na ja, es könnte ganz amüsant werden.
Es war bereits später Nachmittag, als Severus einmal mehr die Bibliothek aufsuchte. Ihm war noch etwas eingefallen, was er in seinem Verteidigungsaufsatz einbauen wollte. Was leider bedeutete, dass er losgehen musste, um sich das richtige Buch rauszusuchen und dann seinen Aufsatz noch einmal zu überarbeiten. Eigentlich war er bereits fertig mit allen Hausaufgaben, aber natürlich fiel ihm kurz vor Schluss noch etwas ein. Zum Glück war es nicht dringend, sonst würde Severus sich in den Hintern beißen.
Aber das war nicht der einzige Grund, warum er in die Bibliothek ging. Er wollte trotz allem einen Teil der Bücher, die er sich ausgeliehen hatte, zurückbringen. Sicher war sicher - er wollte wirklich nicht mit dem Bücherschwund in Verbindung gebracht werden, vor allem nicht, nachdem William und Xenophilius ihn zu dieser Vampirsache überredet hatten.
"Madam Pince", begann er und trat zum Schreibpult der Bibliothekarin. Sie sah ihn finster an, aber dabei für ihre Verhältnisse wohl fast freundlich. "Ich wollte ein paar Bücher zurückbringen", erklärte Severus und holte die besagten Bücher hervor.
Madam Pinces Augen schienen mit einem Mal aufzuleuchten. Vielleicht hatte sie bereits die Sorge gehabt, die Bücher nie wieder zu sehen? "Das waren nicht alle", sagte sie jedoch mit einem kurzen Blick, um zu prüfen, dass der Zustand der Bücher in Ordnung war. "Da fehlen noch mindestens zwei Bücher."
"Ja", sagte Severus schulterzuckend, "ich weiß. Ich wollte in denen noch ein paar Sachen nachschlagen. Und ich wollte noch ein Buch ausleihen, wenn das geht."
Die Bibliothekarin war nicht sonderlich begeistert von der Idee, noch mehr ihrer Bücher aus der Bibliothek verschwinden zu lassen. Aber Severus hatte sich bisher immer bemüht, sich korrekt zu verhalten, und die Tatsache, dass er ein Ravenclaw war, schien auch von Vorteil zu sein. Sie nickte knapp. "Welches Buch?"
"Obscuritas et Umbrae." Severus biss sich leicht auf die Lippen. Das Buch war nicht unbedingt leichte Lektüre, wenngleich es natürlich für alle Schüler zugänglich war. "Ich möchte noch etwas recherchieren."
Madam Pince gab ein kurzes Schnaufen von sich. "Mag sein", sagte sie, "aber du bist zu spät. Das Buch ist weg - alle drei Ausgaben, die wir in der Bibliothek haben, möchte ich hinzufügen. Sowie einige andere Bücher auch."
Severus runzelte die Stirn. Wer sollte das Buch sonst noch ausleihen? "Wurden alle Bücher ausgeliehen?", fragte er verwirrt. "Ich meine ... erst die Zauberkunstbücher, jetzt die für Verteidigung ...?"
"Nein." Madam Pince presste die Lippen zusammen. "Einige scheinen einfach so zu verschwinden." Sie musterte Severus misstrauisch. "Warum so interessiert?"
"Ich lese gerne", erwiderte Severus, "und wenn jemand die Bücher klaut, dann kann ich sie schlecht lesen. Es ist also auch in meinem Interesse, wenn sie wieder auftauchen."
"Ist das so." Madam Pince wirkte nicht überzeugt, aber sie hielt Severus nicht auf, als er ging.
So langsam ärgerte Severus sich wirklich darüber, dass jemand die Bücher einsackte. Wenn das nur die erste Woche war - wie würden dann die nächsten sieben Jahre erst werden?
Severus war tief in Gedanken, als er durch die Gänge schlich. Nun, schleichen war sicherlich nicht das richtige Wort, aber er achtete doch darauf, dass niemand ihn sah. Immerhin hatte er sich in die untersten Gewölbe der Schule vorgewagt - die Kerker. Und der Grund dafür? Eine simple Frage an Slughorn, wegen seinem Aufsatz zu Zaubertränke. Wenn er ehrlich war, dann war es wohl eher ein Ablenkungsmanöver als alles andere. Er hatte keine Ahnung, was er tun würde, wenn er schon wieder den beiden Chaoten stellen musste. Zumindest zu diesem Zeitpunkt, denn er war irgendwie noch etwas angesäuert, weil er das Buch nicht hatte ausleihen können.
Als er um die Ecke bog und den Korridor betrat, der zum Zaubertränkeklassenraum und zu Slughorns Büro führte, blieb er plötzlich stehen. Er blinzelte. Er unterdrückte ein Stöhnen. Nicht die! Da war er den einen Chaoten entkommen und musste kurz darauf den nächsten Idioten über den Weg laufen. Er verbarg sich sofort wieder hinter der Mauer. Er musste ihnen nicht gegenübertreten.
"... okay, Sluggy ist im Büro", sagte einer von ihnen. "Jetzt oder nie."
"Bist du sicher, dass er nicht auftaucht?", fragte ein anderer.
Potter und Black planten offensichtlich etwas. Severus seufzte. Warum musste momentan jeder irgendetwas vorhaben? Der eine stahl Bücher, die anderen planten irgendeinen Streich ... oder wollten sie einen Test stehlen? Zuzutrauen wäre es ihnen. Allerdings, sie würden dann das Büro belagern, oder? Was auch immer es war - es war sicherlich nichts, was mit den Schulregeln vereinbar war.
"Remus, du und Peter, ihr haltet Wache", sagte Black gerade. "Falls wer fragt ... behauptet einfach, ihr wolltet gucken, ob Sluggy hier ist. Oder so."
Severus rollte mit den Augen. Das sollte eine gute Ausrede sein? Lächerlich. Severus wartete noch einige Zeit. Nicht zu lange, denn er wusste, dass er hier jederzeit von irgendwelchen Slytherins entdeckt werden könnte. Aber er musste so tun, als hätte er nicht mitbekommen, dass die Gryffindors irgendetwas planten. Er wollte nicht zwischen die Fronten geraten - und es könnte durchaus interessant sein, wenn er die Auseinandersetzung Gryffindor gegen den Oberslytherin nicht verhinderte. Bisher konnte er nicht viel über die Slytherins sagen, vor allem nichts Positives. Die meisten schienen keineswegs so intelligent und gerissen, wie er immer gedacht hatte. Vielleicht könnte Slughorn seine Meinung ändern. Severus musste nur sichergehen, dass Slughorn nie erfahren würde, dass er von dem Plan der Gryffindors etwas wusste.
Wobei ... vielleicht sollte er einfach gehen, das wäre sicherer. Es war nicht so wichtig, dass er mit Slughorn sprach. Er könnte einfach ein kleines Risiko eingehen und den Aufsatz so zurückgeben, wie er jetzt war, ohne noch einmal nachzuhaken. Er warf noch einen kurzen Blick in den Gang - Lupin und Pettigrew standen vor der Tür und wirkten sehr fehl am Platz. Sie sahen nervös in die Gegend. Severus schüttelte den Kopf. Fürs Schmiere stehen waren die beiden definitiv nicht gemacht.
Er drehte sich um und machte sich auf den Weg zurück in den Gemeinschaftsraum.
