Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Tag 5 - Hufflepuff
Es war Montagmorgen und die meisten Schüler waren lustlos. Am Hufflepufftisch zeigte sich jedoch noch ein anderes Gefühl: Misstrauen. Eine gedrückte Stimmung lag über den Erstklässlern und es herrschte zum ersten Mal seit Beginn des Schuljahres belegtes Schweigen. Eric und Severus sprachen nicht miteinander, und auch die anderen Erstklässler hielten es für besser, zu schweigen. Niemand wollte zwischen die Fronten geraten. Und das, obwohl niemand so genau sagen konnte, was eigentlich los war.
Alles, was sie wussten, war, dass jemand Severus' Zauberkunsthausaufgaben gestohlen hatte. Und irgendwie schienen die Indizen auf Eric zu weisen, selbst wenn sie nicht besonders gut waren. Eric war so ziemlich der einzige, der Severus' Aufsätze bereits gesehen hatte, einfach, weil sie fast immer zusammen waren - außer, wenn Severus sich in die Bibliothek zurückzog. Eric war auch derjenige, der wenig Lust auf Hausaufgaben gehabt hatte und vermutlich auf Severus' Aufzeichnungen für Zauberkunst angewiesen war, wenn seine ständigen Fragen im Unterricht ein Hinweis gewesen waren.
Severus hatte nie wirklich gesagt, dass er Eric verdächtigte, aber seine Blicke waren durchdrungen von Misstrauen und Enttäuschung. Immerhin hatte Eric den Anschein erweckt, er wäre ein Freund.
"Hör mal", begann Eric schließlich, "ich ..." Er brach ab, als ihm eine dunkle Blickfront entgegensah.
"Was?", fragte Severus, der stumm auf seinen Teller blickte.
"Ich war's nicht", sagte Eric.
"... okay." Severus zuckte die Schultern und sah auf. "Und wie hilft mir das?"
Eric blinzelte. "... du glaubst mir?"
Severus zuckte erneut die Schultern. "Warum nicht? Niemand würde dir ernsthaft abkaufen, dass meine Hausaufgaben deine sind, oder? Nicht, wenn du in der letzten Stunde scheinbar gar nichts verstanden hast."
Eric errötete. "Nun ... dann bringt es nichts, dir meine Hausaufgaben anzubieten."
Severus schnaubte. "Nein, und nicht nur deswegen. Flitwick sammelt die Aufgaben ein - er würde es doch sofort merken, wenn wir dieselben hätten."
"Ja ... tut mir leid." Eric dachte nach. "Und wenn du sie neu schreibst? Ich meine, wir haben Zauberkunst erst nach dem Mittagessen, und immerhin hast du den Aufsatz schon einmal geschrieben."
Severus warf ihm einen bösen Blick zu. "Ich bin niemand, der irgendwas innerhalb von fünfzehn Minuten hinschmieren könnte."
"Ich dachte ja nur ..."
Severus entspannte sich etwas. "Ich weiß. Danke."
Severus war deutlich schlechterer Laune, je näher die Zauberkunststunde rückte. Es half nicht, dass die ersten Stunden Zaubertränke gewesen waren - vor allem, da Slughorn beschlossen hatte, dass sie lieber reine Theorie machen sollten. Vielleicht hatte er gemerkt, dass seine erste Einweisung nicht wirklich hängen geblieben war. Severus konnte sich bessere Beschäftigungen vorstellen als demselben Sermon zuzuhören. Er war entsetzlich gelangweilt, während jedes Messer, jeder Messlöffel und jede Maßeinheit noch einmal erklärt wurde.
Dementsprechend angefressen war er auch, als er sich schließlich zu Verwandlung begab. Eric hatte es bereits aufgegeben, ihn aufheitern zu wollen. Severus konnte es ihm nicht verübeln, und irgendwie war er auch froh, dass Eric ihm damit nicht mehr auf die Nerven ging. Er wollte nicht aufgeheitert werden - er wollte seinen Aufsatz zurück.
"Was ist denn mit dir los?" Lily sah ihn verwirrt an. "Als ich dich gestern kurz gesehen habe, wirktest du, als hättest du in der Lotterie gewonnen. Und jetzt?"
"... wie sagt man so schön?", brummte Severus. "Himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt."
Das schien Lily nicht zu helfen, aber Severus war nicht wirklich gewillt, das Thema noch einmal aufzurollen. Vor allem jetzt nicht. Er wollte nicht kurz vor Zauberkunst darüber reden, nicht mit Lily. Lily war ja nicht mal in seinem Kurs. Er würde nur noch deprimierter werden. Er hatte jedoch kein Glück, wenn er hoffte, dass das Thema fallen gelassen würde: Eric war sofort bereit, Lily die Situation zu erklären. Und das auch noch blumig ausgeschmückt, wenn man Severus fragte.
"... und das ist die Situation", sagte Eric. "Sevs Hausaufgaben sind verschwunden und es ist nicht genug Zeit, um sie neu zu schreiben." Er sah Severus an. "Zumindest dann nicht, wenn wir wollen, dass er was isst, und es wäre nicht ratsam, ihn noch dünner werden zu lassen. Sonst wird er erst ein Strich und dann verschwindet er vollständig."
Severus warf ihm einen dunklen Blick zu. "Ich bin nicht so dünn, wie du mich darstellst."
"Aber du bist trotzdem zu dünn", meinte Lily leichthin und knuffte ihn in die Seite. "Bist du dir sicher, dass du den Aufsatz nicht einfach verlegt hast? Vielleicht ist er irgendwo bei euch im Schlafsaal oder im Gemeinschaftsraum. Oder du hast ihn in der Bibliothek liegen lassen."
"Ich bin kein Idiot", grollte Severus mürrisch. "Denkst du nicht, dass wir nachgesehen haben?"
Lily zuckte die Schultern. "Vielleicht bist du zu intelligent, um auf so etwas zu kommen."
"Ha, ha." Severus sah weg.
Eric seufzte. "Was auch immer ... außerdem hat er ja mich, um ihn auf diese Dinge hinzuweisen."
"Ach, seid still, alle beide." Severus ließ den Kopf auf die Tischplatte fallen. Warum war er mit solchen Freunden gestraft? Selbst in dieser Situation konnten sie einfach nicht richtig ernst bleiben.
"Das muss das erste Mal sein, dass du vor einer Stunde Panik schiebst."
Severus warf Eric einen entnervten Blick zu. "So besonders ist das nicht - das ist erst mein dritter Schultag."
"Für mich doch auch. Wir alle haben unseren dritten Schultag." Eric grinste.
Severus zuckte mit den Schultern. Er hatte kein Interesse daran, die Angelegenheit mit Eric zu besprechen. Vor allem nicht jetzt. Stattdessen sah er sich in der Klasse um - die Slytherins fehlten noch fast vollständig. Die Hufflepuffs waren jedoch schon vollständig, wie fast immer. Severus würde sich erst noch daran gewöhnen müssen, dass sie sich immer in großen Trauben bewegten. Es passte so gar nicht zu Severus, was einer der Gründe war, warum er sich bemühte, der Truppe immer ein wenig voran zu gehen.
"Da kommen die Slytherins", murmelte Eric neben ihm mit einem missmutigen Gesichtsausdruck.
Severus warf nur einen sehr kurzen Blick zur Tür, bevor er starr zur Tafel blickte. "Wilkes ist nicht so schlimm", meinte er langsam, "ich meine, er hat sich sogar entschuldigt."
"Ja. Aber er ist damit sicherlich die Ausnahme." Eric seufzte. "Ich wünschte, du hättest uns nicht neben sie gesetzt."
Das verdiente keine Antwort. Severus wartete ungeduldig und gleichzeitig hoffend, es würde nie Zeit werden, auf Flitwick. Er hoffte irgendwie, dass er Flitwick davon überzeugen konnte, dass er die Hausaufgabe nachreichen konnte. Es war zweifelhaft, dass er seinen Aufsatz wiederbekommen würde, aber Severus brauchte genug Zeit, um einen neuen zu schreiben. Ein Nachmittag würde bereits reichen. Und Flitwick hatte durchaus verständnisvoll gewirkt.
So in Gedanken darüber, was er tun konnte, bemerkte er fast nicht, wie Flitwick den Raum betrat. Nun, vielleicht lag es auch an Flitwicks Größe - er musste auf einen hohen Bücherstapel steigen, um über das Pult zu sehen.
"Guten Morgen", begrüßte der kleine Zauberkunstlehrer sie freudestrahlend. "Oder auch: Guten Tag. Heute werden wir uns weiter mit dem Levitationszauber der letzten Stunde befassen, dem Wingardium Leviosa. Einige von euch haben ihn bereits geschafft, andere müssen noch üben. Und genau das werden wir heute tun. Aber vorher - die Hausaufgaben." Er schwenkte seinen Zauberstab und ließ die gut zwanzig Pergamentrollen zu ihm schweben. "... wer hat seine Hausaufgaben nicht gemacht?", fragte er, nachdem er kurz die Rollen gezählt hatte.
Severus schluckte. "Ich, Sir", meldete er sich. "Ich mache sie nach, ich hatte nur nicht die Zeit ... ich meine, ich hatte sie schon, aber am Ende nicht mehr -" Er verstummte und errötete, peinlich berührt. Es war ihm peinlich, wie ihn nun alle anstarrten. Er wünschte sich, der Boden würde sich unter ihm auftun und ihn verschlucken.
Flitwick sah ihn an, beinahe nachdenklich. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass Severus so über seine Worte stolperte. Oder es war die Tatsache, dass Severus sich in der vorherigen Stunde als recht fleißig erwiesen hatte, als guter Schüler, sofern man es bei zwei Schulstunden sagen konnte. "Das gesamte Wochenende lag dazwischen", bemerkte Flitwick.
"Ich weiß." Severus seufzte schwer. Wie sollte er es erklären? Er konnte schlecht sagen, dass jemand sie ihm gestohlen hatte - er hatte schließlich keine Beweise. Es würde sicherlich wie eine plumpe Ausrede wirken. "Ich ..."
"Sir", unterbrach Wilkes ihn. Er sah Severus kurz an, bevor er sich Flitwick zuwandte.
"Mr. Wilkes?" Flitwick hob beide Augenbrauen. "Haben Sie die Hausaufgaben auch nicht?"
"Nein, Sir, ich meine, ich habe die Hausaufgaben." Wilkes schluckte. "Es geht um Snapes Hausaufgaben. Ich weiß, dass er sie gemacht hat." Severus sah ihn verwirrt an - er hatte Wilkes seinen Zauberkunstaufsatz nie gezeigt. "Sir, jemand hat sie gestohlen."
Severus drehte sich nun vollends zu ihm um. Er wusste nicht, ob er es sich eingebildet hatte, aber es klang beinahe so, als würde Wilkes mehr darüber wissen. Vielleicht hatte er es gesehen? Oder aber, er wusste sogar, wer der Dieb war. Severus konnte vermutlich nicht darauf hoffen, aber dennoch. Er wollte wissen, wer der Dieb sein könnte - und ihn in die nächste Woche hexen.
Flitwick runzelte die Stirn. "Jemand hat sie gestohlen? Sicher?" Er wandte sich an Severus. "Mr. Snape, können Sie das bestätigen?"
Severus zuckte leicht die Schultern. "Ich kann nicht genau sagen, ob man sie gestohlen hat. Ich weiß nur, dass ich sie in der Tasche hatte. Und dann, als ich sie abends Betram zum Vergleichen zeigen wollte, waren sie weg ..."
Flitwick hmmte leise. Er musterte die anwesenden Schüler der Reihe nach, so, als wolle er in ihren Gesichtern lesen. Die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass es jemand aus ihrem Kurs war, denn, soweit Severus wusste, hatte Lilys Zauberkunstkurs einen anderen Aufsatz auf bekommen. Nicht von der grundlegenden Materie her, aber die Fragestellung war anders. Severus hatte mit Lily darüber gesprochen. Aber Severus würde es nicht vollkommen ausschließen - Potter und Black hatten ein großes Interesse daran, Severus lächerlich zu machen, einfach, weil er fehlsortiert war. Ein Möchtegern-Slytherin in Hufflepuff, wie sie es nannten.
"Mr. Wilkes", sagte Flitwick schließlich, "ich möchte Sie bitten, nach der Stunde noch kurz hier zu bleiben, um mir alles zu erzählen. Bis zur Klärung dieses Vorfalls werde ich die Hausaufgabenbewertung aussetzen." Er seufzte. "Hoffen wir, dass alles schnell aufgeklärt wird. Und jetzt - zurück zum Wingardium Leviosa."
Severus runzelte die Stirn. Das war alles? Ein simples "wir klären das später"? Vermutlich würde überhaupt nichts geklärt. Severus kannte das, er hatte solche Floskeln oft genug gehört. Da kam nie etwas hinterher. Immerhin, er war ja auch nur das Snape-Kind von der falschen Seite des Flusses. Und jetzt war er abgestempelt als naiver und dummer Hufflepuff. Was konnte er da schon erwarten?
Mit einem finsteren Blick richtete er seinen Zauberstab auf die Feder vor ihm. Er machte eine ruckartige Bewegung, zischte "Wingardium Leviosa" - und ließ die Feder explodieren.
Es war definitiv nicht sein Tag.
