Disclaimer: siehe Kapitel 1.

Tag 5 - Ravenclaw

Montagmorgen und Severus wusste, dass er diesen Tag besser im Bett verbringen sollte. Während er sich keine Sorgen um die Jungs in seinem Schlafsaal machen musste, so konnte er sich beim Rest seines Hauses nicht so sicher sein. Die Blicke, die ihn verfolgten, sprachen Bände, und diese Bände waren dicke Gesetzesschwarten. Severus nannte diese Art von Blick "Strafgesetzbuchblick", denn irgendwie konnte man es nicht anders nennen. Sie versprachen ihm schreckliche Qualen und da es Ravenclaws waren, würden sie es vermutlich mit der Härte aller Gesetze, die sie finden konnten, versuchen.

"Was ist deren verdammtes Problem?", murmelte Severus, als er sich im Schutz seiner Schlafsaalkollegen in die Große Halle schlich.

William beäugte ihn. "Vielleicht deine Schultasche", meinte er. "Oder viel mehr, ihr Inhalt."

Severus zog die Brauen zusammen. "Was?" Er sah auf seine Tasche. "Was soll es sie kümmern, was ich in meiner Schultasche habe? Was geht es die an?"

Xenophilius gluckste. "Die Bücher. Du bist einer der wenigen Glücklichen, die immer noch mehr als genug Bücher haben." Er zupfte an Severus' Schultergurt. "Und deine Tasche ist immer besonders gut gefüllt - du hast mehr Bücher dabei, als nötig sind."

Severus verzog das Gesicht und setzte sich auf die Sitzbank. Es reichte ihm langsam wirklich. Warum wurde er ständig wegen irgendwelchen Kinkerlitzchen verdächtigt? Er gab es ja zu, er hatte immer viele Bücher in seiner Tasche und noch einige mehr im Schlafsaal. Aber das war doch wohl kein Grund und noch weniger ein Beweis - viele Bücher gehörten ihm! Oder zumindest gehörten sie seiner Mutter und er hatte sie sich auf unbestimmte Zeit ausgeliehen. Er hatte definitiv eine große Ansammlung an Büchern, aber warum jeder ihn zu verdächtigen schien, war ihm schleierhaft.

"Man sollte meinen, dass man in Ravenclaw dazu fähig wäre, einmal nachzudenken." Severus butterte sich einen Toast. "Ich meine, mal ehrlich, was hätte ich davon, Bücher einzusacken? Vor allem, mehrere Exemplare derselben Auflage? Das ist doch wohl lächerlich!"

William nickte wissend. "Er hat Recht, Xeno", grinste er, "Sev würde höchstens die Verbotene Abteilung ausräumen."

Severus starrte ihn finster an. "Wisst ihr, es würde mir deutlich besser gehen, wenn ihr aufhören würdet, euch über mich lustig zu machen. Erst überredet ihr mich zu dieser ganzen Vampir-Farce, dann macht ihr euch darüber lustig, dass ich gerne lese ... warum gebe ich mich überhaupt mich euch ab?"

Xenophilius lächelte. "Weil du keine Wahl hast."

"Ich hatte es geahnt ..." Severus seufzte schwer.


Als sie sich auf ihre Plätze setzten, überlegte Severus, ob er den treulosen Tomaten, die sich seine Freunde schimpften, verraten sollte, dass die Gryffindors irgendetwas geplant hatten. Momentan hatte er eigentlich keine Lust dazu - sollten sie sich überraschen lassen. Oder in die Falle laufen, denn immerhin hatte Severus sich nicht damit aufgehalten, genauer nachzuforschen, in welche Richtung der Plan ging.

"Hast du irgendetwas vor?", fragte William und musterte ihn von der Seite. "Irgendwelche Vampirdinge?"

Severus warf ihm einen Blick zu. "Hör auf mit diesem Unsinn oder ich beiß dich", zischte er.

William zuckte zurück. Er machte eine Miene, als fürchte er wirklich, dass Severus ihn plötzlich anfallen könnte. Es war nicht einmal festzustellen, ob er es ernst oder nur im Scherz meinte, und das ärgerte Severus, denn William wusste ganz genau, dass Severus' Vampirzähne nicht echt waren. Er hätte sich wohl wirklich nicht auf diese Idee einlassen sollen, aber er hatte zugestimmt, abzuwarten, bis sie zumindest Vampire im Unterricht gehabt hatten.

Severus drehte sich weg und sah zu Xenophilius, der bis dahin noch kein Wort gesagt hatte. Jetzt, als er ihn ansah, sah er auch, wieso: Xenophilius beobachtete die Gryffindors auf der anderen Seite des Raumes. Severus folgte seinem Blick. Tatsächlich, wenn man hinsah, dann wirkte das Verhalten der Gryffindors beinahe schon verdächtig. Severus sah weiter zu Lily, die ihm verdeckt zuwinkte und zu Tode gelangweilt. Sie hätten sich zusammensetzen sollen. Aber nein - Severus hatte ja von den beiden Knalltüten flankiert werden müssen. Na, wenigstens war Lily den Idioten ihres Hauses entkommen.

"Irgendwas passiert hier gleich", stellte William fest, "und du weißt, was. Also erzähl, Sev!"

Severus hob eine Augenbraue. "Nenn mir einen guten Grund, warum ich es dir erzählen sollte?"

"Ich könnte dir tausend nennen", behauptete William.

"Einer reicht." Severus grinste. "Ich höre?"

"Err ..." William sah hilfesuchend zu Xenophilius. "Sag du was!"

"Was", sagte Xenophilius ernst.

"Ha, ha." William zog einen Schmollmund, aber Severus ignorierte ihn. Selbst Xenophilius zeigte nicht das geringste Interesse.

Aber die Gryffindors waren eindeutig interessanter: Sie schienen irgendetwas Handfestes geplant zu haben - und Slughorn war noch dabei, seine gesamte Aufmerksamkeit auf seine speziellen Lieblinge zu lenken. Er hatte die Klasse noch nicht einmal begrüßt. Severus seufzte innerlich. Deprimierend. Flitwick war deutlich mehr an Gleichberechtigung aller Schüler interessiert. In der Hinsicht hatte er wirklich Glück gehabt - Severus war alles andere als einflussreich.

"... ich glaube, Slughorn wird seine gute Laune gleich verlieren", stellte Xenophilius fest.

Severus zuckte die Schultern. "Selber Schuld", schnaubte er. "Er hätte die Klasse absperren können."

"Mh-hm."

William stöhnte auf. "Ihr beiden ... ihr seid scheußlich! Ihr solltet mir alles erzählen, aber nein, ihr könnt nur kryptische Bemerkungen machen!"

"Du hättest dich nach Gryffindor schicken lassen sollen", bemerkte Severus spöttisch. "Oh, jetzt geht's los!" Er grinste bösartig.

"Lass das", zischte William. "Deine Zähne!"

Severus ignorierte ihn und beugte sich etwas vor, um besser sehen zu können. Slughorn wollte sich hinter seinen Schreibtisch setzen, und die Gryffindors zeigten deutlich, dass sie genau darauf gewartet hatten. Ihr Lehrer schien vollkommen ahnungslos. Er schien nicht zu bemerken, dass die Mehrheit der Schüler bereits erkannt hatte, dass irgendetwas nicht stimmte - und das würde jetzt die Strafe sein. Auch wenn Severus keine Ahnung hatte, welche Art Strafe. Wenn er an die Gryffindors dachte, dann konnte er sich problemlos eine ganze Reihe an Dingen vorstellen. Von einem simplen Furzkissen über Leim bis hin zu einer Reißzwecke. Und dann gab es sicherlich noch eine magische Variante der meisten Dinge.

"Lily hättest du das alles erzählt", nörgelte William weiter. Entweder war er genauso ahnungslos wie Slughorn, oder aber er wollte Severus einfach nur nerven.

"Nein, hätte ich nicht", erwiderte Severus, "da ich nämlich genau weiß, dass sie es nicht gutheißen würde. Sie hält nichts davon, Streiche dieser Art zu spielen, vermute ich. Wobei ich nicht weiß, in welche Richtung es genau geht ..."

"Streich? Was für ein Streich?" William blinzelte verwirrt.

Er bekam keine Antwort, zumindest keine verbale. Stattdessen meldete sich Slughorn lautstark zu Wort - er fluchte hingebungsvoll, auch wenn er sich trotz allem Mühe gab, nicht zu derb zu werden. Vielleicht konnte der Mann ja doch mehr, als es den Anschein hatte. Zumindest hatte er nicht geschrieen, wie Severus es beinahe erwartet hatte. Und die Gryffindors waren offensichtlich bösartiger als Severus, denn sie hatten eine magische Art der Reißzwecke verwendet - extra spitz und gemein. Und schwer zu entfernen. Aber wo ein Wille war, war schon immer ein Weg.

"Na gut", sagte Slughorn, seine Stimme zum ersten Mal verärgert klingend, und sah finster in die Runde, "wessen Idee war das?"

Severus sah zu Xenophilius und William. "Glaubt er wirklich, dass sich jetzt jemand meldet?"

Xenophilius zuckte mit den Schultern. "Vielleicht muss er das fragen. Und wir könnten petzen."

"Könnten - wollen wir?" Severus lehnte sich zurück. "Ich kann die Gryffindors zwar nicht leiden, aber petzen ist auch nicht gerade die beste Möglichkeit ... kümmern wir uns um unseren eigenen Kram, außer wir werden direkt gefragt." Oder es bot sich eine Gelegenheit, es im Geheimen zu tun.


"Du bist seltsam", sagte William, als sie sich auf den Weg zu Flitwicks Büro gemacht hatten. "Ich glaube, du bist der einzige in unserer Klasse, der es nicht einmal ein kleines bisschen lustig fand, aber gleichzeitig hast du Slughorn auch nicht gewarnt, obwohl du es wusstest."

Severus zuckte die Schultern. "Nenn das einfach ein wissenschaftliches Interesse", meinte er. "Abgesehen davon - warum sollte ich mich in irgendwelche Angelegenheiten zwischen Slytherin und Gryffindor einmischen, egal, welcher Art."

William lachte auf. "Seit wann das denn?"

Das verdiente nun wirklich keine Erwiderung. Stattdessen blieb Severus vor dem Büro ihres Hauslehrers stehen und blickte nachdenklich auf das Holz. Irgendwie war er sich nicht sicher, was es bringen sollte, wenn sie mit Flitwick über die verschwundenen Bücher redeten. Es war eigentlich sinnlos. Was sollte Flitwick schon dagegen machen? Und vor allem, was würden sie ihm schon neues erzählen? Sie wären garantiert nicht die ersten, die ihn deshalb aufsuchten.

Nun, besser, sie wussten, ob da bereits etwas geplant war. Sonst müssten sie ja selbst noch etwas dagegen unternehmen, um die Bücher zurückzuholen. Bevor sie sich das anders überlegen konnten, hob Severus die Hand und klopfte. Sie brauchten nicht lange warten, dann wurden sie auch schon hineingebeten.

Ihr Hauslehrer schien irgendwo hinter seinem Schreibtisch verschwunden zu sein - zumindest konnte Severus ihn nirgends entdecken. "Professor?", fragte er.

"Ja?" Flitwick tauchte hinter einem mannshohen Bücherstapel auf. "Ich habe gerade meine Bücherbestände geprüft ... was kann ich denn für euch tun?"

Severus ließ seinen Blick über den Bücherstapel schweifen. Es musste gute zwanzig Mal dasselbe Buch sein. Vermutlich für die älteren Jahrgänge bestimmt, denn Severus konnte sich unter dem Titel nichts vorstellen. "Bücher sind ein gutes Stichwort, Sir", sagte er an Flitwick gewandt. "Wir wollten einmal nachhaken, wie es bei dem Bücherschwund so aussieht ..."

Flitwick musterte ihn intensiv. "Stimmt etwas mit Ihren Zähnen nicht, Mr. Snape?"

William brach in Gelächter aus und auch Xenophilius konnte sein Kichern nicht unterdrücken. Severus errötete. "Nein, alles in Ordnung, Professor." Er stieß seine beiden Freunde heftig in die Seite. "Es ist ... err ... es war eine Art Wette", meinte er. "Eine Art Scherz."

Flitwick sah ihn forschend an, schwieg aber. Severus war froh darüber, denn er wollte die ganze Angelegenheit ganz sicher nicht vor einem Lehrer ausrollen. Vor allem, da die Idee ihm mehr und mehr wie ein äußerst schwachsinniger Einfall vorkam. Wie sollte man es einem Lehrer denn schon erklären können, dass man den Rest der Schulbevölkerung verarschen wollte? Es war besser, wenn sie die Sache unter den Tisch fallen ließen.

"Nun denn ... ich kann Ihnen zu den verschwundenen Büchern nichts sagen. Wir sind dabei, das herauszufinden, und deshalb ist es besser, wenn wir keine Informationen dazu herausgeben."

William zog die Brauen zusammen. "So was habe ich schon mal in einem Krimi gehört. Keine Informationen über laufende Ermittlungen?"

Flitwick lächelte. "So in der Art. Ich werde mich in den nächsten Tagen an das Haus wenden - dann werden Sie alle Informationen erhalten, die wir haben. Bis dahin jedoch ... ich fürchte, Sie werden sich anders behelfen müssen."

Xenophilius nickte. "Aber es ist kein Außenstehender, oder? Ich meine, niemand von außerhalb der Schule?"

"Bisher gibt es nichts, was darauf hinweisen könnte."

Severus seufzte innerlich. Sie hätten sich diesen Besuch also sparen können - Flitwick würde ihnen nichts erzählen. Und die Information, dass sie demnächst eine offizielle Bekanntmachung bekommen würden, war ebenso nutzlos. Immerhin würde das sowieso einen Aushang geben, damit eben das gesamte Haus sich versammeln würde.

"Okay. Danke, Professor", sagte er und griff sich William und Xenophilius. "Wir wollen dann auch nicht länger stören."

Flitwick verabschiedete sich von ihnen. Aber Severus zögerte an der Tür doch noch einmal kurz. "Geht schon mal vor", murmelte er seinen Freunden zu und schob sie aus dem Büro.

William protestierte lautstark, aber Severus war flink und sperrte ihn kurzerhand aus. Das war etwas, was er nicht vor William besprechen wollte. Xenophilius wäre zwar an sich kein problematischer Zuhörer, aber William würde ihn am Ende ausquetschen - Severus vermutete, dass William später einmal ein Verhörmeister werden wollte, denn irgendwie schien er jeden mit Fragen zu Löchern.

Flitwick musterte das Treiben interessiert. "Ich vermute, Sie möchten mir noch irgendetwas mitteilen, Mr. Snape."

"Ja, Sir." Severus seufzte. "Ich weiß nicht, ob Sie schon davon gehört haben ... bei uns in Zaubertränke heute, da wurde ein Streich gespielt."

"Oh ja ..." Flitwicks Stimme hatte einen vergleichsweise düsteren Ton angenommen. "Ein Streich der eher weniger amüsanten Art."

Severus seufzte. "Ja. Die Sache ist, gestern habe ich gesehen, dass die ... Urheber", er vermied es, zu diesem Zeitpunkt Namen zu nennen, "einen Streich geplant hatten. Ich hätte etwas sagen sollen, schätze ich, aber ich hatte keine Ahnung, dass es so eine Art Streich werden würde. Ich nahm irgendwie an, dass es etwas Harmloseres sein würde."

Flitwick runzelte die Stirn. "Also hätten Sie die Möglichkeit gehabt, die Angelegenheit zu verhindern?"

Severus nickte stumm.

"Warum haben Sie nichts gesagt?" Flitwick klang enttäuscht.

"Wie gesagt ..." Severus zögerte. "Ich hielt es für einen der üblichen kleinen Streiche. Es gibt hunderte von Möglichkeiten - und ein Nagel oder was genau es denn jetzt war, das ist eben nicht so üblich. Dachte ich. Und, um ehrlich zu sein, ich wollte mich nicht wegen irgendeiner kleinen Sache mit denen anlegen. Wir können uns sowieso schon nicht wirklich leiden, da wollte ich es eben nicht weiter verschlimmern."

Severus hoffte, dass seine Erklärung überzeugend klang, denn er konnte Flitwick schlecht sagen, dass er auch hatte erfahren wollen, wie Slughorn auf so einen Scherz reagieren würde. Flitwick zog seine Aussage jedenfalls nicht in Zweifel, auch wenn Severus das Gefühl hatte, dass Flitwick wusste, dass das nicht die ganze Wahrheit war.

"Ich verstehe." Flitwick nickte leicht. "Aber ich bin froh, dass Sie deswegen zu mir gekommen sind. Können Sie mir sagen, wer die Täter waren?"

"Vier Gryffindors", sagte Severus langsam. "Nun, zumindest James Potter und Sirius Black. Lupin und Pettigrew haben draußen Schmiere gestanden - deshalb habe ich die auch nicht angesprochen. Allein gegen vier ..."

Flitwick seufzte. "Ich werde mit Horace sprechen, aber ich fürchte, ohne wirkliche Beweise ..."

"Nun", meinte Severus leise, "aber Professor Slughorn wüsste zumindest, auf wen er etwas achten sollte, oder?"

"Definitiv."

Flitwicks Blick sagte, dass Slughorn demnächst wohl auch auf Severus ein Auge haben würde. Aber wie sagte man so schön? Er hatte gesprochen und sein Gewissen beruhigt. Und er war sich so oder so keiner Schuld bewusst. Er verabschiedete sich und verließ Flitwicks Büro - nur um draußen von William in die Zange genommen zu werden.