Disclaimer: siehe Kapitel 1.
Epilog
Severus blätterte mürrisch durch sein Verwandlungsbuch. Er war schlecht gelaunt und er wusste immer noch nicht, ob er seine Zauberkunstaufgaben nachmachen musste oder nicht. Es half auch nicht, dass Lily ihm immer wieder kurze Blicke zuwarf. Irgendetwas musste sie auch Eric erzählt haben, denn er sah beinahe schon mitleidig drein. Wenn sie so weiter machten, würde er den ganzen Kram hier hinschmeißen und gehen. Er konnte sich sowieso nicht wirklich konzentrieren, nicht nach der Zauberkunstepisode.
"Mein Gott, Sev", seufzte Lily, "was ist los? Ich meine, du solltest doch froh sein, dass Flitwick der Sache nachgehen will. Was ist also dein Problem?"
Er schnaubte nur. "Ja, klar ..."
Eric sah Lily wissend an. "Sev ist der Ansicht, dass alle sich gegen ihn verschworen haben und Flitwick sich deshalb keine Mühe geben wird, ihm zu helfen."
"Ich dachte, er hat Wilkes zurückbehalten?"
"Hat er", erklärte Eric. "Aber Sev denkt eben, es war nur eine ... eine Farce, war das Wort. Das bedeutet, dass Flitwick eben nur so tut."
Severus verdrehte die Augen. Mussten sie über ihn reden, als wäre er nicht da? Nicht, dass es nicht stimmte - Severus hatte all die Dinge gesagt. Er brummte in sich hinein und legte den Kopf auf die verschränkten Arme. Eric und Lily nahmen gar keine Notiz von ihm. Eric erzählte weiter und weiter, was passiert war, und dann diskutierten die beiden ernsthaft darüber, warum Severus' Sicht der Dinge falsch war. Vielleicht hatte er aus Versehen einen Unsichtbarkeitszauber auf sich selbst angewendet und die beiden sahen ihn wirklich nicht. Anders konnte man es nicht erklären.
Er seufzte leise. "Seid ihr endlich fertig damit?"
Lily blinzelte ihn an. "Was meinst du?"
"Ich meine, dass es mir auf die Nerven geht, dass ihr über meinen Kopf hinweg über mich redet." Severus sah sie finster an. "Ich kann euch hören, wisst ihr."
"Ich erkläre Lily doch nur, was passiert ist", meinte Eric verwirrt. "Du willst ja nichts dazu sagen -"
"Snape!"
Severus sah auf und drehte den Kopf. Er sah überrascht drein, aber nicht so überrascht wie Lily: Wilkes kam auf sie zu gelaufen, was ihm ein böses Zischen der Bibliothekarin einhandelte. Nicht, dass das ihn aufhielt. Er setzte sich ungefragt zu ihnen an den Tisch und ließ die Schultern sinken. Er machte einen ziemlich abgekämpften Eindruck.
"Wilkes", erwiderte Severus und musterte ihn. "Was ist los?"
"Parry - Mulciber." Wilkes schüttelte den Kopf. "Ich glaube, er nimmt es mir extrem übel."
Lily runzelte die Stirn. "Mulciber? Ist das nicht dieser ätzende Kerl?"
"Definitiv ätzend", sagte Severus.
"Seid ihr nicht im gleichen Haus?", fragte Lily an Wilkes gewandt. "Ich meine -"
"Lily", unterbrach Severus, "verstehst du dich mit Black und Potter?"
"Natürlich nicht! Das sind Idioten." Lily blickte ihn empört an. "Willst du mich beleidigen?"
Eric grinste. "Aber die sind im gleichen Haus wie du."
Lily verzog das Gesicht. Severus beschloss, sie zu ignorieren, und wandte sich wieder Wilkes zu. Warum sollte Mulciber ihm irgendetwas übel nehmen? Zuvor hatten sie sich doch noch relativ gut verstanden, oder nicht? Zumindest hatten sie sich neutral gegenüber gestanden. Wilkes seufzte auf die Frage jedoch nur.
"Sagen wir so ...", murmelte er. "Mulciber nennt mich einen Verräter. Weil ich ihn eben bei Flitwick angeschwärzt habe und er zu Slughorn geschickt wurde."
Severus starrte. "Mulciber hat meinen Aufsatz gestohlen?"
Wilkes verzog das Gesicht. "Ja, als er dich angerempelt hat, schätze ich. Er hat später im Gemeinschaftsraum damit geprahlt." Er schüttelte den Kopf. "Und jetzt habe ich ein Problem. Mulciber ist wütend, Red und Evan sind beide keine Hilfe ... die anderen Slytherins haben keine große Meinung dazu, außer, dass sie nicht viel mit mir zu tun haben wollen."
Severus dachte darüber nach. "Okay", sagte er, "dann bleib hier. Wenn die anderen Idioten dich nicht zu schätzen wissen ... wir könnten ja eine Art hausübergreifende Studiengruppe bilden oder so."
Lily starrte ihn für einen Moment beinahe schockiert an. Dann sah sie zu Wilkes. Sie seufzte, fast schon resignierend. Severus vermutete, dass die Gryffindors ihr bereits ein paar Vorurteile vermittelt hatten. Nicht, dass Eric mehr Begeisterung zeigte.
Wilkes sah ihn schief an. "Meinst du das wirklich?"
"Ich meine selten etwas unwirklich", erwiderte Severus. "Abgesehen davon - Eric ist eh der Ansicht, dass ich ein verkappter Ravenclaw bin, also fehlt uns noch ein Slytherin." Auch wenn er sich selbst eigentlich als einer sah.
Eric zuckte die Schultern. "Du scheinst okay zu sein, also warum nicht, Will?"
"Will?" Wilkes starrte. "Ich heiße nicht William."
"Nein, du heißt Wilkes", erwiederte Eric. "Deshalb bist du jetzt Will, weil Wilkes mir zu lang ist. Severus ist auch Sev."
"Versuch ja nicht, mich Lils zu nennen", bemerkte Lily. Dann lächelte sie Wilkes an. "Willkommen in der Truppe."
Severus schüttelte den Kopf. "Nachdem das geklärt ist - Hausaufgaben!"
"... Sev, unser Sklaventreiber", erklärte Eric Wilkes, griff aber nach seinen Büchern.
Die anderen taten es ihm gleich.
"Hat einer eine Ahnung, was der Grund für diese Versammlung ist?"
Severus drehte den Kopf und blinzelte das Mädchen an. Er brauchte einen Moment, um sich daran zu erinnern, wie sie hieß. Sie war in seinem Jahrgang, aber wenn man kaum mit den Leuten im eigenen Haus zu tun hatte, war es etwas schwerer, sich Namen zu merken - vor allem dann, wenn die Lehrer auch nur die Nachnamen verwendeten. Aber nach einem Augenblick des Nachdenkens fiel ihm der Name auch ein: Betty Braithwaite. Er sah zu William und Xenophilius auf der Suche nach einer Antwort.
"Flitwick macht eine Ankündigung", sagte Xenophilius.
Betty rollte mit den Augen. "Natürlich. Wie kann ich auch nur fragen?"
William grinste leicht. "So ist unser Xeno eben - niemand kann so gut auf das Offensichtliche hinweisen wie er." Er wurde wieder ernst. "Soweit ich weiß, geht es um die Bücher."
Betty sah zu Severus, als erwarte sie eine Bestätigung. Vermutlich hielt sie ihn für den einzig wirklich Vernünftigen von ihnen. Severus zuckte aber nur mit den Schultern. Was wollte sie schon von ihm für Antworten? Er sah wieder zum Eingang des Gemeinschaftsraums. Inzwischen war fast das gesamte Haus versammelt. Da waren bestimmt nur ein paar vereinzelte Schüler, die noch fehlten.
"Vollversammlungen sind nicht besonders üblich, oder?", fragte Severus in die Runde.
Betty schnaubte. "Ich habe gehört, die sind so selten, dass manche ohne Vollversammlung durch die Schule gehen."
Severus hob eine Augenbraue. "Irgendwie seltsam. Denn so ernst scheint mir die Büchersache dann doch nicht. Oder geht es hier ums Prinzip, weil wir das Haus der Bücherwürmer sind?"
William knuffte ihn in die Seite. "Du bist hier der einzige Bücherwurm."
"Nur, weil ihr fehlsortiert seid", erwiderte Severus spitz. Er drehte sich zu Betty um. "Sag mal, ist das normal?" Er deutete auf William. "Sollte so viel Idiotie nicht verboten sein?"
Betty lachte. William schmollte. Aber für eine schlagfertige Antwort reichte die Zeit nicht - Flitwick war angekommen, was man jedoch nur durch die plötzliche Stille erkannte. Flitwick war nicht groß genug, um aus der Menge herauszustechen. Und trotzdem: Flitwick war jemand, den man respektieren musste. Selbst wenn er im Unterricht meistens ziemlich locker war, er kannte sich mit seinem Fachgebiet wirklich aus. Und Severus hatte davon gehört, dass Flitwick ein Meister im Duellieren war, etwas, was er definitiv respektierte.
"Wie ich sehe, sind wir wohl vollzählig", sagte Flitwick und sah einmal in die Runde. "Sehr schön. Ich gebe zu, dass das, was ich euch zu sagen habe, nicht sehr erfreulich ist. Ich gehe davon aus, dass euch bewusst ist, dass wir momentan ein Problem mit den Büchern in der Bibliothek haben."
"Eher ein Problem mit den Büchern nicht in der Bibliothek", bemerkte ein Junge aus dem hinteren Teil des Raumes. "Wenn die Bücher alle weg sind, kann man schlecht ein Problem mit ihnen haben."
Flitwick seufzte. "Genau das meinte ich. Ich fürchte, dass ich euch in der Hinsicht keine guten Nachrichten überbringen kann, denn wir haben immer noch nicht herausgefunden, wer sie entwendet hat - und noch weniger, wo sie momentan sind oder wie wir sie zurückbekommen." Er blickte ernst. "Ich möchte jedoch denjenigen oder diejenige bitten, die Bücher zurückzugeben."
"Sie glauben, dass es einer von uns war?", fragte Betty schockiert.
"Wir müssen alles in Betracht ziehen", sagte Flitwick. "Die anderen Hauslehrer werden dieselben Worte an ihr jeweiliges Haus richten. Jedenfalls ist es den anderen Schülern gegenüber unfair, die Bücher zu horten. Falls das ein Streich sein sollte - er ist nicht lustig und der Urheber sollte sich jetzt oder nach dieser Versammlung melden und die Bücher zurückgeben. Sollte es jedoch ein missgeleiteter Studienversuch sein, möchte ich doch einmal ganz klar sagen, dass ein solches Verhalten nicht tolerierbar ist. Es ist einfach nur egoistisch und falsch. Jeder, der sich Ravenclaw nennt, sollte so viel Verständnis aufbringen können, so etwas nicht zu machen."
Severus schüttelte leicht den Kopf. Erwarteten die Lehrer wirklich, dass das wirklich etwas brachte? Severus konnte es sich nicht vorstellen. Andererseits ... die Hoffnung starb zuletzt.
"Spätestens morgen sind die Bücher wieder da", murmelte Xenophilius.
Severus sah ihn überrascht an. "Wirklich?"
"Ja - der Täter ist gefunden." William deutete auf die andere Seite des Raumes, wo jemand eindeutig schuldig dreinsah. Severus blinzelte. Das war irgendwie zu einfach. Aber immerhin wäre es toll, wenn die Bücher wieder da wären.
Auf jeden Fall schien sich auch dieses Rätsel gelöst zu haben.
