1. Die Frage nach dem Weg
Dartmouth, als Mensch hatte ich immer davon geträumt hier zu studieren, aber das ist schon lange her. Langsam fuhr ich auf den Parkplatz vor dem Verwaltungsgebäude, der Scheibenwischer lief auf höchster Stufe, Regen wie schön so konnten wir wenigsten am Tag die Formalitäten hinter uns bringen. Ich fand zwei leere Parkplätze in der nähe des Eingangs und stellte meinen Audi R8 ab und Marie und Eddie parkten ihren BMW M6 neben mir. Drei Türen gingen gleichzeitig auf und fast synchron standen wir neben unseren Autos. Im schnellen Menschentempo begaben wir uns ins Gebäude.
"So und wo müssen wir jetzt hin?", erklang Maries glockenhelle Stimme hinter mir. "Ich weiß nicht, Schatz.", antwortete Eddies voller Bass, "lass uns wenn Fragen."
Ich schaute mich um, keiner außer uns war auf dem Gang, aber ich hörte einen Herz schlagen und es kam näher. Durch den Herzschlag und den penetranten Geruch nach Mensch, der hier überall in der Luft lag, entflammte meine Kehle, doch ich schob den Durst beiseite. In meinen 45 Jahren als Vampir hatte ich noch nie Jagd auf Menschen gemacht und damit würde ich jetzt auch nicht anfangen. Als Soldat hatte ich genug Tote gesehen. Als ich aus Vietnam zurück kam hatte ich mir Geschworen keinen Menschen mehr zu töten und daran hatte ich mich auch nach meiner Verwandlung gehalten, na ja fast.
Und dann kam sie um die Ecke, um die zwanzig, dunkelbraunes leicht gewelltes Haar das fast ins schwarz überging mit roten Strähnchen, das Gesicht etwas zu rund um als klassischen Schönheit durchzugehen. Aber ihrer kleinen Stupsnase glich das wieder aus, sie strahlte genau die Mischung zwischen Frau und Kind aus die Männer verrückt macht. Genug Frau um sich in sie zu verlieben und soviel Kind um sich schützend vor sie zu stellen um alles Böse von ihr fernzuhalten. Eine gefährliche Mischung. In ihrer Hand hielt sie eine Mappe, darauf stand Willkommen in Dartmouth und darunter Erstsemester 2012. Na die muss ja wissen wo wir hin müssen.
"Entschuldigung ", sprach ich sie an, als sie an uns vorbei gehen wollte. Sie hob ihren Blick und schaute mich zum ersten Mal mit ihren wunderschönen blauen Augen an. Doch was war das? Ihre Augen weiteten sich als sie mein Gesicht sah. Ihr Ausdruck wechselte von überrascht, zu erkennen, zu ANGST. Sie zitterte leicht, wich bis an die Wand zurück und rannte fast zum Ausgang.
Die meisten Menschen hielten sich zwar Instinktiv von uns fern, aber eine solche Reaktion war doch ein bisschen ungewöhnlich.
"Wow, die hat ja gekuckt als wolltest du sie auffressen!", schmunzelte Marie hinter mir und Eddie kicherte leicht. Ich drehte mich zu ihnen um und schaute sie nur streng an.
"Schon gut, schon gut, ich weiß keine Witze übers essen.", meinte Marie so schnell, das es für Menschen nur ein zischen war und schaute schuldbewusst zum Boden. Der Nächste den wir trafen wies uns den Weg und nach einer Stunde nervtötenden Papierkram hatten wir alles erledigt und saßen wieder in unseren Autos. Ich blieb erst noch stehen und schaltete die Anlage auf volle Lautstärke. Die Foo Fighters krachten durchs Auto, eins muss man den Deutschen lassen, ihrer Autos waren schnell und komfortabel. Das Mädchen von vorhin ging mir nicht aus dem Kopf, seltsam Menschen hinterließen bei mir selten einen bleibenden Eindruck. Ich fokussierte meinen Geist und konzentrierte mich ganz auf sie, meine Blick verlies das hier und wanderte Richtung Westen auf eine Wohnheim zu, direkt durch ein Fenster im dritten Stock. Ich befand mich in einem typischen Wohnheimzimmer ohne persönliche Note, Koffer und Kisten warteten noch darauf ausgepackt zu werden. Klar, sie war wohl noch beim Umzug. Das seltsame Mädchen saß auf ihren Bett, die Arme um ihre Knie geschlungen wiegte sie sich vor und zurück. Tränen liefen aus ihren geröteten Augen. "Das kann nicht sein, das ist alles nur ein Traum, er existiert nicht.", stammelte sie immer wieder.
Was hatte sie nur? Hatte ich wirklich so ausgesehen als ob ich sie Fressen wollte? Ja, da war Durst, aber er war nicht schlimmer als sonst, halt wie bei jedem Menschen. Sie machten uns Durst aber das konnte ich schon immer gut kontrollieren. Irgendwas, ich weis nicht was hielt mich bei ihr. Nach einer halben Stunde hatte sie sich etwas beruhigt, sie stand entschlossen auf und kramte in einer Kiste herum. Dann ging sie zur nächsten und zog mit einem breiten Lächeln einen großen Zeichenblock hervor. Ich schaute auf das Deckblatt dort stand in großen Lettern:
SANDY
TRÄUME
MAI - OKTOBER 2002
Was sollte das jetzt? Ich richtete meinen Blick wieder auf ihr Gesicht während sie gezielt die letzte Seite aufschlug. Zum ersten Mal erfüllte ein glückliches strahlen ihre Züge. Gedankenverloren und sehr zärtlich streichelte ihre Hand über das Papier. Ich wechselte die Perspektive um zu sehn was sie sah.
"NEIN, NEIN, NEIN, das darf nicht sein, das wird nie passieren.", schrie ich im Geist als ich das Bild sah. Das Mädchen fuhr zusammen als hätte sie mich gehört. Dann entglitt mir meine Fähigkeit und meine Sinne waren wieder bei meinem Körper. Doch das Bild auf ihren Block hatte sich für alle Ewigkeit in mein Gehirn gebrannt.
Es war eine Zeichnung die jedem Künstler ehre gemacht hätte. Nur das Motiv, es war schön und schrecklich zugleich. Sie war darauf zu sehen, glücklich Lächelnd in die ferne blickend, ich war zu sehen mit stolzen und glücklichen Gesicht. Hand in Hand standen wir vor meiner Hütte in der Wildnis von Nordkanada. Meine Augen leuchteten Golden. Ihre Augen hatten das leuchtende Rot einer Neugeborenen.
