5 – Schwere Zunge, leichte Zunge
„Genauer genommen war es ein Irrwicht, der sich in einen Werwolf verwandelt hat", korrigierte Padfoot, „der Letzte, der ihn vor uns gesehen hat, hatte wohl eine schreckliche Angst davor." Ihn konnte der Anblick eines solchen Unwesens nicht mehr erschrecken – jahrelang war er der Wächter Lupins gewesen, jeden vollen Mond über.
Tonks hingegen stand noch immer starr vor dem Kleiderschrank.
„Das bin ich, einmal im Monat. Verstehst du jetzt, dass mit einem Wolf im Schafspelz nicht zu spaßen ist, Dora?", keuchte Moony entsetzt und voller Qualen."Halte dich demnächst besser von mir fern." Sorgen ließen sein Herz schneller schlagen.
„Niemals." Es waren ihre Worte, die durch den sonst so stillen Raum hallten."Ich habe mir einen Werwolf niemals so furchtbar vorgestellt und gebe zu, dass ich mir gerade fast in die Hosen gemacht habe, aber..." Sie wandte sich zu Remus und lächelte aufmunternd, doch dieses Mal lies es ihre Augen kalt. „...wenn du dich auch genauso wandeltst, so bist du trotzdem nicht mehr bei deinem Bewusstsein."
„Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich gefährlich bin. Sag das allen, die mir vertrauen, damit sie sich bewusst sind, mit wem sie sich hier herumschlagen", sprach er erbittert.
„Bis auf wenige Stunden bist du ein Mensch! Und so gar nicht böse", gab Tonks nun schnippisch zurück.
„Was bei Merlins Unterhose ist hier los?", fragte Sirius verdattert und blickte schnell zwischen beiden hin und her. „Was habe ich verpasst, dass ihr so vertraut miteinander redet?"
„Wenn ich das wüsste", seufzte Moony traurig.
Jemand kam durch die Zimmertür geeilt. Er drehte sich um und erblickte Arthur und Mad-Eye.
„Wir haben ein Brüllen und Schreie gehört und wollten lieber nachsehen, ob es euch gut geht..?", stotterte erstgenannter rotwerdend, um die Situation zu erklären.
„Es ist schon wieder okay. Aber trotzdem danke", antwortete Lupin, höflich wie immer.
„Gab hier nur´n kleines Problem mit dem Wicht. Er steckte noch in seiner vorherigen Gestalt fest", erläuterte Tatze genauer.
„Seltsam", murmelte Moody, „aber wenn es noch keine Toten gibt, kann ich ja beruhigt wieder meinen Umhang suchen gehen." Humpelnd verließ er den Raum und ignorierte das Klappern seines Holzbeins, das so klang, als ob es jeden Moment auseinanderfallen würde.
„Soll ich euch dabei helfen, das Zimmer zu sichern?"
„Nein, es geht schon, Arthur. Lege doch schonmal ein paar Sicherungszauber auf die Eingangsschwelle. Ach, und nimm Tonks mit. Sie ist gerade nicht in sehr guter Verfassung." Sirius stellte sich mit gezücktem Zauberstab in Angriffsposition und deutete Remus, den Schrank erneut zu öffnen. Dieser jedoch sah Tonks niedergeschlagen in die Augen. Als sie seinen Blick bemerkte, verfärbten sich ihre Augen für kurze Zeit grasgrün, bevor sie der Anweisung Folge leistete die Treppe hinabstieg.
Was hatte das zu bedeuten?, fragte er sich im Stillen.
Sie waren jetzt zu zweit.
„Moony...?" Padfoot schien noch immer auf das Kommando zu warten. Endlich konnte sich der hagere Werwolf dazu aufraffen, seinem Freund zu helfen. „Verwirren wir ihn?", fragte er.
„Scheint scheinbar die beste Methode zu sein", war die Antwort.
Das magische Geschöpf trat auf Sirius in der Form eines Dementors zu, verwandelte sich dann aber in die eisernen Gitterstäbe von Askaban, die ihn so lange festgehalten hatten, unerbitterlich, unbiegsam. Askaban, der Dieb von vielen Jahren, die er mit Harry hätte verbringen können.
Harry. Passend zu seinen Gedanken veränderte das Wesen seine Form, sah jetzt aus wie ein Junge mit Blitznarbe und runden Brillengläsern der in einer Lache aus Blut lag. Blut. Blut. Tod.
Tatze knurrte. Remus konnte das Testosteron des Schweißes riechen.
Doch dann fasste er sich. „Ridikkulus!" Mit einem plumpen Geräusch mutierte der tote Potter zu einem Zombie, dass über seine eigenen Beine stolperte. „Jetzt bist du dran", rief Padfoot, „stell dich deiner Angst!"
Wieder sah Moony den Mond, doch auch dieses Mal war er ein Mensch. „Ridikkulus!" Ein leichter Schlenker mit seinem Zauberstab reichte, ihn erneut zu einem Luftballon werden zu lassen.
Immer im Wechsel mussten die Rumtreiber ihren Ängsten Sklaven sein, um sich mit einem kurzen Zauber schließlich von den kalten Ketten zu lösen, die an ihrer Seele hafteten. Wiederholung für Wiederholung, bis der Irrwicht endlich zersprang.
„Wir haben es geschafft! Ich schlage vor, das Entrümpeln machen wir dann Morgen." Erschöpft ließen sich beide auf den verstaubten Teppichboden sinken, Angesicht zu Angesicht.
oOOOo
Zeitsprung: Gleicher Tag, ca. 23 Uhr
Remus betrat den Raum, der ihm zugewiesen worden war. Es war erst das zweite Mal, und dennoch fühlte er sich bereits merkwürdig heimisch.
Sein schäbiger Koffer lag noch immer ausgebreitet auf dem Bett – er war nicht dazu gekommen, die wenigen Gegenstände die er besaß in die dunkle Kommode einzuräumen. Der Rest des Zimmers wirkte sehr geordnet und war sogar bereits gesäubert worden, sodass dem Werwolf zum Glück nicht das Schicksal zuteil wurde, sich mit Spinnenweben herumschlagen zu müssen.
Neben den bereits genannten gab es nur zwei weitere Möbelstücke: Einen kleinen Eichentisch und einen mit Edelholzschlangen verzierten Stuhl. Und auf dem saß...
„Sirius! Was machst du denn hier?"
„Siehst du das nicht, Bruder? Ich sauf mir´nen Ast. Die Welt ist einfach zu grausam geworden, um sie nüchtern zu ertragen", lallte Padfoot und schaffte es, sich noch am Sitz festzukrallen bevor er fiel.
Moony bemerkte eine verführerisch aussehende Whiskeyflasche in seiner Hand.
„Komm. Ich bringe dich in dein Zimmer."
„Sagt das Wölfchen! Meine Güte, kratz mir das Fell. AUHOOO", jaulte der Betrunkene und lachte.
„Wenn du wüsstest, was du sagt..."
Sirius stand auf und versuchte, schwankend auf seinen Freund zuzugehen.„Weissu, warum du ein Maurauder gewodden biss?", brach er plötzlich ein Thema an.
Remus seufzte. „Nein, das weiß ich nicht. Aber du wirst es mir gleich in aller Ruhe erzählen können, während ich dich zu deinem Bett trage."
„Du hass imma die besten Ideen gehabt, von uns allen. Klar, Jamessss hat säch imma witziges auuusssssgedacht, aber die Pläne hab´n niä geklappt. Aber duuuuuuu, du hattessst es schon faustdick hinter den Orren!"
Padfoot war in seinem Gespräch immer undeutlicher geworden, sodass selbst der Werwolf kaum noch mehr verstehen konnte als undeutliches Gelispele.
Mit einer Leichtigkeit die seinem Körperbau nicht hätte entsprechen sollen hob er den mehrere Pfund schwereren Sirius hoch und machte sich daran, die Treppen zum dritten Stock hinaufzusteigen, in dem das Zimmer des ehemaligen Rumtreibers lag.
„Die Wält iss schon komisch, oda? Da kanssu ein Jahr mit meinem Pattensohn verbringen, frei, und jetzt angelste dir auch noch meinä Cousine! Iäch hingegen bin hia eingesperrrrt."
Nur ein wenig angestrengter atmend hatte Lupin das Zimmer erreicht. Als er versuchen wollte, die Klinke mit seinem Ellenbogen hinunterzudrücken, stach ihm ein Bild in die Augen, dass mit einem Dauerklebefluch an der dunklen Holztür befestigt war.
Es war ein Foto von Krone, Tatze, Wurmschwanz und ihm.
Sie waren ungefähr in der sechsten Klasse. Sirius sah bereits aus wie heute: Feine Züge, selbstbewusstes Lächeln. James stand noch ein großer Wachstumsschub bevor, bei Peter hatte noch nicht einmal der Bartwuchs eingesetzt. Und er selbst? Schlaksig wie immer, nur heute von noch mehr Narben seines Leids gezeichnet.
Das waren Zeiten. Wir sind alle gleich geblieben, aber die Welt hat sich verändert. Heute gibt es um Grade bösere Zauberer, sie jagen uns. Und ich... ich kann meine Bürde nicht mehr so auf die leichte Schulter nehmen, wie wir es damals getan haben.
Mit einem bedrückten Lächeln riss er sich von der Erinnerung los, trat ein und legte seinen Freund behutsam auf seine Schlafstätte.
Plötzlich erschienen die Weasley-Zwillinge aus dem nichts. „Unser ehemaliger Lehrer für Verdeidigung gegen die dunklen Künste kümmert sich um seinen betrunkenen Freund. Mal schauen, wie wir da helfen können."
Auch wenn Fred in scherzendem Ton sprach sagte er die Worte dennoch in vollem Respekt. Er bewunderte den Werwolf für seine Loyalität, seinen Mut in schwierigen Situationen und seine Intelligenz. In dem einen Jahr hatte er mehr in Verteidigung erlernt, als er es sonst je vermocht hätte.
Sie haben schon wieder appariert, und das, obwohl Alastor heute Abend noch alle Zauber für die Sperre überprüft haben. Wirklich bewundernswert, dachte Lupin hingegen nachdem er die beiden Brüder erblickt hatte.
„Woher wisst ihr, dass ich hier bin?", wollte er aufmerksam wissen.
„Unser Zimmer liegt genau an dieser furchtbar knarzenden Treppenstufe", erklärten sie, „Aber jetzt wollen wir dir erst einmal unter die Arme greifen."
Sie beiden bemerkten Remus´ fragenden Blick und grinsten.
„Magischen Muntermacher vielleicht?" George reichte ihm eine angelaufene Glasflasche mit einem lila Etikett das ein lächelnder Smiley zierte. „Haben wir entworfen!"
„Ist zwar noch im Teststadium, aber unser alter Hund verträgt´s sicherlich", ergänzte Fred und deutete auf Sirius.
Die Stirn runzelnd nahm Moony denTrank entgegen, zog den Korken heraus und roch daran. Eklig und viel zu komprimiert für seine Nase. Genau richtig. Trotzdem konnte er ein gewisses Maß an Verdacht nicht ausblenden.
„Ich mag euer Faible für kleine Späße. Aber übernehmt euch nicht", sagte er erst, „ich möchte nicht für den Schaden aufkommen, wenn ihm plötzlich Hasenohren wachsen."
Fred und George grinsten. „So weit ausgereift sind unsere Erfindungen leider nicht. Aber das kommt auch noch. Immerhin..." „haben wir euch Tunichtgute noch über drei Wochen vor der Nase sitzen."
Lupin lächelte eindringlich. „Ich komme nicht umhin zu sagen, dass Hogwarts die beste Zeit meines Lebens war, auch wenn wir – besonders James und Sirius – sehr viel naives angestellt haben. Auf manche unserer Taten würde ich mich heute nie einlassen."
Er legte Öffnung des Gefäßes an Padfoots Lippen, die noch immer unverständliche Sätze murmelten, und flößte ihm langsam das Gebräu ein. Die Wirkung lies nicht lange auf sich warten.
„Voldemort, Nase, Voldemort, was?" Er schreckte hoch und zog seinen Zauberstab aus der Hemdtasche.
„Hab ich´s dir nicht gesagt, Bruder? Sofort wieder nüchtern. 10 Gallionen für mich!" Fred klatschte seinem Bruder in die Hände.
„Was ist passiert?", fragte Harrys Patenonkel. Mit seinen ungekämmten schwarzen Locken und den stechenden Augen sah er fast schon wirr aus. Er hatte schon immer den Hauch von etwas Verrücktem gehabt.
Die Weasley-Brüder apparrierten ein drittes Mal ohne Probleme – jetzt jedoch aus dem Zimmer heraus.
„Wir müssen reden, alter Freund", sagte Lupin.
oOOOo
Eine Weile lang saßen sie schweigend nebeneinander auf dem Bett.
Nachdenklich betrachtete Moony die mit magischen Fotos und Muggelpostern beklebten Wände. Über dem einst teuer aussehenden Schreibtisch hingen Banner in den Farben eines Gryffendors, neben dem Schrank hockte eine nur notdürftig angezogene Frau auf einem Motorrad. Darunter hatte Sirius selbst eine Honda gezeichnet. Ein Bild wurde im gesamten Raum besonders herausgehoben – ein weiteres, in dem die vier Freunde die Hauptrolle spielten. Remus hätte Pettigrew am liebsten herausgeschnitten, doch durch etliche Bannzauber war ihm noch nicht mal ein Kratzer durch seinen Zauberstab möglich. Er rieb sich die schmerzende Brust, in der sein Herz enttäuscht und wütend pochte.
„Ich wollte mich eigentlich nicht betrinken, aber ich war wütend", fing Sirius nun endlich an.
„Auf mich? Wenn ich dich irgendwie verletzt habe, sag es mit bitte."
„Nein, einfach auf alles. Ich bin hier eingesperrt, kann noch nicht einmal raus, um frische Luft zu bekommen. Entweder muss ich mich verstecken oder werde wie eine Beute gejagt. Die Gedanken von einem glücklichen Leben mit Harry... Sie zehren mich auf."
Remus seufzte ein weiteres Mal an diesem düsteren Tag. „Ich kann gehen, aber ich weiß einfach nicht, wohin. Ein Werwolf ist nicht gerade beliebt", meinte er bitter.
„Und wieder sind wir Brüder in der Dunkelheit." Tatze wollte bereits wieder nach dem Whiskey greifen, der verführerisch auf dem grünen Teppichboden stand, zog seine Hand aber im letzten Moment wieder zurück.
„Das war schon immer unser Schicksal. Und unser Fluch", wehklagte der Werwolf.
„Wie lange wird das wohl noch gehen? Wochen, Monate, Jahre? Wird es überhaupt jemals aufhören?"
„Ich weiß es nicht."
Wieder sagte keiner ein Wort.
Plötzlich grinste Sirius. „Was läuft da jetzt zwischen dir und Tonks?"
„Nichts. Sie versucht ständig, mit mir zu flirten. Aber ich darf mich nicht auf eine Freundin einlassen. Nicht heute. Nie."
„Nur weil du ein Werwolf bist? Du hast dir die Liebe verdient wie jeder andere auch", versuchte er ihn aufzumuntern.
„Der Slogan wirkt bei mir nicht mehr."
„Weißt du was, Moon? Du wirst alt", feixte Padfoot.
oOOOo
Morgen war der Tag seiner Verwandlung. Und er hatte noch immer keinen sicheren Ort gefunden.
Das war jetzt ein ziemlich klärendes und "entspanntes" Kapitel. Das nächste wird wieder aufregender - wie ich eiuch versprochen habe verwandelt Remus sich (endlich). Aber ob er überhaupt einen geeigneten Ort findet? Ich überlege noch, ob er jemanden verletzen wird. Es ist also alles noch offen :)
Ich weiß nicht, ob ich vor dem Urlaub (der morgen beginnt) noch ein Kapitel fertig bekomme, mal schauen.
:* Helena alias Lamia
PS: Bitte reviewt! Immerhin ist das das Brot des Autors ;)
