Vom Brauchen und Gebrauchtwerden
Teil Zwei
i)
Angelina hat nicht mitbekommen, dass sie auf Alicias Sofa eingeschlafen ist, irgendwo zwischen der vierten Tasse Tee und der zweiten Portion Schokoladeneis mit Schlagsahne. Sie ist in der Nacht kurz aufgewacht, hat sich verwirrt gefragt, wo sie eigentlich ist, und hat festgestellt, dass Alicia – liebste, herzensgute Alicia, denkt sie – das Sofa und Angelina mit einer ganzen Armee aus Kissen und Decken ausgestattet hat.
Am nächsten Morgen wird Angelina von leisem Geschirrklappern und dem Duft von frischem, stark aufgebrühtem Kaffee wach. Sie schält sich aus den Decken heraus, setzt einen nackten Fuß auf den Boden und zwingt sich selbst in die Höhe. Drüben in der Küche steht Alicia und Angelina lächelt, als sie bemerkt, dass ihre Freundin diesen geschäftigen Gesichtsausdruck aufgesetzt hat, den sie immer bekommt, wenn sie kocht.
„Morgen", murmelt Angelina und streckt sich, ihr Gesicht fühlt sich zerknautscht an und der Schlaf hat ihre Augen noch sachte zusammengeklebt. Alicia dreht sich um, lächelt „Guten Morgen" und deutet auf ihren gedeckten Tisch, um den ein paar Stühle gruppiert sind.
„Setz' dich", meint sie und hantiert mit einer Pfanne, während sich Angelina langsam auf einem Stuhl niederlässt und sich fragt, womit sie die beste Freundin der Welt eigentlich verdient hat. „Kaffee?", will Alicia wissen und Angelina nickt „Ja bitte".
Sie bekommt eine gepunktete, dampfende Tasse in die Hand gedrückt und löffelt sich Zucker hinein. Alicia plumpst auf den Stuhl ihr gegenüber, rührt Milch in ihren Kaffee und lässt mit einem Schlenker ihres Zauberstabs verschiedene Körbe und Pfannen herüberschweben.
„Bedien' dich ruhig", sagt sie, ihre Stimme klingt ganz warm und Angelina greift sich einen goldbraunen Croissant. Sie räuspert sich und rutscht ein bisschen verlegen auf ihrem Stuhl herum. „Danke", bringt sie heraus, „Für alles." Alicia winkt ungeduldig ab. „Iss", grinst sie und wird rot, „Du brauchst was im Magen, bevor du zur Uni verschwindest."
Angelina schluckt Kaffee hinunter und schaut verwundert auf. „Uni?", wiederholt sie und malträtiert ihren Croissant mit einem Messer, um Butter und Marmelade darauf zu verteilen. Alicias blauer Blick trifft sie und Angelina kann auf ihrem Gesicht lesen, wie irritiert ihre Freundin ist. „Uni", wiederholt sie, „Du weißt schon... dieses große Gebäude, wo du hingehst, dir langweilige Vorlesungen anhörst?"
Angelina schüttelt den Kopf. „Ich geh' da nicht mehr hin", erklärt sie fest, „Wozu denn?" Alicia seufzt. „Lina, glaubst du, du hilfst irgendwem, wenn du deine berufliche Zukunft mit Füßen trittst? Denkst du, Fred hätte das gewollt?"
Sie will protestieren, irgendetwas erwidern, aber die Worte bleiben ihr im Hals stecken und stattdessen kommen die Tränen, sodass sie nur stumm den Kopf schütteln kann. Sie fühlt Alicias warme, runde Hand auf ihrer eigenen, Finger, die sie langsam und beruhigend streicheln, solange, bis sich Angelina wieder ein wenig gefasst hat.
„Okay", sie atmet tief ein und aus, spielt mit ihrem angebissenen Croissant, „Okay, ich geh' hin." Sie lächelt Alicia vorsichtig an und bekommt ein aufmunterndes Lächeln zurück, ihre Hand wird gedrückt und Alicia haucht einen Kuss auf ihre Wange. „Komm' wieder her, wenn du es nicht aushältst", murmelt sie.
Angelina nickt und zwei Stunden später sitzt sie mechanisch in ihrer Vorlesung und versucht mechanisch zuzuhören. Sie weiß, dass Alicia Recht hat, dass sie ihr Leben nicht einfach wegwerfen kann, nachdem sie es den langen Krieg hindurch so tapfer verteidigt hat. Sie muss etwas tun, um wieder den Hauch eines Sinns in allem zu finden – und Magisches Recht erschien ihr ungeheuer sinnvoll, als sie sich hatte entscheiden müssen.
„Geht's dir gut?", fragt sie Duncan, ein Kommilitone, leise von links. Hinter seinen Brillengläsern kann sie seinen besorgten Blick ausmachen und sie will nicht, dass sich noch mehr Menschen um sie sorgen, also nickt sie. Außerdem hat sie ihre Lektion früh gelernt: jeder von ihnen hat mit seinen eigenen Gespenstern zu kämpfen.
Sie erinnert sich an die unmittelbare Nachkriegszeit, daran, wie sie manchmal zusammenhanglos und unvorhersehbar angefangen hat zu weinen, weil das ganze, verdammte Elend so groß war und weil Fred so unfassbar fern war.
Sie erinnert sich daran, wie sie das erste Mal wieder in die Winkelgasse zum Einkaufen gegangen ist. Sie hatte sich Bücher kaufen wollen, irgendetwas Nettes, zum Ablenken, und stattdessen hat die Verkäuferin ihr die Gilderoy-Lockhart-Reihe vorgestellt. In Angelinas Kopf hat es Klick gemacht, eine Erinnerung jagte die nächste, Verteidigung gegen die Dunklen Künste war niemals langweilig mit Fred im Raum, und schon hat sie wieder geweint.
Jemand hat sie am Arm genommen und sich erkundigt, was denn los sei, ob es ihr nicht gut ginge – Natürlich nicht, verdammt, oder sehe ich aus, als ginge es mir gut? hätte sie ihnen gerne an den Kopf geworfen, aber sie hat es nicht getan, sie ist ein wohlerzogenes Mädchen – und sie hat stockend erzählt, von Fred, vom Krieg, von Trauer und Schmerz.
Sie hat gleichmütige Blicken geerntet und Achselzucken, ein Ach Mädchen, so geht es uns doch allen, wir haben alle Menschen verloren, die wir lieben und Angelina hat gelernt, dass ihr Schmerz nichts Besonderes ist, sondern in der Masse untergeht.
Natürlich hilft ihr das kein bisschen, wenn sie traurig ist. Natürlich ist es ihr eigentlich scheißegal, wie sehr die Anderen trauern, sie trauert immerhin um Fred, aber sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, das niemandem zu sagen außer Alicia, denn es würde ja doch keiner verstehen.
„Jaja, hab' nur schlecht geschlafen", murmelt sie daher zurück und Duncan gibt sich mit der Antwort zufrieden, er dreht den Kopf wieder nach vorne und lauscht dem Professoren. Angelina bückt sich und kramt in ihrer Tasche nach ihrem Notizblock. Sie greift sich einen Stift und schlägt eine leere Seite auf, malt Kreise auf das Papier, immer mehr, immer wilder.
Es fällt ihr gar nicht recht auf, aber nach einer Weile beruhigt es sie und sie kann beinahe normal in der Vorlesung sitzen und den Professor anstarren, auch wenn sie eh kein Wort von dem mitbekommt, was er von sich gibt.
Wozu noch Justiz, überlegt sie verschwommen, wo es doch sowieso keine Gerechtigkeit gibt auf der Welt?
ii)
Beinahe verpasst Angelina das Ende ihres Vorlesungstages. Sie hat keine Ahnung, wie sie es geschafft hat, von Hörsaal zu Hörsaal zu wandern ohne es zu bemerken, und dabei jedes Mal im richtigen zu landen – oder zumindest glaubt sie, dass sie nie falsch war. Sie vermutet, dass es Duncan war, der sie immer leicht gelenkt hat, denn er sitzt schon die dritte Vorlesung in Folge neben ihr.
Sie muss dringend an ihren Schauspielerkünsten üben, denkt sie flüchtig, wenn ihr nicht einmal ein Kommilitone glaubt, dass sie einfach nur schlecht geschlafen hat. Angelina will nicht, dass man ihr ansieht, wie furchtbar es ihr tief innen drin geht. Das geht niemanden etwas an.
Sie schlägt ruckartig ihren Notizblock zu und lässt ihn zurück in ihre Tasche gleiten. „Hast du Lust, noch irgendwo einen Kaffee trinken zu gehen?", fragt Duncan, während sie in ihren warmen Mantel schlüpft und sich ihren meterlangen Schal um den Hals schlingt. Er hat ein nettes, warmes Lächeln und Angelina ist sich sicher, dass er es nur gut meint, und ja, eigentlich würde sie gerade ziemlich viel für einen heißen, starken, süßen Kaffee geben, aber sie schüttelt den Kopf und lehnt höflich ab.
„Okay", Duncan zuckt die Achseln und zwinkert ihr aufmunternd zu, „Dann mach's mal gut. Bis Montag!" Angelina nickt und schaut ihm kurz hinterher, ihr „Ja... bis dann!" kommt Jahre zu spät, weil ihre Gedanken sich wieder einmal nicht im Hier und Jetzt befinden.
In ihrem Kopf geht ein frecher Rothaariger spazieren, mit breiten Schultern und Sommersprossen auf den Wangen und diesem unwiderstehlichen Grinsen im Gesicht. „Fred...", wispert sie und krallt sich an ihrer Tasche fest, während sie hilflos zuschaut, wie die Erinnerung verblasst.
Als Angelina die Uni verlässt, regnet es und dicke, kalte Tropfen fallen auf ihre Haare und erinnern sie daran, welche Welt die wirkliche ist.
Daheim wartet ihre kleine Wohnung auf sie, mit Wänden voller Hogwartsbilder, aber auch mit ausgedrehten Heizungen und Angelina hat keine Lust auf die kalten Räume. Sie will jedoch nicht schon wieder Alicia belästigen und langsam wird das Bedürfnis nach einem Kaffee übermächtig.
Winkelgasse, denkt Angelina verschwommen, und eilt durch Muggellondon hindurch zum Tropfenden Kessel, innerlich wieder einmal verfluchend, dass man von der Magischen Universität nicht direkt in die Winkelgasse kommt, wegen irgendwelcher bürokratischen Regelungen.
„Tag, Miss Johnson", grüßt sie Tom, der Wirt, und Angelina hat ein freundliches Lächeln für ihn übrig. Er gehört zu denen, die sie nicht ständig mit diesem Blick bedenken, als hätten sie Angst, dass sich Angelina gleich in Luft auflösen würde vor lauter Gram. Sie mag ihn und sie mag den Tropfenden Kessel, also lächelt sie, ganz egal, wie anstrengend es manchmal ist.
Angelina tippt die Steine der Mauer mit ihrem Zauberstab an und schaut zu, wie sich vor ihren Augen langsam die glitzernde Pracht der Winkelgasse auftut. Sie liebt die vielen, bunten Läden und die Geschäftigkeit, die hier stets herrscht, das fröhliche, chaotische Treiben, in dem man sich so gut verlieren kann.
Sie lässt sich vom Strom der Menschen in Richtung des Scherzartikelladens tragen, noch ehe sie weiß, wie ihr geschieht. Eigentlich wollte ich doch... denkt sie und hat eine Tasse Kaffee vor Augen, aber wenn sie schonmal da ist, kann sie auch reingehen und George die Meinung sagen, beschließt sie und strafft ihre Schultern.
Die Ladenglocke bimmelt leise, als Angelina die Tür öffnet und hineintritt, sich wie am Tag zuvor an den Familien vorbeiquetscht, die die Scherzartikel aus großen, ungläubigen Augen begutachten, Kinder wie Eltern.
George steht an der Kasse und sie kann an seinem Blick erkennen, dass er sie erspäht hat, während sie sich zu ihm durchkämpft. „Du bist ja schon wieder da", stellt er statt einer Begrüßung argwöhnisch fest und sieht sie misstrauisch an. Er hat den Kopf schief gelegt, die Augen zusammengekniffen und beinahe tut es Angelina körperlich weh, die Abwesenheit von Schalk in ihnen zu bemerken.
„Ja", antwortet Angelina ein bisschen atemlos und fühlt sich merkwürdig ertappt, obwohl sie doch gar nicht vorgehabt hat, hierherzukommen, „Entschuldige bitte. Wenn du möchtest, gehe ich gleich wieder. Ich weiß selbst nicht, warum ich überhaupt reingegangen bin."
Halb erwartet sie, dass er sie rauswirft und ihr die Tür weist, und so begutachtet sie ihre Schuhspitzen, um ihm nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Er ist ein paar Sekunden lang still, dann -
„Kann ja schlecht irgendwem verbieten, in den Laden zu kommen", brummt er und es klingt nicht gar so boshaft und ablehnend wie bei ihrem vorherigen Besuch, wie sie erstaunt feststellt. Angelina schaut überrascht auf und betrachtet sein Gesicht, das dem von Fred so ähnlich ist und das sie dennoch im Laufe unzähliger Jahre zu unterscheiden gelernt hat.
Nicht, dass sie ihre Tricks und Kniffe jetzt noch bräuchte, natürlich. Georges Ohr verrät ihn sowieso und Fred ist fort, wie sollte sie sie da noch verwechseln können?
„Möchtest du etwas kaufen", zerreißt Georges Stimme die Stille zwischen ihnen, „Oder bist du hier, weil du meine angenehme Gesellschaft suchst?" Er klingt zynisch und alt und Angelina ist sich sicher, hätte Alicia das gehört, sie hätte ihm ins Gesicht geschlagen, fest und verzweifelt.
Vielleicht hätte es sogar etwas genützt. Vielleicht hätte es ihm seine Ich-gegen-die-ganze-Welt-Haltung ausgetrieben.
Aber Alicia ist nicht hier. Angelina weiß, dass Alicia George nicht mehr gesehen hat, seit jenem Tag in der Großen Halle, an dem Angelinas Welt in Flammen aufgegangen ist. Alicia hat sich nicht getraut, zu George zu gehen, weil sie nicht sicher war, ob sie erwünscht wäre, und Angelina kann die Furcht verstehen. Es sieht für sie nicht aus, als wollte George irgendwen um sich herum haben.
Trotzdem gibt sie sich einen Ruck. Mehr als Nein sagen kann er nicht, redet sie sich fieberhaft ein. „Ich dachte, vielleicht möchtest du mal einen Kaffee mit mir trinken gehen?", schlägt sie vor und spricht dann eilig weiter, „Oder einen Tee, heiße Schokolade, irgendwas... Wir könnten uns in ein Café setzen und – reden." Das letzte Wort misslingt ihr, sie murmelt es nur noch und wappnet sich innerlich für den Großangriff, den George sicherlich gleich starten wird, um ihr mitzuteilen, dass sie sich zum Teufel scheren soll.
Stattdessen sieht er sie an, sieht sie einfach nur an und sein Blick ist ein Meer aus Verzweiflung. Seine schokoladenbraunen Sommersprossen heben sich dunkel ab von seinen Wangen, so blass ist er geworden, und er schüttelt den Kopf, schluckt schwer.
„Nein, Lina...", meint er und spielt mit einem Quittungsblock herum, der vor ihm liegt und ihm unter die Finger geraten ist, „Nein, tut mir Leid, nicht jetzt, nicht..." Angelina wartet nicht ab, um sich seine weiteren Ausflüchte anzuhören. „Warum nicht?", faucht sie und unterbricht ihn scharf, sie hat genug von Ausreden, jetzt ist Zeit für Wahrheiten, „Ich hätte ausgerechnet dich niemals für einen Feigling gehalten. Also warum läufst du davon, George?"
Sie kann spüren, wie tief ihn das getroffen hat. Er ballt seine Hand zur Faust, so hart, dass die Fingerknochen weiß hervorstehen, und schaut sie zornig an. „Ich bin nicht feige", presst er mühsam hervor, dreht den Kopf und präsentiert ihr das, was ehemals sein eines Ohr gewesen ist. „Ich bin nicht feige", wiederholt er lauter und es scheint ihm egal zu sein, oder vielleicht fällt es ihm auch gar nicht auf, dass drüben bei den Regalen ein paar kleine Mädchen stehen und ihn angsterfüllt anstarren.
„George", sagt Angelina leise, warnend, und dreht kurz ihren Kopf in Richtung der Mädchen, die wirken, als würden sie jeden Augenblick in Tränen ausbrechen. Als sich George umschaut, ist Angelina überrascht von dem Effekt, den die Mädchen auf ihn haben.
George sackt in sich zusammen, dreht sich weg und entschuldigt sich, tausend und ein Mal.
Angelina wünscht sich nun wirklich, dass Alicia hier wäre. Sie wüsste, was zu tun ist, denkt Angelina verschwommen und dann geht sie, weil sie George ja doch nicht helfen kann, weil sie nicht einmal sich selbst helfen kann.
iii)
Die Glocke bimmelt ihr fröhliches Lied zum tausendsten Mal, bevor George die Tür hinter den letzten Kunden schließt und den magischen Rollladen herunterzieht, der so verzaubert ist, dass er in kleinen Filmstreifen zeigt, was einige der harmlos wirkenden Scherzartikel anrichten können. Es ist Freds Idee gewesen und George hat sie verwirklicht und längst gemerkt, wie gerne die kleinen Hexen und Zauberer draußen vor der Tür stehen und zuschauen.
„Feierabend", murmelt George erleichtert und lehnt sich mit dem Rücken gegen die Glasscheibe. Er seufzt leise auf, wieder einen Arbeitstag überstanden, wieder Nettigkeiten von sich gegeben und die Kunden amüsiert und sich so verhalten, wie es von ihm erwartet wird, von ihm, dem geborenen Scherzkeks, der immer und überall gute Laune versprühen muss.
Merlin, wie er es manchmal hasst.
Trotzdem ist ihm ganz anders zumute geworden, als Angelina ihm gezeigt hat, dass er diesen kleinen Mädchen Angst eingejagt hat. George mag ein schlechterer Mensch geworden sein, da ist er sich eigentlich fast sicher, doch zu den Kindern ist er gut und er findet es einfach, in ihrer Gegenwart fröhlich zu sein. Sie stellen ihm keine Fragen und für sie ist er ihr Scherzartikelheld. George liebt sie, weil sie ihn lieben, und weil es leicht ist.
(George liebt seine Familie, weil sie ihn lieben, aber er verletzt sie auch, weil er weiß, dass er es kann und dass sie es ihm verzeihen.)
Dennoch strengt es an, sechs Tage die Woche hinter der Kasse zu stehen, zu lächeln und nie schlechte Laune zu haben, zumindest nicht sichtbar. George trägt seine Gefühle hinter einer Maske herum. Er bräuchte Urlaub, Urlaub vom Leben, aber das kann er sich nicht leisten, dazu läuft das Geschäft viel zu gut, und außerdem ist ihm außer Arbeiten nicht viel übriggeblieben von seinem ehemaligen Alltag.
George macht seinen abendlichen Rundgang durch den Laden, rückt umgefallene Produkte zurecht und sorgt dafür, dass alles für den nächsten Morgen vorbereitet ist. Hinterher zählt er seine Tageseinnahmen, legt genügend Wechselgeld zurück in die altmodische, magische Kasse und verschließt die Einnahmen in einem blauen Samtbeutel, in dem er sein Geld immer sammelt, bis eine Woche vorüber ist und er zu Gringotts marschiert.
Er hat noch genügend Galleonen in seinem eigenen Beutel, der mit Flicken übersät ist, und kurz überlegt er, dass er und Fred es tatsächlich geschafft haben: sie haben ihren eigenen Laden, ihre eigene Produktionsreihe und scheffeln das ganz große Vermögen. Mit nur einer Abweichung zu ihren Plänen: Fred ist tot.
George löscht mit einem Schlenker seines Zauberstabs das Licht, huscht zur Hintertür hinaus und legt seine üblichen Sicherungszauber auf den Türknauf. Er lebt nicht mehr in ihrer kleinen Wohnung oben im 1. Stock, seitdem er alleine dort ist. George verträgt Einsamkeit schlecht und überhaupt haben seine Eltern vorgeschlagen, dass er wieder bei ihnen einziehen soll. Er vermutet, dass sie sich Sorgen machen, er würde nichts essen, wenn sich niemand um ihn kümmert. Im Fuchsbau kann immer jemand ein Auge auf ihn haben. Ihm ist es egal.
Viel ist nicht übriggeblieben von den Vergnügungen, die George einmal Freude bereitet haben. Er fühlt sich, als hätte jemand einen schweren, blickdichten Schleier über sein Leben gelegt und alles verändert. Trotzdem freut er sich auch jetzt wieder, als er langsam in die mittlerweile beinahe unbelebte Winkelgasse biegt. Er genießt das Gefühl, die Straße fast für sich alleine zu haben, während die letzten Strahlen der Abendsonne die Kupferregenrinnen der Häuser vergolden.
Normalerweise zieht George dieses Gefühl ganz tief in sich ein, läuft langsam zum Tropfenden Kessel und verdrängt den sonst so übermächtigen Schmerz, aber an diesem Abend ist sein Schritt schnell und bestimmt, weil er vor Ladenschluss noch zum Hexenkessel muss, dem „Magischen Teeladen für Jedermanns Geschmack".
In der Ladentür stößt er mit jemandem zusammen und setzt bereits zu einer Schimpftirade an, als er hinter dem erschrockenen Blick die blitzenden Augen erkennt und im nächsten Moment wispert Alicia „Merlin, George... George, George, George".
Es kommt ihm seltsam unwirklich vor, dass sie tatsächlich vor ihm steht und während er noch überlegt, was er am besten sagen könnte, hat sie ihm bereits die Arme um den Hals geschlungen, impulsiv wie eh und je, und er kann ihren warmen Busen an seinem Körper spüren und es fühlt sich so echt und gut an, dass ihm beinahe schwindlig wird vor unerwartetem Glück.
Er schließt die Augen und vergräbt die Nase in ihrem langen, weichen Haar, das nach Schokolade und Zimt duftet und ihn an Hogwarts erinnert, an Sonntagmorgen, die er in Alicias Bett verbracht und darauf gewartet hat, dass sie aus der Dusche zurückkam, nur mit einem blütenweißen Handtuch und langen, nassen Haaren, die nach ihrem Shampoo rochen und ihn berauschten.
Sie sind lange her, diese Morgen. Sie gehören in ein anderes Leben.
„Was machst du hier?", lacht Alicia und löst sich vorsichtig aus der Umarmung. George zuckt die Achseln und erklärt, „Ich muss Tee kaufen.". Er hatte das dringende Bedürfnis, seiner Mutter, seiner Mum, etwas mitzubringen, das Entschuldige bitte und Ich liebe dich und tausend andere Dinge zugleich sagt, die er selbst nicht auszusprechen fähig ist. In all seinem Weltschmerz hat er immerhin noch ein kleines bisschen Gespür dafür, wenn er absoluten Mist gebaut hat und das gibt ihm Hoffnung, dass alles irgendwann vielleicht einmal wieder besser werden kann.
Alicia zieht ihn in den Laden hinein, erzählt, dass sie keinen Tröstetee mehr hatte und gerade neuen besorgt hat und hilft ihm beim Aussuchen. Er weiß nicht, wie es dazu kommt, aber er greift nach ihrer Hand und lässt sie die ganze Zeit über nicht los.
„Wie geht's dir? Geht's dir gut? Natürlich geht's dir nicht gut...", plappert Alicia, sie ist nervös, er kennt das von ihr, aber er lächelt trotzdem wie ein Verrückter, weil er einfach nicht anders kann, weil es so schön ist, Alicias Stimme zu hören, die über seine Seele streichelt und tröpfelt wie warmer, goldgelber Honig.
Als sie fertig sind mit Aussuchen und Bezahlen, küsst ihn Alicia scheu in den Mundwinkel und wispert ihm ein fragendes „Bis bald" zu. Er nickt und steht still, während er ihr endlos lange nachschaut, wie sie die Winkelgasse entlangläuft.
