Vom Brauchen und Gebrauchtwerden

Teil Drei

i)

Oliver hat sich, nach zehnminütigem Dauerlauf, in einen kleinen Buchladen geflüchtet und versteckt sich hinter in einem vollgestopften Regal, während er durch eine Ritze zwischen zwei Buchreihen angestrengt aus dem Fenster starrt und versucht zu erkennen, ob die wildgewordene Fangruppe, bestehend aus vier nun wirklich sehr anhänglichen Mädchen, seine Spur verloren hat.

Er weiß nicht, wie sie es geschafft haben, aber er vermutet, dass sie sich an seine Fersen geheftet haben, als er aus dem Tropfenden Kessel kam. Jedenfalls ist er sie hinterher nicht mehr losgeworden und sie sind ihm in sämtliche Läden gefolgt, bis ihm der Geduldsfaden gerissen ist. Es ist immerhin nicht gerade einfach, in Ruhe einkaufen zu gehen, wenn vier Teenager die ganze Zeit mit hohen Stimmen „Da drüben ist Oliver Wood!" kreischen, findet er.

Manchmal wünscht er sich, er wäre ein Jahr länger Reservespieler gewesen, dann müsste er sich jetzt nicht mit der plötzlichen Aufmerksamkeit der Presse herumärgern und arrangieren. Berühmtheit steht ihm nicht, findet er. Er will doch nur Quidditch spielen. Und überhaupt sollte man meinen, dass es so kurz nach dem Krieg Wichtigeres gäbe.

Jedenfalls sieht es beinahe aus, als hätte er seine Fans abgehängt. Glück gehabt. Nun kann er sich vielleicht endlich darauf konzentrieren, in was für einen Laden er sich da eigentlich gerettet hat.

„Liegen Sie gut da unten?", erkundigt sich plötzlich eine amüsierte Stimme und Oliver reißt erschreckt den Kopf nach oben, nur, um direkt in ein bekanntes Gesicht zu blicken. „Katie Bell" sagt er überrascht und seine ehemalige Jägerin schaut ihm nicht minder verwundert entgegen. „Käpt'n", grinst sie dann frech und reicht ihm eine Hand entgegen, damit er sich aufrichten kann.

„Wo kommst du denn her?", will er wissen, während er sich hochhangelt und sich Staub von der Hose klopft. Er hat doch sogar extra auf Roben verzichtet, um möglichst unerkannt zu bleiben. Hat wohl nichts geholfen, wie er feststellen musste.

Katie verzieht lachend das Gesicht und stemmt beide Hände in die Hüften. „Charment wie eh und je", stellt sie fest und Oliver verdreht die Augen. Dass er aber auch immer falsch verstanden wird. „Sorry", entschuldigt er sich und wirft erneut einen Blick aus dem Schaufenster, nur zur Sicherheit, „Ich hatte gerade mit einem kleinen Fanansturm zu kämpfen", erklärt er, „Natürlich freue ich mich sehr, dich zu sehen. Ich hab' nur nicht damit gerechnet."

„Schon klar", erwidert Katie und schaut ihn gespielt verletzt an, sodass auch Oliver endlich klar wird, dass sie sich gerade mächtig einen Scherz mit ihm erlaubt. „Biest", meint er nur, „Wäre ich noch dein Quidditchkäpt'n, ich würde dich jetzt Strafrunden rennen lassen."

„Weiß ich", lacht sie vergnügt und Oliver denkt, dass sie erstaunlich gut aussieht, heil, unzerbrochen vom Krieg. Er hat sie kurz gesehen, beim Kampf in Hogwarts, aber nicht davor und auch nicht danach, und er ist erleichtert, dass sie den Krieg offensichtlich ohne größeren, ernsten Schaden überstanden hat. Oder vielleicht trägt sie es auch einfach nicht zur Schau.

„Wo sind wir hier eigentlich?", fragt er und schaut sich neugierig um, während ihm Katie belustigt Staub von den Schultern fegt. Sie macht ein entsetztes Gesicht, schüttelt fassungslos den Kopf und erklärt ihm in belehrendem Ton „Wir sind in Snitch und Co, einem Bücherladen, der sich auf Quidditchliteratur spezialisiert. Ehrlich, Käpt'n, ich bin enttäuscht von dir. Ich dachte, jeder Quidditchenthusiast wüsste von diesem Laden. Und ausgerechnet du überzeugst mich vom Gegenteil."

„Oh", macht Oliver ein wenig peinlich berührt. „Naja, ich hatte es noch nie so mit Büchern", redet er sich lahm heraus und fühlt, wie er heiße, rote Ohren bekommt, wie so oft, wenn er in Verlegenheit gerät. Und von einer seiner ehemaligen Jägerinnen dabei erwischt zu werden, dass er den Quidditchbuchladen nicht kennt – tja, das würde er glatt unter Peinliches Erlebnis verbuchen.

„Tss", spitzt Katie ihre Lippen und zwinkert ihm spitzbübisch zu, „Ich weiß ja, der große Oliver Wood braucht keine Expertenmeinungen, der schafft sich seine Spielzüge selbst. Und vermutlich hast du sämtliche Quidditchmagazine abonniert, die es auf dem Markt gibt. Aber solltest du jemals etwas über die Geschichte von Quidditch nachlesen wollen, dann bist du hier richtig."

Sie deutet auf das Regal, hinter dem er sich versteckt hat, und Oliver fallen ein paar Buchtitel ins Auge, Biographien verschiedener Spieler und Schiedsrichter, aber auch Quidditch – Ohne komplexe Magie fliegt gar nichts versteckt sich zwischen den Büchern, zusammen mit anderen Bänden, die offensichtlich die schwierige Magie erklären, mit denen Quidditchbälle verzaubert und hergestellt werden.

„Wow", Oliver ist gegen seinen Willen beeindruckt und Katie grinst, ihr Ich-hab's-dir-doch-gesagt-Grinsen, das er so gut kennt nach all den Jahren, „Woher weißt du denn von dem Laden?"

Sie zuckt mit den Achseln. „Eine Kollegin hat mir von ihm erzählt. Ich bin mal vorbeigekommen, hab' mich ein bisschen mit dem Besitzer unterhalten und seitdem helfe ich Sonntags ein wenig aus, wenn ich Zeit habe. Heute habe ich nur eine Büchersendung vorbeigebracht, die versehentlich zu mir nach Hause kam", erklärt sie und Oliver nickt, während ihm auffällt, dass er keine Ahnung hat, was Katie beruflich tut.

„Deine Kollegin, aha...", wiederholt er und fährt mit dem Zeigefinger über den Rücken eines alten, staubigen Buches, „Was arbeitest du denn eigentlich?", erkundigt er sich so unauffällig wie möglich. Er ist nicht gerne neugierig, aber es interessiert ihn wirklich, was aus der kleinen Katie Bell geworden ist, die gar nicht mehr so klein aussieht, wie sie da vor ihm steht, mit blitzenden grauen Augen und zusammengebundenen, dunkelblonden Haaren, in Jeans und rotem Pulli. Immer wieder erstaunlich, findet er, wie sehr einen Schuluniformen verändern.

Katies Blick verrät ihm, dass sie seine kleine Finte sofort durchschaut hat. Sie bricht in Gelächter aus und zwinkert ihm zu. „Neugierig, was?", neckt sie ihn und er versucht, so gelassen wie möglich auszusehen und ein abwertendes „Achwas..." zu murmeln.

Dann erlöst ihn Katie netterweise. „Ich bin bei den Holyhead Harpies", berichtet sie und reckt selbstbewusst das Kinn, er kann den Stolz in ihrer Stimme hören, „Reservespielerin, aber was soll's. Das Training ist klasse und die Mannschaft phantastisch. Mir gefällt's und ich lerne mehr, als ich je zu träumen gewagt hätte. Nicht persönlich nehmen, Käpt'n", fügt sie rasch hinzu.

„Herzlichen Glückwunsch", sagt Oliver anerkennend und denkt, sieh mal an, die kleine Bell wird Profispielerin, wer hätte das gedacht. Ihn jedenfalls überrascht es, ein wenig nur, weil er immer gedacht hat, dass von seinen Jägerinnen Angelina die Profikarriere anpeilen würde, aber sie hat es nicht getan. Oliver hat sie lange nicht gesehen, doch er vermutet, dass sie nach Freds Tod nicht mehr die Kraft gehabt hat, ganz im Gegensatz zu Katie offenbar.

„Hör mal", sagt die nun und schielt auf die Uhr, die an ihrem Handgelenk schimmert, „Ich bin mit den Mädels zum Frühstück verabredet und sowieso schon spät dran... War schön, dich getroffen zu haben, Käpt'n. Schick' mir mal eine Eule, ja? Dann können wir Trainingsgeheimnisse austauschen." Sie grinst frech und Oliver lacht und nickt.

„Okay", stimmt er zu, „Grüß' mir den Rest. Und jetzt hau' ab, damit ich mir in Ruhe diesen Buchladen anschauen kann." Sie zwinkert ihm zu und ist im nächsten Moment durch die Ladentür verschwunden. Oliver greift sich Berühmte Hüter – Ein Leben für drei Ringe aus dem Regal und überlegt, was er wohl für eine Ausrede finden könnte, um sein gesamtes ehemaliges Team mal zum Essen zu treffen.

ii)

Katies Grinsen ist immer noch auf ihrem Gesicht, als sie in den Tropfenden Kessel einbiegt und sich apparationsfertig macht. Den alten Oliver Wood zu treffen ist ein Vergnügen gewesen, mit dem sie nicht gerechnet hatte und es hat Spaß gemacht, ihn aufzuziehen. Ungeheuren Spaß sogar. Sie kichert, als sie daran denkt, wie ihm beinahe die Kinnlade runtergefallen ist und er versucht hat, Haltung zu bewahren, als sie erzählt hat, dass sie bei den Harpies Reservespielerin ist.

Damit hast du wohl nicht gerechnet, Käpt'n, überlegt sie mit beinahe kindlicher Freude. Sie ist gewöhnt an die Reaktion, die meisten ihrer Freunde und Verwandte haben ähnlich ausgesehen, als sie davon erfahren haben. Katie ist es egal, sie hatte nicht geplant, professionell Quidditch spielen zu gehen, es hat sich einfach so ergeben. Da war diese kleine Anzeige im Tagespropheten gewesen, dass die Harpies neue Reservespieler suchten, sie hatte sich einfach mal gemeldet und gedacht, naja, verlieren kannst du nichts.

Und dann, beim Testflug und Testspiel, war alles perfekt gelaufen. Katie war geflogen wie noch niemals zuvor in ihrem Leben, plötzlich hatte sie gewusst, dass sie es konnte und vor allem dass sie es wollte, und als sie ihr einen Posten angeboten hatten, hatte sie strahlend Ja gesagt. Nun ist sie seit fünf Monaten bei den Harpies angestellt, und die neue Saison hat eben erst begonnen. Das Training ist hart und anstrengend und jeden einzelnen Abend tun ihr sämtliche Muskeln weh, die sie besitzt, aber es macht sie glücklich.

Ihr gefällt das Liga-Leben. Jedes Wochenende ein Spiel, mal Samstags, mal Sonntags. Jede Woche ein neues Stadion, eine andere gegnerische Mannschaft, eine andere Taktik, andere Gegenspieler, andere Atmosphären. Jede Woche jubelnde Fans und Adrenalinschübe und Pressekonferenzen. Jeden Tag Taktikbesprechungen und Training und niemals eine ruhige Minute.

(Niemals Zeit, ordentlich über die Schrecken des Krieges nachzudenken.)

Katie liebt es.

Aber gerade im Moment ist sie spät dran und hat keine Zeit, in Quidditchgedanken zu schwelgen. Lieber sollte sie sich sputen und nach Hogsmeade apparieren, bevor ihre Freundinnen auf die Idee kommen, einen Suchtrupp loszuschicken.

Sie schließt die Augen, konzentriert sich und im nächsten Augenblick steht sie vor den Drei Besen. Katie wirft einen Blick auf ihre Uhr, murmelt „Geschafft..." und stürmt zur Tür herein. Hinten in der Ecke, an ihrem runden Stammtisch, sitzen schon Alicia und Angelina und Katie strahlt, als sie auf ihre beiden besten Freundinnen zugeht.

„Morgen", grinst sie und lässt sich auf den freien Stuhl plumpsen, während sie ihre Handschuhe von den Finger pflückt und sich aus ihrer Jacke schält, „Tut mir Leid, dass ich so spät dran bin...", entschuldigt sie sich und versucht, ihr Erschrecken zu verbergen, als sie Angelinas rotgeränderte Augen bemerkt.

„Macht doch nichts", erwidert Alicia unbeschwert, während ihr warnender Blick Katie zu verstehen gibt, ja keine Bemerkung zu machen. Katie blinzelt zurück, ein Hab's verstanden an Alicia, sie lächelt in die Runde und meint „Mensch, ich hab' einen Mordshunger... Habt ihr schon bestellt?"

Sie kann Alicia ansehen, wie dankbar sie dafür ist, dass Katie nun da ist, mit ihrer frischen Fröhlichkeit und der unkomplizierten Art. Katie weiß, wie sie rüberkommt und dass es genau das ist, was Angelina braucht (und Alicia auch, denkt sie im Geheimen) – Ablenkung.

„Wir dachten, wir warten auf dich, der Höflichkeit halber", antwortet Angelina und Katie schenkt ihr ihr schönstes Lächeln. Sie ist erleichtert, dass Angelinas Stimme zumindest sich anhört wie immer. Kein Zittern, nicht diesmal. Wer weiß schon, wie das nächste Frühstückstreffen wird, aber darüber kann sich Katie beim nächsten Mal den Kopf zerbrechen.

„Ihr seid Engel", seufzt Katie theatralisch auf und bringt ihre Freundinnen zum Lachen, was wiederum ihr Herz zum Stolpern bringt. Jedes Lächeln auf Alicias und Angelinas Gesichtern ist wie eine Belohnung für Katie. Sie weiß, wie sehr Lina leidet, und sie weiß, dass sich Alicia um sie kümmert, mehr als eigentlich gut für sie ist, doch sonst ist niemand da und Katie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie kaum noch in der Gegend ist und helfen kann, wenn Not am Mann ist. Also tut sie, was sie kann, und reißt Witze.

„Na, meine Herzchen, was darf ich euch bringen?", erkundigt sich plötzlich Madam Rosmerta und zuckt nicht im Geringsten mit der Wimper, als Katie Frühstück für ungefähr zehn Mann bestellt, inklusive warmer Croissants, Toast, Würstchen, Eiern, gebratener Bohnen und Pfannkuchen mit Blaubeermarmelade.

Während Alicia noch den Kopf darüber schüttelt, wo Katie den ganzen Hunger hernimmt, kann Katie schon gar nicht mehr an sich halten und prustet los, so heftig, dass die Tasse in ihrer Hand wackelt und heißer Kakao über ihre Finger rinnt. „Ich hatte ganz vergessen, wie es ist, von Madam Rosmerta Herzchen genannt zu werden", stößt sie schwer atmend hervor und bekommt zusätzlich zu ihrem Lachkrampf noch Schluckauf.

Angelina und Alicia sehen sich einen Moment lang irritiert an, dann greift das Kichern um sich und sie ernten verwunderte Blicke von den wenigen anderen Gästen, die es sich in den Drei Besen gemütlich gemacht haben. Es sind ein paar ältere Hogwartsschüler darunter, sie stecken die Köpfe zusammen und tuscheln, aber sie werfen freundliche Blicke zu ihnen rüber und Katie prostet ihnen mit ihrer verschmierten Kakaotasse zu.

„Du bist so ein...", beginnt Alicia gespielt vorwurfsvoll, während sie sich Lachtränen aus den Augen streicht. „Alberner Kindskopf?", schlägt Katie begeistert vor und sieht ihre Freundin zuckersüß lächelnd an, „Oh, bitte, bitte, sag' ja, Lish!", woraufhin Angelina einen erneuten Lachanfall erleidet und Alicias Mundwinkel zucken nervös, als sie gehorsam „Alberner Kindskopf, jawohl!" wiederholt und dabei mit ernster Miene nickt.

Mitten im Kicherfest erreicht das Essen und Katie starrt verzückt die Köstlichkeiten auf den ganzen Tellern an. „Tausend Dank", strahlt sie Madam Rosmerta an, die gar nicht recht weiß, wie ihr geschieht, und nur „Schon gut, esst ihr mal, ihr braucht's, dünn wie ihr seid..." murmelt.

„Haut rein, Mädels", grinst Katie und greift sich einen gerollten, mit Blaubeermarmelade gefüllten Pfannkuchen. Sie beißt genießerisch hinein, schließt die Augen und verkündet mit vollem Mund, dass das das beste Frühstück ist, das sie in ihrem ganzen Leben hatte. Dann tropft Marmelade auf ihren Pulli und Angelina und Alicia brechen in hysterisches Gelächter aus, während Katie unbekümmert weiterfuttert.

„Ich möchte einen Toast ausbringen", verkündet sie mit wichtigem Gesicht, als ihre beiden Freundinnen langsam ihre Fassung wieder erlangen und ihr fragend entgegenschauen. Katie grinst spitzbübisch und hebt ihr angebissenes Toastbrot in die Höhe. „Auf uns", sagt sie schlicht, „Weil wir umwerfend sind."

Angelina und Alicia halten sich vor Lachen an der Tischplatte fest und Katie ist zufrieden. Solange ihre beiden besten Freundinnen ein bisschen Spaß haben und Abwechslung bekommen vom grauen, grauen Alltag, ist alles in Ordnung.

iii)

Samstag ist Weasley-Familientag. Schon immer gewesen und seit Kriegsende hat sich das noch ausgeweitet. Ron bringt Harry mit zum Großfrühstück, meistens schaut auch Hermione rein und ab und zu kann man sogar mit Charlie rechnen. Nur Ginny kann nicht weg aus Hogwarts (man stelle sich den Brief an Professor McGonagall vor, wie sie ihn mit gerunzelter Stirn und auf die Nasenspitze geschobener Brille liest und dann verkündet, dass Ginny nicht jeden Samstag zum Frühstück nach Hause kann) und Fred ist... fort.

Bisher hat George immer versucht, sich dem wöchentlichen Ereignis fernzuhalten, er ist frühmorgens zur Arbeit aufgebrochen, obwohl der Laden am Wochenende doch später öffnet als sonst, und hat in der Winkelgasse in einem der vielen Cafés gefrühstückt. Aber diesmal hat er etwas gut zu machen. Diesmal hat er den Tee für seine Mum in der Hosentasche und ein Entschuldigung auf der Zunge.

Zum ersten Mal seit Georgegedenken hat er sich an einem Samstag den Wecker gestellt, ist leise aufgestanden und hat sich angezogen, um hinterher nach unten in die Küche zu schleichen und den Tisch zu decken für die gesamte, große Familie. Er hat Wasser aufgesetzt für Tee und Kaffee und Pfannen bereitgestellt für Würstchen und Spiegeleier, aber ans Kochen wagt er sich nicht heran, das überlässt er lieber seiner Mutter mit ihrem Gedächtnis für tausend Haushaltssprüche.

George zieht das zerknautschte Teepäckchen aus seiner Hosentasche und sucht, so leise er nur kann, nach der kleinsten Teekanne des Hauses. Ihm fallen ein, zwei Töpfe runter und er glaubt, oben im ersten Stock ein verräterisches Rascheln gehört zu haben, doch immerhin, er hat die Teekanne gefunden und gibt nun langsam ein paar Löffel des Tees in das dazugehörige Sieb.

Sein Nacken kribbelt, als er daran denkt, dass ihm Alicia dabei geholfen, den Tee auszusuchen. Er hat bestimmt an zwanzig verschiedenen Sorten geschnuppert, am Ende hat seine Nase gejuckt, aber es hat sich gelohnt, findet er. Der Tee, den er gekauft hat, heißt Morgendämmerung, er duftet nach Blumen und verspricht Vogelgesang und rosa Wolken.

Der Teekessel pfeift fröhlich und stößt eine weiße Dampfschicht aus. George beeilt sich, den Tee mit heißem Wasser zu übergießen, er stülpt den Deckel auf die Kanne und stellt sich vor, wie sich das Wasser langsam rot färbt. Es riecht nach Waldbeeren und reiner Luft. George wird ein bisschen schwindlig vom Zauber des Tees, den er nicht so wirklich verstanden hat.

„George?", macht es plötzlich verwirrt hinter ihm und er dreht sich ruckartig um. In der Küchentür steht seine Mutter, in dunkelblauen Pantoffeln und einem ebenfalls blauen Morgenmantel, mit noch vom Schlaf wirren Haaren und vom Kissen zerdrückten Wangen, doch für George hat sie nie liebenswerter ausgesehen als in diesem Moment.

„Warum bist du denn schon wach, Junge?", erkundigt sie sich und Besorgnis schwingt in ihrer Stimme mit, eine Besorgnis, die George, wie er findet, gar nicht verdient, „Ist etwas nicht in Ordnung? Geht's dir nicht gut?" Sie kommt langsam näher und sieht ihn forschend an, bis ein erleichtertes Lächeln über ihr Gesicht bricht, als er den Kopf schüttelt.

„Nein", antwortet er und versucht, seine Stimme so unzittrig wie möglich zu halten, „Alles okay. Ich... ich hab' dir gestern Tee besorgt und dachte, ich brüh' mal welchen auf...", erklärt er schnell und denkt, Merlin, was für eine bescheuerte Idee, ich bin doch nicht mehr sieben, wo man sich mit einem gemalten Bild entschuldigt.

George kriegt rote Wangen und starrt den Fußboden an und spricht hastig weiter, weil es das Einzige ist, was er sich in dieser Situation zu tun vorstellen kann. „Er heißt Morgendämmerung und die Verkäuferin hat gesagt, wenn man ihn trinkt, soll man sich in einen Sessel setzen und entspannen und er wäre das optimale Getränk, um den Tag zu beginnen, weil er einen ruhig und fröhlich stimmt und Mum, es tut mir Leid, dass ich vorgestern so furchtbar zu dir war, und ich muss jetzt zur Arbeit", sprudelt es aus ihm heraus.

Er quetscht sich an seiner Mutter vorbei zur Tür und die ganze Zeit über traut er sich nicht, den Blick zu heben und sie anzuschauen, weil er Angst hat vor dem, was er sehen wird.

„George." Als er an der Tür angelangt ist, hält ihn ihre Stimme zurück, aber er dreht sich nicht um. „Danke." Sie klingt ein bisschen traurig, findet er, und dann wendet er doch den Kopf und sieht ihr kleines Lächeln, das, das sich in den Mundwinkeln versteckt, jedoch den Weg in ihre Augen findet. Er weiß, es ist alles, was er erwarten kann, und er weiß, er wird es wieder tun, er wird sie wieder verletzen, ob er will oder nicht, aber zumindest für den Moment ist alles ein winziges bisschen besser als es war.

„Gern geschehen", antwortet er mit rauer Stimme und dann hetzt er aus dem Haus, um zu apparieren und dem Großfrühstück zu entfliehen, denn das kann er definitiv nicht über sich ergehen lassen.