Hallo,
ich hoffe, dass hier überhaupt noch jemand mitliest... Ich würde mich jedenfalls sehr freuen, auch über ein kleines Feedback, damit ich weiß, was gefällt und was nicht gefällt. Jetzt jedoch erstmal viel Spaß mit dem neuen Teil (dessen Ende sich vermutlich schwer an der Grenze zu Kitsch bewegt. Verzeiht.).
Maia
Vom Brauchen und Gebrauchtwerden
Teil Fünf
i)
Alicias Eule kam, während Lee dabei war, sich ein karges Abendessen zuzubereiten. Er war nicht gerade ein Gourmet, aber Eier mit Brot bekam er gerade noch hin und für einen Sonntagabend allein zu Hause genügte das vollkommen, fand er. Dann pochte es an seiner Küchenfensterscheibe, er reichte Alicias Eule gedankenverloren einen Keks und las die kurze Nachricht.
Lee-
George ist in St. Mungo's. Mach' dir keine Sorgen, er wird schon wieder. Scherzartikelunfall. Sag' Bescheid, wenn du vorbeikommen willst, ich organisiere was.
Alicia
„Warte kurz", murmelte Lee und die Eule putzte ausgiebig ihr Gefieder, während er fieberhaft nachdachte und eine Antwort kritzelte. „Kannst du das für mich zurückbringen?", bat er die Eule und band die Pergamentrolle an ihrem ausgestreckten Bein fest. „Vielen Dank!" Ein letztes Streicheln, bevor die Eule durch das offene Fenster verschwand und ihn mit seinem Abendbrot alleine ließ.
Nun ist es Morgen und Lee ist nervös. Nur wenige Stunden vorher hat der Plan perfekt ausgesehen: er würde vor dem ganzen öffentlichen Besucherstrom ins St. Mungo's huschen, dank Alicias ausgezeichneter Verbindungen in Georges Krankenzimmer gelangen und seit drei Monaten endlich wieder seinen besten Freund sprechen können, etwas, worauf er lange gewartet hatte.
Gestern Abend hat es fabelhaft geklungen, wie etwas, das überhaupt nicht schiefgehen kann. Im Moment ist sich Lee nicht mehr so sicher, ob das Ganze nicht ein riesengroßer Fehler ist und er lieber nicht hingehen sollte, aber er hat Alicia Bescheid gegeben und sie erwartet ihn. „Sei kein Feigling, Lee Jordan", feuert er sich selbst an und spült die aufkommende Angst mit heißem Milchkaffee hinunter, „Du schaffst das!".
Lee holt tief Luft, beseitigt die gröbsten Spuren seines Frühstücks und greift beherzt in die Dose mit Flohpuder, die direkt neben seinem Kamin steht. „St. Mungo's", erklärt er mit einer Stimme, die fester klingt, als er sich fühlt, und tritt in das Feuer aus grünen Flammen, das ihn direkt in die Eingangshalle des Krankenhauses befördert.
„Da bist du ja", ertönt Alicias Stimme an seinem linken Ohr, sie greift sich seinen Ellbogen und marschiert mit ihm verschiedene Flure entlang. Lee hat keine Ahnung, wie sie sich in diesem Labyrinth auskennt, geschweige denn, wie er hier jemals wieder alleine herausfinden soll.
„Hallo Schönste", begrüßt er Alicia betont gutgelaunt und schenkt ihr sein strahlendstes Lächeln. Sie sieht müde aus, findet er, sie arbeitet zuviel und die dunklen Schatten unter ihren Augen scheinen mattviolett. „Elender Charmeur", schimpft Alicia, doch sie erwidert das Lächeln. „Du hast eine halbe Stunde", schärft sie ihm ein, während sie Treppen nach oben hasten, „Danach ist die morgendliche Visite an der Reihe und wenn Heilerin Dowes dich vor der Besucherzeit bei ihrem explodierenden Patienten erwischt, kannst du mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass sie explodieren wird. Also leg's lieber nicht darauf an."
„Verstanden", nickt Lee und in seinem Magen knäult sich sein eben erst gegessenes Frühstück unangenehm zusammen. Alicia bleibt vor einer Tür stehen und schaut ihn kurz an. „Viel Glück", sagt sie leise und umarmt ihn für den Bruchteil einer Sekunde. Dann ist sie verschwunden und Lee ist alleine. „Oh Merlin", murmelt er und wischt sich die schweißnassen Hände an der Robe ab, „Worauf habe ich mich da nur eingelassen?"
Er atmet tief durch und klopft, lauscht, klopft noch einmal und beschließt, nicht länger auf eine Antwort zu warten. Stattdessen drückt er die Klinke nach unten, stiehlt sich in das abgedunkelte Zimmer hinein und marschiert langsam auf das Bett zu. George scheint zu schlafen und Lee lässt sich vorsichtig auf dem Sessel nieder, der neben dem Bett steht. Er nimmt sich Zeit, seinen besten Freund im Halbdunkel zu betrachten.
Mal ganz abgesehen davon, dass George am vorherigen Tag einen kleinen Unfall hatte, findet Lee, dass er sowieso nicht gut aussieht. Er ist blass, seine Haut ist beinahe durchscheinend unter all den Sommersprossen, und er wirkt, als hätte er Gewicht verloren. Nur die Haare sind rot und wild wie eh und je.
„Mum?", murmelt George plötzlich im Schlaf und Lee schreckt auf. „Nein", erwidert er unsicher, nicht ganz schlüssig darüber, ob er antworten soll, ob er überhaupt gehört wird, „Nein, George, ich bin's, Lee. Weißt du noch? Lee Jordan. Der verrückte Quidditchkommentator. Der, mit dem du zur Schule gegangen bist. Ich hab' deinen ersten Zaubertrank in die Luft gesprengt und die halbe Klasse in den Krankenflügel geschickt. Du fandest es irre komisch und Snape hat uns fünfzig Punkte abgezogen."
Lee steigert sich immer mehr hinein, er redet, ohne darüber nachzudenken, und dementsprechend erschrocken ist er, als George „Ich weiß, Lee. Ich bin nicht debil" erwidert, völlig aus dem Nichts heraus.
„George", macht Lee und seine Stimme ist vielleicht ein winziges bisschen quietschiger als sonst, nicht ganz das übliche, männliche Tief, „George, du bist ja wach, Kumpel! Phantastisch! Wie geht's dir?" Er lacht erleichtert auf und rutscht ungeduldig auf seinem Sessel hin und her.
„Prima", kommt die Antwort mit deutlich sarkastischem Unterton und dann öffnet George endlich die Augen und sieht Lee an, mit diesem irritierenden blauen Blick, der Lee an frühere Zeiten erinnert und der gleichzeitig vollkommen anders ist. „Was machst du hier?", erkundigt sich George und klingt nicht halb so erfreut über den Besuch, wie Lee es sich ausgemalt hat.
„Ich... ich dachte, ich schau mal vorbei", erwidert er unsicher, „Immerhin haben wir uns seit 'ner ganzen Weile nicht mehr gesehen. Ist doch normal, dass ich Sehnsucht nach meinem besten Freund habe, oder?" Er lacht und streckt eine Hand aus, um George auf die Schulter zu klopfen, aber überlegt es sich im letzten Moment anders und zieht die Hand zurück. Er traut sich nicht.
„Aha", gibt George zurück und schaut ihn weiterhin unverwandt an, „Naja, jetzt hast du mich ja gesehen, da kannst du wieder gehen, oder?"
Lee sitzt da wie erstarrt und ihm, dem mit der großen Klappe, fehlen für einen Moment die Worte. „Spinnst du?", bringt er schließlich hervor, etwas heftiger als beabsichtigt, „Denkst du, du kannst mich einfach rauswerfen, nachdem wir uns drei Monate nicht zu Gesicht bekommen haben? Merlin, George, ich verstehe ja, dass es dir alles andere als gut geht..."
„Achja?", unterbricht ihn George wütend und richtet sich in seinem Bett auf, drückt sich das Kissen im Rücken zurecht, „Ich bezweifle, dass du auch nur irgendwas verstehst, ehrlich gesagt."
Lee schüttelt fassungslos den Kopf. „Das meinst du nicht so", schießt er rundheraus zurück, „Ich kenne dich, George Weasley, ich weiß, wie laut du bellen kannst. Und tu nicht so, als wärst du der einzige Mensch auf der großen, weiten Welt, der vom Krieg Narben zurückbehalten hat. Hör' mir zu, verdammt!", faucht er, als George zu einer weiteren Unterbrechung ansetzt.
Und zu Lees großer Überraschung schließt er die geöffneten Lippen wieder.
„Glaubst du, dem Rest von uns ginge es nicht genauso hundeelend wie dir? Willst du mir allen Ernstes erzählen, dass du denkst, Angelina ginge es besser als dir, dass sie nicht genauso unter Freds Tod leidet wie du? Oder was ist mit deiner Mum? Vielleicht findest du, es ist der Gipfel von Schmerz, seinen Zwilling zu verlieren, doch hast du dich in deiner egozentrischen Weltansicht mal gefragt, wie es wohl sein mag, ein Kind begraben zu müssen?" Lee redet sich in Rage, er fühlt sich, als wäre das alles schon viel zu lange in ihm verschlossen gewesen und jetzt, in diesem Moment, muss es hinaus.
„Und erwartest du wirklich, dass sich deine Situation irgendwann einmal wieder bessern wird, wenn du dich tagein, tagaus in deinem Laden verkriechst und mit niemandem redest, dich mit niemandem triffst? Ist dir klar, wie viele Menschen du mit deinem Verhalten verletzt? Menschen, die dich lieben und denen du die Welt bedeutest. Hast du dich in den vergangenen Monaten auch nur einmal gefragt, wie sich Alicia dabei fühlen muss, dass du dich nicht meldest?"
Lee schnappt nach Luft, er bebt vor Zorn und Trauer und Anstrengung am ganzen Körper, und er fängt erst langsam an zu realisieren, was er George eben für Brocken an den Kopf geworfen hat. Er erwartet, dass sich George verteidigen wird, aber sein bester Freund schlägt eine andere Richtung ein.
„Wenn es Alicia so schlecht dabei geht, wieso ist sie nicht auf die Idee gekommen, sich mal bei mir zu melden?", faucht er zurück und krallt sich in seiner Bettdecke fest, „Vielleicht.... vielleicht hätte ich mich ja gefreut, ein bisschen Unterstützung zu bekommen von ihr. Vielleicht hätte ich jemanden gebraucht, der mich uneingeschränkt liebt, verdammt."
Lee lässt den Kopf hängen und denkt, dass er alles nur noch schlimmer gemacht hat, dass er Alicia in etwas hineingeritten hat, was sie nicht verdient. „George", sagt er, so langsam und ruhig wie nur möglich, „George, wir alle lieben dich. Du musst es nur zulassen."
Als er aufschaut, bemerkt er, dass sich George versteift hat. Lee fühlt sich, als würde er gleich anfangen zu heulen, weil alles so verflucht schiefläuft und nichts ist, wie es sein sollte.
„Ich geh' mal besser", erklärt er vorsichtig und steht auf, „Bevor wir beide noch mehr Dinge sagen, die uns hinterher Leid tun. Werd' schnell gesund, Kumpel."
Lee erhält keine Antwort und als er hinter sich die Tür schließt, starrt George noch immer feindselig zur Seite.
ii)
Katie ist vor ihm bei Madam Edwina's und schnappt sich einen der hübschen Ecktische mit integriertem Schachmuster und Blick auf die verschlungenen Seitenstraßen der Winkelgasse. Sie bestellt heiße Schokolade mit Kokosraspeln und Schlagsahne und vertreibt sich die nächsten zehn Minuten damit, den Kopf hinter der Speisekarte zu verstecken, die mit köstlichen Kuchen und Nachspeisen lockt.
„Sorry, dass ich so spät dran bin", entschuldigt sich Oliver, als er sich auf den Stuhl ihr gegenüber setzt, und Katie lässt die Karte sinken. „Heißer Apfelkuchen mit Vanillesauce oder Sticky Toffee Pudding?", erkundigt sie sich statt einer Begrüßung und erntet ein verwirrtes Gesicht. „Heißer Apfelkuchen oder Sticky Toffee Pudding?", wiederholt sie geduldig und wedelt mit der Speisekarte.
Noch bevor Oliver antworten kann, erscheint Madam Edwina, eine runzelige, ältere Hexe mit grauem Krausehaar und leuchtendroten Apfelbäckchen, an ihrem Tisch und stellt strahlend Katies Schokolade ab. „Heiße Schokolade mit Kokosraspeln und Schlagsahne", verkündet sie und zwinkert Katie zu, „Darf ich dir sonst noch etwas bringen, meine Liebe? Und vielleicht etwas für den Herrn?" Sie wendet sich an Oliver und der bestellt heißen Orangensaft und Zimtplätzchen, während sich Katie schweren Herzens für Sticky Toffee Pudding entscheidet.
„Hi, erstmal", grinst Katie frech, sobald Madam Edwina sie alleine gelassen hat. Sie fühlt sich komisch, weil sie nicht so recht einordnen kann, was das hier ist: ein Treffen zwischen alten Schulkameraden, eine Art verhindertes Date oder ein Austausch zwischen Quidditchkollegen. „Hi", lacht Oliver amüsiert und Katie denkt, dass er um einiges lockerer wirkt als bei ihrem Zusammenstoß am Samstag. Weniger gehetzt. So, als hätte er gerade eine heiße Dusche nach einem absolut mörderischen Training hinter sich.
Katie streckt ihre bejeansten Beine von sich und macht es sich auf ihrem Stuhl bequem. Sie streicht sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und stellt fest, „Das mit dem Treffen ging ja schneller als gedacht... Ich muss zugeben, deine Eule Samstag Nacht hat mich ziemlich überrascht." Oliver zuckt mit den Achseln. „Ich dachte, sonst vergesse ich es nur wieder", gibt er offen zu, „Und ich wollte nicht, dass du denkst, ich hätte nur leere Sprüche gemacht."
Katie sieht ihn verwirrt an. „Das würde ich doch nie denken", meint sie und rührt in ihrer heißen Schokolade, löffelt verlaufende Schlagsahne, „Ich kenn' ja schließlich meinen ehemaligen Käpt'n." Oliver lacht auf, aber Katie kann hören, dass es nicht so unbeschwer klingt wie er es gerne hätte. „Naja", antwortet er langsam, „Immerhin habe ich mich in den letzten paar Monaten nicht gerade regelmäßig gemeldet, oder?"
„Bitte sehr, heißen Orangensaft, Zimtplätzchen und den Sticky Toffee Pudding für die Dame", unterbricht sie Madam Edwina mit einem feinen Lächeln und stellt die Köstlichkeiten vor ihnen auf dem Tisch ab, bevor sie wieder verschwindet und die beiden in ihrer Ecke alleine lässt, ihrem Gespräch und ihren Erinnerungen überlassen.
„Danke", murmelt Katie abwesend und Oliver stürzt sich auf sein Getränk. Als er das dampfende Glas wieder absetzt, ist Katie bereit und durchbohrt ihn mit ihrem Blick. „Hör mal, Wood", fängt sie an und es klingt nach freundlichen, alten Zeiten, als sie seinen Nachnamen benutzt, „Falls du denkst, ich wäre irgendwie sauer auf dich oder so, dann liegst du falsch. Keiner von uns", betont sie, „macht dir auch nur die geringsten Vorwürfe, okay? Ich bin mir sicher, du hattest mit deinem eigenen Leben zu kämpfen."
Oliver zuckt die Achseln, erneut. „Klar hatte ich das", gibt er zu, „genauso wie ihr auch. Ich überlege nur, jetzt, wo es zu spät ist, ob es nicht einfacher gewesen wäre, wenn wir es zusammen versucht hätten. Einzelkämpfer haben es immer schwerer als ein Team." Er versucht gelassen zu klingen, reizt die Quidditchmetapher vielleicht ein winziges bisschen zu sehr aus und Katie denkt, Merlin, wie soll sie ihm bloß erklären, dass sie und die Anderen größtenteils weiterhin ein Team waren, ohne ihn dabei zu verletzen.
Schließlich lächelt sie und Oliver knabbert nervös an einem Plätzchen. Es schmeckt bittersüß und nach Weihnachten, nach langen Abenden in der warmen Küche seiner Großmutter, die ständig die neuen Rezepte ausprobieren musste, die sie von ihrer Schwägerin aus Deutschland geschickt bekam.
„Naja", meint Katie ungewöhnlich sanft und ihr rauchgrauer Blick streichelt Olivers zerknittertes Gewissen glatt, „jetzt hat der Käpt'n sein Team ja wiedergefunden, oder nicht? Also ist alles in Ordnung." Sie löffelt ein bisschen Toffee Pudding und trinkt Schokolade und denkt, dass sie gerade beinahe vergessen könnte, dass der Krieg ihre Welt in Stücke gerissen hat. Es fühlt sich gut und richtig an, hier zu sitzen, mit Oliver, dem Verrückten, dem absolut Verrückten, den sie vermisst hat, wenn sie ehrlich ist, weil es Menschen wie ihn nicht allzu oft gibt, wie sie findet.
„Glaubst du das?", erkundigt er sich, „Glaubst du tatsächlich, dass alles wieder in Ordnung kommen wird?" Es ist eine schwierige, harte Frage, die er da stellt. Katie sinkt das Herz und das heiße Glücksgefühl in ihrem Magen (oder war es doch nur die heiße Schokolade?) wird ein bisschen kleiner. Sie drückt sich noch immer gerne vor Erinnerungen und Vergangenheitsbewältigung hat sie ganz gewiss noch nicht betrieben. Kann es nicht, bisher. Mit wem auch? Mit Angelina vielleicht, die bei der bloßen Erwähnung in Tränen ausbricht? Oder doch mit Alicia, die sowieso schon zu viel arbeitet und zu wenig schläft und isst und sich überhaupt viel zu viel aufbürdet? Nein, danke. Das macht Katie lieber mit sich selbst aus.
„Ich weiß nicht", antwortet sie nach wenigen Sekunden zögernd und nachdenklich, „Ich glaube nicht, dass es jemals wieder so werden kann, wie es einmal gewesen ist. Kann es gar nicht, dazu ist zu vieles passiert, was wir nicht rückgängig machen können. Ich weiß nicht, wie die Welt jemals wieder in Ordnung kommen soll", gibt sie zu und hebt ein bisschen hilflos die Schultern. Sie ist jung, verdammt, sie kann nicht damit umgehen, dass einer ihrer besten Freunde gestorben ist, es macht sie krank und fertig, aber wenigstens kann sie sich ablenken, Quidditch ist ideal dafür und vielleicht hat sie das ihren Freundinnen voraus, vielleicht ist sie deswegen noch nicht wahnsinnig geworden, weil sie Momente hat, in denen sie diesen ganzen verfluchten Mist am Boden lassen kann, während sie abhebt und fliegt.
Oliver muss das verstehen, denkt sie. Sein Blick ist schokoladenbraun und weich und erzählt, dass er begreift, was sie meint. Katie lächelt vorsichtig, probiert es aus und stellt fest, dass es gar nicht so schwierig war. Oliver macht es ihr leicht. Es tut gut, sich zu unterhalten, endlich einmal.
Er hat sein bunt bemaltes Glas in beiden Händen, sein Gesicht verliert sich ein wenig im Rauch des heißen Orangensafts, doch Katie hält sich an seinem Lächeln fest wie eine, die sich im Nebel verlaufen hat. „Du hast mir noch nicht gesagt, wie es dir geht", stellt sie leise fest, „mit all deinen Erinnerungen vom Krieg und seinen Greueltaten."
Oliver nimmt einen tiefen Schluck und tut dann das, was Katie schon immer fasziniert hat. Er ist absolut ehrlich zu ihr, wenn sie danach fragt. „Ich verdränge", antwortet er unumwunden, „Klappt meistens ganz gut. Ich weiß natürlich, dass das komplett falsch ist, aber ich weiß nicht, was ich sonst tun soll. Quidditch ist wie eine Therapie für mich. Da gibt es nur mich und die Ringe, die ich beschützen muss. In der Luft ist das Leben einfach."
Katie nickt, weil sie versteht, nur allzu gut. Sie ist schnell auf dem Besen und meistens schafft sie es, ihren Erinnerungen zu entfliehen. Und trotzdem ist ihr klar, dass irgendwann der Moment kommen wird, an dem sie die Langsame sein wird, an dem die Erinnerung sie einholen wird und dann muss sie aufpassen, dass es sie nicht unsanft vom Besen haut.
Sie holt tief Luft und zaubert von irgendwo ein Lächeln her, das in ihren Mundwinkeln hängenbleibt wie eine schiefe Tür in den Angeln. „Es wird auch auf dem Boden wieder einfach", sagt sie leise und hakt ihren Blick in Olivers Augen fest, sie klingt eher verzweifelt als hoffnungsvoll und kann es nicht ändern. „Ja", erwidert Oliver leise und unter dem Tisch stößt Katie versehentlich gegen sein Bein. „Ja", wiederholt er, „Es wird auch auf dem Boden wieder einfach. Und bis dahin – hast du Lust, mal mit mir zu Abend zu essen und dich über furchtbare, sklaventreiberische Trainer aufzuregen?"
Er zwinkert und schafft es, ganz schottischer Lausejunge zu sein. Er bringt Katie zum Lachen und natürlich nickt sie.
iii)
Angelina rutscht unruhig auf dem unbequemen, harten Plastikstuhl hin und her, schaut hektisch auf die große Uhr, die an der Wand der Caféteria hängt, und stellt fest, dass sie seit zwei Stunden hier herumsitzt, mit einem Löffel kaltgewordenen Kaffee verrührt und sich selbst auf die Nerven geht.
Eigentlich ist sie hergekommen, um George zu besuchen. Alicia hat ihr Bescheid gegeben und Angelina dachte, dass das die einmalige Gelegenheit wäre. Nun endlich würde George ihr nicht mehr davonlaufen können. Stattdessen könnte sie sich vor seinem Bett aufbauen, ihm die Meinung sagen und erklären, dass sein blöder, verfluchter (verdammt, wie konnte Fred nur sterben, der Idiot? Sie hasst ihn so sehr dafür. Sie vermisst ihn so sehr.), toter Zwillingsbruder ihr mindestens genauso fehlt wie George.
Angelina ist immerhin bis in die Eingangshalle gelangt, bevor ihr der Mut verlorengegangen ist. Erst einmal wollte sie einen Kaffee trinken, vielleicht ein Stück Kesselkuchen essen, irgendwas, um sich zu beruhigen, um das Nervenflattern in den Griff zu bekommen (und die Tränen, die vielen Tränen, die ständig und ungefragt auftauchen).
In der Caféteria ist sie hängengeblieben und hat sich überlegt, dass es nicht sonderlich fair ist, George derart zu konfrontieren. Er muss sie ja sowieso schon für eine Irre halten, immerhin war sie zweimal im Laden und kommt sich bereits jetzt vor wie jemand, der ihm hinterrücks auflauert und seine Geduld strapaziert. Es schien ihr nicht gerecht, George eine Strafpredigt zu halten oder ihm ein Gespräch aufzuzwingen, wenn er dabei nicht einmal die Chance hätte, ihr zu entkommen.
Also hat sie es sein lassen. Und das ist natürlich, Merlin nochmal, auch nicht richtig! Nichts ist richtig und alles ist falsch.
Angelina schiebt ihre Kaffeetasse von sich, mit weitausholender, heftiger Bewegung, sodass der Becher umfällt und sich ein hellbrauner Kaffeesee auf dem Tisch vor ihr ausbreitet. Angelina weiß nicht, was sie tun soll, ihre Gedanken tanzen verschwommen durch ihren Kopf und sie überlegt, verzweifelt, dass es soweit schon gekommen ist mit ihr, dass sie nicht einmal mehr weiß, wie man auf eine vergossene Tasse Kaffee reagiert.
Freds Tod hat sie lebensunfähig gemacht. Ohne Alicia würde sie nichts essen und nicht zur Uni gehen, sondern ihre Tage im Bett verbringen, mit der Decke über dem Kopf, und sie würde nur hervorkriechen, um für wenige Minuten ins Bad zu verschwinden oder ein Glas Wasser zu trinken.
(Ach. Wie schön wäre das, denkt sie manchmal.)
„Ich kann das nicht", wispert Angelina und begräbt ihr Gesicht in ihren Händen. Es wird dunkel, die lindgrünen Wände der Caféteria werden zu Schemen und Klecksen und verblassen, während Angelina alles aussperrt außer dem Schmerz.
(Und den kann sie nicht loswerden. Sie hat es versucht.)
„Angelina? Liebes?", sagt eine Stimme in ihrem Rücken, gerade bevor das Dunkel sich wie eine Decke über Angelina legen kann. Aber so nimmt sie die Hände wieder runter (und stellt nebenbei fest, dass ihre Finger zittern, doch daran hat sie sich gewöhnt, die dummen Dinger zittern ständig, sind zu nichts nütze), dreht verwirrt den Kopf zur Seite und begegnet dem besorgten, liebevollen Blick von Mrs Weasley.
„Hallo", sagt Angelina erstaunt und bemüht sich um Normalität. Sie setzt ein hastiges Lächeln auf und rutscht ein bisschen von dem Kaffeesee weg. „Wie geht es Ihnen, Mrs Weasley? Es ist schön, Sie mal wieder zu sehen." Die Floskeln rutschen glatt von Angelinas Lippen, aber sie schmecken falsch und hinterlassen etwas Bitteres in Angelinas Mund.
Mrs Weasley greift nach dem Stuhl, der neben Angelinas steht, schiebt ihn zurück und lässt sich langsam nieder. Sie sieht älter aus, als Angelina sie in Erinnerung hat. Mehr Falten im Mundwinkel, mehr harte Linien auf der Stirn, weniger Lachfälten um die Augen. Graue Strähnen im feuerroten Haar. Mehr, viel mehr Müdigkeit in den warmen, braunen Augen.
(Angelina ist so froh, dass Mrs Weasleys Augen schokoladenfarben sind und sie nicht an endlos weite Sommerhimmel erinnern. Sie könnte es nicht ertragen, nicht in diesem Moment.)
„Was machst du denn hier?", erkundigt sich Mrs Weasley und Angelina erschrickt sich, weil selbst ihre Stimme alt geworden ist in den vergangenen Wochen, seitdem sie sie zum letzten Mal gehört hat. (Seitdem sie es zum letzten Mal verkraftet hat, im Fuchsbau vorbei zu kommen, heißt das.) Wo ist die Energie, die diese Frau sonst stets angetrieben hat? Mutter von sieben Kindern wird man nicht, wenn einem das nötige Feuer fehlt.
(Aber vielleicht ist ihr die Fackel ausgegangen und die Asche liegt mit Fred begraben?)
Angelina weiß nur allzu gut, wie schlecht es ihr geht und wie schlecht sie sich hält. Und trotzdem macht es ihr Angst zu sehen, wie andere versuchen mit der Situation umzugehen und kläglich daran scheitern. Mrs Weasley ist eine Mutter. Eltern können doch alles.
Alles.
(Nur nicht das eigene Kind zu Grabe tragen. Das ist Angelina jetzt klar. Es macht kaputt.)
„Ich... ich hab' gehört, dass George hier ist", antwortet Angelina leise und schaut zu, wie der Kaffeesee verschwindet, als Mrs Weasley mit ihrem Zauberstab schnippst. So einfach geht das also. Warum kann sie das nicht? Warum fühlt sich jeder Tag wie ein unüberwindbares Hindernis an, seitdem Fred tot ist?
Mrs Weasleys Lächeln zittert und als sie mit kalten, weißen Fingern nach Angelinas Hand greift, spürt Angelina, dass ihr Lächeln nicht das Einzige ist, was an Mrs Weasley zittert. „Es geht ihm schon besser", erklärt sie leichthin und reckt kämpferisch das Kinn in die Höhe, „Die Heilerin, die sich um ihn kümmert, ist sehr zuversichtlich, dass er bald wieder nach Hause kommen kann."
Angelina fühlt sich mies dabei, doch sie wartet auf das 'Aber'. Nach zwei kurzen Treffen mit George ist ihr klar geworden, dass er im Moment nicht der gutgelaunte Witzbold ist, den sie alle kennen.
„Er will uns nicht sehen", spricht Mrs Weasley langsam weiter, „Wir saßen alle in seinem Zimmer, mit Schokolade und Obst und haben versucht, mit ihm zu reden, aber er schaut einfach nur zur Seite und verzieht nicht einmal das Gesicht. Er hat uns nur angeschrieen, was wir uns dabei denken, den Laden zu schließen statt ihn zu vertreten..."
Mrs Weasleys Augen sind groß und glasig, Angelina drückt verzweifelt ihre Hand. Sie sitzt da und hat panische Angst, dass die Frau vor ihr in Tränen ausbrechen wird. Sie würde ihr so gerne helfen, doch sie weiß einfach nicht, wie, sie kriegt ja ihr eigenes Leben schon nicht auf die Reihe, also tut sie das Einzige, was ihr einfällt.
Angelina beugt sich nach vorne und zieht Mrs Weasley in ihre Arme. Sie kann spüren, wie Freds Mum zittert und bebt; Angelina vergräbt das Gesicht in ihrer Schulter, reibt ihre Wange am weichen Wollpullover und versucht zu glauben, dass alles wieder gut werden kann.
„Er wird schon wieder", flüstert Mrs Weasley in ihr Ohr, ihre Stimme klingt rau und kratzig und atemlos vom Weinen, „Wir müssen uns nur ein bisschen gedulden, ja, Angelina, Liebes..."
Angelina schluchzt und schreit gedanklich nach Fred, aber sie glaubt Mrs Weasley.
Mütter wissen immer alles am besten.
tbc
