Anmerkung: Erst einmal vielen herzlichen Dank für's Mitlesen und für die Reviews. Ich weiß, dass dieser Teil etwas auf sich hat warten lassen, und das tut mir auch sehr Leid. Ich hatte ein bisschen Schwierigkeiten damit, Alicia und George zu schreiben, weil sich die beiden einfach immer im Kreis drehen und weil ich für mich erst einmal klären musste, wie es eigentlich mit ihnen weitergehen soll.

Viel "Action" wird es nicht geben in diesem Kapitel; wir befassen uns eher mit den Gefühlen der Weasleys, oder besser gesagt: mit den Gefühlen der Weasleys, die bisher ein wenig zu kurz gekommen sind: Ginny und Ron, im Besonderen, aber auch Bill und Charlie und Percy. Und es wird ein weiteres Treffen zwischen Alicia und George geben, das nicht im Geringsten so verläuft, wie es sich die beiden vermutlich so vorgestellt haben. Ich kann euch nur versprechen, dass die Geschichte jetzt langsam an Aktion zunehmen wird; jetzt, wo die meisten Charaktere sozusagen mal eingeführt worden sind, auch wenn da immer noch einiges fehlt. Ich hoffe, es wird nicht zu langweilig.

Und nun - genug der Vorrede. Viel Spaß beim Lesen!


Vom Brauchen und Gebrauchtwerden

Teil Sechs

i)

„Mum...?", macht Bill leise und fragend, er schaut sich unsicher zu den Anderen um und erntet ein aufmunterndes Nicken von Ron und Ginny. „Mum", wiederholt er mit etwas festerer Stimme und berührt seine Mutter behutsam am Arm, „Ich mach' dir mal einen Tee, ja?" Leises Wasserrauschen erfüllt den Raum, weil Ginny wohl schon weitergedacht hat als Bill und gerade den Teekessel füllt.

„Ich glaube, wir haben alle eine Tasse nötig", erklärt sie trocken und stellt den Kessel auf dem alten, klapprigen Herd ab, den ihr Vater zusammengebastelt hat und der, mit Zunahme von ein wenig Magie, prima funktioniert.

(Immerhin, etwas funktioniert noch. Tröstlich.)

Bill geleitet seine Mutter vorsichtig zu einem Stuhl und vermeidet den Blick in ihr weißes Gesicht, das unter den roten Haaren wirkt wie gespenstisch.

Es ist sieben Uhr in der Früh und trotzdem sind sie alle schon auf den Beinen. Sie hatten sich zum Frühstück verabredet und als sie in die Küche gekommen sind, stand da ihre Mutter am Fenster und hat nach draußen gestarrt. Arthur ist gähnend als Letzter in den Raum gestolpert und steht nun hilflos neben dem großen Tisch, bis Ron ihn sachte auf einen Stuhl drückt.

Billy seufzt und fährt sich mit beiden Händen übers Gesicht. Merlin, er hat keine Zeit für all den Stress, der ihm entgegenschlägt. Zu Hause wartet eine schwangere Fleur und Frauen mit Veelablut und Stimmungsschwankungen sind nun wirklich nichts, was man auf die leichte Schulter nehmen kann. Genauso wenig wie eine Familie, die gerade dabei ist, auseinanderzubrechen. Leben war schonmal einfacher, findet er.

Der Wasserkessel pfeift leise und Ginny gießt schweigend Tee auf. Es ist eine düstere Versammlung, die sich in der Weasleyküche ausgebreitet hat. Jeder hängt seinen eigenen schweren Gedanken nach, Molly hat ihr Strickzeug auf dem Schoß und klappert mit den silbrigen Nadeln, ohne wirklich etwas zu Stande zu bringen. Arthur sitzt daneben, den Blick auf seine Frau gerichtet, und ihre Kinder stehen im Raum verteilt und fühlen sich furchtbar.

„Molly, Liebes, mach dir keine Sorgen", beginnt Arthur und seine Stimme klingt warm und beruhigend, „Du hast die Heilerin doch gehört. Ihm ist nichts allzu Schlimmes passiert und er darf schon bald wieder nach Hause kommen. Es gibt gar keinen Grund, sich aufzuregen."

Doch, denkt Ginny bedrückt und bringt ihren Eltern zwei Tassen dampfenden Tee, da gibt es immer noch den toten Sohn, den nichts mehr zurückholen kann, und den Anderen, der- sie mag es nicht denken. Sie weigert sich, George aufzugeben. Und sie ist froh, so froh, dass Professor McGonagall ihr gestern schulfrei gegeben hat, damit sie nach Hause fahren konnte.

Charlie räuspert sich und fragt dann vorsichtig: „Was machen wir mit dem Laden?". Sie haben George alle gehört, gestern, vor nur wenigen Stunden, die sich anfühlen wie ein halbes Leben, doch schneller vergangen sind als man ein- und ausatmen kann. Der Laden, das ist das, was er sich mit Fred aufgebaut hat, ihr Erbe, ihre Leidenschaft, ihr ewiger Streich.

Ron zuckt die Achseln. „Ich kann ihn heute übernehmen", bietet er an, „Gibt zwar Ärger, aber Kingsley wird's mir schon verzeihen, wenn ich mal einen Tag nicht zur Arbeit komme." Charlie nickt, genau wie Bill. Charlie muss zurück nach Rumänien, Forschungsprojekte betreuen sich nunmal eben leider nicht von selbst und er bezweifelt, dass sich seine Drachenweibchen beim Ausbrüten ihrer Eier auch nur in irgendeiner Weise davon beeindrucken lassen, dass er in England Familienangelegenheiten zu klären hat.

Arthur hängt ein schiefes Lächeln in den Mundwinkeln. „Danke, Ron", sagt er so leichthin wie nur möglich und nippt an seinem heißen Tee, „Die optimale Lösung ist das nicht, aber ich fürchte, auch der Rest von uns kann es sich eigentlich nicht leisten, nicht zur Arbeit zu erscheinen. Und Ginny muss zurück nach Hogwarts. Dass sie gestern nach Hause kommen durfte, ist sowieso schon eine grenzweitige Auslegung der Regeln, befürchte ich, und ich will Professor McGonagall keine unnötigen Schwierigkeiten machen."

Ginny klappert mit der großen Pfanne und gießt etwas Öl hinein. „Möchte jemand Spiegeleier?", fragt sie in die Stille hinein, weil Kochen nunmal das ist, was sie tut, wenn sie versucht, sich zu beruhigen. Und beruhigen muss sie sich dringend. Das alles ist so viel, dass es ihr bald über den Kopf wachsen wird, wenn sie nicht Acht gibt. Sie ist 17, sie sollte sich Gedanken über ihren Schulabschluss machen und nicht über tote Brüder und auseinanderbrechende Familien.

Sie hört fünfmal „Ja", fünfmal männliche Stimmen und erkundigt sich sanft, „Mum? Möchtest du gerne ein paar Pfannkuchen haben?" Ihre Mutter nickt, Merlin sei Dank, und Ginny schlägt fünf Eier in die Pfanne, wedelt mit ihrem Zauberstab und überlässt die Spiegeleier ihrem Schicksal, während sie Teig für Pfannkuchen anrührt.

„So geht das nicht weiter", stellt Bill fest, er klingt müde und ziemlich ratlos, „Irgendetwas muss mit George passieren." Molly legt klackernd ihre Stricknadeln beiseite und will wissen, „Und was? Und wie? Er lässt ja nicht mit sich reden. Und trösten lässt er sich auch nicht. Er isst kaum." Ihre Stimme ist brüchig und Ginny beißt sich die Lippen blutig, weil es so wahnsinnig wehtut, ihre Mutter in dieser Verfassung zu erleben. Ihre Mutter, die immer stark gewesen ist, die gebrochene Arme und blutende Knie mit einem Lächeln ertragen hat und fast ebenso schnell heilen konnte. Wie muss es sich anfühlen, einem ihrer Kinder nicht mehr helfen zu können?

„Vielleicht... wenn er mal wieder jemanden treffen würde. Jemanden von seinen Freunden", schlägt Percy vor und rückt sich die Brille zurecht. Sie sitzt ein bisschen schief, seitdem George ihm auf die Nase geschlagen hat. Einer von vielen, wirkungslosen Versuchen, mit George über seine Trauer und seinen Schmerz zu sprechen.

Ginny lässt die fertigen Spiegeleier auf Teller gleiten, legt frisches Toastbrot dazu und lässt die Teller an den Tisch fliegen, wo sie vor ihren Brüdern und ihrem Vater zum Stehen kommen. Die Pfanne reinigt sich von selbst, bis sie sauber und glänzend wieder auf dem Herd steht, fauchend Butter zerlaufen lässt und bereit ist zum Pfannkuchenbacken. „Du hast doch gehört, was Alicia gesagt hat", erinnert Ginny Percy leise, „Lee war morgens bei ihm und das Ganze ist wohl nicht besonders gut gelaufen."

„Außerdem", beginnt Ron zögernd und spießt ein Stück Spiegelei auf, „glaubt ihr denn, dass sich Ang-" Er unterbricht sich, schüttelt den Kopf und sagt „Vergesst es.". Ginnys warnender Blick ist gerade noch rechtzeitig gekommen. Sie sollten nicht über Angelina sprechen, findet sie, nicht jetzt, weil sie von Angelina nur wieder zu Fred kommen werden und weil Ginny nicht will, dass ihre Mutter schon morgens um sieben wieder mit Weinen anfängt.

„Percy hat Recht", sagt Charlie und rettet Ron aus seiner verfänglichen Situation, „Es würde George bestimmt gut tun, mal wieder jemanden zu sehen, mit dem er befreundet ist. Verdrängung ist mit Sicherheit nicht das Beste, aber vielleicht würde er so die Möglichkeit bekommen, mal über etwas Anderes nachzudenken und zu sprechen."

Ginny gießt Pfannkuchenteig in die zischende Pfanne, schaltet die Hitze runter und dreht sich erneut um. „Nette Idee", meint sie und muss sich bemühen, nicht allzu zynisch zu klingen, „Und ich bin wirklich ungern der Spielverderber, aber was glaubt ihr denn, worüber sie sprechen würden? Über die Schule, ziemlich sicher. Über Scherze und Streiche und Quidditch. Und jetzt überlegt mal, ob das geht, ohne alles wieder zusammenstürzen zu lassen."

Als sie nachschaut, ist der erste Pfannkuchen fertig und sie bringt ihn ihrer Mutter, mit Zimt und Zucker bestreut. „Danke", lächelt Molly und schaut hoch, ihr Schokoladenblick ist weich und flüssig und hinterlässt trotzdem einen bitteren Nachgeschmack bei Ginny. Dennoch lächelt sie zurück, auch wenn ihr das Herz schwer ist, und drückt ihre Mutter kurz an sich. „Gerne", murmelt sie und lässt sich auf einen freien Stuhl sinken.

„Hast du eine bessere Idee?", erkundigt sich Charlie, seine Stimme ist ohne Häme, da ist nur Verzweiflung, weil er langsam, aber sicher nicht mehr weiter weiß. Er ist, genau wie Bill, mit seinen unbeholfenen Tröstversuchen an George gescheitert, nur, dass sie sich im Gegensatz zu Percy keinen Faustschlag geholt haben.

Jedenfalls keinen physischen.

Leises Geschirrklappern erfüllt den Raum, während Ginny nachdenkt. „Was ist mit Alicia?", schlägt sie schließlich vor, „Die beiden waren doch mal zusammen. Vielleicht weiß Alicia eine Möglichkeit, wieder an George heranzukommen." Sie ist nicht sicher, wie gut ihre Idee ist. Immerhin hat sie Alicia gestern im St. Mungo's kurz gesehen und sich erschrocken, wie müde und abgekämpft Alicia gewirkt hat. Kein bisschen so wie das quirlige, energische Mädchen, das sie von Quidditchspielen kannte. Wer weiß, mit welchen Dämonen sich Alicia herumschlagen muss... Und trotzdem. Ginny glaubt nicht, dass George ihr egal ist. Sie hat es gesehen, an Alicias traurigem Blick, als sie von Lees unglücklichem Besuch erzählt hat.

„Ja, vielleicht...", stimmt Ron zu und Ginny kann in seinem Gesicht die gleiche Frage ablesen, die auch sie sich immer wieder stellt: ist es fair, wenn sie noch mehr Menschen in ihr Unglück mithineinziehen? Ist es fair, wenn sie Freunde und Bekannte mit ihren Familienproblemen belasten?

(Aber schaffen sie es denn alleine?)

„Ihr solltet langsam aufbrechen", sagt Molly mit dünner Stimme und keiner widerspricht ihr, obwohl es noch früh ist und jeder von ihnen noch Zeit hat. Doch sie verstehen es, wenn ihre Mutter mal alleine sein will, auch wenn sie sie ungern alleine lassen.

Ginny küsst sie sanft auf die Wange und wispert „Ich schreibe, versprochen" in ihr Ohr, die Jungs umarmen sie ungeschickt und mit verlegenen Gesichtern und dann sehen sie alle weg, als Arthur seine Frau an sich zieht und die beiden sich für einen Augenblick ineinander und aneinander verlieren.

„Na los, geht schon", schnieft Molly und wedelt ungeduldig mit beiden Händen, „raus mit euch, ihr Rasselbande. Wie soll ich denn sonst für Ordnung sorgen in diesem Haus?"

ii)

„Morgen", nickt Ron zu Tom, dem Wirt des Tropfenden Kessels, hinüber, erwidert dessen Lächeln und wandert durch den Barraum, weil er auf dem Weg zur Winkelgasse ist, ganz gleich, wie gerne er sich jetzt einen starken, heißen Tee bestellen möchte. Vielleicht ist es ganz gut, dass er heute nicht zur Aurorenakademie geht. Er würde sich ja doch nur blamieren, wenn er mit den Gedanken überall ist, nur nicht bei Abwehrzaubern und Duellsprüchen.

Seufzend tippt Ron mit seinem Zauberstab die Backsteine im Mauerwerk an und schaut zu, wie sich das Tor zur Winkelgasse vor ihm öffnet. Die Morgensonne erobert sich langsam ihren Platz am fahlblauen Himmel und lässt das regennasse Pflaster glitzern. Die Winkelgasse sieht, im wahrsten Sinne des Wortes, verzaubert aus und Ron ist dankbar für das warme Glücksgefühl, das langsam in seine Magengegend kriecht, wie immer, wenn er hierher kommt.

Er streckt sehnsüchtig den Kopf in die Richtung von Schaufensterauslagen, bewundert die neuste Quidditchausrüstung, lässt den Blick über das ausgestellte Warenangebot von Flourish and Blotts schweifen (immerhin, Weihnachten ist nur noch zwei Monate entfernt und es ist verdammt schwierig, ein Geschenk für Hermione zu finden) und verzieht das Gesicht, als er an der Apotheke vorbeiläuft. Glibberige Käferaugen sind nun wirklich nicht das, was er kurz nach seinem Frühstück sehen will, ganz gleich, was für Wunder sie in irgendwelchen Tränken vollbringen können.

Schließlich kommt er an Nummer 93 an, murmelt „Alohomora" und das Passwort „Ich schwöre feierlich, dass ich ein Tunichtgut bin", schwenkt seinen Zauberstab und betritt den Laden, der sich leer und verhältnismäßig still vor ihm erstreckt. Kein Wunder – es ist gerade mal acht Uhr, die Winkelgasse erwacht eben erst zum Leben und Verity kommt für gewöhnlich nur in den hektischen Stunden zwischen elf und fünfzehn Uhr zum Arbeiten.

Ron ist alleine mit sich und seinen Gedanken und mit über tausend Scherzartikeln. Schweigend legt er seine Tasche in dem kleinen, vollgestopften Büro ab, streift sich die magentafarbene Arbeitsrobe über, die eigentlich Fred gehörte, wirft einen Blick in den Spiegel und fragt sich zum wiederholten Mal, warum, bei Merlin, die Zwillinge darauf bestanden haben, Arbeitsroben zu kaufen, die sämtliche Mitglieder der Weasley-Familie einfach nur verboten aussehen lassen. Magenta zu fuchsroten Haaren. Nunja.

Ihre Art von Humor, denkt Ron flüchtig und ein Lächeln huscht kurz über seine Lippen. Verrückt, findet er, einfach nur verrückt. Er vermisst sie so wahnsinnig, dass es wehtut, seine verrückten Brüder. Diese Irren, die ihm seine ganze Kindheit über Streiche gespielt haben, die ihn geärgert haben und geneckt, die ihn bis zur Weißglut getrieben haben und die er geliebt und bewundert und gefürchtet und gehasst hat, alles zusammen, alles zur gleichen Zeit.

Er kann nicht damit umgehen, dass die Stimmung im Fuchsbau schwer und gedrückt ist, dass die Luft nicht mehr sirrt, dass keine Explosionen mehr aus Freds und Georges Zimmer ertönen, dass kein dröhnendes Lachen mehr erschallt. Ron hat sich nie vorstellen können, dass die Zwillinge erwachsen werden würden.

(Und Fred wird es niemals werden können. Die Gelegenheit hat man ihm genommen.)

(Und George? Merlin. Es steht ihm nicht, nicht mehr der unbekümmerte Kindskopf zu sein. Ron wünscht ihn sich zurück, seinen albernen Bruder.)

Ron tippt den magischen Kessel an, bis das Wasser darin blubbernd kocht. Er brüht sich eine Tasse Tee auf, mit zwei Beuteln, und der Tee schmeckt bitter wie das Leben.

Mit der heißen Tasse in Händen wandert er nach draußen, in den großen Verkaufsraum, und kontrolliert die Regale. Die Scherzartikel sind ausnahmsweise ordentlich gestapelt, Staub ist gewischt, Reklametafeln sind bemalt und beschrieben und erzählen in blinkenden, grellen Farben von Sonderangeboten und neuen Erfindungen. Der Laden ist ein buntes Märchenland inmitten einer grauen Nachkriegswelt und Ron fragt sich, wie George es nur schafft, das alles weiterzuführen, mit einem breiten Lächeln im Gesicht für die Kunden, für die Kinder, die schließlich nicht für seinen Schmerz verantwortlich sind.

Er stellt seine Tasse neben der Kasse ab, öffnet sie sachte und zählt Wechselgeld hinein. Er weiß, was zu tun ist, er hat einige Wochenenden hier verbracht und heimlich (nunja – mehr oder weniger heimlich) ein Auge auf George geworfen, um sicherzugehen, dass alles ... okay ist.

(Gut ist es nicht. Aber okay. Man kann leben damit. Sogar mit dem Schmerz, an den man sich nicht gewöhnt, der immer wieder auftaucht, morgens, wenn man die Augen öffnet, bis abends, wenn man sie wieder schließt, und erst recht nachts, wenn man schreiend aufwacht und versucht, die Bilder zu verdrängen, die sich längst auf die Netzhaut eingebrannt haben.)

(Wird es je wieder gut werden?)

Ron rutscht auf einen hohen, dreibeinigen Hocker, schlürft heißen Tee und versucht, zur Abwechslung mal an nichts zu denken.

Es gelingt ihm nicht, natürlich nicht.

Er denkt an Hermione, die Magisches Recht studiert, wie Angelina, nur, dass Hermione nach Edinburgh gegangen ist, hoch in den Norden, weil dort die Bibliothek größer ist und weil sie alleine sein wollte, ein wenig, auch wenn sie an den meisten Wochenenden vorbeifloht und kaum ein Tag vergeht, an dem sie Ron nicht schreibt.

Hermione, die versucht, ihren Schmerz zu bekämpfen, indem sie darüber liest, indem sie versucht, sich selbst zu therapieren.

(Hermione, die sich nachts an Ron klammert und er sich an sie und die ihre nassen Wangen an seiner Schulter trockenreibt.)

Er denkt an Harry, der jetzt in diesem Moment in der Aurorenakademie sein wird, bereit zur ersten Trainingseinheit. Ron hat ihm eine Eule geschickt und berichtet, dass er heute nicht kommen kann, und er stellt sich vor, wie Harry die Entschuldigung an Kingsley weitergibt und wie sich die Falten auf Kingsleys Stirn sachte glätten und sein Gesicht diesen mitleidigen Ausdruck bekommt, der Ron verlegen macht und wütend.

Er will kein Mitleid.

Ron denkt an George, der im Krankenhaus liegt, er denkt an Charlie, der zurückgegangen ist nach Rumänien und der vesucht, seine Traurigkeit einfach in England zu lassen, er denkt an Bill und Fleur und ihr ungeborenes Kind, er denkt daran, dass ihnen dieser verdammte Krieg immerhin nicht alles genommen hat, er denkt an Percy und an seine Mum und seinen Dad, er denkt an ungestrickte Pullover und fallengelassene Maschen, an klappernde Stricknadeln und an bunte Kindertage.

Er denkt an Angelina und Alicia und fragt sich stumm, wer von beiden mehr verloren hat.

(Ja, es ist grausam zu überlegen, welcher Schmerz mehr wiegt. Angelina hat keine Hoffnung mehr, weil Fred tot ist, er wird nie wieder zurückkommen, aber Alicia hat noch Hoffnung und wie weh wird es wohl tun, sollte ihre Hoffnung enttäuscht werden? Ron will es nicht wissen.)

Das Bimmeln der Ladenglocke reißt Ron aus seiner Grübelei und erinnert ihn daran, dass er vergessen hat, die Tür hinter sich wieder abzusperren. Dabei öffnet der Laden frühstens in einer halben Stunde, offiziell sogar erst um neun.

„Wir haben eigentlich noch geschlossen!", ruft er laut (und nicht sonderlich kundenfreundlich, er hat das Verkäuferdasein noch nicht perfektioniert und hat lieber seine Ruhe) und richtet sich auf seinem Hocker etwas auf, reckt den Hals und versucht, den ersten Kunden des Tages auszumachen. Stattdessen kommt zu seiner Überraschung Angelina durch die Regalreihen und sieht ihm unschlüssig entgegen.

„Angelina...", macht Ron erstaunt und steht auf, lächelt unsicher in ihre Richtung, „Ähm... Hallo!" Er fährt sich mit einer Hand durch die Haare und fragt sich, was, zur Hölle, er mit ihr reden soll. „Falls du zu George wolltest... der ist noch im Krankenhaus", erklärt er schließlich und schaut zu, wie sie an ihrer Robe zupft und wie ihr Blick flackert.

„Ja... ich weiß", nickt sie ihm zu, ihre Stimme ist leise und hat die Energie verloren, die Ron doch jahrelang an ihr kennengelernt hat, „Ich war auf dem Weg zur Uni und da hab' ich gesehen, dass hier Licht brennt und ich wollte einfach nur nachschauen, wer da ist... und fragen... wie es George geht."

Ron bietet ihr einen Hocker an und lädt sie in das kleine Büro ein, er hastet durch den Laden, schließt die Tür ab und hat keine Ahnung, was er tun soll, also macht er ihr Tee, nippt an seinem eigenen und sagt, dass er glaubt, dass es George besser geht, aber dass er es nicht weiß (und er sagt ihr nicht, wie furchtbar sie aussieht, wie matt ihre Augen glänzen und wie müde ihre Stimme klingt, doch er speichert es ab und kann es nicht ignorieren).

Sie knabbert an einem Ingwerkeks, den Ron ihr hingeschoben hat, weil er findet, dass sie wirkt, als würde sie zu wenig essen.

„Wie, äh, wie geht's dir? Was machst du so?", erkundigt er sich behutsam und schneidet sich in Gedanken selbst eine Grimasse. Wie unsensibel kann man eigentlich sein? Gestatten – Ronald Weasley, der einfühlsame Frauenversteher, der gerne mal unabsichtlich auf verletzten Gefühlen herumtrampelt.

Sie zuckt die Achseln. „Nicht viel", murmelt sie vage und Ron könnte sich ohrfeigen. Sie sieht sehr klein und verloren aus, wie sie da auf ihrem Hocker sitzt; die langen, schwarzen Zöpfe fallen ihr wie zerzauste Flügel über den Rücken und Ron überlegt, ob er sich wohl traut, sie in den Arm zu nehmen.

„Kann ich irgendetwas für dich tun?", will er wissen und merkt, dass er nicht die geringste Idee hat, wie er mit ihr umgehen soll.

Sie schüttelt den Kopf, heftig, springt auf, sagt „Entschuldigung" und flieht durch die Hintertür.

Ron schließt die Augen und überlegt, dass er vermutlich alles falsch gemacht hat, was man falsch machen kann. Er hofft nur, dass jemand an Angelina herankommt, dass sich jemand um sie kümmert und dass jemand für sie da ist. Er schafft es nicht. Er ist achtzehn, verflucht, er hat doch kaum Erfahrung mit Liebe und noch viel weniger Erfahrung darin, jemanden zu trösten, der gerade seinen Partner verloren hat, nicht durch dummes Schlussmachen, sondern durch den Tod, verdammt, und es kann alles gar nicht wahr sein, man stirbt nicht, wenn man jung und wild und frech ist und dem Leben ins Gesicht lacht.

Und trotzdem.

Fred ist tot.

Die Uhr schlägt halb neun und Ron erhebt sich, um den Laden zu öffnen. Draußen vor der Tür warten erste Familien, kleine Kinder mit roten Wangen und erwartungsfreudigen Augen und Ron lächelt, automatisch, und verkauft Spaß und Freude an Andere, die es vermutlich ebenso gut gebrauchen können.

iii)

„Aliiiiciaaaaa", tönt es zuckersüß, als sich eben Jene gerade auf einen Plastikstuhl fallen lassen und in ihr Sandwich beißen will. Sie schafft es, ein bisschen Toastbrot mit Käse und Salat abzuzupfen, bevor sie ihre Aufmerksamkeit weg vom Essen hin zu ihrer Kollegin richtet. „Mhm...", nickt sie Beth zu und kann schon an ihrem Augenaufschlag erraten, um was es gehen wird.

„Alicialein", beginnt die Ältere behutsam und schenkt Alicia ein strahlendes Lächeln, „Erinnerst du dich noch daran, dass du mal gesagt hast, wie zuckersüß mein Töchterlein ist?" Alicia schwahnt Übles und sie schluckt hastig ihr Essen hinunter. „Vergiss es", erklärt sie kategorisch, „Ich spiele heute Abend nicht euren Babysitter. Claire ist ja wirklich niedlich, aber ich hab'-" „Nein, nein", unterbricht Beth sie ungeduldig und wedelt mit der rechten Hand vor Alicias Gesicht herum, „Darum geht's gar nicht."

„Ach", macht Alicia und versucht, nicht allzu erleichtert zu klingen. Das letzte Mal, als sie auf die Kleine aufgepasst hat, musste sie Claire, vollkommen erschöpft vom vielen Schreien, heimlich mit einem Schlaftrank stillstellen, damit sie das Chaos aufräumen konnte, bevor die Eltern zurück nach Hause kamen. Das würde sie sich so schnell bestimmt nicht mehr antun, jedenfalls nicht freiwillig. Sie brauchte auch mal Ruhe.

Beth lässt sich ihr gegenüber auf einem Stuhl nieder und hat noch immer dieses übertrieben freundliche Lächeln im Gesicht, das nur Menschen spazierentragen, die etwas wollen. „Was ist es dann?", fragt Alicia misstrauisch und genehmigt sich einen zweiten Bissen von ihrem Brot. Beth spielt mit ihren Fingern und holt tief Luft.

„Ich weiß, dass du eigentlich sowieso schon zuviel arbeitest im Moment und gleich Feierabend hättest", beginnt sie vorsichtig und Alicia weiß, dass das kein guter Anfang für ein Gespräch ist, „aber Claire hat Drachenpocken und Damien hat sich nur den Morgen freinehmen können. Sein Chef rastet aus, wenn er heute Nachmittag nicht wieder auf der Arbeit antanzt und alleine lassen können wir sie auch nicht. Meine Eltern sind im Urlaub und Damiens fragen wir besser nicht um Rat..."

Alicia hat schon ein paar Geschichten zu hören gekriegt über Beths verrückte Schwiegereltern und kann es durchaus nachvollziehen, dass Beth einige Bedenken hat, ihnen ihre kranke Tochter anzuvertrauen. Und sie kann sich auch denken, was ihre Kollegin von ihr möchte...

Beth schaut sie aus flehenden, grauen Augen an. „Ich muss noch fünf Stunden arbeiten, Alicia. Heilerin Dowes kriegt die Krise, wenn sie erfährt, dass ich mich nicht um ihren explodierenden Patienten kümmern kann." Das Ungesagte steht sprichwörtlich im Raum und Alicia versucht, ihren rasenden Herzschlag zu beruhigen. Beth soll sich um George kümmern. Und sie soll es übernehmen. Merlin.

Alicia hält sich an ihrem Sandwich fest und betrachtet unschlüssig die Tischplatte. Sie möchte George so gerne sehen... und er kann sie nicht rauswerfen, wenn sie ihn betreut, so wie er es mit seiner Familie getan hat... aber er kann sie ignorieren... und vielleicht ist das noch viel schlimmer als ihn gar nicht zu sehen.

(Er könnte genauso gut mit ihr reden. Und vielleicht wäre das das Schönste, was ihnen beiden seit langem passiert ist.)

Alicia ist nicht umsonst in Gryffindor gelandet.

Sie nickt Beth zu und lächelt. „In Ordnung. Ich übernehm' das für dich. Und nun verschwinde und betreue dein krankes Kind." Beth strahlt sie an und fällt ihr um den Hals, sie stammelt tausend „Danke schön" und verspricht „Du hast was gut bei mir, Alicialein", bevor sie ihre Heilerrobe ablegt und in die normale, blaue schlüpft. Alicia winkt „Tschüss" und knabbert ihr Sandwich fertig. Ihre Gedanken fliegen und tanzen und weigern sich, sich zu irgendetwas Sinnvollem zusammenzusetzen.

Zwanzig Minuten später steht sie vor der Tür zu Georges Zimmer und holt tief Luft. Heilerin Dowes ist nicht gerade begeistert gewesen, dass ihre Kollegen und Lehrlinge untereinander fröhlich Schichten tauschen, sie hat mit kritischem Blick eine Augenbraue gehoben und leise geseufzt. „Na gut", hat sie nachgegeben und Alicia fixiert, „Immerhin war Beth so umsichtig und hat für einen Ersatz gesorgt. Sind Sie sicher, dass Sie das schaffen, Miss Spinnet? Eigentlich verlange ich Doppelschichten nur von ausgebildeten Heilern und nicht von Mädchen in ihren ersten Lehrjahren."

Alicia hat sie überzeugen können, auch wenn ihr Körper innerlich protestiert hat. Ihre Glieder fühlen sich schwer und sehr, sehr müde an und eigentlich sehnt sie sich nach einem weichen Bett und einer heißen Tasse Tee (und nach einem neuen Leben, vielleicht, einem, in dem ihr Freund noch mit ihr spricht und in dem Fred nicht gestorben ist). Stattdessen wird sie noch fünf Stunden arbeiten müssen, doch immerhin kann sie bei George sein und das hält sie aufrecht.

(Noch. Sie will sich nicht ausmalen, wie es sein wird, wenn er sie ihr ignorieren wird. Dann wird sie vermutlich innerhalb kürzester Zeit aus dem Zimmer rennen, die Zähne zusammenbeißen, sich entschuldigen und nach Hause flohen. Erst dann wird sie weinen. Falls Angelina nicht dort ist.)

Alicia gibt sich einen Ruck, hebt die Hand und klopft an die Tür. Es kommt keine Reaktion, aber Heilerin Dowes hat sie darauf vorbereitet, dass „der Patient etwas schwierig ist", wie sie das ausgedrückt hat. Also öffnet sie die Tür trotzdem und betritt schweigend den Raum. Es ist halbdunkel, die Vorhänge sind noch zugezogen, obwohl es bereits Nachmittag ist, George liegt im Bett und hat den Kopf zur Seite gedreht. Weg von ihr.

„Was denn?", knurrt er und klingt agressiv, „Ich hab' doch vorhin schon gesagt, dass ich keinen Hunger habe. Und Ihre blöde Tasse Tee können Sie auch behalten. Denken Sie, ich wüsste nicht, dass Sie da einen Beruhigungstrank dazumischen? Ich bin nicht bescheuert, wissen Sie?"

Alicia muss grinsen und fragt sich kurz, welche ihrer Kolleginnen oder Kollegen vorhin wohl das Vergnügen hatte, mit Georges liebreizendem Charakter Bekanntschaft zu schließen. Nur gut, dass sie das von ihm kennt, seine Grummeligkeit, seinen Trotz, seine schlechte Laune.

(Früher hat er sie jeden Sonntag Morgen gehabt, wenn Oliver sie zum Quidditchtraining hinaus aufs Feld gejagt hat statt sie ausschlafen zu lassen. Alicia erinnert sich.)

„Ja, weiß ich", erwidert sie leichthin und schließt die Tür hinter sich, „Dann gibt's aber auch keinen Nachtisch, tut mir Leid." Sie hat sich den Kommentar nicht verkneifen können und nun hofft sie, erschrocken über sich selbst, dass er es ihr nicht übel nehmen wird, dass er lachen wird, statt sich noch tiefer in sein Schneckenhaus zurückzuziehen.

Immerhin dreht er schon einmal den Kopf in ihre Richtung. „Alicia", sagt er erstaunt, seine Augen sind groß und rund vor Überraschung und er richtet sich in seinem Bett etwas auf. Alicia schwingt sachte ihren Zauberstab, lässt die Vorhänge auseinanderfliegen und das helle Herbstsonnenlicht hereinfließen, damit der Raum nicht länger im Halbdunkel versteckt bleibt. George ist blass und sieht aus wie ein zerrupfter Vogel, der aus dem Nest gefallen ist, mit all den wirren Haaren.

„Hey", antwortet sie sanft und kommt unschlüssig näher. Er sieht sie unverwandt an und sie nimmt es als gutes Zeichen. Das Lächeln auf ihren Lippen festigt sich und sie denkt daran, wie sie miteinander Tee ausgesucht haben, gerade mal vor ein paar Tagen, wie sie ihn geküsst hat, auf den Mundwinkel, wie schnell ihr Herz geschlagen hat. Wie glücklich sie war, für ein paar kostbare Augenblicke.

„Was machst du denn hier?", fragt er sie und klingt verwundert, nicht mehr gereizt und wütend. Er lässt zu, dass sie sich auf der Kante seiner Matratze niederlässt und neben ihm sitzt, so nah, dass Alicia die Sommersprossen auf seinen Wangen zählen kann.

(Nicht, dass sie es müsste. Sie kennt Georges Gesicht auswendig. Sie hat viele Stunden Zeit gehabt, es zu studieren, zu küssen, zu lieben. Sie liebt es noch immer, mit den dunklen Schatten unter sommerhimmelblauen Augen, mit dem bitteren Zug um den Mund, mit den kleinen, scharfen Sorgenfalten zwischen den Brauen.)

Alicia meint, Hoffnung zu hören, aber sie vertraut sich selbst nicht in der Hinsicht. Vielleicht hört sie Hoffnung, weil sie Hoffnung hören will.

Sie lächelt, noch immer, und neckt ihn sachte. „Arbeiten. Also behalten Sie bitte Ihre Hände bei sich, Mister Weasley. Heilerin Dowes sieht es nicht gerne, wenn wir uns mit Patienten einlassen." Alicia hat es als Scherz gemeint, genau wie den Nachtischkommentar, doch irgendwas stimmt nicht mit der Kommunikation zwischen ihr und George.

Sein Ausdruck wechselt, noch bevor sie ihren Satz zu Ende gesprochen hat. Und Alicia weiß sofort, dass sie etwas falsch gemacht hat. Dass sie es verdorben hat. Merlin verdammt nochmal, denkt sie und beißt sich auf die Unterlippe, warum kann ich nicht einmal meine Klappe halten.

(Sie weiß, warum. Zuviel Zeit, die sie mit Lee Jordan und Fred und George Weasley verbracht hat.)

„Keine Sorge", erwidert er kühl, „Ich kann mich beherrschen."

„Idiot", rutscht es Alicia heraus, sie weiß, dass sie sich das eigentlich nicht erlauben kann und darf, denn er ist nunmal ihr Patient, aber es ist doch wahr, denkt sie hilflos, er ist ein Idiot und er benimmt sich wie einer und vielleicht hat es ihm bisher einfach nur noch niemand gesagt und so macht sie eben den Anfang. „Du bist sowas von stur, George Weasley, dass es kaum zu glauben ist. Du hast den größten Dickschädel, der mir je begegnet ist", fährt sie hitzig fort, sie kann spüren, wie ihre Wangen rot werden und sie versucht, ihre Zunge im Zaum zu halten und es funktioniert nicht, „Warum kannst du mich nicht einfach ansehen und wieder meine Hand nehmen und mir sagen, dass du mich genauso vermisst wie ich dich?"

Alicia hat von Wut in Trauer umgeschaltet, ihr Atem geht schnell und hektisch, die letzten Worte hat sie geschrieen, verzweifelt, sie zittert und hält sich mit den Augen an seinem Gesicht fest. Sie möchte es mit beiden Händen sanft umschließen und federleichte Küsse auf seine Haut hauchen, sie möchte seine Sorgenfalten glatt streicheln, sorgfältig, und die Augenringe mit der Zungenspitze weglecken. Sie möchte hier bei ihm liegen, ihn halten und sich halten lassen und ihm sagen, wie sehr sie ihn liebt, wie sehr sie ihn vermisst und wie sehr er sie verletzt, wenn er sie von sich stößt.

Er dreht den Kopf und schaut sie an, sein Mund ist eine schmale, strenge Linie, der sie verspottet, als die Worte herausfallen.

„Ich glaube nicht, dass Ihre Chefin es gutheißen wird, wenn Sie herumlaufen und Patienten anschreien, Miss Spinnet", antwortet er und sieht ihr lauernd entgegen. Er tut ihr weh. Er tut ihr weh, verdammt, er weiß es und tut es trotzdem, er tut es, weil er es will, und das schmerzt am meisten von allem.

Alicia schluckt. „Wieso tust du das?", erkundigt sie sich leise und so ruhig wie möglich, „Letzten Freitag warst du ganz anders. Erinnerst du dich? Letzten Freitag habe ich gedacht, wenn ich deine Hand loslasse, wirst du dich in Luft auflösen. Du hast gelächelt und mich angeschaut, mit diesem Blick, den du immer für mich hattest, und ich hab' mich erinnert, an all die schöne Zeit. Wieso, verdammt, musst du das jetzt kaputtmachen?"

Sie weint.

Sie hat es nicht tun wollen, weil sie findet, dass Tränen ein Druckmittel sind, oft, und weil sie nicht will, dass George sich entschuldigt oder sonstwas tut, damit sie aufhört zu weinen. Es ist nur einfach passiert. Vielleicht die Erschöpfung. Alicia hat schon lange keine Zeit mehr gehabt, um zu weinen. Tränen machen sich nicht gut, wenn sie Angelina trösten muss.

Alicia springt von seinem Bett auf und bewegt sich in Richtung der Tür. Flucht ist feige, aber gerade ist ihr das egal. „Ich denke, ich gehe jetzt besser", erklärt sie bemüht professionell, „Ich schicke jemanden vorbei, der Ihnen Ihr Essen bringt, Mister Weasley. Gute Besserung." Sie hat ihren Blick dem Boden zugewandt und betrachtet die Marmorierung der Fliesen. Sie kann es nicht ertragen, ihm ins Gesicht zu sehen.

Sie hat die Klinke in der Hand, als seine Stimme sie zurückhält.

„Alicia", sagt er leise, „Nicht weinen."

Alicia lässt die Klinke los und ballt die Hände zu Fäusten. Merlin, er macht sie fertig. Wie kann er nur innerhalb von Sekunden vom grausamen Arschloch zu dem George werden, den sie liebt, der ihr Samstag Nachts ins Ohr geflüstert hat, wie glitzernd die Zukunft ist? Sie kommt nicht hinterher, es fällt so unsagbar schwer, ihn noch zu verstehen, zwischen all den Schwankungen und Puzzleteilen und Lachen und Weinen.

„Dann bring' mich doch einfach nicht dazu", erwidert sie nicht viel lauter, ohne sich umzudrehen, „Verdammt, George, was hab' ich dir getan, dass du es für nötig hältst, dich auch mir gegenüber zu verstellen? Das am Freitag – das warst du. Und ich hab' keine Ahnung, wer da gerade in deinem Bett liegt."

Sie reißt die Tür auf und flieht und dreht sich nicht um, bis sie im Schwesternzimmer angekommen ist. Alicia weint nicht mehr, aber sie fragt sich, wie viel sie gerade kaputt gemacht hat und wie viel er gerade kaputt gemacht hat und ob sie es wohl schaffen werden, es wieder zu kitten.

Sie hat Angst.

Sie, die Optimistin.


tbc