Anmerkung der Autorin: Ich kann nichts sagen außer: es tut mir wahnsinnig Leid, dass es wieder so lange gedauert hat. Ich kann nur hoffen, dass das für den nächsten Teil nicht der Fall sein wird. Und ich gebe zu, dass es mir große Probleme bereitet hat, Fleur zu schreiben, aus einem einfachen Grund: imitiert man ihren französischen Akzent nun im Geschrieben oder nicht? Ich bitte um Kommentare.
Außerdem: Dieses Kapitel ist Windspiel gewidmet. Weil sie mich daran erinnert hat, dass diese Geschichte dringend ein Update braucht.
Viel Spaß beim Lesen!
Vom Brauchen und Gebrauchtwerden
Teil Acht
i)
Angelina hat sieben zerknüllte, mit schwarzer Tinte beschriebene Pergamente vor sich liegen und weiß nicht, was sie tun soll. Was sie beim achten anders machen soll, damit es nicht sofort wieder in die falsche Richtung wandert und nicht zu gebrauchen ist. Es ist, als hätte sie ihren Federkiel nicht unter Kontrolle; oder nein, als würde ihre Hand aufschreiben, was Angelina fühlt, ohne ihr Hirn dazwischen zu schalten. Und das geht nicht. Es geht einfach nicht. Nicht für eine verdammte Hausaufgabe.
Angelina seufzt und streicht sich müde über die Augen. Es ist gerade mal halb elf am Vormittag, sie sitzt in Alicias gemütlicher Küche, weil es hier warm ist und vertraut, selbst wenn Alicia gerade arbeiten ist und die Wohnung merkwürdig leer sein müsste (aber sie ist es nicht so sehr wie Angelinas eigene und Alicia stört es nicht, wenn ihre Freundin hier ist). Es ist Donnerstag und Donnerstag bedeutet, dass Angelina keine Vorlesungen oder Seminare hat.
Eigentlich würde sie gerne schlafen oder sich wegträumen (dorthin, dorthin wo -) oder einfach auf der Couch liegen, eingewickelt in eine flauschige Decke, die tröstlich und schwach nach Alicia und nach Kamillentee mit Honig riecht. Angelina würde die Augen schließen und versuchen zu vergessen, wo sie ist und wer sie ist und was sie macht und was in ihrem Leben alles schiefgegangen ist. Es kann nicht wahr sein, denkt sie verschwommen, es kann nicht. Das alles passiert nicht ihr. Nicht ihr.
Stattdessen hat Alicia sie geweckt, bevor sie zur Arbeit musste, hat ihr Frühstück gemacht und Angelina gezwungen, etwas Toast zu essen. Sie hat es nicht gesagt, aber Angelina weiß, warum: ihre Freunde denken, dass sie zu dünn wird. Dass sie vor lauter Traurigkeit vergisst zu essen. Dabei hat sie nur einfach keinen Appetit, weil nichts mehr schmeckt. Jedenfalls nicht so, wie sie es in Erinnerung hat.
Alicia hat gelächelt, während sie ihren Kaffee getrunken hat, und hat munter geplaudert, hat von der Arbeit erzählt und von dem, was sie heute vermutlich lernen wird, und Angelina hat sich gefragt, woher ihre Freundin die Kraft nimmt, jeden Morgen aufzustehen und Menschen zu heilen, wenn sie gleichzeitig miterleben muss, wie sich der Eine, dem Alicia so gerne helfen würde, nicht wirklich helfen lässt. Angelina hat keine Antwort.
Sie hat Alicia versprochen, etwas für die Uni zu tun und nicht nur herumzusitzen und dem Tag dabei zuzuschauen, wie er an ihr vorübergleitet. Und nur deshalb plagt sich Angelina nun mit diesem verfluchten Essay, der doch, ihrer Ansicht nach, sowieso nichts mit ihrem Studium zu tun hat. Sie studiert Magisches Recht, was interessieren ihre Dozenten da die Hintergründe? Was hat ihre persönliche Erfahrung mit ihrer Entscheidung zu tun, mit ihren Leistungen?
Angelina legt die Feder beiseite und greift nach dem siebten Pergament. Vorsichtig zieht sie es auseinander, glättet es mit ihren Fingern und liest die Zeilen, die sie vor ungefähr zwanzig Minuten geschrieben hat, bevor es nicht mehr weiterging, bevor wieder alles in ihr hochkam und sie eine Pause machen musste und wütend und verzweifelt das Pergament zerknüllt hat, weil es viel zu persönlich war, um jemals abgegeben zu werden.
Was mich dazu bewogen hat, mein Studium aufzunehmen? Was denken Sie denn? Wollten Sie etwa nicht Magisches Recht studieren, um all denen zu helfen, die unschuldig verurteilt und verfolgt wurden? Und um die zur Strecke zu bringen, die es verdient hatten? Wenn Sie darauf mit „Nein" antworten können, müssen Sie in einem anderen Jahrhundert aufgewachsen sein als ich.
Erinnern Sie sich an den Krieg? Ich schon. Ich habe ihn gehasst. Wirklich gehasst. Diesen verdammten Psychopathen, der sämtliche Muggelgeborene ausrotten oder als Sklaven der Reinblüter halten wollte. Wie verdreht und krank kann ein einzelner Mensch denn sein? Wie viel Wut muss in einem brodeln, dass man bereit ist, Unschuldige zu foltern und zu töten? Wie arrogant muss man sein, um denken zu können, dass man besser ist als die Anderen? Mehr wert?
Und was ist ein Menschenleben überhaupt wert? Galleonen? Schmerzen, Tränen, Trauer? In welcher Währung wird bezahlt? Wenn Sie es mir sagen, gehe ich hin und zahle den Preis.
Ich habe Freunde verloren. Im Krieg. Weil sie mutig waren und tapfer und noch an Gerechtigkeit glaubten (mehr, als ich es derzeit tue; mehr, als ich es nach diesem verfluchten Krieg noch kann), weil sie bereit waren, für ihre Überzeugung zu kämpfen, weil sie nicht einfach den Kopf drehen und wegschauen wollten, wenn etwas Furchtbares passiert.
Wo war unser Ministerium? Wo war unser Zaubereiminister, als der Dunkle Lord wiederkehrte? Er hat es verleugnet. Er hat es als Lügen und Ammenmärchen abgetan. Er hat diejenigen bestraft, die an die Wahrheit glaubten und sie verkündeten, um den Anderen klar zu machen, was wirklich passiert. Ich war dabei, als Dolores Umbridge Strafarbeiten verteilte, weil Harry Potter die Wahrheit sagte, die Wahrheit, die unbequem war und die verleugnet wurde, um einer Massenpanik entgegenzuwirken.
Ich war dabei, als Dolores Umbridge aufhörte, Verteidigung gegen die Dunklen Künste praktisch zu unterrichten, sondern uns Texte zu lesen gab, die harmlos waren und uns nichts beibrachten. Was hätte es mir genutzt, wenn ich auf dem Schlachtfeld stehen und mich und meine Freunde verteidigen müsste und alles, was ich tun könnte, wäre, mein verdammtes Lehrbuch aus der Tasche zu holen und einem Todesser an den Kopf zu werfen, weil man uns nicht im Geringsten vorbereitet hat?
Manchmal höre ich noch ihre Stimme: „Aber gegen wen sollten Sie sich verteidigen müssen? Dort draußen ist nichts und niemand, der Ihnen etwas Böses will. Sie sind hier sicher. Sie brauchen keine Verteidigungssprüche."
Das Ministerium hatte sie geschickt und sie machte ihre Aufgabe gut. Sie kämpfte gegen die Wahrheit und sie schaffte es, die Häuserrivalität weiter aufflackern zu lassen, indem sie den Slytherins mehr Freiheiten gewährte als den Anderen. Im Gegenzug arbeiteten die Slytherins für sie und gegen ihre Klassenkameraden. Gerechtigkeit? Gerechtigkeit sieht anders aus.
Gerechtigkeit ist, wenn man nicht wegsieht, wenn ein Muggelgeborener beschimpft und verhext wird. Gerechtigkeit ist, wenn man etwas dagegen unternimmt. Wenn man für Gleichheit eintritt. Wenn man keinen wahnsinnigen, psychopathischen Massenmörder unterstützt. Indirekt hat das Ministerium das getan, weil es der Öffentlichkeit die Wahrheit verschwiegen hat. Warum? Hatten unsere feinen Minister Angst? Bestimmt hatten sie das. Ich hatte auch Angst. Um mich, meine Familie, meine Freunde. Und trotzdem.
Wozu noch Justiz, wenn es doch sowieso keine Gerechtigkeit mehr gibt?
Ich weiß es nicht.
Ich weiß nur, dass ich das Gefühl hatte, es ihnen schuldig zu sein. All denen, die im Krieg gestorben sind, weil sie für die gute Sache gekämpft haben. Meinen Freunden. Denen, die noch Ideale hatten und die bereit waren, für diese Ideale sogar zu sterben.
Und jetzt? Ist unsere Gesellschaft jetzt gerecht? Muggelgeborene werden nicht mehr so stark diskriminiert. Endlich. Es gibt keinen Irren mehr, der durchsetzen will, dass Reinblüter die Welt regieren. Warum ich dann studiere? Gerechtigkeit hat zwei Seiten. Es reicht nicht, dass die Muggelgeborenen endlich die Anerkennung bekommen, die ihnen gebührt. Zu Gerechtigkeit gehört auch, dass diejenigen ihre Strafe bekommen, die-
Angelina starrt das Pergament an und schließt die Augen. Ihr Atem geht flach und schnell und sie kann nicht ganz begreifen, dass all diese Worte, schwarz auf weiß, mit hübsch geschwungenen Buchstaben, wirklich von ihr stammen. Sie hat nicht gewusst, wie viel Wut in ihr brennt, wenn sie nur das Ventil öffnet. Sie hat nicht gewusst, dass sie ihre Trauer so sehr mit Wut zu bekämpfen versuchen würde, würde man ihr nur die Möglichkeit geben.
(Sie hat ein bisschen Angst vor sich selbst. Sie war doch früher nicht so. Und ist es auch heute nicht, wenn nur jemand da ist, wenn nur Alicia neben ihr sitzt und ihr eine Tasse Tee reicht und mit ruhiger Stimme Angelinas Zittern wegstreichelt.)
Die anderen sechs Pergamente sind nicht besser. Angelina hat noch das ganze Wochenende über Zeit, diesen Aufsatz zu schreiben, aber sie weiß nicht, ob sie es schaffen wird, etwas ... Normales zustande zu bringen. Oder ob es immer so enden wird. Ob sie immer wütend und traurig werden wird und niemals objektiv. Wie sollte sie auch. Der Krieg war persönlich. Er ging sie etwas an, sie, er hat ihr etwas geraubt, ihre Unschuld, ihre Jugend, Fred.
Sie kann es nicht, stellt sie fest. Wie hat sie nur einmal denken können, dass sie in der Magischen Strafverfolgung arbeiten könnte, dass sie Urteile über jemanden fällen kann, den sie nicht kennt und von dem sie nichts weiß, dass sie jemanden verteidigen könnte, als Pflichtverteidiger, obwohl ihr bewusst ist, dass dieser Jemand schuldig ist, dass er Menschen gefoltert hat? Wie hat sie jemals denken können, dass dieser Beruf das Richtige für sie ist?
Angelina zwingt sich, ruhig weiterzuatmen, als sie spürt, wie eine Welle an Panik droht, über sie hinwegzuschwappen, sie zu verschlingen, sie darunter zu begraben. Sie schnappt nach Luft und wischt mit dem Arm die zerknüllten Pergamente vom Tisch, damit sie sie nicht mehr sehen muss. Sie donnert ihren Federkiel gegen die Wand und schaut zu, wie schwarze Tintensprenkel sich auf der hellen Tapete ausbreiten.
Auf dem Herd pfeift der Teekessel, den sie vorhin mit Wasser gefüllt hat. Angelina schiebt ihren Stuhl nach hinten und steht auf, holt eine Tasse aus dem Schrank und legt einen Teebeutel hinein, bevor sie ihn mit heißem Wasser übergießt. Sie lässt einen Löffel voll Honig dazugleiten und stellt sich vor, es wäre Alicia, die ihr den Tee zubereitet, stellt es sich vor, damit er besser schmeckt, weil sie Angst hat, dass ihr nichts mehr gelingt, nicht einmal mehr Teekochen.
Mit der heißen Tasse in der Hand geht sie zum Fenster und schaut hinaus. Draußen hat der Wind buntes Herbstlaub auf die Gassen geweht und die Blätter wirbeln und tanzen. Sie sehen bunt und fröhlich aus und in Angelinas Magengegend zieht es, weil sie sich so dringend wünscht, das auch wieder zu können: das Leben zu genießen, in vollen Zügen, den Kopf frei zu haben von düsteren Gedanken, einfach leben und lachen und sich vom Wind treiben lassen.
Sie legt ihre Stirn an die Scheibe und schließt die Augen, versucht, sich zu beruhigen, die Wut wieder abzuschütteln, die sich wie ein hungriges Tier an ihr festgesaugt hat. Es ist schwieriger als erwartet. Draußen wartet eine ganze Welt und alles, woran Angelina denken kann, ist die Vergangenheit und das, was verloren gegangen ist. So viele Jahre, denkt sie, noch so viele Jahre, die vor ihr liegen und mit Leben gefüllt werden wollen. So viele Jahre.
Und der Gedanke macht ihr Angst.
ii)
Seitdem er um neun Uhr die Tür entzaubert hat, steht die Ladenglocke kaum still und bimmelt leise ihr fröhliches Lied. George beantwortet geduldig die unzähligen Fragen seiner kleinen Kunden und amüsiert sich ein wenig, als ihn ein Junge mit sehr ernster Stimme fragt, ob er vielleicht in ein paar Jahren auch in einem Scherzartikelladen arbeiten kann, wenn seine Noten gut genug sind. George sagt „Na klar" und zerzaust ihm die blonden Haare und es gibt ihm einen Stich ins Herz, wie sehr ihn der Junge deswegen anstrahlt.
Die Mutter des Kleinen verdreht gutmütig die Augen und meint „Darüber reden wir aber nochmal, Castor" und George zuckt zusammen, weil er sich automatisch fragt, ob es auch einen Pollux gibt. Er bringt ein Lächeln zustande und schenkt dem Jungen einen knallroten Juxzauberstab, als die Mutter nicht hinsieht. „Aber pssst!", macht George verschwörerisch und Castor nickt mit großen Augen und sieht George an, als wäre er ein Held.
Ron hat den Laden gut in Schuss gehalten, stellt George zufrieden fest. Die Regale sind aufgefüllt, alle Produkte sind vorhanden und in Reih und Glied so aufgestellt, dass man sie gut anschauen kann. Die Kasse hat gestimmt und Ron hat sogar ein Pergament hinterlassen, auf dem er notiert hat, dass im Lager nur noch eine Kiste Langziehohren vorhanden ist. Es scheint, als wären sie der Renner unter den diesjährigen Hogwartsschülern, die regelmäßig Bestellungen aufgeben.
George hat gut geschlafen. Viel besser als in der Nacht davor, als ihn Alicias trauriges Gesicht begleitet hat und seine Gedanken sich immer wieder im Kreis drehten. Stattdessen hat er gestern mit seinen Eltern und Ron zu Abend gegessen, hat ein halbwegs vernünftiges Gespräch zustande gebracht und ist dann in Charlies Zimmer eingeschlafen, weil er in (seinem und Freds) dem anderen nicht sein wollte. Er hat dem Haus zugehört, wie es sich gegen den Wind wehrte und dann sind ihm irgendwann die Augen zugefallen und er hat tief und traumlos geschlafen.
Heute Morgen ist nur seine Mutter noch zu Hause gewesen; Dad und Ron waren bereits auf Arbeit. Seine Mum hat ihm Tee gekocht und Sandwichs gemacht, für die Mittagspause, damit er etwas zu essen hat, und George hat „Danke" gesagt und sie beim Abschied kurz auf die Wange geküsst. Er hat sich nicht umgedreht, als er gegangen ist, doch er glaubt, dass seine Mum geweint hat (und er hat es nicht sehen wollen).
Und jetzt, jetzt kann er ein bisschen verloren gehen in all dem Trubel, der im Laden herrscht. Er fühlt sich wohl, als wären die Scherzartikel alte Freunde, die er länger nicht getroffen hat, und er begrüßt jeden einzelen von ihnen still. Sickel, Knuts und sogar Galleonen wandern in die Kasse und vereinzelt wird George von besorgten Kunden gefragt, ob es ihm wieder besser gehe, man habe von seinem Unfall gehört und hoffentlich sei nichts Schlimmes passiert.
George lacht und winkt ab und erklärt, dass alles in bester Ordnung sei (Ist es das?), aber irgendwo in ihm tut es merkwürdig gut, dass es Menschen gibt, Menschen, die ihn gar nicht richtig kennen, und die trotzdem wissen wollen, wie es ihm geht, auch wenn bestimmt die Hälfte nur höfliche Floskeln sind.
Er bekommt nicht mit, wie sich die Tür öffnet und jemand hereinkommt, den er kennt. Er merkt es erst, als Lee vor ihm an der Kassentheke steht und ihm direkt ins Gesicht blickt. Und plötzlich ist George nervös. Weil er keine Ahnung mehr hat, wie man sich Freunden gegenüber verhält, wie man etwas wieder gut macht, was man so kolossal gegen die Wand gefahren hat, wie man Lee sagt, dass er einem fehlt.
„Hallo", sagt George und versteift sich. Lee grinst. „Hi", antwortet er lässig, „Ich bräuchte da ein paar Wunderknaller und sonstigen Kleinkram. Ich habe gehört, der Laden hier soll ganz gut sein?" George verdreht die Augen, aber er kennt Lee gut genug, um zu wissen, dass es ein Versöhnungsangebot ist, ein Lass-uns-die-Sache-vergessen und er ist nur allzu bereit, darauf einzugehen.
(Er ist nur allzu bereit, alles zu tun außer darüber zu reden, außer sich damit auseinanderzusetzen, was Lee ihm an den Kopf geworfen hat und umgedreht.)
„Ist er auch", stimmt George zu und sieht Lee nachdenklich an. Es ist unfair, denkt er verschwommen, es ist unfair, dass man es Lee körperlich nicht anmerken kann, wie schlecht es ihm geht, wie schlecht es ihm gehen muss, denn schließlich steckt er doch in der gleichen Situation wie sie alle. George gibt sich einen Ruck. „Warum bist du hier? Ich meine", verbessert er sich, als Lee bereits den Mund öffnet, „Warum bist du wirklich hier? Komm mir nicht mit der Scherzartikelnummer. Ich kenne dich zu lange und zu gut."
„Achja?", erwidert Lee leise und klingt merkwürdig verletzt, „In letzter Zeit hatte ich da, ehrlich gesagt, meine Zweifel. Ich bin mir nicht sicher, ob du mich überhaupt noch kennst. Ob du auch nur die geringste Ahnung davon hast, wie es mir geht. Und, was das Schlimmste ist: ob es dich überhaupt interessiert oder ob es dir sowieso egal ist. Sag mir das, George."
George starrt ihn an und es ist, als hätte jemand mit einer Handbewegung alle Wörter aus seinem Kopf entfernt. Er weiß nicht, was er sagen soll, und je länger er wartet, desto zynischer und verbitterter wird das schmale Lächeln in Lees Gesicht.
„Schade", murmelt Lee und steckt die Hände in seine Hosentaschen, „Ich dachte wirklich, wir könnten uns vielleicht wieder zusammenraufen, irgendwie. Ich meine – wir kennen uns so lange, wir waren befreundet, Merlin nochmal, wir haben gemeinsam die ganze Schule auf den Kopf gestellt. Weißt du das noch? Und jetzt willst du das alles wegwerfen? Oder willst du sowieso dein ganzes Leben wegwerfen und denkst dir, du könntest ja mit unserer Freundschaft mal anfangen? Verdammt, George, rede mit mir!"
Er ist nicht laut geworden, aber die Art und Weise, wie er die letzten Sätze herausgezischt hat, die Verzweiflung, die in seiner Stimme mitschwang, sind schlimmer als es jeder Wutanfall sein könnte.
George denkt, dass es vollkommen und ganz und gar surreal ist. Dass er hier steht und sein Leben gerade zerfällt, während um ihn herum all die Kinder toben, die sich juchzend Scherzartikel aussuchen und fröhlich lachen und ihre Mütter an den Roben ziehen, um sie auf etwas aufmerksam zu machen. George fühlt sich wie ein Außenseiter, wie der Fremde, den man anstarrt und auf den man mit dem Finger zeigt. Wie ein Aussätziger, wie jemand, der Anderen die Freude stiehlt und stattdessen in Melancholie versinkt. Er hat doch niemals so werden wollen.
(Er hat doch niemals so werden können. Nicht er, George Weasley, Streichespieler und Gute-Laune-Mensch. Da muss eine Verwechslung vorliegen. Das hier ist nicht sein Leben. Ganz sicher nicht.)
Es tut weh, was Lee ihm vorwirft (und gleichzeitig stimmt es ein Stück weit, oder etwa nicht?). „Nein, verdammt", faucht George mit einer Intensität, die ihn erschreckt und beunruhigt und freut zugleich (wenn er noch wütend werden kann, sind noch Gefühle da und Gefühle sind gut, Gefühle bedeuten, dass er noch am Leben ist), „Nein, ich will das nicht wegwerfen, es ist nur so ... so ..."
„So verflucht beschissen, dass wir nur noch zu zweit sind", beendet Lee den Satz und schaut ihm direkt in die Augen. George schluckt schwer, krallt sich mit den Händen an der Kasse fest und flüstert „Ja" um den Kloß in seinem Hals herum. „Ich weiß", sagt Lee und seine Augen halten George fest, halten ihn davon ab, wahnsinnig zu werden in diesem Moment, „Ich weiß. Geht mir auch so. Also tu mir den Gefallen und hör auf, dich abzukapseln. Wir stehen das gemeinsam durch. Wir schaffen alles. Weißt du nicht mehr?"
George zuckt die Achseln. „Keine Ahnung", antwortet er, „Ich glaube, ich hab's vergessen. Dass es sich besser anfühlt, wenn man etwas nicht alleine machen muss. Ich war nie alleine. Und jetzt -" „Bist du es auch nicht", fällt ihm Lee scharf ins Wort und wirft ihm einen genervten Blick zu, „Mensch, George. Kapierst du es nicht oder willst du es nicht kapieren? Deine gesamte Familie sorgt sich um dich. Ginny kommt extra aus Hogwarts, Charlie aus Rumänien, nur um sicherzugehen, dass du halbwegs in Ordnung bist. Deine Mum und dein Dad würden alles für dich tun. Ganz zu schweigen von deinen Freunden."
George betrachtet die Kasse und lässt Lees kleine Rede über sich regnen. Irgendwo weiß er, dass Lee Recht hat, aber- „Ich will das nicht", sagt er fest und hebt nun doch wieder den Blick, „Ich will kein Mitleid, verstehst du? Ich bin-" „Ein Volltrottel, das bist du", knurrt Lee und spricht so schnell weiter, dass George gar keine andere Wahl hat als weiterhin zuzuhören, „Wir bemitleiden dich doch nicht, wir leiden mit dir, verflucht nochmal. Ich hab's dir schonmal gesagt, aber ich wiederhole es gerne für dämliche Idioten wie meinen besten Freund: uns allen geht's ebenso beschissen wie dir. Also gib uns endlich die Möglichkeit, das gemeinsam wieder auf die Reihe zu kriegen."
„Fertig mit den Beleidigungen?", will George aufgebracht wissen und möchte eigentlich noch hinzufügen, dass das hier immerhin sein Laden ist und dass er es nicht so gerne hat, wenn er da angefaucht wird, aber Lee scheint das nicht weiter zu kümmern. „Nein!", schnaubt Lee und seine Augen blitzen, „Ich habe gerade erst angefangen! Ansonsten traut sich ja offenbar keiner, mal so mit dir zu reden, weil sie alle denken, du wärst aus Porzellan und würdest beim kleinsten Bisschen kaputtgehen."
(Und George kommt nicht umhin, ihm da Recht zu geben.)
„Ich habe es satt, dass du einen auf waidwundes Reh machst und dich abkapselst und deine gesamte Familie und all deine Freunde von dir wegschiebst als wären wir Abschaum, als wären wir zu doof oder zu unsensibel, um zu begreifen, was in dir vorgeht. Aber weißt du was? Du tust uns damit verdammt weh. Es reicht nicht, dass wir alle damit zu kämpfen haben, dass Fred auf einmal nicht mehr da ist, nein, stattdessen müssen wir uns auch noch damit herumplagen, dass du beschlossen hast, dein beschissenes Leben wegzuwerfen und alle, denen du etwas bedeutest, mit in den Abgrund zu nehmen.
Hast du dir deine Mutter mal angeschaut? Oder Angelina? Alicia? Verdammt, George, ein Blinder kann sehen, wie mies es ihnen geht und wie sehr sie leiden und zwar nicht nur wegen Fred, sondern auch wegen dir, weil es sich anfühlt, als wäre nicht nur Fred tot, sondern du auch, begreifst du das denn nicht? Und wir bemühen uns nach Leibeskräften, aber du hältst uns immer auf Abstand und nach jedem Lichtblick ist die Schwärze nur noch schlimmer. Immer, wenn ich denke, jetzt geht es vorwärts, jetzt wird alles besser, passiert wieder irgendwas und du verkriechst dich erneut in deinem Schneckenhaus und wir stehen draußen und müssen zuschauen und am liebsten würde ich -"
George ist es ein Rätsel, wie Lee ihm all diese Dinge sagen kann, ohne dabei laut zu werden. Er zittert ein bisschen, aber Lee zittert mehr und gerade klammert er sich an der Theke fest und ringt nach Atem, als würde er gleich zusammenbrechen.
„Warum bist du gekommen?", erkundigt sich George leise und Lee lacht freudlos auf. „Weil du hier nicht weglaufen kannst", teilt er ihm mit, „Und weil ich mich nicht mehr wegschicken lasse. Nicht von dir." Er schweigt kurz und schaut dann auf, mitten in Georges Gesicht. „Was glaubst du denn?", fragt er leise zurück, „Weil du mir fehlst, du blöder Idiot. Weil es mir wehtut, was du mit deinem Leben machst. Weil ich meinen besten Freund zurück haben will."
George schweigt und schaut weg. Er glaubt, dass er sonst gleich ganz unmännlich anfangen wird mit Heulen, wenn er weiterhin in Lees verletztes Gesicht sieht. „Und", setzt Lee da wieder an, „Weil ich Karten habe. Quidditch. Am Samstag. Oliver spielt und sogar Katie kommt mit, weil sie erst am Sonntag dran ist, und wenn du nicht Ja sagst, prügele ich dich eigenhändig dorthin. Klar?"
George schluckt. Und nickt. „Klar", macht er mit rauer Stimme und starrt weiterhin aus dem Fenster.
Die Glocke bimmelt leise. Lee ist gegangen.
iii)
Fleur öffnet die Tür und obwohl Ron weiß, dass es unhöflich ist und dass man sowieso noch nichts erkennen kann, starrt er trotzdem auf ihren Bauch und versucht zu begreifen, dass darin ein Baby heranwächst. „'Allo, Ron", lächelt sie und streicht sich ein paar verirrte, blonde Strähnen aus dem Gesicht, „Du willst bestimmt zu Bill, n'est-ce pas?" Ron nickt, weil er zu mehr nicht in der Lage ist, weil Fleur ihren Zauber nun einmal nicht verloren hat.
Fleur schiebt Ron in Richtung Wohnzimmer und erzählt, dass Bill noch unterwegs ist, ein bisschen einkaufen, aber dass er sicher gleich kommen wird und dass das Abendessen schon fertig ist, wenn Ron also Hunger haben sollte ...? Ron ist beinahe überfordert mit soviel Freundlichkeit und fragt sich verwirrt, ob Fleur dank der Hormone gerade ihre mütterliche Seite entdeckt.
Er wird in einen flauschigen Sessel gedrückt, direkt neben dem prasselnden Kaminfeuer und vor dem Fenster, das jetzt nur den Blick freigibt auf den nachtblauen Himmel, aber von dem aus man tagsüber das Meer betrachten kann, das gegen die Felsen schlägt und hungrig am Land leckt, als würde es sich mit seinem Seereich noch nicht begnügen.
„Ähm ... Etwas Eintopf wäre toll, ja", murmelt er und schaut zu, wie Fleur in der Küche verschwindet. Ron mag Shell Cottage. Für ihn hat das Haus diese Mischung aus Abenteuer, Freiheit und Gemütlichkeit. Er fühlt sich wohl, hier, in diesem Sessel (es wäre ihm nur lieber, Bill käme endlich nach Hause, weil er nämlich nicht die geringste Ahnung hat, worüber er mit Fleur so reden soll).
„'ier, pour toi", reißt ihn Fleur aus seinen Gedanken und schiebt ein Tablett, vollgestellt mit einem großen, dampfenden Teller und einigen Scheiben Brot, auf seinen Knien ab. Sie drückt ihm einen Löffel in die Hand und lächelt. „Danke", erwidert Ron das Lächeln, „Das ... das wäre wirklich nicht nötig gewesen.", aber Fleur winkt nur ab und macht es sich auf der Couch bequem, während Ron schweigend den Gemüseeintopf probiert.
Er schmeckt besser als er erwartet hat. Und er ist so heiß, dass er Ron beinahe den anstrengenden Tag aus den Knochen brennt.
Fleur sieht ihm interessiert beim Essen zu und Ron bemüht sich seinerseits konzentriert, sich davon so wenig wie möglich aus der Fassung bringen zu lassen. Er hat nicht unbedingt gerne Zuschauer, wenn er Gemüseeintopf futtert. „Sehr gut", sagt er nach einer kleinen Weile und schaut vorsichtig zu Fleur, die sich offenbar über sein Lob freut. Ron schiebt sich hastig erneut den Löffel in den Mund, weil er nicht weiß, wie er Konversation mit seiner Schwägerin betreiben soll.
Dann fällt klappernd die Tür ins Schloss und rettet Ron aus seiner misslichen Lage. „Bin wieder da!", ruft Bill vom Flur aus und kommt dann pfeifend ins Wohnzimmer. Er wirft Ron einen leicht erstaunten Blick zu, sagt jedoch nichts außer „Hallo, schön dich zu sehen" und beugt sich dann nach unten, um Fleur zu begrüßen.
Ron schaut automatisch beiseite und lieber auf seinen halbleeren Teller. Er findet es merkwürdig ... vertraut und intim, wenn man jemanden begrüßt, den man liebt, und er will Bill und Fleur dabei weder beobachten noch stören. (Er will im Gegenzug ja auch nicht, dass jemand dabei ist, wenn er Hermione begrüßt. So einfach ist das.)
„Du 'ast bestimmt großen Appetit", kann er Fleur sagen hören und im nächsten Moment ist sie bereits wieder in der Küche verschwunden und Ron traut sich, den Kopf zu heben. Bill sitzt einigermaßen verwundert auf dem Sofa und blickt zurück. „Du hast sie an einem ihrer besten Tage erwischt", wispert er so leise wie möglich, „So gute Laune hatte sie schon ewig nicht mehr. Ganz zu schweigen davon, dass sie gekocht hat. Und man es offenbar ja auch essen kann, wenn ich mir deinen Teller so ansehe."
Ron verschluckt sich vor Lachen an seinem Eintopf und röchelt ein „Lecker!", als Fleur mit dem Teller für Bill wiederkommt. Sie nickt Ron erfreut zu und teilt Bill dann mit, dass sie oben im zukünftigen Kinderzimmer ist, um dort ein wenig für Ordnung zu sorgen. Bill sagt „Okay" und „Danke für den Eintopf" und dann essen er und Ron schweigend ein paar Minuten lang, während es im ersten Stock leise poltert.
„Versteh einer schwangere Frauen", murmelt Bill kopfschüttelnd, „Vorhin musste ich unbedingt noch nach Tinworth rüberapparieren, um ihr frische Äpfel zu besorgen, weil sie fuchsteufelswild wurde, weil der Obstkorb leer war, und jetzt komme ich nach Hause, sie strahlt, ist bester Laune, hat dich mit Essen versorgt und ist die Ruhe selbst. Kannst du mir das erklären?"
„Haha", macht Ron trocken, „Denk nochmal nach, willst du diese Frage wirklich mir stellen? Ich bin alles andere als ein Experte, was Frauen angeht. In neun von zehn Fällen verstehe ich weder Mum noch Ginny noch Hermione. Das sagt doch schon alles." Bill lacht und schiebt sich sein letztes Stück Brot in den Mund, ehe er seinen leeren Teller auf dem Tisch abstellt. „Stimmt", muss er zugeben, „Aber glaub mir eines: schwanger sind Frauen nochmal ein ganzes Stück komplizierter."
Ron grinst und stellt sein Tablett neben Bills Teller ab. „Glaub ich dir", meint er und macht es sich in dem Sessel gemütlich. Das warme Kaminfeuer macht ihn ein wenig schläfrig, dabei wollte er eigentlich nur kurz vorbeischauen und dann nach Hause flohen. „Langen Tag gehabt?", erkundigt sich Bill, schwenkt seinen Zauberstab und lässt zwei leere Gläser sowie eine Karaffe voll Feuerwhisky herbeischweben, ehe er fragt „Du trinkst doch einen mit, oder?"
Ron nickt „Klar" und stopft sich ein Kissen in den Rücken. „Langen Tag kann man wohl sagen. Entweder bin ich innerhalb der zwei Tage, die ich im Scherzartikelladen ausgeholfen habe, vollkommen verweichlicht oder aber Kingsley hat in der Zwischenzeit ordentlich angezogen und hat sich zum kleinen Tyrannen entwickelt. Du glaubst ja gar nicht wie mir der Rücken wehtut von all den Flüchen, die ich lernen musste abzuwehren."
Bill kann sich nur mit Mühe das Grinsen verkneifen und beschäftigt sich lieber damit, die zwei Gläser mit der dampfenden Flüssigkeit zu füllen. „Hier", sagt er und lässt das eine rüber zu Ron fliegen, „Cheers. Auf einen ruhigen Abend." „Auf einen ruhigen Abend!", stimmt Ron zu und nimmt einen kräftigen Schluck, ehe er anfängt zu husten. Er hat ganz vergessen, wie stark das Zeug ist.
„Charlie hat geschrieben", erzählt Bill in die behagliche Stille hinein, „Er ist wieder gut in Rumänien angekommen. Aber er macht sich Sorgen. Um George." Ron verzieht das Gesicht zu einer Grimasse. „Wer von uns tut das nicht?", will er wissen und Bill seufzt zustimmend. „Außerdem", fährt er fort und man kann sein Lachen sehen und hören gleichzeitig, „findet Charlie, dass Percys Nase viel besser aussieht, seitdem Georgie draufgehauen hat."
Ron prustet los (Das ist überhaupt nicht komisch! sagt die Hermione in seinem Kopf, Oder findest du es etwa witzig, wenn dein einer Bruder den anderen schlägt?) und auch Bill macht einen ziemlich erheiterten Eindruck. „Es stimmt aber", stellt Bill amüsiert fest, „Gut, die Brille sitzt jetzt vielleicht ein bisschen schief, aber sonst ... kein Vergleich zu vorher!" Der Feuerwhisky in Rons Glas schwappt bedenklich, weil seine Hand vor Lachen so zittert, während Bill laut überlegt, ob man Percy darauf ansprechen sollte oder nicht.
„Aufhören!", japst Ron, „Aufhören! Mir tut schon der Bauch weh vor Lachen ..." Bill hat gnädigerweise ein Einsehen und stellt seine Kommentare ein, sodass sich Ron langsam wieder beruhigen kann. Er nippt an seinem Feuerwhisky und trinkt ihn in vielen, kleinen Schlucken aus, bis ihm der Rauch aus den Ohren und Nasenlöchern steigt und sich diesmal Bill kaputtlacht, während Ron ein bisschen hilflos mit den Händen wedelt und versucht, den Dampf zu vertreiben, damit er nicht aussieht wie ein kaputter Schornstein. Es nützt jedoch nichts.
„Oh, Merlin", stößt Bill hervor, „Ich glaube, ich habe schon ewig nicht mehr so viel in so kurzer Zeit gelacht. Ist das nun gut oder traurig?" Ron zuckt die Achseln. „Weiß nicht", antwortet er leise, „Sagen wir: gut. Aber wir sollten wieder häufiger lachen. Finde ich. Und zwar nicht nur über Percys schiefe Nase." Bill grinst und meint leise und verschwörerisch: „Versuch mal, viel zum Lachen zu finden, wenn deine schwangere Frau dir den letzten Rest deiner Nerven raubt, weil du die falsche Schokolade gekauft hast." Ron bricht wieder in Gelächter aus und als Bill seinen Zauberstab schwenkt, füllen sich die Whiskyglässer erneut.
Oben im ersten Stück schüttelt Fleur den Kopf und murmelt „Männer".
tbc.
