Anmerkung: Ohwei. Nach über einem Jahr Pause weiß ich nicht, ob es eigentlich noch Leser gibt, die Interesse an dieser Geschichte haben. Ich versuche es trotzdem einmal und sage "Entschuldigung" für die gigantische Wartezeit.
Das heutige Kapitel ist ein bisschen anders (vor allem, weil zum ersten Mal richtig viele unsere Hauptfiguren zur gleichen Zeit am gleichen Ort sind), aber ich hoffe, es gefällt trotzdem.
Für ametista; für ihre Reviews, für ihr Interesse an dieser Geschichte, fürs Lesen. Danke.
Vom Brauchen und Gebrauchtwerden
Teil Zehn
i)
„Hier", sagt jemand und eine Hand mit einem duftenden Becher schiebt sich in Olivers Blickfeld. Er hebt den Kopf und Connor, sein Mannschaftskamerad, der als Sucher spielt, schenkt ihm ein schiefes Grinsen. „Du siehst aus, als könntest du einen Kaffee gebrauchen", findet er und stellt den Becher neben Oliver auf der Bank ab, „Du bist ein bisschen grün im Gesicht. Schlecht gefrühstückt?" Oliver schneidet ihm eine Grimasse und greift dankbar nach dem Kaffee. „Überhaupt nicht gefrühstückt", korrigiert er Connor, „Ich hatte Angst, dass es sonst für unsere Zuschauer unappetitlich werden könnte."
Connor lacht und lässt seine Tasche neben Olivers auf den Boden plumpsen. „Nein", grinst er, „Sag jetzt nicht, du bist aufgeregt?" Er ist laut genug, dass es auch alle Anderen in der Mannschaftskabine hören und vereinzelt werden Pfiffe laut. Oliver verdreht die Augen, aber er kennt seine Kollegen gut genug, um zu wissen, dass es nicht böse gemeint ist, nur ein wenig amüsiert und spöttisch, und so richtig verübeln kann er es ihnen nicht. Er ist noch immer der Jüngste in der Mannschaft, obwohl er mittlerweile auch kein Frischling mehr ist im Profiquidditch. Und trotzdem, das flaue Gefühl in der Magengegend bleibt.
Er schließt die Augen, atmet Kaffeegeruch ein und nimmt einen tiefen, ersten Schluck. Normalerweise wechseln sich er und Connor bei ihren morgendlichen Trainingseinheiten damit ab, wer dem jeweils Anderen Kaffee mitbringt, und es hat den Vorteil, dass Connor ziemlich genau weiß, wie viel Milch und Zucker er hineinrühren muss, um Oliver bei guter Laune zu halten. „Danke", murmelt Oliver, „Der ist gut. Wirklich." Connor zuckt mit den Achseln und schlüpft aus seinen Schuhen. „Hauptsache, du wirst wach und verlierst deine Nervosität", meint er und zwinkert Oliver zu, während er seine Schuhe achtlos unter die Bank kickt und in seiner Tasche nach einem Handtuch wühlt.
„Ich fürchte", meint Oliver, „so ganz werde ich die wohl nie loswerden. Aber solange ihr das der Konkurrenz nicht verratet, müsste alles gut gehen." Sie lachen alle und es löst die Spannung, die sich vor einem Ligaspiel meist in der Umkleidekabine ausbreitet. Es dauert noch eine kleine Weile, bis sie tatsächlich nach draußen müssen, und Oliver gönnt sich die Zeit, um in Ruhe seinen heißen Kaffee zu trinken und dabei seine Nerven zu entspannen. Er kann sich noch genau an sein allererstes Profispiel erinnern (und daran, wie er kurz vor Beginn alle zwei Minuten aufs Klo gerannt ist) und daran, wie schlecht es ihm ging und wie aufgeregt er war. Während des Spiels hat er dreimal den Quaffel in die Magengrube bekommen und dann war, fand er, seine Übelkeit wenigstens berechtigt. Das Spiel haben sie trotzdem gewonnen und irgendwie war hinterher alles egal. Dann gab es nur noch pure Euphorie und ein Glücksgefühl, das stärker war als alles Andere.
Der Kaffee steigt ihm zu Kopf und beruhigt ihn, doch sein Magen entwickelt scheinbar ein Eigenleben und teilt ihm bockig mit, ob er etwa vergessen hat, dass nachher dort draußen die Hälfte seines alten Teams sitzen wird. Rational betrachtet weiß Oliver natürlich, dass ihn das nicht nervös machen sollte, aber das tut es trotzdem. Merlin, er hat Jahre damit verbracht, seine Spieler zur Höchstform anzutreiben, da will er sich ihnen heute bestimmt nicht von seiner schlechten Seite zeigen.
Connor stupst ihn sachte an der Schulter an und mustert ihn besorgt. „Alles in Ordnung?", erkundigt er sich leise und Oliver bekommt ein Grinsen hin. „Klar", antwortet er, „Geht das eigentlich irgendwann mal vorüber?" Connor sieht ihn einen Moment lang fragend an, dann huscht Verstehen über sein Gesicht. „Das Magenflattern, meinst du?", hakt er nach und erwidert Olivers Grinsen, als er nickt. „Ich glaube nicht", sagt Connor und klingt dabei so unbeschwert, wie Oliver sich gerne fühlen würde, „Macht aber nichts. Nervosität gehört dazu. Wenn du nicht mehr aufgeregt wirst, nimmst du es auch nicht mehr ernst. Und du solltest jedes Spiel immer ernst nehmen, sonst kannst du nicht gewinnen."
„Hört, hört", tönt es von der anderen Seite der Kabine und Mickey, wie sie ihren Kapitän liebevoll nennen, steckt seinen Kopf an der Bank in der Mitte vorbei. „Weise Worte", nickt Mickey zwischen Anerkennung und leichtem Spott, „Lass dich nicht unterkriegen, Wood. Dein letztes Training war perfekt und die Arrows werden sich ihre Ärsche aufreißen müssen, um den Quaffel an dir vorbeizubekommen." Auf Mickeys raue, wenn auch herzliche Art war das ein Kompliment und die verteilt er nicht allzu häufig, aber in diesem Moment hilft es, das Grummeln in Olivers Magen verstummen zu lassen.
Er stellt seinen ausgetrunkenen Kaffeebecher beiseite, zieht sich seinen dicken Kapuzenpullover über den Kopf und faltet ihn zumindest halbwegs ordentlich zusammen, ehe das T-Shirt direkt folgt. Die gemütliche Trainingshose landet ganz oben auf dem Haufen und Oliver bückt sich, um in seiner Tasche nach den speziellen Hüterhosen zu suchen, die er sich (für mehr Galleonen, als man eigentlich für ein Paar Hosen ausgeben sollte) zum letzten Geburtstag gegönnt hat, gemeinsam mit dem dünnen Pullover aus magischer Wolle, der sich praktischerweise der Körpertemperatur und den Witterungsbedingungen anpasst, sodass man nicht frieren sollte.
Seine Mannschaftskameraden sind zum Teil bereits vollständig angezogen, wie Oliver bemerkt, aber manche trödeln auch herum und wieso nicht, sie haben knapp 20 Minuten bis zum Anpfiff. Trotzdem schlüpft er nun in Hose und Pullover, ehe er besockt zu seinem Spind läuft und seine Quidditchrobe herausholt. Er findet den marineblauen Umhang noch genauso schön wie damals, als er ihn zum ersten Mal getragen hat. Oliver streicht über den weichen Stoff und breitet den Umhang auf der Bank neben seinem Kleiderbündel aus, während er in den Tiefen seines Spinds nach seinen Schuhen kramt.
„Wood!", brüllt dann plötzlich jemand quer durch die Kabine, Connor zuckt erschrocken zusammen und Oliver stößt sich den Kopf an seinem Spind an. „Au!", gibt er statt einer richtigen Antwort von sich und erneut tönt ein bellendes „Wood!" durch den Raum, diesmal bereits um einiges gereizter. „Anwesend", ruft Oliver zurück und reibt sich mit der Hand über die schmerzende Stelle an seinem Hinterkopf. „Klugscheißer", bekommt er zu hören, „Beweg deinen Hintern hierher!" Connor kann sich das Grinsen kaum verkneifen, als er Olivers genervten Gesichtsausdruck bemerkt, doch der, der schreit, ist Matthew Linton und seines Zeichens Puddlemere Uniteds Hütertrainer und Oliver kann sich Besseres vorstellen, als seinen Spezialcoach zu verärgern.
„Ja?", macht er deswegen verwirrt, während er durch die Kabine schlurft, „Was ist denn los? Hab' ich irgendwas falsch gemacht?", obwohl er eigentlich weiß, dass man Matthew diese Frage besser nicht stellen sollte. Irgendetwas hat man in der Regel immer falsch gemacht. „Wood", nickt Matthew ihm grüßend entgegen, „Morgen. Will 'n gutes Spiel sehen, weißt du ja. Also streng dich an." Oliver nickt brav zurück und überlegt, ob sein Trainer extra vorbeigekommen ist, um ihm das noch einmal mitzuteilen, für den Fall, dass Oliver es während der letzten Trainingseinheiten etwa nicht mitbekommen hat. „Noch was?", erkundigt er sich daher und es ist nicht gerade zu seinem Vorteil, dass hinter ihm in der Kabine Connor und Mickey in Gelächter ausbrechen, das sich nur schwerlich als Husten tarnen lässt.
Matthew zieht die Augenbrauen in die Höhe und Oliver weiß, wäre es nicht eine knappe Viertelstunde vor dem Spiel, dann würde ihn sein Trainer jetzt wohl zehn Strafrunden um das Feld laufen lassen für einen Kommentar, der nach Matthews Ansicht ein wenig unangebracht war. Seitdem Oliver unter ihm trainiert, kann er halbwegs nachvollziehen, wie sich sein eigenes Team wohl bei ihm gefühlt haben muss. „Nein", erwidert Matthew dann trocken, „Draußen steht eine junge Dame, die dich sprechen will, Wood. Du hast zwei Minuten. Lass dir keine Teamgeheimnisse entlocken und hab' deine Hormone im Zaum, klar?"
Es regnet anzügliche Pfiffe und Oliver steigt die Röte in die Wangen, obwohl er gedacht hat, dass er aus dem Alter nun wirklich raus ist. „Geht klar", seufzt er, fährt sich durch die Haare und überlegt, welche junge Dame ihn wohl erwartet. Wenn überhaupt, dann hätte er damit gerechnet, dass sich Lee vor dem Spiel noch einmal blicken lässt, aber der will vermutlich Angelina und George nicht aus den Augen lassen. Nur für den Fall. Matthew gibt die Tür frei und Oliver huscht nach draußen in den Gang. Sein Hinterkopf pocht beharrlich und erinnert ihn daran, dass er gleich noch einmal einen Eisbeutel auflegen sollte, ehe er zum Spiel muss.
„Na, Käpt'n?", grüßt ihn eine grinsende Katie und Olivers Magen veranstaltet etwas ziemlich Merkwürdiges. Und das, wo er doch geglaubt hat, seine Nervosität erfolgreich bekämpft zu haben. „Katie", sagt er, ein bisschen überrascht, „Du bist also die junge Dame, wegen der mein Trainer mich gerade am liebsten erdolchen würde, weil er Angst hat, ich würde dir unser Erfolgsrezept verraten." Seine Augen huschen automatisch über sie und er stellt fest (wieder einmal), dass sie hübsch aussieht. Sie trägt dunkelblaue Jeans, die ein klein wenig eng sitzen, ein rotes Shirt und einen schwarzen, kuschlig wirkenden Kapuzenpullover. Die dunkelblonden Haare sind zu einem unordentlichen Pferdeschwanz gebunden und wenn Oliver es nicht besser wüsste, dann könnte er glatt glauben, dass sie gerade einmal siebzehn ist. Sie wirkt jung und strahlend, wie damals, als sie noch gemeinsam auf das Quidditchfeld marschiert sind.
„Ich wollte dir nur viel Glück wünschen", meint sie und zwinkert ihm zu, „So unter Kollegen. Lass dich von den Arrows nicht unterkriegen, auch wenn sie ihren Namen leider wirklich zu Recht tragen. Ihre Jäger sind pfeilschnell, aber das weißt du sicherlich selbst. Pass auf O'Donnell auf, die ist verflucht flink und ziemlich geschickt darin, Finten anzutäuschen und die Hüter auszutricksen." Oliver schaut Katie ein bisschen überrascht an, denn er hat nicht wirklich damit gerechnet, dass sie kommt und ihm noch ein paar Tipps gibt. Natürlich hat er die Jäger der Appleby Arrows und ihre Spielzüge genauestens studiert, er ist schließlich Profi und verdient seine Galleonen damit, den Quaffel nicht durch seine Ringe zu lassen, aber dummerweise sind O'Donnell, Driscol und Turner das auch und er kann davon ausgehen, dass sie ihn während der letzten Spiele ebenfalls beobachtet haben.
„Danke", antwortet er schließlich und nickt, „Das weiß ich zu schätzen. Wenn alles gut läuft, schmeißen wir nachher eine Siegesfeier und ihr seid herzlich dazu eingeladen. Ihr seid doch alle da, oder?" Kurz hat er Angst, dass sie verneint und dass Lees Plan bereits schiefgegangen ist, noch ehe das Spiel begonnen hat, aber Katie lacht und sagt „Na klar" und „Würden wir doch nicht verpassen wollen, wenn unser ehemaliger Käpt'n spielt" und Oliver verzieht das Gesicht. Kein Erwartungsdruck, denkt er dumpf, von wegen.
„Wir haben ziemlich gute Plätze", fährt Katie fort, „Knapp unterhalb der Kommentatorenbox, was Lee in Hochstimmung versetzt hat, weil er hofft, dass er sich ein paar Kniffe abschauen kann. Oder dass er während des Spiels unbeobachtet hineinschlüpfen kann. Jedenfalls … Viel Glück. Und wir sehen uns nachher, okay?" Oliver nickt „Okay", gerade rechtzeitig, denn Matthew steckt den Kopf aus der Umkleidekabine und bellt „Wood! Deine zwei Minuten sind um, reiß dich von der Kleinen los und komm gefälligst zurück!" über den Gang.
Oliver verzieht das Gesicht und versucht, Katies deutlich amüsierten Blick zu ignorieren. „Ich muss wieder", stellt er überflüssigerweise fest, „Viel Spaß beim Spiel. Und Grüße an die Anderen." Er dreht sich um und läuft in die Kabine zurück, wo ihn seine Mannschaftskameraden mit wissendem Grinsen erwarten. Mittlerweile ist auch die einzige Stammspielerin ihres Teams im Umkleideraum der Männer angelangt und neben Matthew reihen sich die Trainer für Sucher, Jäger und Treiber ein, während alle ein konzentriertes Gesicht aufsetzen und Andrew, ihrem Cheftrainer, bei seiner kleinen Rede zuhören. Oliver holt sich seine Schuhe und bindet die Schnürsenkel zu. Der Zeiger auf seiner Uhr wandert unaufhörlich weiter und fünf Minuten vor Anpfiff schnappt sich Oliver seinen Besen und folgt seinen Mannschaftskameraden nach draußen.
Das Ziehen in seinem Magen wird stärker, aber er hat keine Zeit mehr, um darüber nachzudenken, denn jetzt gilt es, ein Spiel zu gewinnen.
ii)
Lee schließt die Augen und breitet die Arme aus, er holt tief Luft und badet in dem Geschrei der Menschenmenge um ihn herum. Er kann Alicias belustigten Blick auf sich ruhen spüren und dreht den Kopf in ihre Richtung. „Was?", will er gutgelaunt wissen und behält die Augen geschlossen, „Ich genieße." Alicia lacht, leise und kristallklar, ehe sie „Spinner" sagt, aber es klingt eher liebevoll als verurteilend und das genügt Lee vorerst. „Du weißt schon, dass all die Menschen allerdings nicht deinetwegen hier sind, oder?", erkundigt sich dann Angelina auf seiner anderen Seite und Lee verzieht das Gesicht. „Mist", meint er und öffnet die Augen wieder, „Ich wusste doch, es gab da einen Haken."
Sie stehen ganz oben an der Treppe, etliche Reihen über ihren Plätzen, und schauen sich um. Das Stadium, in dem heute gespielt wird, ist riesig und die Ränge sind prall gefüllt. Seit der Krieg vorüber ist und es wieder sicher ist, Großveranstaltungen abzuhalten, sind die Hexen und Zauberer Großbritanniens quidditchfanatischer denn je und nur allzu bereit, etliche Galleonen für ein Ticket springen zu lassen. „Herrlich", kommentiert Lee und hätte durchaus noch einiges mehr zu sagen, aber George kommt ihm zuvor. „Und so … blau", stellt George mit gerunzelter Stirn fest und Lee bemerkt, wie Alicia ihn besorgt mustert, aber dann bricht George gemeinsam mit Lee in Gelächter aus und für den Moment ist alles gut. Für den Moment ist es beinahe so, als wäre es wie früher, als stünden sie in Hogwarts und würden darauf warten, dass zwei andere Teams gegeneinander antreten.
„Viel zu blau", stimmt Angelina ihnen zu, „Wer spielt heute nochmal? Ravenclaw gegen Ravenclaw?" Alicia verdreht die Augen und stupst ihre Freundin sachte an, auch wenn sie ebenfalls zugeben muss, dass der Anblick der Fans, allesamt in verschiedene Blauschattierungen gekleidet (hellblau für die Appleby Arrows, marineblau für Puddlemere United), ziemlich irritierend und kurios ist – allerdings nach Ansicht des Ligaverbands nicht verwirrend genug, um die Ersatzumhänge anzufordern. Alicia kann es egal sein, sie muss das Spiel schließlich nicht pfeifen und Oliver vor seinen drei Ringen wird sie gerade noch erkennen können, Blau hin oder her.
„Sollen wir unsere Plätze suchen gehen?", schlägt Lee vor und Alicia nickt. „Gute Idee", sagt sie, vielleicht ein bisschen zu hastig, aber sie hat Angst, dass das freudentaumelige Publikum George ein wenig zu sehr an ihre eigenen Quidditchspiele erinnert (und daran, dass ihr Team nie wieder vollständig sein wird), solange sie hier stehen und die Menge begutachten. Sie hofft, dass ihr mieses Gefühl sie trügt und dass es besser wird, wenn sie erst einmal sitzen und ihre Puddlemere-Fanartikel herausholen, die sie extra für das Spiel besorgt haben. Wenn ihr Käpt'n schon spielt, dann müssen sie ihn auch unterstützen. Das fand besonders Katie und irgendwie hat sie es geschafft, über Nacht Kappen, Schals und Banner aufzutreiben. Alicia grinst und überlegt, ob nicht doch mehr dahinter steckt als Katie sie glauben lassen möchte.
Lee ist Herr über die Tickets und lotst sie in die richtige Reihe. Auf dem Weg dorthin startet er fünf verschiedene Flirtversuche (Alicia zählt mit und amüsiert sich), bis Angelina ihn resolut am Kragen seiner Jacke packt und ihm mehr oder minder freundlich zu verstehen gibt, dass es äußerst nervtötend ist, alle paar Meter seinetwegen anhalten zu müssen. Eventuell bildet sie es sich nur ein, aber zwischen zwei Mal blinzeln glaubt Alicia, ein Lächeln gesehen zu haben, das an Georges Mundwinkeln zerrte, und es stimmt sie so fröhlich und optimistisch wie schon lange nicht mehr.
„Ist ja gut", hört sie Lee vor sich maulen, der mit Angelinas Eingreifen offenbar nicht ganz einverstanden ist, „Wenn ich niemals die perfekte Beziehung habe, ist das allein deine Schuld, Johnson! Du lässt mir ja gar keine Möglichkeit, jemanden kennenzulernen." Und diesmal ist es eindeutig ein Schnauben (erheitert, nicht genervt), das Alicia von George vernehmen kann. Sie dreht sich zu ihm um und zwinkert ihm zu (und schluckt das „Alles wie immer" gerade noch rechtzeitig herunter, obwohl es ihr bereits vorne auf der Zungenspitze lag). Angelina und Lee, denkt sie verschwommen, ist eine Hassliebe, die wohl niemals vergehen wird.
Als sie endlich an ihren Plätzen angekommen sind, strapaziert Lee Angelinas Nerven erneut, weil er sich beinahe augenblicklich wieder auf und davon macht und nur ein „Bin gleich zurück!" für seine Freunde übrig hat. „Irgendwann", knurrt Angelina mit finsterem Gesicht, „wird der Junge mal gehörig auf die Schnauze fallen." Alicia lacht und kramt in ihrer Tasche nach marineblauen Schals, die sie George und Angelina in die Hände drückt. „Hier", meint sie, „Zeit, uns in echte Puddlemere-United-Fans zu verwandeln. Zumindest solange, bis Katie uns mal zu einem ihrer Spiele schleppt und wir dann die Harpies unterstützen."
George starrt seinen Schal an, als könne er nicht fassen, dass er etwas in Blau tragen soll und auch Angelina ist offenbar nicht unbedingt zufrieden mit der Farbwahl von Olivers Verein. „Gab's das nicht in Rot?", brummt George und Angelina seufzt tief und schwer, ehe sie sich den Schal um den Hals wickelt. Alicia stülpt sich eine blaue Wollmütze über den Kopf und ist zufrieden, weil es sie immerhin warm hält. (Sie möchte den Moment festhalten und nicht mehr loslassen, weil gerade alles gut ist, trotz des obligatorischen Gemeckeres, trotz Lees missglückten Flirtversuchen, denn das alles gehört schließlich dazu und ist genau das Verhalten, das Alicia von ihren Freunden – denen, die sie früher hatte; so, wie sie sich früher benommen haben – erwartet hat.) (Aber sie weiß auch, dass der Moment vorüber gehen wird.)
„Achtung!", ertönt Lees Stimme von rechts, „Extrem attraktiver Zauberer mit talentierter Jägerin im Anmarsch!" Tatsächlich hat er Katie im Schlepptau, die unbedingt vor dem Spiel noch einmal zu Oliver gewollt hat (und das unter Angelinas und Alicias vielsagenden Blicken), und etliche Flaschen Zitronenlimonade. „Ladies", lächelt er charmant und blinzelt so heftig, dass Katie ihn fragt, ob mit seinen Augen etwas nicht stimme. Lee schnappt empört nach Luft und als George ihm erklärt, dass der Trick schon früher nicht funktioniert habe, behauptet Lee, dass er nur neidisch auf seinen Erfolg bei der Damenwelt sei.
Katie zieht die Augenbrauen in die Höhe und meint gelassen, „Na, größenwahnsinnig warst du ja schon immer, mein Bester. Darf ich mich dann mal setzen?" Lee verteilt die Zitronenlimonade und besteht darauf, zwischen Alicia und Katie Platz zu nehmen, was sie allesamt amüsiert zulassen. Alicia rückt ein klein wenig näher an George und überlegt, ob sie den Mut aufbringt, ihm zu sagen, wie sehr sie sich freut, ihn zu sehen, aber ihre letzte Begegnung steckt ihr noch in den Knochen und sie weiß nicht, ob sie bereit ist auszuprobieren, wie dick das Glas ist, auf dem sie beide stehen.
Auf ihrer linken Seite erkundigt sich Lee bei Katie, ob sie ihren ehemaligen Käpt'n zu Gesicht bekommen hat. „Klar", nickt Katie, „Wirkte ein bisschen nervös, dabei gibt's heute doch gar keinen Quidditchcup zu gewinnen." Alicia drückt Lee ebenfalls eine gestrickte Puddlemere-United-Mütze in die Hände und er setzt sie widerwillig auf. „Was ist mit dir?", will er von Katie wissen, „Hast du Oliver verraten, dass du heute sein Fangirl bist?" Angelina prustet los (so einfach geht das, denkt Alicia erstaunt, so einfach kann man Angelina die Sorgen von den Schultern hieven) und Katie verdreht die Augen. „Natürlich nicht", antwortet sie halbwegs gelassen und kramt in ihrer eigenen Tasche nach einem marineblauen Schal, „Und ich bin nicht sein Fangirl."
„Also doch lieber das Maskottchen?", schießt Lee betont unschuldig zurück und diesmal ist Alicia auf der Hut. Sie hat die Augen auf Georges Lippen gerichtet und kann das Zucken nicht übersehen. George fängt ihren Blick auf und das Lächeln, das sie miteinander tauschen, ist vorsichtig und behutsam, aber es ist da und lässt Alicia vergessen, dass sie in einem Stadium mit hundert anderen Menschen sitzen. Sie hört nicht, was Katie erwidert, doch ein bisschen ist es ihr auch egal. Lee ist ja da und Lee kann sie alle zum Lachen bringen.
Dann wird es plötzlich still, ehe die Stimme des Kommentators magisch verstärkt erklingt und während sie begeistert jubeln und applaudieren, reckt Lee den Hals nach hinten und versucht, einen Blick auf die Box zu erhaschen, die sich wenige Reihen hinter ihnen erhebt und in der der Kommentator des Spiels soeben Platz nimmt. „Begrüßen wir nun mit einem donnernden Applaus", fordert er sie alle auf, „zuerst die Mannschaft der Appleby Arrows! Moore – Miller – Lloyd – O'Donnell – Driscol – Turner – uuuuund Hopwood!" Die Tribüne ihnen gegenüber, ganz in hellblau und silber geschmückt, verfällt in tosenden Beifall, während Katie einen beruflich bedingten neugierigen Blick auf die einfliegenden Spieler wirft.
„Und nun", erhebt da der Kommentator wieder die Stimme, „Puddlemere United! Wood – Hughes – Lewis – Jones – Williams – Craig – uuuuund Boyle!" Alicia fühlt sich, als würde sie sich die Seele aus dem Leib jubeln, George stampft mit den Füßen auf den Boden, Lee brüllt, Angelina wedelt mit den Armen und Katie pfeift so laut und durchdringend mit zwei Fingern, dass es Alicia in den Ohren wehtut. Die Spieler in der Luft fliegen auf ihre Anfangspositionen und Katie beginnt einen „Wood! Wood! Wood!"-Anfeuerungsruf, in den erst ihre Freunde und dann sämtliche Reihen um sie herum einstimmen.
Katie kramt ihr Omniglas aus der Tasche und presst es sich an die Augen. „Ich denke", stellt sie mit andächtiger Stimme fest, „unser Käpt'n wird da oben gerade ein wenig rot um die Nase." Angelina reißt ihr ungläubig das Omniglas aus den Händen, Alicia lacht und Lee beschwert sich darüber, dass sie ihm noch nie so viel Aufmerksamkeit haben zukommen lassen. „Irgendwann", tröstet ihn Alicia lächelnd und hätte in dem Moment nicht das Spiel begonnen und hätte George nicht „Mach sie platt, Käpt'n!" gebrüllt und hätte Alicia nicht den Kopf in seine Richtung gewandt, hätte sie vielleicht darüber nachgedacht, dass Lee ihr keine flapsige Antwort gegeben hat.
Katie wedelt mit ihrem Schal und ruft „Los geht's!" und es ist einfach, in den Sitzen zurückzusinken und sich ein Quidditchspiel auf Profiniveau anzusehen. Die Jäger der Arrows sind genauso gefährlich, wie Katie es befürchtet hat; O'Donnell, Driscol und Turner erinnern sie ein bisschen an sich selbst, Angelina und Alicia in ihren besten Spielen, wenn es beinahe so wirkte, als könnten sie in die Köpfe der Anderen hineinschauen und voraussehen, wohin der Quaffel geworfen wurde. „Verdammt", murmelt Katie, „Die sind gut." Und man muss kein Experte sein, um das feststellen zu können, aber sie beobachten (mit Stolz, wenn sie ehrlich sind), dass ihr Käpt'n auch nicht so übel ist (auch wenn sie, wie Katie erklärt, den Teufel tun und es ihm sagen werden).
iii)
Nach Bobs fünftem „Habt ihr das gesehen? Habt ihr? Wie ich Driscol den Quaffel mit dem Klatscher aus den Händen geschossen habe und wie Mickey daraufhin das Ding reingemacht hat?" verlieren langsam, aber sicher nicht nur seine Mannschaftskameraden die Geduld, sondern auch ihre Gäste, die sie mit auf die Siegesfeier genommen haben. Angelina starrt Robert Hughes an, als habe sie noch nie jemanden erlebt, der derart enthusiastisch wegen eines Spielzugs war, und Katie versucht nicht einmal, sich das Grinsen zu verkneifen.
„Sorry", murmelt Oliver und fährt sich mit einer Hand durch die Haare (und Alicia, die heute ganz genau hinsieht, findet, dass es stark wie eine Verlegenheitsgeste wirkt und ein Blick nach rechts bestätigt ihr, dass Lee das Gleiche denkt), „Wir haben nicht unbedingt damit gerechnet, dass wir gegen die Arrows gewinnen würden. Die sind im Moment auf Platz Zwei in der Liga und wir nur auf Fünf. Mal sehen, wie es nach den Spielen morgen stehen wird." Der Großteil seines ehemaligen Teams hat sich um ihn herum gruppiert, inmitten der feiernden Meute von Puddlemere United, und versichert ihm, dass er sich nicht entschuldigen muss und wegen Quidditcheuphorie sowieso nicht.
„Oliver", lächelt Alicia, „Vielleicht könntest du Katie ja mal deinen Jägerkollegen vorstellen? Ich glaube, sie würde sie wirklich gerne kennenlernen." Katies Gesichtsausdruck straft Alicia Lügen, doch Oliver ist von dem Vorschlag begeistert und schnappt sich Katies Arm, um sie zu Mickey, Terence und Bethan zu schieben. Lee schenkt Alicia einen bewundernden Blick und meint, „Gut gemacht. Noch ungefähr tausend solcher Aktionen und einer der Beiden ringt sich womöglich dazu durch, zumindest vor sich selbst zuzugeben, dass die Gefühle eventuell von ehemaliger Mannschaftskamerad zu etwas Intimerem gewechselt haben."
Sein Sarkasmus kommt nicht gut an, weder bei Alicia noch bei Angelina. „Du kannst es einfach nicht lassen, oder?", faucht Angelina und funkelt ihn wütend an, „Ist das alles eigentlich nur ein riesengroßer Scherz für dich? Nur, weil es Menschen gibt, die, im Gegensatz zu dir, die Hoffnung noch nicht aufgegeben haben, dass so etwas wie echte Gefühle existieren? Musst du das immer derartig in den Dreck ziehen oder dich darüber lustig machen?" Lee steht da wie vom Donner gerührt und hebt abwehrend beide Hände, doch es bringt ihm nicht viel, wenn Angelina sich erst einmal in Rage redet (und das tut sie).
„Andere Menschen", zischt sie und holt kaum Luft während ihrer Tirade, „glauben an Liebe, an Vertrauen, an Partnerschaft. Und du? Woran glaubst du? An Spaß und Abenteuer? An Sex? Merlin nochmal, Lee Jordan, werd' endlich erwachsen und sieh ein, dass deine Träume von Ungebundenheit und Freiheit nichts Anderes sind als die Angst davor, verlassen zu werden und am Ende ganz alleine zu sein, weil es niemanden mehr gibt, der bei dir bleiben will, weil du sie alle mit deinen dämlichen Sprüchen vertrieben hast." Angelina atmet jetzt hektisch ein und aus, als hätte Oliver sie gerade zwanzig Strafrunden und hundert Liegestütze absolvieren lassen; sie sieht aus, als würde sie gleich in Tränen ausbrechen, aber (und das macht Alicia beinahe noch mehr Angst) in Lees Gesicht sieht es ähnlich aus. Dann dreht er sich um und verschwindet zwischen Olivers Hütertrainer und Connor Boyle, dem Sucher, und Alicia starrt ihm hinterher.
Am liebsten würde sie sich zweiteilen, damit sie gleichzeitig Angelina und Lee in den Arm nehmen kann, doch das geht leider nicht und so muss sich Alicia entscheiden (und es fühlt sich an, als könne die Entscheidung immer nur falsch sein). „Lina", sagt sie leise und traut sich nicht, ihre Freundin zu berühren, „Lina, ist alles in Ordnung?" Angelina nickt und lacht, bevor sie sich die Hand vor den Mund presst und das Lachen zu einem Schluchzen wird. „Komm", murmelt Alicia und greift sie nun vorsichtig am Ellbogen, um sie an den Rand der Party zu bugsieren und auf einen Stuhl zu verfrachten. George folgt ihnen, er ist blass und verwirrt, aber ansonsten, soweit Alicia erkennen kann, geht es ihm gut.
Angelina sinkt auf dem Stuhl zusammen, ihr Blick geht ins Leere und Alicia fühlt sich, als würde sich der Raum viel zu schnell um sie herum drehen. „Bleib bei ihr", bittet sie George, er nickt und geht neben Angelina in die Hocke, während Alicia losläuft, um Lee zu finden, bevor es zu spät ist. (Sie weiß nicht genau, wofür, aber sie weiß, dass sie ihn finden muss, wenn sie verhindern will, dass alles, einfach nur alles, in die Brüche geht.) (Merlin, sie will fluchen. Der Tag ist so gut gelaufen bisher.) ((Und vielleicht hätte sie das stutzig machen sollen.))
Sie sagt mindestens ein Dutzend Mal „Entschuldigung", während sie Profiquidditchspielern den Ellbogen in die Seite rammt, um sich an ihnen vorbeizuschlängeln. Sie sieht weder Katie noch Oliver, doch sie hat auch keine Zeit, die Beiden zu finden, damit sie sich um George und Angelina kümmern können. Lee ist dringender. Lee und sein Gesicht, das Alicia sonst in dieser Nacht mit Sicherheit bis in ihre Träume verfolgen wird, so verletzt und hilflos.
Alicia stößt die Tür nach draußen auf und kühle Nachtluft weht ihr entgegen. Der Himmel ist sehr blau und sternenklar über ihr, der Mond scheint bereits hell und ist voll genug, dass sie erkennen kann, dass nur wenige Meter vor ihr jemand auf einer Gartenbank sitzt und nach oben schaut, als wären in die wenigen, nebelgrauen Wolken alle Antworten dieser Welt gestickt. Sie kommt vorsichtig näher, weil sie findet, dass Lee jedes Recht hätte, sie wegzuschicken, aber er tut es nicht. „Darf ich?", fragt Alicia leise und deutet auf den freien Platz neben ihm. Lee nickt und sie lässt sich auf die Bank gleiten.
Ein paar Minuten schweigen sie, ehe Alicia sagt „Sie meint es nicht so", doch weiter kommt sie gar nicht, denn Lees Lachen (bitter und kalt) unterbricht sie. „Warum musst du sie immer verteidigen?", will er wissen, „Ist das angeboren? Fühlst du dich dazu verpflichtet? Oder glaubst du wirklich, was du da eben gesagt hast?" Alicia schaut ihn überrascht an. „Das klingt, als wärst du wütend auf Lina", stellt sie fest, „Bist du das?"
Lee reibt sich die Stirn und legt den Kopf in den Nacken, um weiterhin die Sterne zu beobachten. „So läuft das nicht", erwidert er, „Wenn du willst, dass ich dir antworte, dann musst du zuerst auf meine Frage reagieren. Also. Warum verteidigst du sie?" Alicia rückt ein wenig näher an Lee heran und ist versucht, seinem Blick zu folgen, aber dann findet sie es doch besser, stattdessen Lee zu betrachten. „Weil sie es wirklich nicht so gemeint hat", sagt sie dann langsam, „Du kennst Lina. Sie ist traurig und verzweifelt und da schlummert so viel unter der Oberfläche, dass irgendwie nur ein winziger Funke genügt, um sie zur Explosion zu bringen. Sollten Katie und Oliver wirklich ein Paar werden, würde sie es ihnen gönnen, und dir sowieso, aber … sie vermisst Fred. Sie vermisst ihn so wahnsinnig, dass ich manchmal glaube, sie merkt überhaupt nicht, wie schlecht es anderen Menschen geht. Das ist, als würde in ihrem Kopf etwas aussetzen."
„Trauer", meint Lee mit fester Stimme, „entschuldigt nicht alles. Ich verstehe, wie es ihr geht und es tut mir Leid, dass sie Fred verloren hat, aber Merlin nochmal, das haben wir alle, und vermutlich bin ich das egoistischste Arschloch auf dieser Welt, doch ich habe es so verflucht satt, mir immer wieder anzuhören, wie schlecht es Lina geht, wenn es mir auch nicht gerade blendend geht. Beantwortet das deine Frage?" Er dreht den Kopf in Alicias Richtung und sie nickt. „Also bist du wütend auf sie", stellt Alicia fest, „Bist du auch wütend auf mich?" Der Blick, den Lee ihr zuwirft, ist erschrocken.
„Warum sollte ich?", will er wissen und Alicia merkt nicht, dass es eine Gegenfrage ist statt einer Antwort. Sie zuckt die Achseln. „Ich war in den letzten Monaten auch nicht gerade für dich da", schlägt Alicia vor, „Ich hätte dir häufiger schreiben können, ich hätte dich häufiger besuchen können." Lee schüttelt den Kopf und seufzt. „Nicht", murmelt er, „Tu das nicht. Es ist nicht deine Aufgabe, dich darum zu kümmern, dass wir alle irgendwie unsere Trauer bewältigen. Du tust sowieso schon mehr als genug." (Mehr als gut für dich ist, denkt er düster, aber er spricht es nicht aus.)
Lee will sich erkundigen, ob Alicia auch glaubt, dass Beziehungen für ihn nur ein großer Spaß sind, und Alicia will ihn fragen, wie groß seine Angst vor Einsamkeit ist, aber Katie platzt ins Freie und keiner von beiden kommt dazu. „Oh, Merlin sei Dank", keucht Katie und stemmt die Hände in die Hüften, „Hier seid ihr. Wir brauchen euch. Schnell." Alicia springt auf und zieht Lee hinter sich her. An der Tür wartet Oliver, er sieht angespannt aus und will wissen, wie sie sich aufteilen sollen. Alicia legt die Stirn in Falten und verkündet „Ich verstehe kein Wort" und wünscht sich fünf Sekunden später, sie hätte nicht gefragt. Schließlich war der Abend eigentlich schon schwierig genug (und das, denkt sie, nach dem besten Nachmittag seit langem. Irgendwer, der etwas mit dem Schicksal zu tun hat, muss sie hassen.).
„George und Lina sind verschwunden", erklärt Katie, „Wir wissen nicht, wohin, wir wissen nur, dass sie sich angeschrieen haben und dann beide disappariert sind. Ich schlage vor, wir ziehen einzeln los, um sie zu suchen. Lee, du übernimmst die Winkelgasse, Alicia schaut am besten in ihrer Wohnung nach, ich appariere für alle Fälle mal in Linas Wohnung und Oliver, du apparierst bei den Weasleys im Fuchsbau vorbei. Alles klar?"
Sie nicken und Alicia denkt, wenn sie im Krieg eines gelernt hat, dann die Tatsache, dass sie einfach immer funktionieren muss. Auch dann, wenn ihre Welt auseinander bricht. Auch dann, wenn die schillernde Seifenblase voller Hoffnung, die sie hatte, gerade wieder geplatzt ist.
(Manchmal hasst sie ihr Leben und das ist der traurigste Gedanke von allen.)
